Papa populi nannten die Leute sie, »Papst des Volkes«. Wieder und wieder erzählte man sich die Geschichte, wie der Papst am schlimmsten Tag des Hochwassers seinen Palast verlassen und sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte, um seine Schutzbefohlenen zu retten. Wann immer Johanna in die Stadt kam, wurde ihr ein stürmischer Empfang bereitet. Ihr Weg wurde mit duftenden Akanthusblüten bestreut, und aus allen Fenstern riefen die Leute ihr Segenswünsche zu. Johanna bezog Kraft und Trost aus der Liebe der Menschen, und sie widmete sich ihnen mit neu gewonnenem Eifer.
Auf der anderen Seite waren die optimates und der hohe Klerus empört über Johannas Verhalten am Tag der Flut. Der Bischof von Rom, das Oberhaupt der Christenheit, das in einem Rettungsboot den Menschen zu Hilfe eilt, war eine absurde, lächerliche Vorstellung – eine Peinlichkeit für die Kirche und ein Schlag gegen die Würde des päpstlichen Amtes.
Die Würdenträger betrachteten Johanna mit wachsender Entfremdung, was durch die gravierenden Unterschiede noch verstärkt wurde, die sich daraus ergaben, daß dieser Papst ein Ausländer von obskurer Herkunft war, während die meisten hohen Amtsträger aus vornehmen römischen Familien stammten. Zudem glaubte Papst Johannes an die Kraft der Logik und die Stichhaltigkeit von Beobachtungen; der hohe Klerus dagegen glaubte allein an die Kraft heiliger Reliquien und göttlicher Wunder. Der Papst war vorausschauend und fortschrittlich, die Würdenträger konservativ und durch Gewohnheit an Traditionen gebunden.
Die meisten optimates und Kleriker waren bereits im Kindesalter in kirchliche Dienste getreten, so daß sie bei Eintritt ins Erwachsenenalter tief in der lateranischen Tradition verwurzelt und kaum mehr zum Umdenken fähig waren. In ihrer Verständniswelt konnte man beim Handeln und Denken nur |513|einen richtigen oder einen falschen Weg beschreiten – und bislang war stets der richtige Weg gewählt worden.
Verständlicherweise war der Klerus aus diesem Grunde besorgt, was Johannas Stil der Amtsführung betraf. Sobald sie ein Problem sah – beispielsweise die Notwendigkeit, ein Hospital zu errichten oder die Ungerechtigkeit eines bestechlichen Beamten zu bestrafen oder Engpässe bei der Nahrungsmittelversorgung zu beseitigen –, versuchte sie stets, dieses Problem so schnell wie möglich aus der Welt zu schaffen. Oft wurde ihr von der päpstlichen Bürokratie ein Strich durch die Rechnung gemacht, denn dieser riesige, träge Verwaltungsapparat hatte über die Jahrhunderte hinweg die verwirrende Kompliziertheit eines Labyrinths angenommen. Es gab Hunderte verschiedener Abteilungen, jede mit ihrer eigenen Hierarchie und ihren eifersüchtig gehüteten Verantwortlichkeiten.
Ungeduldig auf schnelleres und wirkungsvolleres Arbeiten bedacht, suchte Johanna nach Möglichkeiten, die Unzulänglichkeiten dieses Systems zu beseitigen. Als Gerold für die Weiterführung der Restaurierungsarbeiten am Aquädukt das Geld ausging, ließ Johanna die erforderliche Summe kurz entschlossen aus der päpstlichen Schatzkammer heranschaffen, wobei sie den üblichen Weg umging, zuvor eine entsprechende Anfrage an die Kanzlei Viktors, des sacellarius, zu richten.
Arsenius, der wie stets auf eine günstige Gelegenheit lauerte, versuchte alles, Kapital daraus zu schlagen. Er begab sich zu Viktor und brachte das Thema mit diplomatischem Geschick zur Sprache.
»Ich fürchte, Seiner Heiligkeit mangelt es an der erforderlichen Wertschätzung unserer römischen Wesensart.«
»Das mag sein«, erwiderte Viktor unverfänglich, »aber bedenkt, daß er Ausländer ist.« Viktor war ein vorsichtiger Mann, der seine Karten erst dann auf den Tisch legen würde, wenn Arsenius es getan hatte.
»Ich war entsetzt, als mir zu Ohren kam, daß er Gelder aus der päpstlichen Schatzkammer verwendet hat, ohne vorher Euer Amt zu informieren.«
»Das war ziemlich … unangemessen«, gab Viktor zu.
»Unangemessen!« rief Arsenius. »Ich an Eurer Stelle, mein lieber Viktor, wäre nicht so verständnisvoll.«
»Wenn ich Ihr wäre«, sagte Arsenius, »dann wäre ich auf der Hut.«
Viktor ließ die eingeübte Maske äußerer Unerschütterlichkeit fallen. »Habt Ihr irgend etwas gehört?« fragte er ängstlich. »Will Seine Heiligkeit mich durch einen anderen ersetzen?«
»Wer weiß?« erwiderte Arsenius. »Vielleicht hat er sogar die Absicht, das Amt des sacellarius ganz abzuschaffen. Dann kann er sich aus der Schatzkammer bedienen, wie er will, ohne daß er jemandem einen Grund dafür nennen müßte.«
»Das würde er niemals wagen!«
»Wirklich nicht?«
Viktor gab keine Antwort. Wie ein geübter Fechter wartete Arsenius auf den richtigen Augenblick; dann stieß er zu.
»Allmählich fürchte ich«, sagte er, »daß es ein Fehler war, Johannes zu wählen. Ein schwerer Fehler.«
»Der Gedanke ist mir auch schon gekommen«, gab Viktor zu. »Einige seiner Ideen … diese Schule für Frauen, zum Beispiel …« Viktor schüttelte den Kopf.»Die Wege des Herrn sind wahrlich unergründlich.«
»Nicht der Herr hat Johannes auf den Thron gesetzt, Viktor. Das haben wir getan. Und wir können ihn auch wieder vom Thron herunterholen.«
Das war zuviel. »Johannes ist der Heilige Vater!« stieß Viktor empört hervor. »Ich gebe zu, daß er manchmal ein wenig … seltsam ist. Aber mit Gewalt gegen ihn vorgehen? Nein … nein … so weit ist es nun auch wieder nicht gekommen.«
»Tja, mag sein, daß Ihr recht habt.« Gekonnt ließ Arsenius das Thema fallen. Es bestand kein Grund mehr, die Sache weiter zu verfolgen. Er hatte den Samen gesät, und er wußte, daß die Früchte irgendwann reifen würden.
