KAPITEL 19 – KONFLIKT

Ein friedlicher und heiterer Morgen brach an, an einem Tag, der für einige der Überlebenden der MV Rocket ein gewaltsames Ende bringen würde. In der Kirche war das Feuer herunter gebrannt. Der letzte Schein der Glut ging im Licht der aufgehenden Sonne unter, das den Raum erfüllte. Die Männer rieben sich den Schlaf aus den Augen, darunter auch – wie Janik mit Missfallen bemerkte – die beiden Posten, die eigentlich Wache halten sollten.  

Aber zum Glück war die Nacht ruhig gewesen und Janik sah erleichtert, dass sein Fahrrad wieder da war und an der Wand lehnte. Er packte seine wenigen Sachen in den Rucksack und machte sich zum Gehen bereit.

„Janik, du solltest da nicht allein raus gehen“, kritisierte Yuri.

„Das Fahrrad trägt nur einen und ich will die Umgebung erkunden. Sehen, wie weit die nächste Ansiedlung entfernt ist“, antwortete Janik. Er hatte niemandem erzählt, dass er eine Landkarte hatte. Daher brauchte er jetzt einen Platz, wo er sie in Ruhe studieren konnte. Yuri war nicht überzeugt, aber Janik hielt seine Armbrust hoch: „Mir passiert nichts. Nur ein paar Stunden – vor dem Mittag bin ich zurück. Vielleicht finde ich ein paar gute Stellen, die wir am Nachmittag ausräumen können.“ Das beschwichtigte Yuri und so gab er nach. Janik sprang auf sein Rad und fuhr davon.

 

Eine ganz andere Art von Diskussion gab es zur selben Zeit im Camp der Banditen, die sich gerade zum Aufbruch bereit machten. Alejandro war soeben von einer nächtlichen Aufklärungsmission nach Elektro zurückgekommen. Er meldete, dass alle Überlebenden dort in der Kirche Zuflucht gefunden hatten. Als sie die Karte studierten, schlug Vuk vor, sie in Ruhe zu lassen und stattdessen das Viertel mit den Hafenanlagen, südöstlich der Kirche, näher am Ufer, zu durchsuchen. Auf der Karte waren dort viele Gebäude eingezeichnet und sie würden dort sicher einiges von Wert finden.

Der Butcher aber vertrat die Ansicht, dass es besser sei, sie in der Kirche zu überfallen und niederzumachen, so lange sie ahnungslos waren. „Es ist eine Sache, als erster zu schießen, aber es ist etwas anderes, Menschen zum Spaß zu jagen und zu ermorden“, widersprach Vuk.

„Das ist nicht zum Spaß, sondern zum Überleben“, antwortete der Butcher.

„Nein, das ist Mord. Sie stellen keine Gefahr für uns dar.“

Shutov unterbrach: „Ihr habt beide Unrecht.“ Er drehte sich zu Vuk: „Wenn sie nicht zu uns gehören, sind sie eine Bedrohung“, und zum Butcher, „aber es gibt auch keinen Grund sie zu jagen. Wir lassen sie in Ruhe, so lange sie im Osten bleiben. Viel wichtiger ist, dass Alejandro einen Omnibus gesehen hat, der zu funktionieren schien.“

„Was wollen wir denn mit einem Bus?”, fragte Harrison.

Shutov hielt die Papiere hoch, die er die ganze Nacht studiert hatte. „Weil das mir sagt, dass es im Norden wesentlich mehr zu holen gibt - und dieser Bus wird uns dorthin bringen.“

Vuk war mit diesem Plan zufrieden, er konnte mit allem leben, was einen Konflikt mit den Überlebenden vermied. Er wandte sich zu Alejandro: „Was brauchen wir, damit der Bus fährt?“

„Da muss einiges getan werden. Ein Reifen ist platt und ich weiß nicht, was mit dem Motor ist. Aber die Motorhaube war offen, darum denke ich, dass es Motorprobleme gab. Und höchstwahrscheinlich brauchen wir auch Benzin.“

Shutov rief nach Sam, einem kleinen Mann mit überraschend muskulösen Armen. „Sam, du hast unter Robert auf dem Schiff gearbeitet.“

„Ja, ich hab diesem Säufer die Arbeit gemacht“, entgegnete Sam.

„Denkst du, du bringst diesen Bus in Gang?“

„Ich hab bei der Luftwaffe jahrelang als Mechaniker gearbeitet. Ich denke schon, dass ich deinen kleinen Bus wieder hinkriege. Aber ich brauche Werkzeug und, so wie es aussieht, auch Ersatzteile.“

Shutov wandte sich an die anderen: „Dann, Männer, haben wir für heute eine Aufgabe. Wir beschaffen Sam alles, was er braucht, um den Bus bis zum Abend in Gang zu bringen.“ Als sie schon anfingen, sich zu verteilen und ihre Sachen zu packen, fuhr er fort: „Aber lasst mich eines klarstellen. Wenn wir einen der Überlebenden sehen, töten wir ihn. Vergesst euer altes Leben auf dem Schiff. Sie sind nicht mehr die, die sie waren, und wir sind es auch nicht. Ich will nicht, dass irgendjemand von unseren Plänen erfährt.“ Die Männer nickten und fuhren damit fort, sich vorzubereiten. Shutov sah Vuk an.

„Ich werde töten, aber nicht jagen”, reagierte Vuk auf seinen Blick.

