bedeutete.
Mochte ich in bezug auf Julia-Oluwafemi vielleicht etwas vorschnell geglaubt haben, es mit einer Irren zu tun zu haben, so war ich mir bei Funke sicher. Warum lebten diese Frauen hier im Urwald?
Waren sie verstoßen worden? Oder hatte sich Julia-Oluwa-femi zu ihrer Therapeutin gemacht?
Sie begann zu erzählen. „Ich war Psychologin. Na, jedenfalls, ich dachte, ich wäre es. Aber ich war nur ein Werkzeug. Alles in mir wehrte sich gegen dieses Leben. Ich war damals verheiratet. Mein Mann bekam das Angebot, als Leiter des Goethe-Instituts nach Lagos zu wechseln. Das hat mir das Leben gerettet. Denn ich war drauf und dran, selbst verrückt zu werden. Ich konnte ganz deutlich meine eigenen Symptome erkennen. Aber das Schlimmste war: Ich hatte das Gefühl, versagt zu haben. Ich wollte helfen, ich wollte Menschen heilen. Aber das war nicht das, was man von mir erwartete.“
Julia-Oluwafemi, die Wanderin zwischen den Kulturen, die dem anbrechenden High-Tech-Zeitalter entflohen war, um unter Nackten zu leben, blickte sinnend ins Feuer. „Nehmen Sie Funke. Sie sehen den Körper einer Frau von Ende Fünfzig. Aber in ihren Augen entdecken Sie ein dreijähriges Kind. Bringen Sie Funke in eine deutsche Psychiatrie. Die Diagnose ist schnell gestellt: Schizophrenie. Ich sage: Sie sieht nur aus wie jemand anderes, eben wie eine alternde Frau. Aber sie ist ein Kind. Ich kenne Funkes Krankengeschichte nicht. Niemand konnte sie mir erzählen. Sie wurde als Wahnsinnige aus ihrem Dorf vertrieben. Aber was macht es schon, daß ich ihre Geschichte nie erfahren werde? Ich nehme sie einfach an, wie sie ist - ein Kind, das gerade verständlich sprechen kann. Und Funke ist glücklich. Ohne Psychopharmaka habe ich also einen Menschen therapiert.“
„Sie haben ein Kind therapiert. Ein Kind in dem alternden Körper einer Frau.“
„Richtig. Jetzt haben Sie es verstanden. Sie sieht nur aus wie jemand, der sie nicht ist.“
Sie stand auf, warf die Zigarette ins Feuer und begann ein paar leichte Schritte ums Feuer zu machen, wobei die hellen Flammen ihren Schatten verzerrt auf den Boden warfen. Nach und nach erhoben sich die anderen Frauen, und selbst Funke hatte meine Haare genug befummelt, um sich den anderen anzuschließen.
Ohne, daß irgendeine Trommel geschlagen wurde, tanzten die nackten Frauen, sich an den Händen haltend, ums Feuer. Als hörten sie ihre eigene Melodie und ihren Rhythmus.
Ich sah ihnen zu. Sechs Schatten vor einem Feuer. Sechs schwarze Schatten. Es war nicht mehr ohne weiteres auszumachen, welcher davon Dr. Julia Schäfer aus München war. „Sie sieht nur aus wie jemand, der sie nicht ist“, hatte sie gesagt. Mit Sicherheit galt das auch für sie selbst. Vielleicht darum die braune Erde auf ihrem Körper. Ich habe mich nicht getraut, sie das zu fragen. Die Balance des Lebens halten - ein schmaler Grat zwischen Wahn und Wirklichkeit.
Nach einer Weile öffnete sich die Kette der Tänzerinnen, und sie faßten mich an den Händen. Ich war eine von ihnen. In einem Kreis von verrückten Frauen im Busch.
„Es war kein Zufall, daß mein Mann nach Lagos versetzt wurde. Und es war auch kein Zufall, daß du dir deinen Knöchel hier in der Nähe unseres Dorfes verstaucht hast“, sagte Julia-Oluwafemi, als wir später wieder in ihrer kargen Hütte saßen. „Wir straucheln durchs Leben, meistens unbewußt, aber irgendwann kommen wir wieder auf die Beine. Ich sehe den Afrikanerinnen gern zu, wenn sie ihre schweren Körbe auf dem Kopf tragen. Sie verlieren nie das Gleichgewicht. Sie bleiben immer in der Balance. Das ist es, was ich hier gelernt habe: meine innere Balance zu finden.“
„Was wurde aus deiner Ehe?“ Ich dachte, daß ihr Mann als Leiter des Goethe-Instituts, dem Aushängeschild der deutschen Kultur im Ausland, unmöglich mit einer nackten Frau im Urwald in Verbindung gebracht werden wollte. Aber Oluwafemi blieb mir die Antwort schuldig. Als ich ein Jahr später zu einem Empfang in der deutschen Botschaft auf Victoria Island in Lagos war, hieß es, Dr.
Schäfer sei seit einem Jahr im Ruhestand. Man fragte mich, ob ich ihn kenne. Ich sagte, ich hätte seine Frau kennengelernt. Man erwiderte überrascht, daß man gar nicht gewußt habe, daß Doktor Schäfer verheiratet gewesen sei.
In dieser Nacht schlief ich schlecht, träumte wirres Zeug. Am nächsten Morgen fragte mich Julia-Oluwafemi beim Abschiedsfrühstück am Feuer: „Du hast geträumt, daß dein Vater schwer krank ist, Ilona, erinnerst du dich?“
„Woher weißt du das?“
„Du hast geredet. Beinahe pausenlos. Das war bei mir am Anfang übrigens auch so.“
Ja, langsam kam die Erinnerung wieder, ich hatte tatsächlich von Papa geträumt. Ein entsetzlicher Traum, wohl unter Einwirkung der vielen Erlebnisse. Papa war in diesem Traum, so wie ich etwa zehn Tage zuvor in der Realität, über die Jauchegräben nahe von Moses'
Haus balanciert. Er hatte sich noch ungeschickter angestellt und war kopfüber hineingefallen. Man hatte ihn mit dem Krankenwagen abgeholt, weil er keine Luft mehr bekam. Aber ich hatte kein Auto und konnte der Ambulanz nicht folgen. Ich rannte hinterher und verstauchte mir den Fuß. Da kamen John und eine bunt angemalte, dickliche Schwarze in einem Geländewagen angefahren. Sie hielten und ließen mich hinten einsteigen. Aber statt zum Krankenhaus brachten sie mich zum Friedhof. John sagte: „Moses ist gestorben.“
Als ich meinen Traum erzählt hatte, sagte Oluwafemi schlicht: „Du solltest in Deutschland anrufen, Ilona.“
Funke, mit dem kindlichen Gesicht, stürzte außer Atem ans Feuer, ruderte mit den Armen und krächzte: „Käkeh! Käkeh!“
„Sie sagt, daß ein Auto kommt“, übersetzte Oluwafemi. Sie erhob sich und ging zu ihrer nahen Hütte. Als sie wieder herauskam, hatte sie sich zu meiner Verwunderung einen Wrapper übergestreift. Sie lächelte scheu, als sie sagte: „Wenn dein Traum wahr ist, kommt gerade dein Mann, und er befindet sich in Begleitung einer angemalten, dicken Frau.“
So lernte ich Mary im Busch bei den verrückten Frauen kennen. Ich schätzte sie auf Mitte Zwanzig. Vielleicht war sie älter oder gar jünger. Sie war jedenfalls sehr ... na ja, eben rund. Typ afrikanische Mammi. Es gibt Frauen, die mag ich von Anfang an. Sie gehörte nicht dazu. Irgendwas war faul an ihr. Sie grinste dauernd von einem Ohr zum andern; ihre Finger waren mit goldenem Schmuck so beladen wie ihr breiter Hals. In Nigeria zeigen die Leute es gern, wenn sie Geld haben. Diese Mary mußte demnach eine Menge Geld haben. Und ich war bleich, staubig und pleite. Ich fühlte mich minderwertig. Während John seinen Bruder aus einer der Hütten trug - laufen konnte Moses nicht mehr -, verabschiedete ich mich mit einer langen Umarmung von Oluwafemi.
