KAPITEL 4 – DER SIMPEL
Es war sicher kein sehr netter Spitzname, aber immer noch besser als Idiot, wie sie ihn in der Schule genannt hatten. Und es war ein passender Spitzname, einfach deswegen, weil er nicht der Hellste war. Sicher, er war ein netter Kerl, er tat was ihm gesagt wurde und er hielt sich an die Regeln – aber er war eben ein wenig zurückgeblieben. Wenn man ihm zeigte, wie etwas gemacht werden sollte, machte er es. Wenn man ihn aber fragte, wieso er das machen sollte, oder wie er es besser machen konnte, konnte man ebenso gut mit einem Stück Brot reden. Der Simpel tat einfach, was ihm gesagt wurde, er kümmerte sich nicht um das Wie oder das Warum. Soweit es ihn betraf, waren diese Informationen einfach nicht erforderlich.
Und als ihm gesagt worden war, vom Schiff ins Wasser zu springen und zu schwimmen, hatte er genau das getan. Er hatte sich nicht gefragt wieso oder wohin, er war einfach geschwommen. Bis er das Ufer erreicht hatte. Und jetzt saß er dort und wartete darauf, dass jemand kam und ihm sagte, was er als nächstes tun solle.
Er hatte sich nicht einmal einen der Überlebensrucksäcke genommen, darum hatte er jetzt auch keine Lampe, um seine Umgebung zu sehen. Aber er hatte trotzdem keine Angst. Manche aus der Besatzung fanden, er sei wie ein Kind weil er naiv und ein bisschen langsam war, aber er war kein Kind - er war einfach nur schwer von Begriff.
Es war kalt am Ufer und dunkel, wirklich dunkel. Die Dunkelheit gefiel ihm nicht, darum blieb er auf dem helleren Sand sitzen. Dort zeichnete er mit dem Finger Muster auf den Boden. Einige davon waren Buchstaben, die zusammen Worte ergaben. Einige Worte kannte er. Wie seinen Namen, Rory. Zum Glück hatten seine Eltern diesen Namen gewählt, kurz und einfach, mit zwei gleichen Buchstaben. Darum konnte er ihn sich leicht merken. Sein Nachname war lang, hatte zu viele Buchstaben. Er hatte ihn vor langer Zeit vergessen. Aber weil ihn ohnehin jeder auf dem Schiff nur Simpel nannte, spielte das keine Rolle.
Seine Träumereien wurden plötzlich unterbrochen. Er hörte jemanden kommen. Es klang, als ob sich jemand auf allen vieren hüpfend bewegte, langsam aber gleichmäßig, und er kam genau auf ihn zu. Er sprang auf und winkte mit beiden Armen, wobei er nicht darüber nachdachte, dass kein Mensch so weit sehen konnte.
„Hier drüben“, rief er. Die Antwort war ein dumpfes Stöhnen. „Ich bin hier drüben“, rief er erneut. Jetzt war das Stöhnen lauter, es kam immer näher. Es wurde höher und durchdringender, klang jetzt fast aggressiv.
Dann roch er es, wie altes Fleisch, von dem ihm seine Mutter immer eingeprägt hatte, es niemals zu essen. Dieser Mann brauchte dringend ein Bad. In seinem langsamen Verstand begann ein Warnlicht zu blinken.
„Wer bist Du? Du stinkst“, fragte der Simpel, aber die Stimme stöhnte nur wieder. Und dann begann der Mann zu laufen, genau auf ihn zu. Er war oft genug schikaniert worden und wusste daher, dass man besser weglief, wenn jemand auf einen zu rannte und man den Grund nicht kannte. Und das tat er nun auch.
Weg von dem Stöhnen lief er am Ufer entlang. Aber der Mann verfolgte ihn, und er könnte hören, dass sich weitere anschlossen. Und alle stöhnten, während sie ihm hinterher jagten. Er sah sich plötzlich wieder in seine Schulzeit zurückversetzt, verfolgt von einer Horde Kinder, die bereits die Stifte in der Hand hatten, mit denen Sie Schimpfworte auf seine Stirn schreiben würden.
Er wusste, dass er schnell laufen konnte, aber die Bande, diese bösen Jungs, die ihm wehtun wollten, hielten mit ihm mit. Es hörte sich jetzt an, als seien es mindestens Vier, die ihm folgten. Es war zu dunkel, um sie sehen zu können, aber er konnte die verschiedenen Tonlagen ihres Stöhnens unterscheiden. In seiner Schulzeit war es seine Ausdauer gewesen, die ihn meist gerettet hatte. Der Großteil seiner Peiniger hatte nach einiger Zeit aufgegeben. Aber dieses Mal gaben sie nicht auf, sondern kamen ihm langsam immer näher.
Vor ihm tauchte eine kleine Hütte auf. Wenn er sie schon nicht abhängen konnte, konnte er sich vielleicht verstecken. Er rannte durch die offene Tür und prallte hart an die Wand gegenüber. Er warf sich herum und knallte die Tür zu. Es war nur eine dünne Brettertür, nicht sehr stabil, und es gab auch kein Schloss. Es dauerte nur Sekunden bis sie von außen an die Tür hämmerten. Es würde auch nicht lange dauern, bis sie hereinkommen würden.
Er sah sich um, auf der Suche nach etwas, mit dem er die Tür verbarrikadieren konnte. Aber da waren nur leere Konservenbüchsen und Getränkedosen. Jemand musste sich hier eine Zeit lang versteckt haben, da war auch Blut am Boden, aber es gab keine Leiche. Und dann sah er sie, am Boden, direkt neben der vertrockneten Blutspur.
Eine Axt. Sie musste dem gehört haben, der sich zuvor hier versteckt hatte, aber nun gehörte sie ihm. Er hob sie auf und spürte, wie schwer und stabil sie war – eine gute Axt. Nicht groß genug, um die Tür zu verstärken, die bereits nachgab, aber vielleicht groß genug, um die Kerle zu verjagen. Er schwang sie ein paar Mal zur Probe, wie ein Baseballspieler, der ein Gefühl für seinen Schläger bekommen wollte. Dann gab die Tür nach, und sie standen da und starrten ihn an. Sie waren bereits seit langem tot, einer war so schwer verwundet gewesen, dass er nicht gehen konnte, sondern auf dem Bauch kroch.
Es war zu dunkel, um ihre Gesichter zu erkennen. Aber als sie einer nach dem anderen hereinwankten, überwältigte ihn der Gestank. Er konnte ihn nun auch einordnen – es war der Gestank des Todes. Das waren keine Menschen, das waren Monster, sie brachten den Tod. Er schwang die Axt ein letztes Mal, als sie auf ihn zukamen – Abschlag.