Seit ihrer Trennung am Tag des Hochwassers hatte Gerold Johanna nicht mehr gesehen. Die verbleibende Arbeit am Aquädukt mußte nicht in der Stadt, sondern in Tivoli vorgenommen werden, etwa fünfzehn Kilometer entfernt. Und Gerold mußte sich selbst um jede Einzelheit des Bauvorhabens kümmern: von den eigentlichen Reparaturarbeiten bis hin zur Beaufsichtigung der Arbeitsmannschaften. Oft packte er mit an und half, die schweren Steine in die Höhe zu heben und mit frischem Mörtel zu bestreichen. Die Männer waren erstaunt, |515|daß der superista sich zu so niederer Arbeit herabließ, doch Gerold genoß es; denn nur durch harte körperliche Arbeit fand er vorübergehende Befreiung von dem Gefühl schmerzlicher Trauer in seinem Innern.
Es wäre besser gewesen, ging es ihm durch den Kopf, viel besser, wir wären nie wie Mann und Frau zusammengewesen. Wahrscheinlich hätte er dann so weitermachen können wie zuvor. Jetzt aber …
Es war so, als hätte er die Jahre zuvor in Blindheit verbracht. Alle Straßen, die er bereist hatte, alle Risiken, die er eingegangen war, alles, was er jemals getan hatte, führte immer nur zu einem Punkt, zu einer Person: Johanna.
Sobald die Arbeit am Aquädukt abgeschlossen war, würde sie erwarten, daß er wieder sein Amt als Befehlshaber der päpstlichen Garde übernahm. Aber jeden Tag in Johannas Nähe zu sein, sie zu sehen und dabei zu wissen, daß sie in unerreichbarer Ferne war … das wäre unerträglich.
Ich werde Rom verlassen, sagte sich Gerold, sobald das Aquädukt fertig ist. Ich werde nach Benevento zurückkehren und wieder den Befehl über Siconulfs Heer übernehmen. Das Soldatenleben besaß eine anziehende Schlichtheit: Die Feinde waren bestimmbar, die Ziele klar, und die Tatsachen unumstößlich.
Unermüdlich trieb Gerold sich und seine Männer an, und nach drei Monaten war die Arbeit abgeschlossen.
Das wiedererrichtete Aquädukt wurde am Fest Mariä Verkündigung förmlich eingeweiht. Angeführt von Johanna, umrundete der gesamte Klerus – Meßgehilfen, Lektoren, Exorzisten, Priester, Diakone, Bischöfe – die gewaltigen Bögen aus dunklem Tuff in feierlicher Prozession und besprenkelte das Gestein mit Weihwasser, während Gebete und Psalmen gesprochen und geistliche Lieder gesungen wurden. Dann machte die Prozession halt, und Johanna sprach ein paar feierliche Segensworte. Dabei blickte sie hinauf zu Gerold, der wartend auf dem vordersten Bogen des Aquädukts stand – schlank, langbeinig und um einen Kopf größer als die Männer um ihn herum.
Johanna nickte Gerold zu, worauf er einen Hebel betätigte und die Schleusen öffnete. Laut jubelten die Zuschauer, als das kalte, klare, gesunde Wasser aus den Quellen von Subiaco, die sich in ungefähr fünfzig Kilometer Entfernung von |516|der Stadtmauer befanden, nach mehr als dreihundert Jahren wieder zum Campus Martius hinein strömten.
Der Papstthron war im kaiserlichen Stil gefertigt: ein schwerer, mit reichen Schnitzereien verzierter Stuhl aus massiver Eiche mit hoher Rückenlehne und mit Rubinen, Perlen, Saphiren und anderen kostbaren Juwelen besetzt – ein gleichermaßen unbequemes wie eindrucksvolles Möbelstück. Johanna saß nun seit mehr als fünf Stunden auf diesem Thron und gewährte einem nicht abreißenden Strom von Bittstellern Audienz. Doch inzwischen verlagerte sie immer wieder nervös ihre Sitzhaltung und versuchte, den wachsenden Schmerz im Rücken zu mildern.
Juvianus, der oberste Diener, kündigte den nächsten Bittsteller an. »Magister militum Daniel.«
Johanna seufzte leise. Der Armeekommandant Daniel war ein schwieriger Mensch, empfindlich und jähzornig. Außerdem zählte er zu den engen Verbündeten von Bischof Arsenius. Daß Daniel gekommen war, konnte nichts Gutes bedeuten.
Mit raschen Schritten näherte der Offizier sich dem Papstthron, wobei er einigen der Notare und anderen päpstlichen Beamten zunickte.
»Heiligkeit.« Er begrüßte Johanna mit einer so knappen Verbeugung, daß es fast schon unhöflich war; dann begann er ohne Umschweife und mit schroffer Stimme: »Stimmt es, daß Ihr Nicephorus bei den Weihen im März zum Bischof von Trevi ernennen wollt?«
»Allerdings.«
»Der Mann ist Grieche!« protestierte Daniel.
»Na, und? Was spielt das für eine Rolle?«
»Ein so bedeutendes Amt muß von einem Römer bekleidet werden.«
Johanna stieß einen innerlichen Stoßseufzer aus. Es stimmte, daß ihre Vorgänger das Episkopat als politisches Werkzeug benutzt und Bischofsämter – wie auch andere heißbegehrte Posten – unter den vornehmen römischen Familien verteilt hatten. Johanna hatte mit dieser Tradition gebrochen; denn sie hatte dazu geführt, daß es eine große Zahl von episcopi agraphici gab – Bischöfe, die weder lesen noch schreiben konnten und die Unwissenheit und alle Arten von Aberglauben unter |517|die Menschen gebracht hatten. Wie sollte ein Bischof seine Schäfchen das Wort Gottes richtig lehren, wenn er es nicht einmal lesen konnte?
