Der Versammlungssaal war überfüllt, und es herrschte ein solcher Lärm, daß man sein eigenes Wort kaum verstehen konnte. Aus der ganzen Umgegend des kleinen westfälischen Dorfes waren die Versammelten angereist, manche über viele Meilen hinweg, um den mallus mitzuerleben. Die Leute standen Schulter an Schulter, schubsten und rempelten einander und scharrten dabei das frische Schilf zur Seite, das auf dem hartgestampften Lehmboden verstreut worden war, wobei die im Laufe vieler Jahre mit Bier, Fett, Spucke und tierischen Exkrementen getränkte Erde wieder zum Vorschein kam, die sich darunter befand, so daß die ranzigen, übelkeiterregenden Ausdünstungen in die heiße, feuchte Luft im Versammlungssaal stiegen. Doch niemand schenkte dem Gestank viel Beachtung; in fränkischen Wohn- und Versammlungsgebäuden war man derartiges gewöhnt. Außerdem war die Aufmerksamkeit der Menge auf den großen, rothaarigen friesischen Markgrafen gerichtet, der als missus gekommen war, um Gericht zu halten und im Namen des Kaisers seine Urteile zu fällen.
Gerold wandte sich an Frambert, einen der sieben scabini, die ihm für diese Aufgabe zugeteilt worden waren. »Wie viele sind es heute noch?« fragte er. Der mallus hatte im Morgengrauen begonnen; jetzt war es früher Nachmittag. Seit acht Stunden saßen sie nun schon bei den Streitfällen zu Gericht. Hinter dem hohen Tisch, an dem Gerold saß, wachten seine Gefolgsleute aufmerksam über ihre Schwerter. Er hatte zwanzig seiner besten Männer mitgebracht – für alle Fälle. Seit dem Tod Kaiser Karls befand das Reich sich in einem Zustand wachsender innerer Unordnung, und es wurde immer gefährlicher, das Amt eines kaiserlichen missus auszuüben. Mitunter begegneten die reichen und mächtigen Adeligen – Männer, die es nicht gewöhnt waren, daß man in ihrem Herrschaftsbereich |219|ihre Autorität in Frage stellte – den missi mit unverhohlener Feindseligkeit. Doch die besten Gesetze waren nichts wert, wenn man sie nicht durchsetzen konnte; aus diesem Grunde hatte Gerold so viele Männer mit auf die Reise genommen – obwohl dies bedeutete, daß er Villaris mit nur einer Handvoll Verteidigern hatte zurücklassen müssen. Doch die festen hölzernen Palisaden des Anwesens waren ein ausreichender Schutz gegen die umherstreifenden Diebesbanden und Briganten, die in Gerolds Grafschaft seit vielen Jahren die einzige nennenswerte Bedrohung für den Frieden und die Sicherheit dargestellt hatten.
Frambert warf einen prüfenden Blick auf die Liste der Kläger, deren Namen auf mehreren Streifen Pergament von je zwanzig Zentimeter Breite geschrieben standen; die einzelnen Streifen waren an den oberen und unteren Rändern zusammengenäht und bildeten eine Rolle von insgesamt etwa fünfzehn Meter Länge.
»Heute sind es noch drei, Herr«, beantwortete Frambert Gerolds Frage.
Gerold seufzte schwer. Er war müde und hungrig, und ihm ging die Geduld aus, sich mit dem schier endlosen Strom unbedeutender Beschuldigungen, Gegenklagen und Beschwerden zu beschäftigen. Er wünschte, er wäre wieder auf Villaris, bei Johanna.
Johanna. Wie sehr er sie vermißte. Ihre rauchige Stimme, ihr tiefes, melodisches Lachen, ihre faszinierenden graugrünen Augen, die ihn mit so viel Wissen und so viel Liebe betrachteten. Aber er durfte nicht an sie denken. Deshalb hatte er sich ja einverstanden erklärt, das Amt eines missus zu übernehmen – um räumliche Entfernung zwischen sich und Johanna zu schaffen und Zeit zu bekommen, die Kontrolle über die Kraft der Gefühle wiederzuerlangen, die sich in seinem Innern gebildet hatten – eine Kraft, die zum Schluß unbeherrschbar geworden war.
»Ruft den nächsten Fall auf, Frambert«, befahl Gerold und sperrte die abschweifenden, störenden Gedanken aus.
Frambert hob die Pergamentrolle und las, um das Gemurmel der Menge zu übertönen, mit lauter Stimme:
»Abo klagt seinen Nachbarn Hunald an, dieser habe ihm widerrechtlich und ohne angemessene Entschädigung sein Vieh weggenommen.«
|220|Gerold nickte wissend. Eine derartige Sachlage war ihm nur allzu geläufig. In diesen Zeiten, da die wenigsten Menschen des Lesens und Schreibens kundig waren, gab es kaum einen Haus- und Grundbesitzer, der über sein Land und sein Vieh Buch führen konnte. Und da es solche Unterlagen nicht gab, war allen Arten von Diebstahl und Betrug Tür und Tor geöffnet.
Hunald – ein großer Mann mit rotem, frischem Gesicht, der sich protzig in scharlachrotes Leinen gekleidet hatte – trat vor, um Abos Anklage zurückzuweisen.
»Das Vieh gehört mir. – Bring die Reliquie her!« befahl er einem seiner Knechte und zeigte auf eine kleine Truhe. Dramatisch stellte er sich damit in Pose und deklamierte: »Ich bin unschuldig! Das schwöre ich vor Gott und auf diese heiligen Knochen!«
»Knochen hin, Knochen her – es sind meine Kühe, Markgraf Gerold, und das weiß Hunald ganz genau«, widersprach Abo, ein kleiner Mann in schlichter Kleidung, die in krassem Kontrast zu der seines Widersachers stand – wie auch sein ruhiges und sachliches Auftreten. »Hunald mag schwören, was er will; an der Wahrheit wird es nichts ändern.«
»Du wagst es, Gottes Urteil in Frage zu stellen, Abo?« ereiferte sich Hunald. In seiner Stimme lag ein wohl abgewogenes Maß an frommer Entrüstung, doch Gerold entging nicht der leise Beiklang von Triumph. »Ihr habt es gehört, edler Herr Graf! Das ist Gotteslästerung!«
»Habt Ihr irgendeinen Beweis, daß das Vieh Euch gehört?« fragte Gerold, an Abo gewandt.
Diese Frage war höchst ungewöhnlich; im Frankenreich gab es kein Gesetz, bei dem man sich auf Zeugen oder Beweise stützen konnte. Hunald starrte Gerold düster an. Was hatte dieser fremde friesische Markgraf eigentlich im Sinn?
