Kapitel 22
Küchenpsychologie
Kimi erwachte mit dröhnenden Kopfschmerzen und einem widerlichen
Geschmack im Mund, als hätte er nicht die erste alkoholfreie Nacht seit Langem verbracht, sondern sich mit Baileys volllaufen lassen. Süß und klebrig fühlte sich seine Zunge an. Vor sich hin fluchend, bemühte er sich, den Traum, der ihm so echt erschienen war, möglichst umgehend zu verdrängen. Doch das war leichter gesagt als getan. Während er seinen
Rucksack nach einer sauberen Hose durchwühlte, stiegen andauernd Bilder von Gabriel vor seinem geistigen Auge auf … wie er sich vorlehnte, die Lippen leicht geschürzt.
»Oh, Mann«, nuschelte Kimi. »Daran werde ich noch eine ganze Weile zu knapsen haben.
Was für ein absolut krankes Zeug, mein Unterbewusstsein ist die reinste Müllkippe.«
Was er jetzt brauchte, war ein kräftiger Schluck, selbst wenn es sich dabei lediglich um Wasser aus dem Hahn handelte. Er schlüpfte in ein Paar rote Röhrenjeans, dann trottete er in die Küche … und stand zu seinem Entsetzen plötzlich Gabriel gegenüber. Einem
überzeugend realen Gabriel mit Bartstoppeln, tiefen Augenschatten und Kissenabdrücken auf der Wange. Außerdem war er nicht nackt, sondern trug ein Holzfällerhemd mit
hochgekrempelten Ärmeln und zerschlissene Jeans. Zum ersten Mal fand Kimi das gut.
»Moin, auch schon auf den Beinen?« Gabriel hob zum Gruß den Kaffeemesslöffel, dann
widmete er sich wieder der Porzellankanne aus Großtante Wilhelmines Bestand, mit der man den leckersten Kaffee der Welt kochen konnte. »Ich will dich ja nicht vor den Kopf stoßen, aber du siehst genauso mitgenommen aus, wie ich mich fühle. Und damit meine ich nicht diesen kleinen silbernen Ring, der dich da ziert.«
Unwillkürlich packte sich Kimi an die Brust. Offenbar hatte er das Pflaster im Schlaf abgekratzt. Schockschwerenot. »Das Piercing hatte ich vor lauter Aufregung ganz
vergessen«, erklärte er an sich selbst gerichtet.
»Das ist frisch gestochen, richtig? Kimi, was soll ich sagen, deine Tante wird begeistert sein.«
»Ist mir schon klar, aber binde es ihr bitte nicht gleich auf die Nase. Justamente packe ich kein weiteres Unter-vier-Augen-Gespräch. Ich schwöre dir, ich klapp zusammen, wenn Tante Ella mir eine ihrer Reden hält nach dem Motto: Ich liebe dich, aber es bringt mich um, dir dabei zuzusehen, wie du dir das Leben schwer machst. Gnade!«
Gabriel musterte ihn eingehend. »Entspann dich, Ella ist nicht da. Außerdem ist es auch etwas übertrieben, deshalb zu zittern und im Gesicht grün anzulaufen. Hängt dein zerrütteter Zustand irgendwie mit dem Alkoholverbot zusammen?«
»Viel schlimmer! Ich habe von dir geträumt«, platzte es aus Kimi heraus.
»Ja, und?«
»Das war nicht einfach so ein Traum. Ich meine … ach, Scheiße, Gabriel, du weißt schon.«
Leider sah Gabriel ihn nur abwartend an.
Kimi hob die Arme über den Kopf und dehnte seine verspannte Rückenmuskulatur. »Du
hast mich geküsst.«
Gabriel zuckte mit den Schultern. »Und das war alles?«
Das war zwar nicht gerade die empörte bis angeekelte Reaktion, die Kimi befürchtet hatte, aber so richtig gut gefiel ihm diese Lockerheit auch wieder nicht. Da machte er solch ein schockierendes Geständnis, und Gabriel winkte müde ab. »Na ja, zwei nackte, sich
küssende Kerle in einem Bett … ist nicht unbedingt harmlos, finde ich«, erklärte er beleidigt.
»Entspann dich, Kimi. Du weißt schon, dass solche Träume nichts Ungewöhnliches in
deinem Alter sind, oder? Bei dem Versuch, sich selbst zu finden, probiert das Unbewusste halt alle Möglichkeiten aus – und ich bin eben eine von diesen Möglichkeiten. Solange du in Wirklichkeit nicht nachts neben meinem Bett auftauchst und mich verführen willst, ist alles in bester Ordnung.«
»Nur keine Panik, das habe ich spätestens nach diesem Traum nicht mehr vor. Das war
einfach zu krass. Ich will dir ja nicht zu nahetreten, aber du küsst echt beschissen, Kumpel.«
Kimi schnappte sich die Kaffeetasse, die ihm ein lachender Gabriel hinhielt, und verbrühte sich prompt die Zunge. Geschah ihm ganz recht für seine freche Lügerei. Beschissen
geküsst … von wegen.
