Kapitel 15
Alte Geschichten
Nach der Hitze der letzten Woche hatte sich der frühe Morgen zur angenehmsten
Zeit des Tages entwickelt. Jetzt war noch alles leicht, das Licht blendete nicht, die Luft war unverbraucht. Der kurze Gang über die Steinplatten im Garten zeigte jedoch, dass die Wärme des Sommers sich schon bald wieder durchsetzen würde. Gabriel und Ella
wanderten weiter, bis sie unter die alten Bäume gelangten, zwischen denen sich Dunst verfangen hatte und die einen Hauch von Kühle versprachen.
Gabriel blieb stehen, um die Beine seiner Jeans hochzukrempeln. Denn trotz der
Anspannung genoss er die kitzelnde Berührung der Grashalme und die feuchten Spuren, die sie auf seiner Haut hinterließen. Auch Ella schien von der morgendlichen Atmosphäre des Gartens nicht unberührt zu bleiben. Die eben noch verspannten Schultern lockerten sich, und sie mahlte auch nicht länger mit ihren Backenzähnen. Dafür war Gabriel besonders dankbar, weil er von dem Geräusch eine Gänsehaut bekam.
Nach wie vor hielt sie einen Sicherheitsabstand zu ihm ein, was bewies, dass sie ihm nicht länger über den Weg traute. Zwar wollte er ihr dieses gesunde Bedürfnis nach Selbstschutz nicht absprechen, trotzdem versetzte es ihm einen Stich. Bislang war sie ihm gegenüber stets unvoreingenommen gewesen und hatte ihn mit Wohlwollen betrachtet – das war nun Vergangenheit, nachdem sie seine andere Seite kennengelernt hatte.
Was erwartete er eigentlich, nachdem er zugelassen hatte, dass letzte Nacht alles aus dem Ruder lief? Dass es beim Alten blieb, als wäre nichts geschehen? Tja, irgendwie tat er das.
So wie immer. Schließlich war er auch mit der festen Überzeugung in ihren Traum
hineinspaziert, dass es schonglattgehen würde. Nie im Leben hatte er damit gerechnet aufzufliegen. Warum auch? Für gewöhnlich blieben dem Träumenden nicht mehr als eine
lose Kette von Erinnerungen und der dumpf pochende Verdacht, in der Nacht beraubt
worden zu sein. Wobei beraubt werden ein viel zustarker Begriff war, zumindest vermutete Gabriel das. Bei Ella hätte er jedoch von vornherein vorsichtiger sein müssen, nachdem er gespürt hatte, wie stark ihr Traum war. Etwas Vergleichbares hatte er nie zuvor erlebt.
Ohne es ausgesprochen zu haben, hatte er Ella die Führung durch den Garten überlassen.
Als sie nun auf einen entwurzelten Baumriesen deutete, den ein Sturm vor langer Zeit gefällt haben mochte, war er einverstanden. Sie setzten sich zwar nebeneinander – dennoch war die Lücke zwischen ihnen groß genug, dass sie wie zwei Menschen wirkten, die sich rein zufällig eine Parkbank teilten. Falls es überhaupt noch eines Beweises bedurfte, dass ihre freundschaftliche Verbindung zerbrochen war, dann war er jetzt erbracht.
»Diesen Platz mochte ich schon immer besonders gern.« Gedankenverloren streichelte
Ella über die von Moos durchsetzte Rinde. »Der Baumstamm ist hohl im Inneren, die perfekte Höhle für zwei kleine Mädchen. Ich habe hier nämlich immer mit meiner Freundin Nora
gespielt. Nicht bloß gespielt … wir sind regelrecht eingetaucht in diese Welt, und der Baumstamm war unser Versteck, unsere Zuflucht vor all den schlimmen Wesen, die in den Schatten lauerten. Dunkelfeen und Kobolde.« Sie stieß ein Lachen aus, um ihre Verlegenheit zu überspielen. »Solche Kindereien interessieren dich bestimmt nicht, da du doch ganz andere Dinge draufhast. Wozu sich etwas ausmalen, wenn man Träume wahr werden lassen kann?«
»Nur, dass ich das nicht kann.« Gabriel rieb sich die Stirn. Er hätte einiges dafür gegeben, damit sie weiter von ihrem Garten erzählte, anstatt eine Erklärung von ihm einzufordern.
