Caesar traf mit Fabius und seinen beiden Legionen noch vor Decimus Brutus und der Fünfzehnten in Agedincum ein.

»Den Göttern sei Dank!« rief Trebonius erleichtert. »Vor dem Frühjahr hatte ich nicht mit dir gerechnet.«

»Wo ist Vercingetorix?«

»Er belagert Gorgobina.«

»Gut! Wir lassen ihn vorläufig gewähren.«

»Und was tun wir inzwischen?«

Caesar lächelte. »Wir haben zwei Möglichkeiten. Wenn wir in Agedincum bleiben, können wir gut essen und verlieren keinen einzigen Mann. Wenn wir dagegen jetzt im Winter ausrücken, essen wir schlecht und verlieren Männer. Da mir Vercingetorix aber etwas zu selbstherrlich geworden ist, wird es Zeit, ihn zu lehren, daß ein Krieg gegen Rom etwas ganz anderes als ein Krieg unter Galliern ist. Es hat mich viel Kraft und Überlegung gekostet, hierherzukommen, und inzwischen wird Vercingetorix wissen, daß ich hier bin. Daß er nicht nach Agedincum marschiert, zeigt sein militärisches Talent. Er will, daß wir uns hinauswagen und ihm auf einem Schlachtfeld seiner Wahl gegenüberstehen.«

»Und du willst ihm diesen Gefallen tun«, sagte Trebonius, der wußte, daß Caesar nicht in Agedincum bleiben würde.

»Nicht sofort, nein. Die Fünfzehnte und die Vierzehnte reichen zur Verteidigung Agedincums. Der Rest marschiert mit mir nach Vellaunodunum. Wir nehmen Vercingetorix die Basis weg, indem wir nach Westen ziehen und seine wichtigsten Stützpunkte bei den Senonen, Carnuten und Biturigen zerstören. Zuerst Vellaunodunum, dann Cenabum, dann Noviodunum im Land der Biturigen. Und danach nehmen wir uns Avaricum vor.«

»Und so rückst du Vercingetorix immer dichter auf den Pelz.«

»Und schneide ihn von Verstärkung aus dem Westen ab. Dann kann er seine Armee auch nicht in Carnutum versammeln.«

»Wie groß soll der Troß sein?« fragte Quintus Cicero.

»Klein. Ich werde die Haeduer dafür einspannen. Sie sollen uns mit Getreide versorgen. Aus Agedincum nehmen wir nur Bohnen, Kichererbsen, Öl und Speck mit.« Caesar sah Trebonius an. »Oder glaubst du, die Haeduer sind zu Vercingetorix übergelaufen?«

»Nein, Caesar«, mischte sich Fabius ein. »Ich habe sie genau beobachtet, und nichts deutet darauf hin, daß sie Vercingetorix in irgendeiner Weise unterstützen.«

»Dann riskieren wir das«, sagte Caesar.

Von Agedincum nach Vellaunodunum brauchten sie weniger als einen Tag. Drei Tage später fiel die Stadt an die Römer. Die senonischen Einwohner wurden gezwungen, sämtliche in der Stadt vorhandenen Lebensmittel einschließlich der dafür nötigen Lasttiere herauszugeben sowie Geiseln zu stellen. Caesar zog unverzüglich weiter nach Cenabum, das noch am Abend seiner Ankunft an ihn fiel. Da hier Cita und die anderen Ausländer ermordet worden waren, war das Schicksal der Stadt besiegelt. Sie wurde geplündert und niedergebrannt, die Beute unter den Soldaten verteilt. Anschließend war Noviodunum an der Reihe, ein oppidum der Biturigen.

»Für Reiter ein ideales Gelände«, frohlockte Vercingetorix. »Gutruatus, du bleibst mit den Fußsoldaten hier in Gorgobina. Für eine große Schlacht ist das Wetter zu kalt und unbeständig, aber da Caesar mit seinen Legionären zu Fuß unterwegs ist, kann ich ihm mit meinen Reitern gehörig zusetzen.«

Die Einwohner Noviodunums wollten sich gerade ergeben und Geiseln ausliefern, als Vercingetorix auftauchte. Prompt änderten sie ihre Meinung. Einige Zenturionen und Soldaten fanden sich plötzlich im oppidum eingeschlossen, konnten sich den Weg nach draußen aber freikämpfen, verfolgt von wütenden Schreien der Biturigen. Mitten in das Getümmel hinein schickte Caesar die tausend remischen Reiter, die er mitgenommen hatte, an ihrer Spitze vierhundert Ubier. Der Angriff erfolgte so schnell, daß Vercingetorix völlig überrumpelt wurde. Seine Reiter waren noch dabei, sich zum Angriff zu formieren, als die Germanen mit einem markerschütternden Schlachtruf, den man in diesem Teil Galliens seit Generationen nicht mehr vernommen hatte, auf sie trafen. Ehe die Gallier noch wußten, wie ihnen geschah, setzten die Remer nach, die sich beim Anblick der Germanen ein Herz gefaßt hatten. Vercingetorix mußte den Angriff abbrechen und sich zurückziehen. Hunderte seiner Reiter blieben tot auf dem Schlachtfeld zurück.

»Er hat Germanen dabei«, sagte er wütend im Kriegsrat, den er danach einberief. »Germanen! Und sie ritten remische Pferde. Ich dachte, er wäre mit der Belagerung beschäftigt. Wie hätte ich ahnen können, daß er so schnell angreifen kann. Aber er konnte es. Germanen!«

»Innerhalb von acht Tagen mußten wir drei Niederlagen einstecken«, sagte der Senone Drappes mürrisch. »Zuerst Vellaunodunum und Cenabum, jetzt Noviodunum.«

»Anfang April war er noch in Narbo, und Ende April marschiert er bereits nach Avaricum«, meinte der Mandubier Daderax verblüfft. »Sechshundert Meilen in nur einem Monat! Wie sollen wir da mithalten? Ob er so weitermacht? Was sollen wir tun?«

»Wir ändern unsere Taktik«, sagte Vercingetorix, der sich wieder gefaßt hatte. »Wir müssen von ihm lernen und ihn gleichzeitig das Fürchten lehren. Noch steckt er uns in die Tasche, aber nicht mehr lange. Von nun an werden wir seine Feldzüge verhindern. Wir zwingen ihn zum Rückzug nach Agedincum und kreisen ihn dort ein.«

»Und wie stellst du dir das vor?« fragte Drappes skeptisch.

»Wir werden viele Opfer bringen müssen, Drappes. Wir müssen unbedingt verhindern, daß er etwas zu essen findet. Zu dieser Jahreszeit und auch im nächsten halben Jahr gibt es auf den Feldern nichts zu ernten. Deshalb werden wir unsere Getreidespeicher und Scheunen und sogar unsere eigenen oppida niederbrennen. Alles, was an Caesars Weg liegt, muß verschwinden. Und kein einziges Mal werden wir uns zur Schlacht stellen. Statt dessen hungern wir ihn aus.«

»Wenn er hungert, hungern wir auch«, wandte Gutruatus ein.

»Wir werden nicht ohne Nahrungsmittel sein, wir beschaffen uns einfach welche von weiter weg. Wir lassen uns von Lucterius im Süden und von den Aremoricern im Westen etwas zu essen schicken. Außerdem schärfen wir den Haeduern noch einmal ein, daß sie den Römern nichts geben sollen. Nichts!«

»Und Avaricum?« fragte Biturgo. »Es ist die größte Stadt Galliens und voller Vorräte, und während wir hier reden, marschiert Caesar bereits darauf zu.«

»Wir folgen ihm, aber in so großem Abstand, daß er uns keine Schlacht aufzwingen kann. Und Avaricum — «, Vercingetorix runzelte die Stirn, » — sollen wir es verteidigen oder niederbrennen?« Das ausgemergelte Gesicht glühte. »Wir brennen es nieder«, sagte er entschlossen. »Das ist das Vernünftigste.«

»Nein!« rief Biturgo entsetzt. »Ohne mich! Du hast uns Biturigen in diesen Krieg hineingezogen, aber ich sage dir, daß wir zwar bereit sind, Dörfer, Ställe und meinetwegen auch unsere Bergwerke anzuzünden, aber niemals Avaricum!«

»Dann wird Caesar es erobern und jede Menge zu essen haben. Wir müssen es niederbrennen, Biturgo, wir haben keine andere Wahl«, beharrte Vercingetorix.

»Dann würden die Biturigen verhungern«, sagte Biturgo bitter. »Er kann es gar nicht erobern, Vercingetorix! Niemand kann Avaricum erobern! Wie wäre es sonst zur mächtigsten Stadt Galliens geworden? Dank seiner Lage und seiner tapferen Bewohner ist es uneinnehmbar und wird alle Zeiten überdauern. Wenn du es niederbrennst, geht Caesar woanders hin, vielleicht nach Gergovia, oder« — er sah den Mandubier Daderax durchdringend an — »nach Alesia. Ich frage dich, Daderax: Könnte Caesar Alesia erobern?«

»Niemals«, erklärte Daderax im Brustton der Überzeugung.

»Dasselbe kann ich von Avaricum sagen.« Biturgo sah wieder Vercingetorix an. »Bitte, ich flehe dich an! Alle Festungen, Dörfer oder Bergwerke, die du willst, aber nicht Avaricum! Auf keinen Fall Avaricum! Vercingetorix, ich bitte dich! Mach es uns nicht unmöglich, dir zu folgen! Locke Caesar nach Avaricum! Soll er doch versuchen, es einzunehmen! Er wird sich daran die Zähne ausbeißen!«

»Was meinst du, Cathbad?« fragte Vercingetorix.

