47
Es wurden immer neue Anschuldigungen gegen Haregewoin erhoben.
Sie büßte ihre Beliebtheit ein.
Als Haregewoin sich in höheren Sphären zu bewegen begann - Besucher von ausländischen Botschaften und Vertreter weltweit operierender NGOs begrüßte, deren schicke Geländewagen vor ihrem Tor hielten -, bemerkten einige alte Bekannte an ihrem Wesen plötzlich eine gewisse Eigennützigkeit. Auf einmal glaubte man, dass sie alles, was sie zu erreichen versucht hatte, nur für sich getan hatte. Als sie ins Straucheln geriet, waren diese und andere Leute zur Stelle, um ihr dabei zuzusehen oder ihren Fall sogar noch zu beschleunigen.
Als Erstes wandten sich die Frauen aus der Nachbarschaft gegen sie - HIV-positive Weberinnen, mit denen Haregewoin ihr Essen teilte und deren Arbeiten sie in ihrem Haus und auf ihrer Reise zum Verkauf angeboten hatte. Sie meinten, sie wäre aus Amerika als reiche Frau zurückgekehrt. Als Besitzerin (so dachten sie) von drei Häusern (die gemietet waren) und eines Kleinbusses (gebraucht gekauft) musste sie auf einem riesigen Sack Geld sitzen.
»Sie hat unsere Tücher und Schals verkauft und uns nur einen Teil des Geldes, das sie dafür bekommen hat, gegeben«, erzählten sie einander. »Sie nutzt uns aus.«
»Das Haus in der Gojam-Straße«, sagte eine, die es gesehen hatte. »Das ist das Haus einer reichen Frau.«
Einige gingen zum kebele, um sich über Haregewoin zu beschweren: »In Amerika haben viele Leute unsere Stoffe gekauft und mehr davon bestellt, aber sie hat uns nicht das ganze Geld gegeben.«
Andere, die nach einer Erklärung für ihren Wohlstand und ihren Status suchten, fragten sich, ob sie die Kinder, die sie vor ihrem Tor fand, verkaufte. Weil es schwer vorstellbar war, dass man nur von Tüchern so reich werden konnte.
Für diese Verdächtigungen gab es keine Bestätigung, aber der Argwohn nahm weiter zu. Hinter dem glänzenden Stahltor mit der Messingeinfassung, hinter der schönen Steinmauer musste etwas Dubioses vor sich gehen. Wenn Haregewoin durch das Viertel fuhr, hoch oben neben dem Fahrer auf dem Beifahrersitz des Kleinbusses thronend, sahen die armen Frauen aus der Nachbarschaft nicht länger mit Wohlgefallen hinter ihr her. Sie verbirgt etwas, dachten sie.
Dann riefen die verworrenen Lebensumstände einer unverheirateten jungen Mutter, eines Mädchens von der Straße, das ich Beza nennen will, und ihres Kindes das Interesse der Behörden an Haregewoin wach, und es endete nicht gut. Die komplizierte Geschichte bekam in den Köpfen derer, die Haregewoin Teferra nicht mehr glaubten und ihr misstrauten, einen hässlichen Unterton.
 
Beza war siebzehn und hatte kein Dach über dem Kopf, als sie Tarikwa zur Welt brachte. Eine Organisation in Addis Abeba, die sich um obdachlose Jugendliche kümmerte - ich will sie Forward Ethiopia nennen -, half Beza und nahm das Kind in ihre Obhut. Aber Forward Ethopia hatte kein eigenes Haus, in dem sie Kinder in Pflege nehmen konnten, daher brachten sie die vier Wochen alte Tarikwa am 4. Februar 2005 zu Haregewoin.
Als der Vertreter der spanischen Adoptionsagentur um die Erlaubnis bat, Eltern für die kleine Tarikwa zu suchen, freute sich Haregewoin und dankte dem lieben Gott.