„Auf deinen Schultern liegen zu viele Lasten, Ilona“, sagte sie zum Abschied. „Wirf sie ab. Dann findest du deine Balance wieder.“ Sie sah mir in die Augen. „Und verrate niemandem mein Geheimnis.“
Als ich sieben Monate später mit meiner Schwester Monika auf der Reise zu einer Kultstätte der Yoruba einen Besuch bei Oluwafemi machen wollte, fand ich sie nicht wieder. Das Dorf der verrückten Frauen war verschwunden, als wäre es nur ein Traum von mir gewesen.
John hatte den hohen Nissan Patrol tatsächlich irgendwie durch die Savanne bis nahe an das Dorf der Verrückten herangefahren. Bei eingeschalteter Klimaanlage rumpelten wir zum Expressway zurück und dann nach Lagos. John und die dicke Mary saßen vorn, ich mit Schwager Moses hinten. Eine Frage rumorte in meinem Kopf: Woher kamen diese Frau und dieses Auto so plötzlich? Die ganze Zeit über hatten wir uns mit Taxis durchgeschlagen. Und nun ließ John einfach so diese Frau aufkreuzen!
„Mary war sofort bereit, mir zu helfen“, erwiderte er.
Mir. Die Gelobte drehte sich zu mir um und strahlte mich mit ihren schneeweißen Beißerchen an; zwischen den Schneidezähnen klaffte eine breite Lücke. Solch eine Lücke gilt bei nigerianischen Frauen als Zeichen besonderer Schönheit. Himmel, irgendwie kam mir diese Frau bekannt vor ...
Mittag war gerade vorbei, als wir Moses' Haus in Agege erreichten.
John schickte gleich die Jungen los, um einen anglikanischen Priester zu holen. Nun, nachdem alle John bekannten
babalawosvzr-sagt hatten, mußte also die Kirche der Weißen ran.
Ich fand es immer wieder faszinierend, wie man in Nigeria Slalom zwischen den Religionen fährt.
John nahm mich zur Seite: „Ich muß Moses nach Hause bringen.“
„Das kannst du ihm nicht antun!“ rief ich. „In diesem Zustand kann er doch nirgendwo hin!“
„Er hat mich darum gebeten“, sagte John, „er will im Dorf unserer Ahnen sterben. Er ist der älteste Mann in unserer Familie und muß in unserem Elternhaus begraben werden. Unser Glaube will es so.“
Und ich sollte warten, bis John irgendwann wieder auftauchte? Ich beschloß mitzufahren. Auch um John eine ständige Mahnung zu sein, daß es neben dem Jenseits ein Diesseits gab. Mit verrostenden Autos und einer Frau, die nach Deutschland zurückmußte. Wir nahmen den Pick-up, dieses multiple Gartenbauvehikel. In Decken
und Tücher eingewickelt, klemmte der sterbende Moses auf seiner letzten irdischen Reise zwischen dem fahrenden John und mir.
Ich hatte keine Ahnung, auf was ich mich eingelassen hatte! Das erste Stück führte über die Autobahn nach Osten in Richtung Benin City. Ohne Vorwarnung lag ein Minibus quer zur doppelspurigen Fahrbahn; er war einem umgekippten Lastwagen ausgewichen und selbst umgefallen. John konnte den Pick-up, der über altersschwache Bremsen verfügte, nicht rechtzeitig stoppen und rumpelte über den unbefestigten Seitenstreifen. Es knallte, der Pick-up trudelte, wir knallten gegeneinander. Wehklagen brach los: Die Menschen aus dem Bus dachten, Moses wäre durch den Unfall dem Tode so nah. Durch Johns Ausweichmanöver war ein Reifen geplatzt, der geflickt werden mußte.
Ein Weiterfahren auf unserer Seite des Motorways war nicht möglich. „Der Wagen muß auf die andere Autobahnseite“, konstatierte John.
Auf der Autobahn war wenig Verkehr. Trotzdem - eine Geisterfahrt?
Mit einem Sterbenden an Bord? Ein gutes Omen war das nicht gerade ... Der Pick-up wurde auf die entgegengesetzte Spur geschafft. Und weiter ging es. Niemand störte sich an uns. Nur ein einziges Mal hupte uns Geisterfahrer ein anderes Auto an. Da saß bestimmt ein Deutscher drin ...
In Benin City holte John seine älteste Schwester, die rundliche Elisabeth ab, die sich mit Bergen von Taschen auf der Ladefläche einrichtete. Wir fuhren noch eine Weile Autobahn und bogen dann auf holprige, zunehmend schmaler werdende Straßen ab, die nur teilweise asphaltiert waren und sich durch hügelige Landschaft mit dichtem Regenwald schlängelten. Das war die Schatzkammer dieses von Natur aus reichen Landes: Öl und Holz werden hier gewonnen. Nur selten bot sich ein Ausblick aufs weite Land mit seinen Tausenden von Grüntönen. Inmitten der überbordenen Kraft der Natur stachen die dünnen Kamine der Ölförderstellen in die Luft, aus denen meterhohe Flammen schlugen, mit denen das überschüssige Gas abgefackelt wurde.
Lastwagen, schwer beladen mit Baumstämmen, bretterten rück-86
sichtslos an uns vorbei und zwangen John immer wieder zum Ausweichen. Es galt das Recht des Stärkeren. Immer wieder befanden sich kleine Dörfer mit winzigen Verkaufsständen und schiefen Hütten in erbarmungswürdigem Zustand am Straßenrand.
Die Landkarte hatte ich schon bald zusammengefaltet; die Orte, alle namenlos, waren sowieso nicht eingezeichnet.