Das Oberhaupt der Druiden überlegte und nickte dann. »Biturgo hat recht. Avaricum ist uneinnehmbar. Laß Caesar in dem Glauben, er könne es schaffen. Soll er doch ruhig bis Sommer vor der Stadt sitzen. Solange er dort ist, kann er nicht woanders sein. Und im Frühling trommelst du die Männer von ganz Gallien zusammen. Es ist gut, wenn die Römer an einem Ort beschäftigt sind. Wenn Avaricum brennt, würde Caesar weitermarschieren, und wir würden ihn wieder aus den Augen verlieren. Halte ihn in Avaricum fest.«

»Also gut, meinetwegen. Aber davon abgesehen gilt, was ich gesagt habe: Alles, was sich im Umkreis von fünfzig Meilen um Caesar befindet, wird in Brand gesteckt!«

Für die Römer war Avaricum das einzig schöne oppidum in Gallia Comata. Es war viel größer als Cenabum, aber wie dieses eine richtige Stadt und nicht nur ein Ort, an dem Lebensmittelvorräte gelagert und Stammesversammlungen abgehalten wurden. Auf einem buckelartigen Felsrücken gelegen — dem einzig festen Untergrund inmitten ausgedehnten sumpfigen, aber fruchtbaren Weidelands —, galt die Stadt aufgrund ihrer Lage und ihrer ungewöhnlich hohen Mauern als uneinnehmbar. Der einzige Weg in die Stadt führte über einen nur dreihundertdreißig Fuß breiten Felssporn, der sich allerdings kurz vor dem Tor absenkte, so daß die Stadtmauer an der einzig zugänglichen Stelle besonders hoch war. Überall sonst war der sumpfige Boden außerhalb der Mauern zu aufgeweicht für das Gewicht von Belagerungsmaschinen und schwerem Kriegsgerät.

Caesar lagerte mit seinen sieben Legionen am anderen Ende des Felssporns. Die Stadt war von einem murus gallicus umgeben, einer geschickt aus Steinen und vierzig Fuß langen hölzernen Stützbalken errichteten Mauer; sie war durch die Steine vor Brand geschützt und konnte dank der gewaltigen Balken Angriffen feindlicher Artillerie standhalten. Auch ein Rammbock konnte hier nichts ausrichten, dachte Caesar, während die Legionäre hinter ihm geschäftig das Lager aufbauten.

»Diesmal wird es schwierig«, sagte Titus Sextius.

»Man müßte eine Rampe über den Graben bauen, damit man gegen das Tor anrennen kann«, meinte Fabius stirnrunzelnd.

»Eine einfache Rampe wäre zu ungeschützt. Die gesamte Fläche ist nur etwa dreihundert Fuß breit, das heißt, die Einwohner brauchten die Mauer nur auf einer Breite von dreihundert Fuß zu bemannen, um uns abzuwehren. Nein, ich denke eher an eine Art Terrasse.« Caesars Stimme verriet seinen Legaten, daß er auf den ersten Blick erkannt hatte, was zu tun war. »Die Stelle, an der wir stehen, liegt auf derselben Höhe wie die befestigte Mauerkrone von Avaricum, deshalb arbeiten wir uns von hier aus vor. Dazu brauchen wir keine dreihundert Fuß breite Plattform. Wir schütten einfach zu beiden Seiten der Zufahrt Wälle auf, die von hier bis zur Stadtmauer führen, und zwar genau auf Höhe der Mauerkrone. Die Senke zwischen den beiden Wällen lassen wir einfach, bis wir fast an die Stadtmauer stoßen. Dann bauen wir einen weiteren Wall, der die beiden Seitenwälle miteinander verbindet. Wenn wir gleichmäßig vorrücken, behalten wir alles unter Kontrolle. Dreiviertel des Wegs können wir zurücklegen, ohne daß die Verteidiger uns ernsthaften Schaden zufügen können.«

»Baumstämme!« rief Quintus Cicero. Seine Augen glänzten vor Eifer. »Wir brauchen Tausende von Baumstämmen, Caesar! An die Äxte, Männer!«

»Jawohl, Quintus, an die Äxte! Darum kümmerst du dich. Jetzt werden sich die Erfahrungen, die wir im Kampf gegen die Nervier gemacht haben, als nützlich erweisen. Ich brauche Unmengen von Baumstämmen, und zwar so schnell wie möglich. Wir können hier nicht länger als einen Monat bleiben. Dann muß alles vorbei sein.« Caesar wandte sich an Titus Sextius. »Sextius, treib so viele Steine wie möglich auf. Und Erde. Wir brauchen beides als Füllmaterial.« Als nächster war Fabius an der Reihe. »Fabius, du bist für das Lager und den Proviant verantwortlich. Die Haeduer haben immer noch kein Getreide gebracht, und ich will wissen, warum. Auch von den Boiern ist nichts gekommen.«

»Von den Haeduern haben wir nichts gehört«, sagte Fabius mit sorgenvollem Gesicht. »Und die Boier behaupten, sie hätten wegen der Belagerung von Gorgobina keinerlei Vorräte mehr übrig — was ich ihnen sogar glaube. Ihr Stamm ist eher klein und ihr Gebiet nicht besonders fruchtbar.«

»Aber die Haeduer haben das beste und größte Land in ganz Gallien«, sagte Caesar. »Ich glaube, es ist höchste Zeit, daß ich an Cotus und Convictolavus schreibe.«

Caesars Kundschafter brachten schlechte Nachrichten. Vercingetorix war mit seinem gewaltigen Heer in einer Entfernung von fünfzehn Meilen in Stellung gegangen, genau dort, wo Caesar vorbei mußte, wenn er die Gegend verlassen wollte, denn nur ein Weg führte durch das riesige Sumpfgebiet. Schlimmer noch, alle Ställe und Scheunen der Umgebung lagen in Schutt und Asche. Caesar entband die Neunte und Zehnte Legion von den Bauarbeiten und kommandierte sie ins Lager ab, wo sie sich für den Fall eines gallischen Angriffs bereithalten sollten. Dann begann er mit dem Bau der Terrasse.

Um den Männern in der Anfangsphase Deckung zu geben, stellte er sämtliche verfügbaren Geschütze hinter einer Palisade auf. Die Steinmunition wurde allerdings für später aufgehoben; in der gegenwärtigen Situation waren Skorpione die idealen Waffen. Die Geschosse dieser Pfeilgeschütze bestanden aus drei Fuß langen Holzbolzen, versehen mit einer scharfen Spitze; das andere Ende war so geschnitzt, daß es dem gefiederten Ende eines Pfeils ähnelte. Unter den Nichtkombattanten gab es Spezialisten, die nichts anderes taten, als aus den Ästen der unter Quintus Ciceros Aufsicht gefällten Bäume Skorpionbolzen herzustellen; zur Überprüfung der Flugeigenschaften warfen sie die fertigen Bolzen auf Zielscheiben.

Allmählich wuchsen rechts und links der Zufahrt zwei Wälle aus Baumstämmen auf die Stadtmauer zu. Die Senke zwischen ihnen wurde nur teilweise aufgefüllt, um die arbeitenden Soldaten besser vor den Bogenschützen und Speerwerfern auf der Stadtmauer zu schützen. Gleichzeitig mit der Terrasse schoben sich lange Schutzunterstände oder Sturmdächer vor. Die beiden Belagerungstürme, die im römischen Lager gebaut wurden, sollten nach ihrer Fertigstellung auf den Wällen nach vorn geschoben werden. Fünfundzwanzigtausend Männer arbeiteten täglich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Hunderte von Bäumen wurden täglich gefällt und zugeschnitten, an Winden hochgezogen, wieder heruntergelassen und über den Boden gerollt, bis sie an der richtigen Stelle lagen.

Nach zehn Tagen hatte sich die Terrasse die Hälfte der Strecke zur Mauer von Avaricum vorgeschoben. Außer etwas Speck und Öl gab es inzwischen nichts Eßbares mehr. Von den Haeduern trafen stets neue Ausreden ein: Einmal waren die Wagen aufgrund eines Wolkenbruchs im Schlamm steckengeblieben, ein anderes Mal sämtliche Scheunen in der Umgebung von Avaricum von Ratten leergefressen worden, so daß das Getreide erst aus einer anderen, hundertzwanzig Meilen entfernten Gegend noch hinter Cabillonum herbeigeschafft werden mußte.. .

Caesar war ständig auf der Baustelle anwesend. »Ihr entscheidet, was ich tun soll«, sagte er zu seinen Männern. »Wenn ihr wollt, hebe ich die Belagerung auf, und wir kehren nach Agedincum zurück, wo uns anständiges Essen erwartet. Wir müssen nicht unbedingt hierbleiben, wir können die Gallier auch besiegen, ohne Avaricum einzunehmen. Ihr habt die Wahl.«

Und stets bekam er dasselbe zu hören: Die Pest sollte die Gallier holen und mit ihnen Avaricum und die Haeduer!

»Wir dienen seit sieben Jahren unter dir, Caesar«, sagte Marcus Petronius, der Sprecher der Zenturionen der Achten Legion. »Du hast uns immer gut behandelt, und wir haben dir nie Schande gemacht. Jetzt aufzugeben, nach all dieser Arbeit, wäre wirklich eine Schande. Nein danke, Feldherr, wir werden den Gürtel enger schnallen und weitermachen. Wir sind hier, um die Toten von Cenabum zu rächen; die Einnahme von Avaricum ist unseren Schweiß wert!«

»Wir müssen etwas Eßbares auftreiben, Fabius«, sagte Caesar zu seinem Stellvertreter, »auch wenn es nur Fleisch ist, denn sie haben keinen einzigen Kornspeicher stehengelassen. Schafe, Rinder — bring alles, was du kriegen kannst. Zwar mag niemand Rindfleisch, aber es ist immer noch besser als zu verhungern. Wo bleiben denn eigentlich unsere sogenannten Verbündeten, die Haeduer?«

»Wir hören weiterhin nur Ausreden von ihnen.« Fabius sah Caesar ernst an. »Meinst du nicht, ich sollte versuchen, mit der Neunten und Zehnten nach Agedincum durchzubrechen?«

»An Vercingetorix kommst du nicht vorbei. Er hofft, daß wir genau das versuchen. Außerdem müssen wir Avaricum erobern, wenn die Haeduer ihrer Pflicht weiterhin nicht nachkommen.« Caesar grinste. »Wirklich dumm von Vercingetorix. Er zwingt mich dazu, Avaricum zu erobern, weil es wahrscheinlich der einzige Ort in diesem gottverlassenen Land ist, wo ich etwas zu essen auftreiben kann.«

Am fünfzehnten Tag, als sich die Terrasse zwei Drittel des Weges an die Mauer herangeschoben hatte, verlegte Vercingetorix sein Lager noch weiter in Richtung Avaricum und beschloß, der auf Nahrungssuche durch die Gegend streifenden Zehnten Legion eine Falle zu stellen. Er ritt mit seinen Reitern los, um die Römer zu überrumpeln, doch ging der Plan nicht auf, da Caesar seinerseits um Mitternacht mit der Neunten ausrückte und Vercingetorix’ Lager bedrohte. Beide Seiten zogen sich daraufhin kampflos zurück — für Caesar keine einfache Sache, da seine Männer darauf brannten, zu kämpfen.

