Kapitel 32

Der Wiederkehrende

Die Vorstellung, dass Kimi gleich fort sein würde, brachte Ella fast um den

Verstand, nachdem der Anruf bei Nora, mit der Bitte vorbeizukommen, ihr schon grauenhaft schwergefallen war. Den Gedanken an seine Eltern hatte sie nach dem gestrigen Abend

sofort verworfen – die würden ihn jetzt noch weniger verstehen als zuvor schon. Sie selbst war jedoch außerstande, sich um den Jungen zu kümmern, während unklar war, ob Gabriels risikoreiche Rechnung aufging und sie alle in Sicherheit vor dem Inkubus waren. Zu gern hätte sie Kimi begleitet und das Haus mit dem unheimlichen Spiegel hinter sich gelassen.

Zudem wollte sie diejenige sein, die bei Kimi saß, während er nach einem Ausdruck für das suchte, was ihm zugestoßen war. So sollte es eigentlich sein. Es war ihre Aufgabe, ihm zur Seite zu stehen, dazu beizutragen, dass er das Erlebte überwand. Und genau aus diesem Grund musste sie in der Villa bleiben.

Als der picobello polierte Uralt-Saab auf den Vorhof fuhr, rutschte Ella trotzdem das Herz in die Hose. Kimi, der auf den Treppenstufen saß, versteckte sein Gesicht noch tiefer in seinen verschränkten Armen. Kaum hatte Gregor den Wagen zum Halten gebracht, da

sprang Nora auch schon zur Tür hinaus und stürzte auf sie zu.

»Ich weiß, du willst mir im Augenblick nicht erzählen, was passiert ist, aber Ella … ich mache mir so große Sorgen! Die Sache gestern Abend auf dem Fest, und heute geht es Kimi schlecht, und du siehst auch aus, als ob du einen Blick in die Hölle geworfen hättest. Was ist nur mit einem Mal los?«

Ella zog tief Luft in ihre Lungen und betete darum, weder in Tränen auszubrechen noch allzu verzweifelt zu klingen. »Nora, es ist, wie ich es bereits am Telefon gesagt habe: Ich brauche jemanden, der sich um Kimi kümmert, während ich ein paar Dinge erledige. Wenn das für dich nicht ohne eine weitere Erklärung okay ist, dann verstehe ich das. Dann muss ich mich eben nach einer anderen Lösung umsehen.«

»Nein, das musst du nicht«, beeilte sich Nora klarzustellen. »Gregor und ich, wir machen das. Und wenn du irgendwas anderes von mir brauchst, dann bekommst du auch das.«

Nun musste Ella doch blinzeln. Es half nichts, ihr liefen einige Tränen übers Gesicht, egal, wie schnell sie sie wegwischte. »Nein, das wäre alles. Außer vielleicht …« Sie lehnte sich vor und flüsterte in Noras Ohr: »Wie weit würdest du gehen, damit Gregor bei dir bleibt?«

»Du weißt, wie weit ich gegangen bin. Und das war für mein Gefühl bloß eine kurze

Strecke. Ist es denn eine sehr weite Strecke, die du für Gabriel gehen musst? Denn darum geht es hierbei doch.«

»Darum, aber noch um etwas anderes.« Ella erwiderte noch einmal die Umarmung, dann

löste sie sich. »Sei umsichtig mit Kimi, es geht ihm wirklich sehr schlecht.«

Nora nickte, ohne eine weitere Frage zu stellen. Stattdessen wandte sie sich Kimi zu.

»Kommst du, Herzchen?«

»Nein!« Kimi hob nicht einmal den Kopf.

Es lag so viel Verzweiflung und Trotz in diesem Nein, dass Ella fast aufgegeben hätte.

»Bitte, mach es mir nicht schwerer, als es ohnehin schon ist. Geh mit Nora, sie kann sich jetzt besser um dich kümmern als ich.«

Nun sah Kimi doch auf. »Du schiebst mich ab. Weil ich so daneben bin.«

»Um Himmels willen, das stimmt doch nicht!«

Ella ließ sich vor ihm auf die Knie fallen und redete mit Engelszungen auf ihn ein.

