Die edle Richild, Markgräfin zu Villaris«, verkündete der Ausrufer, als Richild in hoheitsvoller Haltung die Empfangshalle des Bischofspalastes betrat.
»Euer Eminenz.« Sie verbeugte sich anmutig.
»Seid willkommen, Richild«, sagte Fulgentius. »Welche Neuigkeiten bringt Ihr mir von Eurem Gatten? Es ist ihm auf der Reise doch nicht etwa ein Unglück zugestoßen? Möge Gott es verhüten!«
»Es ist nichts dergleichen geschehen, Eminenz.« Richild war froh, daß Fulgentius’ Gedanken so leicht zu durchschauen waren. Natürlich mußte er sich fragen, aus welchem Grund sie diese Reise unternommen hatte. Und der Gedanke an ein Unglück war naheliegend. Gerold war seit nunmehr fünf Tagen fort; in dieser Zeit konnte ihm auf den gefährlichen Straßen irgendeine Katastrophe widerfahren sein.
»Wir haben keine Nachricht darüber bekommen, daß es irgendwelche Schwierigkeiten gibt, Eminenz, und wir rechnen auch nicht damit. Gerold hat zehn Mann bei sich, gut bewaffnet und mit reichlich Proviant versehen. Außerdem wird er auf den Straßen kein Wagnis eingehen. Schließlich ist er im Auftrag des Kaisers auf Reisen.«
»Wir haben davon gehört. Er ist als missus unterwegs – nach Westfalen, nicht wahr?«
»Ja. Um einen Streit über die Bezahlung von wergeld zu schlichten. Außerdem sind auf der Reise einige kleinere Eigentumsfragen zu klären. Mein Gatte wird einen Monat oder länger fort sein.« Lange genug, dachte Richild. Ich habe reichlich Zeit.
Sie sprachen kurz über einige Dinge, die Bistum und Markgrafschaft betrafen – die Getreideknappheit an der Mühle; die Reparatur des Kirchendaches und die zufriedenstellend hohe Zahl der Kälber in diesem Frühjahr. Richild war sorgsam darauf |187|bedacht, die Regeln der Höflichkeit zu beachten – aber mehr auch nicht. Schließlich stamme ich aus einer edleren Familie als er, sagte sie sich. Da kann ich es ihn auch ein wenig spüren lassen, bevor ich den eigentlichen Grund meines Besuchs zur Sprache bringe. Offensichtlich schöpfte Fulgentius keinen Verdacht. Um so besser. An diesem Tag war der Überraschungsangriff Richilds Verbündeter.
Schließlich hielt sie den geeigneten Zeitpunkt für gekommen. »Ich habe Euch aufgesucht, um Eure Hilfe in einer häuslichen Angelegenheit zu erbitten.«
Erfreut und geehrt ob dieses Vertrauens, schaute Fulgentius sie an. »Es ist mir ein Vergnügen, Euch zu helfen, edle Richild. Welcher Art ist Euer Problem?«
»Es geht um das Mädchen. Johanna. Sie ist kein Kind mehr; sie ist …«, Richild wählte ihre Worte mit Bedacht, »sie ist zur Frau geworden. Deshalb geziemt es sich nicht für sie, noch länger unter unserem Dach zu wohnen.«
»Ich verstehe«, sagte Fulgentius, wenngleich offensichtlich war, daß er keine Ahnung hatte, was Richild meinte. »Tja, ich glaube, in diesem Fall sollten wir eine andere Unterkun…«
»Ich habe bereits für eine günstige und dauerhafte Möglichkeit gesorgt, die Zukunft des Mädchens zu sichern«, unterbrach Richild den Bischof. »Als Gattin des Sohnes von Bodo, dem Hufschmied. Er ist ein netter und stattlicher junger Mann. Und eines Tages, wenn sein Vater stirbt, wird er die Schmiede übernehmen. Bodo hat keine anderen Söhne.«
»Das verwundert mich, das muß ich schon sagen«, erwiderte Fulgentius. »Hat das Mädchen denn Andeutungen gemacht, eine Ehe mit dem jungen Mann betreffend?«
»Die Entscheidung darüber liegt nicht bei ihr. Aber Bodos Sohn ist eine weitaus bessere Partie, als ihr eigentlich gebührt. Ihre Familie ist so arm, wie coloni es nun einmal sind, und ihre seltsame Art hat ihr einen gewissen … Ruf eingebracht.«
»Mag sein«, erwiderte der Bischof freundlich. »Aber das Mädchen scheint sehr an ihren Studien zu hängen. Und wenn sie erst mit dem Sohn des Hufschmieds verheiratet ist, kann sie die Domschule nicht mehr besuchen.«
»Das ist der Grund meines Kommens. Da Ihr, Eminenz, beschlossen habt, das Mädchen an die scola zu holen, müßt Ihr auch Eure Einwilligung geben, sie von der Schule zu entlassen.«
|188|»Ich verstehe«, sagte Fulgentius noch einmal, obwohl ihm die ganze Angelegenheit noch immer nicht ganz klar war. »Und was hält Euer Gemahl von dieser Regelung?«
»Er weiß noch nichts davon. Die Gelegenheit hat sich erst kürzlich ergeben.«
»Ah, ich verstehe.« Fulgentius blickte erleichtert drein. »Dann werden wir auf die Rückkehr Markgraf Gerolds warten. Gewiß besteht bei dieser Sache keine Notwendigkeit zur Eile, oder?«
Richild ließ sich nicht beirren. »Leider doch. Es kann sein, daß diese Gelegenheit nur für kurze Zeit besteht. Der junge Mann sträubt sich … wie es scheint, hat er ein Auge auf eines der Mädchen aus dem Ort geworfen … aber ich habe selbstverständlich dafür gesorgt, daß eine Ehe mit Johanna für den jungen Mann sehr viel vorteilhafter wäre. Sein Vater und ich haben uns bereits geeinigt, was die Mitgift angeht. Der Junge ist jetzt bereit, die Wünsche des Vaters zu erfüllen. Allerdings ist er noch sehr jung und wankelmütig, so daß die Möglichkeit besteht, daß er seine Meinung ändert. Insofern wäre eine möglichst baldige Hochzeit anzuraten.«
»Trotzdem …«
»Ich möchte Euch daran erinnern, Eminenz, daß ich die Herrin von Villaris bin und daß dieses Mädchen in meine Obhut gegeben wurde. Ich bin durchaus imstande, diese Entscheidung auch während der Abwesenheit meines Gatten zu fällen. Um freiheraus zu sprechen – Gerolds … Zuneigung zu Johanna trübt sein Urteilsvermögen, sobald es um dieses Mädchen geht.«
»Ich verstehe«, murmelte Fulgentius – und diesmal verstand er wirklich nur zu gut.
Rasch sagte Richild: »Mein Anliegen gründet sich ausschließlich auf finanziellen Erwägungen, damit Ihr mich recht versteht! Gerold hat ein kleines Vermögen ausgegeben, um Bücher für das Mädchen zu erwerben – eine unnütze Ausgabe, ja, eine Verschwendung. Denn das Mädchen hat ja keine Aussichten, eine Gelehrte zu werden. Aber irgend jemand muß sich um ihre Zukunft kümmern, und das habe ich getan. Ihr seid doch auch der Meinung, daß ich eine gute Partie für sie gefunden habe, nicht wahr?«
»Ja«, gab Fulgentius zu.
»Gut. Dann seid Ihr also bereit, das Mädchen von der Domschule zu entlassen?«
|189|»Ich bitte um Vergebung, edle Richild, aber diese Entscheidung muß ich bis zur Rückkehr des Herrn Markgrafen aufschieben. Doch ich versichere Euch, daß ich die Angelegenheit gründlich mit Eurem Gemahl besprechen werde. Wie auch mit dem Mädchen. Obwohl Ihr eine gute Partie für Johanna gefunden habt, wie Ihr es ausdrückt, mißfällt mir der Gedanke, daß sie diese Ehe möglicherweise gegen ihren Willen eingeht. Doch falls die geplante Ehe sich für alle Beteiligten als günstig erweist, werden wir rasch handeln, sobald Euer Gemahl zurück ist.«
Richild setzte zu einer Erwiderung an, doch Fulgentius kam ihr zuvor. »Ich weiß, daß Ihr der Meinung seid, die Ehe sollte schnellstmöglich vereinbart, wenn nicht gar geschlossen werden. Aber vergebt mir, edle Richild, wenn ich dem nicht zustimmen kann. Einen Monat zu warten, oder auch zwei, dürfte wohl keine Rolle spielen.«
Erneut versuchte Richild zu widersprechen, doch wieder schnitt Fulgentius ihr das Wort ab. »Meine Entscheidung ist unumstößlich. Weitere Diskussionen in dieser Angelegenheit sind zwecklos.«
Richilds Wangen brannten angesichts dieser Zurechtweisung. Dieser überhebliche Narr! dachte sie wütend. Für wen hält er sich, mir Befehle zu erteilen? Meine Familie hat schon in Königspalästen gewohnt, als seine Ahnen noch die Äcker bestellt haben!
Sie betrachtete ihn von oben bis unten. »Also gut, Eminenz. Wenn dies Eure Entscheidung ist, muß ich mich ihr beugen.« Sie streifte ihre Reithandschuhe über, als würde sie sich für den Heimritt bereit machen.
»Übrigens«, ihre Stimme klang noch immer beiläufig, »habe ich vor kurzem einen Brief von meinem Vetter Sigismund bekommen, dem Bischof von Utrecht.«
Auf Fulgentius’ Gesicht zeigten sich Achtung und Respekt, wie Richild zufrieden feststellte. »Ein bedeutender Mann. Ein sehr bedeutender Mann.«
»Ihr wißt bestimmt schon, daß er die Synode leiten wird, die in diesem Sommer in Aachen zusammenkommt?«
»Ich hab’ davon gehört, ja.«
Nun, da Richild ihn nicht mehr bedrängte, war Fulgentius’ Gehaben von gewohnter Herzlichkeit.
