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Tagelang war die Geschichte von Johannas Prügelstrafe im Dorf in aller Munde. Der Dorfpriester hatte die eigene Tochter mit der Gerte so schrecklich zugerichtet, daß es sie um ein Haar das Leben gekostet hätte, erzählte man sich; der Dorfpriester hätte das Mädchen tatsächlich totgeschlagen, hätten die Schreie seiner Frau nicht die Aufmerksamkeit einiger Dorfbewohner erregt. Es hatte dreier kräftiger Männer bedurft, um den Dorfpriester von dem Kind fortzuzerren.

Doch es lag nicht an der Grausamkeit der Schläge, daß die Leute über diese Sache redeten. Solche Dinge waren an der Tagesordnung. Hatte der Hufschmied nicht seine Frau zu Boden geschlagen und ihr so lange ins Gesicht getreten, bis sämtliche Knochen gebrochen waren, weil er ihre Nörgeleien satt hatte? Das arme Wesen war für den Rest seines Lebens entstellt; aber dagegen konnte man nun mal nichts machen. Ein Mann war Herr im eigenen Hause, und niemand stellte diese Tatsache in Frage. Das einzige Gesetz, das der unumschränkten Herrschaft des Mannes gewisse Grenzen setzte, wenn es um Strafen ging, die er als angemessen betrachtete, beschränkte die Größe des Knüppels, den er beim Austeilen besagter Strafen benutzen durfte. Und der Dorfpriester hatte ja nicht mal einen Knüppel benutzt, bloß eine Gerte.

Nein, was die Bürger Ingelheims viel mehr interessierte war die Tatsache, daß der Dorfpriester die Beherrschung verloren hatte. Ein derart gewalttätiger Ausbruch war bei einem Mann Gottes etwas Unerwartetes, ja, Unziemliches, und deshalb – was Wunder – zerrissen die Leute sich die Mäuler darüber. Seit der Dorfpriester die sächsische Frau zu sich an Tisch und Bett geholt hatte, war nichts vorgefallen, über das man im Dorf so viel und so gern getuschelt hatte. Es war schon eine seltsame, lustige Sache. In kleinen Gruppen standen die Leute beisammen, tuschelten und hielten abrupt inne, wenn der Dorfpriester vorüberkam.

|86|Johanna wußte nichts von alledem. Nachdem der Vater sie verprügelt hatte, durfte auf sein Geheiß einen ganzen Tag lang niemand auch nur in ihre Nähe. Deshalb lag Johanna die Nacht und den ganzen darauffolgenden Tag bewußtlos in der Hütte. Schmutz vom zertrampelten Fußboden setzte sich auf ihrer aufgeplatzten Haut und dem zerfetzten Fleisch fest. Als Gudrun endlich die Erlaubnis erhielt, sich um ihre Tochter zu kümmern, hatten die Wunden sich entzündet, und in Johannas Körper breitete sich ein gefährliches Fieber aus.

Gudrun pflegte ihre Tochter aufopferungsvoll. Wie sehr sie sich wünschte, Hrotrud würde noch leben! Sie hätte gewußt, was zu tun wäre. Gudrun wusch Johannas Wunden mit frischem Wasser aus und legte ihr Tücher auf, die sie mit starkem Wein getränkt hatte. So behutsam sie konnte, um dem Mädchen keine weiteren Verletzungen zuzufügen, zog sie dann die Tücher ab und bestrich das rohe Fleisch vorsichtig mit einer kühlenden Salbe aus Maulbeerblättern.

Daran ist nur dieser Grieche schuld, ging es Gudrun voller Bitterkeit durch den Kopf, als sie heiße Milch mit Wein und Gewürzen kochte und sie Johanna einflößte, indem sie den Kopf des bewußtlosen Mädchens anhob und ihr den Heiltrank behutsam in den Mund träufelte. Dem Kind ein Buch zu geben und ihr nutzlose Gedanken in den Kopf zu setzen war unverantwortlich! Johanna war ein Mädchen, und deshalb hatte sie mit Bücherwissen nichts zu schaffen. Das Kind ist dazu bestimmt, bei mir zu bleiben, bei der Mutter, dachte Gudrun zornig – bei der sächsischen Mutter -, um die verborgenen Geheimnisse und die Sprache meines Volkes zu lernen, auf daß Johanna später einmal die Freude und der Trost meines Alters ist.

Möge die Stunde verflucht sein, als der Grieche den Fuß über die Schwelle dieses Hauses setzte. Möge der Zorn der Götter ihn treffen!

Doch trotz allen Schmerzes hatte es Gudrun mit Stolz erfüllt, als sie miterlebte, welche Tapferkeit das Kind an den Tag gelegt hatte. Johanna hatte ihrem Vater mit der heldenhaften Kraft ihrer sächsischen Ahnen die Stirn geboten. Auch sie selbst, Gudrun, war einst stark und mutig gewesen. Doch die langen Jahre der Demütigungen und des Lebens in einem fremden Land hatten ihr den Kampfeswillen geraubt, langsam, aber unaufhaltsam. Wenigstens, dachte sie stolz, ist mein Blut mir treu geblieben. Und deshalb hat meine Tochter die Kraft und den Mut meines Volkes geerbt.

|87|Sie hielt inne, streichelte Johanna über die Kehle und half ihr auf diese Weise, den Heiltrank zu schlucken. Werde gesund, meine kleine Wachtel, dachte sie. Werde gesund, und komm zu mir zurück.

 

Am frühen Morgen des neunten Tages ging das Fieber herunter. Johanna erwachte. Sie hatte Schmerzen, war aber wieder bei vollem Bewußtsein. Sie sah, daß Gudrun sich über sie beugte.

»Mama?« Johannas Stimme klang seltsam heiser und fremd in den eigenen Ohren.

Ihre Mutter lächelte. »Also bist du endlich doch noch zu mir zurückgekehrt, kleine Wachtel. Eine Weile hatte ich schon Angst, ich hätte dich verloren.«

Johanna versuchte, sich aufzusetzen, hatte aber nicht die Kraft und fiel wieder auf das Strohlager. Schmerz durchzuckte sie und brachte die Erinnerung zurück.

»Das Buch?«

Gudrun verzog das Gesicht. »Dein Vater hat die Seiten saubergeschabt und deinem Bruder den Auftrag erteilt, irgendwelchen neumodischen Unsinn darauf zu schreiben.«

Also gab es das Buch nicht mehr.

Johanna fühlte sich unsagbar schwach. Sie war krank; sie wollte schlafen.

Gudrun hielt ihr eine Holzschüssel hin, die mit einer dampfenden Flüssigkeit gefüllt war. »Du mußt jetzt essen, damit du wieder zu Kräften kommst. Hier, ich habe dir eine Brühe gekocht.«

»Nein.« Johanna schüttelte müde den Kopf. »Ich möchte keine Brühe.« Und sie wollte auch nicht wieder zu Kräften kommen. Sie wollte sterben. Was gab es denn noch, für das zu leben sich gelohnt hätte? Sie würde sich nie aus den engen Grenzen Ingelheims befreien können. Das Leben hier hielt sie umschlossen, wie in einer Falle, und es gab keine Hoffnung auf ein zukünftiges Entkommen.

