Irgendwie ungerecht.

Ein christlicher Harem, was es nicht alles gab! Und dann hörte ich bei einem meiner Erkundungsspaziergänge im Garten die schöne deutsche Volksweise „Ein Männlein steht im Walde“. Ich blieb stehen und lauschte. Eine Frauenstimme sang hell und melodisch.

Und dann versuchte sich eine Kinderstimme an dem Lied, machte aus dem Männlein ein Mannlein.

„Männlein“, verbesserte die Frauenstimme sanft.

Hier fand Deutschunterricht statt. Deutschunterricht im Harem.

„Hallo, Sie da drin, können Sie mich hören“, rief ich über die hohe Mauer zu dem offenstehenden Fenster im ersten Stock hinauf. Meine Annäherungsversuche hatten erst nach ein paar Tagen Erfolg: Ein Stein, umwickelt mit Papier, flog in meinen Garten. So lernte ich Lisa kennen, eine damals 48jährige Münchnerin. Eine Woche später trafen wir uns im Haus von Mila, einer Bekannten von Lisa. Zu dem Treffen im Stadtteil Suru Lere wurde Lisa von einem Leibwächter ihres Jesus gebracht. Mila nannte sich Consultant, Beraterin. In welchen Angelegenheiten, sollte ich erst später erfahren.

Zunächst wunderte ich mich über Milas Haus, in dem ebenfalls eine Menge Frauen lebten, die Mila allesamt mit sister ansprach. Es waren vor allem blutjunge Mädchen, teilweise nicht mal im Teenager-Alter. Das Haus selbst, ohne jeden Luxus, war ein langgestrecktes, wellblechgedecktes Lehmhaus, mit jeweils acht Zimmern auf jeder Seite. Mila, eine korpulente Frau zwischen vierzig und sechzig Jahren, war mit goldenen Ketten und Armreifen geschmückt, keiner ihrer groben Finger, an dem nicht ein großer Ring prangte. Sie sprach bei den ersten Treffen kaum mit mir, schien mich aber aus der Entfernung im Auge zu behalten.

Mich interessierte natürlich, wie sich eine Deutsche einen Mann mit 38 Frauen teilen konnte. Wo ich schon Probleme mit mei ner Mitfrau hatte ... Lisa sah das ganz anders, natürlich. Sie war mit ihrem deutschen Mann nach Nigeria gekommen, der an einer Schule unterrichtete. Die damals 16jährige Tochter hatte sich entschieden, in Deutschland ein Internat zu besuchen. Lisa stand in Lagos ohne Aufgabe da. Sie war damals 42 und kam in die Wechseljahre - viel zu früh. Durch die Vermittlung von Mila, die ihr eine ihrer sisters als Dienstbotin gestellt hatte, kam sie in Kontakt mit Jesus. Und wurde Teil seiner family, wie er das nannte. Es erschien ihr völlig natürlich, auf Dauer in dieser Familie zu bleiben - sie wurde die 33.

Frau von Jesus. Das war vor sechs Jahren.

Jede Frau, die nach ihr in die family eintrat, wurde ebenso wie Lisa zu ihrer Zeit von den anderen zuvor „begutachtet“. Wie kleinkariert Lisa meine Eifersucht auf Mary vorkommen mußte: In der family

gehörte Jesus all seinen Frauen. Denn die spirituelle Beziehung zu ihm war wichtiger als die körperliche. Jede Frau hatte ihr eigenes Zimmer, ebenso wie Jesus selbst. Dort besuchten die Frauen ihn.

Sie teilten sich ihn so wie die Hausarbeit und die Erziehung der Kinder - übrigens siebenundfünfzig.

Eines davon war Irina, die damals fünfjährige Tochter von Lisa.

Trotz angeblicher Menopause war sie wieder schwanger geworden.

Lisa war Jesus dankbar: Er hatte ihr ihre Jugend zurückgegeben.

Die kleine Irina, ein milchkaffeefarbenes, sehr hübsches Kind, machte einen ausgeglichenen Eindruck. Sie sprach deutsch wie eine Erwachsene, redete in einem lustigen Pidgin-Englisch mit den jungen Mädchen bei Mila und konnte laut Lisa auch einige Sätze auf yoru-ba und ibo sagen.

Bei einem meiner Besuche beobachtete ich Mila, wie sie ihren

sisters die Zukunft voraussagte. Sie tat das ganz unkompliziert mit Kauri-Schnecken, die sie auf den Boden warf. Ich hielt das für ein Spiel zum Zeitvertreib und fragte spaßeshalber, ob sie es für mich auch tun könnte. Sie lehnte mit einem abfälligen, schnalzenden Laut ihrer Zunge ab.

