WIE EIN FISCH IM WASSER
Für meine letzte Reise durchs Land bat ich Abiola, mir seine hübsche Labradorhündin Cilly, den wachsamen Zollhund, als Begleitung mitzugeben. Ich fuhr nach BeninCity zu Betty, die versprochen hatte, mir zu helfen. Zum Glück traf ich sie noch an, denn sie war im Aufbruch: Am folgenden Tag wollte sie in den Norden reisen, um Geschäfte zu machen. Auch meine Bargeldsorgen löste Betty - sie gab mir für zwei meiner Diamanten mehr Nairas, als ich erwartet hatte.
Auf dem Markt half sie mir, weiße Kleiderstoffe und Glasperlen, Palmwein und Gin, Kolanüsse und Früchte auszusuchen. All dies, trug mir Betty auf, sollte ich den Priesterinnen des Wasserkultes als Gastgeschenke mitbringen. Ich mußte sie nur noch finden - und sie dann davon überzeugen, daß ich, die weiße Frau, dringend ihres Beistands bedurfte.
Es war viel einfacher, als ich angenommen hatte. Etwas außerhalb des Ortes Iselegu, den Betty genannt hatte, entdeckte ich nach etwas Suchen an einem Haus ein naives, buntes Wandbild. Ein Gemälde, das in seiner Schlichtheit auch mir als Europäerin sofort verständlich war: eine Frau mit nacktem Oberkörper und Fischleib, eindeutig als Nixe zu identifizieren. Erst jetzt wurde mir bewußt, daß ich auf den Fahrten durch die kleinen Dörfer im Nigerdelta schon öfters solche Wandnixen gesehen hatte, ohne mir über deren Bedeutung klar zu sein. Sie wiesen auf die dort wohnenden Priesterinnen des Mammy warten Kultes hin.
Durch einen schmalen Torbogen betrat ich einen sandbedeckten, höchstens zehn mal zehn Meter großen Hof, der auf drei Seiten mit flachen Gebäuden umbaut war. Von den verschiedenen Wandbildern, die sich fast alle mit Wasser, Fischen und Schlangen befaßten, stach vor allem eines ins Auge: die Darstellung einer rundlichen Frau, die sich eine Schlange um die Schultern gelegt hatte.
Bevor ich das Kunstwerk näher in Augenschein nehmen konnte, kamen nach und nach immer mehr sehr junge Mädchen aus den flachen Häusern heraus. Sie trugen schneeweiße Tücher, die mich an Bettlaken erinnerten, um die Hüften. Ihre Oberkörper waren unbekleidet. Mit verhaltener Neugier musterten sie mich, eine von ihnen lief zurück ins Haus.
Kurz darauftrat aus dem Dunkel des Hauses eine von den Schultern abwärts würdevoll in buntbedrucktes Tuch gehüllte Frau, deren Haar in ein weißes Tuch gewickelt waren. Zweifellos war dies die auf dem Bild dargestellte Frau mit der Schlange - also wohl die Lehrerin der jungen Mädchen, die bei ihr das erlebten, was ich in Victors Dorf durchgemacht hatte - eine Initiation.
„Weiße Frau, was führt dich zu mir? Du siehst aus, als brauchtest du Hilfe. Komm herein und erzähle Mammy Ama.“ Sie wollte mich schon hereinbitten, als ihr Blick auf Cilly fiel. „Ist dein Hund etwa auch krank? Ihm kann ich nicht helfen.“
„Ich bin aus Lagos gekommen und wollte den weiten Weg nicht alleine fahren. Ein Hund ist ein guter Schutz.“
Sie lachte. „Ein Schutz? Vor wem? Allenfalls vor den gierigen Händen der Polizisten! Ogun kannst du damit nicht beeindrucken.“
„Woher wissen Sie, daß ich vor Ogun Angst habe?“ fragte ich verblüfft.
„Oh? Weiß ich das?“ Sie lachte, und ihre freundlichen Augen musterten mich eine Spur wärmer. „Also gut, dein Hund kann bleiben. Aber nur, wenn er sich ruhig verhält.“
Ich holte aus dem Auto die zahlreichen Geschenke und folgte Mammy Ama hinein in ihr schlichtes Haus. Hier gab es keine blutbesudelten Altäre und Fetische. Es wirkte alles aufgeräumt und rein, sogar ihr Altar war mit einer ordentlichen Decke geschmückt, auf der neben Flakons, Bürsten und allerlei Behältern einige kleine Figuren herumstanden.
