Es war im Aranmanoth, dem Monat der Getreideernte, im Spätsommer ihres neunten Lebensjahres, als Johanna zum erstenmal Aeskulapius begegnete. Auf dem Weg nach Mainz, wo er an der dortigen scola, der Domschule, eine Stelle als Lehrmeister antreten sollte, hatte er am Grubenhaus des Dorfpriesters von Ingelheim eine Rast eingelegt.
»Seid willkommen, Herr, seid willkommen!« begrüßte Johannas Vater den Gast hocherfreut. »Wir danken Gott, daß Ihr sicher und wohlbehalten eingetroffen seid. Ich hoffe, die Reise war nicht zu anstrengend.« Er verbeugte sich dienstbeflissen und führte Aeskulapius durch die Tür. »Kommt herein und erfrischt Euch. Gudrun! Bring Wein! Mit Eurem Besuch erweist Ihr uns und unserem bescheidenen Heim eine große Ehre, Herr.« Dem Gebaren ihres Vaters konnte Johanna entnehmen, daß Aeskulapius ein Gelehrter von beträchtlichem Ansehen und Rang sein mußte.
Er war Grieche und nach byzantinischer Mode gekleidet. Sein chlamys aus feinem weißen Leinen besaß als Verschluß eine schlichte Brosche aus Metall; darüber trug er einen langen blauen Umhang mit silbernem Saum. Sein eingeöltes Haar war kurz geschnitten wie bei einem Bauern und straff nach hinten aus der Stirn gekämmt. Und anders als Johannas Vater, der seinen Bart gestutzt, nach Art der fränkischen Kirchenleute trug, hatte Aeskulapius einen langen Vollbart, der so weiß war wie sein Haar.
Als der Vater nach Johanna rief, den Ankömmling zu begrüßen, erlebte sie eine Anwandlung von Schüchternheit. Verlegen stand sie vor dem fremden Mann und hielt den Blick gesenkt, starr auf das komplizierte Flechtwerk seiner Sandalen gerichtet. Dann, endlich, hatte der Dorfpriester ein Nachsehen und schickte Johanna hinaus, ihrer Mutter bei der Zubereitung des Abendessens zu helfen.
|43|Als sich später alle an den Tisch im Wohnraum setzten, sagte der Dorfpriester zu Aeskulapius: »Wir haben die Gewohnheit, aus der Bibel zu lesen, bevor wir die Mahlzeiten einnehmen. Würdet Ihr uns die Ehre erweisen und heute Abend den Segensspruch vortragen?«
»Aber gewiß«, sagte Aeskulapius lächelnd. Behutsam schlug er das holzgebundene Buch auf und blätterte vorsichtig die brüchigen, pergamentenen Seiten um. »Der Text stammt von Ecclesiastes. ›Omnia tempus habent, et momentum suum cuique negotio sub caelo …‹«
Nie zuvor hatte Johanna jemanden so wunderschön Latein reden hören. Aeskulapius’ Aussprache war ungewöhnlich: Er reihte die Worte nicht aneinander, wie es bei der gallischen Sprechweise üblich war; statt dessen war bei ihm jedes einzelne Wort rund und betont, wie ein Tropfen klaren Regenwassers. »Denn für alles gibt es eine Jahreszeit, und unter Gottes Himmel hat jedes Ding auf Erden seine Zeit. Es gibt eine Zeit des Gebärens; eine Zeit des Sterbens; eine Zeit des Pflanzens und eine Zeit zu pflücken, was gepflanzt worden ist; es gibt eine Zeit zu töten, und eine Zeit zu heilen; eine Zeit des Niederreißens, und eine Zeit des Aufbaus.« Johanna hatte ihren Vater diesen Absatz viele Male lesen hören, doch bei Aeskulapius hörte sie eine Schönheit heraus, die sie nie zuvor darin vermutet hätte.
