Sieben Tage und sieben Nächte grüble ich nun schon über die Fotos bei Facebook nach.
Ja, ich konnte mich schließlich dazu durchringen, mir die Beweise für Bens Verrat anzusehen. Aber in Wahrheit habe ich auf ein Wunder gehofft. Ich habe gehofft, dass Ben und Vera kein Paar wären. Dass mich diese Frau einfach nur noch mehr demütigen wollte. Inständig habe ich gefleht, dass Ben kein Lügner ist. Doch ein flüchtiger Blick auf den Monitor genügte, um ihn zu erkennen.
Es sind keine intimen oder schmutzigen Bilder. Eher Schnappschüsse. Vera lacht oft direkt in die Kamera. Ben umarmt sie oder küsst sie aufs Ohr, und sie stecken die Köpfe zusammen. Die beiden wirken eindeutig verliebt.
Beim Betrachten der Bilder musste ich sofort an das Foto mit den Plüschbären denken. Denkwürdige Ereignisse würde er immer mit der Kamera festhalten, hat Ben an jenem Tag erklärt und mich verliebt angesehen. Wie blauäugig von mir, ihm zu glauben!
An diesem Sonntagmorgen fühle ich mich immer noch so erschöpft, als hätte ich an einem Yogamarathon teilgenommen. Nicht mal das Schrillen und Scheppern meiner beiden Wecker können mich aus dem Bett locken. Übernächtigt ziehe ich die Decke hoch. Eine Woche reicht eben nicht aus, um den Schicksalsschlag von der Wucht einer Neutronenbombe zu verarbeiten.
Das Schlimmste jedoch ist, dass Ben es nicht dabei bewenden lassen kann. Er hat in den letzten Tagen unzählige Nachrichten auf meiner Mailbox hinterlassen. Seine Anrufe zu ignorieren und seine zahlreichen SMS zu löschen kostet zusätzlich Energie, die ich eigentlich für meine Yogastunden und den Telefondienst bei Mama benötige. Auch sein Brief, den Britta gestern aus dem Briefkasten gefischt hat, landete ungeöffnet unter meinem Bett. Ich hab einfach nicht die Kraft, ihn zu lesen.
«Du hast jetzt lange genug getrauert, Nelly Nitsche», höre ich jemanden dicht an meinem Ohr flüstern. «Aufstehen! Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, und es ist höchste Zeit, dich wieder um dein Studio zu kümmern.»
Ohne den verführerischen Duft der dampfenden Tasse Kakao (Kaffee habe ich für immer gestrichen), den Britta mir hinhält, würde ich mich einfach nochmal umdrehen. Aber um elf beginnt die sonntägliche Glücksyoga-Stunde.
In der vergangenen Woche war ich während des Unterrichts nur physisch anwesend. Keine Ahnung, wie ich es geschafft habe, allein ins Studio zu fahren und einen einigermaßen konzentrierten Eindruck auf meine Schülerinnen zu machen.
Erleichtert sehe ich, dass Britta auch noch im Hemd ist.
«Genieße deinen Kakao ganz in Ruhe, für Yoga bin ich heute sowieso zu kaputt», verkündet sie und gähnt. «Aber unsere Stunde ist nur verschoben, klar?» Sie grinst mich an. «Also, Schluss mit der Gefühlsduselei! Du musst guten Unterricht geben, damit das Studio nicht pleitegeht und du endlich deine Schulden loswerden kannst. Alles klar?»
«Klar wie Klärchen», nicke ich dankbar, «du hast mal wieder recht.»
In dem Moment fällt mir der fette Scheck von Jeanette Krüger ein, der immer noch unbeachtet in meinem Häkelbeutel steckt. Sofort erzähle ich Britta von dem unerwarteten Geldsegen und wie es dazu kam.
Mit großen Augen hört sie mir zu. «Alle Achtung, Nelly», lobt sie mich, als ich mit meiner Geschichte am Ende bin. «Mit deinen Spinnereien sind jetzt zwei Frauen happy. Also, vergiss diesen Fitness-Idioten und fokussiere dein Ziel.»
«Ja, Schluss mit der Heulerei», erkläre ich mit fester Stimme. «Ich muss mich endlich darauf besinnen, was ich mir vorgenommen hatte, bevor dieser Lügner mein Leben durcheinandergebracht hat.»