»Beweis?« Die Frage war so unerwartet gekommen, daß Abo für einen Moment nachdenken mußte. »Tja, nun … Bertha – das ist mein Weib, müßt Ihr wissen … kann jedes der Tiere beim Namen nennen. Und meine vier Kinder können’s auch; sie kennen die Kühe ihr Leben lang. Sie können sogar sagen, welche Tiere zornig werden, wenn sie gemolken werden, und welche lieber Klee statt Gras fressen.« Er hielt kurz inne; dann fiel ihm noch etwas ein. »Bringt mich zu den Tieren; dann werde ich sie rufen. Sie kommen sofort herbei, Ihr werdet |221|schon sehen; denn sie kennen den Klang meiner Stimme und die Berührung meiner Hand.« In Abos Augen leuchtete ein winziger Funke Hoffnung.
»Unsinn!« polterte Hunald. »Soll dieses Gericht das gedankenlose, unbedachte Tun stumpfsinniger Viecher vor den Augen des Allmächtigen und den heiligen Gesetzen des Himmels als Beweis gelten lassen? Ich verlange ein gerechtes Urteil durch den Eid vor dem Allmächtigen. – Bring mir die Truhe mit den heiligen Gebeinen, auf daß ich schwören kann! Möge Gott mich auf der Stelle erschlagen, wenn ich lüge!«
Gerold strich sich über den Bart und dachte nach. Hunald war der Beklagte; ihm stand das Recht zu, den Eid zu fordern. Gott würde ihm nicht gestatten, mit einer heiligen Reliquie in den Händen einen falschen Schwur abzulegen. Jedenfalls besagte es so das Gesetz.
Der Kaiser maß solchen Schwüren großen Wert bei; Gerold aber hatte da seine Zweifel. Ganz bestimmt gab es Menschen, denen die handfesten Reichtümer dieser Welt wichtiger waren als die gestaltlosen, stofflosen und unbestimmten Schrecken des Jenseits; Menschen, die nicht zögern würden, eine Lüge als Wahrheit zu beeiden. Wenn ich’s recht bedenke, würde auch ich es tun, dachte Gerold, falls der Preis hoch genug ist. Wenn es zum Beispiel darum ginge, die Menschen zu schützen, die er liebte, würde Gerold auf eine ganze Wagenladung Reliquien schwören, daß eine Lüge der Wahrheit entsprach.
Johanna. Wieder entstand ihr Bild vor seinem geistigen Auge, und er mußte alle Willenskraft aufbieten, um es zu verdrängen. Wenn die Arbeit dieses Tages getan war, hatte er genug Zeit für private Gedanken.
»Edler Herr«, sagte Frambert Gerold leise ins Ohr, »ich kann mich für Hunald verbürgen. Er ist ein braver Mann, ein großzügiger Mann, und die Klage, die gegen ihn erhoben wird, ist falsch.«
Unter der Tischplatte, wo niemand in der Menge es sehen konnte, befingerte Frambert einen prächtigen Ring: ein wunderschöner Amethyst, in Silber gefaßt. Frambert drehte den Ring so auffällig unauffällig um den Mittelfinger, daß Gerold ihn im Sonnenlicht funkeln sah.
»O ja, er ist ein sehr großzügiger Mann.« Frambert streifte den Ring vom Finger. »Hunald hat mich gebeten, Euch auszurichten, daß dieser Ring Euch gehört. Als kleine Geste der |222|Dankbarkeit für Eure Unterstützung.« Ein kaum merkliches, zögerndes Lächeln umspielte Framberts Mundwinkel.
Gerold nahm den Ring. Es war eine herrliche Arbeit – die schönste, die er je gesehen hatte. Er betastete den Stein, die glatte Oberfläche des Silbers; er staunte über das Gewicht und bewunderte die Kunstfertigkeit des Goldschmieds. »Danke, Frambert«, sagte er mit Nachdruck. »Das wird mir die Urteilsfindung erleichtern.«
Aus Framberts Lächeln wurde ein breites, verschwörerisches Grinsen.
Gerold wandte sich an Hunald. »Ihr wollt Euch dem Urteil Gottes unterwerfen?«
»O ja, Herr«, erwiderte Hunald voller Zuversicht; denn er hatte den Austausch des Ringes zwischen Frambert und Gerold beobachtet. Der Knecht mit den Reliquienkästchen trat vor, doch Gerold winkte ihn zurück und erklärte:
»Dann werden wir Gottes Urteil durch das judicium aquae ferventis ermitteln.«
Hunald und Abo blickten fragend drein; wie alle anderen im Versammlungssaal waren auch sie der lateinischen Sprache nicht mächtig.
»Kesselfang«, übersetzte Gerold.
»Kesselfang?« Hunald erbleichte. Daran hätte er im Traum nicht gedacht. Eine Leidensprobe durch kochendes Wasser war eine wohlbekannte Methode zur Wahrheitsfindung; doch in diesem Teil des Kaiserreiches war sie seit Jahren nicht mehr angewendet worden.
»Bringt den Topf«, befahl Gerold.
Für einen Augenblick herrschte verdutztes Schweigen; dann erhob sich chaotisches Stimmengewirr im Versammlungssaal, und hektische Aktivität brach aus. Mehrere scabini stürmten nach draußen, um in den Häusern in der Nähe nach Töpfen zu suchen, in denen dann Wasser aufgekocht wurde. Einige Minuten darauf kamen die Männer mit einem großen, gußeisernen Kessel zurück, der ungefähr hüfthoch war und in dem sich bereits brühheißes Wasser befand. Der Kessel wurde auf den Herd in der Mitte des Versammlungssaales gestellt; das Feuer hatte man bereits entfacht, und das Wasser sprudelte und dampfte.
Gerold nickte zufrieden. Angesichts Hunalds Talent zur Bestechung, hätte es allerdings auch ein kleinerer Topf getan.
Hunald machte ein düsteres Gesicht. »Ich protestiere, Graf |223|Gerold!« Zorn und Angst hatten ihn offenbar gleichgültig gemacht, was Frömmigkeit betraf; denn er fügte hinzu: »Was ist mit dem Ring, verdammt noch mal?«
»Genau daran habe ich gedacht, Hunald.« Gerold hielt den Ring in die Höhe, daß alle ihn sehen konnten; dann warf er ihn in den großen Kessel. »Auf Vorschlag des Beklagten soll dieser Ring das Instrument sein, das uns Gottes Urteilsspruch kundtut.«
Hunald schluckte schwer. Der Ring war klein und glatt; es würde höllisch schwer sein, ihn schnell genug aus dem kochenden Wasser zu nehmen, ohne sich schlimme Verbrühungen zuzuziehen. Doch Hunald konnte dieser Wahrheitsprobe nun nicht mehr entgehen, ohne seine Schuld zu gestehen und Abo seine Kühe zurückzugeben – und die waren mehr als siebzig solidi wert.
