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Mama hatte tatsächlich einen lehrbuchmäßigen Nervenzusammenbruch. Jedenfalls war das Tessas Diagnose, und sie bestand darauf, unsere Mutter ins Park-Sanatorium zu bringen. Selbstverständlich sind Phillip und ich mitgefahren. Dass Mama tatsächlich durchgedreht sein sollte, fanden wir alarmierend.

Wie sich herausstellte, ist Tessa in dieser Klinik mit der halben Ärzteschaft befreundet, was eine Vorzugsbehandlung ermöglicht. Dennoch mussten wir eine Stunde warten, bis der Chefarzt uns endlich mitteilte, dass Mama nur überarbeitet wäre und dringend eine Auszeit brauche. Drei, vier Wochen Reha, und sie wäre wieder die Alte. Was es mit diesen geheimnisvollen Dildos auf sich hat, konnte er aber auch nicht herausfinden. Schade. Ich muss zugeben, dass es mich doch brennend interessiert, was hinter dem ominösen Ausraster meiner Mutter steckt.

Phillip und Tessa haben mehr oder weniger über meinen Kopf hinweg beschlossen, dass ich die Praxis übernehmen soll – jedenfalls das Telefon, nicht die Patienten. Die Praxis müsse unbedingt besetzt sein, meinte Tessa, die selbst stark eingebunden ist. Sonst bestünde die Gefahr, dass die Patienten zur Konkurrenz abwandern. Menschen in therapeutischer Behandlung seien schnell frustriert, wenn ihr Therapeut durch einen leblosen Anrufbeantworter ersetzt würde. Psychisch labile Menschen müsse man behutsam behandeln.

Pah! Als ob ich das nicht wüsste.

Der Telefondienst bleibt damit an mir hängen. Phillip kann seine Ausbildung unmöglich unterbrechen – hat er jedenfalls behauptet. Zum Glück behandelt Mama nur nachmittags und nur Privatpatienten. Vormittags ist sie ehrenamtlich bei einer psychologischen Jugendberatung tätig. Um diese Termine will sich Tessa kümmern.

Tja, nun werde ich in den nächsten Wochen also wie eine fleißige Arbeitsbiene am Vormittag meine zwei Yogastunden geben, dann in die Praxis hetzen und am späten Nachmittag wieder zurück ins Studio sausen. Die Fünf-Uhr-Stunde muss ich leider streichen. Dafür habe ich mich jetzt doch durchgerungen, in Zukunft am Sonntagvormittag zu unterrichten.

 

Montagmittag betrete ich dann zum ersten Mal die Praxis von Dr. Ella Nitsche, als deren «Assistentin». Ich habe mir dafür extra passende Klamotten von Mama ausgeliehen. Tessa hatte mir nämlich nahegelegt, mich ordentlich zu kleiden, falls unverhofft ein Patient vor der Tür stünde. In meinen eigenen Sachen könne man mich sonst für die Putzhilfe halten.

Ein enger grauer Rock und eine dazu passende hellgraue Seidenbluse erscheinen mir akzeptabel. Da ich etwas kleiner und schlanker als Mama bin, sind mir die Blusenärmel zu lang und der Rock eine Nummer zu groß. Kurzentschlossen schlage ich die Ärmelmanschetten einmal um und schnüre den Rock mit einem schwarzen Gürtel in der Taille zusammen. Das Ganze ist zwar ziemlich unbequem, aber so müsste es gehen.

Die für heute angesetzten Termine konnte ich bereits gestern absagen. Gut, dass Mama gewohnheitsmäßig die Telefonnummern neben den Namen notiert. Nur bei einem Patienten lauschte ich einer Computerstimme, die Nummer sei nicht vergeben. Im Kalender steht für 14 Uhr der Name Reuther und daneben: r. a.??? Keine Ahnung, was das bedeutet. Ich werde den Patienten also empfangen, die Situation erklären und Tessas Visitenkarte überreichen.

Etwas mulmig ist mir schon dabei. Vielleicht bedeutet r. a. ja so was wie radikale Aggressionen? Ich meine, was mache ich, wenn er oder sie mir aus lauter Frust über die ausfallende Therapiesitzung an die Kehle springt?