Auch Vercingetorix kam in Schwierigkeiten. Kein anderer als Gutruatus bezichtigte ihn plötzlich des Verrats. In Gutruatus waren Zweifel an Vercingetorix’ Fähigkeiten erwacht, und er begann zu überlegen, ob er nicht lieber selbst König werden sollte. Doch Vercingetorix konnte den Kriegsrat auf seine Seite ziehen und kam bei dieser Gelegenheit seinem Ziel, zum König von Gallien ausgerufen zu werden, noch ein Stück näher. Denn als die gallischen Krieger nach Beendigung des Kriegsrats erfuhren, daß er dort gezwungen worden war, sich zu rechtfertigen, ließen sie ihn hochleben, indem sie nach Landessitte mit der flachen Seite des Schwerts gegen die Buckel ihrer Schilde schlugen. Dann wurde beschlossen, daß zehntausend Freiwillige die Besatzung in Avaricum verstärken sollten. Sie in die Stadt zu bekommen war nicht weiter schwer, da der sumpfige Boden das Gewicht eines einzelnen Mannes ohne weiteres trug und sie auf der Seite, die Caesars Terrasse entgegengesetzt war, über die Mauer klettern konnten.

Am zwanzigsten Tag war die Terrasse so nah an die feindlichen Mauern gerückt, daß die zehntausend zusätzlichen Männer in der Stadt gut gebraucht werden konnten. Aus der inzwischen teilweise zugeschütteten Senke vor dem Stadttor erhob sich ein Wall von Baumstämmen, der die beiden parallelen Wälle für die Belagerungstürme miteinander verband. Caesar wollte versuchen, die Stadtmauer auf einer möglichst langen Strecke zu stürmen. Die Verteidiger versuchten unablässig, die Sturmdächer in Brand zu stecken, was ihnen jedoch nicht gelang, da Caesar im oppidum Noviodunum Eisenplatten gefunden hatte, mit denen er die Unterstände vor der Stadtmauer überdachen ließ. Daraufhin versuchten die Verteidiger den sich vor Avaricum auftürmenden Verbindungswall mit Enterhaken und Winden zu zerstören und ließen Pech, brennendes Öl und lodernde Reisigbündel auf jeden Soldaten niederregnen, der aus der Deckung auftauchte.

Während die Stadtmauer von Avaricum mit Türmen verstärkt wurde, entstand unter der Erde ein System von Tunneln, die unter der Stadtmauer hindurchführten und unter Caesars Terrasse endeten. Von dort gruben die Gallier sich wie Maulwürfe wieder nach oben, bis zur untersten Lage der Baumstämme, die sie mit Pech und Öl tränkten und dann anzündeten.

Da das Holz jedoch noch frisch und der wenige Sauerstoff rasch verbraucht war, bildeten sich gewaltige Rauchschwaden, die den Römern den Plan verrieten. Daraufhin beschlossen die Verteidiger einen Ausfall zu den römischen Wällen zu machen, um die Römer vom Löschen des Feuers abzulenken. Aus dem anfänglichen Scharmützel entwickelten sich bald heftige Kämpfe. Die Legionäre der Neunten und Zehnten Legion eilten aus dem Lager herbei, wenig später fingen die Seitenwände der Sturmdächer Feuer, ebenso die aus Häuten und Korbgeflecht bestehende Ummantelung des linken Belagerungsturms, der inzwischen bis fast an die Stadt herangeschoben worden war. Die Schlacht tobte die ganze Nacht und hielt auch im Morgengrauen noch an.

Ein paar Soldaten begannen mit Äxten ein Loch für Löschwasser in die Terrasse zu hacken. Inzwischen leiteten einige Legionäre der Neunten den durch das Lager fließenden Bach um, während andere aus Häuten und Stöcken eine Art Schütte fabrizierten, um das umgeleitete Wasser zum Feuer unterhalb der Terrasse zu befördern.

Vercingetorix hätte den Krieg hier und jetzt gewinnen können, wenn er mit seiner Armee eingegriffen hätte, doch hatte jetzt Gutruatus’ Vorwurf, Vercingetorix und seine Reiter hätten die gallische Armee leichtsinnig gefährdet, verhängnisvolle Folgen. Der König der Gallier, der noch immer auf die offizielle Königsweihe wartete, wagte es nicht, sich die einmalige Gelegenheit zunutze zu machen. Solange er nicht offiziell zum König ernannt war, war er nicht befugt, ohne Einberufung eines Kriegsrats in den Krieg zu ziehen. Bevor dieser aber nach einer langwierigen und hitzigen Debatte eine Entscheidung getroffen hätte, wären die Kämpfe vor der Mauer von Avaricum längst beendet gewesen.

Im Morgengrauen setzte Caesar die Artillerie ein. Auf dem Festungswall der Stadt stand ein Gallier und schleuderte treffsicher Talgklumpen und Pech in die Flammen am Fuß des linken Belagerungsturms. Da durchbohrte ihn plötzlich ein Skorpionbolzen, und tödlich getroffen stürzte er von der Mauer. Dem Gallier, der den Platz des Toten einnahm, erging es nicht besser — dank der Reichweite des Skorpions saß auch der nächste Schuß. Und so ging es weiter, bis das Feuer schließlich gelöscht war und die Gallier sich zurückzogen; kaum begann ein weiterer Gallier seine Brandgeschosse hinabzuschleudern, streckte ihn auch schon ein Bolzen des Skorpions nieder. Es war dieses Geschütz, das den Kampf entschied.

»Ich bin sehr zufrieden«, sagte Caesar zu Quintus Cicero, Fabius und Titus Sextius. »Wir haben bisher viel zu wenig Gebrauch von unseren Geschützen gemacht.« Fröstelnd zog er den scharlachroten Feldherrnmantel fester um sich. »Der Regen will anscheinend nicht mehr aufhören. Na ja, wenigstens drohen dann keine weiteren Brände. Laßt die Legionäre mit den Reparaturen anfangen.«

Am fünfundzwanzigsten Tag war das Werk vollendet. Die Terrasse war achtzig Fuß hoch und maß dreihundertdreißig Fuß von einem Turm zum anderen und zweihundertfünfzig Fuß von der Stadtmauer bis zur römischen Seite jenseits des Grabens. Ein eisiger, sintflutartiger Regen prasselte gnadenlos auf die Männer nieder, als sie den rechten Turm vorwärtsschoben, bis er sich auf einer Höhe mit dem linken befand. Es war genau der richtige Zeitpunkt für den Sturm auf die Stadt, denn die Wachen auf der Stadtmauer waren überzeugt, daß bei diesem Wetter kein Angriff der Römer erfolgen würde, und hatten Schutz vor den Elementen gesucht. Während die für die Gallier sichtbaren römischen Legionäre mit eingezogenen Köpfen ihrer üblicher Arbeit nachgingen, füllten sich Sturmdächer und Belagerungstürme mit Soldaten. Polternd schlugen die Zugbrücken der beiden Türme auf der Stadtmauer auf, und hinter einer auf dem römischen Querwall aufgestellten Palisade aus Schilden strömten Soldaten hervor, lehnten Leitern an die Mauer und warfen Enterhaken hinüber.

Die Überraschung war perfekt. Die Gallier wurden so schnell von der Mauer gefegt, daß sie kaum Gegenwehr leisten konnten. Wild entschlossen, so viele Römer wie möglich mit in den Tod zu nehmen, nahmen sie auf dem Marktplatz und anderen Plätzen keilförmig Aufstellung.

Noch immer regnete es in Strömen, und die Kälte nahm weiter zu. Doch die römischen Soldaten stiegen nicht in die Stadt hinunter. Stattdessen verteilten sie sich auf der Mauer und starrten nur zu den Galliern hinunter. Das genügte, um diese in Panik zu versetzen. Kopflos rannten sie in alle Richtungen — zu den Toren, der Mauer oder wo immer sie sich einen Fluchtweg erhofften — und wurden niedergemetzelt. Von den vierzigtausend Männern, Frauen und Kindern der Stadt gelang es nur etwa achthundert, sich zu Vercingetorix durchzuschlagen. Alle anderen starben. Nach fünfundzwanzig entbehrungsreichen Tagen waren Caesars Legionäre nicht in der Stimmung, jemanden zu schonen.

»Gut gemacht, Soldaten«, rief Caesar seinen auf dem Marktplatz von Avaricum angetretenen Truppen zu. »Jetzt können wir endlich wieder Brot essen! Bohnensuppe mit Speck! Erbseneintopf! Wenn ich jemals wieder ein zähes, altes Stück Rindfleisch sehe, besohle ich meine Stiefel damit! Ich danke euch! Jeder von euch hat zum Sieg beigetragen!«

Zuerst befürchtete Vercingetorix, die Ankunft der achthundert Überlebenden des Gemetzels von Avaricum könnte eine noch schlimmere Krise auslösen als die Herausforderung durch Gutruatus. Was würden seine Krieger denken? Daher griff er zu einer List, teilte die Flüchtlinge in kleine Gruppen auf und schmuggelte sie an seiner Armee vorbei zu ihren Landsleuten im Lager, die sich ihrer annahmen. Am nächsten Morgen versammelte er den Kriegsrat und schenkte ihm reinen Wein ein.