Als er geendet hatte, schlug Aeskulapius das Buch zu. »Ein prächtiger Band«, sagte er anerkennend zum Dorfpriester. »Von kunstvoller Hand geschrieben. Ihr müßt ihn aus England mitgebracht haben; wie mir gesagt wurde, blühen dort noch die Künste der Buchmacherei. Heutzutage findet man nur noch selten eine Handschrift, die so frei von grammatischen Sprachwidrigkeiten ist.«
Der Dorfpriester errötete vor Freude. »In der Bibliothek zu Lindisfarne gab es viele solcher Bände. Dieser hier wurde mir vom Bischof anvertraut, als er mich zur Missionsarbeit in Sachsen auserwählte.«
Das Essen war ausgezeichnet; es war die üppigste Mahlzeit, welche die Familie je einem Gast bereitet hatte. Es gab ein knusprig gebratenes, mit Salz gewürztes Lendenstück vom Schwein, dazu gekochten Dinkel und rote Bete, scharfen grünen Käse und Scheiben von dem dunklen Brot, das frisch in den glühenden Holzscheiten im Herd gebacken worden war. Der Dorfpriester schenkte fränkisches Bier aus, würzig, dunkel |44|und dickflüssig wie Suppe. Nachher aßen sie geröstete Mandeln und süße gebratene Äpfel.
»Köstlich«, sagte Aeskulapius am Ende des Mahls. »Es ist lange her, daß ich so gut gegessen habe. Seit meiner Abreise aus Byzanz habe ich kein so wohlschmeckendes Schweinefleisch mehr genossen.«
Gudrun war erfreut. »Es liegt daran, daß wir unsere eigenen Schweine halten und sie mästen, bevor sie geschlachtet werden. Das Fleisch der Schweine aus dem Schwarzwald dagegen ist zäh und unappetitlich.«
»Erzählt uns von Konstantinopel!« bat Johannes voller Begeisterung. »Stimmt es, daß die Straßen dort mit kostbaren Steinen gepflastert sind und daß flüssiges Gold aus den Brunnen sprudelt?«
Aeskulapius lachte. »Das nicht gerade. Aber Byzanz bietet in der Tat einen herrlichen Anblick.« Johanna und ihr Bruder lauschten mit offenem Mund, als der Besucher ihnen nun die Stadt am Bosporus beschrieb, die sich auf einem hohen Vorgebirge ausbreitete – mit ihren Bauwerken aus Marmor, von Kuppeln aus Gold und Silber gekrönt, die sich mehrere Stockwerke hoch erhoben und über dem Hafen am Goldenen Horn aufragten, in dem Schiffe aus der ganzen Welt vor Anker lagen. In dieser Stadt war Aeskulapius geboren, und hier hatte er seine Jugend verbracht. Dann war er zur Flucht gezwungen worden, als seine Familie in einen religiösen Streit mit Basileus verwickelt wurde – ein Streit, der irgend etwas mit der Zerstörung von Heiligenbildern zu tun gehabt hatte. Johanna verstand nicht, was damit gemeint war, wohl aber ihr Vater, denn er nickte mit ernster Mißbilligung, als Aeskulapius schilderte, wie man seine Familie verfolgt hatte.
Dann wandte das Gespräch sich theologischen Fragen zu, und die sich sträubende Johanna und ihr Bruder wurden in jenen Teil des Hauses gebracht, in dem die Eltern schliefen; als geehrter Gast sollte Aeskulapius das große Bett in der Nähe des Herdes für sich ganz allein bekommen.
»Bitte, bitte, darf ich nicht bleiben und zuhören?« bettelte Johanna ihre Mutter an.
»Nein. Es wird höchste Zeit, daß du ins Bett kommst. Außerdem erzählt unser Gast jetzt keine Geschichten mehr. Und diese Gelehrtengespräche dürften dich kaum interessieren.«
»Aber …«
|45|»Schluß jetzt, Kind. Ab ins Bett. Morgen früh brauche ich deine Hilfe. Dein Vater möchte, daß wir seinem Besucher ein weiteres Festmahl bereiten.« Sie seufzte und fügte murmelnd hinzu: »Wenn noch mehr solche Gäste kommen, müssen wir bald am Hungertuch nagen.« Sie bettete die Kinder auf die strohgedeckte Pritsche, küßte die beiden und ging.
Johannes schlief rasch ein. Johanna aber lag wach und versuchte zu hören, was die Stimmen auf der anderen Seite der dicken hölzernen Trennwand sagten. Schließlich wurde die Neugier so stark, daß Johanna vom Strohlager stieg und über die Trennwand hinwegkroch. Auf der anderen Seite kniete sie nieder und spähte aus der Dunkelheit dorthin, wo ihr Vater und Aeskulapius am Herdfeuer saßen und sich unterhielten. Es war bitterkalt; die Wärme der Flammen reichte nicht bis zu dem kleinen Mädchen. Außerdem trug Johanna nur ein dünnes Hemdkleid aus Leinen. Sie schauderte, zog aber nicht einmal in Betracht, wieder ins Bett zu gehen; sie mußte hören, was Aeskulapius sagte.