Es war später Nachmittag, als wir eine Stadt namens Ughelli erreichten. Der letzte größere Ort, bevor wir endgültig im Hinterland verschwinden würden. Dicht drängten sich die flachen Lehmhäuser mit ihren rostigbraunen Blechdächern, die weit überstanden, damit der Regen die Mauern nicht aufweichte. Die Infrastruktur der Städte hielt dem Wachstum schon damals nicht stand. Es gab zu wenige und zu enge Straßen, die mit Menschen, Autos, Rädern und Tieren vollgestopft waren. Die Straße war gleichzeitig Markt und Autowerkstatt, Kinderhort und Ziegenweideplatz.
John fuhr hektisch. Plötzlich stand vor uns ein vollbesetzter Bus.
John zog den Pick-up zur Seite, rammte den Bus aber trotzdem.
Geschrei, Palaver, ein Mann mit einem blutenden Kopf deutete auf unseren Pick-up. John wollte trotzdem wegfahren, aber die Leute schlugen auf den Pick-up ein, rissen die Tür auf, zogen John aus dem Wagen. Ein Polizist in matschbrauner Uniform schrie auf John ein.
„Ilona, laß mir Geld da. Und fahr weiter! Ich komme nach!“ rief John mir zu. „Elisabeth kennt den Weg!“
Dann wurde er in dem Gewühle fortgezogen. Ich fand mich hinter einem riesigen schwarzen Lenkradkranz wieder, einen Halbtoten gegen mich gelehnt, daneben eine Frau, die ich kaum verstand, und draußen grölten die Kinder ihr „öyibö, öylbö!“
Krachend ratschten die Gänge, nur mit enormem Kraftaufwand ließ sich das mühlradgroße Lenkrad bewegen. Stotternd und hüpfend holperte der Pick-up durch die verstopften Straßen. Ich fuhr natürlich wesentlich langsamer als John, doch für Elisabeths Auffassungsvermögen immer noch zu schnell. Sie schrie immer erst „Stop-stop-stop!“, wenn die fällige Kreuzung schon hinter uns lag. Enge Wege, rechts und links Gräben. Ich schwitzte und wendete das schwerfällige Gefährt. Moses hing längst wie eine leblose Pup-87
pe in seinen Kleidern, seine Schwester murmelte unaufhörlich vor sich hin, als betete sie.
Und dann knallte es wieder. Ich kannte das Geräusch, wie ein Schuß. Wieder ein Reifen. Diesmal hinten. Wir hatten zwar einen Ersatzreifen, aber das war der kaputte von der Autobahn. Der Pick-up hatte Hinterradantrieb, es war unmöglich, den Wagen zu bewegen. Ich sah auf die Uhr - zwei Stunden bis zur Dunkelheit.
Verzweifelt versuchte ich, Elisabeth zu entlocken, wie weit es noch war. Sie sagte viel, lamentierend, weinend, und ich verstand nichts.
Ich nahm immer neue Anläufe, um sie zu fragen, ob wir laufen könnten.
Als uns eine Gruppe von Frauen, die wir eine halbe Stunde zuvor überholt hatten, erreichte, fand ich ein Mädchen, das mein Englisch verstand. Ja, sie seien unterwegs nach Ivori-Irri, sagte es. Das war Johns und Moses' Heimatdorf! Gemeinsam bastelten wir eine Trage aus Tüchern, in die wir den bewußtlosen Moses legten.
Diese seltsame Prozession erreichte Ivori-Irri kurz nach Einbruch der Dunkelheit. Mir tat jeder Muskel und jeder Knochen im Leib weh. Die Menschen im Dorf umringten uns, beklagten Moses, schwatzten mit Elisabeth. Kinder befühlten meine Kleider und Haare. Ich trottete mit zu einem Haus, in dessen einzigem Raum wir Moses auf den Boden legten. Einige Kerosinlampen ließen die Schatten der Anwesenden zucken.
Und plötzlich ein heiseres, quietschendes, schroffes Wehklagen
-Moses hatte seinen letzten Atemzug getan. Ich stand zwischen all diesen Menschen, sah auf Moses hinab, der mit halbgeöffneten Augen ins Leere blickte. Der Mann hat seine Ruhe - das war mein einziger Gedanke. Für mich, die ich eine Odyssee hinter mir hatte, interessierte sich niemand. Ich setzte mich irgendwo in einer Ecke auf den Boden, hungrig und durstig. Ich war fix und fertig. Und dann war ich weg. Einfach so.
Als ich wieder zu mir kam, fielen die ersten Strahlen der Morgensonne durch die einen Spaltbreit offenstehenden Fensterläden. Ich brauchte ein paar Minuten, um die Orientierung wiederzufinden. Verschwommen sah ich eine Gestalt eine Spitzhacke schwingen, mit der sie auf den harten Lehmboden der Hütte einhieb. Ich
rieb mir den Sand aus den Augen und erkannte, daß es eine hochschwangere Frau war. Drei kleine Mädchen versuchten ungelenk, die herausgelöste Erde mit Schaufeln auf die Seite zu schippen. Abseits davon, als ginge sie die Schwerstarbeit der kahlgeschorenen Schwangeren nichts an, saßen die anderen Frauen, wehklagend.
Ich erhob mich langsam, als befände ich mich im Zwischenreich von Traum und Wirklichkeit. Eine Schwangere mit drei Mädchen.
Sollte das etwa ...? Ja, es war Efe. Die Hexe, die ihren untreuen Mann Moses vergiftet hatte. Und so sah ihre Strafe aus: Schwanger und kahlgeschoren grub sie in der Hütte ihres Mannes dessen Grab. Der Leichnam von Moses, in einen spitzenbesetzten weißen Kaftan, eine agbada, gehüllt, lag in einer Ecke des Hauses zwischen den weinenden Weibern.
Ich weiß nicht, ob Efe ihren Mann wirklich vergiftet hat. Später, als ich mich mit Medizin zu beschäftigen begann, habe ich herausgefunden, daß Moses wahrscheinlich an einem Darmverschluß gestorben ist. Ein entsetzlicher Tod, der Darm platzt, vergiftet den Körper. Ob das nun Hexenwerk war? Efe jedenfalls wurde wie eine Hexe behandelt. Als sie am Abend ein Loch geschaufelt hatte, das so groß war, daß sie selbst darin nicht mehr zu sehen war, holten die Frauen sie aus dem Haus und ritzten ihr mit dem Messer Narben in den Leib. In die offenen Wunden rieben sie Cayenne-Pfeffer. Die angebliche Hexe schrie, ihre Töchter hingen, verzweifelt weinend, an der Mutter. Dann jagten sie Efe mit lautem Geschrei in den nahen Wald davon.
