KAPITEL 12 – HÖLLE IN CHERNO
Duke hatte recht gehabt damit, dass an diesem Morgen in Cherno nichts Gutes vor sich ging. Shutov hatte sich bemüht, die aufsteigende Panik bei seinen Männern zu unterdrücken, aber mit jedem Schuss, der über die Stadt hallte, fiel es ihm schwerer. Das Geläut der Kirchenglocken hatte ein Übriges getan. Was bis dahin eine halbwegs geordnete Gruppe gewesen war, begann nun rasch auseinander zu brechen. Die Männer fielen sich gegenseitig ins Wort, und ihre Stimmen klangen immer panischer.
Sie waren dabei gewesen, den Supermarkt zu plündern, als sie die ersten Schüsse gehört hatten. Der Markt schien zuvor bereits ziemlich ausgeräumt worden zu sein, aber es war genügend Nützliches zurückgeblieben, um den Männern ein wenig Hoffnung zu geben. Sie hatten alles eingesammelt und in der Mitte auf einen Haufen gelegt. Es waren zum größten Teil Konserven- und Getränkedosen, aber sie hatten auch einen Kompass und eine Landkarte gefunden, die Shutov gerade studierte, als der erste Schuss durch den Markt hallte.
Vuk stand am Eingang und versuchte zu orten, woher die Schüsse kamen. „Ich denke, die kommen von da drüben“, sagte er und deutete nach Nordosten.
Shutov versuchte, die Männer zu beruhigen. „Das ist bestimmt nur ein anderer Überlebender – kein Grund zur Panik“, aber auch ihm selbst schienen die Schüsse zu gezielt und zu regelmäßig für einen Überlebenden, der einfach nur auf Infizierte schoss.
„Vuk, nimm den Butcher mit und versucht, den Schützen aufzuspüren. Wenn es einer von der Mannschaft ist, dann bringt ihn dazu aufzuhören, bevor er jeden Infizierten in der Umgebung anlockt.“
Der Butcher nickte und prüfte, ob seine Schrotflinte geladen war.
„Ist das wirklich nötig?”, fragte Vuk.
„Hey Axt-Mann, wenn du da rausgehen willst mit nichts als deinem Schwanz in der Hand, gerne. Ich für meinen Teil nehme Vera mit.“ Er lächelte, als er die Flinte zuschnappen ließ und aus dem Supermarkt ging.
Vuk und der Butcher arbeiteten sich methodisch die Straße entlang und nutzten dabei jeden Zaun und jedes Haus als Deckung. Die meisten Infizierten, die sie sahen, waren an ihnen nicht interessiert – stattdessen schienen sie vom Geräusch der Schüsse und der Kirchenglocken angezogen zu werden. Als er hinter einem Haus aus roten Backsteinen hervor trat, sah Vuk eine Gestalt auf der Plattform des Schornsteins stehen. Sein Herz schlug bis zum Hals, als er bemerkte, dass die Gestalt mit einem Jagdgewehr genau in seine Richtung zielte. Das war’s dachte er, schloss die Augen und wartete auf den Schuss, der sich auch sofort löste. Als er realisierte, dass er nicht getroffen war, öffnete er die Augen. Einer der Infizierten lag, keine 15 Meter von ihm entfernt am Boden, mit einem klaffenden Einschussloch in der Stirn. Vuk stürzte zurück hinter das Haus, wo der Butcher wartete.
„Er ist hier um die Ecke, oben auf dem Schornstein“, flüsterte er dem Butcher zu.
„Hast du gesehen, wer das ist?”, fragte der Butcher.
„Nein, es ist zu weit und er steht im Schatten.“
„Dann schleichen wir hier über die Straße und arbeiten uns näher ran.“
„Das ist Selbstmord. Er hat gerade einen Kopfschuss aus dieser Distanz gelandet. Mit was auch immer der schießt – es hat eine große Reichweite und ist sehr präzise. Der knallt uns ab, noch bevor er unsere Stimmen hören kann.“
„Na gut – und was jetzt?“
„Herrgott, gib mir ‘ne Minute. Auf mich hat grad einer mit einem Jagdgewehr gezielt.“
Sie lehnten beide an der Hauswand und Vuk sah sich um. Ein weiterer Schuss löste sich und beide zuckten. Vuk blickte nach Osten, während er eine Hand über die Augen hielt, um sich vor der Sonne zu schützen. „Die Sonne. Wir nützen die Sonne. Wenn wir ein Stück weiter gehen, dann zur zweiten Kreuzung dort drüben runter, sollten wir die Sonne im Rücken haben, wenn wir uns anschleichen.“
„Und was soll uns das bringen?“
„Die Sonne steht tief, und sie hat Kraft. Sie blendet sehr stark. Wenn wir sie im Rücken haben, kann er uns kaum sehen, was bedeutet dass wir unbemerkt heran kommen können. Man kann nicht erschießen, was man nicht sieht.“
Der Butcher nickte, er war beeindruckt: „Gut, so machen wir’s.“
Vuk deutete mit dem Kopf auf die Schrotflinte: „Schieß nicht mit dem Ding, wenn du nicht unbedingt musst. Wir wollen ihn nicht aufschrecken bevor wir wissen, warum er schießt.“
Sie gingen nach Vuks Plan vor, und mit der Sonne im Rücken erreichten sie unbemerkt das Tor zu dem Gelände mit dem Schornstein, auf dem der Schütze saß. Der Butcher wollte das Tor öffnen aber Vuk hielt ihn am Arm fest und besah sich das Tor. „Es ist alt und verrostet, warte auf den nächsten Schuss, bevor du es öffnest“, flüsterte er. Der ließ nicht lange auf sich warten und übertönte das Quietschen des Tors, als der Butcher es aufschwingen ließ.