»Du mußt ein bißchen essen«, drängte Gudrun. »Und während du ißt, singe ich dir eins von den alten Liedern vor.«

Johanna wandte das Gesicht ab.

»Überlasse Dinge wie Bücher der Dummheit der Priester. Wir haben unsere eigenen Geheimnisse, nicht wahr, meine kleine Wachtel? Wir werden sie wieder miteinander teilen, so, |88|wie es früher gewesen ist.« Zärtlich streichelte sie Johanna über die Stirn. »Aber zuerst mußt du wieder gesund werden. Deshalb mußt du ein bißchen von der Brühe essen. Es ist ein sächsisches Rezept; es sind starke Heilkräuter darin.«

Sie hielt dem Mädchen den Holzlöffel an die Lippen. Johanna war zu schwach, als daß sie Widerstand hätte leisten können; deshalb ließ sie zu, daß die Mutter ihr ein bißchen von der Brühe in den Mund tröpfelte. Sie schmeckte gut; sie war dick und warm und wohltuend. Wider Willen fühlte Johanna sich ein kleines bißchen besser.

»Meine kleine Wachtel … mein Süßes … mein Schatz.« Gudruns Stimme liebkoste Johanna sanft und zärtlich. Sie tauchte den Holzlöffel in die dampfende Brühe und hielt ihn Johanna hin, die diesmal von selbst aß.

Gudruns Stimme hob und senkte sich mit den süßen, beschwingten Klängen einer alten sächsischen Melodie. Von dem Lied und den Zärtlichkeiten der Mutter umhüllt, sank Johanna langsam in einen heilenden Schlaf.

 

Als das Fieber verschwunden war, wurde Johannas starker junger Körper rasch gesund. Binnen zweier Wochen war sie wieder auf den Beinen. Ihre Wunden verheilten sauber; allerdings war es offensichtlich, daß sie für den Rest ihres Lebens gezeichnet bleiben würde. Gudrun klagte über die Narben – lange dunkle Streifen, die Johannas Rücken in eine häßliche Flickendecke mit gezackten Rändern verwandelt hatte –, doch Johanna kümmerte es nicht. Sie kümmerte kaum noch etwas. Die Hoffnung war verschwunden. Sie lebte; mehr aber auch nicht.

Die ganze Zeit verbrachte Johanna mit ihrer Mutter. Sie stand bei Tagesanbruch auf und half ihr, die Schweine und Hühner zu füttern, die Eier einzusammeln, schwere Eimer Wasser aus dem Bach zu holen und Holz für das Herdfeuer zu sammeln. Später standen sie Seite an Seite und bereiteten die Mahlzeiten für den Tag vor.

Eines Tages kneteten sie gemeinsam schweren Brotteig; ihre Finger formten geschickt die Laibe – Hefe und andere Treibmittel wurden in diesem Teil des Frankenreichs selten verwendet –, als Johanna plötzlich fragte: »Warum hast du ihn geheiratet?«

Die unerwartete Frage brachte Gudrun ein wenig aus der |89|Fassung. Nach einigen Augenblicken sagte sie: »Du kannst dir nicht vorstellen, wie es für uns gewesen ist, als Karolus’ Armeen kamen.«

»Ich weiß, was sie deinem Volk angetan haben, Mama. Und gerade deshalb begreife ich nicht, warum du nach alledem mit dem Feind weggegangen bist – mit ihm

Gudrun erwiderte nichts.

Ich habe sie beleidigt, dachte Johanna. Jetzt wird sie es mir nicht mehr sagen.

»Es war Winter«, begann Gudrun zögernd, »und wir hatten schrecklichen Hunger; denn die christlichen Soldaten hatten nicht nur unsere Häuser, sondern auch unser Getreide verbrannt.« Sie blickte an Johanna vorbei, als würde sie ein fernes Bild betrachten. »Wir aßen alles, was wir fanden – Wurzeln, Disteln, selbst die unverdauten Samen im Dung der Tiere. Wir standen kurz vor dem Verhungern, als dein Vater und weitere Missionare eintrafen. Sie waren anders als die anderen; sie trugen keine Schwerter oder sonstige Waffen, und sie behandelten uns wie Menschen, nicht wie Vieh. Sie gaben uns Nahrungsmittel als Gegenleistung für unser Versprechen, ihnen zuzuhören, wenn sie das Wort des christlichen Gottes predigten.«

»Sie haben Nahrung gegen den Glauben eingetauscht?« sagte Johanna. »Das ist aber eine jämmerliche Art und Weise, die Seelen der Menschen zu gewinnen.«

»Ich war jung und für Eindrücke empfänglich. Vor allem aber war ich halb tot vor Hunger, Elend und Angst. Ihr christlicher Gott muß größer und stärker sein als alle unsere Götter zusammen, dachte ich. Wie sonst hätten die Franken uns besiegen können? Dein Vater hat sich meiner ganz besonders angenommen. Er habe große Hoffnungen, was mich angeht, sagte er; denn obwohl ich als Heidin geboren sei, besäße ich die Fähigkeit, den wahren Glauben zu begreifen. Aber so, wie er mich anschaute, wußte ich, daß er mich begehrte. Als er mich dann fragte, ob ich mit ihm fortgehen wollte, habe ich ja gesagt. Für mich war es die einzige Hoffnung auf ein Weiterleben in einer Welt, die gestorben war.« Ihre Stimme sank zu einem Flüstern herab. »Es dauerte nicht lange, bis mir klar wurde, was für einen schrecklichen Fehler ich begangen hatte.«

Ihre Augen waren rot umrandet und schwammen in Tränen. Johanna umarmte sie. »Nicht weinen, Mama.«

|90|»Du mußt aus meinem Fehler lernen«, sagte Gudrun heftig, »damit dir nicht das gleiche passiert. Wenn du heiratest, gibst du alles auf – nicht nur deinen Körper, auch deinen Stolz, deine Unabhängigkeit, sogar dein Leben. Verstehst du? Verstehst du?« Sie packte Johannas Arm und schaute sie mit einem drängenden, verzweifelten Blick an. »Falls du jemals glücklich sein möchtest, dann merk dir meine Worte, Tochter: Gib dich niemals einem Mann hin.«

Über die narbige Haut auf Johannas Rücken lief ein Schauder, als sie an den Schmerz dachte, den die Schläge des Vaters ihr bereitet hatten. »Das werde ich nicht tun, Mama«, versprach sie feierlich, »das werde ich niemals tun.«

 

Im Ostarmanoth, als die Tiere auf die Weiden getrieben wurden und die warmen Frühlingswinde die Erde streichelten, wurde die Eintönigkeit des Alltags durch die Ankunft eines Fremden unterbrochen. Es war an einem Donnerstag – Thors Tag nannte Gudrun ihn noch immer, wenn der Dorfpriester nicht in der Nähe war– und in der Ferne war das Grollen dieses sächsischen Gottes zu vernehmen, während Johanna und Gudrun gemeinsam im Garten arbeiteten. Johanna jätete Unkraut und trat Maulwurfshügel nieder, während Gudrun ihr folgte, die Furchen zog und die Erdklumpen mit einem dicken Eichenknüttel zerstampfte. Bei den Arbeiten sang Gudrun Lieder aus ihrer Heimat und erzählte Sagen über die alten Götter. Als Johanna auf Sächsisch antwortete, lachte Gudrun vor Freude. Johanna hatte gerade eine Reihe fertig, als sie den Blick hob und sah, wie Johannes über das Feld zu ihnen gerannt kam. Warnend klopfte sie der Mutter auf den Arm. Kaum sah Gudrun ihren Sohn, erstarben ihr die sächsischen Worte auf den Lippen.