Shutov nickte zufrieden: „Das ist alles, was ich von dir erwarte - für unsere Sicherheit.“

 

Lucas saß auf dem Dach des Turms der Feuerwache von Elektro und hielt Ausschau. Er genoss die friedliche Stimmung, zumindest wenn man die herumstreifenden Infizierten ignorierte. Er beobachtete sie durch das Aimpoint Visier eines M14 Gewehrs, das er in der Feuerwache gefunden hatte. Obwohl er ein wenig enttäuscht gewesen war, dass sie kein Zoom Visier hatte, so war sie doch eine sehr gute Waffe und Lucas übte mit ihr, Infizierte zu erschießen.

Lucas war schon als Kind mit seinem Vater zur Jagd gegangen. Diese Ausflüge hatten ihre Beziehung zueinander gestärkt. Sein Vater war kein Mann großer Worte, aber er liebte seinen Sohn. Ihm beizubringen, wie man jagt, war seine Art, diese Liebe zu zeigen. Lucas wusste, dass sein Vater an einem Kriegstrauma litt. Er war aus der Armee entlassen worden, weil er seinen Dienst als Scharfschütze nicht hatte ausführen können. Auf Familientreffen, wenn seine Onkel zu viel getrunken hatten, zogen sie ihn damit auf, dass er nicht geschossen hatte. Aber Lucas glaubte, dass er den wahren Grund kannte. Sein Vater genoss den Nervenkitzel der Jagd, die Verfolgung, das Beobachten der Beute, das Prüfen der Windverhältnisse, das Anvisieren, das Warten auf den richtigen Moment. Er hatte kein Problem damit, Tiere zu erlegen oder auf Scheiben zu schießen. Aber das erste Mal, als er den Abzug drücken sollte, um einen Menschen zu töten, hatte er es nicht gekonnt. Und deswegen war er aus der schwedischen Armee entlassen worden.

Für Lucas bedeutete das, dass er praktisch eine Ausbildung als Scharfschütze erhielt, wenn er mit seinem Vater jagen ging. Als Lucas seinen ersten kapitalen Bock geschossen hatte, war sein Vater so stolz gewesen, dass er es dem ganzen Dorf erzählt hatte. Lucas war erst zehn Jahre alt gewesen. An diesem Abend hatte sein Vater das Wild auf dem Teller kaum angerührt und stattdessen die ganze Zeit nur seinen Sohn angesehen, mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Seit diesem Tag war Lucas Feuer und Flamme für die Jagd, sehr zum Missfallen seiner Freundin, die jagen für barbarisch und gemein hielt.

Jetzt setzte er diese Ausbildung bei den Infizierten ein, die sich in mancher Hinsicht genau wie Tiere verhielten. Sie gingen nicht in Deckung, sie nahmen nur Dinge in ihrer unmittelbaren Umgebung wahr und sie folgten unbeirrbar ihrer Beute. Da Munition zu kostbar war, um sie zu verschwenden, visierte er sie an, beobachtete welchen Weg sie nahmen, folgte ihren Bewegungen und wenn es so weit war, drückte er ab. Allerdings hatte er die Waffe nicht entsichert, so dass sie nicht wirklich schoss. Er konnte es kaum erwarten, den Sicherungshebel umzulegen und wirklich zu schießen. Er lenkte seine Aufmerksamkeit nun von den Infizierten zu seinen Kameraden, denen er Deckung geben sollte, während sie den Supermarkt plünderten.

Wie Janik war auch Lucas der Ansicht, dass viele von ihnen undiszipliniert waren, und dass ihnen das noch zum Verhängnis werden würde. Aber anders als Janik wollte Lucas ihnen helfen, ihnen beibringen, was er wusste. Daher hatte er bei der Planung des Beutezuges zum Supermarkt angeboten, Wache zu halten und für ihre Sicherheit zu sorgen. Er hatte verständnislose Blicke geerntet und sich die Zeit genommen, ihnen die Vorteile zu erklären, wenn jemand ihre Bewegungen überwachte.

Lucas fand, dass ihre Entscheidungen ohne Voraussicht getroffen wurden, so wie einen Supermarkt ohne wirkliche Deckung zu plündern. Ohne jemanden, der über sie wachte, würden die Männer im Markt nicht bemerken, wenn sie in Gefahr waren, bis es zu spät sein würde. Als er sie in dem Markt beobachtete, wünschte er, er hätte eine weitere Wache auf dem Turm der zweiten Feuerwache gehabt, auf dem Gelände des Kraftwerks weiter nördlich. Von dort aus hätte man die Nordseite des Marktes sichern können. Aber im Moment gab es nur ihn.

 

Janik hatte sich bereits weit von der Gruppe der anderen entfernt und saß nun unter einer Kiefer um in Ruhe die Landkarte zu studieren. Er befand sich an der Flanke eines bewaldeten Hügels, westlich von Elektro. In der Ferne konnte er Lucas‘ Silhouette auf dem Turm der Feuerwache sehen. Er vertiefte sich so in das Studium seiner Karte, dass er die Banditen erst entdeckte, als sie bereits in der Nähe der Tankstelle waren. Sie waren zu dritt und Janik erkannte alle von ihnen: Kai, Rory und Harrison. Er war überrascht, dass Rory dabei war. Harrison und Kai hatten sich auf dem Schiff immer über ihn lustig gemacht und ihm den Spitznamen ‚Simpel‘ gegeben. Besondere Umstände erfordern wohl seltsame Allianzen, dachte er und rutschte weiter in die Deckung des Baumes, um nicht gesehen zu werden.