»Ich hätte nicht gegen meine innere Stimme handeln sollen«, sagte er, und sah Biturgo scharf an. »Es war aussichtslos, Avaricum zu verteidigen. Die Stadt war nicht uneinnehmbar, und weil wir sie nicht niedergebrannt haben, hat Caesar jetzt genügend Proviant, obwohl die Haeduer ihm nichts geliefert haben. Vierzigtausend unersetzliche Menschen sind tot, darunter die Krieger der kommenden Generation samt ihren Müttern und Großeltern. Es war nicht mangelnde Tapferkeit, die Avaricum zu Fall brachte, sondern die Erfahrung der Römer. Offenbar brauchen sie einen Ort, den wir für uneinnehmbar halten, nur einmal anzusehen, um zu wissen, wie sie ihn erobern können. Nicht weil die Verteidiger zu schwach wären, sondern weil sie so stark sind. Wir haben vier unserer wichtigsten Stützpunkte an Caesar verloren, drei davon innerhalb von acht Tagen und den vierten nach fünfundzwanzig Tagen, in denen die Römer so Gewaltiges geleistet haben, daß mir beim Gedanken daran fast das Herz stehenbleibt. Sie leisten körperlich mehr als wir. Sie können tagelang ununterbrochen marschieren und kommen schneller vorwärts als wir zu Pferd. Sie schichten einen Wald zu einer Terrasse auf, von der sie Avaricum stürmen. Sie töten unsere Männer mit ihren Bolzen. Sie sind hervorragende Soldaten, und sie haben Caesar.«

»Wir haben dich, Vercingetorix«, sagte Cathbad mit sanfter Stimme. »Und wir sind in der Überzahl.« Er drehte sich zu den schweigenden Häuptlingen um und ließ die Maske aus Schüchternheit und Demut fallen, hinter der er sich bisher verborgen hatte. Schlagartig verwandelte er sich in das Oberhaupt der Druiden — eine Quelle des Wissens, einen bedeutenden Sänger und Dichter, den Vermittler zwischen den Galliern und ihren Göttern, den Tuatha, das Haupt einer riesigen Bruderschaft, mächtiger als jede andere Priesterschaft der Welt.

»Wer sich zum Anführer eines großen Unternehmens erhebt, der übernimmt Verantwortung auch für den Fall des Scheiterns. In früheren Zeiten war es Sache des Königs, als derjenige vor die Götter zu treten, der sich freiwillig und im Namen des Volkes opferte, der sich persönlich der Bedürfnisse und Wünsche, Sehnsüchte und Hoffnungen der unter seinem Schutz stehenden Männer und Frauen annahm. Ihr aber, Krieger von Gallien, verwehrt Vercingetorix noch immer die Macht, die er braucht. Ihr mißgönnt ihm den Königstitel. Ihr wollt selbst König werden, wenn er scheitert, wovon ihr ohnehin überzeugt seid, weil ihr im Grunde eures Herzens gar nicht an ein vereintes Gallien glaubt. Ihr wollt selbst die Macht — für euch und euer Volk.«

Niemand sagte ein Wort. Gutruatus verzog sich noch tiefer in den Schatten, Biturgo schloß die Augen, und Drappes zupfte an seinem Schnurrbart.

»Vielleicht hat es im Augenblick tatsächlich den Anschein, als wäre Vercingetorix gescheitert«, fuhr Cathbad mit eindringlicher Stimme fort, deren schmeichelnder Unterton nicht zu überhören war. »Aber wir stehen erst am Anfang und müssen noch lernen — er und wir. Begreift endlich, daß die Tuatha ihn aus dem Nichts geschaffen haben. Wer kannte ihn vor Samarobriva?« Cathbads Stimme wurde gebieterisch. »Häuptlinge Galliens, wir haben nur eine Chance, uns von den Römern, von Caesar zu befreien! Diese Chance ist jetzt gekommen. Wenn wir unterliegen, dann darf es nicht deshalb sein, weil wir uns nicht einigen konnten, weil wir uns nicht dazu durchringen konnten, einen Mann zum König zu machen. Vielleicht brauchen wir später keinen König mehr, aber jetzt brauchen wir ihn. Nicht Sterbliche, nicht einmal Druiden waren es, die Vercingetorix auserwählt haben, sondern die Tuatha selbst, und wenn ihr die Tuatha fürchtet, liebt und ehrt, dann bezeugt dem eure Ehrerbietung, den sie ausgewählt haben. Kniet nieder vor Vercingetorix, und erkennt ihn als König eines vereinigten Gallien an.«

Nacheinander standen die großen Häuptlinge auf und beugten das linke Knie vor Vercingetorix. Die rechte Hand ausgestreckt, den rechten Fuß einen Schritt nach vorn, stand Vercingetorix vor ihnen. Seine steifen, farblosen Haare umstanden seinen Kopf wie ein Strahlenkranz, sein glattrasiertes, knochiges Gesicht leuchtete, und an seinen Armen und seinem Hals funkelten Edelsteine und Gold.

Das Ganze dauerte nur kurz, doch danach war alles anders. Jetzt war er König Vercingetorix, König eines vereinigten Gallien.

»Es ist Zeit, unsere Völker in Carnutum zu versammeln«, sagte er, »in dem Monat, den die Römer Sextilis nennen. Das Frühjahr wird dann fast vorüber sein, und der Sommer verspricht günstiges Wetter für einen Feldzug. Meine Boten werden den Menschen im ganzen Land klar machen, daß dies unsere einzige Chance ist, die Römer zu vertreiben. Vielleicht ist das Maß unseres Erfolges die Größe unseres Gegners. Wenn wir etwas Großes wollen, werden uns die Tuatha auch einen großen Gegner schicken. Deshalb brauchen wir uns im Fall einer Niederlage nicht zu schämen. Wir können uns damit trösten, daß unser Gegner der größte Gegner ist, dem wir je begegnen werden.«

»Aber auch er ist ein Mensch«, sagte Cathbad fest, »und er betet zu den falschen Göttern. Die richtigen Götter sind die Tuatha. Sie sind mächtiger als die römischen Götter. Wir kämpfen für eine gerechte Sache, und deshalb werden wir siegen!«

Als Gaius Trebonius und Titus Labienus Anfang Juni nach Avaricum kamen, ließ Caesar gerade das Lager abbauen und den Abmarsch vorbereiten. Die Römer waren in den Sümpfen auf eine große Herde von Lasttieren gestoßen, so daß sie sämtliche in Avaricum gefundenen Vorräte mitnehmen konnten.

»Vercingetorix wird versuchen, uns hinzuhalten und einer Schlacht aus dem Weg zu gehen«, sagte Caesar. »Wir müssen ihn also zum Kampf zwingen, und das werden wir tun, indem wir nach Gergovia marschieren. Gergovia ist seine Stadt, folglich wird ihm nichts anderes übrigbleiben, als sie zu verteidigen. Denn wenn Gergovia fällt, stürzen die Arverner ihn womöglich.«

»Es gibt allerdings ein Problem«, sagte Trebonius kummervoll.

»Ja?«

»Ich habe von Litaviccus erfahren, daß die Haeduer in sich gespalten sind. Cotus ist Convictolavus als Vergobret nachgefolgt und drängt die Haeduer, sich Vercingetorix anzuschließen.«

»Langsam habe ich von den Haeduern die Nase voll!« Caesar ballte die Fäuste. »Ich kann weder einen Aufstand in meinem Rücken noch eine Verzögerung gebrauchen. Egal, jetzt kann ich es sowieso nicht mehr ändern. Trebonius, nimm die Fünfzehnte und bringe sämtliche Vorräte von Avaricum nach Noviodunum Nevirnum. Was ist mit den Haeduern los? Habe ich ihnen etwa nicht Noviodunum Nevirnum und das gesamte Umland geschenkt, nachdem ich es den Senonen zur Strafe weggenommen hatte?« Caesar wandte sich an Aulus Hirtius. »Hirtius, bestelle alle Haeduer auf der Stelle zu einer Besprechung nach Decetia. Bevor ich etwas anderes unternehme, muß ich persönlich herausfinden, was bei ihnen los ist, und sie zur Ruhe bringen, sonst bricht am Ende noch ein Aufstand bei ihnen aus.«

Er sah Labienus an. Das Thema Commius mußte er vorläufig zurückstellen, denn er brauchte Labienus noch, und zwar ruhig und gefügig.

»Titus Labienus, ich werde das Heer aufteilen. Du übernimmst die Siebte, die Neunte, die Zwölfte und die Vierzehnte, außerdem die Hälfte der Reiterei — allerdings nicht die Haeduer. Nimm die Remer. Ich will, daß du die Länder der Senonen, Suessionen, Melder, Parisier und Aulercer mit Krieg überziehst. Halte alle Stämme entlang der Sequana so in Atem, daß sie gar nicht auf die Idee kommen, Vercingetorix Verstärkung zu schicken. Wie du das machst, überlasse ich dir. Mache Agedincum zu deiner Basis.« Er trat neben Trebonius und legte ihm den Arm um die Schultern. »Mach kein so trauriges Gesicht, Gaius Trebonius! Ich gebe dir mein Wort, daß du noch vor Jahresende genug zu tun bekommst. Im Moment lautet dein Befehl jedoch, Agedincum zu halten. Nimm die Fünfzehnte Legion aus Noviodunum Nevirnum dorthin mit.«

»Ich breche morgen früh bei Tagesanbruch auf«, sagte Labienus befriedigt. Er sah Caesar wachsam an. »Du hast noch gar nichts zu meiner Auseinandersetzung mit Commius gesagt.«

»Schade, daß du Commius hast entkommen lassen«, sagte Caesar. »Er wird uns noch zu schaffen machen.«

Die Besprechung mit den Haeduern in Decetia erwies sich als so kompliziert, daß Caesar am Ende keine Ahnung hatte, wer die Wahrheit sagte und wer log. Das einzig Gute an der ganzen Sache war, daß er auf diese Weise Gelegenheit hatte, persönlich zu den versammelten Haeduern zu sprechen, was vielleicht genau das war, was sie am dringendsten brauchten. Cotus war aus dem Amt gejagt, Convictolavus wieder eingesetzt und der junge, tatendurstige Eporedorix zum zweiten Vergobreten befördert worden. Auch die Druiden des Stammes waren anwesend und verbürgten sich für die Treue von Convictolavus, Eporedorix, Valetiacus, Viridomarus, Cavarillus und vor allem Litaviccus.

»Ich brauche zehntausend Fußsoldaten und jeden Reiter, den die Haeduer auftreiben können«, verlangte Caesar. »Sie werden bei Gergovia zu mir stoßen, und sie werden Getreide mitbringen, ist das klar?«

»Ich werde sie persönlich anführen«, sagte Litaviccus lächelnd. »Du kannst ganz beruhigt sein, Caesar. Die Haeduer werden nach Gergovia kommen.«

Mitte Juni konnte Caesar endlich zum Elaver und nach Gergovia aufbrechen. Inzwischen war es Frühjahr geworden, und das Schmelzwasser hatte die Bäche in reißende Ströme verwandelt, die die Soldaten nur noch auf Brücken überqueren konnten.

