FRISCHER FISCH GEGEN EHEPROBLEME

Die ganze Nacht wurde vom siebten auf den achten und den folgenden Tag getanzt und gefeiert. Auch Rhoda tanzte auf dem Hof des Anwesens unter dem Affenbrotbaum, im Schein eines Feuers, brennender Fackeln und Petroleumlampen, das Neugeborene meistens mit einem großen Baumwolltuch um ihre Hüfte gebunden.

Erstaunlich, wie viele Verwandte, Freunde und Bekannte Rhoda und Moses hatten. Sie schenkten ihr und dem Neugeborenen in einer

spraying genannten Zeremonie viel Geld, das sie der tanzenden Rhoda an die Stirn klebten. Sich bedankend, steckte sie die Naira-Scheine nach und nach in eine Falte ihres Wrapper-Rockes, bis ihr Bauch wieder denselben Umfang wie vor der Geburt anzunehmen schien ...

Das Baby erhielt zwei Namen: einen christlichen, Nora, und einen afrikanischen, Oghenekome. In der Sprache des Isoko-Stammes meines Schwagers bedeutet das „Gottes Wille geschehe“.

Irgendwann während des Festes sagte John: „Ich habe mit dem

babalawo auch über unsere Probleme gesprochen, Ilona. Er ist ein sehr weiser Mann. Er sagt, er kann uns helfen.“

Ich sah ihn mißtrauisch an. Wir saßen auf einer langen Holzbank am Rande der Tanzfläche. Rhoda tanzte in der Mitte ihrer Gäste. John wirkte ein wenig wie ein exotischer Stammesfürst. Im Licht der flackernden Fackeln schimmerte seine dunkle Haut warm. Er trug ein dreiviertellanges afrikanisches Hemd mit dazu passender Hose aus weißem, durchbrochenem Baumwollstoff, der mit seiner Haut wunderbar kontrastierte. Den gleichen Stoff hatte Moses für mich organisiert. Ich wirkte darin wie Johns zu blaß geratener Zwil-ling. Ich wette, daß wir beide nicht aussahen wie ein Paar, das -

zumindest aus meiner Sicht - in Scheidung lebte.

John blickte unverwandt auf die nigerianische Schlager spielende Band am Ende der Tanzfläche, während er fortfuhr: „Der babalawo

meinte, unsere Eheprobleme sind schuld, daß es mit dem Autoverkauf nicht klappt.“

„Ach ja? Und siehst du das auch so?“

„Er ist ein erfahrener Mann. Er sagt, die Mißverständnisse und Spannungen zwischen uns bewirken, daß unser gemeinsames Geschäft zu keinem guten Ergebnis kommt.“

„John, worauf willst du hinaus? Wenn du mit mir schlafen willst, dann sag es. Aber die Antwort kennst du.“ Eigentlich hatte ich sagen wollen, daß die Autos keine Angelegenheit von John und mir waren, sondern von meinem Vater und John. Und die beiden waren nachweislich nicht miteinander verheiratet. Folglich konnte die Theorie des Medizinmannes nicht ganz stimmen ...

Als Deutsche bin ich vielleicht etwas zu erdverbunden. Ein afrikanischer Mann wie John sieht Schulden ganz anders. Er läßt sich nicht von der Vergangenheit niederdrücken, sondern freut sich an der Gegenwart. So nutzte er das Tauffest zur Anbahnung neuer Geschäfte. Windige Geschäftsideen wie ich fand: Tipp-Ex-Verdünner, Toilettenpapiermaschinen, sogar Quecksilber zum Gelddrucken und für schwarze Magie wollten seine Bekannten über uns importieren. Auch Vorschläge, die mir ein paar Nummern zu groß vorkamen, wurden gemacht, wie der Import von Fotoentwicklungsmaschinen, Kupferkabeln oder ganzen Bäckereieinrichtungen. In ausgelassener Stimmung wollten manche Besucher gleich Anzahlungen leisten. Am Ende saß ich mit einem Stapel von Visitenkarten da; die meisten wirkten selbstgemacht und wiesen den Überbringer als President von irgendeiner Firma aus.