Leider würde sie sich wohl kaum umstimmen lassen. Wenn Ella Johansen etwas wollte, dann blieb sie hartnäckig. »Das, was ich heute Nacht in deinem Traum getan habe, ist streng gesehen eigentlich nichts vollkommen Unbekanntes«, begann er deshalb geradeheraus zu erzählen. »Bestimmt weißt du, was ein Inkubus ist, oder?«
»Das ist ein dämonischer Traumbeherrscher, der Schlafende zu den unmöglichsten Dingen verführt. Ein alter Mythos, auf den man einfach die Schuld abwälzte, wenn das eigene Unbewusste es mit seinen verdorbenen Bildern zu wild getrieben hat. Besonders wenn der träumende Christenmensch von früher sich den Todsünden hingegeben hat, erklärte er es am nächsten Morgen einfach damit, dass ihn ein Inkubus heimgesucht habe. Der Inkubus ist ein Verführer, aber eben einer von der dämonischen Sorte.« Ella richtete sich mit einem Schwung auf, als hätte sie eine Sprungfeder in ihrem Inneren. »Moment mal. Du willst mir doch wohl hoffentlich nicht erzählen, dass du ein Lustdämon aus dem Mittelalter bist. So sexy siehst du nun auch wieder nicht aus.«
Obwohl es alles andere als passend war, musste Gabriel lachen. »Keine Sorge, ich bin kein Inkubus, sondern lediglich ein Mensch. Mir ist es nur gestattet, in die Träume der Menschen einzutreten. Dabei geht es selten um Sex, sondern darum, dass ich die
Schlafenden dazu verleite, sich in diesem Zustand ihrer Herzensangelegenheit zu widmen.
Darin wurzeln nämlich die stärksten Träume. Deshalb wollte ich dich zu einem Spaziergang durch den Garten anstiften.«
»Ich erinnere mich«, sagte Ella, die Gesichtszüge von Konzentration gezeichnet. »Woher wusstest du, dass der Garten von solch großer Bedeutung für mich ist?«
»Nenn es einen ausgeprägten Jagdinstinkt. Ich bin wie ein Jäger, der den Spuren des
Wildes folgt und jeden abgebrochenen Zweig zu deuten weiß. Das ist auch dringend nötig, denn der Inkubus will für den Eintritt in die Traumwelt bezahlt werden, am liebsten mit besonders ausgeprägten Nachtgespinsten. Kann auch gut sein, dass ich sie mit leichter Hand finde, weil ich selbst keinen besonderen Traum in mir trage. Jedenfalls nicht mehr.«
Gabriel hielt inne. Diese Erkenntnis hatte er nicht nur zum ersten Mal laut ausgesprochen, sondern sie war ihm tatsächlich gerade erst in den Sinn gekommen. Er war stets der
Zaungast, wenn die Schlafenden in ihre inneren Welten abtauchten. Bei ihm selbst herrschte dort nur gähnende Leere. Insofern ähnelte er dem Inkubus: Beide waren sie auf der Suche nach jemandem, der das Vakuum füllte. Stets angetrieben von dem Hunger, in die Träume anderer einzudringen, weil sein Schlaf zu einer Wüste geworden war.
Erst nach einiger Zeit fiel Gabriel der Blick auf, mit dem Ella ihn betrachtete. Darin fand er zu seinem Unbehagen Mitleid. Großartig, jetzt hält sie mich für einen armseligen Mistkerl, der sich am Gefühlsleben seiner Mitmenschen berauscht. »Nur für den Fall, dass du es nicht mitbekommen haben solltest: Die meisten Menschen verfügen über keine besonders tief
gehenden Träume. Bei ihnen ist alles wie ein Flug übers Wasser, da gibt es keine Welten, in die es sich abzutauchen lohnen würde«, bemühte er sich klarzustellen. »Was du in dir trägst, ist außergewöhnlich. Dein Garten ist ein wahrer Schatz, verstehst du?«
Leider ließ Ella sich von diesem Kompliment nicht einspinnen. Stattdessen bildete sich eine steile Falte auf ihrer Stirn, die sogar durch die Ponyfransen hindurch zu sehen war. »So harmlos kann das alles doch gar nicht sein, ansonsten wärst du in meinem Traum kaum so von mir weggesprungen, oder? Ich kann mich an deinen Ausdruck erinnern. Zu sagen, dass du panisch warst, ist bestimmt keine Übertreibung. Da stimmte doch irgendwas nicht, und damit meine ich nicht die Qualität meiner Zärtlichkeiten. Du hast aus einem anderen Grund so reagiert.«
Schlaues Mädchen, dachte Gabriel, durchaus erfreut, obwohl Ellas Scharfsinn es ihm nicht leichter machte.