Das Gespräch hatte sich der Mainzer Domschule zugewandt, und Aeskulapius fragte den Dorfpriester soeben: »Könnt Ihr mir etwas über die dortige Bibliothek sagen?«
»O ja«, erwiderte der Dorfpriester, offensichtlich erfreut darüber, daß ihm diese Frage gestellt worden war. »Ich habe dort viele Stunden verbracht. Die Bibliothek umfaßt eine hervorragende Sammlung von Bänden, mehr als fünfundsiebzig alte Codices.«
Aeskulapius nickte höflich, wenngleich er nicht beeindruckt zu sein schien. Johanna aber konnte sich so viele Bücher an ein und demselben Ort gar nicht vorstellen.
Der Dorfpriester sagte: »Es gibt dort Abschriften von Isidor von Sevillas Etymologiarum, und von Salvianus’ De gubernatore dei. Außerdem die vollständigen Commentarii des Geronimus mit herrlich kunstvollen Illustrationen. Und Ihr findet dort ein ganz besonders schönes Exemplar des Hexameron meines Landmannes Aelfric.«
»Gibt es dort auch Abschriften der Werke des Plato?«
»Plato?« Der Dorfpriester war schockiert. »Bestimmt nicht. Seine Schriften sind kein angemessenes Studium für einen Christen.«
»Ach, meint Ihr? Dann meßt Ihr Platos Werk über die Logik keine Bedeutung bei?«
|46|»Ich finde, es gehört ins Trivium, in den niederen Teil der freien Künste«, erwiderte der Dorfpriester unbehaglich, »und es ist allenfalls als Hilfsmittel beim Studium wirklich wertvoller Schriften wie denen des Boethius von Nutzen. Der Glaube gründet sich auf die Autorität der Heiligen Schrift und nicht auf die Beweise der Logik. Mitunter erschüttern die Menschen ihren Glauben lediglich aus närrischer Neugierde.«
»Ich verstehe, was Ihr meint.« Aus Aeskulapius’ Worten sprach eher Höflichkeit als Zustimmung. »Aber vielleicht könnt Ihr mir dann folgende Frage beantworten: Wie kommt es, daß der Mensch zu vernünftigem Denken fähig ist?«
»Das vernünftige Denken ist der Funke des göttlichen Wesens im Menschen. ›Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn.‹«
»Ihr versteht Euch ausgezeichnet darauf, die Heilige Schrift auszulegen. – Demnach würdet Ihr mir zustimmen, daß die Fähigkeit zum vernünftigen Denken von Gott gegeben ist?«
»Ganz gewiß.«
Johanna kroch näher heran, kam aus den Schatten hervor, die von der Trennwand geworfen wurden. Sie wollte nicht versäumen, was Aeskulapius als nächstes sagte.
»Weshalb fürchtet Ihr Euch dann, den Glauben im Licht der Vernunft zu betrachten? Und was ist Logik anderes als streng vernunftbestimmtes Denken? Gott selbst hat uns die Vernunft gegeben. Wie könnte sie uns da von ihm wegführen?«
Johanna hatte ihren Vater noch nie so unbehaglich dreinschauen sehen. Er war Missionar und dafür ausgebildet, aus der Bibel zu lesen und zu predigen, doch im verbalen Schlagabtausch bei logischen Streitgesprächen war er nicht geschult. Er öffnete den Mund, um zu antworten; dann schloß er ihn wieder.
»Ist es nicht gar so«, fuhr Aeskulapius fort, »daß das Fehlen des Glaubens die Menschen dazu bringt, sich vor der Prüfung eines Sachverhalts durch logisches Nachdenken zu fürchten? Falls die Bestimmung zweifelhaft ist, muß der Weg voller Furcht sein. Ein fester Glaube braucht keine Furcht; denn falls es Gott gibt, kann die Vernunft uns nur zu ihm führen. Cogito, ergo Deus est, sagte der heilige Augustin. Ich denke; also gibt es Gott.«
Johanna folgte dem Gespräch dermaßen gespannt, daß sie alles um sich herum vergaß und bei Aeskulapius’ Bemerkung |47|voller bewunderndem Begreifen einen leisen, erstaunten Ruf ausstieß. Ihr Vater blickte scharf zu der Trennwand hinüber, und Johanna zog sich hastig in die Schatten zurück, wartete und wagte kaum zu atmen, bis sie wieder das Stimmengemurmel hörte. Dann kroch sie zurück zur strohgedeckten Pritsche, auf der Johannes lag und leise schnarchte.