Durchatmen und bloß keine Panik aufkommen lassen, spreche ich mir Mut zu. Ich lege mir noch Mamas silberne Armbanduhr um und schlüpfe in ein Paar schwarze Slipper aus ihrem Schuhschrank. (Sogar ein Modemuffel wie ich weiß, dass grüne Flipflops unmöglich in einer Praxis aussähen.) Nur leider kann ich kaum darin laufen. Watscheln würde eher zutreffen. Ich beschließe daher, sie erst später anzuziehen. Meine krause Haarpracht stecke ich im Nacken mit Nadeln und Klammern zu einem strengen Knoten zusammen und betoniere das Ganze mit einer Ladung Haarspray.

Als ich mein vollendetes Werk im Spiegel betrachte, muss ich grinsen. Puh! Ich sehe ziemlich verändert aus. Irgendwie so seriös. Und mindestens zehn Jahre älter. Jetzt muss ich nur noch Mamas Brille aufsetzen, und ich erfülle alle Klischees einer typischen Therapeutin, die eine eigene Kolumne in «Psychologie heute» schreibt. Aber das ist natürlich nebensächlich, da ich nicht vorhabe, Herrn oder Frau Reuther zu therapieren. Ich werde sie oder ihn noch im Flur abfertigen. Das dauert höchstens fünf Minuten, dann ist mein Job erledigt. Anschließend kann ich wieder in meine bequemen Latzhosen steigen.

Doch Patient Reuther lässt auf sich warten. Ob Mama in so einem Fall die Stunde dennoch berechnet?

Als die Klingel schrillt, rase ich in meinen Flipflops zur Tür. Während der Woche ist die Haustür nämlich nicht verschlossen, deshalb dürfte der Patient schon vor der Wohnungstür warten und –

Ben!?

Mir bleibt die Luft weg. Das kann doch nicht sein! Halluziniere ich etwa? Was will Ben denn in der Praxis meiner Mutter?

In einem ersten Impuls schließe ich vor lauter Schreck die Augen. Könnte ja sein, dass ich mir das tatsächlich nur einbilde. Doch als ich sie wieder öffne, steht Ben immer noch da und lächelt mich irritiert, aber freundlich an. Er trägt einen sandfarbenen Sommeranzug, dazu ein rosa Hemd ohne Krawatte. Er sieht ein bisschen feingemacht aus, aber genauso süß, wie ich ihn in Erinnerung habe. Seine grünen Augen blitzen unverändert sexy, er ist rasiert und duftet nach Aftershave.

Aber wie kommt er hierher?

Hat er mich etwa gesucht? Will er sich entschuldigen? Aber woher sollte Ben wissen, dass ich hier bin? Moment mal 

Sollte er etwa Mamas Patient sein? Nein, das ist doch nicht möglich.

Oder?

Ben blickt mich fragend an. «Dr. Nitsche?»

Ach, du großer Sigmund Freud! Er ist der Zwei-Uhr-Patient! Und hält mich für die Therapeutin!

Aber erkennt er mich denn nicht? Was ist bloß los mit ihm?

Verunsichert mustert Ben mich eingehend. Seine Augen flackern nervös, und er sieht irgendwie hilflos und beinahe unglücklich aus.

Mist. Was mache ich denn jetzt? Ich muss etwas sagen! Jetzt sofort!

«Ja … ähm … Bitte, kommen Sie doch herein», stottere ich und trete einen Schritt zur Seite. Dabei wäre ich beinahe über Mamas schwarze Slipper gestolpert. «Verzeihen Sie, ich war gerade dabei … ähm … mir ein Paar bequeme Schuhe anzuziehen.»

Er lächelt erleichtert. «Ach, kein Problem. Zu Hause laufe ich auch nur barfuß. Aber eigentlich muss ich mich für die Verspätung entschuldigen. Ich hatte den Termin aber nicht vergessen, wenn Sie wissen, was ich meine.»

Nein, weiß ich nicht. Und wieso überhaupt vergessen? Verständnislos blicke ich ihn an.

«Wie Sie bereits am Telefon vermutet hatten, Dr. Nitsche, scheint es sich tatsächlich nur um eine retrograde Amnesie zu handeln.»

Amnesie???

Was bedeutet das denn? Dass sein Gedächtnis voller schwarzer Löcher ist?