»Rasch!« Johannes war vom Laufen außer Atem. »Vater möchte, daß ihr zum Haus kommt. Beeilt euch! Er wartet schon!« Er zerrte Gudrun am Arm.

»Sachte, Johannes«, ermahnte sie den Jungen. »Du tust mir weh. Was ist denn los? Stimmt irgend etwas nicht?«

»Ich weiß nicht.« Noch immer zog Johannes die Mutter am Ärmel. »Vater hat irgendwas von einem Besucher gesagt. Ich weiß nicht, wer es ist. Aber beeilt euch. Vater sagt, er gibt mir ein paar Ohrfeigen, wenn ich euch nicht auf der Stelle zu dem Mann bringe.«

|91|Der Dorfpriester erwartete sie an der Tür des Grubenhauses und winkte sie ins Innere. »Das wurde aber auch Zeit«, sagte er.

Gudrun musterte ihn kühl. Ein winziger Funke des Zorns blitzte in den Augen des Dorfpriesters; wichtigtuerisch richtete er sich zu seiner vollen Größe auf. »Ein Abgesandter ist auf dem Wege. Vom Bischof von Dorstadt.« Er hielt inne, um seine Worte einwirken zu lassen. »Bereite ihm ein angemessenes Mahl. Ich werde den Abgesandten in der Kathedrale treffen und dann mit ihm hierherkommen.«

Gudrun und Johanna schauten sich an.

»Beeil dich, Weib! Der Gesandte wird bald eintreffen.« Damit wandte er sich um, verließ das Haus und schlug die Tür hinter sich zu.

Gudruns Gesicht war starr und ausdruckslos. »Fang du mit der Gemüsesuppe an«, sagte sie zu Johanna. »Ich gehe inzwischen ein paar Eier holen.«

Johanna goß Wasser aus dem Eichenholzeimer in den großen eisernen Topf, den die Familie zum Kochen benutzte; dann stellte sie den Topf über das Herdfeuer. Aus einem wollenen Sack, der nach dem langen Winter fast leer war, nahm sie ein paar Handvoll getrockneter Gerste und warf sie in den Topf. Erstaunt bemerkte Johanna, daß ihre Hände vor Aufregung zitterten. Es war lange her, seit sie das letzte Mal irgend etwas empfunden hatte.

Ein Abgesandter des Bischofs! Ob es irgend etwas mit ihr zu tun hatte? Hatte Aeskulapius nach so langer Zeit doch noch eine Möglichkeit gefunden, daß sie, Johanna, ihre Studien weiterführen konnte?

Sie schnitt eine Scheibe vom gepökelten Schweinefleisch ab und gab es in den Topf. Nein, sagte Johanna sich. Das ist unmöglich. Seit Aeskulapius’ Abreise ist fast ein Jahr vergangen. Hätte er irgend etwas für mich tun können, hätte ich es schon längst erfahren. Gib dich keinen falschen Hoffnungen hin! Das ist gefährlich.

Denn schon einmal hatte die Hoffnung sie beinahe vernichtet. Noch einmal wollte sie eine solche Dummheit nicht begehen.

Trotzdem konnte sie ihre Aufregung nicht verbergen, als eine Stunde später die Tür geöffnet wurde. Ihr Vater trat herein, gefolgt von einem dunkelhaarigen Mann, der vollkommen |92|anders war, als Johanna ihn sich vorgestellt hatte. Der Mann besaß die wettergegerbten, derben Gesichtszüge eines colonus, eines Bauern, und sein Auftreten war das eines Soldaten, nicht das eines bischöflichen Gesandten. Sein Umhang, der die Insignien des Bischofs von Dorstadt trug, war von der Reise zerknittert und staubig.

»Ich hoffe, Ihr gebt uns die Ehre und eßt mit uns zu Mittag.« Johannas Vater zeigte auf den Topf, der brodelnd auf dem Herd stand.

»Danke, aber ich kann nicht.« Der Mann redete ›thiudisc‹ oder Theodisk – Deutsch, die Sprache der gemeinen Leute –, und nicht das Latein der Gebildeten; dies war eine weitere Überraschung. »Ich habe die anderen Männer der Eskorte an einem Treffpunkt draußen vor Mainz zurückgelassen, an einer Wegkreuzung. Der Waldweg hierher ist zu eng für zehn Männer mit Pferden, und außerdem geht es zu langsam voran. Deshalb bin ich das letzte Stück hierher allein geritten. Ich muß noch heute abend wieder bei den Männern sein; morgen früh machen wir uns auf die Rückreise nach Dorstadt.« Er zog eine Pergamentrolle aus seinem Reisetornister und reichte sie dem Dorfpriester. »Von seiner Eminenz, dem Bischof von Dorstadt.«

Behutsam erbrach der Dorfpriester das Siegel; das steife Pergament knisterte, als er das Schriftstück entrollte. Gespannt beobachtete Johanna ihren Vater, als dieser blinzelnd versuchte, die Schrift zu entziffern. Langsam las er das Dokument vom Anfang bis zum Ende; dann fing er wieder von vorn an, als würde er nach einer Stelle suchen, die er beim erstenmal nicht richtig verstanden hatte. Schließlich blickte er auf, die Lippen vor Zorn zusammengepreßt.

»Was hat das zu bedeuten? Mir wurde gesagt, die Botschaft hätte mit mir zu tun!«

»So ist es doch auch, heiliger Herr.« Der Mann lächelte. »Insofern Ihr der Vater dieses Kindes seid. Oder nicht?«

»Über meine Arbeit hat der Bischof nichts zu sagen?«

Der Mann zuckte die Achseln. »Ich weiß nur eins, heiliger Herr. Daß ich das Kind zur scola in Dorstadt bringen soll – so, wie’s in dem Brief steht.«

Von einer plötzlichen Woge aus Gefühlen erfaßt, stieß Johanna einen Schrei aus. Gudrun eilte zu ihr hinüber und legte schützend die Arme um sie.

|93|Der Dorfpriester zögerte, während er den Fremden musterte. Dann traf er abrupt seine Entscheidung. »Also gut. Es stimmt, daß es eine ausgezeichnete Gelegenheit für das Kind ist. Allerdings wird es ohne meine Hilfe sehr schwer für ihn werden.« Er wandte sich Johannes zu. »Pack deine Sachen und mach schnell. Morgen reitest du mit dem Gesandten des Herrn Bischof nach Dorstadt, um an der dortigen scola deine Studien zu beginnen, so, wie der Bischof es befohlen hat.«

Johanna holte tief Atem. Johannes wurde zum Studium an die Domschule gerufen? Wie konnte das sein?