Noch lange Zeit nachdem die Gespräche der Männer verstummt waren, lag Johanna wach in der Dunkelheit. Sie fühlte sich unglaublich beschwingt und frei, als wäre ein drückendes Gewicht von ihr genommen. Matthias’ Tod war nicht ihre Schuld gewesen. Ihr Verlangen nach Wissen, ihr Wunsch zu lernen hatten ihn nicht das Leben gekostet – mochte ihr Vater sagen, was er wollte. Heute abend, als sie Aeskulapius zuhörte, hatte Johanna entdeckt, daß ihre Liebe zum Wissen weder sündhaft noch wider die Natur war, sondern eine unmittelbare Folge der dem Menschen von Gott geschenkten Fähigkeit, logisch und vernunftbestimmt zu denken. Ich denke; also gibt es Gott. Im Herzen spürte Johanna die Wahrheit, die in diesem Zitat lag.
Aeskulapius’ Worte hatten ein Licht in ihrer Seele entfacht. Vielleicht kann ich morgen mit ihm reden, ging es ihr durch den Kopf. Vielleicht bekomme ich die Möglichkeit, ihm zu zeigen, daß ich lesen kann.
Diese Aussicht war so aufregend, daß Johanna an nichts anderes mehr denken konnte. Erst im Morgengrauen schlief sie ein.
Am nächsten Morgen wurde Johanna in aller Frühe von der Mutter in den Wald geschickt, um Eicheln und Bucheckern als Futter für die Schweine zu sammeln. Da Johanna so schnell wie möglich zum Haus und zu Aeskulapius zurückkehren wollte, beeilte sie sich, ihre Arbeit zu erledigen. Doch der Boden des herbstlichen Waldes war von einer dicken Schicht abgefallener Blätter bedeckt, so daß das Schweinefutter schwer zu finden war. Aber Johanna konnte erst zurück, wenn sie den Weidenkorb gefüllt hatte.
Als sie schließlich wieder zum Haus gerannt kam, rüstete Aeskulapius zur Weiterreise.
»Oh, und ich hatte gehofft, Ihr erweist uns die Ehre und eßt mit uns zu Mittag«, sagte der Dorfpriester. »Eure Gedanken über das Geheimnis der Heiligen Dreifaltigkeit haben mich |48|sehr interessiert, und ich hätte gern noch länger mit Euch darüber gesprochen.«
»Sehr freundlich von Euch, aber ich muß heute abend in Mainz sein. Der Bischof erwartet mich, und ich brenne darauf, meine neuen Pflichten an der scola zu übernehmen.«
»Natürlich, natürlich«, sagte der Dorfpriester und fügte nach einer Pause hinzu: »Aber Ihr erinnert Euch gewiß an unser Gespräch über den Jungen. Würdet Ihr noch so lange bleiben, um bei seiner Lektion zuzuschauen?«
»Es ist die kleinste Gefälligkeit, die ich einem so großzügigen Gastgeber erweisen kann«, erwiderte Aeskulapius mit einstudierter Höflichkeit.
Johanna nahm ihr Strickzeug und setzte sich in einen Stuhl in nächster Nähe, wobei sie versuchte, einen so unscheinbaren Eindruck wie möglich zu machen, damit der Vater sie nicht fortschickte.
Ihre Sorgen waren unbegründet. Die Aufmerksamkeit des Dorfpriesters war ausschließlich auf Johannes gerichtet. Er hoffte, Aeskulapius mit dem ›umfassenden Wissen‹ des Jungen zu beeindrucken, und er begann die Lektion, indem er Johannes über die Sprachlehre befragte, wobei er sich an der Grammatik des Donatus orientierte. Das war ein Fehler; denn die Sprachlehre war Johannes’ schwächstes Fach. Wie nicht anders zu erwarten, war seine Vorstellung kläglich: Er verwechselte den Ablativ mit dem Dativ, verpfuschte die Verben und erwies sich zum Schluß als vollkommen unfähig, auch nur einen Satz grammatisch richtig zu analysieren. Aeskulapius beobachtete das Ganze ernst, schweigend und mit gefurchter Stirn.