Zwei Wochen später traf ein Ehepaar, beide Ende dreißig, aus Spanien ein, um das Baby kennenzulernen. Sie nahmen sich gemeinsam mit dem Kind ein Zimmer im Ghion Hotel. Wie bei allen legalen Adoptionen mussten sie bei einer dem Ministerium für Arbeit und Soziales zugeordneten Behörde vorstellig werden, damit man ihnen dort die offizielle Genehmigung zur Adoption des Kindes erteilte.
Forward Ethiopia bekam Wind davon und intervenierte sofort. Die Organisation trat für die Wiederzusammenführung von Familien ein und war strikt gegen Adoptionen ins Ausland. Forward Ethiopia informierte Haregewoin und das Ministerium, die Mutter des Säuglings sei »ein obdachloses Mädchen und möchte, laut eigener Aussage, für ihre Tochter die Unterstützung eines hier ansässigen Waisenhauses in Anspruch nehmen, da sie finanziell nicht dazu in der Lage ist, sie selbst aufzuziehen, und nicht will, dass sie ins Ausland kommt«.
Eine Frau von Forward Ethiopia nahm an der Anhörung teil und legte Widerspruch gegen den Adoptionsantrag ein. Im Namen der ersten Pflegeeinrichtung, in der Tarikwa untergekommen war, Forward Ethiopia, verweigerte sie die Zustimmung zur Adoption.
Mit leeren Händen und völlig verstört, verließ das spanische Paar das Gebäude, den zusammengeklappten Buggy hinter sich herziehend. Die Frau von Forward Ethiopia fuhr mit Tarikwa in einem Taxi davon.
Auch Haregewoin verschwand von der Bildfläche.
Aber zwei Tage darauf klopfte Beza, die junge Mutter, an Haregewoins Tor. Sie trug die kleine Tarikwa in einem Tuch auf dem Rücken.
»Bitte, waizero, bitte, Sie müssen sie nehmen. Sehen Sie mich an. Ich habe nichts. Sie wissen, wie ich lebe. Warum haben Sie mir meine Tochter zurückgegeben?«
»Forward Ethiopia hat dir deine Tochter zurückgegeben?«, fragte Haregewoin verwundert. »Ich dachte, sie wollten sie behalten.«
»Sie haben sie mir gebracht und mir vier Birr gegeben, damit ich ihr etwas zu essen kaufen kann.«
Das Mädchen war schmal, ihre Haare wurden von einem eng um den Kopf gewickelten, schmutzigen Tuch verdeckt. Aber das Baby lächelte strahlend und war sehr hübsch. »Sie trinkt zu viel«, sagte Beza. »Waizero, bitte geben Sie sie diesen Eltern zurück.«
»Das kann ich leider nicht«, sagte Haregewoin. »Sie ist nicht mehr in meiner Obhut. Aber du kannst ihnen das Kind geben«
Haregewoin rief das spanische Paar im Hotel an: »Vielleicht findet alles doch noch ein glückliches Ende für Sie.«
Beza diktierte einen förmlichen Brief, der an Haregewoins Organisation gerichtet war. Er ist auf den 17. Februar 2005 datiert und lautet wie folgt:
Ich, die Antragstellerin [Beza], … erhielt von einer Organisation namens [Forward Ethiopia] Hilfe und erkläre hiermit, dass ich früher auf der Straße lebte und zu der Zeit, als ich bei dieser Organisation war, vergewaltigt wurde und ein Kind zur Welt brachte. Da ich nicht imstande bin, mein Kind selbst großzuziehen, ist festzuhalten, dass die Organisation [Forward Ethiopia] eine andere Organisation [Atetegeb Worku Memorial Orphans Support Association] gebeten hat, mein Kind in ihre Obhut zu nehmen, und dass ich das Kind aus freien Stücken dorthin gegeben habe.