»Ein so bedeutendes Amt«, erwiderte Johanna gelassen, »sollte demjenigen anvertraut werden, der am besten dafür geeignet ist. Nicephorus ist ein gelehrter und frommer Mann. Er wird ein ausgezeichneter Bischof sein.«
»Kein Wunder, daß Ihr so denkt, wo Ihr ja selbst kein Römer seid, sondern ein Barbar.« Die im Saal Versammelten sogen scharf und hörbar den Atem ein. Daniel hatte statt des neutralen Begriffs peregrinus absichtlich das beleidigende barbarus benutzt.
Johanna blickte Daniel fest in die Augen. »Das hat nichts mit Nicephorus zu tun«, sagte sie. »Ihr laßt Euch von der Selbstsucht leiten, Daniel; denn Ihr wollt Euren eigenen Sohn Peter auf dem Bischofsstuhl sehen.«
»Und was ist daran verkehrt?« erwiderte Daniel verteidigend. »Was Herkunft, Familie und Tugend anbelangt, ist Peter hervorragend für dieses Amt geeignet.«
»Aber nicht, was seine Fähigkeiten anbelangt«, sagte Johanna geradeheraus.
Fassungslos, mit offenem Mund, starrte Daniel sie an. »Ihr wagt es … Ihr wagt es, meinen Sohn …«
»Euer Sohn«, unterbrach Johanna ihn, »kann aus einem Lektionar, das auf dem Kopf liegt, ebensogut lesen, als wenn es richtig herum läge. Aber nicht, weil Gott ihm eine besondere Gabe verliehen hat, sondern weil er des Lateins nicht mächtig ist. Die wenigen Abschnitte aus der Heiligen Schrift, die er beherrscht, hat er auswendig gelernt. Die Leute haben etwas Besseres verdient. Und mit Nicephorus bekommen sie etwas Besseres!«
Daniels Körper spannte sich, und sein Gesicht lief rot an. »Merkt Euch meine Worte, Heiligkeit: In dieser Sache ist längst noch nicht das letzte Wort gesprochen!«
Damit wandte er sich um und verließ den Saal.
Er wird schnurstracks zu Arsenius gehen, dachte Johanna bei sich. Und der wird zweifellos irgendeine Möglichkeit finden, mir zusätzlichen Ärger zu bereiten. In einem hatte Daniel recht: In dieser Sache war längst noch nicht das letzte Wort gesprochen.
Plötzlich fühlte Johanna sich unsäglich müde. Die Luft in dem fensterlosen Saal kam ihr mit einemmal dick und zäh vor; |518|ihr war übel, und sie fühlte sich schwach. Sie zerrte an ihrem Pallium, dem Schultertuch, und streifte es ab.
»Der ehrenwerte superista«, kündigte Juvianus den nächsten Besucher an.
Gerold! Johannas Stimmung hob sich. Seit dem Tag ihrer Rettung aus dem hochwasserüberfluteten Campus Martius hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen. Johanna hatte gehofft, daß Gerold heute kommen würde – und hatte sich gleichzeitig vor dem Wiedersehen gefürchtet. Sie versuchte, eine ausdruckslose Miene zu bewahren und sich ihre Gefühle nicht anmerken zu lassen, da sie sich der neugierigen Blicke der anderen im Saal bewußt war.
Doch als Gerold eintrat, schlug Johannas verräterisches Herz vor Freude und Erregung schneller. Das flackernde Lampenlicht tanzte auf seinem Gesicht und meißelte im Spiel von Licht und Schatten seine hohe, glatte Stirn und die schön geformten Wangenknochen hervor. Gerold erwiderte Johannas Blick; ihre Augen trafen sich in stummem Zwiegespräch, und für einen kurzen Moment waren sie trotz der vielen Beamten und Bediensteten im Saal allein und ungestört.
Gerold kniete vor dem Papstthron nieder.
»Erhebt Euch, superista«, sagte sie. War es nur Einbildung, oder schwankte ihre Stimme ein wenig? »Heute ist Euer Haupt mit Ruhm bekränzt. Ganz Rom steht in Eurer Schuld.«
»Ich danke Euch, Heiligkeit.«
»Wir werden Eure unschätzbare Leistung heute abend mit einem Fest feiern, und Ihr werdet an meinem Tisch den Ehrenplatz einnehmen.«
»Ich bitte um Vergebung, aber ich werde nicht an der Feier teilnehmen können. Ich verlasse Rom noch heute.«
»Ihr … wollt Rom verlassen?« fragte Johanna fassungslos. »Aber warum?«
»Jetzt, wo das große Werk vollendet ist, mit dem Ihr mich betraut habt, lege ich mein Amt als superista nieder. Prinz Siconulf hat mich gebeten, nach Benevento zurückzukehren und wieder den Befehl über sein Heer zu übernehmen – und ich habe sein Angebot angenommen.«
Johanna behielt ihre würdevolle Haltung auf dem Papstthron bei, doch ihre Hände krampften sich um die Armlehnen. »Das geht nicht«, sagte sie schließlich mit entschlossener Stimme. »Ich erlaube nicht, daß Ihr Euer Amt niederlegt.«
|519|Die versammelten Prälaten hoben die Brauen. Gewiß, es war ungewöhnlich, daß jemand ein so hohes und angesehenes Amt niederlegte, doch Gerold war ein freier Mann, ein fränkischer Markgraf, dem es offenstand, wem er seine Dienste anbot.
»Indem ich Siconulf helfe«, erwiderte Gerold mit ruhiger Stimme, »werde ich auch Rom weiterhin dienen; denn Siconulfs Herrschaftsgebiete bilden ein starkes christliches Bollwerk gegen die Langobarden und Sarazenen.«
Johanna ließ den Blick durch den Saal schweifen. »Laßt uns allein«, befahl sie allen Anwesenden.
Ganz kurz tauschten Juvianus und die anderen erstaunte Blicke; dann verließen sie mit demütigen Verbeugungen den Saal.