Mammy Ama untersuchte meine Mitbringsel. „Eine gute Auswahl.
Wer hat dich beraten?“
Während ich ihr erzählte, hörte sie aufmerksam zu.
„Dieser Sunny - oder der Leopard, wie du ihn nennst - scheint mir nicht die wirkliche Bedrohung in deinem Leben zu sein“, sagte sie schließlich. „Was dich wirklich bedrückt, ist etwas anderes. x Du wirst nicht mit dem fertig, was du hier in Afrika erlebt hast. Ich werde versuchen, dir zu helfen.“
Sie holte zwei der vielleicht zwanzig Zentimeter großen Holzpuppen von ihrem Altar. „Es sind Totenpuppen“, erklärte sie. Eine Figur hatte männliche Gesichtszüge und einen Penis, die andere weibliche und Brüste. Die weiß bemalten Puppen besaßen gebrochene, nach unten gerichtete Augen. „Was hast du von Victor bei dir?“ fragte Mammy Ama.
Ich überlegte, was ich ihr geben sollte. Viel war es nicht, was ich bei mir führte. Eine zarte Gliederkette aus Gold, die er mir Silvester in London geschenkt hatte, trug ich seitdem ständig. Instinktiv faßte ich mir an den Hals. Die Priesterin nahm die Kette wortlos ab und schlang sie der kleinen männlichen Puppe um den Körper. Sie deutete auf den Armreif aus Elefantenhaar an meinem Handgelenk, den ich für meinen Glücksbringer hielt, seitdem ich ihn zweieinhalb Jahre zuvor dem Händler auf dem Markt in Lagos abgekauft hatte.
„Was ist das?“
„Mein Glücksbringer“, antwortete ich und erntete ein verächtliches Schnalzen.
„Das ist kein Glücksbringer. Gib es mir.“ Ich zögerte. Schließlich pflegt man seinen Aberglauben mit Hingabe. „Es bedeutet dir mehr als die goldene Kette deines Mannes?“ Sie sah mich erstaunt an.
Eigenartig, daß ein Stück vom Schwanzhaar eines Dickhäuters plötzlich wertvoller sein sollte als das Gold meines Prinzen. Aber irgendwie schrieb ich dem harten, dünnen Band zu, daß ich in Afrika Glück gehabt hatte, und betrachtete es deshalb als meinen Schutz.
„Hast du denn Glück gehabt?“ fragte Mammy Ama.
Sie hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Ja, das Schicksal hatte es gut mit mir gemeint, daß ich auf einen Freund wie Abiola getroffen war, daß ein Mann wie Victor mich geliebt hatte. Aber das Glück hatte meine Hand nur kurz gehalten, um mich dann um so heftiger fortzustoßen. War nicht Yemi gestorben, Abiolas Frau und meine Freundin? Hatte mir das Schicksal nicht auch Victor genommen? Und seinen Vater? War nicht Victors Baby gestorben?
Lebte ich jetzt etwa nicht in Angst vor Sunny?
Langsam schob ich den Elefantenhaarreif von meinem Handgelenk und sah zu, wie Mammy Ama daraus geschickt eine Kette für die weibliche Puppe bastelte. Das schwarze Band wirkte an ihrem Hals wie ein Galgenstrick.
„Sind das Victor und ich?“
„Vielleicht“, erwiderte die Priesterin.
Sie ließ sich den Palmwein bringen, den ich gekauft hatte, schüttete etwas davon auf den Boden und begann, die beiden Puppen in frischem Wasser zu waschen, das zwei der jungen Mädchen in Eimern hereinbrachten, während sie selbst ständig in einer mir unverständlichen Sprache vor sich hin murmelte. Ich nehme an, daß sie die Puppen „besprach“. Sie stellte die Figürchen auf ihren Altar, von wo aus sie dem folgenden zusehen durften.
Ich sollte mich entkleiden, während noch mehr Wasser hereingeschleppt wurde, das intensiv nach Kräutern duftete. Die Mädchen gossen es aus Kalebassen über mich. Mammy Ama gab unterdessen fortwährend einen monotonen Singsang von sich. Die Mädchen flochten meine Haare'in kleine Zöpfe und bemalten meine Hände und mein Gesicht mit weißer Farbe. Von den Schultern abwärts wurde ich in ein schlichtes weißes Tuch gewickelt. Männer mit Trommeln erschienen. Sie setzten sich an die Wand und begannen, langsam und rhythmisch zu schlagen. Der Raum füllte sich mit immer mehr Menschen. Mir wurde eine bittere Ewo-Nuß gegeben, die ich sorgsam zu zerkauen und einzuspeicheln hatte, bevor ich sie mit Wasser hinunterschluckte.