Das Gesicht vor Verlegenheit gerötet, zog der Dorfpriester sich nun auf sicheres Gelände zurück. Er begann mit dem Rätselkatechismus des großen Alkuin, in dem Johannes gründlich gedrillt worden war. Im ersten Teil des Katechismus machte der Junge seine Sache auch ganz gut:
»Was ist ein Jahr?«
»Ein Karren mit vier Rädern.«
»Welche Pferde ziehen ihn?«
»Die Sonne und der Mond.«
»Wie viele Paläste hat das Jahr?«
»Zwölf.«
Zufrieden über den bescheidenen Erfolg, wagte der Dorfpriester |49|sich zu schwierigeren Teilen des Katechismus vor. Johanna hatte Angst vor dem, was nun kam; denn sie sah, daß Johannes kurz davor stand, in Panik auszubrechen.
»Was ist Leben?«
»Die Freude der Gesegneten, das Leid der Traurigen, und … und …« Johannes verstummte.
Aeskulapius rutschte unruhig auf dem Stuhl hin und her. Johanna schlug die Augen zu, konzentrierte sich auf die Worte und versuchte, Johannes durch die schiere Kraft ihres Willens dazu zu bringen, sie auszusprechen.
»Ja?« hakte der Dorfpriester nach. »Und was noch?«
Johannes’ Gesicht leuchtete auf, als es ihm einfiel. »Und die Suche nach dem Tod!«
Der Dorfpriester nickte knapp. »Und was ist der Tod?«
Es hatte keinen Sinn. Daß er bei der vorletzten Frage beinahe versagt hätte – und die wachsende Unzufriedenheit seines Vaters – machten Johannes’ letzte Hoffnungen zunichte und brachten ihn endgültig aus der Fassung. Er konnte sich an gar nichts mehr erinnern. Sein Gesicht verzog sich; Johanna sah, daß er jeden Augenblick in Tränen auszubrechen drohte. Sein Vater starrte ihn düster an, während Aeskulapius den Jungen mit mitleidigen Augen betrachtete.
Johanna hielt es nicht mehr aus – die Qualen des Bruders, der Zorn des Vaters und die peinliche Demütigung Johannes’ vor den Augen Aeskulapius’ waren zuviel für sie. Bevor sie wußte, was sie tat, platzte sie heraus: »Der Tod ist ein unausweichliches Geschehnis, eine ungewisse Pilgerreise, die Tränen der Lebenden und der Dieb aller Menschen.«
Ihre Worte trafen die beiden Männer und den Jungen wie ein Keulenschlag. Die drei hoben gleichzeitig den Blick; auf ihren Gesichtern spiegelte sich eine Skala unterschiedlichster Gefühle wider. Bei Johannes war es Verdruß; bei ihrem Vater Zorn und bei Aeskulapius Verwunderung. Der Dorfpriester fand als erster die Sprache wieder.
»Wie kannst du es wagen!« fuhr er Johanna an; dann erinnerte er sich an Aeskulapius und fügte hinzu: »Wäre unser Gast nicht bei uns, würde ich dir eine ordentliche Tracht Prügel verpassen. So aber muß deine Bestrafung noch warten. Und jetzt gehe mir aus den Augen.«
Johanna erhob sich aus dem Stuhl und kämpfte darum, die Fassung zu wahren, bis sie zur Tür des Grubenhauses hinaus |50|war und sie hinter sich zuzog. Dann lief sie los, so schnell sie konnte, und rannte den ganzen Weg bis zum Adlerfarn, der am Waldrand wuchs. Dort warf sie sich zu Boden.
Sie hatte das Gefühl, vor Schmerz vergehen zu müssen. Wie schrecklich und ungerecht, vor den Augen des einzigen Menschen, den sie beeindrucken wollte, auf diese Weise herabgesetzt zu werden. Das ist ungerecht! Johannes wußte die Antwort nicht, aber ich. Warum hätte ich da schweigen sollen?
Lange Zeit saß sie da und beobachtete, wie die Schatten der Bäume länger wurden. Ein Rotkehlchen flatterte neben ihr zu Boden und begann auf der Suche nach Würmern zwischen den Blättern zu picken. Als es einen Wurm entdeckt hatte, streckte das Tierchen die Brust heraus und stolzierte in einem kleinen Kreis umher, die Beute im Schnabel. Es ist genau wie ich, dachte Johanna mit einem Anflug von Selbstironie. Genauso aufgeplustert vor Stolz, daß es schon an Hochmut grenzt. Und Johanna wußte, daß Hochmut eine Sünde war – sie war deswegen oft genug ausgeschimpft worden -; doch sie konnte nichts dagegen tun, daß sie sich im Recht fühlte. Ich bin klüger als Johannes. Warum soll er dann studieren und lernen dürfen, ich aber nicht?