Er beobachtete, wie die Männer die Umgebung der Tankstelle erkundeten. Sie hatten Benzinkanister dabei und versuchten, sie an den Zapfsäulen zu füllen. Aus der Art, wie Harrison seinen Kanister auf den Boden schleuderte, schloss er, dass es nicht funktionierte. Janik fiel auf, dass sie alle Schusswaffen hatten, bloß Rory trug nur eine Axt. Die Art, wie er sie hielt, weckte eine Erinnerung in Janik – das war der Mann gewesen, der in der ersten Nacht die vier Infizierten getötet hatte. Gut für dich, Janik lächelte und wollte den Männern gerade zurufen, als ihn das Knacken eines Astes hinter ihm aus seinen Erinnerungen riss.

Vor Angst wie erstarrt lauschte er angestrengt und hörte, wie auf das Knacken Schritte folgten, was ihn erneut an die erste Nacht erinnerte, als er Rorys Schritte auf dem Beton gehört hatte. Hier im Wald schien der Verursacher der Schritte keine Anstalten zu machen, sich leise zu verhalten. Janik drehte vorsichtig den Kopf und spähte durch die tief hängenden Äste. Ein bisschen weiter den Hügel hinauf gingen weitere sechs Männer vom Schiff und für Janik sah es aus, als seien sie auf einem Kriegszug.

Alle hatten Schusswaffen, einige Sturmgewehre, AK-74 und Schrotflinten. Sie gingen aufgeteilt in Zweiergruppen und sicherten sich nach vorne und hinten ab. Janik vermutete, dass sie es gewesen waren, die gestern in Cherno geschossen hatten. Er wusste nicht, was sie in Elektro wollten, aber sie sahen nicht freundlich aus.

 

Vuk blieb am Waldrand stehen, keine 50 Meter von der Stelle entfernt, wo sie, ohne es zu merken, Janik passiert hatten. Er nahm ein Fernglas heraus und beobachtete die Stadt, die vor ihnen lag. Auch Shutov und Alejandro blickten durch ihre Ferngläser, wobei Alejandro immer wieder auf besondere Gebäude zeigte, die er in der Nacht zuvor entdeckt hatte. Vuk achtete kaum auf ihre Unterhaltung und konzentrierte sich stattdessen auf die Bewegungen unten in der Stadt. Von hier oben konnte er die Infizierten herum streifen sehen, wie er es erwartet hatte. Zum Glück schienen jedoch keine Überlebenden dort unten zu sein. Vor Elektro sah er die zweite Banditengruppe die Straße entlang gehen. Sie hatten die Tankstelle hinter sich gelassen und passierten gerade eine große Scheune. Bald würden sie den Stadtrand von Elektro erreicht haben.

Shutov hatte Vuk nicht in seine Pläne eingeweiht, aber es schien ihm, als sollten die Männer der zweiten Gruppe so etwas wie eine Ablenkung sein, oder auch ein Köder, das hing von der Betrachtungsweise ab. Sie waren alle entbehrlich und ihre Route entlang der Straße würde garantiert die Aufmerksamkeit jeden Beobachters auf sich ziehen. Diese Gruppe hatte eigentlich die Aufgabe, Benzin zu beschaffen und die Infizierten auszuschalten. Aber da Vuk bereits Zeiten mit Benzinknappheit erlebt hatte, wusste er, dass Tankstellen als erstes geleert wurden. Er erinnerte sich, wie die Menschen damals in Serbien Benzin gehortet hatten. Vermutlich würden sie in den Benzintanks verlassener Fahrzeuge oder in den großen Tanks in der Nähe von Lagerhallen und Fabrikgebäuden mehr Glück haben.

Nachdem sie an der Tankstelle erfolglos gewesen waren, hatten sich die drei ihrer zweiten Aufgabe zugewandt und begonnen, jeden Infizierten zu erschießen, den sie sahen. Köder, definitiv, dachte Vuk bei sich als die Schüsse zu ihnen herauf hallten.  

Shutovs Plan funktionierte, da ihre Schüsse alle Infizierten weg von den Gebäuden und in Richtung der zweiten Gruppe lockten. Vuk hatte mit seiner Vermutung recht gehabt, dass die Mitglieder des zweiten Teams entbehrlich waren. Darum hatte Shutov sie ausgewählt. Die Gebäude, zu denen er wollte, waren jetzt frei von Infizierten. Sie verließen den Waldrand und gingen den Hügel hinunter in Richtung Stadtrand. Vuk hoffte, dass die Schüsse nur die Infizierten anlocken würden und dass die Überlebenden bereits weiter gezogen waren.

 

Von seinem Turm aus konnte Lucas die Schüsse nicht hören, aber er nahm die Bewegung der größeren Gruppe auf dem Feld wahr. Die Männer waren zu weit entfernt um zu erkennen, um wen es sich handelte, aber an der Art wie sie gingen und daran, dass sie alle Waffen trugen, erkannte er, dass sie keine Infizierten waren. Da er nicht wusste, was die anderen Überlebenden vorgehabt hatten, nahm er einfach an es seien einige von ihnen, die von einem Plünderungszug zurückkamen. Er bedauerte, dass sie keine Funkgeräte hatten um sich besser abzusprechen. Mit diesem Gedanken machte er sich wieder daran, seine Zielübungen auf Infizierte fortzusetzen.