Hunald verfluchte den fremden Markgrafen, der auf so unerklärliche Weise immun gegen den Austausch kleiner Gefälligkeiten war, was Hunalds bisherige Erfahrungen mit den kaiserlichen missi vollkommen über den Haufen warf. Dann nahm er einen tiefen Atemzug und steckte den Arm ins Wasser.
Sein Gesicht verzerrte sich vor Schmerz, als das kochende Wasser ihm die Haut verbrühte. Mit hektischen Bewegungen suchte er auf der Jagd nach dem Ring den Boden des Kessels ab. Ein wütendes Heulen entstieg seiner Kehle, als der Ring ihm durch die Hand glitt. Seine schmerzgepeinigten Finger zuckten, tasteten, fuhren wild umher und – Deo Gratias! – schlossen sich um den Ring. Hunald zog den Arm aus dem Wasser und hielt das Schmuckstück in die Höhe.
»Aaaaah.« Ein Stöhnen durchlief die Zuschauermenge, als sie Hunalds Arm sah. Jetzt schon bildeten sich Blasen und Brandwunden auf der glutroten Haut.
»Vierzehn Tage«, verkündete Gerold, »sollen der Zeitraum für das Urteil Gottes sein.«
In der Menge gab es Bewegung, doch kein Laut des Widerspruchs erhob sich. Jeder hatte den Urteilsspruch begriffen: Falls die Wunden an Hunalds Hand und Arm binnen zweier Wochen verheilten, war seine Unschuld bewiesen, und das Vieh gehörte ihm. Falls keine Heilung eintrat, hatte er sich des Diebstahls schuldig gemacht, und das Vieh wurde seinem rechtmäßigen Besitzer Abo zurückgegeben.
Was Gerold betraf, bezweifelte er, daß die Wunden in so |224|kurzer Zeit heilten. Aber genau das war seine Absicht gewesen; denn für ihn stand so gut wie fest, daß Hunald sich des Verbrechens schuldig gemacht hatte. Und falls Hunalds Wunden tatsächlich in dem eingeräumten Zeitraum verheilen sollten – nun ja, dann würde die Leidensprobe dafür sorgen, daß er es sich in Zukunft zweimal überlegte, bevor er seinem Nachbarn das Vieh stahl. Es war eine unzuverlässige und grobe Form der Rechtsprechung; aber mehr gaben die Gesetze nun einmal nicht her, und es war immer noch besser als gar nichts. Lex dura, sed lex. Die kaiserlichen Statuten waren die einzigen Säulen, die in diesen Zeiten innerer Unordnung einen Rest von Rechtsstaatlichkeit trugen; fielen auch sie, mochte Gott allein wissen, welche Stürme über das Land jagten und die Schwachen und Mächtigen gleichermaßen hinwegfegten.
»Rufe den nächsten Fall auf, Frambert.«
»Aelfric beschuldigt Fulrad, ihm nicht das rechtmäßig zustehende Blutgeld zu bezahlen.«
Dieser Fall schien ziemlich eindeutig zu sein. Fulrads Sohn Tenbert, ein Junge von sechzehn Jahren, hatte ein junges Mädchen ermordet, eine von Aelfrics colonae. Das Verbrechen als solches stand nicht zur Verhandlung, nur die Höhe des Blutgeldes. Die Gesetze, das wergeld betreffend, waren für jeden Bürger des kaiserlichen Reiches genau festgelegt und hingen von dessen Stand, von den Eigentumsverhältnissen, dem Alter und dem Geschlecht ab.
»Es war ihre eigene Schuld«, sagte Tenbert, ein großer, schlaksiger junger Bursche mit fleckiger Haut und einem mürrischen Gesichtsausdruck. »Und sie war bloß eine colona. Sie hätte sich nicht so wild gegen mich wehren sollen.«
»Er hat sie vergewaltigt«, erklärte Aelfric. »Er lief ihr zufällig über den Weg, als sie auf meinem Weinberg bei der Traubenlese war, und fand Gefallen an ihr. Sie war erst zwölf Winter jung; ein hübsches kleines Ding – aber immer noch ein Kind, wirklich; sie wußte nicht, um was es dem Burschen ging. Sie glaubte, er wollte ihr mit dem Messer oder sonst etwas ein Leid antun. Als sie sich ihm nicht freiwillig hingab, da hat er sie bewußtlos geschlagen.« Lautes, anhaltendes Gemurmel erhob sich in der Menge, und Aelfric hielt inne, um diese Reaktion auf Gerold einwirken zu lassen. »Sie starb tags darauf«, fuhr er schließlich fort, »blutig und zerschunden. Bis zuletzt rief sie nach ihrer Mutter.«
|225|»Du hast keinen Grund, dich zu beklagen!« meldete sich Fulrad, Tenberts Vater, hitzig zu Wort. »Habe ich dir das wergeld nicht in der Woche darauf bezahlt? Fünfzig goldene solidi! Eine großzügige Summe! Dabei war das Mädchen nichts weiter als eine deiner hörigen Landarbeiterinnen!«
»Aber das Mädchen ist tot! Sie kann sich nicht mehr um meine Trauben kümmern. Und ihre Mutter, eine meiner besten Weberinnen, hat vor Kummer den Verstand verloren und ist zu nichts mehr zu gebrauchen. Ich fordere ein angemessenes wergeld – hundert goldene solidi.«
»Das ist eine Unverschämtheit!« Bittend wandte Fulrad sich Gerold zu, die Arme weit ausgebreitet. »Edler Herr! Von dem Geld, das wir Aelfric bezahlt haben, kann er sich zwanzig gute Milchkühe kaufen! Und die sind – wie jedermann weiß – viel mehr wert als ein erbärmliches Mädchen, dessen Mutter und ihr Webstock zusammen!«
Gerolds Gesicht war düster. Dieser Kuhhandel um das Blutgeld war abstoßend. Das Mädchen war ungefähr im gleichen Alter gewesen wie Gerolds Tochter Dhuoda. Schon der bloße Gedanke, daß dieser schäbige, unsympathische junge Kerl sie beschlief, war grotesk. Andererseits waren solche Dinge gang und gäbe – jede colona, die das Alter von vierzehn Jahren als Jungfrau erreichte, war ein Glückskind, oder häßlich oder beides. Gerold war nicht naiv; er kannte den Lauf der Dinge. Aber das hieß noch längst nicht, daß er ihn gutheißen mußte.
Ein großer, ledergebundener Codex, auf dessen Einband das kaiserliche Siegel in Gold geprägt war, lag vor Gerold auf dem Tisch. In diesem Folianten waren die uralten Gesetze des Kaiserreichs verzeichnet, die Pactus Legis Salicae ebenso wie die Lex Salica Carolina; letztere umfaßten die Änderungen und Zusätze des Gesetzbuches durch Kaiser Karl den Großen. Gerold kannte das Gesetz und brauchte das Buch nicht. Dennoch nahm er es, schlug es mit großer Geste auf und tat so, als würde er darin lesen; diese symbolische Handlung würde ihre Wirkung auf die prozeßführenden Parteien nicht verfehlen, zumal das Urteil, das Gerold fällen wollte, all seine Autorität erfordern würde.