Das Rotkehlchen flog davon. Johanna beobachtete, wie es zu einem winzigen flatternden Punkt aus Farbe zwischen den Bäumen wurde. Sie betastete das hölzerne Medaillon mit dem Bildnis der heiligen Katharina, das sie um den Hals trug, und dachte an Matthias. Er hätte jetzt bei ihr gesessen, hätte mit ihr geredet und ihr alles erklärt, so daß sie hätte verstehen können. Sie vermißte ihn so sehr.
Du hast ihn ermordet, hatte Vater gesagt. Ein vertrautes Gefühl der Übelkeit stieg in Johannas Innerm auf, als sie daran dachte. Dennoch rebellierte ihr Geist dagegen. Sie war hochmütig. Sie wollte mehr als das, was Gott für eine Frau vorgesehen hatte. Aber warum sollte Gott Matthias für ihre Sünden bestrafen? Das ergab keinen Sinn.
Was war in ihrem Innern, daß sie ihre sinnlosen Träume nicht aufgab – Träume, die sich niemals verwirklichen ließen? Jeder sagte ihr, daß ihr Wunsch zu lernen unnatürlich sei. Dennoch dürstete es Johanna nach Wissen, und sie sehnte sich danach, die riesige Welt der Gedanken und Ideen zu erforschen, die gelehrten Menschen zugänglich war. Die anderen Mädchen im Dorf interessierten sich nicht für solche Dinge. Sie waren es zufrieden, die Zeit durchzuhalten, die eine heilige Messe dauerte, |51|ohne daß sie ein einziges Wort verstanden. Sie akzeptierten, was ihnen gesagt wurde, und schauten nicht nach vorn. Sie träumten von einem guten Ehemann – womit sie einen Mann meinten, der sie freundlich behandelte und sie nicht prügelte– und einem kleinen Stück Ackerland; sie spürten kein inneres Verlangen, das sie über die sichere und vertraute Welt des Dorfes hinausführte. Sie waren für Johanna so unerklärlich, wie Johanna es für sie war.
Warum bin ich anders? fragte sie sich. Was stimmt nicht mit mir?
Hinter ihr erklangen Fußschritte, und eine Hand berührte sie an der Schulter. Es war Johannes.
Eingeschnappt sagte er: »Vater hat mich geschickt. Er möchte mit dir reden.«
Johanna nahm die Hand des Bruders. »Es tut mir leid, was vorhin geschehen ist.«
»Du hättest den Mund halten müssen. Du bist nur ein Mädchen.«
Angesichts seiner schroffen Worte fiel es ihr nicht leicht, doch sie mußte sich bei Johannes entschuldigen, weil sie ihn vor ihrem Gast blamiert hatte.
»Ja, es war falsch. Verzeih mir.«
Johannes versuchte, die Fassade verletzten Stolzes aufrechtzuerhalten, schaffte es aber nicht. »Also gut, ich verzeihe dir«, gab er nach. »Immerhin ist Vater jetzt nicht mehr auf mich wütend. Tja – komm, und sieh selbst.«
Er zog sie vom klammen Erdboden hoch und half ihr, die Blätter und die feuchten Stücke Adlerfarn von ihrer Kleidung abzuklopfen. Dann gingen sie Hand in Hand zur Hütte zurück.
An der Tür schob Johannes die Schwester vor sich her. »Geh du vor«, sagte er. »Schließlich möchten sie dich sehen.«
Sie? Johanna fragte sich, was er damit meinte, hatte aber keine Gelegenheit mehr, sich zu erkundigen, denn sie stand bereits ihrem Vater und Aeskulapius gegenüber, die vor dem Herdfeuer warteten.
Johanna trat auf die Männer zu und blieb unterwürfig vor ihnen stehen. Auf dem Gesicht des Vaters lag ein seltsamer Ausdruck, so, als hätte er irgend etwas Saures verschluckt. Er grunzte und bedeutete Johanna, vor Aeskulapius hinzutreten, der sie bereits zu sich winkte. Er nahm Johannas Hände in die seinen und schaute ihr mit einem forschenden Blick ins Gesicht. »Du beherrschst die lateinische Sprache?« fragte er.