Da sie mir das Kind aus unbekannten Gründen zurückgegeben haben und da ich über keinerlei Einkommen verfüge und weiterhin auf die Hilfe der Organisation [Forward Ethiopia] angewiesen bin, habe ich gehört, dass Sie das Kind einer ausländischen Familie zur Adoption gegeben haben. Da ich nun nicht möchte, dass meinem Kind diese Möglichkeit versagt bleibt und es das gleiche Schicksal erwartet wie mich, bitte ich Sie, das Kind den Ausländern zu überlassen, die es mir zurückgegeben haben.
Mit freundlichen Grüßen
gezeichnet
[Beza]
Am nächsten Tag trafen sich alle wieder im Büro der Adoptionsbehörde; die verängstigte junge Frau legte ihr Baby erneut in die Arme der Spanierin. Diese umarmte Beza, und beide standen eng umschlungen da und weinten.
Wieder war die Frau von Forward Ethiopia gekommen, um die Adoption zu verhindern.
»Die Mutter ist minderjährig, sie ist erst siebzehn«, sagte sie. »Sie ist zu jung, um ihre Erlaubnis zu einer Adoption ins Ausland zu geben.«
Die angehenden Eltern schlichen zum zweiten Mal fassungslos und traurig die Treppe des Gerichtsgebäudes hinunter und fuhren zurück in ihr Hotel. Sie buchten ihren Flug um, riefen ein Taxi und flogen heim nach Spanien.
Beza, die erneut unerwarteterweise das Baby in ihren Armen hielt, wandte sich noch in dem Büro an Haregewoin und gab es ihr, damit sie es mit nach Hause nahm. Das Ganze wurde langsam zu einer Art Hütchenspiel: unter welchem Hütchen wird die Murmel wohl als Nächstes liegen? Tarikwa war an diesem einen Tag aus den Armen von Haregewoin in die von Beza gewandert, dann in die der spanischen Eltern, von dort in die von Beza und schließlich wieder in die von Haregewoin, und das alles unter dem missbilligenden Blick der Frau von Forward Ethiopia.
Haregewoin nahm die kleine Tarikwa mit nach Hause.
Zwei Tage später erschien Beza, die leibliche Mutter, ein weiteres Mal vor Haregewoins Tor. »Ich würde gerne allein mit Haregewoin sprechen«, bat sie den Wachmann.
In Haregewoins Zimmer sagte sie mit leiser Stimme: »Schauen Sie mal, was ich habe.« Sie zog einen gefälschten Ausweis aus ihrer Tasche, dem zufolge sie zwanzig Jahre alt war.
»Jetzt können wir sie der Mutter und dem Vater aus Spanien geben«, sagte das Mädchen.
»Die beiden Spanier sind leider weggefahren«, sagte Haregewoin. »Aber Tarikwa geht es hier gut. Mach dir ihretwegen keine Sorgen. Du kannst sie besuchen, wann immer du willst. Lass sie einfach hier.«
Tarikwa entwickelte sich prächtig. Sie erwachte morgens in einem der weißen Kinderbettchen mit den bunten Mobiles unter hauchdünnen Moskitonetzen. Sie war sauber und gut genährt. Haregewoin tat nichts, um ein neuerliches Adoptionsverfahren in Gang zu setzen. Bestärkt von Haregewoin, kam Beza von Zeit zu Zeit und besuchte ihre Tochter.
Einige Wochen nach der Abreise des spanischen Paars erhielt Haregewoin einen Anruf vom städtischen Sozialamt, das für die Waisen in Addis Abeba zuständig war.
Forward Ethiopia hatte sich bei ihnen beschwert, dass Haregewoin es sehr eilig gehabt hätte, Tarikwa außer Landes zu bringen.
»Geben Sie Tarikwa an die Organisation [Forward Ethiopia] zurück«, ordnete das Sozialamt an.