»Der salische Codex besagt klar und deutlich, wie in einem solchen Fall zu verfahren ist«, erklärte er schließlich. »Einhundert solidi sind das angemessene wergeld für eine colona.«
Fulrad fluchte laut. Aelfric grinste.
|226|»Das Mädchen war zwölf Jahre alt«, fuhr Gerold fort, »und hatte somit das gebärfähige Alter erreicht. Dem Gesetz entsprechend, muß das Blutgeld aus diesem Grunde auf dreihundert solidi in Gold erhöht werden.«
»Was?« rief Fulrad. »Hat das ehrenwerte Gericht den Verstand verloren?«
»Diese Summe«, fuhr Gerold unbeirrt fort, »soll wie folgt entrichtet werden: Zweihundert solidi gehen an Aelfric, und einhundert solidi an die Familie des Mädchens.«
Jetzt war es Aelfric, der zornig reagierte. »Hundert goldene solidi an ihre Familie?« sagte er fassungslos. »An coloni? Ich bin der Herr über den Grund und Boden und über alles Vieh und alle Menschen darauf. Von Rechts wegen gehört das wergeld für das Mädchen also mir!«
»Wollt Ihr mich ruinieren?« meldete sich nun wieder Fulrad zu Wort, der zu sehr in die eigenen Probleme vertieft war, als daß er sich am Zorn seines Widersachers hätte erfreuen können. »Dreihundert solidi in Gold sind fast schon das Blutgeld für einen Krieger! Oder einen Priester!« Angriffslustig ging er auf den Tisch zu, an dem Gerold saß. »Vielleicht sogar«, die Drohung in seiner Stimme war nicht zu überhören, »für einen Markgrafen?«
Ein kurzer Aufschrei des Entsetzens gellte durch den Versammlungssaal, als sich ein Dutzend von Fulrads Gefolgsleuten nach vorn drängten. Sie waren mit Schwertern bewaffnet, und sie sahen wie Männer aus, die mit diesen Waffen auch umgehen konnten.
Gerolds Leute rückten nun ebenfalls vor, die Hände an den halb gezogenen Schwertern, um sich zum Kampf zu stellen. Doch mit einer Handbewegung gebot Gerold ihnen, stehenzubleiben, und sprang auf.
»Im Namen des Kaisers«, rief er mit lauter Stimme, so stählern wie eine Schwertklinge, »ist das Urteil in dieser Sache gesprochen und rechtskräftig!« Der Blick aus seinen tiefblauen Augen war so stechend, daß Fulrad den Kopf senkte.
»Rufe den nächsten Fall auf, Frambert«, sagte Gerold.
Frambert gab keine Antwort. Er war vom Stuhl geglitten und hatte sich unter dem Tisch versteckt.
Mehrere Sekunden verstrichen in angespanntem Schweigen. Die Menge verharrte in atemloser Stille.
Gerold nahm wieder auf dem Stuhl Platz. Er machte einen |227|selbstsicheren, gelassenen Eindruck, doch seine rechte Hand schwebte nervös über dem Schwertgriff – so dicht, daß seine Fingerspitzen den kalten Stahl berührten.
Plötzlich, mit einem gemurmelten Fluch, machte Fulrad auf dem Absatz kehrt. Er packte Tenbert grob beim Arm und zerrte ihn zur Tür. Fulrads Männer folgten ihrem Herrn, und die Menge wich vor ihnen auseinander. Als sie zur Tür hinaus waren, hämmerte Fulrad dem Jungen mit aller Kraft die Faust an den Kopf. Tenberts Schmerzensschrei hallte durch den Versammlungssaal. Die Spannung löste sich, und die Menge brach in rauhes Gelächter aus.
Gerold lächelte düster. Falls er sich nicht sehr in Fulbert irrte, würde der seinem Sohn eine fürchterliche Tracht Prügel verabreichen. Vielleicht war es dem Burschen eine Lehre, vielleicht aber auch nicht. Doch wie es auch sein mochte – dem getöteten Mädchen würde es nichts mehr nützen. Aber ihre Familie würde einen Teil des wergelds bekommen, und mit diesem Geld konnten diese halbfreien coloni sich die Freiheit erkaufen und für sich, ihre verbliebenen Kinder und ihre Kindeskinder ein besseres Leben aufbauen.
Gerold gab seinen Männern ein Zeichen, und sie schoben ihre Schwerter zurück in die Scheiden und nahmen wieder hinter dem Richtertisch Aufstellung.
Frambert kroch unter dem Tisch hervor und setzte sich mit leicht angeknackster Würde auf seinen alten Platz. Sein Gesicht war blaß, und seine Stimme schwankte, als er den letzten Fall zur Verhandlung rief. »Ermoin der Müller und seine Frau klagen gegen ihre Tochter, sie habe vorsätzlich, wissentlich und gegen den ausdrücklichen Befehl der Eltern einen Sklaven zum Ehemann genommen.«
Wieder teilte sich die Menge, um ein älteres Paar durchzulassen. Beide waren grauhaarig, in feinstes Leinen gekleidet, würdevoll und vornehm – äußere Zeichen für Ermoins Erfolg in seinem Beruf. Ihnen folgte ein junger Mann, in die abgetragene, schmutzige Tunika eines Sklaven gekleidet; zum Schluß kam eine junge Frau nach vorn, schüchtern und mit züchtig gesenktem Kopf.
»Edler Herr.« Ermoin, der Vater des Mädchens, wandte sich sofort an Gerold, ohne einen entsprechenden Aufruf abzuwarten. »Vor Euch steht unsere Tochter Hildegard, die Freude unserer alternden Herzen, das einzige von unseren acht Kindern, |228|das überlebt hat. Wir haben sie anständig und rücksichtsvoll erzogen, Markgraf Gerold – zu rücksichtsvoll, wie wir zu unserem Kummer erfahren mußten. Denn sie hat uns unsere liebevolle Zuneigung mit vorsätzlichem Ungehorsam und Undank vergolten.«
»Und welchen Urteilsspruch erwartet Ihr von diesem Gericht?« fragte Gerold.
»Liegt das nicht auf der Hand?« erwiderte Ermoin erstaunt. »Das Mädchen soll die Wahl treffen, was sonst? Die Spindel oder das Schwert. Unsere Tochter muß sich für eins von beiden entscheiden, wie das Gesetz es erlaubt.«
Gerolds Miene wurde ernst. In seiner Laufbahn als missus hatte er bei einem solchen Verfahren einmal den Vorsitz geführt, und er hatte weiß Gott nicht den Wunsch, ein zweites mitzuerleben.