Unterdessen war Gregor ebenfalls ausgestiegen, vollkommen stumm. Dafür sah er aus, als würde er nur zu gern jemanden für Ellas und Kimis von Erschöpfung gezeichnete Gesichter bestrafen. Es kostete Ella und Nora eine gute Stunde, um den völlig aufgelösten Jungen davon zu überzeugen, dass er keineswegs abgeschoben werden sollte, sondern alle

ausschließlich das Beste für ihn wollten. Diese Stunde nutzte Gregor, um die Räume nach dem Sündenbock zu durchsuchen, vermutlich in der Hoffnung, Gabriel zu finden und eine Erklärung aus ihm herauszuprügeln. Denn dass Gabriel der Grund für die Verzweiflung und Tränen war, da war Gregor sich zweifelsohne sicher.

Nachdem Ella Kimi endlich auf den Rücksitz von Gregors Wagen verfrachtet hatte, zog er sie mit einem erstaunlich kräftigen Griff zu sich, sodass sie fast an seiner Brust landete.

»Gabriel wird doch wieder zurückkehren, oder?«

Ella verblüffte diese Frage, da er den ganzen Morgen über ihn geschimpft hatte. »Ich kann mir nichts anderes vorstellen«, antwortete sie, obwohl die Sorge an ihr zu fressen begann wie Feuer an Papierrändern.

Kimi senkte den Kopf, löste die Finger jedoch nicht von ihrem Arm, sondern packte noch fester zu, als könne nur sie ihm Halt schenken. »Bin ich schuld?« Endlich sprach er aus, was ihm mehr als das Erlebnis in seinem Traum zugesetzt hatte. Die Vorstellung, dass ihm das Erlebte zu Recht geschah.

Von einem unerwartet heftigen Gefühl heimgesucht, beugte Ella sich vor und versenkte ihr Gesicht in seinem feinen Haar. »Nein, überhaupt nicht! An dem, was geschehen ist, trägt niemand weniger Schuld als du. Sobald Gabriel zurück und die Sache geklärt ist, werde ich dich von Nora abholen. Sofort, versprochen. Du gehörst in dieses Haus, genau wie ich, Kimi.

Mit Gabriels Rückkehr werden wir drei die Uhren auf null drehen und einen gemeinsamen Neubeginn starten.«

»Neubeginn klingt gut«, sagte Kimi. Dann gab er ihren Arm frei und schenkte ihr ein

zittriges Lächeln. »Hol’ s die Katze. Ich könnte jetzt wirklich ein Wasserglas voll Wodka gebrauchen, aber ich befürchte, auf unseren Neubeginn werden wir mit lauwarmem

Leitungswasser anstoßen, wie ich dich kenne.«

»Was soll ich sagen? Du kennst mich wirklich hervorragend, Lieblingsneffe.«

Nachdem der Wagen vom Hof gerollt war, spielte Ella mit dem Gedanken, im Garten auf

Gabriels Rückkehr zu warten. Doch zum ersten Mal lockte das blütendurchsetzte Grün sie nicht. Also ging sie ins Haus und duschte, wobei sie froh war, sich den Wasserstrahl über den Kopf brausen zu lassen. So musste sie wenigstens nicht darüber nachdenken, ob sie weinte, während sie Gabriels Spuren abwusch. Mit feuchten Haaren betrat sie das

Spiegelzimmer, in das die Sommerhitze desNachmittages nicht vorgedrungen war.

Schaudernd setzte sie sich vor den Rahmen, der mit einer Substanz gefüllt war, die wie Spiegelglas aussah, aber in Wirklichkeit keins war. Ihr mitgenommenes Abbild nahm sie nur am Rande wahr, während ihre Aufmerksamkeit auf eine Bewegung irgendwo dahinter

ausgerichtet war. Doch sie wurde enttäuscht. Nichts regte sich, niemand erschien auf der anderen Seite.