Zu jener Zeit hatte ich öfter Schmerzen im linken Bein, die ich verdrängte, indem ich das Bein einfach weniger belastete, was zu einem leichten Hinken führte. Ich wollte erst bei meinem nächsten Deutschland-Besuch zu meinem Münchner Arzt, falls sich die Schmerzen bis dahin nicht gegeben hatten. Vor allem aber träumte ich schlecht.

In diesen Träumen, aus denen ich schweißgebadet erwachte, tauchte stets eine dicke Eule mit buschigen Ohren auf. Mit ihrem annähernd hühnergroßen Körper setzte die Eule sich auf meine Brust, breitete ihre großen Schwingen aus und begrub mich unter ihren Federn. In einem anderen Traum folgte ich ihr in Johns Dorf.

Die Eule flog in das Haus, in dem die schwangere Efe das Grab für Moses schaufelte. Die Szene war so, wie ich sie erlebt hatte. In meinem Traum allerdings lachte Efe, und Moses stand bis zu den Schultern im Grab und winkte mir freundlich zu. Ich lief zu Moses, um ihm aus dem Grab zu helfen. Er griff nach meiner Hand und zog mich hinab. Zu spät erkannte ich, daß es nicht Moses war, der da auf mich gewartet hatte, sondern John. Als ich im Grab lag, schaufelte John es zu. Dann setzte er sich auf die festgestampfte Erde.

„Sie war eine Hexe“, sagte er und aß aus einer Schüssel mit den Fingern garri-Brei, den er mir durch die Erde hindurch in den Mund stopfte, als sollte ich daran ersticken.

Als ich aufwachte, leckte Frosty mit ihrer rauhen Zunge den Schweiß von meiner nassen Nasenspitze. Mein unpersönliches, kaltes Haus begann mir angst zu machen. Jeden Abend fürchtete ich mich davor, schlafen zu gehen.

Ohne Umschweife sagte Mila bei meinem nächsten Besuch: „Erzähl mir, was du letzte Nacht geträumt hast.“

Als ich meinen Traum berichtet hatte, gab Mila wieder diesen unschönen Schnalzlaut von sich, mit dem Nigerianer ihr Mißfallen zum Ausdruck bringen. „Jemand ruft dich“, sagte sie schließlich,

„die Eule ist ein Zeichen. Du kannst es aber nicht verstehen. Ich erkläre es dir.“

Daß Efe angeblich eine Hexe war, hatte ich ja schon von John zu hören bekommen - und es mit einer gehörigen Portion weißer Skepsis ins Reich afrikanischer Mythen und Märchen verwiesen.

Doch Mila sagte nichts anderes als das! „Wenn sie dich ruft, mußt du zu ihr. Sonst widerfährt dir Schlimmes.“

In ihren Kauri-Muscheln sah sie meinen baldigen Tod. Ich erschrak.

Mila blickte mich nachsichtig an. „Das bedeutet doch nicht, daß du tatsächlich stirbst. Das Orakel sagt dir nur deinen Weg voraus.

Wenn du diesen Weg kennst, dann kannst du ihn ändern. Das ist der Sinn des Orakels.“

Mila rief eine ihrer sisters, Rose, ein dünnes, vielleicht zehnjähriges Mädchen. Rose sollte mich in ein Dorf in der Nähe der Ortschaft Irun begleiten. Dort wohnten weise Frauen. Und dann gab sie mir ein paar Verhaltensregeln mit: Ich solle niemandem sagen, wie ich heiße, sondern mir einen anderen Namen zulegen. Meine Haare müsse ich zu Zöpfchen flechten, dürfe sie niemals kämmen. Meine Nägel solle ich auf keinen Fall schneiden, sondern müsse sie abbeißen und verschlucken, meine Exkremente vergraben. Fotos von mir oder meiner Familie dürfe ich nicht mitnehmen, und vor allem sei es absolut verboten zu fotografieren.

Dann machte sie an der Außenseite meines rechten Mittelfingers einen kleinen Einschnitt, in den sie ein schwarzes Pulver rieb. Die zwei Zentimeter lange Narbe habe ich heute noch. „Und jetzt lern zu grüßen“, sagte Mila. Bitte nicht mit rechts, sondern mit links. Zeige-, Mittel- und Ringfinger auf den Puls der anderen Frau legen, kleiner Finger und Daumen greifen zur Handwurzel.

Ich musterte die „Beraterin“ und fragte amüsiert: „Mila, schickst du mich etwa in ein Dorf von Hexen?“

Sie schnalzte nur und hielt mir ihre geöffnete Handfläche hin.

