Samstagnachmittag schaffe ich es endlich, Mama zu besuchen. Bis dahin war einfach zu viel los. Mein Job als Brittas private Trainerin, das Studio und der Telefondienst in der Praxis beanspruchen mich fast rund um die Uhr.
Phillip wollte eigentlich auch mitkommen, hat aber im letzten Moment abgesagt. Angeblich muss der Herr Pilot dringend für eine anstehende Prüfung lernen. Also mache ich mich mit einem großen bunten Strauß Sommerblumen alleine auf den Weg nach Dahlem ins Sanatorium.
Die Anlage hat absolut nichts mit einem Krankenhaus gemein. Und das liegt nicht nur an der strahlenden Nachmittagssonne, die alles noch viel freundlicher aussehen lässt. Wie ein kleines Landschloss aus einem Rosamunde-Pilcher-Film steht das Anwesen inmitten eines Parks mit großen Bäumen.
Hier lässt es sich gut krank sein, denke ich beim Betreten der Anlage. Und wer nicht bettlägerig ist, findet auf den Ruhebänken am Springbrunnen beim Wassergeplätscher idyllische Ruhe.
Über eine geschwungene Steintreppe und einen breiten Aufgang gelange ich ins Schlossinnere. Auch dort empfängt mich nicht die sonst übliche Kliniksterilität. In der imposanten Eingangshalle warten einige Besucher in kaffeebraunen Lederfauteuils auf ihre Angehörigen. Alles in allem herrscht hier eine sehr gepflegte Atmosphäre, die ganz nach dem exklusiven Geschmack meiner Mutter sein dürfte.
Am Empfang erfahre ich von einem freundlichen Concierge, dass «Frau Dr. Nitsche in einem Einzelzimmer in der Beletage residiert».
Sie residiert in der Beletage!?
Wenig später sehe ich, dass Mama tatsächlich in einem großzügigen Erkersalon untergebracht ist, durch dessen hohe Sprossenfenster viel Licht hereinfällt. Zum Königinnengemach gehören aber auch stilvolle Lampen und Bilder sowie ein imposantes Bett mit Rüschenkissen und eine Decke aus geblümtem Seidenstoff.
In einem vanillegelben Negligé liegt meine Mutter in gleichfarbigen Kissen. Sie liest in einem Buch, das sie ziemlich weit von sich weghält.
Als sie mich erblickt, mustert sie mich verwundert, obwohl ich mich doch angemeldet hatte. «Antonella!» Träge lässt sie ihr Buch sinken.
«Hallo, Mama, wie geht es dir?», begrüße ich sie mit einem Küsschen auf die Wange. «Du siehst schon wieder viel besser aus. Phillip lässt dich übrigens grüßen. Er wäre sehr gerne mitgekommen, muss aber leider lernen.»
«Hast du meine Brille mitgebracht?», fragt sie unumwunden und kneift demonstrativ die Augen zusammen.
Erleichtert atme ich aus: Das ist meine Mutter, wie ich sie kenne. Und da weitere Kommentare ausbleiben, scheint sogar mein Outfit okay zu sein – ich hab das T-Shirt vorsichtshalber gebügelt, weil Mama mich oft wie mit der Lupe betrachtet. Das hätte ich mir aber wohl sparen können, denn sie scheint ganz andere Sorgen zu haben.
«Ähm, ja … also, deine Brille …», stottere ich, weil ich die natürlich absichtlich vergessen habe. Um ehrlich zu sein, brauche ich sie fürs Therapeutinnengefühl. «Ich habe das ganze Haus abgesucht, ehrlich, konnte sie aber nirgendwo finden», schwindle ich und merke, dass mein Augenlid zuckt.
Ohne ihre Brille wird Mama das aber nicht bemerken.
«Sehr mysteriös», schnauft sie kopfschüttelnd. «Ich bin mir ganz sicher, sie zuletzt auf meinem Schreibtisch gesehen zu haben.»
Zweifelnd ziehe ich die Augenbrauen hoch. «Tatsächlich? Ich meine, in der ganzen Aufregung wäre es doch nicht verwunderlich, wenn du dich nicht so genau erinnern könntest, oder?»
«Papperlapapp», wischt Mama meinen Einwand mit einer Geste weg. «Ich leide doch nicht unter Amnesie! Apropos …» Sie stockt, als erwarte sie einen überfälligen Bericht. «Ist in der Praxis alles in Ordnung?»
«Ähm, ja, natürlich», erwidere ich leicht entrüstet und stelle schnell die Blumen ins Wasser, um abzulenken. Anschließend platziere ich die Vase auf dem kleinen Kaffeetisch und ziehe mir einen der beiden Besucherstühle an Mamas Bett.
«Hast du auch allen Patienten absagen können?», bohrt sie weiter nach.
«Ja, ja, alles erledigt», antworte ich ausweichend und zwirble eine Haarsträhne um meinen Finger.