Am liebsten würde ich ihm ja um den Hals fallen, aber ich muss vorsichtig sein und genau überlegen, was zu tun ist. Auf keinen Fall lasse ich ihn wieder gehen. Nie wieder!

Also erst mal durchatmen und sich der Situation anpassen, biegsam wie der Wind im Bambus gegen das Leben im Sturm … Oder war es andersrum? Den genauen Wortlaut kriege ich jetzt in der Aufregung nicht zusammen. Außerdem muss ich mich konzentrieren. Und vor allem diese nervige kleine Stimme in meinem Hinterkopf verdrängen, die mir dauernd zuflüstert, dass ich mich nicht für Mama ausgeben darf. Ich weiß ja, dass es nicht richtig ist. Aber es handelt sich hier eindeutig um einen Notfall!

«Ähm, ja. Also bitte hier entlang.» Lächelnd weise ich mit einer Handbewegung den Flur entlang, als wäre ich hier die Hausherrin. Eilig schlüpfe ich in die Slipper und folge ihm dann, soweit das in diesen Schuhen überhaupt möglich ist.

Ben wartet geduldig im Flur, doch als ich an ihm vorbeihusche und das Behandlungszimmer betreten will, bleibt er stehen.

«Haben Sie an den weißen Raum gedacht?»

Hä?

Was hat das denn zu bedeuten? Ich habe zwar keine Ahnung von Therapien oder wie Therapeuten sich verhalten, aber Mama beantwortet Fragen gerne mit Gegenfragen. Ein Versuch kann also nicht schaden.

«Ähm … weißen Raum?» Meine Stimme verrutscht etwas, und ich hoffe, dass Ben meine Unsicherheit nicht bemerkt.

«Ja, weiße Möbel, weiße Teppiche, weiße Vorhänge oder so», erklärt er.

Na, das hat schon mal ganz gut geklappt. Aber soll das jetzt heißen: Er kann sich nur in weißen Räumen aufhalten? Oder hasst er Weiß?

«Tja, leider sind nur die Wände weiß», sage ich, öffne die Tür und bleibe an der Schwelle stehen. «Sehen Sie selbst.»

Mein ehemaliges Kinderzimmer wurde in einen lichtdurchfluteten Wohnraum mit modernem Mobiliar verwandelt. Quer zu den beiden Fenstern befindet sich ein zierlicher antiker Schreibtisch aus hellem Kirschholz mit einem gepolsterten Lederstuhl. Davor stehen zwei Thonet-Stühle mit Armlehnen, wie man sie aus Cafés kennt. Hinterm Schreibtisch lockert ein großes farbenfrohes Gemälde den Raum auf. Ebenso wie die diversen Sitzgelegenheiten. Unbestritten ist aber die dunkelrote Samtcouch an der Wand das Prunkstück des Zimmers. Man liegt darauf so bequem wie in einem Bett und hat alles im Blick. Soweit ich mich erinnere, hat Mama extra einen Farb-Coach engagiert, damit sich Patienten so wohl wie möglich fühlen. Hoffentlich findet Ben die Farben nicht so ätzend, dass er kehrtmacht und mich wieder verlässt.

Nein, Ben bleibt.

Zögernd betritt er den Raum, sieht sich kurz um und seufzt erleichtert. «Weiße Wände sind okay.»

Aha! Jetzt hab ich es kapiert. Er hat ein Problem mit weißen Sachen. Eine Phobie? Wäre möglich. Mir fällt unser erstes Zusammentreffen an der Currywurstbude ein und wie er mein weißes Kleid fixiert hat.

Ich tue jetzt mal so, als sei ich tatsächlich seine Therapeutin und diagnostiziere: Ben leidet unter retrograder Amnesie und obendrauf unter einer Weißphobie. Mann, das wird spannend. Vor allem, weil ich nicht weiß, was «retrograd» bedeutet.

«Wo?» Bens Stimme dringt in meine Gedanken.

Was hat die Frage denn jetzt schon wieder zu bedeuten?

«Wo?», wiederhole ich automatisch und fühle mich ein bisschen so, als würde ich mit einem Kleinkind sprechen. Aber vielleicht funktioniert der Wiederholungstrick ja.

«Wo soll ich mich hinsetzen?», präzisiert Ben.