Irgendwann schlief sie vor Erschöpfung und Sorge ein.

-

Es war bereits später Abend, als Ella aufwachte. Sie war der festen Überzeugung, eine feine Berührung hätte sie geweckt. Ähnlich einem gehauchten Kuss hinter das Ohr, dort, wo die Haut besonders empfindlich ist. Nachdem sie sich aufgesetzt hatte, stellte sie jedoch fest, dass sie allein war.

Immer noch.

Unwillkürlich legte sie die Hand auf ihre Brust, da sie das Gefühl hatte, ihr würde die Luft zum Atmen fehlen. Gabriel war verschollen. Kein Zeichen deutete auf seine baldigeRückkehr hin, und nun, nach dem Schlaf, der von unruhigenTräumen ohne ein klares Bild bestimmt gewesen war, hatte die Angst auch den kleinsten Funken Hoffnung erstickt. Er ist fort, hämmerte es hinter ihrer Stirn, verloren gegangen … oder sogar gescheitert und vom Dämon in tausend Splitter zerschlagen.

Ella unterdrückte ein Aufstöhnen und zuckte plötzlich vor Überraschung so stark zurück, dass sie mit den Schultern gegen die Wand schlug.

Sie war allein.

Ja.

Und sie war es doch nicht.

Im Spiegel war in weiter Ferne Gabriel zu sehen. Zuerst winzig klein, dann so groß, dass der Spiegel lediglich seinen Torso zeigte. Mit gerunzelter Stirn betastete er die Rückseite des Spiegelglases, vorsichtig, als befürchtete er, dasssie unter der Berührung zersprang. Zu ihrer Erleichterung sah er genauso aus, wie er sie verlassen hatte: das Gesicht gezeichnet von Kimis Schlägen und mit dem grob eingeritzten Rankenmuster auf dem Oberkörper, aber

ansonsten unversehrt.

Im Nu war Ella auf den Beinen und stand vor dem Spiegel, Gabriel so nah, dass sie nur noch die Hand ausstrecken musste. »Du hast es geschafft!«, schrie sie, außer sich vor Glück. »Komm zu mir, lass den Spiegel hinter dir!«

Doch Gabriel schien sie weder zu sehen noch zu hören. Zumindest nicht richtig, denn er drehte den Kopf, als habe ihn ein Echo erreicht, das er nicht recht verorten konnte. Dann betastete er abermals die Spiegelscheibe. Ella konnte die Stellen sehen, an denen seine Fingerkuppen auf dem Glas auflagen.

Er sucht nach einem Ausgang, wurde ihr bewusst. Es ist, als wäre er in einen gefrorenen See eingebrochen und hielte nun Ausschau nach der Einbruchstelle, um wieder auftauchen zu können. Entschlossen begann sie, mit den Fäusten gegen den Spiegel zu hämmern und laut seinen Namen zu rufen. Gabriel zuckte zusammen, dann drehte er sich um, und für einen Moment sah es so aus, als würde er in die Richtung gehen, aus der das Echo ihn erreicht hatte. Aber da berührte Ellas Faust seinen aufliegenden Handteller. Gabriel fuhr herum und sah ihr direkt in die Augen. Mit seinen Lippen formte er lautlos ihren Namen, dann lächelte er.

Ella ertappte sich dabei, wie sie vor lauter Erleichterung anfing, wirres Zeug zu reden, trotzdem konnte sie nicht damit aufhören. »Du bist da … du hast es geschafft … Gabriel …