 

Mitch wünschte sich, er wäre wieder zu Hause, und das nicht nur deshalb, weil es dort nicht so gefährlich war. Bei ihm zu Hause hatte man, wenn man gekocht hatte, nicht auch noch den Abwasch machen müssen. Es schien ihm unfair. Da er doch immerhin das Wildschwein erlegt hatte, hätte es eigentlich jemand anderer zubereiten sollen. Da das Fleisch ohne Kühlung nicht lange halten würde, und da er an diesem Morgen nicht viel zu tun hatte, war er Yuris Aufforderung gefolgt, aus dem Rest kalten Braten zu machen. Und nun brachte er ihn zu den Männern. Lucas war seine letzte Station. Als er zur Feuerwache ging schimpfte er darüber vor sich hin, dass er den Braten, nachdem er ihn schon zubereitet hatte, nun auch noch ausliefern musste.

Er stieg die Metallleiter am Turm hinauf und schnappte nach Luft. Schweiß tropfte von seiner Stirn auf die Sprossen. Er hatte sich nie um sein Übergewicht gesorgt, aber nach der Tour durch Elektro an diesem Morgen war ihm sein Mangel an Fitness bewusst geworden. Wenigstens zeigte Lucas ein angemessenes Maß an Dankbarkeit, als er das Essen nahm. Mitch ruhte sich ein wenig aus, sein Bauch sprang bei jedem Atemzug.

„Viel los heut Morgen?“, sagte Lucas mit vollem Mund.

„Ich spiel‘ hier nur grad den Lieferjungen und du bist meine letzte Station“, antwortete Mitch.

„Haben die Jungs drüben bei den Fabriken ihre Rationen gleich mitgenommen?” Lucas wies hinter sich auf die Männer, die das freie Feld überquerten.

„Da ist niemand draußen. Wir haben bloß Leute im Supermarkt. Der Rest ist in der Kirche und sortiert die Vorräte.“ Lucas schluckte seinen Bissen hinunter, zog Mitch auf die Füße und drehte ihn herum. Er zeigte mit dem Finger und Mitch folgte mit seinem Blick. Er konnte gerade noch ein paar Männer erkennen, die am Rand des Feldes angekommen waren und den Stadtrand erreicht hatten.

„Wer zum Teufel sind dann die?”

„Die gehören nicht zu uns“, sagte Mitch.

 

Der Butcher bemerkte im Augenwinkel die Bewegung auf dem Turm der Feuerwache. Aus dieser Entfernung konnte er keine Details erkennen, aber gegen den blauen Himmel stachen die Silhouetten zweier Männer ab, die auf dem Turm standen.

„Sir, ich habe hier in einiger Entfernung zwei Feindkontakte“, teilte er Shutov mit und zeigte in die Richtung. Shutov nahm sein Fernglas und sah in die Richtung, in die der Butcher gezeigt hatte.

Er sah die Männer dort stehen und sie sahen eindeutig in seine Richtung. Der Fette drehte sich nun um und stieg die Leiter hinunter. „So viel zum Thema unbemerkt“, sagte er laut als er sich an Vuk wandte, „schick das zweite Team dort rüber. Sie sollen uns aus der Richtung Deckung geben. Alle anderen weitermachen, wir brauchen diese Ersatzteile, wenn wir hier raus wollen.“

 

Mitch ärgerte sich, dass er vom Lieferjungen jetzt zum Boten degradiert worden war. Er wandte sich in Richtung der Männer, die sie gesehen hatten. Die Sonne brannte und er schwitzte noch mehr. Die freie Fläche zwischen der Feuerwache und den Fremden war zu gefährlich, es wimmelte dort von Infizierten und es gab keine Deckung. Also machte er einen Umweg, hielt sich in der Nähe von Häusern und kroch von Deckung zu Deckung. So dauerte es fast vierzig Minuten anstatt der zehn, wenn er aufrecht hätte gehen können.

Er kroch am Rand eines Feldweges entlang, als er in einiger Entfernung eine Gestalt sah. Sie saß auf den Stufen eines mit Brettern vernagelten Hauses. Der Mann hatte Mitch noch nicht gesehen, als er, an einem Infizierten vorbei, näher heran kroch. Erst in ausreichender Entfernung zu dem Infizierten fühlte sich Mitch sicher genug, um sich auf die Knie aufzurichten und dem Mann zuzuwinken und ihn auf sich aufmerksam zu machen. Rory sprang auf, ließ seine Axt fallen und winkte Mitch mit beiden Händen zu sich.

 

Von seiner Position aus sah Lucas nur Mitch, der winkte. Wem er auch zuwinken mochte, derjenige war von dem verbarrikadierten Haus und dem Baum, der daneben stand, verdeckt. Er blickte durch sein Aimpoint Visier – obwohl es keine Vergrößerung hatte, half es ihm sich zu konzentrieren. Unbewusst legte er den Sicherungshebel um.

 

Rory rief nach Kai und Harrison, die sich auf der anderen Seite des Hauses versteckt hatten: „Es ist Mitch vom Schiff.“

„Gute Arbeit, Simpel“, antwortete Kai. „Ruf‘ ihn hier rüber.“

„Es ist Mitch, kein’s der Monster. Ihr braucht eure Waffen nicht.“

Kai und Harrison ignorierten seine Worte und behielten die Waffen auf den Feldweg gerichtet, wo sie Mitch erwarteten. Leiser rief Kai zurück: „Kümmere dich nicht um uns, bring bloß diesen Idioten näher ran.“

 

Mitch konnte Rory sprechen sehen, aber er sah nicht, mit wem er sprach und dachte auch nicht groß darüber nach. Er machte sich mehr Sorgen darüber, ob vielleicht Infizierte in der Nähe waren. Rory kannte er ja vom Schiff, so fühlte er sich sicher.