Der Fremde schüttelte den Kopf. »Mit allem Respekt, heiliger Herr, aber ich glaube, ich sollte ein Mädchen nach Dorstadt bringen, keinen Jungen. Ein Mädchen mit Namen Johanna.«

Johanna löste sich aus der Umarmung ihrer Mutter. »Ich bin Johanna.«

Der Abgesandte des Bischofs drehte sich zu ihr um. Der Dorfpriester aber trat rasch zwischen die beiden.

»Unsinn! Der Bischof hat meinen Sohn Johannes an die scola bestellt. Johannes – Johanna. Lapsus calami. Ein Ausrutscher der Schreibfeder. Ein kleiner Fehler des bischöflichen Amanuensis, mehr nicht. So etwas geschieht häufig, selbst unter den besten Schreibgehilfen.«

Der Abgesandte blickte unschlüssig drein. »Ich weiß nicht …«

»Gebraucht Euren Verstand, Mann. Was sollte der Bischof mit einem Mädchen an der scola anfangen?«

»Das kam mir auch seltsam vor«, gab der Mann zu.

Johanna wollte Einspruch einlegen, doch Gudrun zog sie zurück und legte ihr warnend einen Finger auf die Lippen.

»Mein Sohn hingegen«, fuhr der Dorfpriester fort, »hat die Heilige Schrift studiert, seit er ein Säugling war. Trage unserem verehrten Gast etwas aus der Offenbarung des Johannes vor, mein Sohn.«

Johannes erblaßte und begann zu stammeln: »Acopa … Apocalypsis Jesu Christi quo … quam illi deum palam fa … facere servis …«

Der Fremde bedeutete dem Jungen ungeduldig, mit der Stotterei aufzuhören. »Das ist sehr schön; aber wir haben keine Zeit. Wir müssen sofort aufbrechen, wenn wir den Treffpunkt mit meinen Kameraden noch vor Anbruch der Dunkelheit |94|erreichen wollen.« Unsicher ließ er den Blick von Johannes zu Johanna schweifen. Dann schaute er Gudrun an.

»Wer ist diese Frau?«

Der Dorfpriester räusperte sich. »Eine sächsische Heidin. Seit langer Zeit ringe ich darum, ihre Seele den Klauen ihrer Götzen zu entreißen und der barmherzigen Hand Jesu Christi zuzuführen.«

Der Abgesandte des Bischofs schaute Gudrun in die blauen Augen, betrachtete ihre schlanke Gestalt und das weißgoldene Haar, das unter ihrer weißen Leinenkappe hervorschaute. Er lächelte – ein breites, wissendes, häßliches Lächeln. Dann wandte er sich direkt an sie.

»Seid Ihr die Mutter dieser Kinder?«

Gudrun nickte schweigend. Der Dorfpriester errötete.

»Was sagt Ihr denn zu dieser Sache? Möchte der Bischof den Jungen zu sich holen oder das Mädchen?«

»Respektloser Kerl!« Der Dorfpriester war außer sich vor Wut. »Ihr wagt es, das Wort eines ergebenen Dieners des Herrn anzuzweifeln?«

»Beruhigt Euch, heiliger Mann«, erwiderte der Fremde, wobei er eine besondere Betonung auf das Wort heilig legte. »Ich muß Euch offenbar an die Pflichten erinnern, die Ihr der Autorität schuldet, die ich vertrete.«

Der Dorfpriester starrte dem Abgesandten des Bischofs finster in die Augen, während sein Gesicht dunkelrot anlief.

Wieder wandte der Fremde sich an Gudrun. »Ist es nun der Junge, oder ist es das Mädchen?«

Johanna spürte, wie Gudrun die Arme fester um sie schloß und sie an sich zog. Eine lange Pause des Schweigens trat ein. Dann hörte Johanna die Stimme der Mutter hinter sich, melodiös und wohlklingend und erfüllt von den breiten sächsischen Vokalen, die Gudrun noch immer unverkennbar als Fremde kennzeichneten. »Es ist der Junge, den Ihr holen sollt«, sagte Gudrun. »Nehmt ihn.«

»Mama!« Entsetzt über diesen unerwarteten Verrat, brachte Johanna nur diesen einen fassungslosen Aufschrei hervor.

Der Abgesandte des Bischofs nickte zufrieden. »Dann wäre die Sache ja geregelt.« Rasch ging er zur Tür und sagte über die Schulter: »Ich muß mich um mein Pferd kümmern. Macht den Jungen so schnell wie möglich reisefertig.«

»Nein!« Johanna versuchte, den Gesandten aufzuhalten, |95|doch Gudrun hielt sie fest und flüsterte ihr auf Sächsisch zu: »Glaub mir, kleine Wachtel, es ist nur zu deinem Guten. Das verspreche ich dir.«

»Nein!« rief Johanna und wollte sich aus der Umarmung Gudruns befreien. Es war alles eine Lüge. Aeskulapius hatte sein Versprechen eingelöst und beim Bischof ein gutes Wort für sie eingelegt; da war Johanna sicher. Er hatte sie nicht vergessen; er hatte eine Möglichkeit gefunden, daß sie weitermachen konnte, was sie gemeinsam begonnen hatten: das Streben nach Wissen. Es war nicht Johannes, der an die scola berufen wurde, sondern sie. Das alles war ein Irrtum!

»Nein!« Johanna wand sich mit aller Kraft, kam frei und rannte geradewegs zur Tür. Der Dorfpriester streckte die Hand nach ihr aus, doch sie entkam ihm. Dann war sie draußen und rannte hinter dem Gesandten her, so schnell sie konnte. Hinter ihr, in der Hütte, hörte sie ihren Vater schreien; dann erwiderte ihre Mutter irgend etwas mit erhobener Stimme, bevor sie in heftiges Schluchzen ausbrach.

Johanna holte den Mann in dem Augenblick ein, als er zu seinem Pferd gelangte. Sie zerrte an seinem Umhang, und der Fremde schaute sie an. Aus den Augenwinkeln sah Johanna, wie ihr Vater sich ihnen näherte.

Es blieb nicht mehr viel Zeit. Ihre Botschaft mußte überzeugend und unmißverständlich sein.

»Magna est veritas et praevalebit«, sagte sie. Es war ein Zitat, das nur Personen kennen konnten, die mit den Schriften der Kirchenväter sehr gut vertraut waren. »Groß ist die Wahrheit, und sie wird siegen.« Der Fremde war ein Mann des Bischofs, ein Mann der Kirche; er würde das Zitat kennen und verstehen, was Johanna damit meinte. Und daß sie es kannte, daß sie Latein beherrschte, würde beweisen, daß der Bischof sie als Schülerin in die scola berief.