«Oh, ach so. Ähm … Sie haben freie Platzwahl», antworte ich und zeige mit beiden Händen lässig in die Runde. «Suchen Sie sich was aus. Es gibt keine Vorschriften. Manchmal lege auch ich mich auf die Couch, und … ähm … die Patienten sitzen neben mir.»

O nein! Was rede ich da für einen Stuss?

Nelly Nitsche, du bist weder Therapeutin, noch hast du Patienten!, ermahne ich mich. Aber ein sanftes Lächeln ist auf keinen Fall verkehrt. Therapeuten müssen wahrscheinlich einfach dauernd lächeln, um Gelassenheit und Ruhe auszustrahlen. Jedenfalls stelle ich mir das so vor.

Ben taxiert erst den hellen maskulin wirkenden Ledersessel und danach die Couch.

«Wenn Sie möchten, können Sie auch gerne ausprobieren, was Ihnen zusagt», ermuntere ich ihn. «Fühlen Sie sich ganz wie zu Hause.»

Unschlüssig bleibt er stehen. Offensichtlich fällt ihm die Entscheidung schwer. Oder kann es sein, dass er sofort wieder vergisst, was er gerade wollte? Ich muss dringend nachsehen, was das für eine spezielle Amnesie sein soll, unter der er leidet.

«Wo sitzen Sie denn?», wendet er sich jetzt an mich.

Ich? Huch, das habe ich mir ja noch gar nicht überlegt.

«Ähm, auch da gibt es kein Muss», antworte ich souverän und schlage vor: «Wir könnten uns ja mit den beiden Thonet-Stühlen an den kleinen Tisch am Fenster setzen. Ganz ungezwungen, wie in einem Café … Möchten Sie vielleicht etwas trinken?»

Ben lächelt dankbar. «Ja, ein Glas Wasser, bitte. Es ist ziemlich heiß heute. Noch lieber wäre mir natürlich ein Erinnerungsshake, falls Sie so etwas haben.»

«Mal sehen, was sich machen lässt.» Amüsiert steige ich auf seinen Scherz ein und entschuldige mich dann für einen Moment. Beim Rausgehen greife ich beiläufig in das Regal mit den Fachbüchern nach dem «Lexikon der Psychologie» und eile damit in die Küche.

 

Als ich wenig später mit zwei Gläsern und einer Flasche Mineralwasser auf einem Tablett erscheine, hat Ben vor dem Schreitisch auf einem der Stühle Platz genommen.

Fragend sieht er mich an, als ich eintrete. «Ist das okay?»

«Oh, ja … ganz prima», versichere ich erleichtert. Denn auch ich werde mich am Schreibtisch wohler fühlen. Dann kann ich unterm Tisch unauffällig die Hände ringen, falls ich in meiner Unwissenheit nicht weiterweiß.

Ich stelle das Tablett ab, gieße uns Wasser ein und nehme ihm gegenüber Platz.

Erwartungsvoll blickt mich Ben mit seinen grünen Augen an.

Nein, ich kann das nicht. Ich kann nicht einfach Mamas Platz einnehmen und so tun, als hätte ich den totalen Durchblick. Dabei würde ich Ben doch so gerne helfen! Er sieht so unglücklich aus und braucht ganz offensichtlich Hilfe. Und ich wäre im Moment auch äußerst dankbar für ein paar Hinweise, wie man eine Therapie beginnt.

Welche Fragen stellt man? Gibt es vielleicht Fragebögen? Muss man die Personalien irgendwo eintragen?

Huch! Sehe ich da ein fragendes Flackern in seinen Augen? Hat er sich jetzt doch an mich erinnert? Ach du Schreck, was ist, wenn er mich durchschaut? Ich darf gar nicht daran denken, was das für Folgen haben könnte, wenn er mich entlarvt.

Durchatmen, ermahne ich mich. Vielleicht sollte ich so tun, als würde ich im Computer etwas lesen? Das sähe doch bestimmt schon mal superprofessionell aus, oder?

Bemüht gelassen öffne ich den Laptop. Während der Rechner hochfährt, nippe ich an meinem Wasser und lächle Ben freundlich an. Ob er schon mal eine Therapie hatte, überlege ich, und somit eine gewisse Ahnung hat, wie so was abläuft?