 

Lucas sah immer noch durch sein Visier und verfluchte diesen Baum. Er glaubte, hinter dem Baum eine Bewegung wahrzunehmen, aber die Blätter versperrten ihm die Sicht. Auf jeden Fall ging Mitch auf jemanden zu.

 

Als Mitch die Ecke des Hauses erreichte stand er Kai und Harrison gegenüber, die beide ihre Schrotflinten auf ihn richteten. „Hey, beruhigt euch. Was sollen die Schrotflinten?“, fragte Mitch und wich etwas zurück. „Ich bin doch nicht euer Feind.“

„Was soll dann die Kanone?“, fragte Kai und deutete mit dem Lauf seiner Flinte auf die Pistole in Mitchs Hand.

„Die ist für die Infizierten. Aber wenn du willst, kann ich sie auch hinlegen“, antwortete Mitch.

 

Lucas sah, wie Mitch seine Pistole senkte, sie auf den Boden legte und einen Schritt zurück trat. Mitch sprach zu jemandem hinter dem Haus, den Lucas nicht sehen konnte, und gestikulierte in Richtung Feuerwache. Dann sah er, wie Mitch zurückwich und verzweifelt seine Hände ausstreckte. Dann verfärbte sich sein Brustkorb plötzlich blutig rot, er fiel nach hinten und schlug hart auf den Feldweg. Lucas versuchte zu begreifen, was gerade passiert war.

 

„Nicht unser Feind, die Ratte!“, spottete Kai, während ein Rauchfaden aus dem Lauf seiner Flinte stieg.

„Warum habt ihr das getan?”, frage Rory und lief zu Mitch hinüber um ihm zu helfen. Er versuchte mit den Händen die Blutung zu stoppen. Mitch schlug die Augen auf und sah ihn an.

„Wieso?“, fragte er.

„Ich hab nicht gewusst, dass sie das tun. Es tut mir leid“, sagte Rory. Das war das letzte, was Mitch hörte, bevor er starb.

„Komm schon, Simpel, wir gehen zurück zu den anderen“, befahl Harrison.

 

In der Nähe eines Fabrikgebäudes hatten Shutov und die anderen angehalten, als sie den Schuss gehört hatten. Auch im Supermarkt hielten die Männer inne und lauschten, ob weitere Schüsse folgen würden.

 

Lucas sah durch sein Visier, wie Rory neben Mitch kniete. Er hätte schießen können, aber irgendetwas hielt ihn davon ab. Es sah nicht so aus, als ob Rory Mitch verletzen würde und er hatte auch keine Waffe. Er gestikulierte zu jemandem hinter dem Haus. Schieß schon, Feigling, sagte er zu sich selbst, vielleicht hat er nicht den Abzug gedrückt, aber er ist auf jeden Fall ein Komplize.

 

„Ich gehe nicht zurück“, antwortete Rory. „Ihr seid böse Männer.“

„Böse bis auf die Knochen, Baby“, witzelte Kai.

„Gebt mir meine Axt“, sagte Rory.

„Also gehörst du jetzt nicht mehr zu uns?“, fragte Harrison.

„Nein. Gebt mir meine Axt und ich gehe fort.“

„Aber das ist jetzt unsere Axt.“

„Aber ihr habt Gewehre. Ich brauch auch eine Waffe. Ich kann nicht ohne Waffe gehen.“

„Oh, wir denken auch gar nicht daran, Dich gehen zu lassen… ohne Waffe“, antwortete Kai.

Rory sah hinunter zu der Pistole, die neben Mitchs Leiche am Boden lag. „Denk nicht mal dran, Simpel. Du würdest sie ohnehin verkehrt rum halten und dich selber erschießen“, spottete Kai, während Rory zu ihm hinauf schaute und dann wieder zurück zu der Pistole. „Steh auf und geh‘ von der Waffe weg.“

 

Lucas sah, wie Rory aufstand, einen Schritt rückwärts ging und seine Hände ausstreckte, genau wie Mitch zuvor. Rory ging weiter rückwärts und versuchte verzweifelt, sich von dem unbekannten Angreifer zu entfernen. Von unten, hinter sich, hörte Lucas Yuris Stimme. „Lucas, was ist passiert? Wer schießt da?”

„Mitch ist tot“, antwortete Lucas.

„Was?“

„Jemand hat ihn grade erschossen. Ich sehe Einen, aber ich glaube, er ist nicht allein. Hol die anderen und geht zurück zur Kirche.“

„Was willst du machen?“, fragte Yuri.

Lucas sah, wie Kai hinter dem Haus hervor kam und Rory mit der Schrotflinte folgte. Er visierte Kai an. „Was mein Vater nicht konnte.“ Mit diesen Worten drückte er ab.

 

Harrison sah, wie Kai von der Wucht des Einschlags herum gerissen wurde. Rory drehte sich um und begann zu rennen, während Harrison sah, wie eine zweite Kugel in Kais Seite schlug. Er war sich sicher, dass Kai tot war. Er wich zurück und versuchte herauszufinden, wo die Kugeln hergekommen waren.