»Lapsus calami non est«, fuhr Johanna auf Latein fort. »Es ist kein Schreibfehler. Ich bin Johanna; ich bin diejenige, die Ihr sucht.«

Der Mann schaute sie freundlich an. »Hm? Was möchtest du mir sagen, meine Kleine? Ich wollte, ich könnte eure Sprache sprechen.« Er streichelte sie unter dem Kinn. »Aber es tut mir leid, mein Kind. Ich kann leider kein Wort Sächsisch. Ich wünschte mir allerdings, ich könnte es – jetzt, wo ich deine Mutter gesehen habe.« Er griff in einen Beutel, den er an den |96|Sattel gebunden hatte, und zog eine kandierte Dattel hervor. »Hier hast du etwas Süßes.«

Johanna starrte die Dattel an. Der Mann hatte kein Wort verstanden. Ein Mann im Dienst der Kirche, ein Gesandter des Bischofs, und er beherrschte kein Latein. Wie war das möglich?

Dicht hinter Johanna erklangen die Schritte des Vaters. Dann legten seine Arme sich schmerzhaft um ihren Leib; sie wurde in die Höhe gehoben und zum Haus zurückgetragen.

»Laß mich los!« schrie sie, doch die riesige Hand des Vaters legte sich auf ihre Nase und ihren Mund und drückte so fest zu, daß sie keine Luft mehr bekam. Verzweifelt strampelte sie und wand sich. Im Innern der Hütte ließ der Dorfpriester sie los, und Johanna fiel zu Boden und rang keuchend nach Atem. Der Dorfpriester hob die Fäuste.

»Nein!« Plötzlich stand Gudrun zwischen ihnen. »Du rührst sie nicht an.« In ihrer Stimme lag ein Klang, den Johanna nie zuvor gehört hatte. »Oder ich erzähle die Wahrheit.«

Der Dorfpriester starrte sie ungläubig an. Johannes erschien im Türeingang; er trug einen Leinensack bei sich, in dem er seine Habseligkeiten verstaut hatte.

Gudrun wies mit einer Kopfbewegung auf den Jungen. »Unser Sohn braucht deinen Segen für die Reise.«

Lange Zeit erwiderte der Dorfpriester Gudruns festen Blick. Dann, ganz langsam, wandte er das Gesicht dem Sohn zu.

»Knie nieder, Johannes.«

Der Junge gehorchte. Der Dorfpriester legte ihm die rechte Hand auf den gesenkten Kopf. »Herrgott im Himmel, der du einst Abraham aufgerufen hast, sein Heim zu verlassen, und der du ihn beschützt hast auf allen seinen Wegen, in deine Hände legen wir das Leben dieses Jungen.«

Ein dünner Streifen der Spätnachmittagssonne fiel durchs Fenster und ließ Johannes’ dunkles Haar in einem goldenen Schimmer erstrahlen.

»Wir bitten dich, beschütze ihn und gib ihm alle Dinge, die seine Seele und sein Körper brauchen …« Die Stimme des Dorfpriesters wurde zu einem monotonen Singsang, während er sein Gebet sprach.

Johannes hielt den Kopf gesenkt, hob jedoch die Augen und begegnete dem Blick seiner Schwester. Auf dem Gesicht des Jungen lag ein verängstigter, ja, verzweifelter Ausdruck, und |97|das Flehen in seinen Augen sprach Bände. Er möchte gar nicht gehen, erkannte Johanna plötzlich. Natürlich! Weshalb hatte sie es nicht schon vorher gesehen? Weil du keinen Augenblick an Johannes’ Gefühle gedacht hast, gab sie sich selbst die Antwort. Er hat Angst. Er kann den Anforderungen an einer Domschule nicht gerecht werden, und das weiß er.

Wenn ich doch nur mit ihm gehen könnte!

In ihrem Innern nahm ein wagemutiger Plan Gestalt an.

»… und wenn seines Lebens Pilgerreise vorüber ist«, beendete der Dorfpriester sein Gebet, »möge er wohlbehütet und sicher im Himmelreich eintreffen, durch Christus unseren Herrn. Amen.«

Nach dem Segen erhob sich Johannes. Dumpf und schicksalergeben wie ein Opferlamm vor der Schlachtung ließ er die Umarmungen seiner Mutter und die letzten Ermahnungen seines Vaters über sich ergehen. Doch als Johanna zu ihm kam und ihn umarmte, klammerte er sich an sie und begann zu schluchzen.

»Hab keine Angst«, murmelte sie verschwörerisch.

»Das reicht«, sagte der Dorfpriester. Er legte seinem Sohn den rechten Arm um die Schulter und führte ihn zur Tür. »Paß auf, daß das Mädchen drinnen bleibt«, befahl er Gudrun, und dann waren sie verschwunden. Die Tür schwang zu, und der Riegel schloß sich mit einem dumpfen Knall.

Johanna rannte zum Fenster und schaute hinaus. Sie sah, wie Johannes hinter dem Gesandten des Bischofs aufs Pferd stieg; seine schlichte Tunika aus Wolle bildete einen deutlichen Kontrast zum satten Rot des Umhangs, den der Fremde trug. Der Dorfpriester stand in der Nähe; seine dunkle, untersetzte Gestalt zeichnete sich deutlich gegen das zarte, knospende Grün der frühlingshaften Landschaft ab. Mit einem letzten Abschiedsruf ritten der Fremde und Johannes davon.

Johanna wandte sich vom Fenster ab. Gudrun stand in der Mitte des Zimmers und beobachtete sie.

»Kleine Wachtel …«, begann sie zögernd.

Johanna ging an ihr vorbei, als gäbe es sie gar nicht. Sie nahm ihr Strickzeug und setzte sich neben den Herd. Sie mußte nachdenken, sich vorbereiten. Ihr blieb nicht viel Zeit, und alles mußte sehr sorgfältig durchdacht sein.

Es würde schwierig werden, wahrscheinlich sogar lebensgefährlich. Der Gedanke ängstigte Johanna; aber es spielte |98|keine Rolle. Mit einer Gewißheit, die wunderbar und erschreckend zugleich war, wußte sie, was sie zu tun hatte.

 

Das ist nicht gerecht, ging es Johannes durch den Kopf. Mürrisch saß er hinter dem Abgesandten des Bischofs auf dem Pferderücken und starrte düster die bischöflichen Insignien auf dem tiefroten Umhang des Mannes an. Ich möchte nicht auf die Domschule. Johannes haßte den Vater, daß er ihn dazu gezwungen hatte. Er griff in seine Tunika und suchte nach dem Gegenstand, den er heimlich in dem Kleidungsstück versteckt hatte, bevor er das Haus verließ. Seine Finger berührten den glatten Griff des Messers – Vaters Jagdmesser mit dem Hirschhorngriff, eines seiner Schätze.

Ein kaum merkliches, rachsüchtiges Lächeln umspielte Johannes’ Lippen. Vater würde vor Wut toben, wenn er entdeckte, daß sein Messer verschwunden war. Egal. Bis dahin würde er, Johannes, schon viele Meilen von Ingelheim entfernt sein, und sein Vater konnte nichts dagegen tun. Es war nur ein kleiner Triumph; doch in seiner Not und der Trostlosigkeit seiner Lage klammerte Johannes sich verzweifelt daran fest.