»War das klug?« fragte Gerold, als alle gegangen waren. »Es könnte sein, daß du jetzt ihren Verdacht erregt hast.«
»Ich mußte mit dir allein sprechen«, erwiderte Johanna drängend. »Rom verlassen? Wie, um alles in der Welt, kommst du auf diese Idee? Egal – ich werde es nicht zulassen. Siconulf muß sich einen anderen Heerführer suchen. Ich brauche dich hier, bei mir.«
»Oh, mein Schatz.« Seine Stimme war voller Zärtlichkeit. »Sieh uns doch an – wir können uns ja nicht einmal in die Augen schauen, ohne daß alle Welt genau weiß, was wir füreinander empfinden. Ein einziger unbedachter Blick, eine unvorsichtige Bemerkung, und dein Leben ist verwirkt! Ich muß die Stadt verlassen, verstehst du das denn nicht?«
Johanna wußte, daß er recht hatte, doch es spielte keine Rolle für sie. Die Aussicht, daß er Rom verließ, erfüllte sie mit Schrecken. Gerold war der einzige Mensch, der sie wirklich kannte – und der einzige, dem sie blind vertrauen konnte.
»Ohne dich«, sagte Johanna, »bin ich ganz allein. Ich glaube nicht, daß ich das ertragen könnte.«
»Du bist stärker, als du glaubst.«
»Nein«, erwiderte sie, erhob sich vom Thron und ging zu ihm. Plötzlich schwankte sie, als eine Woge der Benommenheit sie überkam.
Sofort war Gerold an ihrer Seite, packte sie bei den Armen und stützte sie. »Du bist krank!«
»Nein, nein. Nur … übermüdet.«
»Du hast zu hart gearbeitet, Johanna. Du mußt dich ausruhen. Komm, ich bringe dich in deine Gemächer.«
|520|»Versprich mir, daß du nicht aus Rom fortgehst, bevor wir nicht ausführlicher darüber gesprochen haben.«
Er lächelte. »Glaubst du etwa, ich würde einfach aus der Stadt verschwinden? Ich gehe erst, wenn du dich wieder gesund fühlst.«
In der Stille ihres Schlafgemachs lag Johanna auf dem Bett. Bin ich wirklich krank? fragte sie sich. Falls ja, muß ich die Ursache herausfinden und die Krankheit rasch behandeln, bevor Ennodius und die anderen Ärzte von der scola Wind davon bekommen.
Angestrengt dachte sie über mögliche Krankheiten nach und stellte sich selbst Fragen, so, als wäre sie ihr eigener Patient.
Wann haben die Symptome angefangen?
Jetzt, da Johanna genauer darüber nachdachte, wurde ihr klar, daß sie sich bereits seit mehreren Wochen nicht mehr wohl fühlte.
Was sind die Symptome?
Mattigkeit. Appetitlosigkeit. Ein Gefühl der Aufgedunsenheit. Übelkeit, besonders morgens, gleich nach dem Aufstehen …
Plötzliches Entsetzen packte ihr Inneres wie mit eisiger Faust.
Verzweifelt dachte sie zurück und versuchte, sich in Erinnerung zu rufen, wann sie ihre letzte Monatsblutung gehabt hatte. Vor zwei Monaten. Vielleicht sogar drei. Sie hatte so viel zu tun gehabt, daß sie dem gar keine Beachtung geschenkt hatte.
Alle Symptome paßten ins Bild, doch es gab nur eine Möglichkeit, sich Gewißheit zu verschaffen. Sie beugte sich vor und nahm den Nachttopf, der neben ihrem Bett auf dem Boden stand.
Kurze Zeit später setzte sie sich wieder. Ihre Hände zitterten.
Es gab keinen Zweifel. Sie war schwanger.
Anastasius lehnte sich behaglich auf der Liege zurück. Ein schöner Tag, dachte er, zufrieden mit sich selbst. Ja, heute war ein erfolgreicher Tag. An diesem Morgen hatte er vor dem kaiserlichen Hof geglänzt und Lothar und dessen gesamtes Gefolge durch seine Klugheit und Gelehrtheit beeindruckt.
Der Kaiser hatte ihn nach seiner Meinung über De Corpore |521|et sanguine Domini gefragt, die neueste gelehrte Abhandlung, die unter den Theologen des Landes einen gewaltigen Aufruhr verursacht hatte. Die Schrift stammte von Paschasius Radbertus, Abt des Klosters Corvey; er stellte darin die unerhörte Behauptung auf, daß der Abendmahlskelch den wahren Leib und das wahre Blut Jesu Christi enthielte – nicht bloß das Sinnbild seines Fleisches, sondern sein tatsächliches, körperliches Fleisch, »das der Jungfrau Maria geboren, am Kreuze gelitten und aus dem Grabe auferstanden ist«.
»Was meint Ihr, Kardinal Anastasius?« hatte Lothar gefragt. »Ist die heilige Hostie wirklich der Körper Jesu Christi oder dessen Sinnbild?«
Anastasius hatte sofort die Antwort parat. »Die Hostie ist lediglich das Sinnbild, Euer Gnaden. Denn man kann den Beweis erbringen, daß Jesus Christus zwei verschiedene Körper besaß: Der erste wurde von der Jungfrau Maria geboren, und den zweiten hat er beim Abendmahl symbolisch verteilt. ›Hoc est corpus meum‹, sagte er zu seinen Jüngern, als er das Brot brach und den Wein einschenkte. ›Dies ist mein Leib.‹ Doch als Jesus dies sagte, war er zugleich körperlich beim letzten Abendmahl zugegen. Deshalb steht außer Zweifel, daß seine Worte in bildlichem Sinne gemeint waren.«
Es war eine so kluge und stichhaltige Argumentation, daß alle Beifall spendeten, nachdem Anastasius geendet hatte. Der Kaiser hatte ihn als »zweiten Alkuin« gepriesen; er hatte sich mehrere Barthaare ausgezupft und sie Anastasius gereicht – eine Geste der höchsten Anerkennung unter diesen seltsamen barbarischen Menschen.
Anastasius lächelte, als er diesen wonnevollen Augenblick noch einmal durchlebte. Aus einem Krug, der auf dem Tisch neben ihm stand, schenkte er sich Wein in einen silbernen Becher; dann nahm er die Pergamentrolle auf, die den letzten Brief seines Vaters enthielt. Er brach das wächserne Siegel und entrollte das feine weiße Vellum. Sein Blick wanderte über die Zeilen, als er mit gespanntem Interesse las. Bei dem Bericht über den Diebstahl der Leiche des heiligen Marcellinus vom Friedhof hielt er inne.