»Wie Ihr vollkommen zutreffend bemerkt, erlaubt das Gesetz eine solche Vorgehensweise. Aber ich finde sie sehr hart. Insbesondere, wenn sie bei jemandem angewendet wird, der so liebevoll aufgezogen wurde, wie Ihr behauptet. Gibt es keine andere Möglichkeit?«
Ermoin wußte, worauf Gerold abzielte: Das sogenannte Manngeld konnte bezahlt werden, wodurch der junge Bursche aus der Sklaverei ausgekauft und zum Freien gemacht wurde.
»Nein, edler Herr.« Ermoin schüttelte heftig den Kopf.
»Also gut«, sagte Gerold resigniert. Offensichtlich führte kein Weg an der Probe vorbei. Die Eltern des Mädchens kannten das Gesetz und würden darauf beharren, diese widerliche Sache bis zu ihrem Abschluß durchzuführen.
»Schafft eine Spindel herbei«, befahl Gerold. »Warte, Hunric …« Er winkte einem seiner Männer. »Borg mir dein Schwert.« Er wollte seine eigene Waffe nicht benutzen. Die Klinge hatte noch nie das Fleisch eines Wehrlosen zerschnitten, und so sollte es auch bleiben, solange Gerold dieses Schwert trug.
Eine Zeitlang warteten sie. Die Menge tuschelte und murmelte erwartungsvoll. Schließlich wurde in einem Haus in der Nähe eine Spindel entdeckt.
Das Mädchen hob den Kopf, als die Spindel in den Versammlungssaal gebracht und mitsamt einem Schemel aufgestellt wurde. Der Vater redete mit scharfer Stimme auf das Mädchen ein, und es schlug rasch die Augen nieder. Doch in |229|diesem flüchtigen Moment hatte Gerold einen Blick auf ihr Gesicht werfen können. Es war wunderschön – große, karneolfarbene Augen; eine Haut wie Milch und Honig; dunkle Brauen und ein schön geschwungener Mund. Zum erstenmal konnte Gerold den Zorn ihrer Eltern verstehen: Ein so hübsches Mädchen hätte das Herz eines mächtigen Fürsten erobern und das Vermögen und Ansehen ihrer Familie mehren können.
Gerold legte eine Hand auf die Spindel; mit der anderen hob er das Schwert. »Falls Hildegard das Schwert wählt«, sagte er so laut, daß alle Versammelten es hören konnten, »dann wird ihr Gatte, der Sklave Romuald, durch dieses Schwert auf der Stelle den Tod finden. Wählt sie aber die Spindel, so wird sie selbst zur Sklavin.«
Es war eine schreckliche Wahl. Einmal hatte Gerold ein anderes Mädchen erlebt – nicht so hübsch, aber so jung wie Hildegard –, das die gleiche Entscheidung hatte treffen müssen. Sie hatte sich für das Schwert entschieden und zuschauen müssen, wie der Mann, den sie liebte, vor ihren Augen abgeschlachtet worden war. Aber was hätte sie tun können? Wer würde schon freiwillig die völlige Rechtlosigkeit wählen, die scheußliche Erniedrigung – nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Kinder, Kindeskinder und alle zukünftigen Generationen?
Das Mädchen stand schweigend und bewegungslos da. Sie war nur leicht zusammengezuckt, als Gerold das Verfahren erklärt hatte.
»Begreift Ihr die Bedeutung der Wahl, die Ihr nun treffen müßt?« fragte Gerold sie sanft.
»Sie begreift es, Markgraf Gerold.« Ermoins Hand krallte sich fester um den Arm seiner Tochter. »Sie weiß genau, was sie tut.«
Das glaubte Gerold ihm nur zu gern. Er war sicher, daß Ermoin und seine Frau das Mädchen durch die schrecklichsten Drohungen und Flüche, vielleicht sogar Prügel dazu gebracht hatten, sich für das Schwert zu entscheiden.
Die Wächter, die zu beiden Seiten des jungen Mannes standen, packten seine Arme, um jeden Fluchtversuch zu verhindern. Der junge Bursche bedachte die Männer mit einem verächtlichen Blick. Er hatte ein interessantes Gesicht – dichte, dunkle Brauen; kräftiges, schwarzes, gewelltes Haar; kluge |230|Augen; ein schön geformtes Kinn; hohe Wangenknochen und eine schmale, gerade Nase. In seinen Adern schien Römerblut zu fließen.
Er mochte ein Sklave sein; aber er hatte Mut. Gerold gab den Wächtern ein Zeichen, den Jungen loszulassen.
»Nun denn, mein Kind«, sagte er zu dem Mädchen. »Entscheide dich.«
Der Vater flüsterte Hildegard irgend etwas ins Ohr. Sie nickte, und er ließ ihren Arm los und stieß sie nach vorn.
Sie hob den Kopf und blickte den jungen Mann an. Aus ihren Augen sprach eine so tiefe Liebe, daß es Gerold den Atem raubte.
»Nein!« Der Vater versuchte, das Mädchen aufzuhalten, doch es war zu spät. Ohne den Blick von ihrem Mann zu nehmen, ging das Mädchen zur Spindel, setzte sich auf den Schemel und begann, die Spindel zu drehen.
Am folgenden Tag, auf dem Heimritt nach Villaris, dachte Gerold über die Gerichtssitzung nach. Das Mädchen hatte alles geopfert – ihre Familie, ihr Vermögen, sogar ihre Freiheit. Die Liebe, die Gerold in ihren Augen gesehen hatte, entfachte seine Phantasie und bewegte sein Inneres auf eine Art und Weise, die er nicht verstand. Er wußte nur eins – mit einer Gewißheit, die alle Zweifel verdrängte: Auch er wollte diese Reinheit und Kraft der Gefühle verspüren, die alles andere blaß und bedeutungslos erscheinen ließ. Noch war es nicht zu spät für ihn. Er war erst siebenundzwanzig – nicht mehr jung vielleicht, aber immer noch im besten Mannesalter.
Seine Frau Richild hatte er nie geliebt; ebensowenig wie sie ihn liebte. Sie beide hatten sich von Anfang an einander nichts vorgemacht. Sie hatten eine Zeitlang fleischliche Lust verspürt, doch Liebe war nie im Spiel gewesen. Wenn Richild vor der Wahl stünde – so, wie das Mädchen gestern –, würde sie nicht einmal einen ihrer juwelenbesetzten Kämme für ihn, Gerold, hergeben. Ihre Hochzeit war nichts anderes als das sorgsam ausgehandelte Geschäft zweier einflußreicher Familien gewesen, eine Ehe zwischen Geld und Macht. So war es nun mal üblich, und bis vor kurzem hatte zumindest Gerold auch nicht mehr verlangt. Als Richild nach Dhuodas Geburt erklärt hatte, keine Kinder mehr zu wollen, hatte er diesen Wunsch akzeptiert – ohne das Gefühl, irgend etwas Wertvolles unwiederbringlich |231|verloren zu haben. Es war für Gerold nicht schwierig gewesen, willige Gefährtinnen zu finden, mit denen er seine sexuelle Lust auch außerhalb des Ehebetts befriedigen konnte.
