Der hölzerne Griffel bewegte sich schnell und bildete Buchstaben und Worte im weichen gelben Wachs der Schreibtafel. Aufmerksam blickte Johanna ihrem Bruder Matthias über die Schulter, während dieser die Lektion des heutigen Tages niederschrieb. Dann und wann hielt er inne und wedelte mit einer Kerzenflamme über die Schreibtafel, damit das Wachs nicht zu schnell hart wurde.
Johanna schaute Matthias sehr gern bei der Arbeit zu. Mit dem spitzen Holzgriffel drückte er Furchen in das formlose Wachs, die in Johannas Augen eine geheimnisvolle Schönheit besaßen. Nur zu gern hätte sie verstanden, für welchen Buchstaben jedes Zeichen stand. Wie stets verfolgte sie auch diesmal voller Aufmerksamkeit alle Bewegungen des Griffels, als wollte sie den Schlüssel finden, der ihr die Bedeutung enthüllte, die sich hinter der Gestalt der verschiedenen Linien im Wachs verbarg.
Matthias legte den Griffel zur Seite, lehnte sich im Stuhl zurück und rieb sich die Augen. Johanna nutzte die Gelegenheit, beugte sich über das Schreibpult und zeigte auf eins der Worte.
»Was hat das hier zu bedeuten?«
»Geronimus. So hieß einer der großen Kirchenväter.«
»Geronimus«, wiederholte Johanna langsam. »Das hört sich so ähnlich wie mein eigener Name an.«
»Weil einige Buchstaben dieselben sind«, erwiderte Matthias lächelnd.
»Zeig sie mir.«
»Lieber nicht. Es würde Vater nicht gefallen, wenn er’s herausfände.«
»Das glaube ich nicht«, bettelte Johanna. »Bitte, Matthias. Ich möchte es so gern wissen. Zeig es mir. Bitte, bitte.«
Matthias zögerte. »Also gut. Was kann es schon schaden, |27|wenn ich’s dir beibringe, deinen Namen zu schreiben. Es könnte dir sogar von Nutzen sein, wenn du eines Tages verheiratet bist und deinen eigenen Haushalt führen mußt.«
Er legte die Hand auf die der Schwester und half ihr, die Buchstaben ihres Namens ins Wachs zu ritzen: J-O-H-A-N-N-A, mit einem schön geschwungenen ›A‹ am Schluß.
»Gut. Und jetzt versuch es allein.«
Johanna packte den Griffel ganz fest, brachte ihre Finger in die seltsame, unbequeme Schreibhaltung und zwang sie, jene Schriftzeichen zu bilden, die sie zuerst vor dem geistigen Auge formte. Einmal stampfte sie vor Zorn und Enttäuschung mit dem Fuß auf, als sie den Griffel nicht in die gewünschte Richtung führen konnte.
»Langsam, kleine Schwester, langsam«, beruhigte Matthias sie. »Du bist erst fünf. In diesem Alter ist es nicht so leicht, schreiben zu lernen. Ich kann mich gut daran erinnern; ich habe auch mit fünf Jahren angefangen. Laß dir Zeit, dann geht es zum Schluß ganz wie von selbst.«
Am nächsten Tag stand Johanna sehr früh auf und ging nach draußen. In der weichen Erde um den Viehpferch herum malte sie mit dem Finger immer wieder bestimmte Buchstaben, bis sie sicher war, es richtig gemacht zu haben. Dann rief sie stolz Matthias zu sich, damit er ihr Werk bewundern konnte.
»Oh! Das ist sehr gut, kleine Schwester! Wirklich, ich muß schon sagen, daß du …« Abrupt hielt er inne und murmelte schuldbewußt: »Aber wenn Vater das hier sieht, wird es ihm ganz und gar nicht gefallen.« Mit der Schuhsohle glättete er die Erde und verwischte die Buchstaben, die Johanna geschrieben hatte.
»Nein, Matthias! Nein!« Johanna versuchte, ihren Bruder fortzuziehen. Von dem Lärm gestört, begannen die Schweine mit einem Grunzkonzert.
Matthias beugte sich herunter, um die Schwester zu umarmen. »Mach dir nichts draus, Johanna. Sei nicht traurig.«
Sie fing an zu weinen. »Ab-aber du hast ge-gesagt, daß meine Bu-buchstaben schön sind!«
»Das sind sie auch.« Matthias mußte staunen, wie schön sie waren. Schöner als die seines Bruders Johannes, und der war drei Jahre älter als die kleine Schwester. Wäre Johanna kein Mädchen gewesen, hätte Matthias ihr gesagt, daß sie eines Tages ein guter Schreiber werden könne. Aber es war besser, |28|einem Kind keine derart wirren Gedanken in den Kopf zu setzen. »Ich konnte die Buchstaben nicht stehen lassen, weil Vater sie nicht sehen darf. Deshalb hab’ ich sie fortgewischt.«
»Wirst du mir noch mehr Buchstaben beibringen, Matthias?«
»Ich habe dir schon mehr gezeigt, als ich dir hätte zeigen sollen.«
»Bitte!« bettelte sie, und in ihren graugrünen Augen schimmerten Tränen. »Vater wird’s schon nicht herausfinden. Ich werde es ihm nie erzählen, ich versprech’s. Und wenn ich fertig bin, werde ich die Buchstaben ganz gründlich fortwischen. Ja?« Sie blickte ihm in die Augen und wünschte sich ganz fest, er möge zustimmen.