Für Gabriel war das Thema damit aber noch nicht vom Tisch. »Auch auf die Gefahr hin, wie ein Psychodoktor zu klingen: Wenn ich mich in deinem Traum als mieser Küsser entpuppt habe, dann hast du dir dadurch nur selbst klargemacht, dass ich in Wirklichkeit nicht das bin, worauf du stehst. Vielleicht solltest du dir lieber gründlich die Aufnahmen vonEllas letztem Model ansehen. Dieses Mädchen in der Latzhose kriegt die Kussnummer sicherlich besser hin als ich.«
Zu gern hätte Kimi zugestimmt, aber es wäre nur die halbe Wahrheit gewesen. Wahr
insofern, als er den realen Gabriel tatsächlich nicht länger wollte, nicht einmal für eine unterhaltsame Fantasie, obwohl er übernächtigt und irgendwie traurig sehr süß aussah.
Erstaunlicherweise konnten weder seine von der Sonne spröden Lippen noch die geröteten Augen seinem großartigen Aussehen etwas anhaben. Trotzdem sah Kimi in diesem Mann
ausschließlich einen Freund. Der Traum-Gabriel, dieses eiskalte und trotzdem sinnliche Geschöpf, jedoch weckte ganz andere Gefühle in ihm. Die Erinnerung an ihn und seine
Küsse verursachten ihm eine Gänsehaut – aus Furcht, aber auch aus Erregung. Diesen
Gabriel wollte er wiedersehen, auch wenn er ihm eine Heidenangst einjagte. Denn dieser Kuss war wie eine Droge gewesen, die einen beraubt und täuscht und von der man trotzdem nicht genug bekommt.
»Hey, nun schau nicht so geknickt drein.« Gabriel legte ihm eine Hand auf die Schulter.
»Das mit dem Mädel war nur ein Vorschlag. Du kannst fantasieren, über wen du willst. Mit oder ohne Brüste.«
Bei der Berührung zuckte Kimi zusammen. Denn Gabriels Hand war warm und an den
Ballen ganz rau von der vielen Arbeit an der Villa – und deshalb vollkommen anders alsim Traum. Warum konnte die Berührung nicht von Kälte geprägt sein? Am liebsten hätte Kimi sich weggeduckt, um der menschlichen Hand zu entgehen, so enttäuscht war er. Aber das Gefühl verflog sofort wieder, und er konnte die Geste als das akzeptieren, was sie war: ein Freundschaftsbeweis.
»Ich bin ganz schön durch den Wind«, gestand Kimi. »Nervt dich das denn gar nicht? Ich meine, den Neffen deiner Angebeteten an der Backe zu haben, der in aller Herrgottsfrühe von seinen Schweinkramträumen mit dir in der Hauptrolle erzählt?«
Gabriel brauchte keine Sekunde, um darüber nachzudenken. »Nein, kein Stück.« Dann
bedeutete er Kimi, am Tisch Platz zu nehmen, um anschließend den halben
Kühlschrankinhalt vor ihm aufzutürmen. Während Kimi widerwillig an einem Sojajoghurt herumlöffelte, füllte Gabriel seinen Teller, rührte jedoch nichts von den Dingen darauf an.
Reiner Aktionismus, als wolle er sich ablenken …
»Dein Morgen ist das aber auch nicht wirklich«, stellte Kimi fest. »Solltest du nach der letzten Nacht nicht draußen herumrennen und Bäume ausreißen – oder was echte Kerle
sonst so tun, wenn sie ein heißes Date hinter sich haben?«
Gabriel brummte ausweichend.
Nachdenklich klopfte Kimi mit dem Löffel gegen seine Nasenspitze, eine dumme
Angewohnheit aus Kindertagen. Normalerweise hielt er sich selbst dazu an, es zu
unterlassen, nur war er viel zu sehr damit beschäftigt, aus Gabriels Verhalten schlau zu werden.
»Lass mich raten: Das zwischen dir und Tante Ella ist nicht abgegangen wie bei einer Hollywood-Schmonzette.«
»Dass du immer ›Tante Ella‹ sagst, ist eine echt seltsame Angewohnheit.«
Kimi erkannte ein Ausweichmanöver, wenn er mit einem konfrontiert wurde. Da gab es nur eine Taktik: Zähne zusammenbeißen und dranbleiben, sonst würde Gabriel gleich zumachen wie eine Auster. Wenn Gabriel mit ihm über seine schmutzigen Träume reden konnte, dann konnte er ihm gegenüber ja wohl auch seine Gefühle für Ella auspacken. So viel
Seelenstriptease war nur fair.