»Natürlich gibt es einen Haken: Ich bin ein Dieb. Nun ja, nicht richtig, denn ich stehle die Träume ja keineswegs, sondern ich bereichere mich an den intensiven Gefühlen, den
einzigartigen Bildern und Ideen, und manchmal an dem Irrsinn, der in den Menschen lebt und den sie im wachen Zustand kontrollieren. Ich bin wie …« Der einzige Vergleich, der Gabriel auf die Schnelle einfiel, war alles andere als schmeichelhaft. Aber daran führte jetzt kein Weg vorbei. »Ich bin wie ein Parasit, der nur geringen Schaden anrichtet. Wenn es mir gelungen wäre, dir in deinen Traumgarten zu folgen, dann hätte ich mir etwas von dem Zauber
genommen, den er dir schenkt. Nicht gerade ein wüstes Vergehen und ganz ohne
empfindliche Folgen.« Zumindest für dich, fügte Gabriel in Gedanken hinzu. »Wenn du am nächsten Tag etwa einen Fototermin hättest, dann wäre dir höchstens nicht eingefallen, wie du dein Model perfekt in Szene setzen sollst. Oder anstatt eine außergewöhnliche
Wandfarbe für dein Schlafzimmer auszuwählen, hättest du dich vor lauter Einfallslosigkeit vielleicht für Weiß entschieden. Also, was meinst du: Ist das, was ich tue, ein Verbrechen oder nicht?«
»Ist das auch wirklich alles?« Ella schob herausfordernd dasKinn vor, als ahne sie bereits, dass er nicht die ganze Wahrheit verraten hatte. »Du zapfst meinen Lieblingstraum an und erfreust dich an seinem … wie hast du das genannt? … Zauber. Und das war es dann. Klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Hör mal, Gabriel, wenn du mich mit dieser Geschichte bloß abspeisen willst, dann kannst du dich auf was gefasst machen.«
Rasch hob Gabriel die Hände. »Habe ich gar nicht vor. Und wenn du heute Nacht nicht
kurzerhand auf die Idee verfallen wärst, mich zu küssen, anstatt brav Wald- und Blumenduft einzuatmen, wäre alles vollkommen harmlos ausgegangen. Ich schwöre dir: Was ich tue, richtet bei den Träumenden nur einen geringen, meist nicht einmal bemerkbaren Schaden an. Ich bin ein ganz harmloser Traumfänger.«
Zuerst machte Ella den Eindruck, als würde allein bei der Vorstellung der Garten vor ihrem geistigen Auge zum Leben erwachen. Dann schüttelte sie seine Worte ab und rümpfte die Nase. »Traumfänger – von wegen. Mit Traumfängern kenne ich mich aus, zufällig habe ich einige Jahre in Australien gelebt«, sagte sie mit einer Bestimmtheit, die Gabriel schmunzeln ließ. »Ich werde das Gefühl nicht los, dass du mir nur die halbe Wahrheit erzählst. Die Sache mit dem Zaungast … welchen Sinn hat das Ganze denn, wenn du nur mit ein wenig
Zuschauen belohnt wirst? Dieser Zauber, den du erfährst, muss doch für was gut sein.
Kannst du anschließend vielleicht irgendwas Besonderes? Ja, klar! Seit du in Sandfern bist, hat dieser Bombensommer Einzug gehalten. Dafür bist du verantwortlich, richtig?«
Gabriel musste abermals schmunzeln. So leicht ließ er sich nicht aus der Reserve locken.
»Wenn ich einen solchen Hokuspokus draufhätte, würden jetzt angenehme vierundzwanzig Grad herrschen, und es würde ein leichter Wind gehen. Ich hasse es nämlich, von morgens bis abends zu schwitzen.« Zu gern hätte er diese Flachserei weitergesponnen. Ihm war jedoch bewusst, dass er Ella jetzt eine brauchbare Erklärung anbieten sollte, sonst müsste er es bei einer anderen, vielleicht weitaus ungünstigeren Gelegenheit tun. Falls sie ihm dann noch eine Gelegenheit gab … »Du kannst es lächerlich oder meinetwegen sogar armselig finden, aber es springt nichts anderes bei der ganzen Sache für mich heraus, als dass ich eine leere Stelle in mir fülle. Zumindest für eine kurze Dauer.« Ella schnappte nach Luft, um nachzuhaken, doch Gabriel bedeutete ihr mit einer Handbewegung, ihn ausreden zu lassen.