Mit reuevoller Erheiterung schüttelte Matthias den Kopf. Seine kleine Schwester war hartnäckig; das mußte man ihr lassen. Er wischte ihr eine Träne von der Wange. »Also gut«, willigte er ein. »Aber denk daran. Wir müssen das Geheimnis für uns behalten.«
Bald darauf wurde es eine Art Spiel zwischen ihnen beiden. Sobald sich die Gelegenheit bot – was längst nicht so oft der Fall war, wie Johanna es sich gewünscht hätte –, zeigte Matthias ihr, wie man Buchstaben in den Boden zeichnete. Johanna war eine eifrige Schülerin, und wenngleich er sich der möglichen Folgen bewußt war, konnte Matthias sich ihrer Begeisterung nicht entziehen. Auch er liebte das Lernen, und Johannas Eifer rührte ihm das Herz.
Doch selbst er war schockiert, als Johanna eines Tages mit der riesigen, in Holz gebundenen Bibel zu ihm kam, die dem Vater gehörte.
»Was tust du da?« rief er. »Bring das Buch zurück! Du hättest es niemals anrühren dürfen!«
»Bring mir das Lesen bei.«
»Was?« Ihre Hartnäckigkeit war erstaunlich. »Also wirklich, kleine Schwester, jetzt verlangst du aber zuviel von mir.«
»Warum?«
»Na ja … zum einen ist das Lesen sehr viel schwieriger, als bloß das Abc zu lernen. Ich bezweifle, daß du es jemals schaffen wirst.«
»Warum sollte ich’s nicht schaffen? Du hast es doch auch geschafft.«
Er lächelte nachsichtig. »Ja. Aber ich bin ein Mann.« Das |29|stimmte allerdings nicht ganz, denn Matthias war nicht einmal dreizehn Jahre alt. Aber in gut einem Jahr, wenn er vierzehn wurde, würde er wirklich ein Mann sein. Doch es gefiel ihm, diesen Anspruch jetzt schon zu erheben. Außerdem kannte seine kleine Schwester den Unterschied sowieso nicht.
»Ich kann es schaffen. Ich weiß, daß ich’s kann.«
Matthias seufzte. Diese Sache würde ihm noch Kopfzerbrechen bereiten. »Es ist nicht nur die Frage, ob du es schaffen kannst, Johanna. Es ist gefährlich, und wider die Natur, daß ein Mädchen lesen und schreiben kann.«
»Die heilige Katharina konnte es auch. Der Bischof hat’s in seiner Predigt gesagt, erinnerst du dich nicht? Er sagte, sie wurde ihrer Weisheit und ihrer Gelehrsamkeit wegen geliebt.«
»Das ist etwas anderes. Sie war eine Heilige. Du bist bloß ein … Mädchen.«
Daraufhin schwieg Johanna. Matthias war froh, bei ihrem kleinen Disput so leicht und rasch gesiegt zu haben; er wußte, wie dickköpfig seine Schwester sein konnte. Er streckte die Hand nach der Bibel aus.
Johanna wollte sie ihm gerade reichen, als sie die Hand plötzlich wieder zurückzog. »Warum ist Katharina eine Heilige?« fragte sie.
Matthias hielt inne, die Hand noch immer nach der Bibel ausgestreckt. »Sie war eine Märtyrerin, die für den Glauben gestorben ist. Der Bischof hat’s in seiner Predigt gesagt, erinnerst du dich nicht?« Er konnte nicht widerstehen, ihr wie ein Papagei nachzuplappern.
»Warum hat man sie zu Tode gemartert?«
Matthias seufzte. »Sie hat Kaiser Maxentius und fünfzig seiner klügsten Philosophen bei einem Streitgespräch besiegt, indem sie durch eine unwiderlegbare Argumentation bewiesen hat, daß ihr Entschluß rechtens war, sich vom Heidentum abzukehren und Gott als den Schöpfer der Welt und Christus, seinen Sohn, als Erlöser anzuerkennen. Dafür wurde sie bestraft. Und jetzt komm, kleine Schwester, gib mir das Buch.«
»Wie alt war Katharina, als sie das getan hat?«
Was für seltsame Fragen dieses Kind stellte! »Ich möchte jetzt nicht mehr darüber reden«, sagte Matthias verärgert. »Gib mir jetzt endlich das Buch!«
Sie wich zurück und drückte die Bibel fest an sich. »Katharina war alt, als sie nach Alexandria gegangen ist, um mit den |30|klügsten Philosophen des Kaisers ihr Streitgespräch zu führen, nicht wahr?«
Matthias fragte sich, ob er ihr das Buch entwinden sollte. Nein, lieber nicht. Dabei könnte sich der zerbrechliche Einband lösen. Und dann steckten sie beide in größeren Schwierigkeiten, als ihnen lieb sein konnte. Da war es schon besser, weiter zu reden und Johannas Fragen zu beantworten, so dumm und kindisch sie auch sein mochten, bis Johanna des Spiels müde war.