Eine der jungen Frauen begann zu tanzen, der Takt wurde allmählich schneller. Mammy Ama schob mich sanft in die Mitte des Raums. Ich spürte, wie der Rhythmus meinen Pulsschlag beschleunigte. Mehrere Frauen schlossen sich der ersten Tänzerin und mir
an. Mammy Ama hatte sich mit einigen älteren Frauen vor ihrem Altar niedergehockt und sah uns zu. Ein zufriedener Ausdruck lag in ihrem Gesicht. Ich hatte das Gefühl, daß meine eigene Mutter meinem - sicherlich recht ungelenken -Tanz wohlwollend zusah.
Mammys Augen schienen zu sagen: Gut machst du das, Ilona, weiter so.
Meine Bewegungen wurden immer ausschweifender. Ich ruderte mit den Armen, warf den Kopf mal auf die Brust, mal in den Nacken, trippelte mal mit kleinen Schritten auf der Stelle, mal schritt ich weit aus. Ich schien den Raum für mich allein zu beanspruchen. Fast alle anderen Tänzerinnen setzten sich, klatschten zum Rhythmus der Trommel.
Schließlich blieb nur noch ein anderes Mädchen übrig, dessen zarter nackter Körper und Gesicht ebenfalls mit weißer Kaolin-Farbe eingestrichen waren. Sie warf sich auf den Boden, fauchte mich an, kratzte mit den Händen im weichen Sandboden. Sie war geschmeidig wie eine Katze, die mich belauerte, darauf zu warten schien, mich anzufallen. Ich bückte mich, kratzte selbst Sand vom Boden und warf ihn nach dem Leoparden, der mich fauchend umkreiste. Ich trat nach dem gefleckten Tier, schrie und spuckte.
Und ich tanzte. Zwar hatte ich die Kontrolle über mich nicht verloren, aber ich tanzte in einer Art, die ich von mir nicht kannte.
Das war zweifellos eine erheblich veränderte Ilona, die da über den Sand tobte. Aber es war immer noch ich.
Der Leopard blieb schließlich schwer atmend liegen und wurde weggetragen. Der rasende Trommelwirbel schien mich durch den Raum zu schleudern, bis ich nichts mehr um mich herum erkannte.
Ich fühlte mich leicht, frei, schwerelos. Glücklich. Ich drehte mich, bis mir schwindlig wurde. Ich stolperte, wankte, versuchte den Takt wiederaufzunehmen, stolperte erneut. Was um mich herum geschah, war wie weggefegt, statt dessen schien ich im Zentrum eines Wirbels aus hellem Licht zu tanzen. Meine Füße schafften es nicht mehr, die rasende Geschwindigkeit meines Körpers zu transportieren. Ich schien geradezu abzuheben, sah für einen kurzen Augenblick auf mich herunter. Und lachte! Was macht die da unten, diese Weiße? Tanzt wie eine Verrückte ...
Irgendwann, als draußen der Sand des Vorplatzes schon wieder im hellen Sonnenlicht lag, kam ich wieder zu mir. Ich dämmerte auf ein paar Kissen in der Ecke, verspürte nicht die geringste Lust aufzustehen. So blieb ich lange liegen, bis ich Hunger bekam. Die beiden Frauen, die auf mich aufpaßten und dabei monoton auf Trommeln schlugen und unverständliche Töne von sich gaben, schickten nach Mammy Ama, die als einzige Pidgin-Englisch sprach. Mammy gab mir Wasser zu trinken, aber kein Essen. Ich sollte ruhen, aber nicht schlafen.
Es muß später Nachmittag gewesen sein, als man mir wieder die Waschungen angedeihen ließ, denen ein erneuter Tanz folgte, bei dem ich diesmal allerdings nicht in Trance geriet. Müdigkeit und Schwäche schienen stärker zu werden. Nach einer Weile wurde der Rhythmus langsamer. Ich spürte die starke Hand von Mammy, die mich aus dem Tempel herausführte und in den Hof brachte. Die Trommeln folgten uns. Umgeben von Mammys jungen Schülerinnen, ging ich an ihrer Seite durchs Dorf. Es war Nacht geworden.
