Kapitel 7

Das Ziel vor Augen

Es dauerte eine Weile, bis Gabriel am Hafen einen Parkplatz gefunden hatte,

denn dank des herrlichen Wetters war am Pier die Hölle los. Es war zwar kein richtiger Parkplatz, auf dem er seinen alten Mustang abstellte, sondern eher eine Feuerwehreinfahrt, aber er setzte leichten Herzens auf sein Glück. Eigentlich konnte man bei Glück ja nicht davon sprechen, es gepachtet zu haben, aber da Gabriel in seinem Leben schon in einigen brenzligen Situationen gesteckt hatte und immer glimpflich davongekommen war, kam es ihm so vor. Wird schon gut gehen, flüsterte ihm eine innere Stimme zu. Und deshalb sah er sich auch nicht absichernd um, als er an einem Obststand im Vorbeigehen eine Handvoll Kirschen mitnahm.

Fortuna war seine beste Freundin, zumindest in den kleinen Dingen des Lebens. Das

zeigte sich etwa in dem Aushang, den er keine fünf Minuten nach seiner Ankunft in Sandfern entdeckt hatte. Damit hatte er nicht nur einen wunderbaren Unterschlupf gefunden, wo man ihm keine Fragen darüber stellte, was er in der Stadt verloren hatte, sondern er hatte auch eine in so mancher Hinsicht beeindruckende Person kennengelernt.

Was allerdings die großen Dinge des Lebens anbelangte … in dieser Hinsicht würde

Gabriel nicht länger seine Hand für Fortunas Verlässlichkeit ins Feuer legen. Denn so gut ihm die Hafenstadt auch gefiel, er war keineswegs freiwillig hier. Die Lüge Ella gegenüber, dass er den Sommer nach seinem Uniabschluss vertrödeln wollte, war ihm dennoch leicht gefallen, weil er sich im Grunde genau das wünschte: eine unbeschwerte Zeit, gern in Gesellschaft dieser eigensinnigen Person.

Eine Weile vertrieb Gabriel sich die Zeit damit, die Segelschiffe im Hafen zu beobachten.

Wenigstens hatte er Ella nichtangelogen, als er ihr sagte, er würde gern Zeit am Hafen totschlagen. Ihm gefiel das ewige Kommen und Gehen, die Bewegung der Menschen und

Schiffe, in der man sich verlieren konnte. Und genau das ließ er auch jetzt zu: Er leerte seinen Kopf und ließ die Eindrücke an sich vorbeiziehen. Alles, was ihn belastete, rückte in weite Ferne, angefangen bei dem Chaos, in das sein Leben sich verwandelt hatte, über die ihn langsam auffressende Angst, die er zunehmend schwerer unter Kontrolle halten konnte, bis hin zu dem heutigen Tag, den er in einer maroden Villa mit einer jungen Frau verbracht hatte, die ihm für einige Stunden dasGefühl vermittelte, jemand Unbedarftes zu sein.

Jemand, der ein paar Wochen lang einfach nur den Kopf in die Wolken hängen wollte. Der perfekte Typ für eine Sommerliebe. Wie gern wäre Gabriel genau dieser Typ gewesen …

Das Läuten eines Glockenturms verriet ihm, dass es sieben Uhr war. Die Sonne neigte sich bereits als goldene Scheibe dem Horizont zu. Es würde zwar noch eine ganze Weile dauern, bis sie unterging, und selbst dann würde sich nichts an der Hitze ändern, da war er sich sicher. Sogar direkt am Wasser war es erstaunlich warm, vermutlich sogar unangenehmer als in der Stadt, denn das Meer schien geradezu zu verdunsten.

Unwillkürlich dachte Gabriel an das schattige Grün, das ein ganzes Reich hinter der Villa ausmachte. Wie wunderbar wäre es jetzt, unter diesem Blätterdach mit jemandem wie Ella an seiner Seite zu dösen. Sie unter halb geschlossenen Lidern dabei zu beobachten, wie sie langsam einnickte und sich forttreiben ließ in jenen verwirrenden Zustand der Träume.

Stattdessen stand er wartend am Kai, während ihm der Schweiß zwischen den

angespannten Schulterblättern hinunterlief.

Gabriel legte seinen Kopf in den Nacken und ging inGedanken zum hundertsten Mal seine Chancen durch. Die Chancen, mit heiler Haut aus dem Schlamassel herauszukommen, sich umzudrehen und nie wieder zurückzublicken. Obwohl … beim letzten Punkt war er sich

nichtganz so sicher, ob er das wirklich wollte. Denn egal, wie schlecht es ihm gerade erging, sich vollends abzuwendenvon dem Leben, das er die letzten Jahre geführt hatte, konnte er dann auch wieder nicht. Viel zu lange war ihmalles gleichgültig gewesen, zu einfach und austauschbar. Zumindest hatte er sich eingebildet, sich zu langweilenund dass es ihm nichts ausmachen würde, sein altes Leben aufzugeben und einen Teil seines Selbst mit dazu. Für diesen Irrtum zahlte er nun.