„Willst du mich und meine sisters nicht mit ein bißchen Geld unterstützen?“

Ich lieh mir Bernds Jeep plus Benzinkanister, ließ mir von meinem Stewart eine Kühlbox mit Lebensmitteln packen, bat eine sister, mir die Haare zu flechten, packte einen Berg Utensilien - von dicken Ballen weißen Stoffs und Sandalen bis zu diversen Getränken - in den Jeep und fuhr mit der kleinen Rose einen ganzen Tag lang bis in die Nähe von Irun, 400 Kilometer nordöstlich von Lagos. Die ersten 300 Kilometer führten über autobahnähnliche Straßen, die wegen ihres schlechten Zustands oft nur einspurig waren. Der Rest der Strecke war holprig, es galt Brücken zu überwinden, über die nur lose Holzbohlen gelegt waren.

In einem Dorf mußten wir den Jeep stehenlassen, Rose organisierte einige Mädchen, die uns tragen halfen. Und dann stand ein Fußmarsch an. Zurück brauchte ich für diesen Weg etwas mehr als eine Stunde. Doch hin schleppte ich mich vier Stunden lang. Mein Bein schmerzte derart, daß ich kaum noch laufen konnte. Als ich mich an einen kleinen See setzte, um das angeschwollene Bein zu kühlen, schrie Rose mich an, das nicht zu tun. Ich erfuhr erst später, warum: Die Erreger der Bilharziose, einer Wurmkrankheit, werden durch stehendes, warmes Wasser übertragen.

Wir kamen erst am Abend im Dorf der weisen Frauen an. Rose stellte mich unter dem Namen Maja vor, überreichte die Geschenke.

Dazu legte das Mädchen sich flach in den Staub. Ihre Ehrerbietung galt einer runden Frau, Typ Mammi, die das Sagen hatte. Sie ließ mich in eine schlichte, palmwedelgedeckte Lehmhütte bringen, wo ich fix und fertig auf den Boden sank.

Ich muß gleich eingeschlafen sein. Wieder erschien mir im Traum die dicke Eule mit den großen Ohren. Diesmal saß sie jedoch zu meinen Füßen. Ich fuhr hoch. Es war keine Eule, sondern eine Frau, die ihre gele so gebunden hatte, daß zwei Zipfel an den Seiten leicht hochstanden. Sie saß neben einer dünnen, faltigen Frau, die im Schein einer Kerosinlampe mein geschwollenes Bein untersuchte.

Die dünne Alte schmierte eine kühlende Flüssigkeit darauf, und die Frau mit der gele gab mir etwas Bitteres zu trinken, das ich nicht lange bei mir behielt. Unter entsetzlichen Krämpfen übergab ich mich, bis nur noch roter Schaum kam. Später bekam ich Wasser zu trinken, das stark nach Eisen schmeckte.

Irgendwann fiel ich in einen fiebrigen Schlaf, aus dem ich am Morgen mit Unterleibsschmerzen erwachte. Die Frau mit dem eulenartigen Kopftuch hatte neben mir gewacht. Sie legte Berge von Stofffetzen unter mich. Offenbar hatte die erlittene Tortur meine Regel in Gang gesetzt. Ich glaubte, verbluten zu müssen! Irgendwo zwischen Leben und Tod schwebend, dämmerte ich in der Hütte vor mich hin, unfähig zu registrieren, was um mich herum vor sich ging.

Als die kräftezehrende Bluterei endlich nachließ, begann die Frau mit dem Kopfschmuck, mich in der Hütte auf und ab zu führen. Ich hatte endlich wieder die Kraft, meine Aufmerksamkeit jemand anderem als nur meinem schmerzenden Körper zu schenken.

„Efe!“ sagte ich laut. „Efe, das sind ja Sie!“

Sie legte zwei ausgestreckte Finger auf meine Lippen, deutete auf sich. „Me Nita“, sagte sie in Pidgin-Englisch: Ich heiße Nita. Klar, und ich war Maja. Nenne nie deinen wahren Namen ...

Schließlich durfte ich am Abend auf den kleinen Dorfplatz, auf dem sich vielleicht zwei Dutzend Frauen zusammendrängten. Eine von ihnen hatte vor dem Ritualhaus, einem größeren, aufwendigen Bau mit verzierten Holzpfeilern, die eine umlaufende Loggia bildeten, eine giftige grüne Schlange gefunden. Dies wurde als Zeichen gedeutet, daß die Ahnen den Tag für ein Ritual vorsahen. Um das flackernde Feuer tanzten barbusig, stampfend und singend die anderen Frauen, die um ihre Körper weiße Tücher gebunden hatten.

Sie waren unterschiedlich geschmückt mit Armbändern oder mit glöckchenbesetzten Fußketten, einige hatten Blumen in die Haare geflochten oder den Kopf mit einer gele bedeckt.