Irgendwann standen wir am Fluß. Er war dunkel und schön. Das helle Licht des Mondes verlieh den Umrissen der Natur eine bizarre Klarheit. Die Trommler kehrten zum Dorf zurück. Es waren jetzt nur noch Frauen am Fluß. Sie hatten in einer Schale ein Feuer entfacht, in das Kräuter und Blütenblätter geworfen wurden. Ein sanfter, betörender Duft machte sich in der feuchten Nachtluft breit. Nicht mehr der dumpfe Klang der Trommeln versetzte mich jetzt in ein Hochgefühl, sondern das schnelle Klatschen der Frauenhände.
Mammy Ama bestreute die Totenpuppe, die Victor darstellte, mit Erde und wusch sie ausgiebig wieder sauber. Unablässig unterhielt sie sich mit der Puppe. Sie wiederholte den Vorgang mit Gin, den sie darüber schüttete und wieder abwusch. Schließlich stieg sie ins Wasser und forderte mich auf, zu ihr zu kommen. Sie gab mir die kleine Holzpuppe, die immer noch die teure Goldkette umgebunden trug. Schnaps und Sand hatten die weiße Farbe der Puppe verklebt und zerkratzt. Sie schien regelrecht gealtert zu sein.
„Mammy Water wird ihm Frieden geben“, sagte die Priesterin,
„verabschiede dich und laß ihn dann los.“
Ich drückte Victor an meine Brust, küßte ihn und ließ das Püppchen ins Wasser gleiten. Das an dieser Stelle flache, schnell fließende Wasser zog es davon. Ein paar Sekunden lang blitzte das weiße Holz noch vom Mondlicht beschienen im dunklen Wasser, ritt fröhlich auf den kleinen Wellen. Dann war es verschwunden.
Als ich wieder aus dem Fluß stieg, klatschten die jungen Mädchen begeistert und forderten mich zu einem gemeinsamen Tanz um die Feuerschale auf. Während wir ausgelassen mehr sprangen als tanzten, begann Mammy Ama die zweite Puppe herzurichten. Sie klebte rote Blütenblätter mit Wasser auf die mir gewidmete Puppe, die meinen „Glücksbringer“ trug. Dann nahm sie einen Schluck Palmwein, den sie fauchend über das Püppchen spuckte. Die Mädchen ergriffen meine Hände, und wir tanzten zusammen in den Fluß. Mammy Ama hielt meine Puppe diesmal selbst und redete ernst auf sie ein. Ohne Vorwarnung ließ sie sie los, und die Puppe nahm daraufhin den gleichen Weg wie die Victor geweihte Figur.
Wir sahen ihr eine Weile nach. Die kleinen Strudel spielten mit ihr, drehten sie im Kreis. Schließlich bewegte sich mein afrikanisches Alter ego davon - direkt in ein paar Mangrovenwurzeln ein gutes Stück flußab hinein, wo es hängenblieb, ohne unterzugehen.
„Das ist gut“, kommentierte Mammy Ama.
Gemeinsam mit den anderen Mädchen zog sie mich in die Mitte des Flusses, wo das Wasser wesentlich tiefer war. Ich stand bis zum Hals in den dunklen Fluten. Ohne jede Angst legte ich mich ins Wasser, paddelte mit den Armen. Es kam mir fast vor, als kraulte ich. Ich trieb an meinem Püppchen mit den erloschenen Augen vorbei, ließ es hinter mir zurück. Mein Gott, ich schwamm! Ich tauchte unter, drehte mich um meine eigene Achse. Ich, die ich noch nie geschwommen war, weil mich meine Angst immer gehindert hatte! Ich fühlte mich wohl wie die Fische im Wasser, die mein Sternzeichen sind.
Irgendwann stießen meine Füße gegen Hindernisse, stemmten sich dagegen; ich richtete mich auf. Erstaunt sah ich mich um. Ich war allein, hatte die Frauen hinter der Flußbiegung zurückgelassen.
Tropfnaß stapfte ich an Land. In mir überwog Verwunderung, UnVerständnis darüber, daß ich in diesem Wasser geschwommen war.
Schwer atmend setzte ich mich ans Ufer und sinnierte vor mich hin, ohne jedoch einen klaren Gedanken fassen zu können. Mein Kopf war leer und leicht. Die warme Nachtluft trocknete das dünne Tuch auf meinem Körper. Ewig hätte ich so dasitzen und dem Gurgeln des Wassers lauschen können. Es klang vertraut und beruhigend.