»Dann habt Ihr vielleicht auch davon gehört, welches der wichtigste Gegenstand der Gespräche auf dieser Synode sein wird?«
|190|»Nein, aber ich würde es sehr gern erfahren«, erwiderte Fulgentius lächelnd. Offensichtlich ahnte er nicht, worauf sie hinauswollte.
»Es geht um bestimmte … Unregelmäßigkeiten« – behutsam stellte Richild die Falle auf – »in der Führung des Bischofsamtes.«
»Unregelmäßigkeiten?«
Fulgentius verstand nicht, was sie meinte. Da mußte sie sich schon deutlicher ausdrücken.
»Mein Vetter hat die Absicht, die Frage aufzuwerfen, inwieweit die Bischöfe ihre Gelübde einhalten. Insbesondere …«, sie blickte ihm fest in die Augen, »… das Keuschheitsgelübde.«
Fulgentius wich alle Farbe aus dem Gesicht. »Wirklich?«
»Offenbar möchte mein Vetter dieser Synode einen wichtigen und richtungweisenden Charakter verleihen. Er hat umfassende Informationen über die fränkischen Bischöfe gesammelt – Informationen, die er für äußerst beunruhigend hält. Doch über die Bischöfe in diesem Teil des Reiches weiß er nicht so gut Bescheid. Deshalb muß er sich auf Berichte aus den jeweiligen Bistümern stützen. In seinem Brief bittet er mich ausdrücklich, ihm dahingehende Informationen über Eure Amtsführung zukommen zu lassen … Eminenz.« Sie sprach seinen Titel mit unüberhörbarer Verachtung aus und sah zufrieden, wie er zusammenzuckte.
»Ich wollte meinem Vetter umgehend antworten«, fuhr sie mit kühler Stimme fort, »aber die Einzelheiten, was die Verlobung des Mädchens angeht, haben meine Zeit zu sehr in Anspruch genommen. Offen gestanden, haben die Vorbereitungen für die Hochzeit es mir bis jetzt unmöglich gemacht, meinem Vetter überhaupt zu antworten. Aber nun, da die Hochzeitsfeier verschoben wird, sieht die Sache natürlich ganz anders aus …« Sie verstummte, ließ ihre Worte einwirken.
Fulgentius saß wie vom Donner gerührt da, schweigend und vollkommen regungslos. Doch tief in seinen schläfrigen, schwerlidrigen Augen leuchtete ein winziger, jedoch unübersehbarer Funke der Furcht auf.
Richild lächelte.
Johanna saß auf einem Felsblock, von Sorge und Trauer erfüllt. Vor ihr lag Lukas; er legte ihr den Kopf in den Schoß und blickte aus seinen ausdrucksvollen, opaleszierenden Augen zu ihr auf.
|191|»Du vermißt ihn auch, nicht wahr, mein Junge?« sagte Johanna und kraulte zärtlich das weiße Fell des jungen Wolfes.
Sie war jetzt fast allein; nur Lukas war ihr geblieben. Gerold war seit mehr als einer Woche fort. Johanna vermißte ihn so sehr, daß es sie selbst verwunderte; die Sehnsucht nach Gerold verursachte ihr körperlichen Schmerz. Sie konnte die Hand genau auf jene Stelle legen, wo das Stechen in der Brust am stärksten war. Herzeleid, ging es ihr durch den Kopf.
Sie wußte, weshalb Gerold fortgereist war. Nach dem, was am Ufer des kleinen Flusses zwischen ihnen beiden geschehen war, hatte er für eine Weile fortgehen müssen. Sie mußten eine Zeitlang getrennt sein, damit die Leidenschaft sich abkühlte und sie beide wieder klaren Kopf bekamen. Johannas Verstand akzeptierte diese Notwendigkeit, ihr Herz aber lehnte sich dagegen auf.
Warum? fragte sie sich zum tausendsten Mal. Warum muß es gerade so sein? Richild liebte Gerold ebensowenig wie er sie.
Sie grübelte, führte Diskussionen mit sich selbst, zermarterte sich das Hirn darüber, warum es so war, wie es war, und weshalb es vielleicht sogar so am besten sein mochte; doch zum Schluß gelangte sie immer wieder zu einer unumstößlichen Erkenntnis, die alles andere verblassen ließ: Sie liebte Gerold.
Johanna schüttelte den Kopf, wütend auf sich selbst. Wenn Gerold stark genug war, diese lange Reise zu ihrem Besten zu unternehmen – durfte sie sich dann dem Selbstmitleid hingeben? Nein. Was nun mal nicht zu ändern war, mußte man halt irgendwie ertragen. Johanna konzentrierte sich auf eine neue Hoffnung, eine neue Lösung dieser Probleme: Wenn Gerold heimkehrte, sollten die Dinge anders aussehen. Dann wollte sie sich damit zufriedengeben, in seiner Nähe sein zu können, mit ihm scherzen und lachen zu können, wie sie es immer schon getan hatten … früher. Sie würden wie Lehrer und Schülerin sein, wie Priester und Nonne, Bruder und Schwester. Sie, Johanna, würde jede Erinnerung an seine Umarmung aus ihrem Gedächtnis verbannen, und die Sehnsucht, noch einmal seine Lippen auf den ihren zu spüren …
Wido, Gerolds Haushofmeister, tauchte plötzlich neben ihr auf. »Meine Herrin möchte mit dir reden.«
Johanna folgte Wido durch das Tor in der Palisade auf den Eingangshof. Lukas trottete an ihrer Seite. Als sie auf den |192|Haupthof gelangten, zeigte Wido auf Lukas: »Der Wolf darf nicht mit.«
Richild mochte Hunde nicht und hatte verboten, Tiere ins Haus zu lassen, obwohl es in anderen herrschaftlichen Anwesen so gang und gäbe war. Lukas gegenüber hegte Richild eine besondere Abneigung, weil er Johannas und Gerolds Liebling war.
Johanna befahl Lukas, sich hinzulegen und auf dem Hof auf sie zu warten.
Dann führte ein Wachtposten sie durch die überdachten Säulengänge in die Haupthalle des Wohngebäudes, in der es von Bediensteten wimmelte, die damit beschäftigt waren, das nachmittägliche Mahl vorzubereiten. Johanna bahnte sich einen Weg zu Gerolds Schreibstube, in der Richild auf sie wartete. Schlagartig verebbte der Lärm, der in der Haupthalle herrschte.
»Ihr habt nach mir geschickt, Herrin?«
»Setz dich.« Johanna ging zu einem Sessel in der Nähe, doch Richild bedeutete ihr mit einer herrischen Geste, auf einem Holzstuhl Platz zu nehmen, der hinter einem kleinen Schreibpult stand.
»Ich werde dir einen Brief diktieren.«
Wie alle adeligen Damen in diesem Teil des Reiches konnte Richild weder lesen noch schreiben. Für gewöhnlich diente ihr Wala, der Hofgeistliche von Villaris, als Schreiber. Auch Wido, der Haushofmeister, beherrschte das Lesen und Schreiben und war Richild in dieser Kunst manchmal zu Diensten.
Warum hat sie dann nach mir geschickt?
Ungeduldig trat Richild mit dem Fuß auf. Mit geübtem Blick betrachtete Johanna die Schreibfedern, die auf dem Pult lagen, und suchte sich die spitzeste heraus. Sie nahm sich ein Blatt Pergament, tauchte die Feder ins Tintenfaß und nickte Richild zu.
»Von Richild, Markgräfin zu Villaris …«, begann sie zu diktieren.
Johanna schrieb schnell und schwungvoll. Das Kratzen des Federkiels erfüllte die steinerne Stille der Schreibstube.
»… an den Dorfpriester von Ingelheim. – Frommer Herr. Eurer Tochter …«
Johanna schaute auf. »Ein Brief an meinen Vater?«
»Mach weiter«, befahl Richild in einem Tonfall, der erkennen |193|ließ, daß sie keine Fragen dulden würde. »Frommer Herr. Eurer Tochter Johanna, die inzwischen fast vierzehn Jahre zählt und deshalb in heiratsfähigem Alter ist, wird die Fortführung ihrer Studien an der hiesigen Domschule untersagt.«
Johannas Hand zitterte plötzlich so heftig, daß ihr um ein Haar die Schreibfeder entfallen wäre.
»Als Vormund Eurer Tochter, der stets auf ihr Wohlergehen bedacht ist«, fuhr Richild fort, wobei sie vorgab, Johannas Entsetzen nicht bemerkt zu haben, »habe ich dafür gesorgt, daß sie eine Ehe mit Iso schließen kann, die ihr eine gesicherte Zukunft bescheren wird; denn Iso ist der Sohn des Hufschmieds dieser Stadt, eines wohlhabenden Mannes. Die Hochzeit findet in zwei Tagen statt. Die Bedingungen des Eheabkommens lauten wie folgt …«
Johanna sprang auf, wobei sie den Stuhl umstieß. »Warum tut Ihr das?«
»Weil ich es so will.« Ein kleines, boshaftes Lächeln umspielte Richilds Lippen. »Und weil ich es kann.«
Sie weiß es, ging es Johanna durch den Kopf. Sie weiß über Gerold und mich Bescheid. Sie spürte, wie ihr das Blut brennend heiß ins Gesicht stieg – so plötzlich und heftig, als würde ihre Haut in Flammen stehen.
»Ja«, sagte Richild, als hätte sie Johannas Gedanken erraten. »Gerold hat mir von dieser jämmerlichen kleinen Episode am Ufer des Flusses erzählt.« Sie lachte freudlos; offensichtlich genoß sie dieses grausame Spiel. »Hast du wirklich geglaubt, die unbeholfenen Küsse eines Bauerntrampels würden ihm gefallen? Als er mir davon erzählt hat, haben wir den ganzen Abend darüber gelacht!«
Johanna war zu schockiert, als daß sie auch nur ein Wort hätte hervorbringen können.
»Du bist erstaunt? Das solltest du nicht sein. Glaubst du etwa, du wärst die einzige gewesen? Meine Liebe, du bist lediglich die letzte Perle in Gerolds langer Halskette aus Eroberungen. Du hättest ihn nicht so ernst nehmen dürfen.«
Woher weiß sie, was zwischen uns gewesen ist? Hat Gerold es ihr wirklich erzählt? Johanna war plötzlich kalt, als hätte eine eisige Böe sie gepackt.