Jetzt aber hatte sich das alles verändert. Wegen Johanna. Er stellte sie sich vor: ihr dichtes, weißgoldenes Haar, das ihr Gesicht umrahmte; ihre klugen, wissenden graugrünen Augen, die ihr wahres Alter Lügen straften. Die Sehnsucht nach ihr, die noch stärker war als sein Begehren, ließ ihm das Herz in der Brust schmerzen. Einen Menschen wie Johanna hatte er nie zuvor gekannt. Ihr scharfer Verstand faszinierte ihn, und ihre Bereitschaft, Gedanken und Ideen in Frage zu stellen, die andere Menschen als selbstverständliche und unerschütterliche Wahrheiten betrachteten, erfüllte ihn beinahe mit Ehrfurcht. Mit Johanna konnte er reden wie mit niemandem sonst. Ihr konnte er alles anvertrauen, sogar sein Leben.
Es wäre ihm ein leichtes gewesen, sie zu seiner Geliebten zu machen – ihre letzte Begegnung am Flußufer hatte keine Zweifel daran gelassen. Untypischerweise hatte er seinem Verlangen nicht nachgegeben. Er wollte mehr als die bloße körperliche Vereinigung. Was dieses ›mehr‹ war, hatte er damals nicht gewußt.
Jetzt wußte er es.
Ich möchte, daß sie meine Frau wird.
Es würde schwierig sein – und zweifellos kostspielig –, sich von Richild zu trennen; aber das spielte keine Rolle für ihn.
Johanna soll meine Frau werden, wenn sie mich haben möchte.
Als Gerold diesen Entschluß erst einmal gefaßt hatte, überkam ihn ein Gefühl des Friedens. Er atmete tief durch, genoß die berauschenden, erregenden Düfte des frühsommerlichen Waldes und fühlte sich so glücklich und lebendig wie seit Jahren nicht mehr.
Sie waren Villaris schon sehr nahe. Eine dunkle Wolke hing tief und schwer in der Luft und verwehrte Gerold den Blick auf die Gebäude der Burganlage. Dort, wo Johanna war und auf ihn wartete … ungeduldig trieb er sein Pferd in einen leichten Galopp.
Plötzlich stieg ihm ein unangenehmer Geruch in die Nase.
Rauch.
Die Wolke, die über Villaris schwebte, war Rauch.
|232|Augenblicke später preschten Gerold und seine Begleiter in rücksichtslosem, wildem Galopp durch den Wald, achteten nicht auf die Zweige, die ihnen ins Gesicht peitschten und an Haar und Kleidung zerrten. Schließlich jagten ihre Pferde auf die Lichtung, und die Männer Rissen an den Zügeln und starrten fassungslos auf das Bild, das sich ihnen bot.
Villaris gab es nicht mehr.
Unter den träge wogenden Rauchschwaden waren geschwärzte Trümmerhaufen und Asche zu sehen. Mehr war von dem Heim nicht übrig, daß sie erst drei Wochen zuvor verlassen hatten.
»Johanna!« rief Gerold. »Dhuoda! Richild!« Hatten sie fliehen können, oder waren sie tot, irgendwo begraben unter den schwelenden Trümmerhaufen?
Gerolds Männer hatten sich bereits über das Gelände verteilt. Auf den Knien hockend, durchwühlten sie den Schutt und die Trümmer auf der Suche nach irgend etwas, das noch zu erkennen war – Kleiderfetzen, ein Schmuckstück, eine Kopfbedeckung. Einige Männer weinten hemmungslos, als sie die Trümmer durchwühlten, von der Angst erfüllt, jeden Augenblick das zu finden, nach dem sie suchten.
An einer Seite der verwüsteten Burganlage, unter einem Haufen geschwärzter Balken, erblickte Gerold plötzlich etwas, das ihm jede Hoffnung raubte.
Es war ein Fuß. Der Fuß eines Menschen.
Er rannte dorthin und zog die Balken zur Seite, zerrte am rauhen Holz, bis seine Hände bluteten, doch er bemerkte es gar nicht. Allmählich kam der Körper zum Vorschein, der von den Balken bedeckt gewesen war. Es war der Leichnam eines Mannes. Er war so schrecklich verbrannt, daß die Gesichtszüge kaum noch zu identifizieren waren. Doch an dem Amulett, das der Tote um den Hals trug, erkannte Gerold, daß es sich um Andulf handelte, einen der Wachtposten. In der rechten Hand hielt er ein Schwert. Gerold beugte sich nieder, um die Waffe an sich zu nehmen, doch die Hand des Toten hielt den Griff umklammert und hob sich mit. Die Hitze des Feuers hatte den Handgriff geschmolzen; Eisen, Knochen und verbranntes Fleisch waren zu einer festen Masse zusammengebacken.
Andulf war im Kampf gestorben. Aber gegen wen hatte er gekämpft? Oder gegen was? Gerold betrachtete die Landschaft |233|mit dem geschulten Auge des Soldaten. Nirgends war ein Anzeichen für ein Lager zu sehen, und die Angreifer hatten keine Waffen oder sonstiges Material zurückgelassen, das einen Rückschluß auf die Geschehnisse erlaubt hätte. Der umliegende Wald lag still und bewegungslos im klaren Licht des Frühsommernachmittags.
»Herr!« Gerolds Männer hatten die Leichen zweier weiterer Wachtposten entdeckt. Wie Andulf, waren auch sie im Kampf gefallen und hielten die Waffen noch in den Händen. Die Entdeckung der Leichen entfachte den Eifer der Männer aufs neue, die Suche fortzusetzen, doch sie blieb ergebnislos. Kein weiterer Leichnam wurde gefunden, kein Hinweis auf den Verbleib der anderen Bewohner entdeckt.
Wo sind sie alle? Gerold und seine Männer hatten fast fünfzig Personen auf Villaris zurückgelassen – sie alle konnten nicht völlig spurlos verschwunden sein.
Gerold schlug das Herz bis zum Hals, als plötzlich neue Hoffnung in ihm aufkeimte. Vielleicht lebte Johanna noch. Sie mußte noch leben. Vielleicht war sie irgendwo in der Nähe, hatte sich im Wald versteckt … oder sie war in die Stadt geflohen, zusammen mit den anderen!
Gerold schwang sich mit einem Satz auf Pistis’ Rücken und rief seine Männer zusammen. Im Galopp ritten sie in die Stadt und verlangsamten das Tempo erst, als sie auf die leeren, verlassenen Straßen gelangten.