»Sie war dreiunddreißig, hat der Bischof gesagt. Genauso alt wie Jesus Christus bei der Kreuzigung.«
»Als die heilige Katharina den Kaiser besiegte – wurde sie da für ihre Gelehrsamkeit schon so sehr bewundert, wie der Bischof gesagt hat?«
»Offensichtlich«, erwiderte Matthias herablassend. »Wie sonst hätte sie die klügsten Männer des ganzen Landes bei einem solchen Streitgespräch übertrumpfen können?«
»Dann«, Johannas kleines Gesicht strahlte vor Triumph, »muß sie das Lesen gelernt haben, bevor sie eine Heilige wurde. Als sie bloß ein Mädchen war. So wie ich!«
Für einen Moment war Matthias sprachlos, hin und her gerissen zwischen Zorn und Erstaunen. Dann lachte er laut. »Du kleiner Teufelsbraten!« sagte er gutmütig. »Darauf also wolltest du hinaus. Ich muß schon sagen, du hast ein beachtliches Talent, Diskussionen zu führen, das steht fest.«
Da gab sie ihm die Bibel und lächelte erwartungsvoll.
Matthias nahm ihr das Buch aus der Hand und schüttelte den Kopf. Was für ein seltsames Wesen sie war. So wißbegierig, so entschlossen und so selbstsicher. Sie war ganz anders als Johannes und alle Kinder, denen er je begegnet war. In ihrem Kleinmädchengesicht strahlten die Augen einer weisen alten Frau. Kein Wunder, daß die anderen Mädchen im Dorf nichts mit ihr zu tun haben wollten.
»Also gut, kleine Schwester«, sagte er schließlich. »Heute fängst du an, das Lesen zu lernen.« Er sah die freudige Erwartung in ihren Augen und beeilte sich, ihre Vorfreude zu dämpfen. »Aber erhoffe dir nicht zuviel. Es ist viel schwieriger, als du glaubst.«
Johanna warf dem Bruder die Arme um den Hals. »Ich hab’ dich lieb, Matthias.«
Matthias befreite sich aus ihrer Umarmung, schlug das Buch auf und sagte schroff: »Hier fangen wir an.«
|31|Johanna beugte sich über das Buch und nahm den durchdringenden Geruch nach Pergament und Holz wahr, als Matthias auf den Absatz zeigte. »Das Evangelium des Johannes, Kapitel eins, Vers eins. In principio erat verbum et verbum erat apud Deum et verbum erat Deus. – Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott …«
Der Sommer und Herbst dieses Jahres waren mild und fruchtbar; die Ernte war die beste, die es seit Jahren im Dorf gegeben hatte. Doch an Heilagmanoth fiel Schnee, und in eisigen Böen wehte ein kräftiger Wind aus dem Norden. Wieder wurde das Fenster des Grubenhauses zum Schutz gegen die Kälte mit Brettern vernagelt; der herangewehte Schnee türmte sich hoch an den Wänden, und die Familie blieb den größten Teil des Tages im Innern des Hauses. Für Johanna und Matthias wurde es zunehmend schwieriger, Zeit für ihre Unterrichtsstunden zu finden. An schönen Tagen ging der Dorfpriester noch immer seinem geistlichen Amt nach und nahm Johannes mit, während er Matthias seinen außerordentlich wichtigen Studien überließ. Sobald Gudrun in den Wald ging, um Feuerholz zu sammeln, eilte Johanna an das Schreibpult, an dem Matthias über seiner Arbeit saß, und schlug die Bibel an der Stelle auf, an der sie die vorherige Lektion beendet hatten. Auf diese Weise machte Johanna auch weiterhin rasche Fortschritte, so daß sie vor der Fastenzeit im nächsten Jahr beinahe das gesamte Buch des Johannes gemeistert hatte.
Eines Tages holte Matthias etwas aus seinem Ranzen hervor und hielt es Johanna mit einem Lächeln hin. »Für dich, kleine Schwester.« Es war ein Medaillon aus Holz, an einer langen Kordel befestigt. Matthias legte Johanna die Kordel um den Hals, so daß das Medaillon auf ihrer Brust ruhte.
»Was ist das?« fragte Johanna neugierig, denn sie hatte nie zuvor einen Halsschmuck gesehen.
»Es ist für dich. Damit du es trägst, so wie jetzt.«
»Oh«, sagte sie und fügte dann, als ihr auffiel, daß noch etwas fehlte, hinzu: »Danke schön.«
Matthias lachte, als er ihre Verblüffung sah. »Schau dir mal die Vorderseite des Anhängers an.«
Johanna tat wie geheißen und entdeckte, daß auf der einen Seite des Medaillons die groben Umrisse eines Frauenkopfes |32|eingeschnitzt waren. Es handelte sich um eine ziemlich unbeholfene Arbeit; Matthias war schließlich kein Schnitzer. Doch die Augen der Frau waren sorgfältig geformt und von bemerkenswerter Schönheit: Sie schauten den Betrachter mit einem Ausdruck wacher Intelligenz an.