»Einen Penny für deine Gedanken«, sagte eine samtig tiefe Frauenstimme neben ihm, die ihm nur allzu vertraut war.

Gabriel zuckte zusammen, als ihm bewusst wurde, dass er mit geschlossenen Augen sein Gesicht der untergehenden Sonne hinhielt, anstatt acht auf seine Umgebung zu geben. Die Gelegenheit, sich gleich von Anfang an als versierten Mann darzustellen, war vertan.

Andererseits … wenn er den Überblick hätte, dann hätte er ja wohl auch kaum um dieses Treffen bitten müssen, oder?

Bernadette war also gekommen, genau wie sie es ihm in der tausendfach an Spiegelglas geschriebenen Nachricht versprochen hatte.

Immer noch von der Sonne geblendet, dauerte es einen Moment, bis Gabriel die Frau

neben sich nicht mehr nur verschwommen sah. Trotzdem blinzelte er noch einige Male. Das war also Bernadettes wahre Erscheinung. Gabriel konnte es kaum glauben. Als er sie vor einigen Tagen aufgesucht hatte, war sie nicht mehr als ein blasser Schemen gewesen,

während ihr Äußeres jetzt schlicht umwerfend war: Bernadettes Figur entsprach genau der Silhouette, die entstand, wenn Männer einen Frauenkörper schwungvoll mit den Händen

nachzeichneten. Ihrem Gesicht nach war sie höchstens Anfang dreißig, aber bei diesen vollen Lippen dachte ohnehin niemand über so etwas Unwichtiges wie das Alter nach. Sie war eine Schönheit, wie sie im Buche stand, und Gabriel war vermutlich der einzige Mann auf dem langen Pier, der das nicht zu schätzen wusste. Mit den Fangnetzen des guten

Aussehens kannte er sich nämlich aus; wenn ihm danach zumute war, konnte er sie selbst jederzeit auswerfen. Nicht, dass er ihr das auf die Nase zu binden gedachte, denn auch das begriff er auf den ersten Blick: Bernadette reizte man besser nicht, in ihren Augen lag eine gewisse Härte. Sicherlich schlug ihre Laune schneller um als das Wetter an der Küste.

»Nun, wie sieht es aus: Willst du dir einen Penny verdienen, Gabriel?«, hakte sie nach.

»Ich will ja nicht wie ein schlechter Geschäftsmann klingen, aber ein Penny für meine Gedanken wäre definitiv zu viel. Die kreisen nämlich einzig und allein um den Satz: Hier ist es heißer als in der Hölle.«

»Wirklich?« Das klang nicht sonderlich überzeugt. »Dabei habe ich geglaubt, ein leises Ticken hinter deiner Stirn zu vernehmen. Das Chronometer der Angst. Ticktack, deine Zeit läuft ab.«

Während Bernadette ihren Zeigefinger wie ein Pendel bewegte, zwang Gabriel seine

Mundwinkel zu einem Lächeln. »Also wirklich, Bernadette. Und dabei dachte ich immer, unsere Sorte würde in die charmante Schublade gehören.«

Bernadette hob ihr kastanienfarbenes Haar und gab den Blick auf ihren wohlgeformten

Nacken und die Schulternfrei. »Wenn du glaubst, dass dir dein Charme in dieser Situation weiterhilft – nur zu. Ich hingegen glaube, dass du viel zu sehr in der Klemme sitzt, um darauf zu zählen.«

Ja, darauf konnte Bernadette Gift nehmen, nur würde Gabriel einen Teufel tun und das eingestehen. »Reib es mir ruhig unter die Nase, meine Gute. Falls du damit den Preis für deine Hilfe in die Höhe treiben willst, muss ich dir leider gestehen, dass bei mir nicht viel zu holen ist. Das ist alles schon verpfändet.«

Bernadette schnaubte belustigt. »Als ob ich ein Interesse an deinem Seelenleben hätte.«

Warum auch? Schließlich hast du dich schon ausreichend daran bedient, bevor du mir den Weg gezeigt hast, einen Teil von mir gegen etwas viel Spannenderes einzutauschen.

Allerdings ohne mir zugleich von den Folgewirkungen zu erzählen, weshalb ich hier jetzt ja als Bittsteller stehe, hätte Gabriel ihr allzu gern vorgehalten. Gerade noch rechtzeitig riss er sich zusammen. Obwohl er das Bedürfnis verspürte, ihr die Wahrheit und seine Wut ins Gesicht zu sagen, war ihm bewusst, dass er sich seine Lage selbst zuzuschreiben hatte.