Doch wie befürchtet ist meine Mutter damit nicht zufrieden. «Wie hat denn dieser … Ach, ich komm jetzt nicht auf den Namen. Die retrograde Amnesie, also, wie hat dieser Patient auf die Absage reagiert?»
«Ach, mach dir keine Sorgen», beruhige ich sie. «Ich hab alles im Griff.»
Skeptisch zieht Mama die Augenbrauen hoch. Offensichtlich glaubt sie mir kein Wort.
«Ehrlich», betone ich und behaupte: «Er hat versprochen, sich an Tante Tessa zu wenden, wenn es ihm schlechter geht.» Und dann fällt mir eine Möglichkeit ein, wie ich Mama noch zu Bens Krankheitsbild ausquetschen kann. «Allerdings könnte es natürlich auch sein, dass er es vergisst», sage ich. «Immerhin leidet er doch an Amnesie, oder nicht?»
«Retrograde Amnesie», verbessert sie mich.
«Und worin besteht der Unterschied?» Interessiert beuge ich mich vor.
«Totale Amnesie bedeutet den kompletten Gedächtnisverlust. Die Patienten vergessen, wer sie sind, wo sie arbeiten und ob sie verheiratet sind. Einfach alles. Oft vergessen sie sogar ihre Namen. Es ist der totale Blackout.» Sie richtet sich auf. «Patienten mit retrograder Amnesie dagegen fehlt nur die Erinnerung für einen bestimmten Zeitraum. Wobei dieses nur im Einzelfall natürlich als äußerst quälend erlebt werden kann. Auslöser ist im Regelfall ein Schädel-Hirn-Trauma. Genaueres lässt sich jedoch erst nach eingehender Kenntnis des jeweiligen Falls beurteilen», doziert Mama mit funkelnden Augen.
Mist, das weiß ich doch schon alles.
«Das ist ja hochspannend», sage ich ehrfürchtig und starte einen neuen Versuch, Mama zu weiteren Ausführungen zu bewegen. «Hast du nicht ein Beispiel parat?»
An ihrer erfreuter Miene erkenne ich, dass sie den Köder geschluckt hat. Sie liebt es, über Psychotherapie und Krankheitsbilder zu referieren.
«Nun», beginnt sie lächelnd. «Nehmen wir einen leidenschaftlichen Radsportler … Da er seine gesamte Freizeit seinem Sport widmet, wird er von seiner großen Liebe verlassen, weil die Freundin sich verständlicherweise vernachlässigt fühlt. Direkt nach der Trennung stürzt er beim Training, erleidet eine Kopfverletzung – respektive ein Schädel-Hirn-Trauma – und kann sich daraufhin nicht mehr an die Frau erinnern. Auch nicht an ihren Namen, wie sie aussah und alles, was mit ihr zusammenhing.»
«Ach», schnaufe ich. «Dann kann er in Zukunft seinem Sport also ohne schlechtes Gewissen frönen?»
«Ganz so einfach ist es nicht», erklärt sie. «Unser Sportler wird in Zukunft nämlich keine Freude mehr an seiner Leidenschaft empfinden. Jedes Mal, wenn er aufs Rad steigt, überkommt ihn schlechte Laune bis hin zur Depression. Aber er kann sich nicht erklären, wie es zu diesem plötzlichen Sinneswandel kommt, weil er die Frau ja vergessen hat.»
«Puh, das ist ja ganz schön tragisch», murmele ich. «Und was passiert, wenn dieser Sportler nochmal stürzt? Käme sein Erinnerungsvermögen dann zurück?»
«Derartige Studien sind mir nicht bekannt. Wäre schön, wenn es so einfach ginge», sagt Mama und lehnt sich zufrieden in die Kissen. «Man könnte den Patienten einfach einen über den Schädel ziehen und … Äh, wie dem auch sei, morgen werde ich entlassen, und ab Montag bin ich wieder auf dem Damm.»
«Was???» Entsetzt presse ich mir die Hand vor den Mund, um nicht aufzuschreien. «Morgen schon? Aber … aber du bist doch … ähm, du hattest doch einen …»
«Du meinst, Nervenzusammenbruch?», vollendet Mama meine Stotterei. «Es war lediglich eine kleine Unpässlichkeit. Ich war gestresst und habe einen besonders schweren Fall nicht mit genügend Abstand betrachtet. Das war hochgradig unprofessionell, und dergleichen rächt sich immer», erklärt sie und streicht sich in bekannter Manier übers Haar.
Mir fällt auf, dass ich als Dr. Ella Nitsche meinen Haarknoten auf ähnliche Weise betatsche. Scheint wohl eine typische Berufsmarotte zu sein.
«Meinst du nicht, du brauchst noch ein wenig Ruhe?» Und ich brauche dringend ein Argument, das Mama noch länger in der Klinik hält. Verzweifelt starre ich auf die Blumenbettwäsche und suche nach einer zündenden Idee.