»Glauben Sie, dass das dem Kind guttut?«, rief Haregewoin. »Erst bringt ihr sie hierhin, dann bringt ihr sie dorthin. Das ist nichts für ein Kind. Der Kleinen geht es hier gut; warum lassen Sie sie nicht in Ruhe? Ich werde das Baby jedenfalls niemandem geben«, sagte sie verärgert. »Die Mutter hat mir das Kind anvertraut; nur sie kann es wieder holen.«
Haregewoin dokumentierte jeden Schritt, selbst diese Weigerung, das Baby erneut Forward Ethiopia zu übergeben. Sie verfasste einen Brief an das Sozialamt, in dem es hieß:
Miss [Beza]... hat mit Unterstützung von [Forward Ethiopia] das Kind unserer Organisation übergeben, wie beurkundet, und uns gebeten, das Kind in unsere Obhut zu nehmen; das haben wir getan, und es ist noch immer in der Obhut unserer Organisation, wo es seine Mutter ein Mal in der Woche besucht.
Wir hatten das Kind zuvor schon einmal übergeben, wie beurkundet, und es besteht kein rechtlicher Grund, es [Forward Ethiopia] zurückzugeben. Daher erklären wir hiermit, dass wir das Kind nicht aus den Händen geben werden. Wenn allerdings die Mutter erklärt, sich des Kindes wieder annehmen zu wollen, erklären wir, dass wir ihr das Kind unter Ihrer Aufsicht aushändigen werden.
Mit freundlichen Grüßen
gezeichnet
Haregewoin Teferra
Leiterin
Aber das Hütchenspiel ging noch weiter.
Im Mai 2005 kam Beza zu Besuch und sagte: »Bitte, Waizero Haregewoin, wenn ich darf, würde ich gerne mein Kind mitnehmen.«
»Wohin willst du es denn bringen?«
»Ich habe eine Unterkunft gefunden.«
»Gott ist gut«, sagte Haregewoin. Sie gab der Mutter mehrere Fläschchen, Decken, Strampelanzüge, Geld und schließlich Tarikwa. Über diesen Schritt verfasste sie einen kurzen Bericht und bat Beza um ihre Unterschrift.
Am 15. Mai 2005 unterschrieb die mittlerweile achtzehnjährige Beza vor Zeugen, dass sie ihr Kind erhalten habe:
Ich, Miss Beza..., bestätige mit meiner Unterschrift, dass ich meine Tochter Tarikwa, die ich am 17. 2. 2005 in das Atetegeb-Worku-Kinderheim gegeben hatte, wieder an mich genommen habe, entsprechend meinem heute eingereichten Antrag, auf Rückgabe meiner Tochter. Name der Empfängerin:
Miss Beza …
Haregewoin und vier weitere an diesem Tag anwesende Erwachsene - ihr Buchhalter, ihr Anwalt, ihre Schwägerin Negede Tehaye Alemayhu und Miniya - bezeugten die Übergabe des Babys an seine leibliche Mutter mit ihrer Unterschrift.
Forward Ethiopia durfte sich bestätigt fühlen, dass sie so hartnäckig darauf bestanden hatten, das Kind im Land zu behalten, und Haregewoin war stolz auf die junge Mutter, dass sie die nötigen Mittel gefunden hatte, ihr Kind von nun an selbst großzuziehen.
Das hätte das Ende der Geschichte sein können.
 
Aber damit war das Misstrauen, das Forward Ethiopia und das städtische Sozialamt gegenüber Haregewoin hegten, nicht ausgeräumt.
Einige Monate, nachdem die kleine Tarikwa in einem Tuch auf dem Rücken ihrer Mutter Haregewoins Heim endgültig verlassen hatte, schrieb das Sozialamt einen Brief an Haregewoin, in dem es Auskunft über den Verbleib des Kindes verlangte.
Haregewoin schrieb einen förmlichen Brief zurück, dass die Mutter ihr Kind geholt habe.
»Finden Sie sie«, sagte man ihr. »Beweisen Sie es.«
Aber sie konnte Beza und Tarikwa nicht finden.