»So ist es eben. Punkt. Und eigentlich kannst du mir auch keine Vorwürfe machen,
schließlich habe ich keinen Schaden bei dir angerichtet. Ich wollte mich nur an deinem Licht wärmen, mehr nicht.«
»Dass du dich wärmen wolltest, ist ja okay. Nur … wow, das ist jetzt gerade ein bisschen viel. Irgendwie bin ich mir nicht einmal mehr sicher, wach zu sein. Das ist … unglaublich, und dann auch wieder nicht.« Ella rieb sich die Augen.
Das Brennen, das sie dadurch zu vertreiben suchte, lag gewiss nicht nur am Schlafmangel, sondern auch an der sich allmählich bemerkbar machenden Überforderung. Gabriel
wunderte sich ohnehin, wie tapfer sie sich schlug, jede andere hätte ihn aus Selbstschutz längst für verrückt erklärt. Offenbar ging ihr Verständnis für die Macht der Träume tiefer als bei anderen Menschen, vermutlich, weil sie viele Jahre lang hatte ohne sie leben müssen.
Endlich gab Ella das Reiben auf und blickte leicht benommen drein. »Ich akzeptiere jetzt einfach mal, dass du wirklich und wahrhaftig in meinem Traum gewesen bist und damit
schlimmstenfalls meinen nächsten Job ruiniert hättest. Gut, damit kann ich leben, ohne auszuflippen. Bleibt nur noch die Frage, wie du an die Fähigkeit gelangt bist, dir die Träume anderer zunutze zu machen.«
»Indem ich einen Inkubus dazu gebracht habe, einen Handel mit mir einzugehen. Er ist die Macht, die hinter
meinerFähigkeit steht. Wie ich das allerdings angestellt habe, ist
meinGeheimnis. Das steht nicht zur Diskussion.«
»Ein Inkubus ist ein Dämon, Gabriel. Eine Nachtgestalt aus einer Zeit, als die Menschen nicht zu ihren wie auch immer gearteten Wünschen stehen konnten, aus religiösen,
gesellschaftlichen oder sonstigen Gründen. Einmal davon abgesehen, dass die Inkubus-
Sache wirklich eine Idee aus der Vergangenheit ist, steht er auch für etwas, das nicht in unsere Welt gehört. Menschen und Träume, das gehört zusammen, selbst wenn es darum
geht, in den Traum eines anderen einzudringen. Aber ein Dämon, der einem einen Pakt
anbietet? Dahinter kann sich nichts Gutes verbergen, und außerdem erwartest du doch wohl nicht ernsthaft, dass ich diese Erklärung einfach so hinnehme?«
»Doch, das tue ich. Und zwar ohne weitere Rechtfertigungen.«
»So nicht, so kannst du das nicht stehen lassen«, hielt Ella dagegen, jedoch mit erstaunlich wenig Elan, gemessen an ihrer sonstigen Art. Fast kam es Gabriel so vor, als würde sie das Thema Inkubus selbst gerne meiden. Absolut nachvollziehbar, schließlich verdrängte auch er nach Möglichkeit das Wissen, in wessen Schuld er stand. Trotzdem ließ Ella nicht locker.
»Ich will das genauer wissen, ich muss es sogar, obwohl ich die Vorstellung ziemlich heftig finde. Dass du in Träumen wandeln kannst, ist die eine Sache. Das mit dem Inkubus …«
»… braucht dich nicht weiter zu kümmern. Es ist mir ernst, Ella. Ich werde dir nichts weiter darüber verraten. Zumal du das Wichtigste schon weißt: Ohne Beihilfe des Inkubus wäre ich niemals in deinem Traum gewesen.«
»Das glaube ich nicht, du wärst so oder so da gewesen«, flüsterte Ella mit gesenktem Kopf.
Eigentlich rechnete Gabriel mit weiterem Protest, aber sie sagte nur: »Noch einmal fürs Protokoll: Du wolltest weder mich noch jemand anderen mit deinem Treiben gefährden?«
»Das stimmt.«
»Fein, das ist doch schon mal was«, erklärte sie mit dem Kopf zwischen ihren Knien.