John war inzwischen ins Dorf nachgekommen. Ich schrie ihn an, er könne doch nicht zulassen, daß seine Schwägerin in den Wald geschickt werde. Aber ich habe nur eine Stimme, das Dorf Hunderte. Und diese Stimmen waren lauter als meine. John hinderte mich daran, Efe zu folgen: „Wenn du ihr jetzt nachgehst, dann glauben alle, daß du selbst eine Hexe bist.“
Ich wollte zurück nach Lagos. Es war mir egal, wessen Gefühle ich damit verletzte. Hier konnte ich sowieso nur alles falsch machen.
Selbst wenn Efe an Moses' Schicksal die Schuld trug - was konnte das Ungeborene dafür?
Moses' Leichnam wurde in dieser Nacht im Boden des Hauses vergraben. Die eigentliche Trauerfeier sollte erst stattfinden, wenn John mich in Lagos abgeliefert hatte und mit viel Geld zurück in Ivori-Irri wäre.
Zum Abschied nahm mich Johns Mutter in die Arme und schenkte mir ein paar silbrig schimmernde Reifen aus altem afrikanischem Gold. Als Dank, weil ich ihren ältesten Sohn heimgebracht hatte.
Nach meinem eigenen Wertesystem verdiente ich den Schmuck nicht. Indem ich geholfen hatte, Moses in sein Dorf zu bringen, so dachte ich, war ich indirekt auch an Efes Peinigung schuld.
John gab meinem Drängen nach. Er hatte es irgendwie geschafft, den Pick-up wieder fahrbereit zu machen. Im Morgengrauen verließen wir Ivori-Irri. Nach einigen Meilen sahen wir ein Bündel Mensch am Wegrand. Ich erkannte den Stoff des Kleides wieder.
Efe! John wollte einfach weiterfahren, doch ich zog die Handbremse und sprang aus dem Wagen. Efe krümmte sich mit irrem Blick, jammernd und sabbernd, im Staub. Ihr Gesicht und ihr Mund waren blutverschmiert. In den Armen hielt sie einen nackten Säugling, noch in weißer Käseschmiere und voller dunkelrotem Blut. Ein langes Stück Nabelschnur hing von ihm herab - Efe hatte sie in ihrer Not durchbeißen müssen. Ich nahm ihr den Kleinen ab und wickelte ihn in ein sauberes T-Shirt von mir. John sah mich fassungslos an.
„Wir bringen sie jetzt in ein Krankenhaus!“ schrie ich ihn an. „Sie verblutet sonst. Das kannst du nicht zulassen!“
Schweigend hievten John und ich Efe auf die Ladefläche des Pick-ups. Ich setzte mich zu ihr und legte ihr den Säugling in die Arme.
In einem kleinen Krankenhaus nahe Ughelli lieferten wir Efe ab. Die Umstände seiner Geburt hatten Efes Sohn schwer geschädigt. Noch während unserer Anwesenheit bekam er einen Krampfanfall. John holte den Jungen einige Monate später nach Lagos und ließ ihn von Rhoda aufziehen. Als Zweijähriger starb er an einem seiner Krämpfe.
Ich hatte mit Efe kein Wort gesprochen. Aber eine Stimme in mir sagte mir, daß wir uns nicht zum letzten Mal begegnet waren.
ZUM FEUERLÖSCHEN AN DIE TANKSTELLE
Als wir nachts in Lagos bei Moses' Haus ankamen, fand ich dort die runde Mary wieder vor. Sie unterhielt sich mit den vielen Frauen an der Kochstelle. Alle schienen sie gut zu kennen. John entfaltete ungekannte Betriebsamkeit: Er begann, seine und meine Sachen in Taschen zu packen. Nebenbei erklärte er mir, daß wir in das Haus von Mary ziehen würden. Denn Mary hatte gemeinsam mit ihrem Bruder eine Autowerkstatt an der Agege-Motor-Road, der ständig verstopften Verbindung zwischen Flughafen und City.
John, plötzlich der coole Pragmatiker, sagte: „Die Autos müssen repariert werden. Sollen wir das hier machen?“ Mir kam das alles mehr als komisch vor. War Mary etwa ... Aber erst ein paar Tage zuvor hatten wir unsere Ehe mit erheblichem Aufwand gekittet!
John wies jede intimere Verbindung mit Mary weit von sich. Sie sei eine Kusine ...
„Du hast ihr doch nicht etwa ein Auto dafür versprochen?“
„Einen 504“, sagte er und packte ungerührt weiter.
Damit blieben noch ganze sechs von zehn Autos übrig, um Vaters Schulden zu tilgen. Meine eigenen rechnete ich lieber gar nicht mit.
John machte sich daran, sämtliches Geld im Haus zusammenzukratzen. Rhoda mochte zetern, soviel sie wollte: Ihr bei der Taufe des Babys gesammeltes Geld mußte sie abliefern - für die Autos. Wir fuhren zu Marys Werkstatt, einer Baracke, an deren Straßenseite jemand mit blauer, krakeliger Schrift cor repair gemalt hatte. Auf dem Hof ein Schuppen, aufgebockt auf Steinen ein Peugeot, darunter ein paar Männerbeine. Sie gehörten Nathan, dem 18jährigen Bruder von Kusine Mary.
Im Schatten der Baracke saßen drei Männer. Sie warteten auf uns.
Und - o Wunder! - sie hatten Geld dabei. Die Anzahlung für jene Autos, die wir am nächsten Tag aus dem Zoll holen wollten. Mary, und nicht etwa John, nahm es ihnen mit wieselflinken Fingern ab und ließ es in ihrem Wrapper verschwinden. Sprachlos sah ich zu.
Ich hatte ausgesprochen Mühe, meine Sprache an diesem Tag wiederzufinden. Es gab in der car-repair-Baracke genau ein Schlafzimmer. Mit einem Bett. John und ich bekamen das Bett, Mary rollte ihre Matte am Boden aus und legte sich ganz selbstverständlich davor. Als gehörte sie dazu.
Während ich vergeblich versuchte einzuschlafen, wußte ich plötzlich, woher ich diese Mary kannte. Das heißt, ich kannte nicht sie. Ich kannte Marys wie sie. Sie waren plötzlich da, wenn ich John mal ein paar Wochen allein in London gelassen hatte, um nach München zu fahren. Dann trugen diese Marys meinen Morgenrock, putzten sich mit meiner Zahnbürste die Zähne und schliefen mit meinem Mann. Himmel, war ich dumm! Es hatte sich nichts geändert. Wozu der ganze Aufwand mit Ahnen- und Götterbeschwörung? Hielten die Geister hier denn alle nur zum Mann? Sollte ich immer die Schuldige sein? Ich wollte bloß noch Vaters Geld und weg. Mit John an meiner Seite konnte das nie etwas werden mit Balance und so.
Der Hafen war wieder geöffnet worden und unterstand jetzt direkt dem Staat. John blätterte Naira-Schein um Naira-Schein auf den Tresen des neuen Zollbeamten. Endlich klopfte der unzählige Stempel auf die Papiere. Wir waren zu viert - John, ich, Mary und Nathan. Drei Wagen mußten also vorerst im Hafen zurückbleiben.
