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Am Tag nach der turbulenten Ankunft von Mekdes
Asnake fuhr ich mit Selamneh wieder zu Haregewoin, um das traurige
kleine Mädchen zu besuchen. Zewedu war da.
»Sie bekommen keine Ausbildung, sie bekommen gar
nichts«, sagte Zewedu verbittert über die Waisen im Hof. »Ihre
Eltern sind gestorben, weil sie keine Medikamente hatten, die
meisten Eltern hatten nicht einmal genug zu essen.«
Für Zewedu waren sein Unglück und das Äthiopiens
eng miteinander verbunden.
»Die EPRDF ist seit 1995 an der Macht, und es gibt
in diesem Land immer noch zwölf Millionen Menschen, die nicht mal
wissen, ob sie jeden Tag zu essen haben«, sagte er. »Sie müssen
sich entscheiden: Sollen wir etwas zum Frühstück essen, oder warten
wir bis zum Abendessen? Das Land gehört der Regierung und einer
kleinen Elite, der große Rest sind Pächter. Wir sind Bauern. Wir
sind zu 60 Prozent Analphabeten. Unter diesen Umständen kann es
keine Entwicklung geben.«
Zewedu hatte Dawn of Hope, eine Organisation für
HIV-Positive wie ihn, gegründet, damit sich Kranke, die noch genug
Kraft hatten, um Schwächere und Sterbende kümmern konnten. Von
Anfang an litt die Organisation unter der hohen Sterblichkeitsrate
ihrer Mitglieder. Die Leute schlossen sich Zewedu erst dann an,
wenn sich ihre Krankheit nicht länger verheimlichen ließ. Die
Lebenserwartung neuer Mitglieder wurde in Monaten und Wochen
gemessen.
Zewedu hatte gehofft, er könnte eine Kampagne wie
die der Treatment Action Campaign (TAC) in Südafrika starten, einer
Organisation HIV-Positiver, die inzwischen großen Druck auf die
Regierung ausübte und Behandlung und bezahlbare Medikamente
forderte und gegen die in der schlecht informierten Öffentlichkeit
herrschenden Tabus und Hysterie ankämpfte. Zewedu hatte in der
Zeitung Berichte über Demonstrationen in Südafrika gelesen, bei
denen Hunderte von Leuten TAC-T-Shirts mit der Aufschrift HIV
POSITIV trugen. Selbst Nelson Mandela hatte aus Solidarität eines
angezogen.
Aber dazu kam es hier nicht. Die Leute, die sich
seiner Gruppe anschlossen - meistens Männer, die nur noch aus Haut
und Knochen und aus Schmerzen bestanden -, waren den demütigenden
Reaktionen ihrer Familien und der Öffentlichkeit auf ihre Infektion
ausgesetzt.
Zewedu saß da und starrte an diesem strahlenden Tag
mit düsterem Blick vor sich hin.
Haregewoin führte die widerstrebende Mekdes ins
Zimmer. Das kleine Mädchen schien bereits Angst davor zu haben,
einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ihr Blick war ausdruckslos,
als wäre sie nicht ganz wach. Sie trug dieselben schmutzigen Sachen
und dieselben Zöpfe wie am Tag zuvor, aber ihr Gesicht war
gewaschen. Ganz sanft hob Selamneh das dünne Mädchen auf seinen
Schoß. Mekdes war so verschreckt, dass sie kein Wort herausbrachte.
Am liebsten hätte sie ihr Gesicht an seiner Brust verborgen, aber
dazu kannte sie ihn nicht gut genug. Also saß sie wie erstarrt da,
allem schutzlos ausgeliefert.
Der dreijährige Yabsira kam auf der Suche nach
Mekdes ins Zimmer gestürmt, entdeckte sie, ließ sich von Haregewoin
umarmen und küssen und wandte sich dann den Spielsachen zu, die
verstreut auf dem Boden lagen. Solange er seine Schwester in der
Nähe wusste, war er guter Dinge; es blieb der fünf Jahre alten
Mekdes überlassen, die neue leere Welt für sie beide zu
ordnen.
»Kann sie sich an ihren Vater erinnern?«, fragte
ich.
»Kannst du dich an deinen Vater erinnern?«, fragte
Selamneh leise auf Amharisch.
Die Lippen in Mekdes’ ausdruckslosem Gesicht
bewegten sich, aber es war kein Laut zu hören. Instinktiv beugten
sich alle Erwachsenen im Zimmer näher zu ihr, um ihr Wispern zu
verstehen, das kaum mehr als ein Lufthauch war.
»Der Name meines Vaters war Asnake Addisu«, sagte
das wie versteinert wirkende Mädchen.
»Mein Vater ist an Herpes zoster gestorben. Ich war
da. Es war in der Nacht.«
»Woran kann sie sich erinnern?«, fragte ich, und
Selamneh übersetzte.
»Ich werde meinen Vater nie vergessen«, wisperte
Mekdes.
Mit leerem Blick saß sie auf Selamnehs Schoß und
grub die Nägel der einen Hand tief in die andere Hand.
»Kannst du dich an deine Mutter erinnern?«
»Der Name meiner Mutter war Mulu Azeze«, sagte die
tonlose Stimme. Ihr Gesicht zeigte keine Regung, in ihren braunen
Augen war kein Leben, nur die Hände bewegten sich. »Nachdem mein
Vater gestorben ist, ist meine Mutter krank geworden und hat
Schmerzen gehabt. Und dann ist sie gestorben.«
»Kannst du dich an deine Mutter erinnern, bevor sie
krank geworden ist?«
Mit einer Stimme, die so leise war, dass man es
nicht einmal mehr als Wispern bezeichnen konnte (aber es gibt kein
anderes Wort dafür), sagte sie: »Ich erinnere mich an meine Mutter,
wenn ich ihren Namen rufe.«
»Wann rufst du den Namen deiner Mutter?«, fragte
Selamneh fast genauso leise.
Nach ein paar Sekunden Schweigen bewegten sich die
aufgesprungen Lippen in dem reglosen Gesicht erneut. »Wenn mich
jemand schlägt, rufe ich den Namen meiner Mutter.«
»Mekdes, sind sie hier nicht nett zu dir?«, fragte
Selamneh.
Nach einer langen Pause flüsterte Mekdes: »Doch,
aber es gibt hier eine Regel, die ich nicht mag.«
»Welche Regel meinst du?«
Alle beugten sich vor.
»Ich hab gestern Abend zum ersten Mal Fernsehen
geschaut«, flüsterte sie. »Das hat mir gefallen, aber hier gibt es
eine Regel.« Sie ließen einen kurzen Schluchzer hören, bevor sie
fortfuhr. »Um acht muss man den Fernseher ausmachen und ins Bett
gehen. Dabei war ich noch gar nicht fertig mit schauen.«
Als alle Erwachsene im Zimmer in lautes Lachen
ausbrachen, zuckte Mekdes zusammen. Wir hatten das beruhigende
Gefühl, dass Mekdes trotz der furchtbaren Dinge, die ihr
widerfahren waren, ein ganz normales Kind war, das lieber fernsah,
als ins Bett zu gehen.
Selbst Zewedu Kopfs schnellte nach oben, dann
hellte sich seine Miene auf, und er lachte.