»Wie hast du dieses Wissen erlangt?«
»Ich habe immer zugehört, Herr, wenn mein Bruder seine Stunden hatte.« Johanna konnte sich die Reaktion des Vaters auf diese Enthüllung vorstellen. Sie schlug die Augen nieder. »Ich weiß, ich hätte es nicht tun dürfen.«
»Welches Wissen hast du dir sonst noch angeeignet?« erkundigte sich Aeskulapius.
»Ich kann lesen, Herr, und ein bißchen schreiben. Mein Bruder Matthias hat es mich gelehrt, als ich noch klein war.« Aus den Augenwinkeln sah Johanna, wie im Gesicht ihres Vaters Zorn aufloderte.
»Zeig es mir.« Aeskulapius schlug die Bibel auf, suchte nach einem Abschnitt und hielt Johanna dann das Buch hin, wobei er mit dem Finger auf die Stelle zeigte, die er für sie ausgesucht hatte. Es war das Gleichnis vom Senfkorn aus dem Lukasevangelium. Johanna begann zu lesen, wobei sie über die ersten lateinischen Worte stolperte – es war eine Weile her, seit sie das letzte Mal aus dem Buch gelesen hatte. »Quomodo assimilabimus regnum Dei aut in qua parabola ponemus illud? – Wem ist das Reich Gottes ähnlich, womit soll ich es vergleichen?« Ohne zu Zögern fuhr sie fort und las bis zum Ende: »Darauf sagte er: Es ist wie ein Senfkorn, das ein Mann in seinem Garten in die Erde steckte; es wuchs und wurde zu einem Baum, und die Vögel des Himmels nisteten in seinen Zweigen.«
Johanna hörte zu lesen auf. In der plötzlichen Stille konnte sie das leise Rascheln des Herbstwindes hören, der über das Strohdach des Hauses wehte.
Schließlich fragte Aeskulapius leise: »Was du da eben gelesen hast – verstehst du, was es bedeutet?«
»Ich glaube schon.«
»Erkläre es mir.«
»Es bedeutet, daß der Glaube wie ein Senfkorn ist. Man pflanzt ihn im Herzen ein, genauso wie ein Same im Garten gepflanzt wird. Wenn man den Samen des Senfkorns hegt und pflegt, wird ein wunderschöner Baum daraus wachsen. Wenn man seinen Glauben hegt und pflegt, wird man das himmlische Königreich erlangen.«
Aeskulapius zupfte sich am Bart. Ihm war nicht anzusehen, ob er mit Johannas Antwort zufrieden war. Hatte sie die Worte falsch ausgelegt?
|53|»Oder …« Ihr fiel eine andere Erklärung ein.
»Ja?« Aeskulapius hob die Brauen.
»Es könnte bedeuten, daß die Kirche wie ein Samenkorn ist. Die Kirche hat klein angefangen; sie ist im Dunkeln gewachsen, und nur Christus und die zwölf Apostel haben sich um sie gekümmert. Aber dann ist die Kirche zu einem riesigen Baum herangewachsen. Ein Baum, dessen Schatten über die ganze Erde fällt.«
»Und die Vögel, die in den Zweigen nisten?« fragte Aeskulapius.
Johanna dachte rasch nach. »Sie sind die Gläubigen, die Errettung in der Kirche finden, genauso wie die Vögel in den Zweigen des Baumes Schutz finden.«
Noch immer war der Ausdruck auf Aeskulapius’ Gesicht nicht zu deuten. Wieder zupfte er sich ernst am Bart. Johanna beschloß, noch einen dritten Versuch zu unternehmen.
»Oder …« Sie dachte gründlich darüber nach, während sie bereits nach den richtigen Worten suchte. »Das Senfkorn könnte für Jesus Christus stehen. Christus war wie ein Same, als man seinen Körper in der Höhle zu Grabe trug, und wie ein Baum, als er auferstanden und zum Himmel gefahren ist.«
Aeskulapius wandte sich dem Dorfpriester zu. »Habt Ihr das gehört?«
Der Dorfpriester verzog das Gesicht. »Sie ist bloß ein Mädchen. Ich bin sicher, sie wollte sich nicht erdreisten …«
»Das Senfkorn als Symbol des Glaubens, der Kirche und Christi«, sagte Aeskulapius. »Allegoria, moralis, anagoge. Eine klassische Bibelauslegung über die Dreifaltigkeit. Mit ziemlich schlichten Worten ausgedrückt, gewiß, aber dennoch – es ändert nichts daran, daß diese Auslegung so umfassend ist wie die des großen Gregor selbst. Und das ohne jeden Unterricht! Es ist kaum zu glauben! Das Kind zeigt eine außerordentliche Geistesschärfe. Ich werde sie unterrichten. Ich werde ihr Tutor sein.«
Johanna war wie benommen. Träumte sie? Beinahe hatte sie Angst zu glauben, daß dies alles wirklich geschah.