Ein Junge aus der Werkstatt namens Jojo hatte uns im Patrol zum Hafen begleitet.
Wir füllten aus Kanistern Benzin in die Tanks der Wagen. Keines der Autos sprang an. Während Mary loszog, um eine neue Batterie zu kaufen, begannen John, Nathan und Jojo, die Reifen zu wechseln. Da es sich bei der Mehrzahl der Autos um Peugeots des gleichen Typs handelte, ergänzten wir nach dem Baukastenprinzip.
Schließlich standen die verbliebenen drei praktisch radlos da.
Der einzige, dem die Sache richtig Spaß zu machen schien, war Nathan. Der Junge schwitzte in der Hitze zwar genauso wie John, aber er sang pausenlos vor sich hin. Als Mary endlich wieder auftauchte, gab der zuerst wieder zum Leben erweckte Wagen dem nächsten Starthilfe, dem verbliebenen Benz. Irgend jemand hatte den Auspuff des Mercedes dringend gebraucht. In eine blaue Abgaswolke gehüllt, laut wie ein Hubschrauber im Tiefflug, brachte ich den Wagen zum Rollen. Auch die beiden anderen Wagen schoben und schleppten wir schließlich los.
Die ganze Aktion dauerte bis in den Nachmittag. Die Rush-hour hatte bereits eingesetzt, als wir endlich aus dem Hafen rauskamen.
Vor uns lag eine Fahrt quer durch Lagos. Im Stau. John fuhr voraus, dann ich, Nathan und Jojo. Nathan blinkte wie wild mit der Lichthupe. Irgendwas stimmte nicht. Reifen geplatzt. Wir wechselten mitten im Stau. Im Schneckentempo ging es weiter. Ich blickte auf den Temperaturmesser des Wasserkühlers. Alarm!
Endlich freie Fahrt, die Anzeige beruhigte sich. Vor lauter Streß war es mir nicht aufgefallen, aber als wir ungehindert rollten, bemerkte ich, daß Johns Peugeot Flüssigkeit verlor. Wenig später stieg aus dem Wagen vor mir schwarzer Rauch auf. Rechts vorn eine Tankstelle, John setzte den Blinker. Praktisch keiner der Wagen hatte mehr Sprit im Tank.
John fuhr den rauchenden Wagen direkt vor die Zapfsäule, wir drei anderen hinterher. Da rannten auch schon aufgeregt mit den Armen fuchtelnde Männer auf uns zu und schrien: „Go away! Go away!“
John hatte die Fahrertür geöffnet und die Motorhaube entriegelt und wollte gerade aussteigen. Mindestens zehn Männer stürzten auf ihn zu, einer drückte ihn in den Wagen zurück. Fluchend schoben sie ihn weg von der Tankstelle, hinüber zur Straße. In solchen Situationen ist überlegtes Handeln nicht meine Stärke: Ich erstarrte vor Schreck. Ich sah, wie alles, was Beine hatte, in Bewegung war, Wasser schleppte. Nach wenigen Minuten befand sich dort, wo Johns Peugeot stand, eine dicke weiße Wolke, aus der ein verrußter John hervortrat. Als sich der Qualm verzogen hatte, blickten wir in die Ruine eines Motorraums.
So zog mein hubschrauberlauter Mercedes den lahmgelegten Peugeot durch den Stau zu Marys car repair. Wie gebannt blickte ich auf die Temperaturanzeige und fragte mich, wann meinem Gefährt das gleiche Schicksal wie Johns Auto blühen würde. Aber der Benz hielt durch.
Marys vier Kunden machten lange Gesichter. Sie versprach ihnen wohl, daß die Wagen in Bälde wieder topfit seien. Ich hatte am Vortag gut aufgepaßt und wußte, welcher der Männer den Benz kaufen wollte. Während Mary mit den anderen zu tun hatte, nahm ich den Mann beiseite. „Sie haben Glück“, sagte ich, „Ihr Auto ist das beste von allen. Ich habe es selbst hergebracht. Es braucht nur einen neuen Auspuff. Den bekommen Sie leicht.“
„Ja“, sagte der Mann, „aber er hat keine Scheinwerfer, und die Scheibenwischer fehlen. Und wo sind die Rückspiegel?“
„Das sind doch Kleinigkeiten. Das Auto fährt. Sie werden stolz daraufsein.“
„Und der Lack? Das ist Rost.“
„Der Lack ist neu. Sie müssen nur etwas polieren.“
„Ich zahle Ihnen 5 000 Naira.“
10 000 Mark? Wir hatten mindestens 100 000 Mark Schulden! Der Benz war mit 12 000 Naira kalkuliert, also gut 24 000 Mark.
„Ich wollte Ihnen ein Geschäft vorschlagen“, sagte ich kühl. „Wir werden den Wagen reparieren, dann kriegen wir 12 000 Naira. So war es vereinbart.“ Ich wandte mich ab.
„Okay, okay.“ Der Mann hatte mich eingeholt. „7 500 Naira.“
„Das kann ich nicht machen. Mindestens 11 000 Naira.“
Mary und John redeten immer noch auf die anderen drei Kunden ein, die bei den Peugeots standen. Mein Ehrgeiz wuchs. Ich wollte endlich selbst Geld in die Finger kriegen. Es war doch schließlich in erster Linie Vaters Geld. Ich mußte es schaffen! Ich streckte dem Mann meine bleiche weiße Hand hin. „10 500. Bar und sofort.“
Er schlug ein. Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf! Er gab mir 10
000 Naira. 500 habe er Mary angezahlt.
John und Mary hatten mit ihren anderen Kunden weniger Glück. Sie behaupteten, nur jeweils 3 000 Naira bekommen zu haben. Die noch ausstehenden 4 000 würden sie brauchen, um die drei anderen Autos aus dem Hafen heraus und wieder flottzubekommen.
Damit hatte ich ganze 38 000 von erwarteten 100 000 Mark. Und die auch nur theoretisch. Und falls man mich mit diesem Geld am Flughafen schnappen würde, stünde mir eine höchst unerfreuliche Laufbahn bevor: die einer Gefängnisinsassin.
„Ich kenne jemanden, der Geld wechselt“, sagte John. Er kannte ja immer jemanden. Diesmal war es eine Händlerin in Victoria Island.
Was eine erneute Fahrt quer durch Lagos bedeutete ... Dazwischen lag eine schlaflose Nacht neben John und Mary. Und ein bemerkenswerter Morgen. Mary übergab sich, wie schon am Morgen zuvor.
Man sagt mir nach, daß ich gut pokern kann. Als Mary von der sogenannten Toilette zurückkam, nahm ich sie schwesterlich in den Arm und fragte: „Na, Mary, wann ist es denn so weit?“
„Du weißt es?“ Ihre dunklen Kulleraugen wurden noch runder.