«Richtig so!», feuert mich Britta an. «Du wolltest dein Studio retten. Also, durchatmen und vorwärtsschauen. Das predigst du doch in deinen Stunden immer.»
«Vielleicht sollte ich eine Werbeaktion mit Handzetteln starten, um neue Kunden zu gewinnen. Ich muss außerdem dringend eine eigene Homepage erstellen. Und dann werde ich natürlich auch noch Jeanettes Scheck einlösen», sprudelt es aus mir heraus. «Immerhin habe ich sie von ihrer Sucht geheilt! Na ja, vielleicht nicht im medizinischen Sinn. Aber ich konnte ihren Kaufzwang in eine annehmbare Richtung lenken, richtig?»
«Das klingt mir schon wieder ganz nach der alten Nelly», lobt mich Britta. «Und wie geht es jetzt weiter?»
Entschlossen stelle ich die Tasse zur Seite und springe aus dem Bett. «Morgen, noch vor der ersten Yogastunde, werde ich meine Banktussi aufsuchen. Die wird staunen, wenn ich ihr so einen dicken Scheck auf den Schreibtisch knalle. Darauf freue ich mich jetzt schon!»
Gestärkt von dem aufbauenden Gefühl, mit meiner «Arbeit» etwas erreicht zu haben, schaffe ich es auf dem Weg ins Studio sogar, den grünäugigen Betrüger in meiner Gehirnschachtel schon ein wenig weiter nach hinten zu verdrängen.
Wesentlich entspannter begrüße ich kurz darauf Desiree, die mal wieder zum Training erscheint. Ein frischer Zitronenduft umweht sie, und in ihrem hellblauen Outfit wirkt sie wie ein junges Mädchen.
«Du siehst klasse aus», sage ich. «Die Rolle in der Telenovela scheint dir gutzutun.»
«Danke, Nelly, mir geht’s bolle», sagt sie freudig und sieht mich dann kritisch an. «Aber du hast Probleme. Oder warum bist du so blass um die Nase? Und Ringe unter den Augen hast du auch.»
«Vergangene Woche hatte ich ziemlich Stress», gebe ich kleinlaut zu.
«Immer noch wegen der Kohle?», flüstert Desiree diskret, als zwei Schülerinnen an uns vorbei in den Unterrichtsraum gehen.
«Nein, nein. Dieses Problem hat sich inzwischen erledigt», erkläre ich aufatmend.
«Und deine Suche nach einer Nachmieterin ja wohl auch», freut sich Desiree. «Gestern Abend war ich bei der Paulsen eingeladen.»
Vera Paulsen!?
Allein der Name versetzt mir einen schmerzhaften Stich in die Brust. Meine Hände werden feucht, und ich spüre, wie ich rot anlaufe. Ich zwinge mich, tief durchzuatmen und die Mundwinkel nach oben zu ziehen. Am Ende ist Desiree noch mit dieser Frau befreundet und verrät meiner Rivalin ungewollt etwas über meinen Liebeskummer. Den Triumph würde ich dem gemeinen Biest nicht gönnen.
«Sie hat sich gut eingelebt in deiner alten Wohnung», plaudert Desiree weiter. «Und die Räume sind wirklich sehr elegant und stilvoll eingerichtet. Wahnsinn, ich hab Bauklötze gestaunt! Eine türkisfarbene Küche mit großer Arbeitsplatte aus Edelstahl, ein helles Sofa auf rotem Teppich und ein dunkelrotes Schlafzimmer in Samt und Seide. Alles nagelneu und nur vom Feinsten.»
Mir fehlen die Worte, und eigentlich will ich das auch alles gar nicht hören. Aber Desiree ist nicht mehr zu bremsen.
«Auch ihre Garderobe ist der Hammer», fügt sie anerkennend hinzu. «Früher hat sie ja nur Weiß getragen, jetzt kleidet sie sich ganz elegant in Schwarz-Weiß oder nur in Schwarz. Na ja, sie kann es sich leisten, verdient wohl nicht schlecht bei der Lufthansa. Und ich glaube, sie hat auch was von einer Erbschaft angedeutet.»