»Natürlich nicht an der scola«, fuhr Aeskulapius fort, »denn das würde man ihr nicht gestatten. Aber ich werde es so einrichten, daß ich alle zwei Wochen hierherkommen kann. Und ich werde ihr Bücher besorgen, damit sie in der Zwischenzeit ihren Studien nachgehen kann.«
|54|Doch der Dorfpriester war ganz und gar nicht einverstanden. Einen solchen Ausgang hatte er sich nicht erhofft. »Das ist ja alles schön und gut«, sagte er gereizt, »aber was ist mit dem Jungen?«
»Ach ja, der Junge. Tja, ich fürchte, er zeigt keine Begabung, die darauf hoffen läßt, daß ein Gelehrter aus ihm wird. Bei entsprechender weiterer Ausbildung kann er es vielleicht zu einem Geistlichen niederen Ranges bringen. Das Gesetz unserer heiligen Mutter Kirche verlangt ja lediglich, daß er Lesen und Schreiben beherrscht und die korrekte Form der Sakramente kennt. Aber weiter würde ich bei dem Jungen nicht nach vorn schauen. Die scola ist nichts für ihn.«
»Ich glaube, ich kann meinen Ohren nicht mehr trauen! Ihr wollt das Mädchen unterrichten, nicht den Jungen?«
Aeskulapius zuckte die Achseln. »Das Mädchen hat Begabung, der Junge nicht. Es kann keine andere Entscheidung geben.«
»Eine Frau als Gelehrter!« Der Dorfpriester war empört. »Sie soll die Heilige Schrift und die Wissenschaften studieren, während ihr Bruder übergangen wird? Das werde ich nicht zulassen. Entweder Ihr unterrichtet beide oder keinen.«
Johanna hielt den Atem an. Sie war der Erfüllung ihres Traumes so nahe gekommen. Wurde jetzt alles grausam zunichte gemacht? Das durfte nicht sein! Sie murmelte ein Gebet vor sich hin; dann hielt sie plötzlich inne. Vielleicht wollte Gott die ganze Sache nicht so recht gefallen. Johanna griff unter ihre Tunika und umfaßte das Medaillon der heiligen Katharina. Ihr würde es gefallen, und sie würde Johannas glühenden Wunsch nach Wissen verstehen. Bitte, betete sie schweigend, mach, daß Aeskulapius mein Lehrer wird. Dann werde ich dir ein schönes Opfer bringen. Aber, bitte, nimm mir diese Gelegenheit nicht fort.
Aeskulapius blickte ungeduldig drein. »Ich habe Euch doch gesagt, daß der Junge sich nicht fürs Studium eignet. Ihn zu lehren wäre Zeitverschwendung.«
»Dann ist die Entscheidung gefallen«, erwiderte der Dorfpriester zornig. Johanna beobachtete fassungslos, wie er sich aus dem Stuhl erhob.
»Einen Augenblick«, sagte Aeskulapius. »Eure Entscheidung ist unumstößlich, wie ich sehe.«
»Ja.«
»Also gut. Das Mädchen läßt alle Anzeichen eines überragenden |55|Verstandes erkennen. Bei entsprechender Ausbildung kann sie es sehr weit bringen. Eine solche Gelegenheit möchte ich nicht ungenutzt lassen. Da Ihr darauf beharrt, werde ich beide unterrichten, das Mädchen und den Jungen.«
Hörbar stieß Johanna den Atem aus. »Danke«, sagte sie und meinte damit gleichermaßen die heilige Katharina und Aeskulapius. Sie versuchte, ihrer Stimme einen ruhigen Klang zu geben. »Ich werde so hart arbeiten, daß ich mich Eures Vertrauens würdig erweise.«
Aeskulapius schaute sie an. In seinen Augen spiegelte sich eine scharfe und wache Intelligenz. Wie ein inneres Feuer, dachte Johanna. Ein Feuer, das die Wochen und Monate erleuchten sollte, die vor ihr lagen.
»Das wirst du bestimmt«, sagte er. Unter seinem dichten weißen Bart war der Anflug eines Lächelns zu erkennen. »O ja, das wirst du bestimmt.«