»Ella ist meine Tante, und das finde ich so cool, wie ich es uncool finde, dass Liv und Sören, diese beiden dämlichen Pappnasen, meine Eltern sind. Nachdem wir das geklärt
haben, können wir uns da vielleicht wieder der Frage widmen, was zwischen dir und Tante Ella gelaufen ist – oder eben was vielmehr nicht gelaufen ist? Wenn ich mir das richtig zusammenreime, dann hast du es vermasselt. Da muss ja was irre schiefgelaufen sein, denn als ich gestern den Rückzug angetreten habe, hat die Luft zwischen euch gebrannt. Lauter Herzchenrauchzeichen schwirrten durch die laue Sommerbrise.«
»Kimi …« Gabriels Stimme war nicht mehr als ein mahnendes Raunen. Vielleicht lag es
aber auch nur daran, dass er in seine bereits leere Kaffeetasse sprach. Verräterischerweise mied er nämlich Kimis Blick.
»Ich bin ganz Ohr.«
Mit einem Knall stellte Gabriel die Kaffeetasse ab und lehnte sich auf seinem Stuhl so weit zurück, dass seine breite Brust besonders vorteilhaft hervortrat. Kratzt mich gar nicht, beschloss Kimi, konzentrierte sich dann aber trotzdem lieber auf Gabriels tief umschattete Augen, die ihn missmutig anblitzten.
Schließlich seufzte Gabriel ergeben. »Also gut, du Nervensäge. Die Sache war aus, bevor sie richtig losgegangen ist. Das zwischen Ella und mir, das ist sehr kompliziert.«
»Kam mir irgendwie gar nicht so vor. Ihr habt von Anfang an miteinander geflirtet. Ich würde jederzeit mit Blut unterschreiben, dass ihr gemeinsam im Kreise eurer unzähligen Nachkommen alt werdet und selbst dann nicht die Finger voneinander lassen könnt. Ihr seid beide absolut locker und immer gut drauf und …«
»Hör mal, Kleiner, ich will dich ja nicht enttäuschen, aberes ist nicht immer alles so, wie es auf den ersten Blick scheint.«
Ein schwerer Brocken stieg in Kimis Brust auf, sackte dann mit doppeltem Tempo nach
unten und riss seine Zuversicht mit. »Scheiße. Was hast du angestellt?«
»Fremdgeküsst – und damit meine ich nicht die Sache mit deinem Traum.«
»Idiot.«
Gabriel nickte zustimmend, sagte aber sogleich: »So einfach ist es nicht.«
Von der Eingangstür her erklang ein vorsichtiges Klopfen.
»Hallo, ich bin wieder da.«
Ellas Stimme.
Der Blick, den Kimi mit Gabriel austauschte, dauerte höchstens fünf Sekunden. Aber er hoffte trotzdem, alles hineingelegt zu haben, was ihm durch den Kopf ging: So oder so, du bist ein Idiot, aber das ist okay, weil du offenbar leidest und weil du Tante Ella trotzdem willst.
Ich bin dein Freund und werde dir helfen. Idioten müssen zusammenhalten.
Unterdessen sah Gabriel so aus, als würde er am liebsten durchs Fenster entwischen,
aber zuvor noch vor lauter Panik die Küchenplatte zu Kleinholz zerlegen. Zumindest konnte man auf die Idee kommen, wenn man seine Finger betrachtete, die den Rand
umklammerten, dass es knirschte.
»Ach, hier seid ihr. Guten Morgen.«
Ella betrat die Küche und sah mindestens so mitgenommen aus wie die beiden Männer
zusammen. Hinter ihr tauchte Nora auf, die Kimi für eine ziemlich dröge Tasse hielt. Die Art, wie sie sich dicht neben Ella stellte, ließ sie wie eine menschliche Buchstütze aussehen.
Da alle erwachsenen Personen im Raum schockgefroren waren, fand Kimi, dass es an der Zeit war, die Leitung zu übernehmen. »Einen wunderschönen guten Morgen. Welche von
euch Hübschen will Kaffee? Der ist zwar mittlerweile lauwarm, aber das macht nichts. Ist ja eh schon wieder heiß wie im Affenhaus. Es gibt auch noch jede Menge Frühstückszeug, falls euch der Sinn danach steht. Gabriel hatte irgendwie nicht den rechten Appetit, dabei braucht so ein großer Kerl doch dringend seine Kalorien. Tippe darauf, dass ihm was auf den Magen geschlagen ist. Was könnte das nur sein, Tante Ella? Lass mich mal überlegen …«
Ella trat mit ein paar langen Schritten auf ihn zu. »Halt mal kurz die Luft an. Was ist das da an deiner Brust?«
Oh, verflixt. Das Piercing hatte Kimi im Eifer des Gefechts glatt vergessen.