Es war nicht ungewöhnlich, daß die sterblichen Überreste Heiliger aus ihren Gräbern gestohlen wurden; Kirchen und Klöster auf der ganzen Welt hatten einen ständigen Bedarf an Reliquien, um möglichst viele Pilger mit dem Versprechen herbeizulocken, |522|daß diese Reliquien Wunder bewirken könnten. Seit Jahrhunderten schlugen die praktisch veranlagten Römer Kapital aus der eigenartigen Besessenheit der Menschen, was Reliquien betraf, indem sie einen regelrechten Handel damit betrieben. Die Heerscharen von Pilgern, die in die heilige Stadt strömten, waren bereit, riesige Summen für einen Finger des heiligen Damian zu bezahlen oder für ein Schlüsselbein des Sankt Antonius oder für eine Wimper der heiligen Sabina.
Doch der Leichnam des heiligen Marcellinus war nicht verkauft worden; man hatte ihn gestohlen, hatte ihn in dunkler Nacht schmählich aus seinem Grab gezerrt und aus der Stadt geschmuggelt. Furta sacra – Diebstahl heiliger Gegenstände – wurden derartige Verbrechen genannt. Man mußte ihnen ein Ende bereiten; andernfalls wurde die Stadt ihrer größten Schätze beraubt.
»Nach dieser scheußlichen Untat«, schrieb Anastasius’ Vater, »haben wir Papst Johannes gebeten, die Zahl der Wachtposten auf den Kirchhöfen und Friedhöfen zu verdoppeln, doch er hat sich geweigert. Er sagte, die Menschen wären sinnvoller damit beschäftigt, sich um die Lebenden statt um die Toten zu kümmern.«
Anastasius wußte, daß Johannes eine große Anzahl päpstlicher Gardesoldaten zum Bau von Schulen, Hospitälern und Armenhäusern abgestellt hatte. Der Papst verwendete seine Zeit und Aufmerksamkeit – wie auch den größten Teil der päpstlichen Gelder – auf derart weltliche Dinge, während die Kirchen der Stadt dem Verfall preisgegeben wurden. Anastasius mußte daran denken, daß seit Johannes’ Amtsantritt die Bischofskirche seines Vaters nicht einmal eine goldene Lampe oder einen silbernen Kandelaber bekommen hatte.
Doch auf die zahllosen Kathedralen, Oratorien, Baptisterien und Kapellen gründete sich der Ruhm der Stadt! Falls diese Bauwerke nicht fortwährend verschönert und verbessert wurden, durfte Rom nicht darauf hoffen, mit der Pracht seiner östlichen Rivalin Konstantinopel wetteifern zu können, die sich bereits dreist als »das neue Rom« bezeichnete.
Falls – nein, verbesserte Anastasius sich selbst – sobald er Papst wurde, würde sich vieles ändern. Er würde Rom wieder zu alter Größe führen. Unter seiner segensreichen Schirmherrschaft würden die Kirchen der Stadt in neuem Glanz erstrahlen, |523|großartiger und prächtiger als die schönsten Paläste von Byzanz. Das – Anastasius wußte es genau – war die Mission, mit der Gott ihn auf Erden betraut hatte.
Er wandte sich wieder dem Brief seines Vaters zu. Doch sein Interesse war nicht mehr so groß wie zuvor; denn der letzte Teil des Schreibens behandelte Themen von geringerer Bedeutung; zudem enthielt er eine Liste mit den Namen jener Männer, die im Rahmen der bevorstehenden Feiern des Osterfestes die Priester- oder Bischofsweihen erhalten sollten. Des weiteren teilte Arsenius mit, daß Cosmas, Anastasius’ Vetter, wieder geheiratet habe, diesmal eine verwitwete Diakonissin. Und ein gewisser Daniel, seines Zeichens magister militum, sei höchst erzürnt, weil sein Sohn bei der Vergabe eines Bischofsamtes zugunsten eines Griechen übergangen worden war.
Anastasius setzte sich jäh auf. Ein Grieche sollte Bischof werden? Sein Vater schien dies lediglich als ein weiteres Beispiel für Papst Johannes’ bedauerlichen Mangel an romanita, an Römertum zu betrachten. Konnte es sein, daß Arsenius die Möglichkeiten übersehen hatte, die sich aus dieser Bischofsernennung ergeben mochten?
Das ist die Möglichkeit, auf die ich so lange gewartet habe! dachte Anastasius mit wachsender Erregung. Schließlich und endlich hatte das Schicksal ihm doch noch eine Chance gegeben.
Rasch erhob er sich, setzte sich ans Schreibpult, nahm eine Feder und begann zu schreiben:
»Lieber Vater. Vergeude keine Zeit, sobald Du diesen Brief bekommen hast, und schicke den magister militum Daniel sofort zu mir …«
Johanna schritt im päpstlichen Schlafgemach auf und ab. Wie, fragte sie sich, hatte ich nur so blind sein können? Der Gedanke, von der Liebesnacht mit Gerold vielleicht schwanger geworden zu sein, war ihr gar nicht erst gekommen. Schließlich war sie einundvierzig Jahre alt – weit mehr als das übliche Alter für eine Mutterschaft.
Aber Gudrun war noch älter, als sie das letzte Mal schwanger geworden war.
Und bei der Geburt des Kindes starb …
Gib dich niemals einem Mann hin.
Angst, kalt und unerklärlich, packte wie mit eisigen Fingern |524|nach Johannas Herz. Sie kämpfte gegen eine aufkeimende Panik an und versuchte sich mit dem Gedanken zu beruhigen, daß ihr nicht ebenfalls passieren mußte, was ihrer Mutter passiert war. Sie war stark und gesund; sie hatte die besten Aussichten, eine Geburt zu überleben. Doch selbst wenn – was dann? Im schwirrenden Bienenstock des Patriarchums konnte sie ihre Schwangerschaft und die Geburt nie und nimmer geheimhalten, und es gab keine Möglichkeiten, das Kind zu verstecken. Man würde mit Sicherheit herausfinden, daß sie eine Frau war.