Das Sozialamt hielt das für einen Beweis eines Vergehens und beschuldigte sie: »Sie haben sie also doch nach Spanien gegeben.«
»Das habe ich nicht getan.«
»Wie viel Geld machen Sie auf diese Weise?«, wollten sie von ihr wissen.
Ist es überhaupt möglich, ein Baby auf die Weise außer Landes zu schmuggeln, wie diese Leute es unterstellen?, fragte sie sich. Wie hätten die Spanier mit einem äthiopischen Kind ohne Adoptionsurkunde und ohne Pass an der Sicherheits- und Passkontrolle vorbeikommen sollen?
Das schien völlig unmöglich zu sein.
Haregewoin ging das erste von vielen Malen zum Sozialamt, um ihren Fall vorzutragen. Sie legte das von Beza, ihr selbst und vier unbeteiligten Zeugen unterschriebene Dokument vor, in dem stand, dass Beza ihr Kind Tarikwa von dem Atetegeb-Worku-Kinderheim zurückgefordert hatte.
»Das ist eine Fälschung«, sagte der Beamte und warf es auf den Schreibtisch.
Das Sozialamt hatte einer Reihe von Adoptionsagenturen mitgeteilt, dass Haregewoin Teferra des »Kinderhandels« verdächtigt werde und sie daher keine Adoptionen mehr in die Wege leiten könnte, bevor nicht für jedes Kind stapelweise Papiere beigebracht worden seien, daher wurden sämtliche Fälle, in denen eines von Haregewoins Kindern im Waisenhaus einer Adoptionsagentur wartete, auf Eis gelegt, was selbst für solche Fälle galt, in denen schon eine passende Familie gefunden worden war. Sämtliche Adoptionen wurden auf unbestimmte Zeit verschoben. Den wartenden Familien erklärte man, dass der »Waisenstatus« von Haregewoins Kindern ungeklärt sei und dass jeder einzelne Fall genau untersucht werden müsste.
 
Im Niemandsland des Internet hat alles ein langes Leben, ein erstes Leben und ein Nachleben und ein Leben nach dem Nachleben, hier kreisen die Gerüchte endlos vor sich hin. Wenn unablässige Wiederholung ein rechtmäßiger Ersatz für die Überprüfung von Tatsachen und deren korrekte Darstellung ist, dann hatte sich Haregewoin mittlerweile des hundertfachen Verkaufs von Säuglingen und Kinderhandels schuldig gemacht. »Habt ihr schon gehört«, tippten die Abonnenten von Adoptionsvermittlungs-Newslettern und Teilnehmer von Chatrooms in ihre Computertastaturen. »Ich will ja keine Gerüchte verbreiten, aber...«, »O Gott, da stimmt irgendetwas ganz und gar nicht...« Familien, die sämtliche Schritte eines komplizierten und zeitaufwändigen Adoptionsverfahrens hinter sich gebracht hatten und jetzt nur noch darauf warteten, dass man ihnen einen Gerichtstermin und ein Reisedatum nannte, wurde mitgeteilt, dass sie noch länger warten müssten, ohne dass man ihnen auch nur den geringsten Hinweis gab, bis wann. Die Sorge und Enttäuschung, die mit dieser unbestimmten Wartezeit verbunden war, und die Unsicherheit, ob die Adoption überhaupt jemals vollzogen werden konnte, all das wurde durch den Vorwurf des Kinderhandels natürlich nicht besser gemacht.
Das Internet schenkte den Anschuldigungen ein langes, ein ewiges Leben, aber auch die Art des Gerüchts an sich trug sicherlich einiges dazu bei. Die Geschichte des Verschwindens der kleinen Tarikwa und der Suche nach ihr - Hat irgendjemand das Baby gesehen? - ließ sich nur schwer zusammenfassen, und sie war nicht einmal besonders interessant. Aber die Andeutung, dass hier »Kinderhandel« stattgefunden hatte, rief Angst und Empörung hervor, umgab das Ganze mit einem Geheimnis und machte es daher sehr viel aufregender und erzählenswerter.