Aber John sprach von enormen Profiten - als hätte er die schon eingesackt.

„Ich habe mit Moses gesprochen. Er will uns begleiten“, meinte er spät in der Nacht.

„Zu dem Medizinmann, von dem ihr beiden gerade kommt? Was soll das bringen? Moses geht es doch nicht besser. Sieh ihn dir an!“

„Wir werden einen anderen babalawo aufsuchen. Er ist ein richtiger Weiser vom Stamm der Yoruba. Er wird uns helfen“, orakelte er.

Das Wort Yoruba machte mich neugierig. Von diesem Volk und seinen religiösen Riten hatte ich schon mystische Geschichten gehört. Ich drehte meinen juju-Reif und signalisierte schweigend mein Einverständnis.

Moses' alter, kleiner Lastwagen stand für die Reise zum babalawo

nicht zur Verfügung, die Angestellten brauchten ihn für den Gartenbau. Die Alternative hieß gelbes Mitsubishi-Sammeltaxi.

Während John mit dem Fahrer über den Preis feilschte, hockte der kranke Moses krampfgepeinigt auf dem Boden. In diesem Moment kam ein Auto vorbeigefahren, dessen Fahrer mir freundlich zuwinkte. Der Mann saß in einem Mercedes, der mir bekannt vorkam - es war einer von Vaters zwei Benzen. Der Fahrer war niemand anderes als MasterTomorrow, der es sich hinter hochgekurbelten Scheiben und bei eingeschalteter Klimaanlage gutgehen ließ. Auf dem Beifahrersitz thronte die junge Dame, deren sorgfältiger Nägelmaniküre ich vor einigen Tagen zugesehen hatte.

Nichts mit höherer Gerechtigkeit und einem armen Arbeiter, dem sie mein üppiges Bestechungsgeld zusteckte. Statt dessen der Hohn real existierender Ungerechtigkeiten.

Die vierstündige Fahrt mit laut plärrender Musik, die die Mitreisenden durch Konversation zu übertönen versuchten, war kurzweilig. Bislang hatte ich nur das Straßengewirr von Lagos zu sehen bekommen, ein landschaftfressendes Chaos. Zum ersten Mal sah ich jetzt die einmalige, üppige Natur Afrikas: riesige Regenwälder mit ungekannten Baumriesen, traumhafte Palmenhaine, durch die der Expressway schnurgerade hindurchführte. Irgendwo auf dem Highway, kurz nach Abeokuta auf dem Weg weiter nach Ibadan, ließ Moses, der neben dem Fahrer eingequetscht saß, den Minibus anhalten. Urwald links, Urwald rechts. Jetzt war laufen angesagt, um das Dorf im Wald zu erreichen.

Ich bin Städterin, und zwar durch und durch. Als Kind lebte ich mit meinen Eltern eine Zeitlang in einem Vorort von München. Das war für mich schon Landleben. Zur Schule mußte ich eine Dreiviertelstunde lang über Felder und Wiesen laufen oder später mit dem Fahrrad fahren. Ich haßte diesen Schulweg. Vor allem im kalten Winter. Natur war mir damals zuwider.

Ausgerechnet der Handel mit den Autos hatte mich jetzt in die afrikanische Natur und Wildnis verschlagen. Die mir vertraute Welt der Zivilisation war so weit weg wie der Mond von der Erde. Ich empfand meine Umgebung in diesem Augenblick zwar als recht malerisch, fühlte mich aber gleichzeitig deplaziert. Es war Trockenzeit und weit über 35 Grad warm. Die Sonne brannte von einem strahlendblauen Himmel. Ich zog mir meinen Strohhut tief ins Gesicht und stolperte in Sandalen über unbefestigten Lehmboden einen kleinen Trampelpfad entlang. In Lagos hatte ich meine weiße langärmlige Baumwollbluse und eine ebenso weiße Leinenhose angezogen. Sie blieben nicht lange weiß. Die Hose war bald staubbraun, die Bluse schweißdurchweicht. Meine Sandalen mußte ich wechseln, als der Weg an kniehohem Gras vorbeiführte. John meinte, es könnte hier Schlangen geben ... Wie aufmerksam! Zum Glück hatte ich ein Paar Leinenturnschuhe in meiner Umhängetasche. Allerdings garantiert auch nicht das perfekte Schuhwerk, um gegen Schlangenbisse immun zu sein ...