«Ähm, zunächst mal eine grundsätzliche Frage, Herr Reuther», beginne ich mit gleichmütigem Unterton, der Ben suggerieren soll, dass ich diese harmlose Frage jedem Erstpatienten stelle. «Waren Sie bereits in psychotherapeutischer Behandlung?»

«Ja … Nein … Na ja, nicht direkt.» Er fährt sich durch die Haare. «Ich hatte in den letzten Wochen oft Kopfschmerzen, und mir war häufig schwindelig. Deshalb habe ich meinen Hausarzt aufgesucht, der mich wiederum an einen Neurologen überwiesen hat. Dort wurden diverse Tests mit mir gemacht, um körperliche Beschwerden auszuschließen. Dann empfahl man mir, mich an Sie zu wenden», sprudelt Ben los.

Dauerkopfschmerzen? Das wird ja immer verzwickter.

«Nun, ich benötige die Information natürlich nur für die Unterlagen», informiere ich ihn und blicke dabei auf den Laptop, als würde ich seine Antwort irgendwo eintragen wollen. Nur leider will das blöde Ding ein Passwort von mir wissen.

Mist! Das bringt mich jetzt total aus dem Konzept.

Inzwischen hat Ben einen großen Schluck Wasser genommen und das Glas wieder abgestellt. «Darf ich Ihnen auch eine Frage stellen, Dr. Nitsche?»

Ich schenke ihm ein verkrampftes Lächeln. «Bitte schön.»

«Kennen wir uns nicht?»

Für eine Schrecksekunde glaube ich, mein Herzschlag würde aussetzen.

«Wie bitte?», krächze ich und versuche den Kloß in meinem Hals runterzuschlucken.

Ben mustert mich eine gefühlte Ewigkeit. «Für einen kurzen Augenblick dachte ich, wir wären uns vielleicht schon mal begegnet.»

Er erinnert sich also doch! Logisch. Er leidet ja auch nicht unter totalem Gedächtnisverlust. Wie ich in der Küche im Lexikon nachlesen konnte, umfasst die retrograde Amnesie nur einen bestimmten Zeitraum. Aber kann die Erinnerung plötzlich wiederkommen? Wird Ben jetzt gleich aufstehen, mich als Betrügerin beschimpfen und empört den Raum verlassen?

Panisch suche ich den Schreibtisch nach irgendetwas ab, das mich retten kann. Mein Blick fällt auf Mamas Brille. Ohne lange zu überlegen, setzte ich sie auf die Nase und hebe selbstbewusst den Kopf. Leider sehe ich Ben jetzt total verschwommen.

«Nein», seufzt er, «ich fürchte, ich habe mich getäuscht. Wir kennen uns doch nicht.»

Puh, gerettet von einer Hornbrille! Erleichtert atme ich auf.

Und mit einem Mal blitzt ein verrückter Gedanke in meinem krausen Gehirn auf: Theoretisch könnte ich ja behaupten, Ben und ich wären verheiratet und er sei nur zum Zigarettenholen gegangen und dann spurlos verschwunden. Nun hätte uns ein glücklicher Zufall wieder zusammengeführt und 

Mannomann, wäre das romantisch. Leider fehlt mir dazu der Mut. Außerdem müsste ich dann eine gemeinsame Vergangenheit erfinden. Und ich weiß ja fast gar nichts aus seinem Leben. Nicht mal, wie alt er ist, wo er wohnt, und auch nicht, welchen Beruf er ausübt. Lediglich, dass er Nichtraucher ist und gerne im Mädchen ohne Abitur isst, weiß ich aus eigener Erfahrung.

«Ach», erwidere ich deshalb leichthin und klappe den Laptop wieder zu. «Das ist mir auch schon passiert.»

Verlegen rutscht Ben auf seinem Stuhl rum, und ich merke, dass ich jetzt endlich mit der Therapie anfangen muss.

«Nun … Herr Reuther …», beginne ich stotternd.

«Entschuldigung», unterbricht mich Ben. «Ich hätte da noch eine Frage.»

Irgendwie läuft das hier alles total verkehrt. Ich bin doch diejenige, die ihn ausfragen sollte!

Neugierig sehe ich Ben über den Brillenrand an, so, wie Mama das immer macht, wenn sie vorgibt, interessiert zu sein.