»Ihr kennt ihn nicht«, sagte sie standhaft.
»Ich bin seine Gemahlin, du unverschämtes Gör!«
»Ihr liebt ihn nicht.«
|194|»Nein«, gab sie zu. »Aber vor allem möchte ich von der nichtsnutzigen Tochter eines colonus nicht beschämt und in Verlegenheit gebracht werden.«
Johanna versuchte, ihr aufgewühltes Inneres zu beruhigen und wieder einen kühlen Kopf zu bekommen. »Ohne Bischof Fulgentius’ Zustimmung könnt Ihr mich nicht von der Domschule verweisen lassen. Schließlich hat er mich an die scola geholt.«
Richild hielt Johanna ein Blatt Pergament hin, das Fulgentius’ Siegel trug.
Hastig überflog Johanna das Schriftstück; dann las sie es ein zweites Mal, langsam und bedächtig, um sich zu überzeugen, daß sie sich nicht geirrt hatte. Nein, es gab keinen Zweifel. Fulgentius hatte ihr die Weiterführung der Studien an der Domschule untersagt. Neben Fulgentius’ Siegel trug das Dokument Odos Unterschrift. Johanna konnte sich vorstellen, welche Freude es Odo gemacht hatte, dieses Schriftstück zu unterzeichnen.
Als sie Johanna beim Lesen beobachtete, verspürte Richild ein Hochgefühl wie schon lange nicht mehr. Endlich mußte dieses überhebliche kleine Gör erkennen, wie unbedeutend es war. »Jede weitere Diskussion ist überflüssig«, sagte Richild. »Und jetzt setz dich, und schreib den Brief an deinen Vater fertig.«
»Gerold wird Euch das nicht erlauben«, erwiderte Johanna trotzig.
»Dich mit dem Sohn des Hufschmieds zu verheiraten war seine Idee, du dummes Balg!«
Johanna dachte rasch nach. »Wenn es wirklich Gerolds Idee war, wieso hat er es mir vor seiner Abreise dann nicht selbst gesagt?«
»Gerold ist zu weichherzig. Das war immer schon sein Fehler. Er brachte es nicht über sich, es dir zu sagen. Ich habe so etwas schon des öfteren erlebt … mit deinen Vorgängerinnen. Jedesmal hat Gerold mich gebeten, die Sache in die Hand zu nehmen. Und das habe ich auch in deinem Fall getan.«
»Ich glaube Euch nicht.« Johanna wich zurück, kämpfte gegen die Tränen. »Ich glaube Euch nicht.«
Richild seufzte. »Die Sache ist abgemacht. Würdest du jetzt endlich den Brief fertig schreiben, oder muß ich Wala zu mir kommen lassen?«
|195|Johanna wirbelte herum und stürmte aus dem Zimmer. Bevor sie in die Haupthalle gelangte, hörte sie das Klingeln von Richilds Glocke, mit der sie ihren Hauskaplan zu sich rief.
Lukas wartete an der Stelle, an der Johanna ihn allein gelassen hatte. Sie ließ sich neben dem Tier auf die Knie fallen. Liebevoll drückte Lukas seinen Körper an den des Mädchens und legte ihr seinen großen Kopf auf die Schulter. Seine aufrichtige, tröstende Zuneigung half Johanna, ihr aufgewühltes Inneres halbwegs zu beruhigen.
Ich muß die Ruhe bewahren. Richild legt es nur darauf an, daß ich die Beherrschung verliere.
Sie mußte nachdenken und überlegen, was jetzt zu tun war. Doch immer noch wirbelten ihre Gedanken im Kreis und endeten allesamt stets an einem Punkt.
Gerold.
Wo mag er jetzt sein?
Falls er auf Villaris gewesen wäre, hätte Richild nicht so handeln können. Es sei denn, sie hat die Wahrheit gesagt. Es sei denn, es war wirklich Gerolds Idee, sie mit dem Sohn des Hufschmieds zu verheiraten.
Doch Johanna schob diesen verräterischen Gedanken beiseite. Gerold liebte sie; er würde niemals zulassen, daß sie gegen ihren Willen mit einem Mann verheiratet wurde, den sie nicht einmal kannte.
Und es bestand immer noch die Möglichkeit, daß Gerold rechtzeitig heimkehrte, um diese Sache zu verhindern. Vielleicht konnte er …
Nein. Sie durfte ihre Zukunft nicht an einen seidenen Faden hängen. Johannas von Schock und Schmerz getrübter Verstand war klar genug, um wenigstens das zu erkennen.
Gerold kommt erst in einigen Wochen nach Hause. Die Hochzeit aber soll in zwei Tagen stattfinden.
Sie mußte sich selbst aus dieser Lage befreien. Sie würde es niemals schaffen, diese Ehe einzugehen, die gar keine war.
Bischof Fulgentius. Ich muß zu ihm, muß mit ihm reden, muß ihn davon überzeugen, daß die Hochzeit nicht stattfinden darf.
Johanna war sicher, daß Fulgentius das Dokument nicht frohen Herzens unterzeichnet hatte. Durch Dutzende kleiner, freundlicher Aufmerksamkeiten hatte der Bischof erkennen lassen, daß er Johanna mochte und daß er sich über ihre Leistungen |196|an der Domschule freute – insbesondere, da sie dem allseits unbeliebten Odo ein solcher Dorn im Auge war.
Richild muß Fulgentius auf irgendeine Weise in die Hand bekommen haben, daß er dieser Sache zugestimmt hat.
Falls Johanna die Gelegenheit bekam, mit dem Bischof zu reden, konnte sie ihn vielleicht dazu bringen, die Hochzeit abzusagen … oder sie wenigstens bis zu Gerolds Heimkehr aufzuschieben.
Aber vielleicht möchte der Bischof mich gar nicht empfangen. Schließlich hatte Richild ihn dazu bewegt, Johanna von der Domschule zu verweisen und sie mit einem ihr unbekannten jungen Mann zu verheiraten. Irgend etwas stimmte da nicht. Und deshalb würde Fulgentius sich weigern, Johanna zu empfangen. Vielleicht sogar, weil es ihm peinlich war. Vermutlich würde er ablehnen, wenn sie um eine Audienz ersuchte.
Johanna kämpfte ihre Ängste nieder und zwang sich, logisch zu denken. Fulgentius wird morgen das Hochamt lesen. Er wird am Schluß der Prozession zur Kathedrale reiten. Irgendwo unterwegs trete ich vor ihn hin. Wenn es sein muß, werfe ich mich ihm zu Füßen. Es ist mir egal. Er wird anhalten und mich anhören; ich werde ihn schon irgendwie dazu bringen.
Sie schaute Lukas an. »Ob das klappt, Lukas? Und ob es reicht, um mich zu retten?«
Der Wolf legte mit fragendem Blick den Kopf auf die Seite, als würde er versuchen, das Gesagte zu begreifen. Es war eine Eigenart, die Gerold stets aufs neue erheiterte. Johanna umarmte den weißen Wolf und barg das Gesicht im dichten Fell um seinen Hals.
Zuerst kamen die bischöflichen Beamten in Sicht. Sie bewegten sich gemessenen Schrittes in würdevoller Prozession zum Dom. Ihnen folgten die Diakone und Subdiakone, allesamt zu Pferde und in prächtigen Gewändern. Unter ihnen befand sich Odo, gekleidet in einen schlichten braunen Umhang; auf seinem schmalen Gesicht lag ein verächtlicher, hochmütiger Ausdruck. Als sein Blick auf Johanna fiel, die sich in der Gruppe der Bettler und Bittsteller aufhielt, die auf den Bischof warteten, verzogen seine dünnen Lippen sich zu einem boshaften Lächeln.
Schließlich erschien der Bischof, in ein Gewand aus weißer Seide gekleidet; er saß auf einem prächtigen Roß, das mit einer |197|purpurnen Schabracke bedeckt war. Unmittelbar hinter ihm ritten die höchsten Würdenträger des bischöflichen Palastes: der Schatzmeister; der Vorsteher der Kleiderkammer sowie der Almosenpfleger. Die Prozession hielt, als von beiden Seiten zerlumpte Bettler auf die Würdenträger eindrangen und im Namen des heiligen Stephan, des Schutzpatrons der Bedürftigen, laut nach milden Gaben riefen. Lustlos verteilte der Almosenpfleger Münzen unter den Bettelnden.
Johanna huschte rasch dorthin, wo sich der Bischof befand, dessen Pferd ungeduldig mit den Hufen scharrte.
Sie fiel auf die Knie. »Eminenz, hört meine Bitte …«
»Ich kenne deinen Fall«, unterbrach der Bischof Johanna, ohne sie dabei anzuschauen. »Und ich habe meine Entscheidung bereits gefällt. Ich werde mir deine Bitte nicht anhören.«
Er spornte sein Pferd an, doch Johanna sprang auf, packte das Zaumzeug und hielt das Tier fest. »Diese Ehe würde meinen Untergang bedeuten, Eminenz.« Sie redete schnell, aber mit leiser Stimme, so daß niemand anders sie hören konnte. »Falls es Euch nicht möglich ist, die Hochzeit zu verhindern – könnt Ihr sie dann nicht wenigstens für einen Monat aufschieben?«
Fulgentius machte Anstalten, sein Pferd voranzutreiben, doch Johanna hielt entschlossen das Zaumzeug fest. Rasch kamen zwei Wächter herbei; sie hätten das Mädchen davongezerrt, doch mit einer Handbewegung gebot der Bischof ihnen Einhalt.
»Gebt mir vierzehn Tage Zeit!« bettelte Johanna. »Ich flehe Euch an, Eminenz, gebt mir wenigstens vierzehn Tage!« Dann war ihre innere Kraft endgültig erschöpft, und sie begann zu schluchzen.
Fulgentius war ein Mann mit vielen Fehlern und Schwächen, doch hartherzig war er nicht. Der Ausdruck seiner Augen wurde weich, als Mitleid in ihm aufkeimte. Er beugte sich im Sattel zur Seite und streichelte über Johannas weißgoldenes Haar.