»Vermutlich werden mir innerhalb der nächsten Stunden noch ungefähr tausend Fragen
einfallen, nur im Moment … ist das alles zu viel. Viel zu viel. Es fühlt sich an, als würde ich den schlimmsten Kater meines Lebens haben.«
Ella brach plötzlich ab, und Gabriel hörte sie einige Male hintereinander schwer schlucken.
Klang ganz danach, als würde sich ihr der Magen umdrehen. Vorsorglich nahm er ihr Haar im Nacken zusammen. Mehr traute er sich nicht. »Geht es wieder?«, fragte er, sobald das Würgegeräusch verklang.
»So halbwegs. Ist ja nicht gerade ein Klacks, diese Geschichte zu verdauen«, erklärte Ella matt. »Wenn du möchtest, kannst du in der Villa bleiben. Vorausgesetzt natürlich, es stimmt, was du mir erzählt hast. Du musst mir allerdings versprechen, dich von meinen Träumen fernzuhalten. Und natürlich auch von Kimis.«
»Das klingt nach einem fairen Deal.«
Trotz allem musste Gabriel lächeln. Erst jetzt wurde ihm deutlich, wie nahe es ihm
gegangen wäre, Ella zu verlassen. Zwar hatte er ihr nur die halbe Wahrheit erzählt, aber die bestehende Gefahr betraf ihn und niemanden sonst. Zumindest vermutete er das. Und falls sein Rettungsplan nicht aufgehen sollte … dann würde er eben rechtzeitig die Notbremse ziehen, selbst wenn das unausweichlich sein Ende bedeuten würde. Das schwor er sich, während er Ella eine Hand auf den Rücken legte. Zu seiner Freude akzeptierte sie die Berührung. Langsam richtete sie sich auf und lächelte ihn an. Das schönste Lächeln, das er je zu sehen bekommen hatte.
Vielleicht würde ja alles gut gehen, vielleicht fand er an diesem verwunschenen Ort sogar etwas, das ihn wieder ganz machte. Vollkommen ohne die Macht des Inkubus.
Mitten in diesem Gedankengang stieß Ella einen hellen Laut aus und sprang auf die Beine.
Der Anflug von Erschöpfung war wie fortgewischt. Vor einigen knorrig abstehenden Wurzeln ging sie in die Knie.
Dort stand eine nachtblaue Blume mit Silbersternstempeln in ihrem Kelch, die Blütenblätter wie aus hauchdünnem Glas gegossen. Ein betörender Duft stieg von ihr auf, der Gabriel jedoch sofort Nasenbluten verursachte. Als habe er feinste Splitter eingeatmet. Während er sich mit dem Handrücken die Blutspur wegwischte, schloss sich der Blumenkelch im
Tageslicht, das durch das Laubdach fiel. Und nicht nur das. Die Blüte bog ihren Stängel schwanenhalsgleich und verbarg sich unter ihren violetten Fächerblättern, als suche sie Schutz vor dem anbrechenden Tag. Dann löste sie sich auf. Nichts, das an ihre Existenz erinnerte, blieb zurück.
»Was zum Teufel …«, entfuhr es Gabriel. Weiter kam er nicht, denn Ella schlang bereits die Arme um ihn.
»Du und deine Flunkereien! Von wegen: Ich kann nichts außer zuschauen. Du hast gerade ein Stück meines Traums Wirklichkeit werden lassen. Diese Blüte ist der schönste
Kleinmädchentraum, den man überhaupt haben kann. Genau so habe ich mir die
Zauberblume aus dem Sommernachtstraum
immer vorgestellt! Ach, Gabriel, wie
wunderschön.«
Während Ella sich vor Glück lachend an ihn schmiegte, kroch Gabriel Kälte den Rücken hinauf, denn er war ungelogen außerstande, ein solches Kunstwerk fertigzubringen. Bislang hatte er nicht einmal gewusst, dass es in der Macht des Inkubus stand, Traumsplitter real werden zu lassen, denn eigentlich konnte der Dämon die Grenze zur Tageswelt nicht
überwinden. Wenn Gabriel die Träume der Menschen betrat, dann war da zwar stets die
Sehnsucht, alles, was er sah, wahr werden zu lassen, aber so weit war es nie gekommen. Es musste der Inkubus gewesen sein, der Ella dieses Geschenk gemacht hatte, unabhängig von der Grenze mit ihrem Labyrinth, das nur ein Mensch überwinden konnte. Und das bedeutete, dass er Bernadettes Hilfe brauchte, ganz gleich, wie hoch ihre Forderungen auch ausfallen mochten. Für Verhandlungen war es zu spät.