«Aber sicher doch», erkläre ich so gelassen wie möglich, während ich unter dem Tisch meine Finger knete. «Sie können mich selbstverständlich alles fragen.»

Hoffentlich fragt er mich nur nicht nach den Kosten für diese Sitzung. Ich kann doch unmöglich Geld von ihm nehmen.

«Danke. Also, ich … na ja», stottert er. «Ich war angenehm überrascht, dass Sie keine alte … äh, ich meine, dass Sie nicht die Klischees einer Therapeutin erfüllen, wie man sie aus Filmen kennt. Sie wissen schon: eine Frau kurz vor der Rente und ziemlich unattraktiv.»

«Bin ich nicht?», entgegne ich geschmeichelt und muss mich beherrschen, nicht breit zu grinsen. Ich gefalle ihm also auch in spießigen grauen Klamotten!

«Na ja, man hat Sie mir als renommierte Therapeutin empfohlen. Deshalb hatte ich eigentlich eine Frau um die fünfzig mit grauen Haaren und so erwartet … Äh, was ich eigentlich sagen will … Also, mir wäre wohler, wenn wir dieses … äh … dieses formelle Siezen lassen könnten. Unser Gespräch wäre dann wie eine Unterhaltung mit einer Freundin. Also, natürlich nur, wenn es nicht gegen irgendwelche … Regeln verstößt.»

Er will mich duzen!? Ich schmelze dahin. Er ist ja sooo süß.

«Nein, nein», erwidere ich eine Spur zu hastig.

«Oh, dann verzeihen Sie bitte.» Er klingt befangen und sieht plötzlich ziemlich verkrampft aus.

Ach du Schande! Jetzt hat er mich aber völlig falsch verstanden.

«Nein, ich meine, es spricht nichts dagegen. Ich bin …» In letzter Sekunde fällt mir noch ein, dass ich ja gar nicht ich bin. «Ich bin Ella.»

«Ben.» Er entspannt sich sichtlich.

«Sehr erfreut, Ben», grinse ich selig.

Jammerschade, dass wir keinen Schampus zu unserer Verbrüderung trinken können!

Gleich darauf ereilt mich ein etwas weniger schöner Gedanke: Wenn ich nicht Nelly Nitsche bin, wie erkläre ich dann die Situation, wenn Bens Erinnerung zurückkommt?

Ach, du Schande, das wird ja immer komplizierter. Ich muss sofort anfangen, wie eine professionelle Therapeutin denken. Ben war schließlich noch nie bei einem Therapeuten, somit hat er keine Vergleichsmöglichkeiten – und ich freie Hand. Im Prinzip kann ich also machen, was ich will. Ich könnte ihn gleich hier auf der Couch 

Stopp!

«Nun, vielleicht erzählst du mir einfach, wie es zu deiner … deiner Erinnerungslücke kam», beginne ich mit einem neugierigen Blick über die Brille hinweg. «Berichte mir doch erst mal alles, was dir zu deinem Problem in den Sinn kommt.»

«Nichts.» Hilflos zuckt Ben die Schultern. «Ich meine, ich kann mich an überhaupt nichts erinnern. Das ist es ja eben. Aber darüber haben wir ja schon am Telefon ausführlich gesprochen.»

«Stimmt», bestätige ich geistesgegenwärtig. «Das war nur eine Testfrage, um zu sehen, wie … ähm … wie vergesslich du bist.»

Das war gut, lobe ich mich insgeheim. Oder auch nicht, weil ich jetzt nicht nachfragen kann, was er bereits alles erzählt hat.

«Du hast also keine Ahnung, wodurch diese … ähm … diese retrograde Amnesie ausgelöst wurde?»

Mannomann, bin ich gut. Ich wusste gar nicht, dass ich so gestelzt daherreden kann. Im Lexikon konnte ich immerhin nachlesen, dass partieller Gedächtnisverlust meist durch ein traumatisches Erlebnis im Zusammenhang mit Kopfverletzungen verursacht wird.

«Ausgelöst?» Ben wirkt verunsichert.

«Ein Unfall könnte zum Beispiel die Ursache sein», präzisiere ich. «Oder auch ein Schock.»

Ben scheint angestrengt nachzudenken, schüttelt dann aber den Kopf. «Nein. Da ist absolut nichts. Also, ich erinnere mich an nichts. Aber vor zwei oder drei Wochen muss etwas geschehen sein.»