Als Vercingetorix von Caesars Plänen erfuhr, wechselte er sofort vom östlichen ans westliche Ufer des Elaver und zerstörte anschließend die Brücke, was Caesar dazu zwang, am Ostufer entlangzumarschieren. Vercingetorix beschattete ihn vom anderen Ufer aus und ließ sämtliche Brücken abreißen, an denen Caesar vorbeikam, kein besonders zeitraubendes Unterfangen, da die Gallier, die keine guten Steinmetze waren, nur Holzbrücken gebaut hatten. Tosend schoß der Fluß zu Tal; an eine Überquerung war nicht zu denken. Doch dann fand Caesar endlich, wonach er die ganze Zeit gesucht hatte: die Trümmer einer auf Steinpfeilern errichteten Holzbrücke. Zwar war der Brückenaufbau zerstört, aber die Pfeiler standen noch, und das genügte. Während vier von Caesars Legionen in Richtung Süden weitermarschierten, versteckte sich Caesar mit den beiden anderen am Ostufer im Wald und wartete, bis Vercingetorix vorbeigezogen war. Sodann schlugen die beiden Legionen eine neue Holzbrücke über den Elaver und marschierten ans Westufer, wohin ihnen kurze Zeit später die anderen vier folgten.

Vercingetorix zog im Eilmarsch nach Gergovia. Das große oppidum der Arverner lag auf einem kleinen Plateau inmitten hoch aufragender Felsen. Ein Ausläufer der Cebenna mit einigen der höchsten Gipfel des Massivs umgab Gergovia schützend. Der König von Gallien rückte jedoch nicht in die Stadt ein, sondern ließ seine hunderttausend Männer auf den zerklüfteten Höhen um das oppidum lagern und erwartete dort Caesars Ankunft.

Der Anblick war wahrhaft furchterregend. Auf den Felsen wimmelte es von Galliern, und schon ein kurzer Blick auf Gergovia überzeugte Caesar davon, daß die Stadt nicht im Sturm genommen werden konnte. Die einzige Möglichkeit war eine Blockade, was freilich wertvolle Zeit und, schlimmer noch, kostbaren Proviant verschlingen würde. Wenn der Nachschub der Haeduer nicht bald eintraf, hatte Caesar ohnehin nicht genügend Verpflegung für seine Truppen. Einige Dinge konnten in der Zwischenzeit allerdings erledigt werden. So wollte Caesar einen kleinen, steil abfallenden Hügel direkt unterhalb des Plateaus von Gergovia besetzen.

»Wenn der Hügel in unserer Hand ist, können wir ihnen fast ihre gesamte Wasserzufuhr abschneiden«, sagte Caesar. »Und wir verhindern, daß sie sich Proviant beschaffen.«

Gesagt, getan. Ohne Schwierigkeiten besetzte Caesar zwischen Mitternacht und Morgengrauen den Hügel. Anschließend errichtete er dort ein stark befestigtes Lager, das er durch einen langen Doppelgraben mit seinem Basislager verband. Dann bezog Gaius Fabius das Lager mit zwei Legionen.

Zwei Tage später ereignete sich ein entscheidender Vorfall. Wieder um Mitternacht kam der Haeduer Eporedorix in Caesars Basislager geritten. Begleitet wurde er von Viridomarus, einem Mann einfacher Herkunft, der es dank Caesars Einfluß zu einem Sitz im Senat der Haeduer gebracht hatte.

»Litaviccus ist zu Vercingetorix übergelaufen«, berichtete Eporedorix zitternd. »Und was noch schlimmer ist, die Armee ist ihm gefolgt. Sie sind bereits im Anmarsch auf Gergovia, angeblich um sich mit dir zu vereinigen, doch gleichzeitig haben sie Vercingetorix verständigt. Sobald sie in deinem Lager sind, wollen sie es besetzen, während Vercingetorix von außen angreift.«

»Dann bleibt mir nicht einmal mehr Zeit, die Lager zusammenzulegen«, stieß Caesar zwischen den Zähnen hervor. »Fabius, du mußt mit zwei Legionen das große und das kleine Lager halten. Ich kann dir keinen einzigen zusätzlichen Mann überlassen. Ich bin in einem Tag wieder da, aber so lange mußt du ohne mich durchhalten.«

»Ich werde es schaffen«, sagte Fabius.

Wenig später rückten vier Legionen und die gesamte Reiterei im Schnellschritt aus dem Lager aus. Im Morgengrauen stießen sie fünfundzwanzig Meilen weiter am Elaver auf die anrückenden Haeduer. Caesar ließ zunächst die vierhundert Germanen angreifen, dann folgte er selbst. Zwar konnte er die Haeduer in die Flucht schlagen, doch dann verließ ihn das Glück, denn es gelang Litaviccus, sich mit dem größten Teil der Armee und leider auch sämtlichen Vorräten nach Gergovia durchzuschlagen. Folglich würde die Besatzung Gergovias zu essen haben, Caesar dagegen nicht.

Auf dem Rückweg kamen den Römern zwei Reiter entgegen, die dem Feldherrn berichteten, daß beide Lager heftigen Angriffen ausgesetzt seien, Fabius sie bisher aber noch halten könne.

»Also gut, Soldaten, legen wir den Rest des Wegs im Schnellschritt zurück!« rief Caesar den Umstehenden zu und begann sofort zu laufen.

Erschöpft trafen sie im Lager ein.

»Die meisten Verluste haben uns die Pfeile zugefügt«, erklärte Fabius, während er Blut abwischte, das ihm aus einer Wunde am Ohr tropfte. »Anscheinend hat Vercingetorix beschlossen, wo immer er kann, Bogenschützen einzusetzen. Sie sind wirklich schlimm, und ich begreife langsam, wie dem armen Marcus Crassus zumute gewesen sein muß.«

»Dann bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als uns zurückzuziehen«, sagte Caesar grimmig. »Die Frage ist nur, wie. Wenn wir einfach davonlaufen, fallen sie wie die Wölfe über uns her. Nein, zuerst müssen wir gegen sie kämpfen und Vercingetorix so erschrecken, daß er uns beim Rückzug nicht sofort folgt.«

Die Entscheidung zum Rückzug wurde noch unausweichlicher, als Viridomarus mit der Nachricht zurückkehrte, die Haeduer befänden sich im offenen Aufstand.

»Sie haben den Tribunen Marcus Aristius aus Cabillonum gejagt und dann überfallen, gefangengenommen und seiner gesamten Habe beraubt. Es gelang ihm jedoch, sich mit ein paar römischen Bürgern in eine kleine Festung zurückzuziehen, wo er durchhielt, bis einige meiner Landsleute ihre Meinung änderten und ihn um Vergebung baten. Aber viele römische Bürger sind tot, Caesar, und zu essen gibt es auch nichts mehr.«

»Das Glück hat mich verlassen«, sagte Caesar, als er Fabius in dem kleinen Lager aufsuchte. Achselzuckend starrte er auf die große Zitadelle von Gergovia, dann straffte er sich. »Wir müssen Vercingetorix zur Schlacht zwingen.«

Die Reiter waren zu wertvoll, um verschwendet zu werden; außerdem handelte es sich bei den meisten um Haeduer, deshalb mußte man damit rechnen, daß sie die eigene Haut nicht aufs Spiel setzen würden. Das war zwar ärgerlich, aber Caesar hatte ja noch die vierhundert Germanen, die keine Angst kannten und sich begeistert in jede Gefahr stürzten; zur Verstärkung gab er ihnen als Soldaten verkleidete Maultiertreiber auf Maultieren mit. Die Reiter sollten die Gegend auskundschaften und dabei tüchtig Lärm machen.

Von Gergovia aus konnte man beide Lager der Römer einsehen, aufgrund der Entfernung jedoch keine Einzelheiten erkennen. So sahen die gallischen Wachposten nur geschäftiges Treiben: Reiter ritten auf und ab, zum Kampf gerüstete Legionäre marschierten hin und her, und allem Anschein nach wurde sämtliches Gerät aus dem größeren in das kleinere Lager verlegt.

Ein besonderes Problem für Caesar waren die scharenweise aus dem Heer des Litaviccus und Vercingetorix desertierenden Haeduer. Caesar blieb nichts anderes übrig, als sie mit den von Anfang an loyalen Haeduern zu vereinigen. Gemeinsam sollten sie am rechten Flügel angreifen. Da die meisten von ihnen nicht die traditionellen Kettenhemden der Haeduer mit entblößter rechter Schulter trugen, sondern typisch gallische Kettenhemden, und zudem in Kampfkleidung auf ihre charakteristischen, rotblau gestreiften Umhänge verzichteten, waren sie von Vercingetorix’ Männern nicht zu unterscheiden.

Wie so oft, hing der Erfolg auch dieses Unternehmens, das auf die Erstürmung der Zitadelle abzielte, von Hornsignalen ab. Jedes Manöver wurde von einem bestimmten Signal eingeleitet, und die Soldaten waren darin geübt, die jeweiligen Signale unverzüglich zu befolgen.

Zunächst ging alles gut. Die Achte Legion kämpfte an vorderster Front, und Caesar, der die Zehnte anführte, überwachte persönlich den Einsatz der Hornsignale. Die Römer eroberten drei feindliche Lager, und König Teutomarus von den Nitiobrigen, der schlafend in seinem Zelt gelegen hatte, war gezwungen, halbnackt auf einem verwundeten Pferd die Flucht zu ergreifen.

»So, das reicht«, sagte Caesar zu Quintus Cicero. »Hornist, laß zum Rückzug blasen.«

Die Zehnte trat auf das Signal hin geordnet den Rückzug an. Doch niemand, auch Caesar nicht, hatte die akustischen Eigenheiten des unübersichtlichen Geländes bedacht. Der blecherne Klang des Horns war zwar über dem Gefechtslärm deutlich zu hören, doch warfen die zerklüfteten Felsen sein Echo von allen Seiten zurück, so daß die Legionen, die weiter entfernt waren, nicht wußten, was das Signal bedeuten sollte. Weder die Achte noch die anderen Legionen traten deshalb den Rückzug an. Und schon kamen die Gallier, die die Rückseite Gergovias gesichert hatten, zu Tausenden herbeigestürzt, um die Vorhut der Achten von der Stadtmauer herunterzuwerfen.