Natürlich ist es von einem ethischen Standpunkt aus richtig und notwendig, dass eine Regierung bei allem, was Adoptionen betrifft, absolut korrekt vorgeht. Kinder zu verkaufen ist ein Verbrechen. Es ist ethisch nicht vertretbar, Kinder von ihren Ursprungsfamilien zu trennen, wenn diese sie behalten wollen. Das Sozialamt handelte also nur verantwortlich, wenn es Überprüfungen vornahm und eine Bestätigung verlangte, dass ein Kind in seinem Zuständigkeitsbereich tatsächlich Waise war.
Aber diese Geschichte - an der ein paar Beamte ein Exempel statuieren wollten - war an den Haaren herbeigezogen. Der Fall zog sich immer weiter hin, ohne dass eine Entscheidung in Aussicht stand. Hin und wieder wurde die Genehmigung erteilt, dass ein Kind von seiner wartenden ausländischen Adoptionsfamilie in Empfang genommen wurde; aber die meisten Kinder, die einmal bei Haregewoin gelebt hatten, hielt man zurück.
Das Wort Kinderhandel verfolgte Haregewoins Name bis in die Halbunsterblichkeit des Cyberspace und zirkuliert dort noch immer.
 
Miniya sprach kaum noch mit ihr. Und wenn, dann nur in knappen Sätzen und wenn sie ein konkretes Anliegen hatte: »Können wir den Kindern diese Woche Fleisch zu essen geben, oder bekommen sie nur Reis?«
Und wenn Haregewoin eine solche Eröffnung zu nutzen versuchte, um zu dem freundschaftlichen Ton, der einst zwischen ihnen geherrscht hatte, zurückzukehren, dann erwiderte Miniya ihr Lächeln nicht, sondern wandte sich ab. Sie hat sich mit den Jungen gegen mich verschworen. Ich hätte nichts von alldem verhindern können. Sie gibt mir zu Unrecht die Schuld.
Jetzt war es zu spät, sich wegen Sirak an die Polizei zu wenden. Sirak war verschwunden, und der Vorfall lag schon neun Monate zurück. Aber Wasihun verhielt sich nach wie vor abweisend ihr gegenüber. Wenn sie ihm über den Kopf streichen wollte, duckte er sich und verzog sich mit finsterer Miene.
Es ist alles schiefgegangen, dachte sie eines Nachts. Aber warum?
Miniya hätte es ihr sagen können. Miniya hätte gesagt: »Weil du dich wichtiger nimmst als die Kinder. Das Wunderbare an dir war früher, dass du die Fähigkeit hattest, jedes der Kinder zu lieben. Jetzt kennst du sie nicht einmal mehr. Und dann ist da ein Kind, das verletzt ist, Wasihun, und du willst es nicht zum Arzt bringen. Du stellst dich und deine Organisation über die Belange des Jungen. Du fragst mich: ›Aber soll ich deswegen alles aufs Spiel setzen? Soll ich alles, was ich aufgebaut habe, für diesen einen Jungen opfern?‹
Wenn du mich das fragen musst, dann ist mir das, was du aufgebaut hast, egal.«
Dann ging Miniya und forderte ihren restlichen Lohn. Haregewoin sagte dem Buchhalter, er solle Miniya jede Summe auszahlen, die sie noch zu bekommen glaubte, aber nichts konnte Minya über ihre Enttäuschung über Haregewoin hinwegtrösten.
In der Zwischenzeit verschärften sich die Anschuldigungen im Fall von Tarikwa. Das Sozialamt stürmte praktisch ihr Tor und verlangte zu wissen, was sie mit dem Kind angestellt, an wen sie es verkauft hätte.