«Mmm», hake ich ein und wiederhole stoisch: «Zwei oder drei Wochen also?»

Vor zwei Wochen haben wir uns kennengelernt, würde ich ihm am liebsten ins Ohr säuseln. An einem Montagabend saßen wir im Mädchen ohne Abitur, haben gegessen und geflirtet und uns am Ende leidenschaftlich geküsst. Dabei fällt mir ein, dass er damals etwas von einem traumatischen Erlebnis erzählt hat. Also muss nach unserem Abend etwas geschehen sein, das seine Amnesie ausgelöst hat, kombiniere ich. Aber dieses Frage-Frage-Spielchen kann ich wohl nicht viel länger betreiben. Also versuche ich es mit einer naheliegenden Frage.

«Wann genau hast du denn festgestellt, dass dir die Erinnerung für einen bestimmten Zeitraum fehlt?»

«Auf einem Flug von Berlin nach München», antwortet Ben, ohne nachdenken zu müssen.

Als ich interessiert nicke, rutscht mir die Brille von der Nase, und ich schiebe das Gestell schnell wieder hoch. Eine Geste, die ich von Mama kenne, als sie mir noch bei meinen Schulaufgaben geholfen hat.

Fahrig greift Ben nach seinem Glas, stellt es dann aber wieder zurück. «Bereits während der Fahrt zum Flughafen war ich ungewöhnlich nervös. Ich war ziemlich spät dran und dachte, mein Zeitproblem wäre der Grund dafür. Doch als ich am Check-in-Schalter stand und auch noch feuchte Hände bekam, wusste ich, dass etwas nicht stimmte. Ich hab dir ja bei unserem Telefonat schon erzählt, dass ich für meine Firma viel unterwegs bin.»

Klasse! Meine Mutter weiß also, womit Ben sein Geld verdient. Aber jetzt bin ich Ella Nitsche und kann wohl kaum behaupten, es vergessen zu haben. Wer würde schon zu einer vergesslichen Therapeutin Vertrauen fassen? Aber zumindest weiß ich schon mal, dass Ben eine eigene Firma leitet. Das könnte eine Erklärung für sein Geldbündel Bargeld sein. Na gut, dann versuche ich es einfach nochmal mit dem Wiederholungstrick.

«Du bist also viel unterwegs?»

Ben greift erneut nach seinem Wasserglas. Und wie ich sehe, zittert seine Hand. Nur ganz wenig. Aber sie zittert.

«Macht dich bereits der Gedanke an einen Flug nervös?», hake ich nach.

Erschöpft blickt er aus dem Fenster.

«Vielleicht hast du Flugangst!», platze ich euphorisch heraus und würde ihm am liebsten einen Kopfstand verordnen.

«Ja, so viel weiß ich auch schon», entgegnet Ben beinahe ungehalten. «Das ist ja auch der Grund meines Kommens. Hätte ich nicht diese plötzliche Angst vorm Fliegen entwickelt, wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, dass etwas nicht stimmen könnte.» Er sieht mich ratlos an. «Letzte Woche habe ich an einem Seminar gegen Flugangst teilgenommen. Dazu gehörte auch ein abschließender Testflug mit allen Teilnehmern. Und während dieses Fluges war ich tatsächlich angstfrei. Doch als ich dann eine normale Linienmaschine bestieg, war die Angst wieder da. Aber ich fliege seit Jahren durch die Lande und hatte niemals Angst. Und ganz plötzlich, von einem Flug zum nächsten, rast mein Herz, mir wird schwindelig, und meine Nerven liegen blank. Ich kriege schon beim Einsteigen kaum noch Luft.» Panisch hält er sich jetzt an den Armlehnen seines Stuhls fest.

Das wird ja immer schlimmer: Ben hat eine Phobie gegen die Farbe Weiß, retrograde Amnesie und eine plötzlich aufgetretene Flugangst. Am liebsten würde ich in den Schreibtisch beißen! Aber ich bin die Therapeutin. Ich muss souverän sein.

Möglichst unauffällig versuche ich, durchzuatmen und nicht selbst in Panik auszubrechen, da dringt Bens nicht weniger verzweifelte Stimme zu mir durch.