Vor sich sahen sie einen Helikopter-Landeplatz mit einem roten Kreuz und einige Militärzelte. Es schien ein Sammelpunkt für die Versorgung oder den Abtransport von Verwundeten gewesen zu sein. Es gab tote Körper in Leichensäcken, die allerdings den Geruch nicht zurückhalten konnten. Vuk und der Butcher besahen sich die Umgebung aus dem Schatten der Mauer, dabei bemerkten sie auch die Leiter, die bis ganz nach oben zur Plattform des Schornsteins führte.
Vuk deutete auf das am weitesten entfernte Zelt: „Du gehst da rein, wo du ihn sehen kannst, aber er dich nicht. Ich vermute, dass er bloß Infizierte erschießt, aber falls nicht ist es besser, wenn er nur einen von uns sieht.“
„Ist mir recht.“ Mit diesen Worten begann der Butcher, zu dem Zelt zu schleichen, auf das Vuk gezeigt hatte. Seine Schrotflinte behielt er auf die Gestalt 30 Meter über ihm gerichtet.
„Vergiss die Schrotflinte“, flüsterte Vuk, „deine Kugeln kommen da oben nicht mal an, wenn du feuerst.“
„Aber vielleicht weiß er das nicht“, antwortete der Butcher.
Als der Butcher angekommen war, verstaute Vuk seine Axt in einem der Zelte und ging hinaus auf den Landeplatz. Er hatte seine Arme erhoben und die Handflächen nach außen gekehrt, um zu zeigen, dass er unbewaffnet war. „Hey, Schütze. Ich bin hier unten.“
Joe wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die aufgehende Sonne brannte heiß auf sein Gesicht. Seine Ohren waren taub vom Knall der Schüsse und er ärgerte sich, dass er keine Ohrstöpsel hatte, obwohl er nicht sicher war, ob er überhaupt noch irgendwo welche finden könnte. Er meinte, etwas gehört zu haben, aber er war sich nicht sicher.
„Hallo. Du da oben, ich bin hier unten auf dem Landeplatz.“
Es war eine Stimme. Hatten die Dämonen gelernt, die Macht des Wortes zu nutzen. Joe beschloss, es als Halluzination zu betrachten und hielt nach dem nächsten Dämon Ausschau, den er vom Angesicht der Erde tilgen würde.
„Kannst du mich hören?” Die Stimme war nun lauter und eindringlicher. Joe sah hinunter. Die Sonne blendete ihn, und er musste sich eine Hand über die Augen halten, aber nun sah er etwas unten auf dem Landeplatz. Da stand eine schwarze Gestalt, in Schatten gehüllt, und winkte ihm mit beiden Armen zu. Joe lächelte, ein Hochgefühl durchströmte ihn. Es war Jesus. Er war persönlich herab gestiegen, um Joe in den Himmel zu geleiten. Seine Aufgabe war erfüllt.
„Jesus! Herr! Ich bin bereit“, rief Joe.
„Ich bin nicht Jesus. Ich heiße Vuk. Ich komme von einem Schiff, das letzte Nacht hier gestrandet ist. Es gibt noch weitere Überlebende und wir wollen Dir nichts tun.“
„Du bist nicht Jesus?“, frage Joe verzweifelt.