»Und jetzt«, forderte Matthias sie auf, »schau dir die Rückseite an.«
Johanna drehte den Anhänger. In derben Buchstaben, die sich am Rand des Medaillons aneinanderreihten, las sie die Worte: ›Heilige Katharina von Alexandria.‹
Mit einem Jubelschrei drückte Johanna sich das Medaillon an die Brust. Sie wußte, was dieses Geschenk bedeutete. Auf seine Weise wollte Matthias ihr damit zu verstehen geben, wie hoch er ihre Fähigkeiten schätzte und wieviel ihre gemeinsame Arbeit ihm bedeutete. Für Johanna war es das schönste Geschenk, das sie je bekommen hatte. »Vielen Dank«, sagte sie noch einmal, und diesmal kam der Dank von Herzen. Johanna wußte nicht, was sie noch sagen sollte; deshalb beugte sie sich vor und gab dem Bruder einen Kuß.
Matthias lächelte sie an, und jetzt erst sah Johanna die dunklen Ringe um seine Augen. Er sah müde und erschöpft aus.
»Dir geht es doch gut, oder?« fragte sie besorgt.
»Aber natürlich!« erwiderte Matthias ein bißchen zu überzeugt und nachdrücklich. »Fangen wir mit dem Unterricht an, einverstanden?«
Doch er war nervös und nicht recht bei der Sache. Zum erstenmal entging es ihm, daß die Schwester einen Flüchtigkeitsfehler machte.
»Stimmt etwas nicht?« fragte Johanna.
»Nein, nein. Ich bin nur ein bißchen müde.«
»Sollen wir nicht lieber aufhören? Es macht mir nichts aus. Wir können morgen weitermachen.«
»Nein. Ich war mit den Gedanken woanders. Tut mir leid. Also, wo waren wir stehengeblieben? Ach, ja. Lies den letzten Abschnitt noch einmal. Und paß diesmal bei dem Verb auf. Es heißt videat, nicht videt.«
Als Matthias am nächsten Morgen erwachte, klagte er über Kopf- und Halsschmerzen. Gudrun brachte ihm einen Becher heißen Molkentrank aus gewürzter Milch und Wein, mit Gurkenkraut und Honig versetzt.
»Den Rest des Tages mußt du im Bett bleiben«, sagte sie. |33|»Der Junge von der alten Frau Wigbod hat Schüttelfrost und Fieber. Vielleicht bekommst du’s auch.«
Doch Matthias lachte nur und sagte, es wäre keine solche Krankheit. Er stand auf und arbeitete mehrere Stunden an seinen Studien; dann bestand er darauf, nach draußen zu gehen und Johanna dabei zu helfen, die Weinreben zu beschneiden.
Am nächsten Morgen hatte er Fieber und Schluckbeschwerden. Selbst der Dorfpriester mußte zugeben, daß sein Sohn tatsächlich krank aussah.
»Heute bist du von deinen Studien befreit«, sagte er zu Matthias. Es war eine Ausnahmebewilligung, wie man sie noch nie von ihm gehört hatte.
Die Familie wandte sich mit der Bitte um Hilfe an das Kloster von Lorsch. Nach zwei Tagen erschien ein heilkundiger Mönch und untersuchte Matthias, schüttelte ernst den Kopf und murmelte irgend etwas vor sich hin. Zum erstenmal erkannte Johanna, daß der Zustand ihres Bruders möglicherweise ernst war. Der Gedanke war erschreckend. Der Mönch ließ Matthias reichlich zur Ader und setzte sein gesamtes Repertoire an Gebeten und gesegneten Amuletten ein. Doch an Mariä Verkündigung war Matthias’ Zustand bedrohlich. Er war vom Fieber völlig benommen und wurde von dermaßen schrecklichen Hustenanfällen geschüttelt, daß Johanna sich die Ohren zuhielt, um es nicht mit anhören zu müssen.
Den ganzen Tag und die darauffolgende Nacht wachte die Familie am Krankenbett. Johanna kniete neben ihrer Mutter auf dem festgestampften Lehmfußboden. Die Veränderung in Matthias’ Erscheinungsbild machte ihr schreckliche Angst. Sein Gesicht war dermaßen ausgezehrt, daß die Haut sich über den Knochen spannte und die vertrauten Züge zu einer entsetzlichen Fratze verzerrte, und unter der fiebrigen Rötung war ein beängstigender grauer Unterton zu erkennen.
Über ihnen, in der Dunkelheit, klang die monotone Stimme des Dorfpriesters hinaus in die Nacht, als er Gebete für die Errettung seines Sohnes sprach. »Domine sancte, pater omnipotens, aeterne Deus, qui fragilitatem conditionis nostrae …«
Johanna nickte schläfrig.
»Nein!«
Bei dem klagenden Schrei ihrer Mutter erwachte sie schlagartig.