„Natürlich. Du bist auch im richtigen Alter dafür.“
„Ich bin so glücklich, daß du es jetzt auch weißt!“
Ich rechnete schnell. „Du bist im zweiten Monat?“
„Ich hoffe so, daß es ein Junge wird, Mitfrau Ilona“, strahlte sie mich mit ihrer Zahnlücke an. Ich lächelte verkrampft zurück.
Es war Zeit, ein paar Dinge klarzustellen.
„John, ich glaube, mir ist klar, warum die Ahnen uns bei unserem Autohandel nicht helfen wollen. Weil wir ein falsches Spiel spielen.
Ich spreche von Mary. Sie bekommt ein Kind von dir. Und mit mir schläfst du zu Grillenzirpen im Urwald und erzählst beim babala-wo
was von afrikanischer Familie. Du bist ein Schwein, John. Ich habe mich noch nie in meinem Leben so verarscht gefühlt. In dieser Nacht im Urwald ... ich war wirklich bereit, mit dir neu anzufangen.
Ehrlich ... Mit den Kindern ... sie sollten ihren Vater wiederhaben ...
ach, vergiß es. Vergiß es für immer.“
Ich saß im klimatisierten Geländewagen meiner - was eigentlich?
Nebenbuhlerin? Ach ja: „Mitfrau“. John starrte schweigend auf die Stoßstange des Vordermannes. „Du bist Anfang Januar aus Deutschland zurückgekommen, um deinem kranken Bruder Moses zu helfen. Du hattest dich um die Autos zu kümmern. Und dann hattest du auch noch Zeit, um mit dieser angemalten Mary rumzumachen?
Bestimmt hast du ihr erzählt, du machst den großen Autohandel auf. Aber dann bin ich nachgekommen. Damit hattest du nicht gerechnet. Alles wäre gutgegangen, wenn Moses und ich nicht im Urwald schlappgemacht hätten. Ich wäre zurückgeflogen, und du wärst fein raus gewesen. Dumm gelaufen, was?“ Ich kochte. Trotz Klimaanlage.
„Du wolltest dich doch scheiden lassen“, sagte er endlich matt.
„Warum habt ihr im Busch Geister angerufen, wenn du es gar nicht ernst gemeint hast? Ich kenne mich mit der Magie der schwarzen Götter nicht aus, John, aber ich hätte nicht übel Lust, es zu lernen.
Ich bin sicher, du hast etwas getan, was du nicht tun durftest. Du hast nicht nur mich belogen. Du hast auch den babalawo belogen.“
„Das Orakel kann man nicht belügen. Ich habe nichts Falsches getan. Jeder Mann in Afrika kann mehrere Frauen haben.“
Nun fehlte nur noch, daß er von dem damals berühmten nigerianischen Sänger Fela Kuti anfing - der hatte 26 Frauen. In meinem Kopf machte sich ein Gefühl der Leere breit. Als hätte ich etwas sehr Wichtiges zu tun. Und es vergessen. Natürlich ... Der Traum in Oluwafemis Hütte ... Mein Vater! Himmel, ich mußte ja dringend in München anrufen!
Rhoda empfing mich aufgeregt mit einem fünf Tage alten Telegramm aus Deutschland. Aufgegeben am Tag meines Traums.
Es lautete: „Vater Herzinfarkt. Komm sofort. Mama.“
Alles lief an mir vorbei. Wie in einem Film. Der Markt von Lagos.
Das Menschengewirr. John, der sich unglaublich zusammenriß, möglichst viele von meinen Nairas in Geld umzuwandeln, das ich ausführen durfte. Er schacherte, redete mit Händen und Füßen.
Noch reichte die Summe nicht; wir hatten erst 3 000 Naira gewechselt.
Schließlich ein enges Zimmer, eine runde Frau. Sie handelte mit Tuch und Schmuck. John hatte ihr wohl erzählt, daß ich in Sorge um meinen Daddy sei. Ihre gutmütigen Augen blickten mich mütterlich an. Unter ihren vielen Wickelröcken hielt sie eine dicke Tasche mit Geld verborgen. Sie gab mir einen verhältnismäßig guten Kurs in verschiedenen Währungen. Aber mehr als 5 000 Naira wollte sie nicht tauschen. Da sie selbst öfter im Ausland Geschäfte machte, brauchte sie Devisen. Ich war ihr trotzdem dankbar. Sie hatte einen für die Haifisch-Stadt Lagos seltenen Charakter: jemand, der trotz des harten Kampfes ums tägliche Brot menschlich geblieben war.
Vom Telegrafenamt versuchte ich noch, nach Deutschland durchzukommen - aussichtslos. Wir fuhren direkt zum Airport. Ich hatte Glück: Ich bekam den letzten freien Platz nach München. Da Marys car repair nicht weit vom Flughafen entfernt lag, blieb sogar Zeit, um meine Koffer zu holen. Aber wohin mit dem vielen nigerianischen Geld, dessen Ausfuhr verboten war? Ich setzte alles auf eine Karte, das heißt: Ich packte 10 000 Naira in einen Koffer.
Eine Summe, für die einer von Master Tomorrows Hafenarbeitern sein ganzes Leben lang Säcke schleppen mußte.
Wir hasteten zum Airport zurück. Das Herz schlug mir bis zum Hals.
Wenn sie das Geld entdeckten, war alles umsonst. Ich umfaßte den Armreif aus Elefantenhaar, lächelte sanft, wünschte dem Zöllner einen guten Tag und sagte in mich hinein: Ilona, denk an das innere Gleichgewicht.
Ich schwöre: Ich war die einzige, deren Koffer nicht durchsucht wurde. Irgendwann mußte ja mal was klappen.
MEINE VERRÜCKTESTE ENTSCHEIDUNG
Die Geschäftsbilanz des Autohandels las sich schlecht. Für vierzig Prozent des Einsatzes hatte ich gerade mal 25 Prozent des eingesetzten Geldes rausbekommen: An der Uni hätte ich für dieses Resultat eine glatte Sechs kassiert... Die Stewardeß reichte mir gerade einen Tomatensaft, als mein Blick auf die Papiere auf dem Schoß meines Sitznachbarn fiel. Er rechnete, strich durch, begann von neuem.
„Sie haben den Verlustvortrag nicht berücksichtigt“, hörte ich mich sagen. Der Mann - ich hatte ihn als Person übrigens noch gar nicht wahrgenommen, sondern mich nur für seine Zahlenkolonnen interessiert - beugte sich unkompliziert zu mir herüber. Wir rechneten gemeinsam und kamen zu der Überzeugung, daß sich seine Investition durchaus rentieren würde.
„Um was geht's denn überhaupt?“ fragte ich im Plauderton.
„Bremsen“, antwortete er, „wir haben über die Errichtung einer Anlage in Lagos verhandelt.“
„Also, ich habe von Autos die Nase voll.“ Ich lachte.
„Machen Sie Export?“ wollte er wissen.