Vom Feuer stieg der stechende Qualm auf, der die Sinne benebelte: Offenkundig wurden große Mengen Weihrauch verbrannt. Die Hitze des Feuers und der ausdauernde Tanz ließen die Leiber der Frauen schweißnaß glänzen. Ihre Ausdünstungen mischten sich mit dem Duft des Weihrauchs und des Tabaks, den einige Frauen rauchten oder kauten.

Mein Bein, dessen Umfang sich von seinem elefantösen Ausmaß auf fast wieder normale Verhältnisse zurückentwickelt hatte, legte die dünne Alte auf einen Stapel Reisig. Der Rest von mir lag neben dem Feuer auf einer Matte. In dieser ungewöhnlichen Position wurde ich Zeuge des sich anschließenden Rituals. Jene Frau, die ich als „Mammi“ bezeichnet habe, trug eine perückenartige Kopfbedeckung aus Glasperlen, die im Schein des Feuers fantastisch funkelte. Sie saß direkt neben dem Feuer auf einer Art Schemel.

Die spindeldürre Nita wurde entkleidet, sie kniete sich vor Mammi nieder, nahm eine kleine braune Puppe aus Ton und warf sie ins Feuer. Es dauerte eine Weile, bis die Puppe durch die Hitze in Tonscherben zerbarst, was die Frauen mit Gemurmel quittierten.

Eine der Frauen brachte ein lebendes, zappelndes Huhn, das Mammi über Nitas Kopf hielt, um es anschließend kopfüber in einen mit einer schäumenden Flüssigkeit gefüllten Eimer zu stecken. Sie zog das Huhn wieder heraus, wirbelte es über die Köpfe der anderen, daß die Federn nur so flogen. Mit unglaublicher Geschwindigkeit führte sie das Huhn über eine Schüssel. Dann trennte sie seinen Kopf mit einem schnellen Schnitt fast vollkommen ab.

Das Blut strömte pulsierend in Nitas geöffneten Mund. Gierig trank sie es. Als der Vogel ausgeblutet war, wurde er aufgeschlitzt, Nita ein Teil der Innereien gegeben. Sie lutschte an der blutigen Galle, mit der ihr Körper danach eingerieben wurde. Dann trank sie von einem Sud, der auf dem offenen Feuer gekocht wurde, und begann, ekstatisch zu tanzen, bis ihr Körper unkontrolliert zuckte und sich ihre Augen verdrehten. Die anderen Frauen fingen sie schließlich auf und legten sie sanft auf den Boden. Mit dem Ende von Nitas Tanz hatte auch ich das Feld zu räumen, wurde wieder in die Hütte zurückgebracht.

Der Sinn dieses ganzen Rituals ist mir an jenem Abend nicht klargeworden. Wie ein Puzzle fügte es sich erst später zusammen, als ich meinen Münchner Internisten bat, meine Beinvenen zu untersuchen. Mit Dopplersonographie und Ultraschall stellte er linksseitig ein postthrombotisches Syndrom fest: Ein Blutpfropfen hatte meine Beckenvene in Afrika blockiert gehabt - deshalb war mein Bein so stark angeschwollen. Wäre ich nicht in Nitas Dorf gefahren, hätte ich an dem Blutpfropfen sterben können. So wie

Consultant Mila es in ihrem Orakel gesehen hatte. Durch Milas

„Übersetzung“ meines Eulen-Traums hatte ich zu Nita gefunden.

Nita, davon bin ich überzeugt, war Efe, jene Efe, der ich das Leben gerettet hatte, indem ich sie mit John ins Krankenhaus brachte.

Zum Dank bewahrte sie mich vor dem Tod.

Ein Professor für Völkerkunde an der Uni von Ibadan, dem ich von dem Ritual erzählte, fragte mich, ob am Anfang der Zeremonie eine Puppe zerstört worden sei. Als ich bejahte, erklärte er, daß in diese Puppe ein Geist hineinbeschworen worden war. Dieser Geist hatte mich zu Efe alias Nita gerufen. „Jener Frau, die Sie gerufen hat, haben Sie einen großen Dienst erwiesen“, sagte der Professor, „sie hat den anderen Frauen ihres Konvents bewiesen, daß sie über große geistige Macht verfügt.“

„Und was hat sie davon?“ fragte ich.

„Wenn sie ihr Dorf verläßt, wird sie eine Menge über Heilkunde erfahren haben. Sie kann als Heilerin viel Geld verdienen. Man wird sie bitten, Träume zu deuten, zeremonielle Schlachtungen durchzuführen, wahrzusagen oder bösen Zauber zu bannen. Oder jemanden mit einem Fluch zu belegen. Je nachdem.“

„Das hört sich ja an wie Hexerei“, sagte ich.

Der Professor lachte. „Na, was dachten Sie denn! Sie waren ja auch im Dorf der Hexen. Oder wußten Sie das nicht?“