»Er ist tot! Matthias, mein Sohn!«
|34|Johanna schaute auf das Bett. Nichts schien sich verändert zu haben. Matthias lag so regungslos da wie zuvor. Dann aber fiel ihr auf, daß seine Haut die fiebrige Röte verloren hatte; sie war vollkommen grau – die Farbe von Gestein.
Johanna nahm die Hand des Bruders. Sie war schlaff und schwer, aber nicht mehr so heiß wie zuvor. Johanna hielt sie ganz fest und drückte sie an ihre Wange. Bitte, sei nicht tot, Matthias. Wenn er tot war, würde sie nie mehr neben ihm und Johannes in dem großen Bett schlafen können; sie würde nie mehr erleben, wie er an seinem Schreibpult aus Fichtenholz saß, die Stirn vor Konzentration gefurcht, wenn er seine Texte studierte; sie würde nie mehr neben ihm sitzen, während seine Finger sich über die Seiten der Bibel bewegten und dann und wann innehielten, um Worte zu bezeichnen, die Johanna laut vorlesen sollte. Bitte, sei nicht tot.
Nach einer Weile schickten sie Johanna aus dem Zimmer, damit ihre Mutter und die Frauen des Dorfes Matthias’ Körper waschen und in ein Leichenhemd aus Leinen kleiden konnten. Als die Frauen fertig waren, durfte Johanna wieder ans Bett kommen und ihrem Bruder die letzte Ehre erweisen. Von der unnatürlichen grauen Farbe seiner Haut abgesehen, hatte es den Anschein, als würde Matthias schlafen. Johanna stellte sich vor, daß er aufwachen würde, wenn sie ihn berührte; daß seine Augen sich öffnen und sie so liebevoll und verschmitzt wie früher anschauen würden, so, als wäre alles nur Verstellung gewesen. Sie küßte ihn auf die Wange, wie die Mutter sie angewiesen hatte. Die Haut war kalt und seltsam hart, so wie die Haut des toten Kaninchens, das Johanna erst letzte Woche aus dem Erdschuppen geholt hatte. Rasch zog sie den Kopf zurück.
Matthias gab es nicht mehr.
Nun würde es auch keine Unterrichtsstunden mehr geben.
Sie stand neben dem Viehpferch und betrachtete die Flecken dunkler Erde, die allmählich unter der schmelzenden Schneeschicht zum Vorschein kamen. Es war jenes Fleckchen Erde, in das Johanna ihre ersten Buchstaben gezeichnet hatte.
»Matthias«, flüsterte sie. Sie sank auf die Knie. Der feuchte Schnee durchdrang ihren wollenen Umhang, bis sie die Nässe auf der Haut spürte. Ihr war sehr kalt, aber sie konnte nicht |35|zurück ins Haus. Erst mußte sie etwas erledigen. Mit dem Zeigefinger malte sie die vertrauten Buchstaben aus dem Johannesevangelium in den feuchten Schnee.
Ubi sum ego vos non potestis venire. »Dort, wo ich bin, könnt ihr nicht hingehen.«
»Wir alle werden Buße tun«, verkündete der Dorfpriester nach Matthias’ Beisetzung, »um Vergebung für unsere Sünden zu erbitten, die den Zorn Gottes auf unsere Familie herabbeschworen haben.« Er hieß Johanna und Johannes, sich in schweigendem Gebet auf das harte Brett zu knien, das als Familienaltar diente. Dort verharrten sie ohne Essen und Trinken den ganzen Tag bis zum Anbruch der Dunkelheit; dann endlich ließ der Vater sie gehen und erlaubte ihnen, im Bett zu schlafen, das jetzt, ohne Matthias, riesengroß und leer erschien. Johannes stöhnte vor Hunger. Mitten in der Nacht weckte Gudrun die Kinder, wobei sie warnend den Zeigefinger auf die Lippen legte. Der Dorfpriester war eingeschlafen. Rasch reichte Gudrun den Kindern ein paar Stücke Brot und eine Holzschale voller Ziegenmilch; weitere Nahrungsmittel hatte sie nicht aus der Speisekammer hinauszuschmuggeln gewagt, aus Angst, den Verdacht ihres Mannes zu erregen. Johannes schlang das Brot hinunter und war immer noch hungrig, worauf Johanna ihren Anteil mit ihm teilte. Als die Kinder gegessen hatten, zog Gudrun ihnen die wollenen Decken bis unters Kinn, nahm die Holzschale und ging. Die Kinder kuschelten sich aneinander, um sich gegenseitig ein bißchen Wärme und Trost zu spenden, und schliefen rasch ein.
Mit dem ersten Tageslicht weckte der Dorfpriester die Kinder und schickte sie ohne Frühstück zum Altar, um dort ihre Buße fortzuführen. Der Morgen zog vorüber und die Mittagsstunde, und noch immer verharrten die Kinder auf den Knien.