Gerold und seine Männer verteilten sich und erkundeten die stillen Häuser der Stadt, die wie ausgestorben wirkte. Gerold selbst ritt mit Worak und Amalwin zum Dom. Die schweren Eichentüren standen offen und hingen schief in den zerbrochenen Angeln. Wachsam stiegen die Männer von den Pferden und näherten sich dem Domportal, die Schwerter in den Fäusten. Als sie die Treppe zum Portal hinaufstiegen, rutschte Gerold auf irgend etwas Glattem aus. Pfützen aus geronnenem Blut hatten sich auf den abgewetzten Holzstufen gebildet, die von einem unablässig tröpfelnden Rinnsal gespeist wurden, das aus dem Innern des Domes kam.
Gerold trat ins Innere.
Für einen gnädigen Augenblick sah er nur Umrisse; denn nach dem hellen Tageslicht mußten seine Augen sich erst an das schummrige Licht gewöhnen. Dann klärte sich sein Blick.
Amalwin, der hinter ihm stand, übergab sich. Gerold |234|spürte, wie auch ihn Übelkeit packte, doch er schluckte schwer und kämpfte sie mit eisernem Willen nieder. Mit dem Ärmel bedeckte er Mund und Nase; dann ging er weiter vor ins Kircheninnere. Die vielen Leichen lagen so dicht beieinander, daß es kaum möglich war, einen Weg zwischen ihnen hindurch zu finden. Gerold hörte, wie Worak und Amalwin fluchten; er hörte das Geräusch seines eigenen, flachen Atems, doch er ging immer weiter und weiter, wie in einem Alptraum, und suchte sich einen Weg durch den gräßlichen Abfall aus menschlichen Leibern, ließ den Blick über die entstellten Gesichter schweifen.
Unweit des Hochaltars stieß er auf die Angehörigen seines Haushalts. Da waren Wala, der Hofgeistliche, und Wido, der Haushofmeister. In der Nähe lag Irminon, eine Kammerzofe; ihr lebloser Arm hielt noch immer ihr totes Töchterchen umklammert. Als Worak, Irminons Ehemann, die beiden erblickte, stieß er ein lautes Heulen aus, fiel vor ihnen auf die Knie und umarmte sie, drückte die Hände auf ihre Wunden und beschmierte sich mit ihrem Blut.
Gerold wandte sich ab. Sein Blick fiel auf einen vertrauten Schimmer: smaragdgrün und silbern. Richilds Diadem. Ihr Leichnam lag daneben, auf dem Rücken; ihr langes schwarzes Haar war wie ein Schleier über ihren Körper ausgebreitet. Gerold hob das Diadem auf und wollte es zurück an seinen Platz in Richilds Haar stecken, doch bei seiner Berührung drehte Richilds Kopf sich in einem völlig verrenkten Winkel zur Seite; dann fiel er zu Boden und rollte ein Stück über die steinernen Platten.
Entsetzt sprang Gerold zurück und trat dabei auf einen anderen Leichnam, so daß er beinahe gestürzt wäre. Gerold schaute zu Boden. Zu seinen Füßen lag Dhuoda. Ihr kleiner Körper war verdreht, als hätte sie noch versucht, dem Hieb des Angreifers auszuweichen. Mit einem tiefen Stöhnen ließ Gerold sich neben seiner Tochter auf die Knie fallen. Zärtlich berührte er sie, streichelte ihr weiches Haar und bettete sie so, daß sie bequemer lag. Dann küßte er sie auf die Wange, strich ihr mit der Hand über die erloschenen Augen und schloß die Lider. Es war alles verkehrt. Dhuoda hätte irgendwann ihm diese letzte Ehre erweisen sollen; aber nicht er seiner kleinen Tochter.
Voller düsterer Ahnungen und mit bleischweren Gliedern |235|erhob sich Gerold und nahm seine grausige Suche unter den Erschlagenen wieder auf. Johanna mußte hier irgendwo sein, bei den anderen Toten; er mußte sie finden.
Gerold durchquerte das Kirchenschiff, blickte in jedes der starren, toten Gesichter und erkannte in jedem einzelnen die vertrauten Züge eines Stadtbewohners, Nachbarn oder Freundes. Johanna aber fand er nicht.
Konnte es sein, daß sie wie durch ein Wunder entkommen war? Gerold wagte es kaum zu hoffen. Er nahm die Suche wieder auf.
»Herr! Herr!« riefen plötzlich drängende, laute Stimmen draußen vor dem Dom. Gerold erreichte den Haupteingang in dem Augenblick, als der Rest seiner Männer herangeritten kam.
»Normannen, Herr! Droben, an der Küste! Sie beladen ihr Schiff, und …«
Doch Gerold war schon aus der Tür und rannte zu Pistis.
In halsbrecherischer Geschwindigkeit ritten sie zur Küste. Die Hufe ihrer Pferde trommelten auf dem harten Boden der Straße. Die Männer verschwendeten keinen Gedanken an einen möglichen Überraschungsangriff; Trauer und Wut peitschten sie voran, und sie sannen nur auf Rache.
Als sie um eine Biegung galoppierten, sahen sie ein langes, flachgebautes Schiff mit einem hoch emporragenden Bug; er war aus Holz gehauen und sah wie der riesige Kopf eines Drachens mit geöffnetem Maul und langen, gebogenen Zähnen aus. Die meisten Normannen waren bereits an Bord, doch eine Gruppe befand sich noch an der Küste, um das Schiff zu bewachen, während es mit den letzten Beutestücken beladen wurde.
Mit einem gewaltigen, donnernden Schlachtruf spornte Gerold Pistis an und hielt seinen Speer wurfbereit. Seine Männer folgten ihm dichtauf. Die unberittenen Normannen warfen sich schreiend zur Seite; einige stolperten, als sie versuchten, in Sicherheit zu kommen; andere gerieten unter die Pferdehufe und wurden zertrampelt. Gerold hob seinen Speer, dessen Spitze mit Widerhaken versehen war, und zielte auf den Normannen, der ihm am nächsten war, einen Riesen mit goldenem Helm und gelbem Bart. Der Hüne drehte sich um und riß seinen Schild hoch, und Gerolds Speer schmetterte dröhnend dagegen.
|236|Plötzlich war die Luft von sirrenden Pfeilen erfüllt; die Normannen schossen auf die Angreifer. Pistis stieß ein grelles Wiehern aus; dann fiel er zu Boden. Aus einem Auge des Pferdes ragte ein gefiederter Schaft. Gerold hatte sich aus dem Sattel geworfen, noch bevor Pistis stürzte, kam aber unglücklich mit dem linken Fuß auf. Er zog sein Schwert und ging hinkend auf den gelbbärtigen Riesen los, der davonstapfte und sich mühte, Gerolds Speer aus seinem Schild zu ziehen. Gerold stellte den Fuß auf das Ende des Speeres, als dieser über den Boden schleifte, so daß dem Normannen der Schild aus der Hand gerissen wurde. Der Riese blickte Gerold verdutzt an und hob dann seine Axt, doch es war zu spät. Mit einem wuchtigen Schwertstoß traf Gerold ihn ins Herz. Ohne zu beobachten, wie der Gegner tot zu Boden fiel, wirbelte Gerold herum und streckte einen weiteren Normannen nieder, indem er ihm den Schädel spaltete. Das Blut des Mannes spritzte Gerold ins Gesicht, und er mußte sich über die Augen wischen, um wieder sehen zu können. Er befand sich nun im Zentrum des Schlachtgetümmels, hob sein Schwert, drang auf die Gegner ein und hieb blindlings um sich, mit wuchtigen, wilden Schlägen. Alle Trauer, alle Wut und aller Haß auf die Mörder brachen sich Bahn, und ein Gegner nach dem anderen sank von Gerolds Schwert getroffen zu Boden.