Verschlimmert wurde das Durcheinander noch dadurch, daß die Haeduer auf dem rechten Flügel aufgrund ihrer Kettenhemden von den Römern für Feinde gehalten wurden. Legaten, Tribunen und Caesar rannten brüllend über das Schlachtfeld, rissen die Legionäre zurück und zwangen sie mit Gewalt, von den Haeduern abzulassen. Erst als Titus Sextius mit den Reserve-Kohorten der Dreizehnten Legion aus dem kleinen Lager anrückte, legte sich das Chaos allmählich. Schließlich erreichten die Legionen das Lager und überließen den Galliern das Feld.

Sechsundvierzig Zenturionen, größtenteils aus der Achten Legion, und fast siebenhundert Legionäre waren gefallen — ein Opfer, das Caesar die Tränen in die Augen trieb, zumal als er erfuhr, daß unter den toten Zenturionen auch Lucius Fabius und Marcus Petronius von der Achten waren, die beide ihr Leben für ihre Männer geopfert hatten.

»Das war gut, aber nicht gut genug«, sagte Caesar vor den angetretenen Legionären. »Wie ihr alle wißt, waren die Bodenverhältnisse ungünstig. Aber ihr seid Caesars Armee, und das heißt, daß von euch mehr erwartet wird als Tapferkeit und Wagemut. Natürlich, man darf sich von unüberwindlich scheinenden Mauern und bergigem Gelände nicht abschrecken lassen. Aber ich schicke euch nicht in die Schlacht, damit ihr euer Leben verliert! Ich opfere nicht meine wertvollen Soldaten und meine noch wertvolleren Zenturionen, nur um der Welt zu zeigen, daß mein Heer aus lauter Helden besteht! Tote Helden nützen niemandem. Tote Helden werden verbrannt, geehrt und dann vergessen. Heldenmut ist lobenswert, aber nicht alles im Leben eines Soldaten, erst recht nicht in Caesars Armee. Disziplin und Selbstbeherrschung sind für mich mindestens ebenso wichtig. Ich verlange von meinen Soldaten, daß sie mitdenken, daß sie einen klaren Kopf behalten, egal, wie heftig die Leidenschaft ist, die sie treibt. Denn mit einem klaren Kopf und klarem Denken werden mehr Schlachten gewonnen als mit Tapferkeit. Gebt mir keinen Grund zur Trauer, keinen Anlaß zu Tränen!«

Schweigend standen die Legionäre da. Caesar weinte.

Dann wischte er sich die Tränen aus den Augen und schüttelte den Kopf. »Aber es war nicht eure Schuld, Soldaten, und ich zürne euch nicht. Ich bin nur traurig. Wenn ich die Reihen abschreite, darf kein Gesicht fehlen. Ihr seid meine Soldaten, und ich brauche euch. Lieber will ich einen Krieg verlieren als einen einzigen Mann. Aber wir haben gestern nicht verloren, und wir werden auch diesen Krieg nicht verlieren. Gestern haben Gallier und Römer Teilsiege errungen. Wir haben Vercingetorix’ Lager erobert, er hat uns von den Mauern Gergovias gedrängt. Nicht der größere Mut der Gallier hat uns besiegt, sondern das Gelände und das Echo. Wenn ihr also an gestern denkt, gebt dem Echo die Schuld. Und wenn ihr an morgen denkt, vergeßt nicht die Lehre von gestern.«

Anschließend verließen die Legionen das Lager und nahmen auf einem geeigneten Platz in Schlachtordnung Aufstellung, doch Vercingetorix dachte gar nicht daran, herunterzukommen und sich der Aufforderung zum Kampf zu stellen. Die treuen Germanen stießen jene markerschütternden Schreie aus, die jedem Gallier Schauer über den Rücken laufen ließen, und provozierten ein kleineres Reitergefecht.

»Selbst hier, auf seinem Boden, läßt er sich nicht auf eine offene Schlacht ein«, stellte Caesar fest. »Wir werden auch morgen in Schlachtordnung aufmarschieren, obwohl er nicht herunterkommen wird. Danach ziehen wir aus Gergovia ab. Und damit wir hier mit heiler Haut rauskommen, sollen die Haeduer die Nachhut bilden.«

Vier Tage nachdem Caesar Gergovia verlassen hatte, erreichte er Noviodunum Nevirnum am Nordufer des Liger, unweit der Einmündung des Elaver. Bei seiner Ankunft mußte er feststellen, daß sämtliche Brücken über den Liger zerstört waren und sich die Haeduer im offenen Aufstand befanden. Sie hatten Noviodunum Nevirnum besetzt und in Brand gesteckt, damit Caesar nichts Eßbares finden würde, und — als sie sahen, daß sich das Feuer nicht schnell genug ausbreitete — den Inhalt der Lagerhäuser und Kornspeicher in den Fluß gekippt, damit auch nicht das Geringste für Caesar übrigblieb. Die auf dem Gebiet der Haeduer lebenden Römer sowie alle mit den Römern sympathisierenden Haeduer waren umgebracht worden.

Eporedorix und Viridomarus berichteten Caesar.

»Litaviccus hat die Macht übernommen, Cotus ist wieder gut angeschrieben, und Convictolavus tut, was ihm befohlen wird«, sagte Eporedorix betrübt. »Viridomarus und mich hat man enteignet und verbannt. Und in Kürze will Vercingetorix eine pangallische Konferenz in Bibracte abhalten und danach das Heer aller Gallier in Carnutum versammeln.«

Caesar hatte mit gesenktem Kopf zugehört. »Verbannung hin oder her, ich will, daß ihr zu eurem Volk zurückkehrt«, sagte er, als die Leidensgeschichte zu Ende war. »Erinnert die Haeduer daran, wer ich bin, was ich bin und wohin ich zu gehen beabsichtige. Sollten die Haeduer versuchen, sich mir in den Weg zu stellen, Eporedorix, werde ich sie wie einen Käfer zertreten. Die Haeduer haben Verträge mit Rom und genießen den Status eines Freundes und Verbündeten. Wenn sie weiterhin verrückt spielen, werden sie das alles verlieren. Nun kehrt zurück und tut, was ich gesagt habe.«

»Ich begreife das nicht!« rief Quintus Cicero. »Die Haeduer sind seit fast hundert Jahren unsere Verbündeten. Sie haben Ahenobarbus begeistert dabei geholfen, die Arverner zu besiegen. Sie sind doch schon halbe Römer und sprechen sogar Latein! Warum dieser plötzliche Meinungsumschwung?«

»Vercingetorix«, sagte Caesar, »und nicht zu vergessen die Druiden, von dem ehrgeizigen Litaviccus ganz zu schweigen.«

»Ich möchte noch einmal auf den Liger zu sprechen kommen«, sagte Fabius. »Die Haeduer haben nirgends eine Brücke stehen lassen. Ich habe Kundschafter ausgeschickt, die meilenweit alles absuchen. Laut allgemeiner Meinung ist der Fluß im Frühjahr zu tief, um zu Fuß durchquert zu werden.« Er lächelte. »Aber ich habe eine Stelle gefunden, an der wir es schaffen können.«

»Guter Mann!«

Die letzte Aufgabe, die Caesar von seinen tausend haeduischen Reitern verlangte, bestand darin, in den Fluß zu reiten und in dicht geschlossenen Reihen eine Art Schutzwall gegen die Strömung zu bilden. So vor der Wucht der Strömung abgeschirmt, konnten die Legionäre, obwohl ihnen das Wasser bis zum Bauch reichte, den Fluß ohne Schwierigkeiten durchqueren.

»Wir haben Glück«, sagte Sextius, der neben Caesar ritt. »Die Haeduer haben zwar Noviodunum Nevirnum niedergebrannt, aber sie haben es nicht übers Herz gebracht, ihre Ställe und Scheunen anzustecken. In der Gegend hier gibt es noch so viel zu essen, daß wir in den nächsten Tagen gut satt werden.«

»Gut, dann organisiere ein paar Trupps, die Proviant beschaffen. Und wenn du auf Haeduer stößt, Titus, töte sie.«

»Vor den Augen deiner Reiter?« fragte Sextius verblüfft.

»Ich bin mit den Haeduern endgültig fertig, und das gilt auch für ihre Reiter.«

»Aber du brauchst Reiter!«

»Auf Reiter, die mit ihren Lanzen auf die Rücken meiner Soldaten zielen, kann ich verzichten! Aber keine Sorge, wir werden Reiter haben. Ich habe Dorix von den Remern und Arminius von den Ubiern benachrichtigt. Ab sofort setze ich die Gallier nur noch im Notfall ein. Statt dessen lasse ich die Germanen für mich reiten.«

Noch am selben Abend hielt er im Lager Kriegsrat ab.

»Jetzt, wo die Haeduer sich von den Römern losgesagt haben, ist Vercingetorix sicher absolut überzeugt, daß er siegen wird. Was wird er deiner Meinung nach glauben, daß ich tue, Fabius?«

»Er glaubt vermutlich, daß du dich nach Gallia Narbonensis zurückziehst«, sagte Fabius sofort.

»Ganz meine Meinung.« Caesar zuckte mit den Schultern. »Das wäre schließlich auch das Vernünftigste. Wir sind auf der Flucht — so glaubt er zumindest —, wir mußten unverrichteter Dinge aus Gergovia abziehen, und den Haeduern können wir nicht mehr trauen. Wie sollen wir in einem Land zurechtkommen, in dem alle gegen uns sind? Und in dem wir kaum etwas zu essen haben, was überhaupt der entscheidende Punkt ist. Ohne den Proviant der Haeduer sind wir verloren. Also — Rückzug in unsere Provinz.«

»In der pausenlos gestritten wird«, sagte eine neue Stimme.

Überrascht blickten Fabius, Quintus Cicero und Sextus zum Zelteingang. Die Leinwand war zurückgeschlagen, und eine massige Gestalt, deren Kopf unverhältnismäßig klein wirkte, füllte die Öffnung aus.

»Na also«, sagte Caesar freundlich. »Da bist du ja endlich, Marcus Antonius! Wann war der Prozeß gegen Milo zu Ende? Anfang April? Und was haben wir jetzt? Schon Mitte Quinctilis?