»Ich kann dir nicht helfen, Kind. Du mußt dich in dein Schicksal ergeben. Wir haben dir eine Zukunft bereitet, wie Gott sie für jede gesunde Frau vorgesehen hat.« Er beugte sich noch tiefer hinunter und flüsterte: »Ich habe Erkundigungen über den jungen Mann einziehen lassen, der dein Ehegatte wird. Er ist ein netter und stattlicher Bursche; dein Los zu tragen wird dir nicht allzu schwerfallen, glaub mir.«
|198|Er gab den Wachen ein Zeichen, die Johannas Hände daraufhin vom Zaumzeug losrissen und das Mädchen zurück in die Menge stießen. Vor ihr bildete sich eine Gasse. Als Johanna hindurchging und versuchte, ihre Tränen zu verbergen, hörte sie die Stadtbewohner tuscheln und leise lachen.
Im hinteren Teil der Menge sah sie Johannes. Sie ging in seine Richtung, doch er wich zurück.
»Bleib mir vom Leibe!« rief er wütend. »Ich hasse dich!«
»Warum? Was habe ich getan?«
»Du weißt genau, was du getan hast!«
»Was ist denn los, Johannes? Was ist geschehen?«
»Ich muß Dorstadt verlassen!« rief er. »Wegen dir!«
»Ich verstehe nicht …«
»Odo hat zu mir gesagt: ›Du gehörst nicht hierher.‹« Johannes ahmte die näselnde Stimme des Schulmeisters nach. »›Du hast nur deiner Schwester wegen hier bleiben dürfen.‹«
Johanna blickte den Bruder fassungslos an. Sie war so sehr mit ihrer eigenen Zwangslage beschäftigt gewesen, daß sie noch gar nicht an die Konsequenzen für Johannes gedacht hatte. Er war ein schlechter Schüler, der die Domschule nur ihres geschwisterlichen Verhältnisses wegen hatte besuchen dürfen. Jetzt, da sie gehen mußte, würde auch Johannes gehen müssen.
»Ich habe diese Hochzeit nicht gewollt, Johannes.«
»Du hast mir immer schon alles verdorben! Und jetzt tust du’s schon wieder!«
»Hast du denn nicht gehört, was der Bischof vorhin zu mir gesagt hat?«
»Es interessiert mich nicht! Das alles ist deine Schuld! Immer war alles Schlimme deine Schuld!«
Johanna konnte seinen Zorn nicht recht begreifen. »Dir gefällt das Bücherstudium doch gar nicht. Was kümmert es dich da, ob sie dich von der Domschule schicken oder nicht?«
»Du verstehst es nicht.« Er ließ den Blick über Johanna hinweg auf jemand anderen schweifen. »Du hast es nie verstanden.«
Johanna drehte sich um und sah die Jungen von der Domschule dicht beisammenstehen. Einer zeigte auf sie und flüsterte den anderen irgend etwas zu, worauf sich gedämpftes Lachen erhob.
Also wissen sie es schon, ging es Johanna durch den Kopf. |199|Natürlich wissen sie’s. Odo würde niemals auf Johannes’ Gefühle Rücksicht nehmen. Voller Mitgefühl betrachtete Johanna ihren Bruder. Es mußte schwer, fast unerträglich für ihn sein, ihretwegen von seinen Freunden getrennt zu werden. Johannes hatte sich oft mit den anderen Jungen gegen sie verbündet, doch Johanna wußte warum: Ihr Bruder hatte immer nur akzeptiert werden wollen, hatte dazugehören wollen, mehr nicht.
»Für dich, Johannes, wird alles wieder gut«, sagte sie besänftigend. »Es steht dir jetzt frei, wieder nach Hause zu gehen.«
»Ich und frei?« Johannes lachte humorlos. »So frei wie ein Mönch!«
»Was meinst du damit?«
»Ich soll ins Kloster nach Fulda gehen! Vater hat dem Bischof die entsprechende Bitte geschickt, als wir hierher an die Domschule kamen. Falls ich auf der scola versage, sollte ich ins Kloster zu Fulda geschickt werden!«
Das also war die Ursache für Johannes’ Zorn. Denn sobald er der Bruderschaft erst einmal anvertraut worden war, konnte er sie nicht mehr verlassen. Dann würde nie ein Soldat aus ihm werden, der im kaiserlichen Heer ritt, wie er es sich erträumt hatte.
»Vielleicht gibt es doch noch einen Ausweg«, sagte Johanna. »Wir könnten ein Bittgesuch beim Bischof machen. Wenn wir gemeinsam zu ihm gehen, wird er vielleicht …«
Johannes starrte sie düster an; um seinen Mund zuckte es, als er nach Worten suchte, die deutlich genug waren, seinen Gedanken Ausdruck zu verleihen. »Ich … ich wünschte, du wärst nie geboren!« stieß er hervor, drehte sich um und rannte davon.
Niedergeschlagen machte Johanna sich auf den Rückweg nach Villaris.
Sie saß am Ufer des Flusses, an dem Gerold und sie sich erst vierzehn Tage zuvor umarmt hatten. Seitdem war eine Ewigkeit vergangen. Johanna blickte zur Sonne empor; es waren nur noch gut zwei Stunden bis zur Sext. Morgen um diese Zeit – zur Mittagsstunde – würde sie die Gattin des Iso sein, Sohn des Hufschmieds von Dorstadt.
Es sei denn …
|200|Sie betrachtete die Baumreihe, die den Waldrand begrenzte. Dorstadt lag inmitten dichter, ausgedehnter Wälder. Man konnte sich tagelang, sogar wochenlang darin verstecken, ohne entdeckt zu werden. Und Gerold kam in frühestens zwei Wochen nach Hause. Kannst du so lange im Wald überleben? fragte sich Johanna.
Der Wald war gefährlich; es gab dort wilde Eber und Auerochsen und … Wölfe. Johanna dachte an die Kraft und die wilde Wut von Lukas’ Mutter, als sie gegen die Käfigstangen gesprungen war, wobei ihre scharfen Zähne im Mondlicht gefunkelt hatten.
Ich werde Lukas mitnehmen, sagte sich Johanna. Er wird mich beschützen, und er kann mir bei der Jagd helfen. Der junge Wolf war bereits ein tüchtiger Jäger von Kaninchen und anderen kleinen Wildtieren, die es zu dieser Jahreszeit reichlich gab.
Und Johannes? dachte sie. Was ist mit Johannes? Sie konnte nicht einfach fortlaufen, ohne ihm zu sagen, wohin sie gegangen war.
Er kann mit mir kommen! Natürlich! Das war die Lösung ihrer beider Probleme. Sie würden sich im Wald verstecken und auf Gerolds Heimkehr warten. Gerold würde alles wieder ins Lot rücken – nicht nur für Johanna, sondern auch für ihren Bruder.
Sie mußte Johannes nur irgendwie Bescheid sagen. Sie mußte sich mit ihm darauf einigen, daß sie sich noch heute abend an einer bestimmten Stelle im Wald trafen. Er mußte seinen Speer, seinen Bogen und seinen Köcher mitbringen.
Es war ein verzweifelter Plan. Aber Johanna war verzweifelt.
Sie traf Dhuoda im Schlafraum. Obwohl erst elf Jahre alt, war Gerolds jüngste Tochter bereits gut entwickelt. Die Ähnlichkeit mit ihrer Schwester Gisla war nicht zu übersehen. Dhuoda begrüßte Johanna aufgeregt. »Ich hab’s vorhin erst gehört! Morgen ist dein Hochzeitstag!«
»Nicht, wenn ich es verhindern kann«, erwiderte Johanna geradeheraus.
Dhuoda mußte staunen. Gisla hatte gar nicht schnell genug heiraten können! »Ist der Mann denn so alt?« Ihr Gesicht verzog sich in kindlichem Entsetzen. »Hat er keine Zähne mehr? Oder hat er die Krätze?«
|201|»Nichts von alledem.« Johanna mußte lächeln. »Wie mir gesagt wurde, ist er jung und stattlich.«
»Aber warum sagst du dann …«
»Ich habe jetzt keine Zeit, es dir zu erklären, Dhuoda«, unterbrach Johanna sie drängend. »Ich bin gekommen, dich um einen Gefallen zu bitten. Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?«
»Oh, ja!« Neugierig beugte Dhuoda sich vor.
Johanna zog ein zusammengerolltes Stück Pergament aus ihrem Ranzen. »Dieser Brief ist für meinen Bruder. Bringe ihn zu Johannes an die Domschule. Ich würde ja selbst gehen, aber ich werde in den Frauengemächern erwartet. Ich soll dort eine neue Tunika für die Hochzeit anprobieren. – Tust du mir den Gefallen?«
Dhuoda starrte die Pergamentrolle an. Wie ihre Mutter und ihre Schwester konnte auch sie nicht lesen und schreiben.
»Was steht denn drin?«
»Das kann ich dir nicht sagen, Dhuoda. Aber es ist wichtig. Sehr wichtig.«
»Eine Geheimbotschaft!« Ihr Gesicht glühte vor Aufregung.
»Es sind fünf Kilometer bis zur Domschule. Wenn du dich beeilst, kannst du zu Mittag, in zwei Stunden, wieder hier sein.«
Dhuoda schnappte sich die Pergamentrolle. »Ich schaffe es noch schneller!«
Das Mädchen eilte über den Haupthof der Burganlage, stets darauf bedacht, den Dienern und Handwerkern aus dem Weg zu gehen, die wie immer um diese Tageszeit den Hof mit Leben und Lärm erfüllten. Dhuoda war aufgeregt. Eine geheime Botschaft zu überbringen – was für ein Abenteuer! Sie spürte das glatte, kühle Pergament in den Händen und wünschte sich, sie könnte lesen, was darauf geschrieben stand. Daß Johanna lesen und schreiben konnte, erfüllte Dhuoda mit Respekt.