mein Gabriel. Geh einfach hindurch. Bitte, versuch es doch.«

Fortwährend wiederholte sie seinen Namen, als ob es sich dabei um die Losung, die das Tor zur Traumwelt öffnen und ihn freigeben würde, handelte. Doch Gabriel stand nach wie vor hinter dem Spiegelglas und schlug nun seinerseits mit der Hand dagegen, ohne dadurch etwas zu bewirken. Außer dass ihm der Aufprall Schmerzen bereitete, denn er verzog das Gesicht, und eine leichte Blutspur blieb an der Oberfläche haften. Dann sah er sich um, und obwohl Ella nichts von der Umgebung, in der er sich befand, erkennen konnte, vermutete sie, dass er nach etwas Ausschau hielt, mit dem sich das Glas einschlagen ließ. Bevor er sich von ihr abwandte und vielleicht für immer aus ihrem Blickfeld verschwand, lehnte sie sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen die Spiegelscheibe in der Hoffnung, hindurchzusinken und in die Traumwelt einzudringen, wenn Gabriel schon keinen Weg hinausfand.

Einen Moment lang stand er abwägend da, dann neigte er sich ebenfalls auf seiner Seite gegen die Barriere, die sie voneinander trennte.

Zuerst war da nur schneidende Kälte und eine Glätte, der nichts Lebendiges innewohnte.

Doch schon im nächsten Augenblick breitete sich eine Wärme aus, von der Ella annahm, sie stamme von ihrem Körper, der das Glas erwärmte. Dann begriff sie schnell, dass es Gabriels Berührung von der anderen Seite war, die sie erreichte. Als stünde er tatsächlich vor ihr, schmiegte Ella sich an das Glas, störte sich nicht länger an der anfänglichen Kälte, die Gabriel sogleich vertrieb. Sie legten ihre Finger aufeinander, und nur kurz schmerzte sie die Erkenntnis, dass es unmöglich war, sie ineinander zu verschränken. Langsam führte Ella ihre Lippen an das Glas, legte sie nur einen Hauch auf, wartete, bis die Wärme vonGabriels Lippen auf der anderen Seite zu ihr durchgedrungen war. Dann erst deutete sie einen Kuss an. Rasch wurde aus der verspielten Geste mehr, denn das Glas war schon lange nicht mehr ein Fremdkörper, sondern pulsierend und geschmeidig. Fast so, als würde sie wirklich Gabriels Mund auf ihrem spüren. Als sie ihre Lippen öffnete, stellte sie fest, dass es tatsächlich sein Mund war, der den Kuss erwiderte.

Überrascht setzte Ella zurück, und Gabriel folgte ihr, gezogen durch die Verbindung ihrer Lippen, die er offenbar nicht aufzugeben gedachte. Er schien sich überhaupt nicht bewusst zu sein, dass er den Spiegel gerade hinter sich ließ.

Ehe der Zauber zerbrach, umschlang Ella seinen Nacken. »Ich habe dich«, sagte sie

atemlos.

Für ein paar Herzschläge sah Gabriel sie lediglich verblüfft an, dann blickte er über seine Schulter. Dort war nicht etwa ein Spiegelbild zu sehen, das sie beide in einer Umarmung zeigte, sondern nur der Rahmen samt hölzerner Rückwand.

»Willkommen zu Hause.«

Mehr brachte Ella nicht hervor, denn Gabriel riss sie bereits wieder an sich. Eine Spur zu leidenschaftlich, sodass sie aufkeuchte. Seine Hände suchten sich umgehend einen Weg unter ihr Shirt. Sie fühlten sich kühl an, als hätten sie den Einfluss der Spiegelwelt noch nicht ganz abgestreift. Ella erwiderte die Umarmung, um ihn zu wärmen und sich zugleich zu bestätigen, dass er auch wirklich bei ihr war. Ein Gefühl, für das es keine Worte gab. Und doch … Wie gern wollte sie ihm sagen, wie schrecklich die letzten Stunden gewesen waren, wie überwältigend ihre Sorge. Aber Gabriel gab sie keinen Zentimeter frei. Er hielt sie an sich gepresst, viel zu eng, wie Ella sich widerwillig eingestand. Genau wie seine Küsse zu fordernd und die Berührung seiner Hände weniger zärtlich denn gierig ausfielen.