«Wirst du mir helfen können?»

Es klingt, als sähe er in mir seine einzige Hoffnung. Aber ich kann nicht antworten. In meinem Hals steckt ein dicker Kloß, der noch dicker werden wird, je länger ich hier die Psychotante mime.

Nachdenklich streiche ich über meinen Haarknoten. Was für eine bescheuerte Verzweiflungsgeste. Eine gutsitzende Frisur wird mir ja wohl kaum weiterhelfen.

«Oder ist so was unheilbar?», hakt Ben nach.

Puh, mir wird ganz schwindelig. Was weiß ich schon über Amnesien? Nichts!

Eilig nehme ich einen Schluck Wasser und wünschte, es wäre hochprozentiger Schnaps. Als ich das Glas abstelle, fällt mir einer meiner Lieblingssprüche ein: Das Unmögliche versuchen, damit das Mögliche möglich wird!

«Ähm, selbstverständlich kann ich dir helfen», verkünde ich mit fester Stimme und füge im Stillen hinzu: Keinen blassen Schimmer, wie ich das anstellen soll, aber vor mir sitzt mein Traummann und ist offensichtlich total verzweifelt. Welche Frau würde da nein sagen?

Ben stößt einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus. «Danke, das beruhigt mich. Was meinst du, wie lange es dauern wird?»

«Hmm», murmele ich und blicke geschäftig auf meine Armbanduhr, als könne ich die Antwort darauf ablesen. «Das lässt sich schwer voraussagen, denn ich habe da ja auch noch diese …» Beinahe hätte ich Yogastunden gesagt. Im letzten Moment kriege ich die Kurve: «… diese anderen Patienten.»

Ben nickt beeindruckt. «Natürlich. Kannst du mich denn trotzdem dazwischenschieben?»

«Keine Sorge», beruhige ich ihn. «Du bist der interessanteste Fall, der mir seit langem begegnet ist. Den würde ich mir nie entgehen lassen.»

Eine Minisekunde lang habe ich den Eindruck, als würde mir Ben nicht ein einziges meiner hochtrabenden Worte glauben. Doch dann nickt er zu meiner eigenen Überraschung und erklärt schmunzelnd: «Hört sich toll an. Aber lieber wär’s mir, wenn ich mich wieder erinnern könnte.»

«Das wirst du», verspreche ich kühn und erhebe mich. «Für heute müssen wir aber leider Schluss machen. Wenn es dir morgen passt, hätte ich um zwei Uhr wieder einen freien Termin.»

Er schiebt den Stuhl zurück. Mein Patient!

«Danke, Ella, den nehme ich gerne.»

An der Wohnungstür verabschieden wir uns mit einem Händedruck.

«Also dann, bis morgen», sage ich vergnügt und merke, wie meine Stimme vor Aufregung vibriert. Schon morgen werde ich ihn wiedersehen!

Aber, Moment mal. Wird er unsere Verabredung auch nicht vergessen?

«Vielleicht solltest du dir den Termin notieren», schlage ich vor.

«Das ist ja das Merkwürdige.» Ben drückt meine Hand einen Moment länger als nötig. «Mit der Gegenwart habe ich keine Probleme. Nur in meiner Vergangenheit klafft eine Lücke.»

Verdammter Mist, ich gehöre schließlich auch zu seiner Vergangenheit! Aber das wird sich ändern. Schon bald werde ich wieder zu seiner Gegenwart gehören. Und vor allem zu seiner Zukunft. So wahr ich Dr. Nitsche bin!

Als Ben meine Hand loslässt und den Hausflur betritt, hält gerade der Lift.

Huch!

Das wird doch nicht Phillip sein, der verfrüht nach Hause kommt?

Ich werfe einen verstohlenen Blick auf meine Armbanduhr. Nein, Phillip müsste noch fliegen üben, beruhige ich mich.

Hoffentlich ist es kein Nachbar, der mich mit Nelly anspricht und sich über mein ungewohntes Aussehen wundert? Ich kann es bereits spüren: Gleich gibt’s eine Katastrophe.

Knarrend öffnet sich die Aufzugtür, und eine sehr attraktive Brünette tritt heraus. Sie blickt sich kurz um und kommt dann fragend auf mich zu:

«Dr. Nitsche?»