Wie bist du gekommen, Antonius? Über Syrien?«

Unbeeindruckt von dieser ironischen Begrüßung zog Antonius die Leinwand mit einem Ruck hinter sich zu und warf sein sagum ab. Seine regelmäßigen, kleinen, weißen Zähne schimmerten, als sein Mund sich zu einem breiten Lächeln verzog. Er fuhr sich mit der Hand durch die kastanienbraunen Locken und starrte seinen Vetter zweiten Grades selbstbewußt an. »Nein, nicht über Syrien.« Er sah sich suchend um. »Ich weiß zwar, daß die Abendbrotzeit längst vorbei ist, aber vielleicht gibt es trotzdem noch etwas zu essen.«

»Warum sollte ich dir zu essen geben, Antonius?«

»Weil ich viele Neuigkeiten dabei habe, aber kaum etwas im Bauch.«

»Du kannst Brot, Oliven und Käse bekommen.«

»Ochsenbraten wäre mir zwar lieber, aber dann begnüge ich mich eben mit Brot, Oliven und Käse.« Antonius setzte sich auf einen freien Stuhl. »Seid gegrüßt, Fabius und Sextius! Wie geht es euch? Und sieh an, kein Geringerer als Quintus Cicero! Einen merkwürdigen Umgang pflegst du, Caesar.«

Quintus Cicero tat gekränkt, doch die Beleidigung wurde von einem gewinnenden Lächeln begleitet. Die beiden anderen Legaten grinsten.

Das Essen wurde aufgetragen, und Antonius fiel mit Appetit darüber her. Er nahm einen kräftigen Schluck aus dem Becher, den ein Diener ihm gefüllt hatte, machte eine Grimasse und setzte ihn empört ab. »Das ist ja Wasser!« sagte er entrüstet. »Ich brauche Wein!«

»Das kann ich mir lebhaft vorstellen«, sagte Caesar. »Aber in keinem meiner Lager wirst du welchen bekommen, Antonius. Ich leite eine trockene Operation. Und wenn sich meine Legaten mit Wasser zufriedengeben, tut das mein kleiner Quästor am besten auch. Außerdem kannst du nicht mehr aufhören, sobald du zu trinken anfängst — du bist nach dem Gift süchtig. An meinem Feldzug teilzunehmen wird dir guttun. Du wirst zuletzt so nüchtern sein, daß du vielleicht sogar erkennst, daß man mit einem Kopf, der nicht weh tut, denken kann.« Antonius öffnete protestierend den Mund, aber Caesar kam ihm zuvor. »Und erzähle mir jetzt nichts von Gabinius! Der hatte dich nicht im Griff, im Unterschied zu mir.«

Antonius schloß den Mund wieder, kniff seine braunen Augen zusammen und sah aus wie der Aetna kurz vor einem Ausbruch, doch dann begann er schallend zu lachen. Als er sich wieder gefaßt hatte, sagte er: »Du hast dich wirklich kein bißchen verändert, seit du mir damals so fest in den podex getreten hast, daß ich eine Woche lang nicht sitzen konnte! Dieser Mensch ist eine Geißel der gesamten Familie. Er terrorisiert alle. Aber wenn er spricht, hört selbst eine so dumme Gans wie meine Mutter auf zu heulen und zu kreischen.«

»Wenn du schon so geschwätzig bist, Antonius, würde ich lieber etwas Sinnvolles hören«, unterbrach ihn Caesar ernst. »Was geht im Süden vor?«

»Hm, eigentlich war ich auf dem Weg nach Narbo zu Onkel Lucius — nein, ich ging dann doch nicht selbst, ich hatte in Arelate zu tun — er hat dir jedenfalls einen Brief geschrieben, oder besser gesagt ein ganzes Buch.« Er griff in die Satteltasche, die neben ihm auf dem Boden lag, zog eine dicke Rolle heraus und überreichte sie Caesar. »Wenn du willst, sage ich dir, was drinsteht, Caesar.«

»Dann laß hören, Antonius.«

»Sobald das Frühjahr kam, ging es los. Lucterius schickte die Gabaler und einige der südlichen Arverner zum östlichen Rand der Cebenna, um Krieg gegen die Helvier zu führen. Die Helvier wurden in offener Schlacht geschlagen.« Antonius klang bitter. »Sie hatten geglaubt, die Gabaler besiegen zu können, doch hatten sie nicht mit den Arvernern gerechnet. Sie erlitten eine schlimme Niederlage. Auch Donnotaurus fiel. Allerdings haben Caburus und seine jüngeren Söhne überlebt, und seitdem geht es wieder aufwärts. Bei den Helviern sind wieder Ruhe und Frieden eingekehrt.«

»Der Verlust seines Sohnes muß für Caburus sehr schmerzlich gewesen sein«, sagte Caesar. »Weißt du, was die Allobroger vorhaben?«

»Sie wollen sich jedenfalls nicht Vercingetorix anschließen! Als ich durch ihr Gebiet kam, fiel mir auf, daß sie überall Befestigungen errichtet haben und alle Siedlungen bewachen lassen. Sie sind auf einen Angriff vorbereitet.«

»Und die Arecomicer?«

»Rutener, Cadurcer und ein paar Petrocorier haben unsere Provinz an der Grenze zwischen Vardo und Tarnis angegriffen, aber Onkel Lucius hat die Arecomicer so gut ausgerüstet und organisiert, daß sie sich behaupten konnten. Einige abgelegenere Siedlungen kamen natürlich zu Schaden.«

»Und in Aquitanien?«

»Gibt es soweit kaum Probleme. Die Nitiobrigen haben sich für Vercingetorix entschieden. Ihr König Teutomarus konnte unter den Aquitanern ein paar Reiter anheuern. Da er sich für zu vornehm hält, um unter einem normalen Sterblichen wie Lucterius zu dienen, will er sich Vercingetorix anschließen. Abgesehen davon ist südlich der Garumna alles ruhig und friedlich.« Antonius machte eine Pause. »Alle diese Informationen stammen von Onkel Lucius.«

»Dein Onkel Lucius wird sich freuen, wenn er erfährt, wie die Odyssee des hochmütigen Königs Teutomarus ausging«, sagte Caesar. »Er mußte nämlich ohne Hemd und auf einem verwundeten Pferd aus Gergovia fliehen, sonst hätte er später in meinem Triumphzug mitlaufen müssen.« Er bedankte sich bei Marcus Antonius mit einem Kopfnicken, wie seine Legaten es noch nie bei ihm gesehen hatten — so, als sei er plötzlich der höchste aller Könige und Marcus Antonius nur ein Wurm zu seinen Füßen. Wie ungewöhnlich!

Er wandte sich Fabius, Sextius und Quintus Cicero zu, wieder ganz der alte — keine Spur anders als bei tausend anderen Gelegenheiten. Einbildung, dachten Fabius und Sextius. Er ist der König der ganzen Familie, dachte Quintus Cicero; kein Wunder, daß er und mein Bruder Cicero sich nicht verstehen. Sie sind beide in ihren Familien König.

»Die Lage in der Provinz ist also zwar nicht ungefährlich, aber stabil. Zweifellos weiß Vercingetorix das genauso wie ich. Er wird also sicher annehmen, daß ich mich in die Provinz zurückziehe. Also werde ich ihm diesen Gefallen wohl tun müssen.«

»Aber Caesar!« rief Fabius mit großen Augen. »Das kannst du doch nicht tun!«

»Natürlich muß ich zuerst noch nach Agedincum. Schließlich kann ich Trebonius und den Troß nicht dort zurücklassen, geschweige denn die treue Fünfzehnte. Auch den guten Titus Labienus und die vier Legionen, die bei ihm sind, kann ich nicht einfach im Stich lassen.«

»Was macht der eigentlich?« fragte Antonius.

»Er macht seine Sache gut, wie immer. Als es ihm nicht gelang, Lutetia zu erobern, zog er flußaufwärts nach Metiosedum, der anderen großen Insel in der Sequana. Sie fiel sofort — die Bewohner hatten es versäumt, ihre Boote zu verbrennen. Danach kehrte er nach Lutetia zurück. Kaum tauchte er wieder auf, steckten die Parisier ihre Inselfestung in Brand und flohen Hals über Kopf nach Norden.« Caesar runzelte die Stirn. »Wie es scheint, hat sich die Nachricht von meiner Niederlage und dem Aufstand der Haeduer bereits überall in Gallien verbreitet.«

»Deiner Niederlage?« fragte Antonius, doch ein strenger Blick ließ ihn sogleich verstummen.

»Dem Brief zufolge, den ich heute am späten Nachmittag von Labienus erhielt, ist dieser der Meinung, daß jetzt kaum der geeignete Zeitpunkt für einen größeren Feldzug nördlich der Sequana ist. Erstaunlich, wie gut er mich kennt! Er wußte, daß ich meine gesamte Armee brauchen würde.« Caesars Stimme nahm einen bitteren Klang an. »Bevor er aufbrach, hielt er es für angebracht, den Parisiern unter Führung des alten Camulogenus und ihren neuen Verbündeten eine Lehre zu erteilen. Sie sollten merken, daß es sich nicht lohnt, Titus Labienus zu ärgern. Die neuen Verbündeten waren Commius’ Atrebaten und einige Bellovacer. Jetzt sind die meisten von ihnen tot, auch Camulogenus und viele Atrebaten. Labienus ist auf dem Weg nach Agedincum.« Caesar stand auf. »Ich gehe ins Bett. Wir müssen morgen früh los — allerdings nicht in Richtung Gallia Narbonensis, sondern nach Agedincum.«

»Hat Caesar wirklich bei Gergovia eine Niederlage erlitten?« fragte Antonius Eabius, als sie das Zelt des Feldherrn verließen.

»Caesar? Eine Niederlage? Nein, natürlich nicht. Es war ein Unentschieden.«

»Und wäre ein Sieg gewesen, wenn die verdammten Haeduer ihn nicht gezwungen hätten, ans Nordufer des Liger zurückzukehren«, fügte Quintus Cicero hinzu. »Die Gallier sind ein schwieriger Gegner, Antonius.«

»Er klang nicht begeistert von Labienus, trotz des Lobes.«

Die drei Legaten sahen einander an. »Tja«, sagte Quintus Cicero, »Labienus ist ein problematischer Fall. Er hat kein Gewissen, ist aber ein glänzender Soldat. Caesar ist mit ihm überhaupt nicht glücklich.«

»Wenn du mehr wissen willst, mußt du Aulus Hirtius fragen«, sagte Sextius.