Die vom Highway aus dicht anmutende Regenwald-Vegetation öffnete sich auf einer Anhöhe zu einem lichteren Hochwald. Von hier erstreckte sich die Feuchtsavanne bis zum siebzig Kilometer entfernten Ibadan. Wir kamen an einigen Brandrodungen vorbei.

Gekrümmte Gestalten - darunter viele Kinder - beackerten den bestellten Boden, um Yamswurzeln und Maniok zu ernten.

Dazwischen Bäume mit Zitrusfrüchten, Colanüssen und Bananenstauden. Ziegenherden, bewacht von Hirtenjungen, fanden hier Nahrung.

Wir gingen und gingen, Moses mit nacktem Oberkörper tapfer voraus, eine Metallschüssel mit den Getränkeflaschen auf dem Kopf, bedrohlich schwankend. John, europäisch mit Hemd und Bügelfaltenhose, schleppte drei Säcke, die mit Lebensmitteln gefüllt waren - Gaben für den Buschdoktor. Verständlich, daß der nach Natura-lien verlangte, die es in der Abgeschiedenheit nicht gab: Gordon's Dry Gin und Jim Beam, 7up und Cola, Reis und getrocknete Bohnen. Am liebsten hätte ich mich über Johns Cola hergemacht, aber in der Aquatorhitze stand sie kurz vorm Siedepunkt.

Endlich ein Verkaufsstand im Irgendwo mit gerösteten Maiskolben -

und frischem Wasser, das mit der großen Schöpfkelle aus einem Eimer zum Trinken dargeboten wurde. Rast! „Oyibö, öyibo!“

erklang es sofort. Eine rundliche Frau schleppte mit ihrem kleinen Sohn zwei etwa dreißig Zentimeter große, runde Dinger heran. Bei näherem Hinsehen entpuppten sie sich als Schnecken.

Urwaldmonster, von denen ein französischer Gourmetkoch Alpträume bekommen hätte. Wunderbar, gekauft! Der Buschdoktor wird seine helle Freude an uns haben. Riesenschnecken, gut und schön, aber wo waren die „typisch“ afrikanischen Tiere, die Antilopen, Gazellen oder was auch immer der Stolz eines deutschen Zoos gewesen wäre?

„Aufgegessen“, meinte John. Nicht von Löwen, sondern von den viel zu zahlreichen Menschen zwischen Lagos und Ibadan, den beiden rasend schnell wachsenden Ballungszentren im Südwesten Nigerias, von denen Ibadan das größere ist. 1980 lebten in Lagos vier Millionen Menschen, 1990 bereits sieben Millionen! Noch atemberaubender ist die Entwicklung von Ibadan, das 1990

geschätzte zehn Millionen Einwohner zählte. Beide Städte liegen nur knapp 150 Kilometer voneinander entfernt. Da ist kein Platz mehr für Wildtiere.

Während ich meine geschwollenen Stadtfüße massierte, stimmte John mich auf das Kommende ein. Wir befanden uns im Land der Yoruba, einem von insgesamt 250 Stämmen und Volksgruppen, die erst Mitte der sechziger Jahre zum Staat Nigeria in seiner heutigen Form zusammengeschweißt worden waren. Von allen Stämmen sind die Yoruba wohl der bekannteste. Die Sklavenhändler hatten ihre Angehörigen bis nach Amerika und Haiti verschleppt, wo aus ihren ursprünglichen Riten im Laufe von Jahrhunderten ein weltbekannter Kult wurde - Voodoo. Von diesen Riten hatte ich bislang in Form der jujus an Gardinen und Schlössern nur die Spitze des Eisbergs gesehen.