Die Strahlen der Spätnachmittagssonne, die durch die Ritzen im vernagelten Fenster des Grubenhauses sickerten, fielen auf den Altar. Johanna stöhnte und versuchte, auf dem harten Brett des behelfsmäßigen Altars eine bequemere Körperhaltung einzunehmen. Ihr schmerzten die Knie, und ihr Magen knurrte. Sie versuchte mit aller Kraft, sich auf die Worte ihres Gebets zu konzentrieren. Pater noster qui es in coelis, sanctificetur nomen tuum, adveniat regnum tuum …
Es hatte keinen Sinn. Es gab kein Entrinnen aus dieser |36|Situation. Johanna war müde und hungrig, und sie vermißte Matthias. Sie fragte sich, warum sie nicht weinte. Sie verspürte ein Druckgefühl in der Kehle und der Brust; aber die Tränen wollten nicht fließen.
Sie starrte auf das kleine hölzerne Kruzifix, das über dem Altar an der Wand hing. Der Dorfpriester hatte es aus seiner Heimat mitgebracht, aus England, als er zum erstenmal auf das Festland gekommen war und mit seiner Missionsarbeit bei den heidnischen Sachsen begonnen hatte. Von einem Künstler aus Northumbrien gefertigt, besaß die Christusgestalt eine größere dramatische Ausstrahlung und Detailgenauigkeit als die meisten französischen Arbeiten. Der Körper Jesu wand sich am Kreuz; die Gliedmaßen waren gestreckt; die Rippen traten hervor, und die untere Körperhälfte war seitlich verdreht, um die Todesqualen des Gekreuzigten zu unterstreichen. Sein Kopf war nach hinten gesunken, so daß der Adamsapfel deutlich hervortrat – eine seltsam beunruhigende Erinnerung an die Männlichkeit Jesu Christi. Das Holz wies tiefe Ätzspuren auf, die den Blutstrom aus den vielen Wunden Christi verdeutlichen sollten.
Doch trotz aller Ausdruckskraft war die Gestalt grotesk. Johanna wußte, daß sie angesichts des Opfers Christi von Liebe und Ehrfurcht erfüllt sein sollte; statt dessen fühlte sie sich von dem Anblick abgestoßen. Verglichen mit den schönen und starken Göttern ihrer Mutter sah diese Gestalt häßlich, zerbrochen und besiegt aus.
Neben Johanna begann ihr Bruder leise zu schluchzen. Tröstend ergriff sie seine Hand. Johannes nahm Bestrafungen schwer. Sie war stärker als er – und das wußte sie. Obwohl Johannes fast zehn Jahre alt war und sie noch nicht einmal sieben, hielt sie es für ganz natürlich, daß sie sich seiner annahm, ihn tröstete und beschützte, und nicht andersherum.
Johannes liefen Tränen über die Wangen. »Es ist so ungerecht«, sagte er.
»Nicht weinen.« Johanna hatte Angst, daß die Geräusche ihre Mutter auf den Plan rufen könnten oder – schlimmer noch – ihren Vater. »Bald ist die Zeit der Buße vorbei.«
»Darum geht es doch gar nicht!« erwiderte er mit verletzter Würde.
»Um was geht es dann?«
»Du würdest es nicht verstehen.«
»Vater will bestimmt, daß ich Matthias’ Aufgabe übernehme. Daß ich die Studien weiterführe. Ich weiß, daß er’s will. Aber das kann ich nicht. Ich kann es nicht!«
»Vielleicht doch«, sagte Johanna, obwohl sie wußte, was ihrem Bruder so großen Kummer bereitete. Der Vater beschuldigte ihn der Trägheit und schlug ihn, wenn er bei seinen Studien keine Fortschritte machte; aber es war nicht Johannes’ Schuld. Er versuchte, sein Bestes zu geben, doch sein Verstand arbeitete zu langsam. So war es immer schon gewesen.
»Nein«, beharrte Johannes. »Ich bin nicht so wie Matthias. Hast du gewußt, daß Vater ihn nach Aachen schicken wollte, um seine Aufnahme an die scola palatina zu erbitten?«
»Wirklich?« Johanna war erstaunt. Die Palastschule zu Aachen! Sie hatte gar nicht gewußt, daß der Vater mit Matthias so hochfliegende Pläne gehabt hatte.
»Und ich kann noch nicht einmal Donatus lesen. Vater hat gesagt, daß Matthias Donatus schon beherrscht hat, als er erst neun Jahre alt war, und ich bin zehn. Was soll ich tun, Johanna? Was soll ich nur tun?«
»Na ja …« Johanna versuchte, sich eine Antwort einfallen zu lassen, um den Bruder zu beruhigen, doch die Anstrengungen der letzten zwei Tage hatten Johannes in einen Zustand apathischer Furcht versetzt.
»Er wird mich schlagen. Ich weiß, er wird mich schlagen.« Jetzt begann Johannes laut zu weinen und zu jammern. »Ich will aber nicht geschlagen werden!«
Stirnrunzelnd erschien Gudrun im Eingang. Nach einem nervösen Blick in den Raum hinter ihr eilte sie zu Johannes hinüber. »Hör auf. Möchtest du, daß Vater kommt? Hör sofort auf, sag ich dir!«
Unbeholfen robbte Johannes vom Altar, warf den Kopf in den Nacken und plärrte. Als hätte er die Worte seiner Mutter gar nicht gehört, weinte er herzzerreißend, wobei ihm die Tränen über die heißen, rotgefleckten Wangen liefen.