Bernadette hatte ihm damals lediglich den Weg gewiesen, gegangen war er ihn von ganz allein. Er war kein Verführter, und deshalb blieb ihm auch nichts anderes übrig, als die Verantwortung für seine Dummheit allein zu tragen.

»Sandfern ist ein hübsches Städtchen, aber irgendwie hätte ich eher darauf getippt, dass du der Großstadttyp bist«, versuchte Gabriel, dem Gespräch eine andere Wendung zu

geben.

Bernadette zuckte mit den Schultern. »Ich fühle mich eben an Sandfern gebunden.« Ihr Blick huschte zu den vor Anker liegenden Segelschiffen.

»Sag bloß, du segelst?« Allein ihre komplizierten Riemchensandalen mit Bleistiftabsätzen schienen genau das Gegenteil zu schreien.

»Nur wenn ich muss«, erwiderte Bernadette trocken.

Gabriels Blick wanderte zu den Schiffen, auf der Suche nach irgendwas in Creme und

einem dicken Markenstempel anstelle eines Bootsnamens, ein Bernadette-Schiff quasi.

Stattdessen blieb sein Blick an einer aufwendig restaurierten Segeljacht hängen. Auf dem Deck stand ein älterer Herr mit eisgrauem, zurückgebundenem Haar, der ihm zunickte. Das war doch … vor Gabriels geistigem Auge tauchten längst verblichene Zeitungsartikel auf.

Dieser ältere Herr, dem man selbst auf diese Entfernung seine distinguierte Art ansah, wie hieß er noch einmal? Doch Gabriel kam nicht auf den Namen, brachte mit ihm nur etwas mit klassischer Musik in Verbindung.

»Irgendwie kommt mir der Herr bekannt vor. Wie heißt er?«

Bernadette sah noch kurz mit eisiger Miene zur Segeljacht, dann wendete sie sich abrupt ab. »Ich bin nicht hier, um alle deine Bildungslücken zu füllen.«

Sehr freundlich. »Lass mich raten: Der Herr ist dein Daddy, und er erwartet dich einmal die Woche pünktlich zum Segeltörn, ansonsten friert er das Familienerbe ein.«

Es sollte bestenfalls ein kleiner Seitenhieb sein, aber Bernadettes Ausdruck verriet, dass er sich den besser gespart hätte.

»Gut, dass dir trotz deiner verheerenden Situation nicht der Humor abhandengekommen

ist.«

»Ich wollte dir nicht auf die Füße treten. So, wie ich dich einschätze, brauchst du bestimmt niemanden, der dir unter die Arme greift.«

»Womit du genau richtigliegst, im Gegensatz zu dirbrauche ich tatsächlich niemanden, der mir hilft.«

Gabriel schluckte … unter anderem auch an seinemStolz, der Bernadette nur zu gern

darauf hingewiesen hätte, dass er ihretwegen in dieser Situation war. Weil sie ihm etwas verschwiegen hatte, das sie ihm jetzt nur gegen Lohn zu erzählen bereit war.

»Du weißt also, was ich will. Aber was willst du, Bernadette?«

»Natürlich einen angemessenen Preis für meine Unterstützung, schließlich ist mein Wissen hart erarbeitet. Ich erwarte, entsprechend entlohnt zu werden. Allerdings werden wir uns über das, was ich für dich tun kann, erst bei nächster Gelegenheit unterhalten. Heute möchte ich dich bloß ein wenig besser kennenlernen. Ich meine: den echten Gabriel. So, wie er jetzt vor mir steht.« Mit dem Zeigefinger, der ihm eben noch seine rasch ablaufende Lebenszeit gedeutet hatte, fuhr sie nun seinen Brustmuskel entlang, der sich unter dem T-Shirt

abzeichnete. »Und damit meine ich nicht deine hochfaszinierende Persönlichkeit.«

»Das habe ich mir fast schon gedacht«, erwiderte Gabriel. Die Träume, die sie beide früher miteinander verbunden hatten, waren ihm noch lebhaft in Erinnerung. Außerdem sah es ganz danach aus, als würde er umgehend für den dummen Witz über den spendierfreudigen

Daddy zahlen. Was soll’s, es gab Schlimmeres, als auf Bernadettes Forderungen

einzugehen. In tausend Scherben zu zerbrechen etwa.

Deshalb ließ er es auch geschehen, als sie ihn wie ihr Hündchen hinter sich herführte, wobei sie ihm immer wieder einen prüfenden Blick zuwarf, als warte sie nur darauf, dass sich ein Ausdruck von verletzter Würde in seine Augen stahl. Da konnte sie lange warten. Von seinen Bedenken würde er sich ganz bestimmt keinen Strich durch die Rechnung machen

lassen. Die konnte er spielend leicht ausblenden. Sonst hätte er es ja auch niemals bis nach Sandfern geschafft.

Dämonen-Reihe Bd. 4 Traumsplitter
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