Es liegt an der Situation, beruhigte Ella sich. Er will gewiss nicht grob sein, die Anspannung schlägt nur gerade in Erregung um und verdrängt jede andere Empfindung. Und warum ist das bei mir nicht so? Warum will ich ihn halten, liebkosen und hören, dass nun alles gut ist, anstatt mich auf seine Lust einzulassen?

Obwohl Ella befürchtete, Gabriel könnte sich zurückgestoßen fühlen, beendete sie den Kuss. »Bitte«, sagte sie, »sprich mit mir.«

Der Blick, mit dem er sie maß, war vollkommen fremd.

Sicher, es waren seine grauen Augen, die ihr mittlerweile vertraut wie ihre eigenen waren.

Aber diesen Ausdruck hatte sie zuvor noch nie in ihnen gesehen. Neugierig, geradezu

gefühlskalt und … distanziert, obgleich seine Hand weiterhin auf ihrer Brust lag. Als wäre sie nicht die Frau, die er liebte, sondern lediglich ein Spielzeug, das nicht ganz die Erwartungen erfüllte. Selbst die zu einem Lächeln geschürzte Oberlippe glich den Eindruck nicht aus, vor einem Fremden zu stehen, jemandem, der sich hinter Gabriels Maske versteckte.

Bevor Ella zurückweichen konnte, schlang er seine Arme fest um sie. Bislang hatte sie für Gabriels muskulöse Arme geschwärmt, jetzt bekam sie die Kraft zu spüren, die in ihnen steckte. Mit zunehmender Beklemmung versuchte Ella, sich zu befreien. Ein sinnloses

Unterfangen. Die Arme lagen wie Schraubstöcke um ihren Oberkörper, und sie spürte durch ihr Oberteil hindurch die Kälte, die von ihnen ausging. Das ist nicht Gabriel, erkannte sie. Er würde mir niemals seinen Willen aufzwingen.

»Lass mich los«, sagte Ella.

Wer auch immer vor ihr stand, er senkte den Kopf und begann, zärtlich an ihrem

Ohrläppchen zu knabbern. Jede Berührung führte zu einem Brennen wie von unzähligen

Nadelstichen. Eine Zungenspitze fuhr ihre Ohrmuschel entlang und hinterließ einen

Frosthauch.

»Ich weiß nicht, wer du bist, aber ich will, dass du mich sofort loslässt.«

Sie spürte Lippen an ihrer Schläfe, erst weich und anschmiegsam, dann hart wie Glas.

»Du weißt genau, wer ich bin, Gartenmädchen«, sagte eine fremde Stimme, deren tiefes Timbre eine Seite in Ella zum Klingen brachte, die sie nie zuvor wahrgenommen hatte. Ihre Angst war augenblicklich wie weggewischt, verdrängt von einem Verlangen … einem

Verlangen danach, sich in den eigenen Wünschen zu verlieren. Sich hinzugeben trotz des Wissens, den Höhepunkt nicht zu überstehen. Das Überschreiten der Schwelle, an der alles möglich ist, selbst um den Preis des Wahnsinns.

Ja, sie wusste, wer er war. Oder vielmehr: Was er war. Der Schuldeneintreiber, den Gabriel hatte abhängen wollen. Der Inkubus, auf der Suche nach einem neuen Traum.

Dann ebbte das Verlangen endlich ab, und Ella wünschte sich inständig, ihr Gegenüber niemals zum Reden verleitet zu haben. Seine Stimme hatte einen Riss in sie gegraben, den nur er würde ausfüllen können. Während sie getrieben ein- und ausatmete, fragte sie sich, ob es das war, was Kimi erlebt hatte. Aber ihr Gespür verriet ihr, dass ihr Erlebnis mit dem Inkubus ein anderes war. Wie auch nicht? Denn er hatte seine Welt verlassen, um bei ihr zu sein. War mit ihrer Hilfe in die Realität eingetreten, was im Grunde unmöglich sein sollte. Es sei denn … sie schliefe noch und all das passierte ausschließlich in ihrem Traum.