»Sie legen ab! Sie legen ab!« Die Rufe seiner Männer hallten in Gerolds Ohren; er blickte zur Küste und sah, wie das Drachenboot davonglitt; sein rotes Segel flatterte im Wind. Die Normannen ergriffen die Flucht.
Eine reiterlose braune Stute mit schwarzer Mähne tänzelte nervös auf der Stelle, nur ein paar Schritt entfernt. Gerold schwang sich in den Sattel. Das Tier sprang und bockte, doch Gerold konnte sich auf dem Pferderücken halten, die Fäuste fest an den Zügeln. Die braune Stute spürte die kräftige Hand des erfahrenen Reiters und beruhigte sich. Sofort preschte Gerold auf dem Pferd zur Küste. Er rief seinen Männern zu, ihm zu folgen; dann trieb er die Stute geradewegs ins Wasser. Vom Sattel des Pferdes baumelte ein unbenutzter Speer herab. Gerold packte ihn und schleuderte ihn mit solcher Wucht, daß es ihn um ein Haar nach vorn über den Hals des Tieres gerissen hätte. Der Speer zischte durch die Luft; die eiserne Spitze funkelte im Sonnenlicht. Dicht vor dem grinsenden Drachenmaul fuhr der Speer ins Wasser.
|237|Hämisches Lachen klang vom Schiff herüber. In ihrer rauhen, kehligen Sprache riefen die Normannen dem Gegner spöttische Bemerkungen zu. Zwei von ihnen hoben ein goldenes Bündel in die Höhe, damit Gerold es sehen konnte – nur, daß es kein Bündel war, sondern eine Frau, die schlaff zwischen den kräftigen Armen der Männer hing. Eine junge Frau mit rotbraunem Haar …
»Gisla!« brüllte Gerold gequält, als er seine Tochter erkannte. Was hatte sie in Dorstadt gewollt? Weshalb war sie nicht daheim bei ihrem Mann, in Sicherheit?
Benommen hob Gisla den Kopf. »Vater!« schrie sie. »Vaaateeer!« Ihr Schrei hallte in jeder Faser seines Seins wider.
Gerold spornte die braune Stute an, doch sie wieherte schrill, tänzelte zurück und weigerte sich, noch weiter in das tiefere, dunklere Wasser vorzudringen. Gerold schlug ihr die flache Seite des Schwertes auf die Hinterhand, um sie zum Gehorsam zu zwingen, erreichte damit aber nur, daß das Tier in Panik geriet; es bäumte sich wild auf, und die Hufe wirbelten durch die Luft. Ein weniger geübter Reiter wäre abgeworfen worden, doch Gerold hielt sich entschlossen auf dem Pferderücken und kämpfte darum, die Stute seinem Willen zu unterwerfen.
»Herr! Herr!« Gerolds Männer umringten ihn, packten das Geschirr des Pferdes und zerrten es mitsamt seinem Reiter zurück.
»Es ist hoffnungslos, Herr.« Grifo, der militärische Anführer von Gerolds Trupp, sprach die schreckliche Wahrheit mit fester Stimme aus. »Wir können nichts mehr für sie tun.«
Die roten Segel des Drachenschiffes hatten zu flattern aufgehört; nun blähten sie sich voll im Wind, während das Schiff rasch von der Küste fortglitt. Es gab keine Möglichkeit, die Normannen zu verfolgen; nirgends gab es Boote oder gar Schiffe. Außerdem hätten Gerold und seine Männer ohnehin nicht gewußt, wie man Segel setzt und navigiert. Die Kunst des Schiffbaus war selbst hier, im hohen Norden des Frankenreiches, längst in Vergessenheit geraten.
Wie betäubt ließ Gerold die Stute von Grifo ans Ufer führen. Noch immer hallte ihm Gislas Schrei in den Ohren. Vaaateeer! Sie war verloren – unrettbar und unwiderruflich. Es hatte zwar Berichte darüber gegeben, daß die Normannen auf ihren zunehmend häufigeren Beutezügen an der Küste des |238|Frankenreiches auch Mädchen und junge Frauen raubten, doch Gerold hätte nie geglaubt, nie damit gerechnet, daß auch hier …
Johanna! Der Gedanke traf ihn mit der Wucht eines Schwerthiebes und nahm ihm den Atem. Die Normannen hatten auch sie mitgenommen! Gerold dachte fieberhaft nach; seine Gedanken überschlugen sich, als er noch einmal nach einer Möglichkeit suchte, die Räuber und Mörder zu verfolgen. Doch es gab keine. Diese Barbaren hatten Johanna und Gisla geraubt und würden sie unaussprechlichen Greueln aussetzen – und er konnte nichts, gar nichts tun, sie zu retten.
Gerolds Blick fiel auf einen der toten Normannen. Er schwang sich vom Rücken der Stute, riß dem Toten die langschäftige Axt aus der verkrampften Hand und schlug damit in blinder Wut auf den Leichnam ein. Bei jedem Schlag wurde der schlaffe Körper heftig geschüttelt; der goldene Helm rutschte dem Toten vom Kopf und enthüllte das noch bartlose Gesicht eines Jungen. Doch blindwütig schlug Gerold weiter zu, hob wieder und wieder die Axt und ließ sie niedersausen. Das Blut spritzte in alle Richtungen und tränkte Gerolds Kleidung.
Zwei seiner Männer setzten sich in Bewegung, um Gerold aufzuhalten, doch Grifo hielt sie zurück.
»Nein«, sagte er leise. »Laßt ihn.«
Wenige Augenblicke später schleuderte Gerold die Axt zur Seite, ließ sich auf die Knie fallen und schlug die Hände vors Gesicht. Warmes Blut bedeckte seine Finger und verklebte sie. Heftige Schluchzer, tief in der Kehle, ließen seinen Körper erbeben, und dann brachen die Dämme. Gerold weinte hemmungslos und ließ den Tränen freien Lauf.