»Wo soll ich heute nacht schlafen?«

»In meinem Zelt«, antwortete Fabius. »Hast du viel Gepäck? Natürlich, das habt ihr syrischen Potentaten ja immer. Tänzerinnen, Schauspieler, Streitwagen, die von Löwen gezogen werden.«

Antonius grinste. »Ich wollte schon immer in einem von Löwen gezogenen Streitwagen fahren, glaube aber, Vetter Gaius würde das nicht billigen. Deshalb habe ich auch die Tänzerinnen und Schauspieler lieber in Rom zurückgelassen.«

»Und die Löwen?«

»Mußten in Africa bleiben.«

»Ich sehe keinen Grund, weshalb die Haeduer einen Arverner als Hochkönig und Oberbefehlshaber anerkennen sollten!« erklärte Lira viccus vor den in Bibracte im Land der Haeduer versammelten Galliern.

»Wenn die Haeduer zum neuen, unabhängigen Gallien gehören wollen, müssen sie sich dem Willen der Mehrheit beugen«, sagte Cathbad vom Podium herab, auf dem er neben Vercingetorix saß.

Der Unmut der Haeduer war ausgelöst worden, als sie beim Betreten der Versammlungshalle hatten feststellen müssen, daß nur zwei Männer den Vorsitz führten und keiner von beiden Haeduer war. Die Vorstellung, sich von unten zu Wort melden und dabei zu einem Arverner aufschauen zu müssen, war unerträglich! Eine derartige Beleidigung durfte man sich nicht gefallen lassen!

»Wer sagt denn überhaupt, daß die Mehrheit Vercingetorix will?« fragte Litaviccus. »Hat vielleicht eine Wahl stattgefunden? Wenn ja, wurden die Haeduer jedenfalls nicht dazu eingeladen! Soweit wir wissen, hat Cathbad lediglich eine kleine Gruppe von Adligen, unter denen kein einziger Haeduer war, dazu gedrängt, das Knie vor Vercingetorix zu beugen, als Zeichen, daß er ihr König sei. Wir haben das nicht getan und werden es auch nicht tun! «

»Litaviccus!« rief Cathbad laut und stand auf. »Litaviccus! Wenn wir siegen wollen, wenn wir als eine vereinte Nation in den Krieg wollen, muß jemand König sein, bis der Krieg, der unsere Unabhängigkeit sichert, vorbei ist! Danach haben wir genügend Zeit, um in einer Ratsversammlung aller Völker über die endgültige Form unserer Regierung zu entscheiden. Die Tuatha haben Vercingetorix dazu bestimmt, unsere Völker bis dahin zusammenzuhalten.«

»Ach so, verstehe! Das Ganze wurde in Carnutum beschlossen, wie?« höhnte Cotus und stand ebenfalls auf. »Eine Verschwörung der Druiden, um einen unserer Erzfeinde auf den Thron zu erheben!«

»Es gab und gibt keine Verschwörung«, sagte Cathbad geduldig. »Was sich aber jeder der heute hier anwesenden Haeduer vor Augen halten sollte, ist, daß es kein Haeduer war, der sich den Völkern Galliens als König angeboten hat, der den Widerstand angefacht hat, der Caesar das Leben so schwermacht und der die Völker Galliens zusammengerufen hat. Es war kein Haeduer, sondern ein Arverner. Vercingetorix!«

»Ohne die Haeduer hat euer vereinigtes Gallien keine Chance«, sagte Convictolavus und trat neben Litaviccus und Cotus. »Ohne die Haeduer hätten die Gallier in Gergovia nicht gesiegt.«

»Ohne die Haeduer ist euer vereinigtes Gallien so leer wie eine Puppe aus Stroh!« rief Litaviccus und reckte sich stolz auf. »Ohne die Haeduer könnt ihr nicht gewinnen! Wir brauchen uns nur bei Caesar zu entschuldigen und uns wieder in den Dienst der Römer stellen, ihnen Essen, Reiter, Soldaten und Informationen verschaffen. Vor allem Informationen!«

Vercingetorix stand auf und ging zum Rand des Podiums, auf dem bis zu diesem Tag ausschließlich Haeduer den Vorsitz geführt hatten und einmal Caesar.

»Niemand bestreitet die Bedeutung der Haeduer«, sagte er schrill. »Niemand will die Verdienste der Haeduer herabsetzen, ich am allerwenigsten. Aber ich bin der König von Gallien! Damit müßt ihr euch abfinden. Und ihr dürft nicht hoffen, daß die anderen Völker Galliens bereit wären, mich durch einen von euch zu ersetzen. Du bist sehr ehrgeizig, Litaviccus, und du hast dir große Verdienste um unsere Sache erworben, ich wäre der letzte, der das bestreiten würde. Doch haben die Völker Galliens nicht dich zum König bestimmt!«

Cathbad trat neben ihn. »Die Lösung ist ganz einfach«, sagte er. »Jedes Volk des freien Gallien bis auf die Remer, Lingonen und Treverer ist heute hier vertreten. Die Treverer lassen sich entschuldigen, weil sie wegen der ständigen Überfälle der Germanen, die es auf ihre Pferde abgesehen haben, ihr Land nicht verlassen können. Die Remer und Lingonen dagegen sind Handlanger Roms. Aber sie werden ihrem Schicksal nicht entgehen. Laßt uns also abstimmen, allerdings nicht um einen König zu wählen. Es gibt nur einen Kandidaten, und das ist Vercingetorix. Laßt uns darüber abstimmen, ob Vercingetorix König von Gallien ist oder nicht.«

Die Abstimmung ergab eine überwältigende Mehrheit für Vercingetorix. Nur die Haeduer hatten dagegen gestimmt.

Nach der Abstimmung zog Cathbad auf dem Podium unter einem weißen, mit einem Mistelzweig verzierten Schleier einen juwelenbesetzten, goldenen Helm heraus, an dem zwei goldene, gleichfalls juwelenbesetzte Flügel angebracht waren. Vercingetorix kniete nieder und ließ sich von Cathbad krönen. Als Vercingetorix’ Gefolgsleute aufs Knie sanken, kapitulierten die Haeduer und knieten ebenfalls nieder.

»Wir können warten«, flüsterte Litaviccus Cotus zu. »Soll er sich ruhig als König opfern! Von nun an werden wir ihn genauso benutzen, wie er uns benutzt.«

Vercingetorix war sich dieser Stimmung bei den Haeduern durchaus bewußt, beschloß jedoch, sie vorläufig zu ignorieren. Wenn Gallien erst von Rom und Caesar befreit war, würde er seine Energie der Verteidigung seines Anspruchs auf die Krone widmen.

»Jedes Volk schickt zehn hochrangige Geiseln nach Gergovia«, befahl der König von Gallien. Er hatte vor der Versammlung mit Cathbad über dieses Thema gesprochen. Ein Beweis des Mißtrauens, hatte Cathbad eingewandt. Eine kluge Vorsichtsmaßnahme, hatte Vercingetorix ihm entgegengehalten.

»Ich will das Heer vor der allgemeinen Versammlung in Carnutum nicht vergrößern, denn ich habe nicht vor, Caesar in einer offenen Schlacht entgegenzutreten. Doch fordere ich als euer König von euch fünfzehntausend zusätzliche Reiter, und zwar sofort. Mit ihnen und den Reitern, die mir bereits unterstehen, werde ich verhindern, daß die Römer auf der Suche nach Proviant durch die Gegend ziehen.«

Seine Stimme wurde lauter. »Darüber hinaus verlange ich von euch ein Opfer. Ich befehle allen Völkern, sämtliche Dörfer, Ställe und Scheunen, die an Caesars Marschroute liegen, niederzubrennen. Die von uns, die von Anfang an dabei sind, haben das bereits getan. Jetzt aber befehle ich es auch den Haeduern, Mandubiern, Ambarrern, Sequanern und Segusiavern. Meine anderen Völker werden denen, die hungern müssen, damit die Römer hungern, von ihren Vorräten abgeben.«

»Hast du das gehört?« zischte Litaviccus. »>Ich befehle<, Meine anderen Völker!<«

»Nur so können wir siegen«, fuhr Vercingetorix fort. »Heldenmut auf dem Feld reicht nicht aus. Wir kämpfen weder gegen Feiglinge noch gegen skandinavische Berserker, noch gegen Dummköpfe. Unser Gegner ist stark, tapfer und klug. Folglich müssen wir mit sämtlichen Waffen kämpfen, die uns zur Verfügung stehen. Wir müssen stärker, tapferer und klüger sein. Wir werden unseren heiligen Boden aufreißen, die Ernte unterpflügen und alles verbrennen, was Caesars Armee als Nahrung dienen oder sonst irgendwie nützen könnte. Ein hoher Preis, der sich jedoch lohnt, Gallier. Denn unser Lohn ist die Freiheit, die wahre Unabhängigkeit, das eigene Land! Für freie Menschen in einem freien Land!«

»Für freie Menschen in einem freien Land!« brüllten die Gallier und trampelten mit den Füßen auf die Holzdielen des Fußbodens, daß es nur so donnerte; und schließlich fanden die Füße einen gemeinsamen Rhythmus und stampften einen kriegerischen Trommelwirbel, während Vercingetorix auf sie herabstarrte. Auf seinem Kopf funkelte die Krone.

»Litaviccus«, befahl er, »schicke zehntausend Fußsoldaten der Haeduer und achthundert Reiter ins Gebiet der Allobroger und bekriege sie solange, bis sie sich uns anschließen.«

»Verlangst du, daß ich sie persönlich anführe?«

Vercingetorix lächelte. »Mein lieber Litaviccus, du bist viel zu wertvoll, um an die Allobroger verschwendet zu werden. Einer deiner Brüder wird diese Aufgabe übernehmen.«

Er hob die Stimme. »Wie ich erfahre, beginnen die Römer, in ihre Provinz abzuziehen! Unser Sieg in Gergovia hat diese Wende ausgelöst!«