„Mit mäßigem Erfolg“, gab ich zu. „Ich habe ein paar afrikanische Eigenarten nicht mit einkalkuliert.“ Und dann sagte ich so ganz nebenbei - ich weiß wirklich nicht, warum - einen Satz, der in die Augen meines blassen blonden Sitznachbarn mit dem sandfarbenen Anzug ein Strahlen zauberte: „Ich bin mit einem Nigerianer verheiratet.“
Da reichte mir der Mann seine leicht feuchte Hand und stellte sich als Michael Bernhard vor, Finanzvorstand der Strengfurt AG.
„Haben Sie nicht Lust, bei uns im Management in Lagos mitzuarbeiten? Wir brauchen dringend einen neuen Controller. Am besten jemanden, der mit einem Nigerianer verheiratet ist, wegen der Ausländerquote. Noch besser eine Frau, die sich einmischt. Wie wär's?“
Ich verschluckte mich fast an meinem Tomatensaft.
„Wir machen Ihnen ein Angebot, das Sie nicht ausschlagen können“, sagte Bernhard in 10 000 Metern Höhe. „Haus, Auto, Chauffeur, Personal, Inlands- und Auslandsgehalt...“
Ich dachte an Jauchegräben, Lehmhütten mit Plumpsklos, korrupte Master Tomorrows, brütende Hitze.Tote auf den Straßen, schwarze Magie und schwarze Machos, die sich x-fach vermählten ...
„Wissen Sie was, Frau Wowo, Sie kommen nächste Woche einfach nach Köln! Meine Sekretärin wird Sie morgen früh anrufen und für Sie das Flugticket am Flughafen hinterlegen lassen“, sagte Bernhard ohne Umschweife. „Nach einem ausführlichen Gespräch können Sie immer noch nein sagen.“
Mir fielen meine Kinder ein, Janet und Bobby, meine Mutter, mein Vater. Bernhard lachte. „Ihr Haus im weißen Viertel ist riesig. Da könnten Sie sogar Ihre Eltern mitnehmen. Und es gibt eine sehr gute deutsche Schule. Das zahlen natürlich alles wir.“
Ich seufzte. „Ich muß es mir überlegen.“
In diesen Stunden bekam ich eine Ahnung davon, wie unkompliziert das Leben sein konnte. Es war möglich, neben jemandem im Flugzeug zu sitzen, der einem den Superjob zu Füßen legte. Ich brauchte dem Geld endlich mal nicht hinterherzurennen: Es kam zu mir. Der Elefantenreif, die „innere Balance“ oder schlicht die längst überfällige Portion Glück, die jedem zusteht?
Mit diesem Hochgefühl stieg ich in München aus dem Flugzeug. Um am Gepäckband brutal hart auf den Boden der Wirklichkeit zurückgestoßen zu werden - der Koffer war nicht angekommen.
Mein, vielmehr Papas, ganzes Geld! Ich rotierte. Sollte ich in der Verlustanzeige unter „Wertangabe“ 20 000 Mark in Nairas reinschreiben? Was hätte das genützt? Sie hafteten nur bis 1 000
Mark. „Die meisten Gepäckstücke tauchen noch auf, Frau Wowo.
Bei den Flügen aus Afrika haben wir öfter Probleme.“
Zu Hause fraßen mich Janet und Bobby fast auf. „Mama, was hast du uns mitgebracht?“ Liebe, kleine deutsche Welt, so aufgeräumt, so sauber. Und doch unter der heilen Oberfläche ein Riß: die Schulden, die Mahnschreiben der Bank, mein Vater unter der Last zusammengebrochen. Leichenblaß lag er im Bett, an Schläuche angeschlossen. Er war wirklich krank! Das sagte auch der Chefarzt.
Er habe sich viel zuviel zugemutet. Außerdem hatte er in Afrika seine Tabletten gegen zu hohen Blutzuckerspiegel und Blutdruck unregelmäßig genommen. Eigentlich, sagte der Doktor, müßte mein Vater sofort in Rente gehen.
Du lieber Himmel, die ganzen Schulden! Und Vater arbeitsunfähig!
Es würde alles an mir hängenbleiben. Ich telefonierte Freunde und Bekannte durch, ob sie einen Job für mich wußten. Flehte bei meinem alten Arbeitgeber vergebens um Gnade. Kramte einen Headhunter, einen professionellen Jobvermittler für Manager, aus meinem Telefonbuch hervor. Was denn? Gutbezahlter Job in München, und zwar sofort? Wo sollte er den herzaubern?
Zuerst galt es jedoch, alle naheliegenden Katastrophen zu beseitigen: Im Flughafen marschierte ich geradewegs mitsamt wiedergefundenem Koffer und klopfendem Herzen zum Damenklo, durchwühlte meine BH's und Blusen. Ei, wie fein, 10 000 bunte Nairas!
Es folgte ein Banken-Marathon. Nigerianische Nairas? Nein, tut uns leid! Die nehmen wir nicht. Ich mußte bis in die Schweiz, um aus Nairas schließlich Mark zu machen. Aber: ich hatte insgesamt fast 30 000 Mark. Die Mahnungen der Spedition waren ernst zu nehmen.
Ich feilschte und pokerte wie auf dem Markt in Lagos, um die Forderungen zu drücken. Nach einer halben Stunde reduzierte der Spediteur unsere Schulden um ein Viertel. Ich lieferte fast mein ganzes schönes Bargeld ab - eine schmerzhafte Trennung! Was hatte ich für dieses Geld geschwitzt, gezittert und gebetet. Um es dann in einer langweiligen Stahlkassette verschwinden zu sehen ...
Das Entgegenkommen des Spediteurs klärte sich in den nächsten fünf Minuten auf, als seine Sekretärin mit einer Flasche Sekt hereinkam. Der Spediteur entkorkte sie, füllte die Gläser, stieß mit mir an und sagte: „Na, dann, Frau Wowo, auf weiterhin gute Zusam-menarbeit!“ Ich stutzte nur einen kleinen Moment, hielt das für eine normale Redewendung nach einem abgeschlossenen Geschäft.
„Na ja, man weiß ja nie“, erwiderte ich und dachte: Nie wieder lasse ich mich auf ein solches Abenteuer ein!
Das Lächeln des Spediteurs gefror: „Wie meinen Sie?“
„Der Autohandel ist eine ziemlich aufreibende Sache „, antwortete ich vage.
„Ihr Vater schien mit Ihrer Arbeit ganz zufrieden zu sein. Wie sagte er - ach ja: Das erste Mal sei nur ein Versuchsballon gewesen. Sie alle hätten aus den Fehlern gelernt“, sagte der Spediteur.
„Das hat mein Vater gesagt?“ Mein Magen verstand als erster die Signale: Vater hatte wieder was angestellt!
„Ja, diesmal verschiffen wir die Autos gleich in Containern auf Deck. Dann kann beim Entladen nichts kaputtgehen.“
„Um wie viele Autos handelt es sich denn diesmal?“ fragte ich so ruhig wie möglich.
„Zwölf.“
Diesen Unsinn machte ich nicht noch mal mit!