Haregewoin hatte das Gefühl, die ganze Welt hätte sich gegen sie verschworen. Ihre Kinder - mittlerweile achtzig (fünfzig in dem großen Haus, dreißig in dem kleinen) - liebten ihre Betreuerinnen heiß und innig, aber ihr gegenüber waren sie gleichgültig. Einige waren nach Miniyas Weggang sehr traurig. Die Betreuerinnen beschwerten sich, dass Haregewoin ihnen zu wenig Geld gab, um die Kinder einzukleiden und für sie zu kochen, und dass ihr Lohn zu niedrig war. Die HIV-positiven Kinder sahen schrecklich aus - übersät mit Entzündungen, kaum noch Haare auf dem Kopf, manche waren bis aufs Skelett abgemagert. Sie hatte großes Glück mit den HIV-positiven Säuglingen gehabt - viele waren unter ihrer Obhut HIV-negativ geworden (in der Medizinersprache: es war eine Seroreversion eingetraten); das gab es nicht bei älteren Kindern, wie ihr nachträglich klar wurde. Das war reines Wunschdenken und fehl am Platz.
In den ersten Wochen war sie stolz auf ihren Kleinbus gewesen, den sie mit den Spenden aus Amerika erworben hatte. Sie saß hoch erhobenen Hauptes auf dem Beifahrersitz, drapierte sich ihr Tuch um die Schultern und genoss den kühlen Wind auf ihrem Gesicht und in den Haaren. Aber dann spürte sie die Blicke der Frauen aus dem Viertel, wenn sie durch das Tor fuhr, wie sie ihr unter halb gesenkten Lidern nachstarrten und dachten: Wo ist unser Geld?
»Haregewoin hilft uns nicht«, erzählten mir zwei dieser Frauen. Sie waren HIV-positiv und völlig mittellos. Eine war außerordentlich schön. »Es ist ihre Pflicht, uns zu helfen, und sie tut es nicht.«
»Ich bekomme nie genug zu essen«, sagte eine Frau mit schmalem Gesicht. »Und meine Mutter stirbt.«
Ich dachte, dass es keineswegs Haregewoins »Pflicht« war, ihnen zu helfen. Sie tut das immer noch alles auf Freiwilligenbasis. Keiner unterstützt sie darin, andere zu unterstützen. Sie hat das Geld privat gesammelt; es kommt nicht vom Staat. Sie tut alles, was in ihrer Macht liegt, um zu helfen, aber ihr stehen nur begrenzte Mittel zu Verfügung. Sie kann niemanden aus seiner Armut befreien.
Sie wussten von dem schönen zweistöckigen Haus in der Gojam-Straße; aber sie wussten nicht, dass es als Einnahmequelle dienen sollte (auch wenn Haregewoin damit fast kein Geld mehr machte, seit das Sozialamt so gut wie jede Adoption verhinderte). Sie hatten den Verdacht, dass sie dort ein geheimes Leben im Wohlstand führte. Warum verkauft sie das Haus nicht?, dachten sie angesichts ihres quälenden Hungers, angesichts des Hungers ihrer Kinder.
Ich erkundigte mich bei Haregewoin nach dem Haus in der Gojam-Straße.
»Ich habe es mit Unterstützung einiger europäischer Adoptionsagenturen gemietet«, sagte sie. »Ich schieße für die Miete des Hauses nichts aus den Spenden für die Kinder zu; es läuft über ein separates Konto. Ich habe es auch Leuten von der Behörde gezeigt - ich habe sie eingeladen. Ich wollte ihnen zeigen, auf welchem Weg ich für meine Kinderheime Geld verdiene, und sie waren sehr angetan von dem Projekt.«
Ich erkundigte mich bei Haregewoin nach den Frauen, die vor ihrem Tor standen und sich über sie beklagten und andere dazu brachten, sich auch über sie zu beklagen.
»Ich schicke ihnen mehrmals im Jahr Teff«, erzählte sie. »Ich lade sie an allen Feiertagen ein. Ich habe schon ein paarmal ihre Kinder aufgenommen. Letzten Monat hat mir eine von ihnen ihre Medikamentenrechnung gebracht, und ich habe ihr Geld gegeben, damit sie sie bezahlen kann.« Sie zeigte mir die Quittung.