Warum hat er Johanna nicht geschickt? fragte der Junge sich voller Zorn, und bittere Vorwürfe stiegen in ihm auf. Es ist alles ihre Schuld! sagte er sich. Johannas wegen hatte er, ihr älterer Bruder, damals schon mehr als zwei Jahre lang den Unterricht Aeskulapius’ mitmachen müssen, dieses strengen alten Mannes, der so versessen auf die klassische Bildung war. Und nun – als hätte das noch nicht gereicht –, wurde er an Johannas Stelle auf die Domschule nach Dorstadt geschickt. O ja, der Bischof hatte sie an die Schule rufen lassen; da gab es für Johannes gar keinen Zweifel. Es mußte Johanna sein. Sie war die klügere; sie beherrschte Griechisch und Latein; sie konnte die Werke des Augustinus lesen, während er noch nicht einmal das Buch der Psalmen gemeistert hatte.

Das alles hätte er ihr verzeihen können – und noch einiges mehr. Schließlich war sie seine Schwester. Aber eins konnte er Johanna nicht vergeben: Sie war der Liebling der Mutter. Johannes hatte die beiden oft genug belauscht, wenn sie auf Sächsisch tuschelten, wenn sie sangen und lachten und scherzten, um dann schlagartig zu verstummen und ernst zu werden, sobald er das Zimmer betrat. Sie glaubten, er hätte sie nie gehört; aber da irrten sie sich.

|99|Mit ihm, Johannes, hatte die Mutter nie Sächsisch gesprochen. Warum nicht? fragte er sich wohl zum tausendsten Mal voller Bitterkeit. Glaubt sie, ich würde es Vater erzählen? Das würde ich niemals tun – für nichts auf der Welt, egal, was er mit mir anstellt; nicht einmal, wenn er mich schlagen würde.

Es ist nicht gerecht, dachte er noch einmal. Warum zieht Mutter Johanna mir vor? Ich bin ihr Sohn, und wie jedermann weiß, ist ein Sohn viel mehr wert als eine nutzlose Tochter.

Zumal Johanna selbst für ein Mädchen geradezu eine Schande war. Sie war eine schreckliche Näherin, die nur halb so gut stricken und sticken und weben konnte wie andere Mädchen in ihrem Alter. Und dann war da ihre Leidenschaft fürs Bücherwissen. Als Mädchen! So etwas war wider die Natur, wie jedermann wußte. Selbst Mutter erkannte, daß da irgend etwas nicht in Ordnung war. Die anderen Kinder im Dorf machten sich ständig über Johanna lustig. Es war peinlich, sie als Schwester zu haben. Wäre es Johannes möglich gewesen, hätte er mit Freuden auf seine Schwester verzichtet.

Kaum hatte er diesen Gedanken vollendet, verspürte er leichte Gewissensbisse. Johanna war immer lieb und nett zu ihm gewesen, war für ihn eingetreten, wenn Vater wütend gewesen war, ja, sie hatte sogar seine Arbeit übernommen, wenn er irgend etwas nicht begriffen hatte. Und er war dankbar für Johannas Hilfe gewesen – sie hatte ihn oft genug vor einer Tracht Prügel bewahrt –; aber gleichzeitig ärgerte er sich darüber. Es war demütigend. Schließlich war er der ältere Bruder. Er war derjenige, der sich um sie hätte kümmern und ihr helfen müssen, nicht umgekehrt.

Und nun saß er Johannas wegen hinter diesem fremden Mann und ritt an einen Ort, den er nicht kannte, und in ein Leben, das er nicht wollte. Er stellte sich sein Leben an der Domschule vor … den ganzen Tag in irgendeinem tristen Zimmer gefangen, umgeben von Stapeln langweiliger alter Bücher …

Warum konnte Vater nicht verstehen, daß er, Johannes, nicht an die scola wollte? Ich bin nicht Matthias. Ich werde niemals ein guter Schüler sein. Mich interessiert das alles nicht! Johannes wollte weder Gelehrter noch Priester werden, sondern Krieger, ein Soldat in der kaiserlichen Armee, der Schlachten schlug, um die heidnischen Horden zu unterwerfen. Der alte Ulfert, der Sattler, hatte Johannes auf diese Idee gebracht. Ulfert war mit Graf Hugo im Heer von Kaiser Karl gegen die |100|Sachsen zu Felde gezogen. Was für wundervolle Geschichten der alte Mann erzählen konnte, wenn Johannes in seiner Werkstatt saß und lauschte. Dann waren die Werkzeuge, die neben Ulfert auf der Bank lagen, eine Zeitlang vergessen, und seine Augen strahlten bei der Erinnerung an den großen Sieg. »Wie die Drosseln, die im Herbst in die Weinberge einfallen und an den Trauben picken«, Johannes erinnerte sich so genau an jedes Wort, als hätte der alte Ulfert es gerade erst gesprochen, »so sind wir über das Land des Feindes gekommen, ein frommes Lied auf den Lippen, und haben die heidnischen Horden aufgestöbert, die sich in den Wäldern und Sümpfen versteckten und sich in Gräben verbargen, Männer und Frauen und Kinder gleichermaßen. Es gab nicht einen von uns, dessen Schild und Schwert an jenem Tag nicht rot von Blut gewesen ist! Als die Sonne versank, gab es unter den Feinden keine lebende Seele mehr, die nicht ihren Götzen abgeschworen und auf den Knien dem wahren Glauben des einen Gottes die ewige Treue versprochen hätte.« Dann hatte der alte Ulfert sein Schwert geholt, das er aus der toten Hand eines gefallenen Heiden gewunden hatte, dessen Körper noch warm gewesen war. Der Griff war mit kristallenen Gemmen besetzt und funkelte in den Farben des Regenbogens, und die Klinge war von einem strahlenden Gelb. Im Unterschied zu fränkischen Schwertern, die aus Eisen geschmiedet wurden, war dieses Schwert aus Gold gefertigt – ein minderwertiges Material für ein Schwert, erklärte der alte Ulfert, so daß es diesen Waffen an der Härte und Schärfe der fränkischen Schwerter mangele. Doch ihre Schönheit könne man nicht leugnen.

Der alte Mann hatte recht. Johannes’ Herz hatte beim Anblick der wundervollen Waffe höher geschlagen. Dann hatte der alte Ulfert ihm das Schwert hingehalten, und der Junge hatte es ergriffen und sein Gewicht gespürt, und wie wundervoll ausgewogen es war. Johannes’ Hand paßte um den gemmenverzierten Griff, als wäre das Schwert für ihn geschmiedet worden. Er schwang die Waffe über den Kopf, und die Klinge durchschnitt mit einem unregelmäßigen, sirrenden Laut die Luft, der in perfektem Einklang mit dem Rhythmus von Johannes’ Herzschlag zu sein schien. In diesem Augenblick hatte er gewußt, daß er der geborene Krieger war.