»Wenn das hier mein Traum ist, dann kann ich auch bestimmen, was in ihm geschieht«,

sagte sie laut, als könne sie es selbst erst glauben, wenn die Feststellung in ihren Ohren widerhallte.

»Versuch es«, knurrte der Inkubus mit seiner überirdischen Stimme und setzte Ella in Flammen.

Wahrhaftig, sie stand in Flammen, während er sie in seinen Armen hielt. Sie brannte

lichterloh. Die Hitze liebkoste sie, leckte über ihre Haut, fuhr durch ihr Haar. Es war erregend und verzehrend zugleich. Sie wollte sich ganz und gar dem Vergnügen hingeben, schmelzen unter der Wärme, schmelzen unter seinen Händen …

Ella stockte.

Das kam ihr doch bekannt vor, so war es ihr schon einmal ergangen, und es war noch gar nicht so lange her. Sie war mit Gabriel zusammen gewesen … in einem Traum … jede

einzelne seiner Berührungen hatte sich wie ein Sonnenstrahl angefühlt, warm und prickelnd

… und sie hatte sich in flüssiges Gold verwandelt.

»Das ist ein Traum von Gabriel und mir, dessen du dich gerade bedienst«, stellte sie überrascht und dann zunehmend ungehalten fest. »Das ist mein Traum, du elender Dieb. Er gehört mir! Und wenn ich ihn mit jemandem teilen will, dann mit dem echten Gabriel und nicht mit einem Eindringling, der sich hinter seinem Abbild versteckt. Schluss damit!«

Ein lautes Knacken ertönte.

Zeitgleich mit dem Inkubus sah Ella auf dessen Brust, in die sich ein Spalt gegraben hatte.

Keine Wunde, aus der Blut hervordrang oder die gar verletztes Gewebe offenbarte. Nein, ein Haarriss wie bei einem beschädigten Spiegel.

Ohne Zögern schlug Ella gegen den Riss, und feine Verästelungen taten sich auf, wuchsen weiter, bis der gesamte Oberkörper mit Rissen übersät war.

Der Inkubus nahm sein Auseinanderbrechen hin. »Ich bin ein Dieb. Ein Dieb, der etwas hat, das du unbedingt willst. Wenn du dich also nicht bestehlen lässt, dann bist du vielleicht bereit, zu tauschen. Einen Traum gegen eine Liebe. Tu dir selbst einen Gefallen und denk über mein Angebot nach. Wenn du zu lange brauchst, dann wird da nämlich niemand mehr sein, den ich zum Tausch anbieten könnte«, sagte er mit seiner trotz der bitteren Worte berauschenden Stimme.

»Warum sollte ich dir glauben, dass du Gabriel überhaupt in deiner Gewalt hast? Alles, was du bislang geboten hast, waren Lügen.«

»Ich habe keineswegs behauptet, ihn in meiner Gewalt zu haben. Wie sollte ich auch? Er hat sich mir schließlich entzogen. Zumindest das ist ihm gelungen, auch wenn es ihm nicht die erhoffte Rettung gebracht hat. Ich weiß allerdings, wo er ist. Und ich weiß, dass er von dort niemals einen Weg zurückfinden wird. Wenn du ihn willst, brauchst du meine Hilfe.«

Nur mit Mühe konnte Ella den Wunsch unterdrücken, dem Inkubus alles zu geben, was er wollte, um Gabriel zurückzubekommen. »Du hast dich nicht gerade als vertrauenswürdig erwiesen. Woher weiß ich, dass dieses Angebot nicht ein Trick ist, mit dem du an meinen Traum gelangen willst?«