 

Vuk und Shutov sahen die Rauchwölkchen, als die Schüsse vom Turm der Feuerwache abgegeben wurden. Aus ihrem Blickwinkel im zweiten Stock des TEC Gebäudes am Hafen konnten sie nicht sehen, wo die Schüsse einschlugen. Aber durch Ihre Ferngläser erkannten sie, dass der Mann auf dem Turm der Feuerwache jetzt schoss.

Shutov ließ sein Fernglas sinken und wandte sich an Vuk: „Kannst du mir sagen, was das für eine Waffe ist?“

Vuk schüttelte den Kopf: „Auf jeden Fall ein Gewehr, hohe Durchschlagskraft, und er schießt dorthin, wo die zweite Gruppe sein müsste.“

„Denkst du die sind freundlich?“

Auch Vuk ließ sein Fernglas sinken: „Die sind ganz sicher nicht freundlich. Ab jetzt sind wir im Krieg.“

Shutov schlug ihm kameradschaftlich auf den Rücken und rief hinunter zu den Männern, die das Gebäude durchsuchten: „Ihr habt Vuk gehört. Die schießen auf uns. Jetzt heißt es töten oder getötet werden. Los, die schnappen wir uns.“

 

Lucas beobachtete immer noch die Häuser, wo Kai erschienen war. Das Adrenalin floss durch seine Adern, während er das Gewehr langsam hin und her schwenkte. Er sah Harrison, wie er über die Hauptstraße rannte, und versuchte zu zielen. Aber Harrison war zu schnell und bereits wieder in Deckung, bevor Lucas ihn erfassen konnte.

Lucas beobachtete die Mauer, hinter der Harrison sich geduckt hatte und wartete darauf, dass er am anderen Ende, bei den Bahnschienen, wieder auftauchen würde. Wenn er über die Schienen will, ist er ein toter Mann, dachte er bei sich, während er beobachtete.

Plötzlich nahm er im Augenwinkel weiter entfernt eine Bewegung wahr. Er sah, wie sich aus Richtung des TEC Gebäudes eine größere Gruppe Männer verteilte und in seine Richtung bewegte. Sie waren zu weit entfernt, um sie zu treffen und sie hielten sich meist in Deckung. Lucas’s Visier sprang vom einen zum anderen, aber es waren zu viele und er konnte sie nicht anvisieren.

Stattdessen richtete er sich auf und rief Richtung Kirche: „Yuri, Yuri!“

Yuri rannte heraus: „Was ist los, auf wen hast du geschossen?“

„Auf den Kerl, der Mitch ermordet hat. Aber er hat Freunde, ich sehe mehr von Ihnen. Sie kommen in eure Richtung. Ich müsst da raus, und zwar sofort.“

„Was? Wieso? Wir können doch mit denen reden“, sagte Yuri fast flehentlich.

„Das hat Mitch versucht - bevor sie ihn erschossen haben. Diese Kerle sind bewaffnet und sie sind nicht hier, um zu reden. Ruf alle zusammen und haut ab. Geht in den Wald nach Norden. Ich hole euch später ein.“

„Was hast du vor?”

„Ich verschaffe euch Zeit, also verschwendet sie nicht mit Reden“, antwortete er und wandte sich wieder den anrückenden Männern zu.

Sie hatten sich zwischen den Gebäuden und Frachtcontainern im Hafengelände verteilt. Lucas nahm einen ins Visier und schoss. Wie er erwartet hatte, war der Mann zu weit entfernt und so ging der Schuss zu kurz. Aber der Knall des Schusses reichte weiter und der Mann blieb stehen und sah sich um. Lucas nahm das zweite DMR Magazin aus seinem Rucksack und legte es vor sich auf den Boden. Wenn er mit seiner Munition sparsam umginge, konnte er sie aufhalten, wenn er sie zwang, in Deckung zu bleiben. Mit etwas Glück konnte er sogar einige erwischen.

 

Shutov versuchte einen Bogen nach rechts zu schlagen, um näher an die Feuerwache heranzukommen. Bei jedem Schuss hielt er an und versuchte festzustellen, wo er einschlug. Einige waren beunruhigend nahe, als er sich durch das Hafengelände voran arbeitete. Die Männer waren in Panik, sie schossen willkürlich auf Infizierte, anstatt ihnen auszuweichen. In der Stadt lockte jeder Schuss, der einen von ihnen tötete, drei weitere an. Wenn sie das hier überlebten, würde er ein paar grundlegende Regeln zum Umgang mit Munition aufstellen. Denn im Moment waren nicht die Infizierten ihre größte Bedrohung, sondern der Scharfschütze auf dem Turm der Feuerwache.

 

Vuk ging in die entgegengesetzte Richtung wie Shutov. Er sprintete über die Bahnschienen. Er hatte den Scharfschützen aus der Deckung beobachtet und war losgerannt, als er in die andere Richtung zielte. Wenn sie sich weiter verteilen würden, konnten sie ihn erwischen. Sie hatten den Vorteil der größeren Zahl, der Scharfschütze konnte schließlich nicht überallhin gleichzeitig zielen. Vuk überquerte die Straße und erreichte eine kleine Gruppe von Häusern. Vor ihm auf einem Feldweg lagen zwei Leichen. Er schlich langsam näher heran, sah sich nach Infizierten um, und versuchte außer Sicht des Scharfschützen auf dem Turm zu bleiben.

Als er näher kam hörte er Schluchzen. Er sah sich um und sah Rory an die Wand des gegenüber liegenden Hauses gekauert. „Rory, was ist los?”

„Meine Axt, ich will meine Axt“, er zeigte auf die Axt, die neben Vuk an den Stufen des Hause lehnte.