»Genau,
lass
uns
lieber
über
die
Verhübschungsaktion
an
deinem
von
Entwicklungsschüben heimgesuchten Körper reden anstatt über meinen empfindlichen
Magen«, pflichtete Gabriel giftig bei. Offenbar war er mit Kimis Taktik nicht
ganz
einverstanden. »Was ich allerdings viel irritierender finde, ist der weiße Joghurtfleck auf deiner Nasenspitze, wenn wir schon einmal dabei sind.«
»Ach, und ich dachte, das gehört zu seinem Make-up«, steuerte Nora mit einem breiten Grinsen bei. Sieh an, die trübe Tasse konnte also noch was anderes, als Dachdecker
anschmachten.
»Da ist was an meiner Nase?«
Kimi schlug seinen besten hysterischen Ton an und verschwand in seinem Zimmer, aus
dem er einige Minuten später mit porentiefreiner Haut und mit einem T-Shirt bekleidet zurückkehrte. Ella hatte angefangen, sinnlos das Geschirr im Schrank umzuräumen, anstatt einfach zwei weitere Teller herauszunehmen. Warum sie das tat, war leicht zu erraten: Sobald sie sich umdrehte, würde sie direkt vor Gabriel stehen, der Stellung hinter ihr bezogen hatte. Allerdings so unentschlossen, dass daraus beim besten Willen nichts werden konnte. Nora schaute zu Kimi herüber und zuckte ratlos mit den Schultern.
Das ist ja alles ein mächtiger Krampf, dachte Kimi frustriert. »Wisst ihr, was wir
brauchen?«, redete er deshalb drauflos. »Eine ordentliche Party. Schau nicht so entsetzt, Tante Ella. Das ist längst überfällig. Seit du zurückgekehrt bist, besteht unser Leben aus Arbeit und noch mehr Arbeit. Es ist höchste Zeit für eine Portion gepflegtes Amüsement.
Hochkultiviertes Beisammensitzen und gleichzeitig einfach mal alle fünfe gerade sein lassen.
Dann stoßen wir darauf an, was wir gemeinsam in den letzten Wochen erreicht haben und dass du jetzt bei uns in Sandfern bist und bleibst. Und bevor du gleich wieder diese steile Falte auf der Stirn bekommst: Ich stoße mit Apfelschorle an und beschimpfe auch Sören und Liv nicht, falls sie sich blicken lassen.«
Zunächst skeptisch, ging Ella schließlich auf den Vorschlagein – wenn auch nur, weil das Thema besser war als jedes andere, das in der Luft schwirrte. Sofort war das Geschirr vergessen, und sie drängelte sich an Gabriel vorbei, auffällig darauf bedacht, ihn nicht zu streifen.
»Abgemacht. Du wirst die Finger vom Alkohol lassen, außerdem wirst du ein blickdichtes Oberteil tragen und um jeden Preis vermeiden, dass deine Eltern mitbekommen, was du mit deinem sekundären Geschlechtsteil angestellt hast.«
»Nur wenn du mich nicht dazu zwingst, den Ring wieder rauszunehmen.«
Ella verschränkte die Arme vor der Brust. »Dafür musst du mir den Namen des
Piercingstudios verraten, das für die Verletzung deines minderjährigen Körpers
verantwortlichist. Denen werde ich die Hölle heißmachen, diesen Verbrechern!«
Kimi wog seine Chancen ab, in dieser Hinsicht einen Kompromiss zu erzielen. Dann
entschied er, dass es besser war, wenn Ella ihre Wut auf den aufdringlichen Typen im Piercingstudio konzentrierte. »Okay«, sagte er dann, »kannste haben. Aber jetzt knobeln wir eine Einkaufsliste aus und überlegen: wer, wann und wo.«
»Das Wo steht auf jeden Fall schon einmal fest: im Garten«, entschied Nora. »Ella und ich haben vorhin den Wetterbericht gehört. Das bombastische Sommerwetter bleibt uns nur noch ein Weilchen erhalten, bevor eine Gewitterfront für Abkühlung sorgt. So großartig die renovierten Räume auch aussehen mögen, bei diesem Wetter geht nichts über eine
Gartenparty. Mit Lampions und dem ganzen Zauber, den man sonst nur aus Filmen kennt, die im sonnigen Süden spielen.«
Kimi sah zu Ella und Gabriel, die unisono nickten. »Treffer«, stellte er fest, während er Nora in einem anderen Licht sah. Vielleicht war sie ja doch gar nicht so übel.