Brittas Behauptung, dass Ben sich nur an reiche Frauen ranmacht, trifft also doch zu. Aber wozu dann diese Weiße-Möbel-Story?
Plötzlich packt mich die Neugier. Es gelingt mir, meinen nagenden Schmerz zu verdrängen und beiläufiges Interesse vorzutäuschen. «War sicher ’ne tolle Party. Waren viele Leute da?»
«Nur ein paar Kollegen von Vera und ich», antwortet Desiree.
«Aber ihr Verlobter war doch bestimmt da, oder? Sie hat mir nämlich erzählt, dass sie bald heiraten wird.» Ich achte auf einen möglichst unverfänglichen Klatsch-und-Tratsch-Ton.
«Ich kenne ihn ja leider nur von Fotos. Attraktiver Bursche. Wie hieß er denn nochmal? … Ick globe, ick werde alt», berlinert sie lachend.
«Jemand aus deiner Branche?», spekuliere ich, um sie zum Nachdenken zu animieren. «Ein Schauspieler vielleicht?»
«Ja, ich glaube schon. Könnte auch ein Kameraassistent sein.»
Verdammt! Damit verglüht der letzte Funken Hoffnung, dass alles nur ein böser Traum war.
«Tja, schön, wenn man die große Liebe gefunden hat», seufze ich mit gequältem Lächeln.
Desiree rollt amüsiert mit den Augen. «Ach, Nelly, wenn du auf die fünfzig zugehen würdest, wüsstest du, dass der Zug mit den Traumtypen längst vorbeigedüst ist. Dann krallst du dir den Nächstbesten, der sich nicht wehrt und –»
«Fünfzig?», wiederhole ich überrascht.
«Die Gute hat noch vier Jahre, bevor sie die Schallmauer durchbricht», witzelt Desiree. «Aber es scheint ja ein Trend zu sein. Denn oft sind es die jungen Männer, die ältere Frauen wegen ihrer Lebenserfahrung vorziehen. Angeblich sind sie toleranter als die jungen Mädels, und Männer versprechen sich von so einer Beziehung vermutlich tabulosen Sex.»
Hilfe!
Mir wird schlecht, und ich schiebe Desiree schnell in den Umkleideraum, damit ich mir nicht noch mehr anhören muss.
Leider ist die erste Glücksyoga-Stunde nicht so gut besucht, wie ich es mir erhofft habe. Nur vier Matten sind belegt, von Frauen unterschiedlichen Alters, die mich alle erwartungsvoll anstrahlen. Eigentlich sollte ich die gute Laune verbreiten, schließlich kann ich froh sein, dass ich nicht völlig allein hier stehe. Aber es gelingt mir nicht.
Die Unterhaltung mit Desiree geht mir einfach nicht aus dem Kopf. Ihre Schilderung von Veras scheinbar normal möblierter Wohnung und vor allem ihre Bemerkung über ungleiche Paare waren wie eine letzte Bestätigung für Bens Unehrlichkeit. Es gibt keine Entschuldigung für sein Verhalten. Er hat mich von Anfang an belogen. Und diese Erkenntnis trifft mich härter als die Fotos auf Facebook.
Zwischen den Kommandos zu den einzelnen Übungen versuche ich, meinen flatternden Atem zu kontrollieren und meine konfuse Gemütslage mit einer Nonsens-Meditation zu beruhigen. Ich stelle mir absurde Dinge wie Blumenzwiebeln, saure Gurken oder Taucherbrillen vor und lenke meine Gedanken dadurch um. Vor allem die Vision eines Regenbogens am Gewitterhimmel funktioniert normalerweise bestens. Doch heute erscheint vor meinem geistigen Auge immer wieder ein bunter Heißluftballon am Himmel, er verwandelt sich bald darauf in ein Flugzeug, und damit landen meine Gedanken unweigerlich wieder bei Ben …
Als ich dann mittags mein Studio verlasse, vernehme ich ein dumpfes Motorengeräusch. Ich blinzle nach oben in den strahlend blauen Sommerhimmel über Berlin. Und was dort zu sehen ist, verschlägt mir die Sprache.
Eine kleine Propellermaschine kreist über Moabit und zieht ein Transparent hinter sich her. In fettgedruckten Buchstaben steht dort:
ICH LIEBE DICH, NELLY NITSCHE!