Der geheimnisvolle Botengang war für das Mädchen eine willkommene Abwechslung im langweiligen Alltagseinerlei auf Villaris. Außerdem freute sie sich, Johanna helfen zu können. Johanna war immer nett zu ihr gewesen; stets nahm sie sich die Zeit, Dhuoda alle möglichen interessanten Dinge zu erklären. Sie war ganz anders als Mama, die häufig übellaunig und kurz angebunden war.
|202|Das Mädchen hatte beinahe die Palisade erreicht, als es einen Ruf hörte.
»Dhuoda!«
Mamas Stimme. Dhuoda lief weiter, als hätte sie die Mutter nicht gehört, doch als sie durch das Tor in der Umzäunung wollte, packte der Wachtposten das Mädchen und hielt es fest.
Dhuoda drehte sich zu ihrer Mutter um, die näher kam.
»Dhuoda! Wo willst du hin?«
»Nirgends.« Hastig versuchte das Mädchen, die Pergamentrolle hinter dem Rücken zu verstecken. Richild fiel die plötzliche Bewegung auf, und ihr Mund verzerrte sich, als ein Verdacht in ihr aufkeimte.
»Was ist das?«
»N-nichts«, stammelte Dhuoda.
»Gib es mir.« Herrisch streckte Richild die Hand aus.
Dhuoda zögerte. Wenn sie der Mutter das Pergament gab, würde sie das Geheimnis verraten, das Johanna ihr anvertraut hatte. Doch falls sie es der Mutter nicht gab …
Richild starrte ihre Tochter finster an. In ihren dunklen Augen war zu erkennen, wie sich in ihrem Innern heißer Zorn aufstaute.
Als Dhuoda in diese Augen blickte, erkannte sie, daß sie keine Wahl hatte.
In der letzten Nacht vor ihrer Hochzeit sollte Johanna auf Richilds Geheiß in dem kleinen Aufwärmzimmer schlafen, das an ihre eigene Schlafkammer angrenzte – ein Privileg, das für gewöhnlich nur kranken Kindern oder bevorzugten Bediensteten zuteil wurde. Es sei eine Geste der besonderen Ehrerbietung gegenüber der angehenden Ehefrau, wie Richild sich ausdrückte, doch Johanna war sicher, daß Richild sie auf diese Weise lediglich unter genauer Beobachtung halten wollte. Egal. Sobald Richild schlief, konnte Johanna genauso schnell aus diesem Zimmer schlüpfen wie aus dem Schlafraum.
Ermentrude, eine der Dienerinnen, kam mit einem Holzbecher mit warmem, gewürztem Rotwein in das kleine Zimmer. »Von Gräfin Richild«, sagte sie schlicht. »Euch zu Ehren an diesem besonderen Abend.«
»Ich möchte es nicht.« Johanna winkte ab. Von einem Feind nahm sie keine Gefälligkeiten entgegen.
»Aber die Herrin hat mir befohlen, bei Euch zu bleiben, |203|während Ihr den Wein trinkt, und dann den Becher in die Küche zu bringen.« Ermentrude war ängstlich darauf bedacht, alles richtig zu machen; denn sie war erst zwölf und neu in der gräflichen Dienerschaft.
»Dann trink den Wein selbst«, sagte Johanna gereizt. »Oder gieße ihn auf den Fußboden. Richild wird nie davon erfahren.«
Ermentrudes Miene hellte sich auf. Dieser Gedanke war ihr gar nicht gekommen. »Ja, Fräulein. Danke, Fräulein.« Sie wandte sich zum Gehen.
»Warte noch«, rief Johanna ihr nach, denn sie hatte es sich doch anders überlegt. Der Becher war randvoll, und der Wein süß und schwer; er schimmerte im gedämpften Licht des Zimmers. Falls Johanna die nächsten zwei Wochen im Wald überleben wollte, mußte sie jede Nahrung zu sich nehmen, die sie bekommen konnte, ob fest oder flüssig. Sie konnte sich keine närrischen Gesten des Stolzes leisten. Johanna nahm den Becher und trank den warmen Wein in hastigen Zügen. Um ihre Lippen herum bildete sich ein roter Rand, und der Wein hinterließ einen seltsam säuerlichen Geschmack auf der Zunge. Sie wischte sich den Mund mit dem Ärmel ab; dann reichte sie Ermentrude den Becher, und das Mädchen verließ eilig das Zimmer.
Johanna blies die Kerze aus, legte sich im Dunkeln aufs Bett und wartete. Die große Federmatratze war wunderbar weich – ein Gefühl, das Johanna nicht kannte; denn sie war an den dünnen Belag aus Stroh auf ihrem Bett oben in der Schlafkammer gewöhnt. Sie wünschte sich, Richild hätte sie in ihrem eigenen Bett schlafen lassen, neben Dhuoda. Sie hatte Dhuoda nicht mehr gesehen, seit das Mädchen die Nachricht zur Domschule gebracht hatte; den ganzen Nachmittag hatte sie in Richilds Gemächern verbracht, von der Außenwelt abgeschnitten, umsorgt und umhegt von den Dienerinnen, die sich um ihr Hochzeitskleid kümmerten und die Kleidung sowie jene persönlichen Gegenstände auswählten, die Johanna als Mitgift in die Ehe bringen sollte.
Hatte Dhuoda Johannes die Mitteilung überbracht? Johanna konnte nicht sicher sein; sie mußte sich darauf verlassen. Sie würde auf der Waldlichtung auf Johannes warten, und falls er nicht kam, würden sie und Lukas sich allein auf den Weg machen.
Im angrenzenden Zimmer hörte Johanna das langsame, |204|tiefe Atmen Richilds. Sie wartete noch eine Viertelstunde, um auch ganz sicher sein zu können, daß Richild schlief; dann schlüpfte sie leise unter den Decken hervor.
Sie trat durch die Tür in Richilds Kammer. Richild lag regungslos da; ihr Atem ging tief und gleichmäßig. Johanna glitt die Wand entlang und zur Tür hinaus.
Kaum hatte sie das Zimmer verlassen, schlug Richild die Augen auf.
Johanna bewegte sich geräuschlos durch die Hallen und über die Säulengänge, bis sie an die frische Luft auf dem Haupthof gelangte. Ihr war ein bißchen schwindlig, und sie holte tief Atem.
Alles war ruhig. Ein einzelner Wachtposten saß neben dem Tor, mit dem Rücken zur Mauer, den Kopf auf der Brust, schnarchend. Johannas Schatten – erschreckend groß und verzerrt – fiel über den vom Mondlicht erhellten Hof. Sie bewegte die Hand, und eine furchteinflößende, riesige Schattenhand vollzog die Bewegung gleichzeitig mit.
Leise pfiff Johanna nach Lukas. Der Wachtposten schnarchte laut auf und bewegte sich im Schlaf. Lukas kam nicht. Johanna setzte sich in Bewegung. Sie hielt sich stets im Schatten, als sie zu dem Winkel des Hofes ging, an dem Lukas für gewöhnlich schlief. Noch einmal zu pfeifen wagte Johanna nicht. Das Risiko, den Wachtposten zu wecken, war zu groß.
Plötzlich schien sich der Boden unter ihren Füßen zu bewegen. Schwindelgefühl und Übelkeit stiegen in ihr auf, und sie mußte sich an einem Pfosten festhalten. Bei allen Heiligen, mir darf jetzt nicht schlecht werden!
Johanna wehrte sich gegen den Übelkeitsanfall, als sie den Hof überquerte. Auf der gegenüberliegenden Seite entdeckte sie Lukas. Der junge Wolf lag auf der Seite; seine opaleszierenden Augen starrten blicklos in die Dunkelheit, und die Zunge hing ihm schlaff aus dem Maul. Johanna beugte sich nieder, um das Tier zu berühren – und spürte die Kälte des Körpers unter dem weichen weißen Fell. Scharf und keuchend holte sie Luft und richtete sich auf. Ihr Blick fiel auf ein halbgegessenes Stück Fleisch, das in der Nähe am Boden lag. Benommen starrte Johanna darauf. Eine Fliege ließ sich auf dem blutigen Fleischstück nieder, kroch darüber hinweg, saugte das Blut auf, flog wieder in die Höhe und kreiste für kurze |205|Zeit in unregelmäßigen Bahnen durch die Luft. Plötzlich fiel sie zu Boden. Ihre Beine zuckten; dann rührte sie sich nicht mehr.
Mit einemmal war ein lautes Summen in Johannas Ohren. Die Luft um sie herum schien auf und ab zu wogen. Taumelnd wich Johanna zurück, machte kehrt und wollte losrennen, doch wieder hob sich der Erdboden, verschob sich, bewegte sich – und kam dann plötzlich auf sie zu.
Die kräftigen Arme, die sie packten, in die Höhe hoben und zurück ins Haus trugen, spürte Johanna schon nicht mehr.
Das rhythmische Quietschen der Wagenräder war eine melancholische Begleitmusik zum Pochen der Pferdehufe, als der Wagen rumpelnd über die Straße zum Dom rollte und Johanna zur Hochzeitsmesse brachte.
Man hatte sie an diesem Morgen wachrütteln müssen; lange Zeit war sie zu benommen gewesen, als daß ihr bewußt gewesen wäre, was eigentlich geschah. Wie betäubt hatte sie dagestanden, als die Dienerinnen um sie herumscharwenzelten, ihr das Hochzeitskleid anzogen und ihr Haar richteten.
Nun aber ließ die Wirkung der Droge allmählich nach, und Johanna erinnerte sich. Es war der Wein, ging es ihr durch den Kopf. Richild hat irgend etwas in den Wein getan. Johanna dachte an Lukas, wie er kalt und tot auf dem nächtlichen Hof gelegen hatte, und Tränen stiegen ihr in die Augen. Er war vollkommen sinnlos gestorben, ohne Trost, ohne Beistand, einsam und allein. Johanna konnte nur hoffen, daß er nicht lange gelitten hatte. Es mußte Richild eine verderbte Freude bereitet haben, das Fleisch zu vergiften; sie hatte den jungen Wolf schon immer gehaßt, weil er die enge Bindung repräsentiert hatte, die zwischen Johanna und Gerold bestand.
Auch Richild saß in einem Wagen und fuhr dicht vor Johanna. Sie war in eine prächtige Tunika aus schimmernder blauer Seide gekleidet; ihr schwarzes Haar war so gekämmt, daß es sich elegant um ihren Kopf wand, und es wurde von einem silbernen, mit Smaragden besetzten Diadem gehalten. Richild war wunderschön.