Niemand hilft den armen Frauen. Niemand. Es gibt kein staatliches oder städtisches Amt, an das sie sich wenden und sagen könnten: »Ich habe Hunger.« In diesem Land gibt es Millionen von Menschen, die nicht genug zu essen für sich und ihre Kinder haben. Mir wurde klar, dass Haregewoin die Einzige war, die jemals ihre Tür für sie geöffnet hatte, die jemals gesagt hatte: »Ich will sehen, ob ich euch helfen kann. Ich werde eine Zeitlang eure Kinder versorgen. Ich will sehen, ob ich eure Stoffe verkaufen kann. Kommt und feiert Weihnachten mit uns.«
Aber sie blieben arm, sie blieben krank und hungrig. Das musste Haregewoins Fehler sein.
Sie stehen nicht vor den Toren der reichen Leute - seien es Äthiopier oder Ausländer -, weil das keinen Sinn hätte. Die Wachleute der Reichen würden sie verjagen. Sie stehen hier und wettern gegen Haregewoin, weil sie sie hört.
Ebendiese Frauen schätzen mich, weil ich ihnen helfe, wenn ich zu Besuch komme. »Sie sind meine Mutter!«, rufen sie mir zu und küssen meine Hände, selbst wenn ich murmle, dass sie meine Hände nicht zu küssen brauchen und oh, oh, bitte, nicht auf den Boden werfen und meine Füße küssen. »Mama!« nennen sie mich (selbst Frauen meines Alters nennen mich so); es ist die Anrede, mit der sie ihre Hochachtung und ihren Dank ausdrücken, und es ist auch die Anrede, mit dem sie in mir ein dauerhaftes Gefühl der Verantwortung für sie wecken wollen.
Aber irgendwann wurde mir klar, wenn ich das ganze Jahr über in Addis Abeba leben würde, würden auch vor meinem Tor zornige, verbitterte, hungrige, kranke Frauen mit verkniffenen Lippen stehen und sagen: »Sie hilft uns nicht. Sie hat die Pflicht, uns zu helfen, und sie tut es nicht. Wenn sie uns wirklich helfen wollte, könnte sie ihre Koffer verkaufen, ihre amerikanischen Kleider und ihre Kamera und ihre Sonnenbrille.« Das bleibt mir im Gegensatz zu Haregewoin erspart, weil ich immer wieder wegfliegen kann.
'Alle meine Kinder'
titlepage.xhtml
gree_9783641012656_oeb_cover_r1.html
gree_9783641012656_oeb_toc_r1.html
gree_9783641012656_oeb_p01_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c01_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c02_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c03_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c04_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c05_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c06_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c07_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c08_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c09_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c10_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c11_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c12_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c13_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c14_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c15_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c16_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c17_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c18_r1.html
gree_9783641012656_oeb_p02_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c19_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c20_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c21_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c22_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c23_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c24_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c25_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c26_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c27_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c28_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c29_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c30_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c31_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c32_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c33_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c34_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c35_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c36_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c37_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c38_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c39_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c40_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c41_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c42_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c43_r1.html
gree_9783641012656_oeb_p03_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c44_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c45_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c46_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c47_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c48_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c49_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c50_r1.html
gree_9783641012656_oeb_p04_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c51_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c52_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c53_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c54_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c55_r1.html
gree_9783641012656_oeb_c56_r1.html
gree_9783641012656_oeb_bm1_r1.html
gree_9783641012656_oeb_ack_r1.html
gree_9783641012656_oeb_bm2_r1.html
gree_9783641012656_oeb_bm3_r1.html
gree_9783641012656_oeb_in1_r1.html
gree_9783641012656_oeb_bm4_r1.html
gree_9783641012656_oeb_cop_r1.html