»Heißt es nicht, wer mit einem Dämon verhandelt, weiß nie, worauf er sich einlässt? Aber denk nach: Bei diesem Handel liegt der Vorteil eindeutig auf meiner Seite, denn ich

bekomme einen wundervollen Traum, und Gabriel kehrt dorthin zurück, wo er hingehört. An dem Ort, wo er jetzt ist, nutzt er keinem von uns etwas«, sagte der Inkubus. »Überleg es dir, und wenn du eine Entscheidung getroffen hast, komm zu mir. Du weißt jetzt ja, wie du mich finden kannst. Geh einfach zu einem von denen, die geglaubt haben, mit mir spielen zu können. Die sich vor mir verstecken und mir meinen Tribut vorenthalten. Grüß sie von mir und richte ihnen aus, dass ich mich auf ein baldiges Wiedersehen freue. Es ist Zeit für die Rückrunde, und ich habe vor, alle ausstehenden Schulden einzutreiben.«

Als Ella den Blick des Inkubus erwiderte, grub sich ein Riss durch seine Iris und spaltete sie. Mit einem Entsetzensschrei brach sie aus der Umarmung und sah, wie er in Splitter zerbrach. Und während sie noch um ihr Gleichgewicht kämpfte, schmolzen die Splitter zu einer silbrigen Lache, die in den Rahmen floss und ihn ausfüllte. Das Spiegelglas zeigte jedoch nicht etwa ihr von Panik gezeichnetes Gesicht, sondern ein Labyrinth. Unendlich groß, voller scharfer Zacken und Kanten, wie gebrochenes Glas. Und was sie in diesem Labyrinth entdeckte, ließ sie verstummen.

-

Immer noch geblendet, versuche ich einen Weg zu finden. Wobei… nein … Ein Weg wäre ja etwas, doch hier ist nichts. Nur grelles Licht, so schneidend scharf, dass ich mich wie zerstückelt fühle.

Aber das kann nicht sein!

Denn wenn ich die Hände vorstrecke, ist da – nichts.

Wenn ich mich auf die Knie fallen lasse, spüre ich keinen Grund.

Mein Fuß bleibt an keinerlei Hindernis hängen.

Und trotzdem. Da muss ein Widerstand sein, an dem ich mich zerreibe. Feiner und feiner zerreibt es mich. Ich weiß es. Da sind Dinge, die mir fehlen. Abgestorbene Gedanken, abhandengekommene Gefühle. Aus den Schnitten, die ich nicht ertasten kann, fließen Erinnerungen. Aus den Wunden, die mir beigebracht werden, fallen Ideen und Wünsche. Ich blute aus. Ich weiß es. Noch.

-

Ella stand noch lange regungslos da, selbst als das Bild von Gabriel im Labyrinth dunkel anlief. Dann ertönte plötzlich ein ohrenbetäubendes Krachen: Schlagartig war das

Spiegelglas von unzähligen Rissen durchzogen und zerfiel im nächsten Augenblick samt Rahmen zu Staub, den der einfallende Sommerwind aufwirbelte.

Ungläubig starrte Ella auf die leere Stelle, der endgültige Beweis dafür, dass Gabriel nicht länger ein Teil dieser Welt war. »Nein«, sagte sie ungläubig, als selbst die letzten silbernen Staubspuren sich verflüchtigten. Gabriels Pforte war zerstört und er somit verloren in dem Grenzland zwischen Traum und Wirklichkeit. Es gab keinen Ausweg mehr für ihn. Und nicht nur das. Die Welt, in der er sich jetzt aufhielt, fraß ihn Stück für Stück auf.

Gabriel kann nicht zurück, er kann nirgendwohin. Es gibt keinen Weg, der ihn zu dir führt, begriff sie ein für alle Mal. Ohne seinen Spiegel ist er ein Gefangener. Nicht einmal mehr in einen Traum kann er sich flüchten.

Ella wandte den Blick ab und sah zum Fenster hinaus. Dort draußen lag ihr Garten in der flirrenden Sommerhitze. Dorthin konnte sie gehen, da war sie sich sicher, nach allem, was der Inkubus gesagt hatte. Und vom Garten aus würde auch ein Weg zu Gabriel führen.

»Wenn du nicht zu mir kommst, dann komme ich zu dir«, beschloss sie.

Dämonen-Reihe Bd. 4 Traumsplitter
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