Warum, fragte Johanna sich benommen, hat sie mich nicht auch getötet?
Als sie in dem Wagen saß, der sie dem Dom immer näher brachte, krank am Körper und am Herzen, fern von Gerold |206|und ohne Hoffnung auf ein Entkommen, wünschte Johanna sich, Richild hätte es getan.
Die Wagenräder ratterten geräuschvoll über die unebenen Pflastersteine auf dem Domvorplatz; dann wurden die Pferde mit den Zügeln zum Stehen gebracht. Sofort erschienen zwei von Richilds Gefolgsleuten neben dem Wagen. Mit kunstvoller Unterwürfigkeit halfen sie Johanna hinunter.
Vor dem Dom hatte sich eine riesige Menschenmenge versammelt. Es war das Fest der ersten Märtyrer der Stadt Rom, ein hoher kirchlicher Feiertag; außerdem fand Johannas Hochzeitsgottesdienst statt, und die ganze Stadt hatte sich zu diesen beiden Anlässen versammelt.
Vorn in der Menge erblickte Johanna einen hochgewachsenen, rotgesichtigen, starkknochigen Jungen, der verlegen neben seinen Eltern stand. Der Sohn des Hufschmieds. Johanna erkannte seinen mißmutigen Gesichtsausdruck und sah, daß der Junge niedergeschlagen den Kopf gesenkt hielt. Er möchte mich nicht zur Frau. Genauso wenig wie ich ihn zum Ehemann möchte. Weshalb sollten wir dann heiraten?
Der Vater stieß den Jungen an; er ging auf Johanna zu und hielt ihr die Hand hin, und Johanna ergriff sie. Dann standen die beiden Seite an Seite, während Wido, Gerolds und Richilds Haushofmeister, die Liste der Gegenstände verlas, die Johanna als Mitgift in die Ehe brachte.
Johanna schaute zum Wald hinüber. Jetzt war es ihr unmöglich, loszurennen und sich in den Wäldern zu verstecken. Die Menge umringte sie, und Richilds Gefolgsleute standen dicht neben ihr und behielten sie wachsam im Auge.
Johanna entdeckte Odo in der Menge. Um ihn herum hatten sich die Jungen von der Domschule versammelt; wie üblich, flüsterten sie auch diesmal miteinander. Doch Johannes war nicht bei ihnen. Johanna ließ den Blick über die Zuschauer schweifen und sah ihren Bruder abseits an einer Seite der Menge stehen, unbeachtet von seinen Freunden. Sie beide waren jetzt allein; sie hatten nur noch einander. Johannas Blick suchte den ihres Bruders, suchte Trost in seinen Augen – und bot ihm Trost an. Erstaunlicherweise schaute Johannes nicht weg, sondern erwiderte ihren Blick; auf seinem Gesicht war deutlich der Schmerz zu erkennen.
Sie waren sich lange Zeit fremd gewesen. Doch in diesem |207|Augenblick waren sie zum erstenmal eins, Bruder und Schwester, verbunden in gegenseitigem Verstehen. Johanna hielt den Blick auf ihren Bruder gerichtet; sie wollte dieses zarte, zerbrechliche Band nicht zerreißen lassen.
Der Haushofmeister verstummte. Die Menge wartete gespannt. Der Sohn des Hufschmieds führte Johanna in den Dom. Richild und ihre Bediensteten folgten dem Brautpaar; dann kamen die Stadtbewohner.
Fulgentius wartete am Altar. Als Johanna und der Junge auf ihn zu gingen, bedeutete er ihnen, Platz zu nehmen. Zuerst sollte der kirchliche Festtag gefeiert werden; dann erst die Hochzeitsmesse.
»Omnipotens sempiterne Deus qui me peccatoris …« Wie immer, sprach Fulgentius ein haarsträubendes Latein; diesmal aber nahm Johanna kaum Notiz davon. Der Bischof bedeutete einem Altardiener, das Offertorium vorzubereiten, und begann mit dem Opfergebet. »Suscipe sanctum Trinitas …« Neben Johanna senkte der Sohn des Hufschmieds demutsvoll den Kopf. Auch Johanna versuchte zu beten; sie schloß die Augen und formte mit den Lippen die Worte des Gebets, doch es war nur eine äußere Geste, eine leere Hülle ohne Substanz. In ihrem Innern war nichts als Leere.
Fulgentius vermischte das Wasser mit dem Wein. »Deus qui humanae substantiae …«
Mit einem lauten Krachen flogen die Türen des Domes auf. Fulgentius unterbrach seinen Kampf mit der lateinischen Sprache und starrte fassungslos zum Eingang des Gotteshauses. Johanna reckte den Hals und versuchte, die Quelle dieser beispiellosen Störung auszumachen. Doch die Besucher des Gottesdienstes versperrten ihr die Sicht.
Dann aber sah sie es. Eine riesige Kreatur – menschenähnlich, jedoch größer als ein Mensch – stand im Kircheneingang; ein gewaltiger dunkler Umriß im hellen Gegenlicht dieses strahlenden Frühsommertages. Der Schatten des Wesens fiel ins schummrige Innere des Domes. Das Gesicht war seltsam ausdruckslos und schimmerte in metallenem Glanz; die Augen lagen so tief in den dunklen Höhlen, daß Johanna sie nicht erkennen konnte. Zu beiden Seiten des Schädels ragte ein goldenes Horn hervor.
Irgendwo in der Menge der Gläubigen schrie eine Frau.
Wotan, dachte Johanna. Schon vor langer Zeit hatte sie den |208|Glauben an die Götter jenes Volkes aufgegeben, dem ihre Mutter entstammte – aber dort stand er, der alte germanische Gott, genau so, wie Johannas Mutter ihn beschrieben hatte. Und mit riesigen Schritten kam er über den Mittelgang auf sie zu …
Ist er gekommen, um mich zu retten? fragte Johanna sich in einer Mischung aus Hoffnung und Entsetzen.
Als das Wesen näher kam, erkannte Johanna, daß sein metallenes Gesicht und die Hörner zu einer Maske gehörten; sie waren Teil eines kunstvollen Schlachthelms. Das Ungetüm war ein Mensch, kein Gott. Am Hinterkopf – dort, wo der Helm endete – sah Johanna langes goldenes Haar, das bis auf die Schultern fiel.
»Normannen!« brüllte jemand.
Der Eindringling setzte seinen Vormarsch fort, ohne auch nur einen Schritt innezuhalten. Als er den Altar erreichte, hob er ein schweres, doppelschneidiges Breitschwert und ließ es mit furchtbarer Wucht auf den kahlgeschorenen Kopf eines der Priester niedersausen, der dem Bischof als Assistent zur Seite stand. Der tonsierte Schädel des Mannes wurde in zwei Hälften gespalten; eine Blutfontäne schoß aus der tiefen Kluft empor.
Dann brach das nackte Chaos aus. Überall um Johanna herum schrien und kreischten die Menschen und stießen einander zur Seite, um schnellstmöglich ins Freie zu gelangen. Johanna wurde von der Menge mitgerissen; sie war so fest zwischen den schubsenden, stoßenden Körpern eingeklemmt, daß ihre Füße den Kontakt zum Boden verloren. Die entsetzten, fliehenden Stadtbewohner schwappten wie eine Woge aus menschlichen Leibern in Richtung Kirchenportal – um dann abrupt stehenzubleiben.
Der Ausgang wurde von einem weiteren Eindringling versperrt, der ebenso wie der erste in voller Rüstung dastand, als wollte er sich in die Schlacht stürzen. Mit dem einzigen Unterschied, daß dieser zweite Mann statt eines Schwerts eine Axt trug.
Die Menge schwankte unschlüssig. Johanna hörte Rufe von draußen; dann kamen weitere Normannen – mindestens ein Dutzend – durch die Türen in den Dom gestürmt; mit heiseren Schreien schwangen sie riesige eiserne Äxte über den Köpfen.
Die Stadtbewohner gerieten in wilde Panik und kletterten |209|übereinander hinweg, um aus der Reichweite der mörderischen Waffen zu gelangen. Irgend jemand stieß Johanna grob von hinten, so daß sie zu Boden stürzte. Sie spürte, wie Füße auf ihren Rücken trampelten, ihr in die Seiten stießen, und sie warf die Arme hoch, um ihren Kopf zu schützen. Jemand stampfte wuchtig auf ihre rechte Hand, und Johanna schrie vor Schmerz auf: »Mama! Hilf mir! Mama!«
Sie kämpfte verzweifelt, sich aus dem Knäuel aus menschlichen Leibern zu befreien, und kroch zur Seite, bis sie auf ein freies Stück gelangte. Als sie zum Altar schaute, sah sie Fulgentius, umringt von Normannen. Er schlug mit dem großen Holzkreuz, das hinter dem Altar gehangen hatte, auf die Angreifer ein; offenbar hatte der Bischof das Kreuz von der Wand gerissen. Jetzt schwang er es mit wilder Wut, während seine Angreifer vor und zurück sprangen und versuchten, mit den Schwertern nach Fulgentius zu schlagen. Doch es gelang ihnen nicht, in seinen Verteidigungskreis vorzudringen. Während Johanna hinsah, versetzte Fulgentius einem Normannen einen so wuchtigen Hieb mit dem Kreuz, daß der Mann durchs halbe Kirchenschiff geschleudert wurde.
Johanna erhob sich, ging wankend durch den Lärm und den Rauch – war ein Feuer ausgebrochen? – und suchte nach Johannes. Um sie herum waren Gebrüll und Rufe, Stöhnen und Wimmern, Schreie des Schmerzes und Entsetzens. Der Boden war naß von Blut und übersät mit umgestürzten Stühlen und regungslosen Körpern.
»Johannes!« rief sie. Hier war der Rauch dichter; ihre Augen brannten, und sie konnte nicht klar sehen. »Johannes!« Bei dem Lärm vermochte sie kaum die eigene Stimme zu hören.