Welche Strafe war einem solchen Verbrechen angemessen? Was würden die Richter entscheiden? Was es auch sein mochte – mit Sicherheit war es eine furchtbare Strafe. Vielleicht brannte man ihr mit rotglühenden Eisen die Augen aus und geißelte ihr das Fleisch von den Knochen. Oder sie wurde langsam zerstückelt und dann bei lebendigem Leibe verbrannt. Ein so schreckliches Ende war unausweichlich, wenn das Kind zur Welt kam.
Falls es zur Welt kam …
Johanna legte beide Hände auf den Leib, spürte aber keinerlei Anzeichen einer Bewegung des Ungeborenen. Noch war der Lebensfaden des Kindes sehr dünn; es bedurfte nicht viel, ihn zu zerreißen.
Johanna ging zu der verschlossenen Truhe, in der sie ihre Arzneien aufbewahrte. Kurz nach der Papstweihe hatte sie die Kräuter und Heilmittel aus ihrem Herbarium hierherbringen lassen; hier waren sie schneller zur Hand und besser gegen Diebstahl geschützt. Hastig durchwühlte sie den Inhalt, betrachtete die Aufschriften der verschiedenen Fläschchen und Flaschen, bis sie gefunden hatte, was sie suchte. Schnell und geschickt bereitete Johanna ein Abtreibungsmittel. In geringen Dosen war das Mittel eine wirksame Arznei; bei höherer Dosierung konnte es eine Frühgeburt auslösen. Allerdings wirkte es nicht immer, und die Einnahme des Mittels war für die Frau mit ernsten Risiken verbunden.
Doch welche andere Möglichkeit hatte sie? Falls sie die Schwangerschaft nicht abbrach, würde ihr – und damit dem Kind – ein viel grausamerer Tod bevorstehen.
Johanna führte das Fläschchen zum Mund.
In diesem Augenblick kamen ihr ungewollt die Worte des Hippokrates in den Sinn. Die Kunst der Medizin bedeutet Verantwortung |525|und Vertrauen. Als Arzt mußt du all dein Wissen stets darauf verwenden, den Kranken zu helfen, so gut dein Können und dein Urteil es erlauben – aber niemals, unter keinen Umständen, darfst du einem Menschen Leid zufügen.
Entschlossen schob Johanna diesen Gedanken zur Seite. Ihr Leben lang war ihr weiblicher Körper eine Quelle des Kummers und des Schmerzes für sie gewesen – Behinderung und Hindernis bei allem, was sie tun oder sein wollte. Sie würde nicht zulassen, daß dieser Frauenkörper sie nun auch noch das Leben kostete.
Johanna setzte das Fläschchen an die Lippen und trank.
Niemals darfst du Leid zufügen. Niemals darfst du Leid zufügen. Niemals darfst du Leid zufügen.
Die Worte brannten in ihrem Innern und versengten ihr das Herz. Mit einem Schluchzer schleuderte sie das leere Fläschchen zu Boden. Es rollte davon, und die letzten Tropfen der Arznei hinterließen ein unregelmäßiges Muster auf den Holzdielen.
Johanna lag im Bett und wartete darauf, daß die Arznei ihre Wirkung entfaltete. Die Zeit verging, doch sie spürte nichts. Es wirkt nicht, ging es ihr durch den Kopf. Johanna hatte Angst – und verspürte gleichzeitig eine tiefe Erleichterung. Plötzlich, als sie sich aufsetzte, begann sie am ganzen Körper heftig und unkontrolliert zu zittern, und das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie legte sich den Finger aufs Handgelenk und fühlte, daß ihr Puls rasend schnell und unregelmäßig ging.
Dann durchfuhr sie ein rasender Schmerz – so schrecklich, daß er ihr den Atem raubte; sie hatte das Gefühl, jemand würde mit einem glühenden Messer ihre Innereien zerschneiden. Johanna warf den Kopf von einer Seite auf die andere und biß sich auf die Lippe, um ihre Qualen nicht laut herauszuschreien, denn sie durfte nicht das Risiko eingehen, die Aufmerksamkeit der Dienerschaft oder anderer päpstlicher Mitarbeiter zu erregen.
Die nächsten Stunden zogen in einem Nebel aus Schmerz und Benommenheit an Johanna vorüber. Immer wieder versank sie in Bewußtlosigkeit. Irgendwann hatte sie phantasiert; denn es war ihr so vorgekommen, als hätte ihre Mutter bei ihr gesessen, hätte sie zärtlich »meine kleine Wachtel« genannt, hätte ihr wie vor langer Zeit die Lieder in der alten Sprache |526|ihres heidnischen Volkes vorgesungen und Johanna die kühlenden Hände auf die fieberglühende Stirn gelegt.
Vor Anbruch der Morgendämmerung erwachte Johanna, schwach und zittrig. Lange Zeit blieb sie regungslos liegen. Dann – langsam und behutsam – untersuchte sie sich selbst. Ihr Puls ging regelmäßig, ihr Herz schlug kräftig, und ihre Haut besaß eine gesunde Farbe. Sie hatte kein Blut verloren, und es gab auch kein Anzeichen dafür, daß sie irgendeinen bleibenden Schaden davongetragen hatte.
Sie hatte die Tortur überlebt.
Aber auch das Kind in ihrem Leib.
Es gab nur einen Menschen, dem Johanna sich jetzt anvertrauen konnte. Als sie Gerold von der Schwangerschaft erzählte, reagierte er zuerst mit fassungslosem Unglauben.
»Du lieber Himmel! Ist das möglich?«
»Offensichtlich«, erwiderte sie trocken.
Für einen Moment stand Gerold regungslos da; sein Blick war nachdenklich und nach innen gekehrt. Dann fragte er: »War das deine … Krankheit?«
»Ja.« Johanna sagte ihm nichts von dem Abtreibungsversuch; nicht einmal von Gerold konnte sie in dieser Hinsicht Verständnis erwarten.
Er nahm sie in die Arme und drückte sie an sich, barg ihren Kopf an seiner Schulter. Lange Zeit standen sie schweigend da und teilten in stummem Verständnis, was in ihren Herzen war.
Dann fragte Gerold leise: »Kannst du dich noch erinnern, was ich am Tag des Hochwassers zu dir gesagt habe?«
»An diesem Tag haben wir einander vieles gesagt«, antwortete Johanna, doch sie spürte, wie ihr Herz schneller schlug, denn sie wußte, worauf er anspielte.