«Den ganzen Tag nur rumzuliegen ist mir einfach zu langweilig. Dabei wird man depressiv», nörgelt sie.
«Das wäre natürlich eine höchst unerwünschte Wirkung», murmele ich halblaut vor mich hin. «Was sagt denn der Arzt? Lässt der dich denn schon gehen?»
«Ach, der.» Sie winkt verächtlich ab. «Die haben doch alle keine Ahnung.»
«Nicht?»
«Nein! In diesem Sanatorium werden nämlich hauptsächlich Nasen begradigt, Augenlider gestrafft und Tränensäcke entfernt.» Mama rollt mit den Augen.
Ich verstehe gar nichts mehr. Behandelt man psychisch Kranke heutzutage auf diese Art und Weise? Na ja, vermutlich fühlt man sich gleich viel besser, wenn einem ein straffes Gesicht aus dem Spiegel entgegenblickt. «Und das hilft bei … ähm … Nervenleiden?», frage ich dennoch vorsichtig nach.
«Antonella», lacht Mama amüsiert auf. «Hier hat niemand Probleme mit seinen Nerven. Höchstens, wenn er beim Anblick einer verpfuschten OP durchdreht … Dieses Haus ist kein Nervensanatorium, sondern vorwiegend eine Klinik für Geburtshilfe und Plastische Chirurgie. Du kannst hier dein Kind auf die Welt bringen und dir danach die angefutterten Kilos absaugen lassen.»
«Aber wieso hat dich Tante Tessa dann –»
«Aus zwei Gründen», unterbricht mich Mama. «Erstens ging es lediglich um ein paar Tage Erholung. Zweitens ist Tessa mit dem Chefarzt eng befreundet. Wir wollen ja auf jeden Fall verhindern, dass irgendjemand auf die Idee kommt, eine renommierte Therapeutin hätte einen Zusammenbruch erlitten. Wer würde sich dann noch von mir behandeln lassen wollen? Offiziell kuriere ich also nur eine chronische Nasennebenhöhlenentzündung aus.»
«Aha!» Entmutigt sinke ich auf meinem Stuhl zusammen. Am liebsten würde ich schreien: Du musst aber hierbleiben! Ben ist noch nicht geheilt. «Hatte Tante Tessa nicht von vier Wochen gesprochen?», versuche ich es halbherzig.
«Ja, das würde den Ärzten hier so gefallen», schnauft Mama empört. «Für mich als Privatpatientin würden diese Halbgötter in Weiß auch ein neues Leiden erfinden, damit sie es vor meiner Kasse vertreten könnten.»
Durchatmen!, ermahne ich mich, jetzt bloß kein wirres Zeug daherreden.
«Bist du denn auch gründlich untersucht worden?», frage ich besorgt. «Ich meine, Geburtshelfer und Schönheitschirurgen sind ja nicht gerade Koryphäen auf dem Gebiet von Nervenleiden.»
«Was ist denn mit dir los, Antonella?» Mama betrachtet mich verwundert. «Seit wann weißt du denn so gut über medizinische Fachrichtungen Bescheid?»
«Das sagt einem doch der gesunde Menschenverstand», wende ich entrüstet ein. «Ich sorge mich einfach um dich … Also, was ist, wurde ein gründlicher Check-up durchgeführt oder nicht?»
«Ja, ja», antwortet meine Mutter ungehalten und betätschelt erneut ihr Haar. «Aber das Wichtigste ist doch, dass ich mich wieder fit fühle und Montag am Schreibtisch sitze.»
Als ich die Klinik verlasse, brummt es wie eine Kreissäge in meinem Kopf: Montag, Montag, Montag.
Da bleiben mir ja keine zwei Tage mehr, um Bens Amnesie zu heilen! Sobald Mama die Praxis wieder übernimmt, wird sie ihre Patienten anrufen und natürlich auch Ben, und was dann passiert, will ich mir gar nicht erst vorstellen. Die von mir mit Bleistift eingetragenen Termine kann ich ausradieren, aber Bens Telefonnummer hat Mama mit Kuli notiert.
Augenblicklich fühle ich mich, als würde mich jemand würgen. Ob daher der Begriff Galgenfrist stammt?
Niedergeschlagen suche ich auf dem Heimweg nach einer Lösung. Ich brauche dringend eine zündende Idee. Irgendetwas, das die sich anbahnende Katastrophe aufhält.
In meiner Verzweiflung fällt mir nur Britta ein. Sie muss mir helfen! Sie weiß bestimmt Rat. Britta ist eine Unternehmerin mit massenhaft genialen Ideen, sonst wäre sie ja nicht so erfolgreich.
Doch meine Freundin kommt an diesem Abend nicht nach Hause. Selbst auf ihrem BlackBerry ist sie nicht zu erreichen.
Ich hinterlasse mehrere Panikrufe auf ihrer Mailbox und bitte sie, dringend zurückzurufen. Jetzt kann mir nur noch eines helfen: auf den Kopf stellen und auf ein Wunder hoffen.