„Was ist hier passiert, Rory?“

„Er hat ihn umgebracht. Einfach erschossen“, Vuk sah auf die Leichen von Mitch und Kai.

„Wieso? Wieso hat Mitch Kai erschossen?“

„Es war nicht Mitch. Mitch hatte keine Waffe“, er zeigte auf die Pistole, die zwischen den beiden Toten auf dem Boden lag. „Mitch hat die Pistole hingelegt, wie Kai gesagt hat, und dann hat Kai ihn erschossen.“

„Aber wieso? Warum sollte er das tun wenn Mitch unbewaffnet war?“

„Kai hat gesagt, Mitch ist ein böser Mann. Aber Kai war ein böser Mann. Er wollte mich auch erschießen und dann fiel er tot um.“

„Warum wollte er denn dich erschießen?“

„Weil ich nicht mit bösen Männern zusammen sein will. Das habe ich gesagt, aber er hat mir nicht meine Axt gegeben. Bitte gib mir meine Axt. Ich will gehen. Ich verrate es bestimmt niemandem.“

Vuk versuchte, die Lage abzuschätzen. Er sah hinüber zur Feuerwache. Von dort zu Kais Leiche gab es freies Schussfeld, wie ihm schien. Langsam konnte er sich erklären, was passiert sein musste.

Vuk hob die Axt auf und warf sie zu Rory hinüber. Sie landete vor seinen Füssen und er hob sie sofort auf. „Du wartest hier. Wenn ich sage ‚Lauf Rory‘ rennst du in den Wald hinüber. Und von da an hältst du dich fern von anderen Menschen und traust niemandem. Wir alle hier sind böse Männer, verstehst du?“ Rory nickte und umklammerte seine Axt.

Vuk beobachtete Lucas und als er sah, dass Lucas sich in Richtung Kirche wandte, befahl er Rory loszulaufen. Der zögerte nicht und schoss geradewegs über das freie Feld in Richtung Waldrand. Vuk sah abwechselnd zu Rory und dann zu Lucas, der immer noch der Kirche zugewandt war – er hoffte inständig, dass er Rory nicht bemerken würde. Dann hörte er, wie Lucas einen Schuss abgab, gleich darauf gefolgt von einem zweiten.

 

Lucas sah, wie Kiam, der letzte der Überlebenden, die Straße hinauf in Richtung Norden rannte, dicht gefolgt von zwei Infizierten und weiteren fünf in einiger Entfernung. Lucas visierte den dichtesten Verfolger an und wollte gerade abdrücken. Plötzlich rannte noch ein Infizierter seitlich aus einem Haus und schlug Kiam nieder.

„Scheisse”, rutschte es Lucas heraus als er sah, wie die Infizierten sich auf ihn stürzten. Er erschoss einen der Infizierten, der genau auf Kiam landete. Der zweite schob seinen Genossen weg und fiel weiter über Kiam her, während die anderen fünf Verfolger bereits näher kamen.

Lucas sah, dass er nichts mehr für Kiam tun konnte. Er konnte ihn nicht einmal von seinen Leiden erlösen, weil der Infizierte seine Schussbahn blockierte.

„Sorry Kiam“, flüsterte er und wandte sich wieder den anrückenden Banditen zu. Er hatte sie aus den Augen verloren und hielt nun dort nach ihnen Ausschau, wo er sie zuletzt gesehen hatte.

 

Shutov lag hinter einem Busch auf dem Boden, von wo er den Turm der Feuerwache sehen konnte. Er beobachtete, wie Lucas durch sein Visier die Gegend absuchte. Er stützte seine CZ550 am Boden ab und sah durch das Visier. Aber da Lucas sich ständig bewegte, konnte er ihn nicht richtig erfassen. Infizierte wankten an ihm vorbei, ohne ihn zu bemerken. Aber er wusste, dass sie alle zu ihm strömen würden, wenn er erst schoss. Das hieß, dass er nur einen Schuss hatte, und der musste treffen.

 

Lucas suchte immer noch nach einem Ziel. Er sah hinüber zu der Stelle, wo er Kai erschossen hatte, und glaubte, dort eine Bewegung wahrzunehmen. Er presste den Kolben des Gewehrs an die Schulter und hielt den Atem an.

 

Shutov lächelte, als Lucas aufhörte herumzusuchen und er ihn endlich ins Visier nehmen konnte. Auch er hielt den Atem an – und drückte ab.

 

Eine plötzliche schnelle Bewegung im Augenwinkel, links von ihm, ließ Lucas herumfahren. Es war nur ein Kaninchen und er musste fast lachen, als er spürte, wie die Kugel an seinem Kopf vorbei pfiff, noch bevor er den Schuss hörte. Er ließ sich flach auf den Boden fallen.

 

Shutov stand auf. „Fuck!”, fluchte er, weil er sich nicht sicher war, ob er Lucas getroffen hatte. Während er noch auf den Turm starrte, begannen die Infizierten in seine Richtung zu rennen. Da oben bewegte sich zwar nichts mehr, aber ob er getroffen hatte, konnte er nicht sagen. Dann rannte er zurück in Richtung des Hafengeländes, um die Infizierten abzuschütteln, die ihm bereits hinterher jagten.

 

Vuk beobachtete den Turm ebenfalls. Aber alles, was er sehen konnte, war der Lauf des Gewehrs, der über die niedrige Brüstung stand. Vuk hatte den Klang der CZ550 erkannt und vermutete, dass Shutov geschossen hatte. Der Gewehrlauf auf dem Turm bewegte sich nicht, womöglich hat Shutov ihn doch erwischt.