Gudrun packte Johannes’ Schultern und schüttelte ihn. Sein Kopf ruckte heftig vor und zurück; seine Augen waren geschlossen, und sein Mund stand offen. Johanna hörte das scharfe Klicken der Zähne, als seine Kiefer aufeinanderschlugen. Verdutzt öffnete Johannes die Augen und blickte die Mutter an.
|38|Gudrun umarmte ihn und zog ihn an sich. »Du wirst jetzt nicht mehr weinen. Um deiner Schwester willen – und um meinetwillen – darfst du nicht mehr weinen. Alles wird gut, mein Sohn. Aber dann mußt du jetzt ruhig sein.« Sie wiegte den Jungen, besänftigte ihn und wies ihn gleichzeitig zurecht.
Johanna beobachtete die Szene nachdenklich. Sie erkannte die Wahrheit in den Worten ihres Bruders. Johannes war kein besonders kluges Kind. Nie und nimmer konnte er in Matthias’ Fußstapfen treten.
Doch ihr Gesicht rötete sich vor Erregung, als ein plötzlicher Gedanke sie mit der Kraft der göttlichen Offenbarung durchfuhr.
»Was ist mit dir, Johanna?« Gudrun hatte den eigenartigen Ausdruck auf dem Gesicht ihrer Tochter gesehen. »Ist dir nicht gut?« Gudrun war besorgt, denn die bösen Geister, die das Fieber brachten, suchten ein bestimmtes Haus für längere Zeit heim, wie sie wußte.
»Nein, Mama. Aber ich habe eine Idee. Eine wundervolle Idee!«
Gudrun seufzte ergeben. Dieses Mädchen steckte voller Ideen, die sie allerdings nur in Schwierigkeiten brachten.
»Ja?«
»Vater wollte, daß Matthias zur Aachener Palastschule geht.«
»Ich weiß.«
»Und jetzt möchte er, daß Johannes an Matthias’ Stelle die Schule besucht. Deshalb weint Johannes, Mama. Er weiß, daß er es nicht schaffen kann, und er hat Angst, daß Vater wütend auf ihn ist.«
»Ich weiß. Und?« fragte Gudrun verwirrt.
»Ich könnte zu der Schule gehen, Mama. Ich könnte Matthias’ Studien weiterführen.«
Für einen Augenblick war Gudrun zu schockiert, als daß sie hätte antworten können. Ihre Tochter, ihr kleines Mädchen, das Kind, das sie am liebsten hatte – der einzige Mensch, dem sie die Sprache und die Geheimnisse ihres Volkes anvertraut hatte – ausgerechnet dieses Kind wollte die heiligen Bücher der christlichen Eroberer studieren? Es schmerzte Gudrun tief, daß Johanna so etwas auch nur in Erwägung zog.
»Was für ein Unsinn!« sagte sie.
»Ich kann hart arbeiten«, beharrte Johanna. »Ich lese gern, und ich lerne gern. Ich kann es schaffen. Und dann braucht |39|Johannes nicht dorthin zu gehen, wo er’s doch nicht möchte.« Johannes, der den Kopf noch immer an die Brust der Mutter gedrückt hielt, gab einen gedämpften Schluchzer von sich.
»Aber du bist ein Mädchen. Solche Dinge sind nichts für dich«, sagte Gudrun abweisend. »Außerdem würde dein Vater es niemals gutheißen.«
»Aber Mama! Das war früher. Die Dinge haben sich geändert. Siehst du das denn nicht? Vielleicht denkt Vater jetzt anders darüber.«
»Ich verbiete dir, mit deinem Vater über diese Sache zu reden. Offensichtlich hat es dich und deinen Bruder wirr im Kopf gemacht, daß ihr auf Essen und Schlaf verzichten mußtet. Sonst würdest du nicht solchen Unsinn reden.«
»Aber wenn ich ihm nur zeigen dürfte, daß ich …«
»Schluß jetzt! Ich will nichts mehr davon hören!« Gudruns Stimme klang endgültig.
Johanna verstummte. Sie griff in ihre Tunika und umklammerte das Medaillon mit dem Bildnis der heiligen Katharina, das Matthias ihr geschnitzt hatte. Ich kann Latein lesen, und Johannes kann es nicht, dachte sie hartnäckig. Warum sollte es eine Rolle spielen, daß ich ein Mädchen bin?
Sie ging zur Bibel, die auf dem kleinen hölzernen Schreibpult lag, hob das Buch in die Höhe, spürte sein Gewicht und das vertraute Gefühl des rauhen Einbands. Der Geruch nach Holz und Pergament, den sie so eng mit Matthias in Verbindung brachte, ließ sie an ihre gemeinsame Arbeit denken, an alles, was er sie gelehrt hatte, und alles, was er sie noch hatte lehren wollen. Vielleicht, wenn ich Vater zeige, was ich gelernt habe … vielleicht erkennt er dann, daß ich es schaffen kann. Wieder einmal spürte sie, wie eine Woge der Erregung in ihr aufstieg. Aber es könnte Ärger geben. Vielleicht wird Vater sehr wütend. Und der Zorn ihres Vaters ängstigte Johanna; sie war oft genug von ihm geschlagen worden, um seine Zornesausbrüche und die Kraft seiner Wut zu kennen und zu fürchten.