Schwere Schritte im Rücken und der Windstoß, der ihr über den Rücken wehte, warnten Johanna. Sie reagierte instinktiv und warf sich zur Seite. Die Schwertklinge des Normannen, die nach ihrem Kopf gezielt hatte, riß eine tiefe Wunde in ihre Wange. Der Hieb schleuderte Johanna zu Boden, wo sie sich in schrecklichen Qualen krümmte, die Hände vor das blutige Gesicht geschlagen.
Der Normanne stand über ihr. Durch die Schlitze in seiner häßlichen Maske blickten seine funkelnden blauen Augen mit mörderischer Wut auf das Mädchen hinunter. Johanna kroch zurück und versuchte zu entkommen, konnte sich aber nicht schnell genug bewegen.
|210|Der Normanne hob sein Schwert zum tödlichen Schlag. Johanna beschirmte den Kopf mit den Armen und wandte das Gesicht ab.
Der Schlag kam nicht. Johanna öffnete die Augen und sah, wie ihrem Angreifer das Schwert aus den Händen fiel. Blut lief ihm aus den Mundwinkeln über das Kinn, als er langsam zu Boden sank. Hinter ihm stand Johannes. Er hielt den langen Hirschhorngriff des Messers umklammert, das dem Vater gehörte. Die Klinge war rot von Blut, und Johannes’ Augen funkelten in einem seltsamen Hochgefühl.
»Ich hab’ ihn genau ins Herz getroffen! Hast du gesehen? Der Kerl hätte dich getötet!«
Jetzt erst schlug das Entsetzen wie eine schwarze Woge über Johanna zusammen. »Sie werden uns alle umbringen!« rief sie und klammerte sich an den Bruder. »Wir müssen fort von hier! Wir müssen uns verstecken!«
Er hörte ihr gar nicht zu. »Ich hab’ vorhin schon einen von den Burschen erwischt! Er ist mit einer Axt auf mich losgegangen, aber ich bin darunter weggetaucht und hab’ ihm die Kehle aufgeschlitzt.«
In verzweifelter Eile hielt Johanna nach einem Versteck Ausschau. Ein paar Schritt voraus befand sich ein reich verzierter Altaraufsatz; die Vorderseite bestand aus dicken Brettern, die mit vergoldeten Schnitzereien verziert waren, die Szenen aus dem Leben des heiligen Germanus zeigten. Der Altaraufsatz war hohl, und drinnen mußte gerade genug Platz sein, um …
»Rasch!« rief sie Johannes zu. »Komm mit!« Sie packte den Ärmel seiner Tunika und zog ihn mit sich, hinunter auf den Fußboden. Dann bedeutete sie ihm, ihr zu folgen, und kroch zu einer Seite des Altaraufsatzes. Ja! Da war eine Öffnung, gerade groß genug, um sich hindurchzuzwängen.
Im Innern war es dunkel. Nur ein schmaler Lichtstreifen fiel durch einen Spalt an der Vorderseite, dort, wo zwei Bretter nachlässig zusammengefügt worden waren. Johanna kauerte sich in die hinterste Ecke und zog die Beine an, um Platz für ihren Bruder zu schaffen. Doch er kam nicht. Johanna kroch zur Öffnung zurück und spähte hinaus.
Einige Schritte entfernt sah sie ihn. Er stand über die Leiche des Normannen gebeugt, den er getötet hatte, und zerrte an der Kleidung des Mannes, als wollte er ihn zur Seite heben, um an irgend etwas heranzukommen.
|211|»Johannes!« rief sie. »Komm her zu mir! Schnell!«
Er starrte sie mit funkelnden Augen an – ein erschreckender, beinahe irrer Blick –, während er weiterhin an der Kleidung des Toten zerrte. Aus Angst, ihr kostbares Versteck zu verraten, wagte Johanna es nicht, ihren Bruder noch einmal zu rufen.
Plötzlich stieß Johannes einen Jubelschrei aus und richtete sich auf, das Schwert des Normannen in der Hand. Verzweifelt winkte Johanna ihn zu sich. Doch Johannes hob das Schwert zu einem spöttischen Salut und rannte davon.
Soll ich ihm folgen? Johanna zwängte die Schultern durch die Öffnung.
Irgend jemand – ein Kind? – schrie ganz in der Nähe; es war ein langgezogener und schriller Schrei, der schrecklich durchs Kirchenschiff hallte und dann abrupt verstummte. Erneut stieg Furcht in Johanna auf, und sie zog sich wieder tiefer in den Schutz des Altaraufsatzes zurück. Am ganzen Körper zitternd, drückte sie das rechte Auge an den Spalt zwischen den beiden Brettern und spähte hindurch, hielt nach Johannes Ausschau.
Unmittelbar vor dem Spalt tobte ein Zweikampf. Johanna hörte das Klirren von Metall auf Metall, erhaschte einen kurzen Blick auf gelben Stoff und sah das Schimmern eines zum Schlag erhobenen Schwertes. Mit einem dumpfen Laut fiel ein Körper zu Boden. Die Kampfgeräusche verlagerten sich auf die rechte Seite des Kircheninnern, so daß Johanna plötzlich freie Sicht durch das gesamte Kirchenschiff bis zum Eingang des Domes hatte. Vor den schweren, spaltweit geöffneten Türen lagen ungezählte Leichen in ihrem Blut.
Die Normannen trieben ihre überlebenden Opfer vom Eingangsportal zurück und auf die rechte Seite des Domes.
Der Weg nach vorn war für Johanna frei.
Jetzt, sagte sie sich. Lauf zur Eingangstür. Doch sie war vor Entsetzen wie gelähmt und konnte sich nicht von der Stelle rühren.
Ein Mann erschien am Rand von Johannas engem Sichtfeld. Seine Kleidung hing in Fetzen herunter, und er sah dermaßen verwirrt und verängstigt aus, daß Johanna ihn zuerst gar nicht erkannte. Der Mann war Odo. Er schleppte sich in Richtung Eingangsportal und zog dabei das linke Bein nach. In den Armen, fest an die Brust gedrückt, hielt er die große Bibel vom Hochaltar.
|212|Odo hatte den Eingang fast erreicht, als zwei Normannen ihm in den Weg traten. Er wandte sich den Angreifern zu und hielt die Bibel in die Höhe, als wollte er böse Geister abwehren. Ein wuchtiger Hieb mit einem schweren Schwert durchschlug das Buch, und die Klinge drang Odo tief in die Brust. Für einen Augenblick stand er verwundert da, als könnte er nicht begreifen, was geschehen war, die beiden Hälften der Bibel in den verkrampften Händen. Dann kippte er nach hinten und rührte sich nicht mehr.
Johanna zuckte vom Sichtschlitz zurück in die Dunkelheit des Altaraufsatzes. Um sie herum erklangen die Schreie der Sterbenden. In einer Ecke zusammengekauert, barg sie den Kopf in den Armen, während ihr rasender Herzschlag ihr in den Ohren dröhnte.
Die Schreie waren verstummt.
Johanna hörte die Zurufe der Normannen in ihrer kehligen Sprache. Dann erklang das laute Krachen von splitterndem Holz. Zuerst begriff Johanna nicht, was geschah; dann erkannte sie, daß die Normannen den Dom seiner Schätze beraubten. Die Männer lachten und grölten; sie waren in Hochstimmung.
Sie brauchten nicht lange, um den Dom zu plündern. Nach einer Weile hörte Johanna, wie sie davonzogen, ächzend und stöhnend unter der Last ihrer Beute, bis ihre Stimmen in der Ferne verebbten.
Stocksteif saß Johanna in der Finsternis des Altaraufsatzes und lauschte angestrengt. Alles war still. Langsam tastete sie sich zur lichterhellten Öffnung vor und streckte zögernd und vorsichtig den Kopf hindurch.
Der Dom lag in Trümmern. Bänke waren umgestürzt und Behänge von den Wänden gerissen; Statuen lagen zerbrochen auf dem Boden. Von den Normannen war nichts mehr zu sehen.
Schaudernd sah Johanna Berge von Leichen, von den Mördern achtlos aufeinandergeworfen. Nur ein paar Meter entfernt – am Fuße der Stufen, die hinauf zum Altar führten – lag Fulgentius mit ausgebreiteten Armen und Beinen neben dem großen Holzkreuz. Es war zersplittert, und der zerbrochene Querbalken war naß von Blut. Neben dem toten Fulgentius lagen die Leichen zweier Normannen; ihre Schädel waren eingeschlagen, |213|wie die zerschmetterten eisernen Helme erkennen ließen.
Vorsichtig schob Johanna sich vor, bis ihr Kopf und die Schultern aus dem Altaraufsatz ragten.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Kirchenschiffs bewegte sich irgend etwas. Johanna zuckte zurück, fort aus dem Licht.
Es sah aus, als würde ein Kleiderbündel sich bewegen. Dann löste es sich von dem Berg aus Erschlagenen.
Jemand hatte überlebt!
Eine junge Frau. Sie hatte Johanna den Rücken zugewandt. Für einen Moment stand sie schwankend da; dann taumelte sie zu den Ausgangstüren am Domportal.
Ihr goldenes Kleid war zerfetzt und blutig, und ihr Haar – von der Haube losgerissen – fiel ihr in rotbraunen Wogen bis über die Schultern.
Gisla!
Johanna rief ihren Namen, und Gisla drehte sich um, kam mit unsicheren Schritten zum Altaraufsatz.
Draußen vor dem Dom erklang plötzlich eine Lachsalve aus rauhen Männerkehlen.
Gisla hörte das Gelächter und wirbelte herum, wollte die Flucht ergreifen, doch es war zu spät. Eine Gruppe Normannen kam durch die Tür. Mit grölenden Jubelrufen stürzten die Männer sich auf Gisla, packten sie und hoben sie hoch über ihre Köpfe.
Sie trugen Gisla zu einem freien Bereich neben dem Altar, packten sie an Hand- und Fußgelenken, drückten sie auf den Boden und hielten ihre Arme und Beine gespreizt. Gisla wand sich verzweifelt, um sich zu befreien. Der größte der Männer zog ihr das Kleid bis übers Gesicht hoch, fetzte ihr die Unterkleidung vom Leibe und legte sich auf sie. Gisla schrie. Der Mann packte grob ihre Brüste. Die anderen lachten und feuerten ihn an, als er Gisla vergewaltigte.