Als wäre ich noch darin. Schwerelos treibend, ohne Widerstände.
Ohne etwas beeinflussen zu müssen.
Ich stand auf, warf das inzwischen trockene Tuch von mir und tauchte wieder in den Fluß. Ich sprang herum, spritzte mit dem Wasser, jubelte wie ein kleines Kind! Irgendwann kehrte ich zu den Frauen zurück. Wir gingen zum Tempel, und ich durfte schlafen.
Am nächsten Mittag nahm Mammy Ama mich sanft in die Arme, und ich fühlte mich geborgen. Sie band mir eine dünne Kette aus geflochtenen Fäden mit einer kleinen Muschel als Amulett um den Hals und drückte mir ein Säckchen in die Hand. „Streu den Sand auf den Fensterrahmen und die Schwelle des Zimmers, in dem du schläfst. Dann wird dir nichts passieren. Aber bleibe nicht mehr zu lang im Land des Leoparden. Er findet sonst einen Weg, dich zu töten“, schärfte sie mir ein.
Die hübsche Cilly lief schwanzwedelnd auf mich zu; ich freute mich, sie wohlbehalten wiederzuhaben.
„Die Mädchen wollten sie gar nicht mehr hergeben“, rief Mammy Ama lachend.
„Mammy“, sagte ich, „eine Frage habe ich noch: Wußtest du, daß ich nicht schwimmen kann?“
„Wußte ich's?“ Ihre Augen sahen mich schelmisch an. „Das sah aber ganz anders aus. Du bist doch geschwommen wie ... eine Nixe!“ Sie lachte herzhaft.
Vier Tage waren seit meiner Abreise aus Lagos vergangen. Ich war jetzt bereit, nach Hause zu fliegen, um Weihnachten mit meiner Familie zu feiern. Mein Flug ging in zwei Tagen.
Mammy Ama hatte mich gebeten, die Hauptstraße nach Lagos wegen ihrer Unfallträchtigkeit zu meiden. Ich hielt mich daran -
und verfuhr mich prompt. Statt Richtung Westen fuhr ich direkt auf die Mangrovensümpfe zu, geriet immer tiefer ins Sumpfland, verlor jede Orientierung. Da entdeckte ich eine Straße, die mir bekannt vorkam, und gab Gas. Die gesamte Umgebung kam mir vertraut vor
- natürlich, in der Nähe befanden sich das Heimatdorf Victors und Sunnys Palast!
Ich hatte Sunnys Dorf unbehelligt passiert, als sich das Land öffnete. Für ein paar Kilometer wich die dichte Vegetation zurück.
Ich stoppte den Wagen in einer menschenleeren Gegend, weil sich Cilly bemerkbar machte - sie brauchte Auslauf. Ich schloß den Wagen ab und lief mit Cilly los.
Wir waren noch nicht weit gekommen, als ich einen Vogel ausmachte, der mit schnellem Flügelschlag über den Boden dahinflog und dann niederging. Cilly wurde unruhig, sie wollte dorthin laufen. Ich kniete mich neben sie und hielt sie am Halsband fest. Das hier war nicht ihr Jagdrevier. Ein Reiter sprengte über das abgeerntete Feld, in dem der Vogel niedergegangen war. Der Mann stieg ab, als er den Vogel erreichte. Er bückte sich nach etwas, das ich nicht sehen konnte, richtete sich wieder auf und bestieg das Pferd. Er ritt etwa hundert Meter, hielt das Pferd an, streckte den Arm aus und wartete. Nun stieg der Vogel wieder vom Boden hoch und setzte sich auf den ausgestreckten Arm des Mannes. Ein Falkner!
Ich machte mich noch kleiner, beruhigte Cilly und wartete, bis der Reiter verschwunden war. Dann liefen wir rasch zum Wagen zurück.
Mein Traum mit dem Urzeitvogel, der Victor verschleppt hatte! Ein Mann hatte auf einem Pferd gesessen, den Arm ausgestreckt. Nach meiner Interpretation hatte er mir hochhelfen wollen. Nun wußte ich es besser: Er bot dem Falken seinen Arm als Landeplatz!
Jenem Falken, der auf dem staubigen Poloplatz Victors Pferd angefallen hatte.