 

Lucas tastete seinen Körper ab. Er fühlte keinen Schmerz, aber er hatte gehört, dass ein Schuss das Schmerzempfinden betäuben konnte. Doch seine Hände waren sauber – er blutete nicht. Er kroch von der Brüstung weg zur Leiter. Sein Gewehr nahm er mit. Höchste Zeit abzuhauen.

 

Vuk sah, wie der Lauf des Gewehrs verschwand und war froh, dass Shutov sein Ziel verfehlt hatte. Er beobachtete die Feuerwache, aber nichts bewegte sich. Aus seiner Position konnte er die Leiter sehen und da niemand herunter geklettert war, wusste er, dass da oben immer noch jemand war.

 

Lucas nahm das Magazin aus seiner M14 und zählte die verbliebenen Kugeln, da waren nur noch drei. Er steckte das Magazin zurück und streichelte sein Gewehr. „Sorry Baby, aber du musst hier bleiben“, sagte er und legte es auf den Boden. Er schob es etwas nach vorne, so dass der Lauf wieder über den Rand des Daches stand.

 

Vuk beobachtete, wie der Lauf wieder erschien. Er wurde in Richtung Hafengelände gerichtet, dann fiel ein Schuss. Seltsam, dachte sich Vuk, das Gewehr liegt flach auf, da geht der Schuss doch viel zu hoch in die Luft. Dann zielte das Gewehr in seine Richtung und ein weiterer Schuss fiel, wie zuvor viel zu hoch, gefolgt von einem dritten weiter rechts von seiner Position. Dann bewegte sich das Gewehr nicht mehr. Vuk sah hinter sich und suchte nach einem möglichen Ziel. Aber da gab es nur Bäume, nichts, worauf sich zu schießen lohnte. Als er sich wieder dem Turm zuwandte, sah er, wie Lucas die Leiter hinunter kletterte. Vuk nickte, er war beeindruckt, schlauer Kerl.

 

Shutov hatte das Gewehr auch gesehen und fluchte, dass er nicht getroffen hatte. Von seiner Position aus konnte er Lucas nicht heruntersteigen sehen. Er sah nur den Lauf des Gewehrs und so nahm er an, wie die anderen auch, dass der Schütze noch dort oben war.

 

Vuk beobachtete wie Lucas die letzten Sprossen herunter sprang und losrannte. Bald war er im Wald, den Hügel hinauf, verschwunden. Vuk sah sich um, aber es war niemand zu sehen, so blieb Lucas’s Flucht sein Geheimnis.

 

Nach etwa 20 Minuten ohne einen weiteren Schuss bot Vuk ‚todesmutig’ an, hinauf zu steigen um zu sehen was passiert war. Da hatten sie die Feuerwache bereits umstellt und niemand hatte gesehen, dass sich das Gewehr wieder bewegt hätte.

Als Vuk die Leiter hochstieg, hoffte Shutov insgeheim, dass er vielleicht doch getroffen hatte und der Mistkerl sich mit dem Sterben einfach Zeit gelassen hatte.

Oben angekommen nahm Vuk die M14 und hielt sie hoch: „Er ist nicht hier. Bloß das Gewehr.“

„Verdammt“, fluchte Shutov.

Von hoch oben sah Vuk Alejandro und Sam zusammen an dem Bus stehen, der auf der Straße unweit der Kirche liegen geblieben war. Er erinnerte sich, dass es diese Kirche gewesen war, in der Alejandro das Lager der Überlebenden gesehen hatte. Da wurde ihm klar, dass Shutov das auch gewusst hatte. Gewusst hatte, dass der Bus in der Nähe der Kirche stand, gewusst hatte, dass alles zwangsläufig in einem Blutbad enden musste. Er schüttelte den Kopf, der Mistkerl hat mich zum Narren gehalten. Obwohl es keine Munition mehr gab nahm Vuk die M14 und steckte sie in seinen Rucksack.

 

Unten schlich der Butcher um Shutov herum: „Scheint, dass sie alle abgehauen sind. Sie sind bestimmt Richtung Norden in den Wald, sollen wir ihnen nach?“

„Wozu sollte das gut sein. Wegen der Bohnen in ihren Rucksäcken?“, tadelte Shutov.

„Aber sie haben Waffen. Und sie haben Kai umgebracht.“

Shutov ließ ihn stehen und ging Richtung Bus. „Lass ihnen ihre kleinen Waffen und ihren kleinen Sieg. Wir haben den Bus.“ Er wandte sich an Sam: „Fang an zu arbeiten, jetzt! Alejandro, ich will eine Sicherheitszone. Ich will Männer, die in alle Richtungen Deckung geben, während Sam das Ding zum Laufen bringt.“ Alejandro nickte und begann, Aufgaben zu verteilen.

„Was ist den so besonderes an diesem Bus?”, fragte der Butcher.

„Nichts, es ist ein ganz normaler Bus. Aber wohin er uns bringen kann, das ist etwas Besonderes.“

„Und wohin ist das?“

Shutov hielt eine Landkarte hoch.

„Der große Flugplatz hier im Nordwesten, dort liegt unsere Rettung. Glaubt mir, der Krieg hat gerade erst begonnen und wenn wir diesen Überlebenden das nächste Mal begegnen, wird keiner von ihnen das überstehen.“

 

  

Survivors and Bandits - Ein DayZ Roman
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