Johanna schluchzte auf und schlug sich die Hand vor den Mund, um den Laut zu ersticken.
Der hochgewachsene Normanne ließ von Gisla ab und machte einem seiner Kumpane Platz. Gisla lag schlaff und regungslos da. Einer der Männer packte ihr Haar und zerrte daran, so daß sie vor Schmerz zusammenzuckte.
Dann machte ein dritter Mann sich über sie her, und ein |214|vierter; schließlich ließen sie Gisla achtlos liegen und gingen zu mehreren Jutesäcken hinüber, die neben der Eingangstür aufgestapelt waren. Es klingelte metallisch, als die Männer sich die Säcke über die Schultern warfen; offenbar waren sie mit weiteren Kostbarkeiten aus dem geplünderten Domschatz gefüllt.
Dieser Säcke wegen waren die Mörder zurückgekommen …
Bevor sie den Dom verließen, schlenderte einer zu Gisla hinüber, packte ihren noch immer schlaffen, widerstandslosen Körper und warf ihn sich wie einen Sack Getreide über die Schulter.
Dann gingen die Männer zur entfernten Tür hinaus.
Tief im Innern des Altaraufsatzes verborgen, hörte Johanna nur noch die schaurige, hallende Stille des Domes.
Das Licht, das durch die schmalen Ritzen in der vorderen Bretterwand des Altaraufsatzes fiel, warf lange Schatten. Seit Stunden hatte Johanna keinen Laut mehr vernommen. Schließlich bewegte sie sich und kroch vorsichtig durch die schmale Öffnung des Altaraufsatzes ins Freie.
Der Hochaltar stand noch immer, wenngleich die Goldverkleidungen heruntergerissen waren. Johanna lehnte sich an den Altar und starrte auf die Szenerie um sie herum. Ihr Hochzeitskleid war blutbespritzt. War es ihr eigenes Blut? Sie wußte es nicht. In ihrer aufgeschlitzten Wange pochte der Schmerz. Wie betäubt, mit schwankenden Schritten und suchendem Blick, ging sie zwischen den Erschlagenen umher.
In einem Berg aus Leichen in der Nähe des Domportals entdeckte sie den Hufschmied und seinen Sohn. Sie hielten einander umschlungen, als wollte der eine den anderen beschützen. Das Gesicht des Jungen sah in der kalten, unbewegten Blässe des Todes alt und eingefallen aus. Erst wenige Stunden zuvor hatte er neben Johanna im Dom gestanden, hochgewachsen und rotwangig, voller Leben und jugendlicher Kraft. Jetzt wird es keine Hochzeit mehr geben, ging es Johanna durch den Kopf. Gestern noch hätte dieser Gedanke sie mit tiefer Freude und Erleichterung erfüllt; nun aber empfand sie nur betäubende Leere. Sie ließ den Jungen bei seinem Vater und setzte ihre Suche fort.
Sie fand Johannes in einer Ecke des Kirchenschiffes. Seine Hand hielt noch immer den Griff des Normannenschwerts |215|umklammert. Ein fürchterlicher Schlag hatte seinen Hinterkopf zertrümmert, doch auf seinem Gesicht hatte dieser gewaltsame Tod keine Spuren hinterlassen. Seine blauen Augen waren geöffnet und blickten klar und friedlich, und auf seinen Lippen schien der Hauch eines Lächelns zu liegen.
Er war den Soldatentod gestorben.
Taumelnd rannte Johanna zur Tür und stieß sie auf. Das Türblatt schwang schief und knarrend nach außen; die Angeln waren von den Äxten der Normannen zerschmettert worden. Sie stürmte ins Freie und blieb keuchend stehen, atmete die duftende, frische Luft in tiefen Zügen, füllte ihre Lungen damit und reinigte ihr Innerstes von dem Gestank nach Blut und Tod.
Die Landschaft war seltsam leblos. Kräuselnd und träge stieg schwarzer Rauch zum Himmel auf – von Schutthaufen, die heute morgen noch Häuser, Scheunen und Ställe gewesen waren, die um den Dom herum gestanden hatten.
Dorstadt lag in Trümmern.
Nichts rührte sich. Niemand hatte überlebt. Sämtliche Stadtbewohner hatten sich des Feiertages und der Hochzeit wegen im Dom versammelt, um die Messe zu hören.
Johanna blickte nach Osten. Über den Bäumen, die ihr die Sicht versperrten, stiegen dunkle Rauchpilze empor und verdüsterten den Himmel.
Villaris.
Die Normannen hatten es niedergebrannt.
Johanna setzte sich auf den Erdboden und barg das Gesicht in den Händen, ohne auf den Schmerz an ihrer aufgeschlitzten Wange zu achten.
Gerold.
Sie brauchte ihn so sehr. Er mußte sie in den Armen halten, ihr Trost zusprechen, die Welt wieder erkennbar machen. Als Johanna mit tränennassen Augen den Horizont absuchte, rechnete sie beinahe damit, Gerold plötzlich erscheinen zu sehen, wie er auf Pistis herangeritten kam, wobei sein langes rotes Haar wie ein Banner im Wind flatterte.
Ich muß auf ihn warten. Falls er heimkommt und mich nicht findet, wird er davon ausgehen, daß die Normannen mich mitgenommen haben, so, wie die arme Gisla.
Aber hier kann ich nicht bleiben. Ängstlich ließ sie den Blick über die Ruinen und die zerstörte Landschaft schweifen. Von |216|den Normannen war nichts zu sehen. Waren sie verschwunden? Oder würden sie zurückkehren und nach weiteren Möglichkeiten für Plünderungen Ausschau halten?
Und wenn sie mich dann finden?
Sie hatte erlebt, daß eine schutzlose Frau keine Gnade von ihnen erwarten durfte.
Wo konnte sie sich verstecken? Johanna ging zu den Bäumen hinüber, die den Rand des Waldes markierten, der die Stadt umgab. Zuerst ging sie langsam; dann rannte sie. Ihr Atem ging in schluchzenden Stößen; bei jedem Schritt rechnete sie damit, von hinten gepackt und grob herumgedreht zu werden, um in die grauenhafte, metallene Maske eines Normannen zu blicken. Als Johanna in den Schutz der Bäume gelangte, warf sie sich zu Boden.
Eine lange Zeit war vergangen, als sie sich schließlich dazu zwang, sich aufzusetzen. Die Dunkelheit rückte näher. Der Wald um sie herum war bereits düster und bedrohlich. Sie hörte das Rascheln von Blättern in der Nähe und zuckte vor Angst zusammen.
Vielleicht waren die Normannen gar nicht weit von hier; möglicherweise hatten sie irgendwo in diesen Wäldern ihr Lager aufgeschlagen.
Sie mußte versuchen, aus Dorstadt zu entkommen und Gerold irgendwie eine Nachricht zukommen zu lassen, wohin sie sich geflüchtet hatte.
Aber wohin soll ich gehen?
Mama. Johanna sehnte sich nach ihrer Mutter; aber nach Hause konnte sie nicht. Ihr Vater hatte ihr nicht verziehen. Falls sie jetzt nach Ingelheim zurückkehrte und dem Vater die Nachricht vom Tod seines letzten verbliebenen Sohnes brachte, würde er Rache an ihr üben, seine Wut an ihr auslassen. Das stand fest.
Wenn ich doch bloß kein Mädchen wäre. Wenn ich doch bloß …
Sie würde sich für den Rest ihres Lebens an diesen Augenblick erinnern und sich fragen, welche Macht des Guten oder Bösen ihre Gedanken geleitet hatte. Aber jetzt war nicht die Zeit, darüber nachzugrübeln. Es war eine Chance. Vielleicht gab es keine weitere mehr.
Die blutrote Sonne stand schon tief über dem Horizont. Sie mußte rasch handeln.
|217|Johanna fand ihren Bruder noch so vor, wie sie ihn verlassen hatte – im Innern des Domes, regungslos im Dämmerlicht. Sein Körper war schlaff und widerstandslos, als sie ihn auf die Seite drehte. Die Leichenstarre hatte noch nicht eingesetzt.
»Verzeih mir«, flüsterte sie, als sie Johannes’ Umhang öffnete.
Als sie fertig war, bedeckte sie den Leichnam des Bruders mit ihrem verschmutzten, zerrissenen Hochzeitskleid. Dann drückte sie ihm sanft die Augen zu, bettete ihn gerade auf den Rücken und legte ihm die gefalteten Hände auf die Brust. Schließlich erhob sie sich und bewegte die Arme in alle Richtungen, um sich an das Gewicht und das Gefühl der neuen Kleidung zu gewöhnen. Sie war gar nicht so anders als die ihre, stellte Johanna fest; nur an den Handgelenken war sie ein bißchen enger. Sie betastete das Messer mit dem Hirschhorngriff, das sie unter Johannes’ Gürtel hervorgezogen hatte.
Vaters Messer. Es war alt; der einst weiße Griff war angedunkelt und gesplittert, doch die Klinge war scharf.
Johanna ging zum Altar. Dort band sie ihre Haube los, schüttelte ihr weißgoldenes Haar aus und senkte den Kopf, daß es sich über die glatte, steinerne Oberfläche des Altars ergoß. Im Dämmerlicht sah das Haar fast weiß aus.
Johanna hob das Messer.
Langsam, sorgfältig begann sie zu schneiden.
Bei Einbruch der Dunkelheit trat die Gestalt eines jungen Mannes aus der Tür des verwüsteten Domes und ließ den Blick aus scharfen, graugrünen Augen über die Landschaft schweifen. Am Himmel, an dem bereits die ersten Sterne funkelten, ging der Mond auf.
Hinter den Trümmern der Häuser schimmerte die östliche Straße wie poliertes Silber in der zunehmenden Dunkelheit.
Verstohlen glitt die Gestalt aus dem Schatten des Domes. Keine lebende Seele beobachtete, wie Johanna die Straße hinuntereilte, in Richtung des großen Klosters zu Fulda.