„Nein, ich bin bloß ein Überlebender, wie Du.“
Joe musterte die Gestalt im Schatten. Was war das für ein Schwindel? Es gab keine Schiffe. Es gab keine Überlebenden. Es gab nur ihn - und die Dämonen. Er wusste, dass er der letzte Mensch auf Erden war, weil Gott selber es ihm gesagt hatte. Aber wenn das kein Mensch war, und auch keiner der Dämonen… dann kam es ihm wie eine Eingebung. Es war nicht Christus, sondern der Antichrist. Satan selbst war empor gestiegen, um Joe zu versuchen, ihn dazu zu bringen, von seiner Mission abzulassen, so wie er Christus in der Wüste versucht hatte. Darum stand die Gestalt im Schatten, darum hatte sie kein Gesicht. Joe beobachtete die Gestalt angespannt, während er ein volles Magazin nachlud.
Vuk sah, wie sich der Mann bewegte und ein neues Magazin nachlud. Er begann rückwärts in Richtung der Mauer zu gehen, die Hände immer noch erhoben. „Hey, was immer du denken magst, was ich sage stimmt. Wir können uns gegenseitig helfen. Es muss nicht so enden.“
„Ich werde Dich austreiben, dich und deine Dämonenbrut“, schrie Joe von hoch oben.
Vuk sah sich um als er bemerkte, wie Joe das Gewehr hob und anlegte. Es gab keine Deckung, trotzdem begann er zu laufen und machte einen Hechtsprung, indem er auf ein Wunder hoffte. Ironischerweise war ein Wunder auch Joes Hoffnung.
Der erste Schuss pfiff an Vuks Füssen vorbei und schlug dort ein, wo er noch Sekunden zuvor gestanden hatte. Vuk sprang hoch und rannte auf den Schornstein zu, weil er auf den ungünstigen Schusswinkel hoffte. Es half, denn der zweite Schuss ging zu weit. Joe stand auf und sah herunter, um Vuk zu finden, als sein Körper plötzlich von AKM Kugeln geschüttelt wurde. Er taumelte bei jedem Einschlag, bevor er über die Brüstung in den sicheren Tod stürzte. Vuk konnte das abscheuliche Geräusch hören, mit dem sein Genick brach, als er keine zehn Meter von ihm entfernt auf dem Boden aufschlug.
Vuk wandte sich in die Richtung, aus der die Schüsse gekommen waren und sah, wie der Butcher mit einer AKM in der Hand auf ihn zukam. Vuk war zuerst erleichtert, dass es außer Joe nicht noch jemanden gab, aber seine Erleichterung verschwand, als der Butcher die Waffe auf ihn gerichtet hielt. Die AKM in seinen Händen sah gut aus, sie war der bekannten AK-47 sehr ähnlich, war aber eine verbesserte Version mit größerem Kaliber und einem besseren Visier. Und dieses Visier zeigte nun direkt auf Vuk.
Vuk hatte guten Grund besorgt zu sein, weil der Butcher im Moment gerade abwog, ob er den Abzug drücken und auch Vuk erschießen sollte. Der Butcher wusste, dass es ein irrationaler Impuls war. Er fühlte seinen beschleunigten Atem und das Pulsieren seines Blutes, er machte gerade die Erfahrung, dass er es genoss zu töten. Er sah sich um, niemand war zu sehen, keine Polizei um ihn festzunehmen, er könnte einfach den Abzug drücken und diesen Mann hier erschießen, ohne irgendwelche Konsequenzen. Am Ende setzte sich doch seine Vernunft durch. Es bringt nichts, ihn jetzt zu erschießen. Besser du wartest. Du hast eine bessere Überlebenschance, wenn er nicht tot ist – falls sich das ändert, kannst du den Abzug immer noch drücken.
„Ist er tot“, rief der Butcher. Vuk nickte, aber ließ das Gewehr, das auf ihn angelegt war, nicht aus den Augen. Auch der Butcher nickte und ließ schließlich die Waffe sinken. Vuk atmete tief durch. Die beiden blickten sich einen Moment in die Augen – beide wussten, wie nahe Vuk dem Tod gewesen war, und es hatte nichts damit zu tun gehabt, dass Joe auf ihn schoss. An dieser Stelle entschied Vuk, dass der einzige Weg, das hier alles zu überstehen, der war, sich unentbehrlich zu machen.
„Ich sehe du hast aufgerüstet“, sagte Vuk.
„Ja, ihr Name ist Grace. Du kannst Vera haben, wenn du willst, ich hab die Kleine da hinten liegen lassen“, sagte der Butcher. Dann hob er Joes CZ550 auf, wobei er keine Anstalten machte, sie Vuk anzubieten. „Die ist für Shutov.“
Der Butcher schulterte das Jagdgewehr, während er Joes Sachen durchsuchte. Vuk war angewidert davon, mit welchen Vergnügen der Butcher Joe erschossen hatte und jetzt seine Leiche durchsuchte. Er drehte sich um und ging weg, um Vera zu holen.