»Damals habe ich gesagt, daß du meine wahre Frau auf Erden bist, so, wie ich dein wahrer Ehemann bin.« Er drückte ihr sanft die Hand unters Kinn und hob ihren Kopf, so daß sie ihm in die Augen blickte. »Ich verstehe dich besser, als du glaubst, Johanna. Ich weiß, daß dein Inneres zerrissen ist. Aber nun hat das Schicksal uns die Entscheidung abgenommen, wie es weitergehen soll. Wir werden Rom verlassen und irgendwo in Frieden zusammenleben, wie es immer schon sein sollte.«
|527|Sie wußte, daß er recht hatte. Es gab jetzt keine andere Möglichkeit mehr. Sämtliche Straßen, die vor ihr gelegen hatten, hatten sich zu einem einzigen schmalen Pfad verengt. Johanna war traurig und ängstlich, zugleich aber von einer freudigen Erregung erfüllt.
»Wir könnten die Stadt schon morgen verlassen«, drängte Gerold. »Sag deinen Kammerdienern, daß du sie kommende Nacht nicht brauchst. Sobald alle schlafen, dürfte es nicht schwierig für dich sein, aus einer Seitentür zu schlüpfen. Ich werde draußen mit Frauenkleidung auf dich warten. Sobald wir außerhalb der Stadtmauern sind, kannst du die Sachen wechseln.«
»Morgen!« Johanna war mit dem Vorschlag einverstanden, Rom zu verlassen, hatte aber nicht gedacht, daß es so schnell gehen mußte. »Aber … aber man wird nach uns suchen.«
»Sicher. Doch bis die Suchtrupps losgeschickt werden, sind wir schon ein gutes Stück fort. Außerdem wird man nach zwei Männern suchen, nicht nach einem schlichten Ehepaar auf einer Pilgerreise.«
Es war ein tollkühner Plan, doch er konnte gelingen. Trotzdem sträubte Johanna sich noch immer. »Ich kann noch nicht fort. Erst möchte ich in dieser Stadt einige Dinge zu Ende bringen. Es gibt noch so viel zu tun …«
»Ich weiß, mein Schatz«, sagte er zärtlich. »Aber wir haben keine Wahl, das mußt du doch einsehen!«
»Laß uns wenigstens bis nach Ostern warten«, bat sie ihn. »Dann gehe ich mit dir.«
»Ostern? Gütiger Himmel – das sind noch mehr als vier Wochen! Was ist, wenn bis dahin jemand herausfindet, daß du schwanger bist?«
»Ich bin erst im dritten Monat. Und unter meinen weiten Umhängen kann ich mindestens noch vier Wochen lang verbergen, daß ich ein Kind erwarte.«
Mit Nachdruck schüttelte Gerold den Kopf. »Ich kann nicht zulassen, daß du dieses Risiko eingehst. Wir müssen aus Rom verschwinden, solange noch Zeit ist!«
»Nein«, entgegnete Johanna mit der gleichen Entschlossenheit. »Ich werde die Menschen, die mir anvertraut sind, nicht am höchsten Feiertag des Jahres ohne ihren Papst lassen.«
Sie ist aufgeregt und verängstigt, sagte sich Gerold. Deshalb kann sie nicht klar denken. Er beschloß, sich vorerst mit ihren |528|Plänen einverstanden zu erklären; ihm blieb keine andere Wahl. Doch insgeheim würde er alles für eine rasche Flucht vorbereiten. Falls irgendwann Gefahr drohte, konnte er Johanna blitzschnell in Sicherheit bringen – notfalls mit Gewalt.
An nox magna, der »Großen Nacht« des Osterfestes, hatten sich Tausende von Menschen in und um die Lateranbasilika versammelt, um die österlichen Vigilien, die Taufe und die Messe zu feiern. Der Gottesdienst begann am Samstagabend und währte die Nacht hindurch bis in die frühen Stunden des Ostermorgens.
Draußen, vor der Kathedrale, zündete Johanna die Osterkerze an, um sie dann dem Erzdiakon Desiderius zu reichen, der die Kerze feierlich ins dunkle Kircheninnere trug. Papst und Klerus folgten ihm, wobei sie das lumen Christi sangen, die Hymne an das Licht des Erlösers. Dreimal blieb die Prozession im Mittelgang der Kirche stehen, während Desiderius mit der Osterkerze die Kerzen der Gläubigen anzündete. Als Johanna schließlich den Altar erreichte, wurde das riesige Kirchenschiff von Tausenden winziger Flammen erhellt, deren flackerndes Licht schwindelerregend von den spiegelnden marmornen Wänden und Säulen reflektiert wurde – ein dramatisches und zugleich erhabenes Symbol für das Licht, das Jesus Christus in die Welt gebracht hatte.
Desiderius stimmte das Exultet an, und der Chor fiel ein. In Johannas Ohren besaß dieses altehrwürdige Lied mit der wunderschönen Melodie eine besondere, ergreifende Wehmut.
Nie wieder werde ich vor diesem Altar stehen und diese lieblichen Klänge hören, ging es ihr durch den Kopf, und bei diesem Gedanken überkam sie das Gefühl, etwas unendlich Kostbares verloren zu haben. Hier, inmitten der erhebenden Messe zur Feier der Erlösung und Hoffnung, kam Johanna dem Erlebnis des wahren Glaubens an Gott so nahe wie nirgendwo sonst.
Am nächsten Morgen, als Johanna zum Abschluß der Messe feierlich aus der Kathedrale schritt, sah sie einen Mann in zerlumpter, verdreckter Kleidung auf den Stufen stehen. Da sie ihn für einen Bettler hielt, bedeutete sie Viktor, dem sacellarius, dem Fremden ein Almosen zu geben.
Doch der Mann wies die dargebotenen Münzen mit einer schroffen Handbewegung zurück. »Ich bin kein Bettler, Heiligkeit, |529|sondern ein Bote, der Euch eine dringende Nachricht zu überbringen hat.«
»Dann sprecht«, forderte Johanna ihn auf.