Es gab Gerüchte, selbst jetzt noch, daß im Frühling ein neuer Feldzug unternommen werden sollte. Vielleicht würde Graf |101|Hugo wieder dem Ruf des Kaisers Folge leisten und ein Heer ausheben. Falls dem so war, wollte Johannes dabei sein – egal, was sein Vater dazu sagte. Im nächsten Frühjahr war er vierzehn und damit im Mannesalter; viele Soldaten waren in diesem Alter in den Krieg gezogen; manche waren sogar noch jünger gewesen. Sollte es zum Feldzug kommen, würde Johannes dabeisein; falls nötig, wollte er davonlaufen.

Aber das wurde jetzt natürlich schwierig, denn er würde ja in der scola in Dorstadt sein, fast abgeschlossen von der Welt. Würde die Nachricht, daß man ein neues Heer aushebt, überhaupt bis in die stillen Studierzimmer vordringen? fragte sich Johannes. Und falls ja – kann ich dann aus der Domschule entkommen?

Der Gedanke war beängstigend, und Johannes verdrängte ihn rasch. Statt dessen erweckte er seinen liebsten Tagtraum zum Leben: Er befand sich in einer Schlacht, in vorderster Linie, und die silbernen Banner des Herzogs schimmerten dicht vor ihm und zogen ihn voran. Johannes trieb die zerstreuten Reste der geschlagenen heidnischen Armee und die Weiber und Kinder aus ihren Dörfern vor sich her. Sie flohen vor ihm, verzweifelt und verängstigt, und das lange, weißgoldene Haar der Frauen flatterte im Wind. Er machte sie nieder, indem er sein Langschwert mit großem Geschick führte; er verstümmelte und tötete, gnadenlos, erbarmungslos, bis sie sich ihm unterwarfen, ihre Blindheit bereuten und die freudige Bereitschaft zeigten, sich fortan vom Licht Gottes leiten zu lassen.

Johannes’ Mundwinkel hoben sich zu einem schwachen Lächeln, während das stetige Trommeln der Pferdehufe von ihrem raschen Vorankommen auf dem Waldweg kündete, über den sich allmählich die abendliche Dunkelheit senkte.

 

Ein sirrendes Geräusch ertönte, gefolgt von einem lauten, dumpfen Schlag.

»Aaah!« Der Bote des Bischofs schrie auf und wurde nach hinten geschleudert. Seine Schulter prallte Johannes vor die Brust und riß ihn aus dem Schlaf.

»He!« rief der Junge erbost – und dann sah er auch schon, wie der Mann zur Seite sank. Das Gewicht seines schweren, schlaffen Körpers, der zu Boden fiel, zog Johannes mit vom Pferderücken, zerrte ihn mit unwiderstehlicher Kraft aus dem Sattel.

|102|Zusammen fielen sie zu Boden. Johannes prallte auf den Körper des Mannes, der nach dem Sturz regungslos liegenblieb. Als der Junge die Hand ausstreckte, um sich in die Höhe zu stemmen, schlossen seine Finger sich um etwas Langes, Rundes und Glattes.

Es war ein Pfeilschaft, am hinteren Ende gelb gefiedert. Die Spitze des Geschosses hatte sich tief in die Brust des Mannes gebohrt.

Johannes erhob sich. Seine Sinne waren aufs äußerste gespannt. Hinter einem dicken Baum auf der gegenüberliegenden Seite des Waldwegs kam ein Mann in zerlumpter Kleidung hervor. In der Hand hielt er einen Bogen, und auf dem Rücken trug er einen Köcher voller gelbgefiederter Pfeile.

Will er mich auch ermorden?

Der Mann kam auf Johannes zu. Der Junge schaute sich gehetzt um und suchte nach einem Fluchtweg. In diesem Teil des Waldes standen die Bäume sehr dicht; falls er rannte, konnte er dem Angreifer vielleicht entkommen.

Doch der Zerlumpte hatte ihn beinahe erreicht. Jedenfalls war er nahe genug, daß Johannes die Mordlust in den Augen des Fremden sehen konnte …

Johannes versuchte, loszurennen, doch es war zu spät. Der Mann packte den Arm des Jungen. Johannes wehrte sich, doch der Fremde war einen Kopf größer als er und von gewaltigem Körperbau. Er hielt den Jungen fest und hob ihn mühelos ein Stück in die Höhe, so daß Johannes’ Zehen gerade noch den Erdboden berührten.

Plötzlich fiel dem Jungen das Messer ein. Mit der freien Hand griff er in seine Tunika; hektisch tasteten seine Finger nach dem Hirschhorngriff, berührten ihn, packten ihn. Johannes zog das Messer hervor und stach mit einer blitzschnellen, fließenden Bewegung zu. Er jubelte innerlich auf, als er spürte, wie die Klinge sich tief ins Fleisch des Mannes grub und am Knochen abglitt; dann zog Johannes das Messer heraus, wobei er es tückisch drehte. Der Mann fluchte, ließ Johannes los und griff nach seiner verwundeten Schulter.

Johannes rannte in den Wald. Dornige Zweige zerrten an seiner Kleidung und zerkratzten ihm Gesicht und Hals, doch unbeirrt flüchtete der Junge weiter. Trotz des Mondlichts war es unter dem dichten Baldachin der Bäume stockfinster. Johannes warf einen Blick über die Schulter und sah, daß er verfolgt |103|wurde. Im gleichen Augenblick prallte er gegen eine Buche mit tiefhängenden Ästen. Er verbiß sich den Schmerz, sprang in die Höhe, bekam den niedrigsten Ast zu fassen, und kletterte, so schnell er konnte, den Baum hinauf, wobei sein geschmeidiger, biegsamer junger Körper sich rasch in die Höhe wand. Er hielt erst inne, als die Äste und Zweige so dünn und zerbrechlich wurden, daß sie sein Gewicht nicht mehr tragen konnten. Dann wartete er.

Bis auf das leise Rascheln der Blätter war kein Geräusch zu vernehmen. Zweimal rief eine Eule, die ihre nächtliche Jagd begann; ihr Schrei hallte gespenstisch durch die Dunkelheit. Plötzlich hörte Johannes schwere Schritte auf dem Waldboden unter ihm; Zweige knackten; Unterholz krachte. Johannes packte das Messer und hielt den Atem an. Er war froh, daß er einen schlichten braunen Umhang trug, dessen Farbe mit der abendlichen Dunkelheit verschmolz.

Die Schritte kamen näher und näher. Johannes konnte das abgehackte, unregelmäßige Atmen des Mannes hören.

Die Schritte verstummten genau unter ihm.

 

Johanna trat aus der stillen Dunkelheit des Grubenhauses hinaus in die mondhelle Nacht. Um sie herum ragten gespenstisch die Umrisse vertrauter Gegenstände auf, von den Schatten verzerrt. Johanna schauderte, als sie sich Geschichten von den Waldmenschen ins Gedächtnis rief, bösen Geistern und Trollen, die in der Nacht ihr Unwesen trieben. Sie zog sich ihren Umhang aus grober grauer Hanffaser enger um den Körper und glitt in die Schatten. Dann suchte sie die im Wechselspiel von silbernem Mondlicht und tiefer Schwärze veränderte Landschaft nach dem Beginn des Weges ab, der durch den Wald führte. Das Licht war hell – es war eine sternklare Nacht, und in zwei Tagen war Vollmond –, so daß Johanna schon nach wenigen Augenblicken die alte Buche erkennen konnte, die ein Blitz gespalten hatte. An dieser Stelle begann der Weg. Rasch rannte sie über die Wiese dorthin.