Unschlüssig stand sie da und betastete gedankenversunken die glatte Oberfläche des hölzernen Einbands der Bibel. Dann, einem impulsiven Entschluß folgend, schlug sie das Buch auf – und blickte auf die ersten Seiten des Johannesevangeliums, jenes Textes, den Matthias sie zuerst zu lesen gelehrt hatte. Das ist ein Zeichen, ging es Johanna durch den Kopf.
Ihre Mutter hatte ihr den Rücken zugekehrt und hielt Johannes |40|in den Armen, dessen Schluchzer zu einem trostlosen, verzweifelten Schluckauf abgeklungen waren. Jetzt ist die beste Gelegenheit. Johanna nahm die aufgeschlagene Bibel und ging mit ihr in den angrenzenden Raum.
Ihr Vater saß gebeugt auf einem Stuhl, den Kopf gesenkt, die Hände vors Gesicht geschlagen. Er bewegte sich nicht, als Johanna auf ihn zutrat. Von plötzlicher Angst erfüllt, blieb sie stehen. Die Idee war lächerlich, unmöglich; Vater würde niemals seine Einwilligung erteilen. Johanna wollte den Raum schon wieder verlassen, als ihr Vater die Hände vom Gesicht nahm und den Kopf hob. Johanna stand vor ihm, die aufgeschlagene Bibel in den Händen.
Ihre Stimme war nervös und zittrig, als sie zu lesen begann: »In principio erat verbum et verbum erat apud Deum et verbum erat Deus.«
Es gab keine Unterbrechung, kein Stocken. Johanna las weiter, und je länger sie las, desto zuversichtlicher wurde sie. »Alle Dinge wurden von Gott gemacht; und ohne ihn ist nichts, das gemacht wurde. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtete in der Dunkelheit, und die Dunkelheit begriff es nicht.« Die Schönheit und Macht dieser Worte erfüllten sie, geleiteten sie und gaben ihr Kraft.
Schließlich gelangte sie zum Ende. Johannas Gesicht war vor Stolz und Aufregung gerötet; sie wußte, sie hatte ihre Sache gut gemacht. Sie blickte auf und sah, wie ihr Vater sie anstarrte.
»Ich kann lesen. Matthias hat es mir beigebracht. Wir haben es geheim gehalten; deshalb hat niemand davon gewußt.« Atemlos sprudelte sie die Worte hervor. »Ich kann dich zu einem stolzen Mann machen, Vater. Ich weiß, daß ich es kann. Gib mir die Erlaubnis, Matthias’ Studien weiterzuführen, und ich …«
»Du!« Die Stimme ihres Vaters bebte vor Zorn. »Du warst es!« Anklagend richtete er den Zeigefinger auf Johanna. »Du warst diejenige! Du hast den Zorn Gottes auf uns herabbeschworen. Du widernatürliche Kreatur! Du Wechselbalg! Du hast deinen Bruder ermordet!«
Johanna stockte der Atem. Mit erhobenem Arm kam der Dorfpriester auf sie zu. Johanna ließ die Bibel fallen und warf sich herum, wollte entfliehen, doch er packte sie, zerrte sie |41|herum und schmetterte ihr die Faust mit solcher Wucht auf die Wange, daß sie durchs Zimmer geschleudert wurde, mit dem Rücken an die gegenüberliegende Wand prallte und sich heftig den Kopf stieß.
Dann stand ihr Vater über ihr. Johanna krümmte sich in Erwartung eines weiteren Schlages. Nichts geschah. Augenblicke vergingen; dann hörte sie, wie ihr Vater erstickte Laute von sich gab, die rauh und heiser aus seiner Kehle aufstiegen. Johanna erkannte, daß er weinte. Noch nie hatte sie ihren Vater weinen sehen.
»Johanna!« Gudrun kam herbeigeeilt und warf einen raschen, furchtsamen Blick auf ihren Mann. »Was hast du getan, Kind?« Sie kniete sich neben Johanna nieder und entdeckte die Prellung unter dem rechten Auge, die rasch anschwoll. Gudrun achtete darauf, daß ihr Körper sich schützend zwischen Johanna und ihrem Mann befand. »Was habe ich dir gesagt?« flüsterte sie. »Du dummes Mädchen. Sieh nur, was du getan hast!« Dann fügte sie mit kräftigerer Stimme hinzu: »Geh zu deinem Bruder. Er braucht dich.« Sie half Johanna auf und drängte sie rasch hinaus.
Der Dorfpriester beobachtete seine Tochter mit düsteren Blicken, als sie zur Tür ging.
»Denk nicht mehr an das Mädchen, mein Gemahl«, sagte Gudrun beschwichtigend. »Sie ist unwichtig. Und gib dich nicht der Verzweiflung hin, denn du hast noch einen anderen Sohn.«