„Es ist zu spät, Frau Wowo. Die Autos sind schon in Bremen und werden in einigen Tagen verladen“, sagte der Spediteur kalt. „Uns liegt bereits ein Telegramm von John Wowo vor. Das ist doch Ihr Mann, nicht wahr? Darin bestätigt er, daß er die Autos angefordert hat und fristgerecht übernehmen kann.“
Wütend fuhr ich mit meinem Golf ins Krankenhaus.
„Ilona, ich habe einen Autohändler gefunden, der den Autohandel mitfinanziert. Er stundet uns alle Rechnungen bis zum Verkauf der Autos“, sagte Papa, als ich ihn ganz sanft im Krankenhaus auf die Autos ansprach. „Und außerdem, Ilona...“ Er sah mich mit ganz lieben Papa-Augen an. „Wir müssen von unseren Schulden wieder runter. Ich wußte keinen besseren Weg. Du etwa?“
Am nächsten Tag versuchte ich in Köln bei der Strengfurt AG, eine Antwort darauf zu finden. Mein Verhandlungsspielraum war denkbar gering. Bernhard machte es mir wirklich schwer abzulehnen. Die Kinder könnte ich nach Ablauf der Probezeit nachkommen lassen. Das schrieben sie sogar mit Freuden in den Vertrag hinein. Weshalb, wurde mir erst später klar: Die Wahrscheinlichkeit, daß ich den Vertrag verlängerte, war dadurch viel größer.
Während wir uns über alle Details ausführlich unterhielten, trat all das in den Hintergrund, was mich an Nigeria genervt hatte. Plötzlich erinnerte ich mich an jene Häuser, die Schwager Moses als Gärtner betreut hatte. In so einer Villa würde ich mit Janet und Bobby residieren! Freundliches Personal würde uns umsorgen. Wir würden reisen. Ich könnte den Kindern zeigen, wo ihre Wurzeln waren. Und so traf ich die verrückteste Entscheidung meines Lebens - zurück nach Afrika.
Als ich am Abend wieder nach München flog, hatte ich den unterschriebenen Vertrag in der Tasche. Nur einen Haken hatte die Sache: Ich mußte in Kürze in Köln ein zweimonatiges, firmeninternes Training durchlaufen, um mich mit Organisation und Interna der Firma vertraut zu machen. Noch von Köln aus hatte ich die Spedition angerufen. Ich bat um ein paar Wochen Aufschub für die Autoverladung. Ich hatte ja dazugelernt: Diesmal würden die Ersatzteile gleich beigepackt werden, um die Autos sofort reparieren lassen zu können.
„Mutti“, sagte ich zu Hause, „ich werde wieder nach Afrika reisen.“
„Ich denke, es hat dir nicht gefallen?“
„Diesmal wird es anders werden, Mutti.“ Ich erklärte ihr alles.
„Wenn du meinst, Ilona“, sagte Mutter zum Abschluß, „du hast dir das ja sicher gut überlegt.“ Wenigstens die Kinder wußte ich bei ihr in guten Händen. Gedankenverloren drehte ich meinen Elefantenhaarreif.
„Das ist hübsch“, sagte Mutti, „was ist das?“
„Ein Glücksbringer.“
„Dann paß gut drauf auf. Wir werden in nächster Zeit eine Menge Glück brauchen.“ Dann nahmen wir uns in die Arme und hielten uns ganz fest.
Ich wurde Freizeit-Mutter. Alle 14 Tage zahlte die Strengfurt AG mir während meiner zweimonatigen Einarbeitungszeit in Köln einen Heimflug nach München. Ich brachte Geschenke für die Kinder mit, widmete meine Zeit vor allem Gesprächen mit meinen Eltern. In der Regel ging es ums Geld: Vater war im Begriff, das Haus zu verkaufen, um ein anderes, weit entfernt von München im niederbayerischen Bäderdreieck, zu mieten. Seine Pläne täuschten nur unzulänglich darüber hinweg, daß er völlig pleite war. Die übrigen Geschäfte hatte er mit Hypotheken aufs Haus finanziert, das nun bis zum Dachfirst überschuldet war. Vater ging es zwar wieder gut, aber es war klar, daß er nicht mehr arbeiten konnte.
Meine Schwester Monika hatte gerade Abitur gemacht, wollte studieren. Der Ernährer meiner Großfamilie war plötzlich ich.
Die Personalabteilung meines neuen Arbeitgebers hatte mir Prospekte von der deutschen Schule in Lagos besorgt. Stolz legte ich sie meinen Eltern vor.
„Janet und Bobby werden bei uns leben“, sagte Vater schroff, stand auf und ging hinaus.
„Was hat er denn, Mutti?“
„Er glaubt, daß die Kinder es in Deutschland besser haben. Vater war von Afrika nicht so begeistert.“
„Wir wohnen im weißen Viertel, in einer Villa“, sagte ich.
„Vater hat ein schönes Haus in Niederbayern ausgesucht. Es hat einen großen Garten“, antwortete Mutti.
Vier Wochen später fuhren meine Eltern und meine Kinder mit mir nach Bad Griesbach. Stolz zeigten sie mir das schöne, großzügige Haus, für das ich die Miete zahlte.
Der Umzug fand an einem Wochenende statt, das ich in London verbrachte, wo ich an einer internationalen Schulung teilnahm. Ich schenkte mir das abendliche Sightseeing und blieb in unserem feudalen Hotel, wartete an der Restaurantbar auf einen freien Tisch.
Ich mochte die etwas biedere, aber gemütliche Atmosphäre mit dem dunklen Teak an den Wänden und den schön polierten Messingleuchtern. Ein Mädchen in Janets Alter kippte sich seinen roten Saft über die weiße Bluse. Wahrscheinlich Johannisbeere. Der K. o. für jedes mir bekannte Waschmittel. Angesichts der hilflosen Versuche der verzweifelten Mutter, das Desaster wieder zu entfernen, mußte ich lächeln.
„Es kann ganz schön hart sein, erwachsen zu werden“, sagte eine männliche Stimme neben mir in einem leicht singenden, amüsierten Tonfall. Ich hatte ihn nicht bemerkt. Ein hochgewachsener, sehr eleganter Mann mit kurzen schwarzgelockten Haaren, dunklem Teint in einem schwarzen Zweireiher lächelte mich aus wachen, etwas spöttischen Augen an.
„O ja“, sagte ich leidenschaftlich, „mein Vater hätte mir bei so einer Gelegenheit eine geschmiert.“
„Ich hätte den Fleck zu Hause auswaschen müssen. Da paßt man beim nächsten Mal verteufelt gut auf“, sagte der junge Mann gut gelaunt.
„Ihr Vater muß ein guter Pädagoge sein“, meinte ich anerkennend.
„Mein Vater?!“ Er lachte wie über einen guten Witz. „Um Kindererziehung hat er sich nie gekümmert. Er ist Afrikaner. Waren Sie schon mal in Afrika?“