Am Waldrand blieb Johanna stehen. Zwischen den Bäumen war es stockfinster; nur hier und da sickerten silberne Strahlen Mondlicht zwischen den Ästen und Zweigen hindurch und bildeten ein blasses Geflecht auf dem Boden des Waldes. Johanna schaute zum Grubenhaus zurück. In helles Mondlicht getaucht und umgeben von den Wiesen und Viehpferchen, |104|sah es fest und warm und vertraut aus. Johanna dachte an ihr gemütliches Bett und an die Decken, die vermutlich noch warm von ihrem Körper waren. Sie dachte an ihre Mutter, der sie nicht einmal auf Wiedersehen gesagt hatte. Sie machte einen Schritt auf das Haus zu, ihr Zuhause; dann hielt sie inne. Alles, was zählte, alles, was sie wollte, lag in der anderen Richtung.

Sie drang in den Wald ein. Die Bäume schlossen sich über ihrem Kopf. Der Weg war mit Felsbrocken und Gestrüpp übersät, doch Johanna bewegte sich rasch voran. Bis zum Treffpunkt der Bischofsgesandten waren es noch über fünfzehn Meilen, und sie wollte vor Anbruch der Morgendämmerung dort sein.

Johanna konzentrierte sich darauf, eine gleichmäßige Geschwindigkeit beizubehalten. Es war nicht leicht; denn in der Dunkelheit geriet sie schnell an den Wegrand, wo Äste und Sträucher an ihrer Kleidung und in ihrem Haar zerrten. Der Weg wurde zunehmend unebener. Mehrmals trat sie auf Felsstücke oder Wurzeln, die aus dem Boden ragten. Einmal stürzte sie und scheuerte sich Hände und Knie auf.

Nach mehreren Stunden begann der Himmel sich über dem Dach aus Bäumen allmählich aufzuhellen. Die Morgendämmerung brach an. Johanna war erschöpft, doch sie schritt noch schneller aus; halb ging sie, halb rannte sie über den Waldweg. Sie mußte ihr Ziel erreichen, bevor die Männer des Bischofs mit Johannes aufbrachen. Sie mußte es einfach schaffen.

Plötzlich verhakte sich ihr Fuß an irgend etwas. Johanna geriet ins Taumeln und versuchte, das Gleichgewicht zu wahren, doch sie war zu schnell gelaufen und fiel zu Boden, wobei sie den Sturz unbeholfen mit den Armen abfing.

Dann lag sie regungslos da. Der harte Aufprall hatte ihr für einen Augenblick den Atem geraubt, und ihr rechter Arm schmerzte, wo ein scharfer Zweig ihn zerkratzt hatte; ansonsten aber schien sie unverletzt zu sein. Sie stemmte sich auf in eine sitzende Haltung.

Neben ihr lag ein Mann. Er hatte ihr den Rücken zugekehrt. Schlief der Fremde? Nein. Dann wäre er aufgewacht, als Johanna über seinen Körper gestolpert war. Sie berührte den Mann an der Schulter, und er rollte auf den Rücken. Der Mann war kein vollkommen Fremder. Es war der Abgesandte des Bischofs. |105|Der Blick aus seinen erloschenen Augen ruhte starr auf Johannas Gesicht; der Mund des Toten stand weit offen, und das Gesicht war zu einer Grimasse des Grauens verzerrt. Sein prächtiger Umhang war zerfetzt und blutig. Der Mittelfinger seiner linken Hand fehlte.

Johanna sprang auf. »Johannes!« rief sie und ließ den Blick über den umliegenden Waldrand und den Erdboden schweifen. Sie hatte schreckliche Angst davor, was sie erblicken könnte.

»Hier.« In der Dunkelheit war schwach ein Flecken blasser Haut zu sehen.

»Johannes!« Sie rannte zu ihm und umarmte ihn. Eine Zeitlang standen die Geschwister schweigend da, hielten einander fest.

»Warum bist du hier?« fragte Johannes schließlich. »Ist Vater mit dir gekommen?«

»Nein. Ich erkläre es dir später. Bist du verletzt? Was ist geschehen?«

»Wir wurden angegriffen. Von einem Wegelagerer. Ich glaube, er hatte es auf den goldenen Ring des Bischofsgesandten abgesehen. Ich saß hinter ihm, als der Pfeil ihn traf.«

Johanna sagte nichts, hielt den Bruder nur noch fester umklammert.

Er machte sich aus ihren Armen frei. »Aber ich habe mich selbst verteidigt. Jawohl, das hab’ ich!« In seinen Augen funkelte eine seltsame Erregung. »Als der Kerl mich packen wollte, da habe ich ihm dies hier gegeben!« Er hielt das Jagdmesser des Vaters in die Höhe. »Ich glaube, ich habe ihn an der Schulter erwischt. Jedenfalls hat es ihn lange genug aufgehalten, daß ich entkommen konnte!«

Johanna starrte auf die Klinge, die dunkel und stumpf von geronnenem Blut war. »Vaters Messer.«

Johannes’ Gesicht nahm einen mürrischen Ausdruck an. »Ja. Ich hab’s mir genommen. Warum auch nicht. Schließlich wollte er ja unbedingt, daß ich fortgehe. Ich selbst wäre lieber zu Hause geblieben.«

»Schon gut«, sagte Johanna hastig. »Steck es jetzt fort. Wir müssen uns beeilen, wenn wir vor Tagesanbruch am Treffpunkt der Männer des Bischofs sein wollen.«

»Am Treffpunkt? Aber jetzt brauche ich doch gar nicht mehr nach Dorstadt. Nach dem, was geschehen ist …«, er wies mit |106|dem Kopf in die Richtung, wo der ermordete Gesandte lag, »… kann ich wieder nach Hause.«

»Nein, Johannes. Denk nach. Vater weiß jetzt, daß der Bischof dich an die Domschule holen möchte. Da wird er niemals erlauben, daß du zu Hause bleibst. Er wird irgendeine Möglichkeit finden, dich zur scola zu schicken, selbst wenn er dich persönlich dorthin bringen müßte. Außerdem«, Johanna zeigte auf das Messer, »wird er längst entdeckt haben, daß du ihm die Waffe weggenommen hast, wenn wir nach Hause kommen.«

Johannes blickte verwirrt drein. Offensichtlich waren ihm diese Gedanken noch gar nicht gekommen.

»Es wird schon alles gut. Ich bleibe bei dir, Johannes, und ich werde dir helfen.« Sie zupfte am Ärmel seines Umhangs. »Komm.«

Hand in Hand setzten die Geschwister unter dem aufhellenden Himmel den Weg zum Treffpunkt fort, an dem die restlichen Männer des bischöflichen Reitertrupps warteten.