»Kaiser Lothar und sein Heer ziehen durch Paterno. Falls sie ihr Marschtempo halten können, werden sie in zwei Tagen in Rom eintreffen.«
Erschrecktes Gemurmel erhob sich unter den Prälaten, die in Johannas Nähe standen.
»Kardinal Anastasius reitet mit ihnen«, fügte der Bote hinzu.
Anastasius! Daß er zum kaiserlichen Gefolge zählte, war ein sehr schlechtes Zeichen.
»Warum bezeichnet Ihr Anastasius als Kardinal?« fragte Johanna den Boten mit leisem Vorwurf. »Dieser Titel steht ihm nicht mehr zu. Anastasius ist exkommuniziert.«
»Ich bitte um Vergebung, Heiligkeit, aber ich hörte, wie der Kaiser ihn mit diesem Titel anredete.«
Das war die schlimmste Nachricht von allen. Daß der Kaiser die Exkommunikation Anastasius’ durch Papst Leo nicht anerkannte, war eine direkte und unmißverständliche Mißachtung der päpstlichen Autorität. In einer solchen Stimmung war Lothar zu allem fähig.
Als Johanna die Hiobsbotschaften am Abend dieses Tages mit Gerold besprach, drängte er sie, ihr Versprechen zu halten. »Ich habe bis nach Ostern gewartet, wie du es gewünscht hast. Jetzt mußt du die Stadt verlassen, bevor Lothar erscheint!«
Johanna schüttelte den Kopf. »Falls der Papstthron bei Lothars Eintreffen leer ist, wird er all seine Macht einsetzen, daß Anastasius zum Papst gewählt wird.«
Gerold gefiel der Gedanke, daß Anastasius das neue Oberhaupt der Christenheit wurde, ebensowenig wie Johanna, doch seine größte Sorge galt ihrer Sicherheit. »Es wird immer den einen oder anderen Grund geben, der uns davon abhalten kann, Rom zu verlassen«, sagte er. »Aber wir können es nicht ewig vor uns herschieben.«
»Ich werde das Vertrauen der Menschen nicht mißbrauchen, indem ich sie in die Hände eines Mannes wie Anastasius gebe«, erwiderte sie fest entschlossen.
Gerold verspürte das beinahe unwiderstehliche Verlangen, sie einfach in die Arme zu nehmen und fortzutragen – fort von dem Netz aus Gefahr, das sich immer enger um sie zog. Als hätte sie seine Gedanken erraten, redete Johanna rasch weiter.
|530|»Es ist nur eine Frage von wenigen Tagen«, sagte sie in versöhnlichem Tonfall. »Wir wissen zwar nicht, was Lothar vorhat, aber wir können davon ausgehen, daß er die Stadt verläßt, wenn er sein Ziel erreicht hat. Und sobald er verschwunden ist, werde ich mit dir aus Rom fortgehen.«
Für einen Augenblick überdachte Gerold ihren Vorschlag. »Und du versprichst mir, es dann nicht noch einmal aufzuschieben, weil irgend etwas dazwischen gekommen ist?«
»Ich verspreche es«, sagte Johanna.
Am nächsten Tag wartete Johanna auf den Stufen der Treppe von Sankt Peter, während Gerold aus der Stadt ritt, um Lothar zu begrüßen. Überall auf der Leoninischen Mauer wurden Posten aufgestellt, um Wache zu halten.
Kurze Zeit später ertönte der Ruf von der Mauer: »Der Kaiser ist da!« Johanna befahl, das Tor von San Peregrinus zu öffnen.
Zuerst kam Lothar in die Stadt geritten, Anastasius an seiner Seite, der dreist und trotzig das Schulterband eines Kardinals trug. Auf seinem schmalen Patriziergesicht lag ein Ausdruck hochmütigen Stolzes.
Johanna verhielt sich so, als wäre er gar nicht anwesend. Statt dessen wartete sie auf den Stufen der Peterskirche, daß der Kaiser aus dem Sattel stieg und zu ihr kam.
»Seid willkommen, Majestät, in der heiligen Stadt Rom.« Sie streckte die rechte Hand mit dem päpstlichen Ring aus, dem Symbol ihrer spirituellen Macht.
Lothar kniete nicht vor ihr nieder, sondern verbeugte sich nur steif in der Hüfte, als er den Ring küßte.
So weit, so gut, dachte Johanna.
Die vorderste Reihe der Männer Lothars teilte sich, und Johanna sah Gerold. Sein Gesicht war angespannt vor Zorn, und seine Handgelenke waren straff mit einem dünnen Seil gefesselt.
»Was hat das zu bedeuten?« fragte Johanna mit hörbarer Wut. »Weshalb ist der Kommandeur der päpstlichen Garde gefesselt?«
Lothar erwiderte knapp: »Weil er des Verrats angeklagt ist.«
»Verrat? Der superista ist mir ein getreuer Helfer und Untergebener. Es gibt keinen Menschen, dem ich mehr vertraue.«
Zum erstenmal meldete Anastasius sich zu Wort. »Der Verrat |531|war nicht gegen den Thron des Papstes gerichtet, Heiligkeit, sondern gegen den des Kaisers. Gerold steht unter dem Verdacht, sich gegen Rom verschworen zu haben – mit dem Ziel, die Stadt wieder unter griechische Herrschaft zu bringen.«
»Unsinn! Wer erhebt diese lächerliche und unbegründete Anklage?«
Daniel, der magister militum, kam hinter Anastasius hervorgeritten und bedachte Johanna mit einem Blick, aus dem boshafter Triumph sprach. »Ich«, sagte er.
Es war eine gut geplante, durchtriebene Verschwörung, wie Johanna später, in der Ruhe und Abgeschiedenheit ihrer Gemächer, zugeben mußte. Sie selbst, als Papst, konnte nicht vor Gericht gestellt werden, wohl aber Gerold – und falls man ihn für schuldig befand, war sie mit betroffen, und ihr Thron geriet ins Wanken. Die teuflische Gerissenheit, die aus diesem Plan sprach, trug unverkennbar Anastasius’ Handschrift.
Trotzig reckte Johanna das Kinn vor. Sollte dieser Kerl es nur versuchen! Er würde nicht über sie triumphieren! Sie war immer noch der Papst, und sie hatte ihre eigenen Machtmittel und Hilfsquellen!