John war kein Yoruba, sprach ihre Sprache aber, als wäre er einer von ihnen. Mein umtriebiger Ex-Mann war bereits als kleiner Junge nach Lagos zu Moses gekommen und dort unter den Yorubas aufgewachsen.

Um Unterstützung von einem echten Yoruba-Medizinmann zu erhalten, war ich bereit, meilenweit zu laufen. Allerdings nicht wegen Autos oder Ehe, sondern aus Neugier.

„Ilona, was du sehen wirst, wird dir vielleicht, hm, seltsam vorkommen. Der heilige Mann, zu dem wir gehen, opfert seinen Göttern, er ruft unsere Ahnen an, um sie milde zu stimmen.“ Er schien zu überlegen, wie er seine Oyuba-Frau richtig einstimmen konnte. „Als Weiße wärst du noch vor ein paar Jahren gar nicht erst zu ihm gelassen worden.“

„Vor ein paar Jahren hätte ich auch nicht im Traum daran gedacht, zu einem Medizinmann in den Busch zu gehen, John.“

John sah mich ernst an. „Die Weißen meinen, ein babalawo ist ein Medizinmann. Das stimmt nur zum Teil, denn er macht auch Medizin. Aber das Wichtige ist, daß er ein Priester der Ifa-Religion ist. Du mußt ihm also deinen Respekt erweisen. Zur Begrüßung mußt du niederknien. Männer müssen in seiner Anwesenheit sogar flach auf dem Boden liegen. Bis der heilige Mann uns erlaubt, aufzustehen und uns auf einen vorbestimmten Platz zu setzen.“

Bald darauf fanden wir uns im dichten Regenwald wieder. Hin und wieder begegneten uns Schwarze auf dem schmalen Pfad. Einmal sah ich in einiger Entfernung im Busch zwei völlig nackte schwarze Frauen, die von Kopf bis Fuß weiß bestäubt waren, die Haare mit bunten Federn geschmückt. „Sieh nicht hin. Sie sind verrückt“, sagte John.

Auf einem alten Fahrrad rumpelte ein junger Mann dahin, der auf dem Gepäckträger eine Frau und eine zweite auf der Lenkstange transportierte. Ein Knall, alle drei fielen hin. Und lachten. Dann schoben sie das Rad weiter, dessen Vorderreifen geplatzt war.

Und dann waren wir am Ziel. Eine Lichtung, runde rötliche Lehmhütten mit Palmwedeldächern, zwei wellblechgedeckte Häuser aus Ziegel: das Dorf des Buschdoktors. Nackte Kinder empfingen uns mit „öyibö, öyibö!“ , lachten uns mit offenen Mündern an und sangen den beliebten Reim: „Öyibö, öyibö, ifya eaten peppa

mo an mo, ya grow yella mo an mo.“ (Weiße, Weiße, wenn du noch mehr Pfeffer ißt, wirst du immer gelber.)

Eine ältere Frau trat auf John zu, und wir folgten ihr zu einer Hütte, die von einem Zaun aus geflochtenen Zweigen umgeben war.

Dahinter lag ein ziemlich großer Platz, ordentlich gefegt, auf dem Boden verstreut Zweige eines heiligen Baumes. Zwei große Opferschalen aus Ton, mit Blut verkrustet, Behälter, an denen mit Ketten und Lederriemen Tierschädel und Vorhängeschlösser oder Medizinfläschchen befestigt waren. Daneben verdreckte Ginflaschen und kleinere Trommeln. Die Frau des Medizinmannes ließ sich unsere herbeigeschleppten Waren geben, Stapel von Naira-Scheinen wechselten den Besitzer.

Wir wurden hereingebeten. Draußen blendete die Sonne, im Inneren der Hütte empfing uns Dunkelheit, nur durch einen schmalen Schacht im Dach drang etwas Licht. In der Luft hing der beißende Geruch von erloschener Glut. John und Moses legten sich bäuchlings mit dem Gesicht nach unten im Staub auf den Boden.

Auch ich sank nieder. Vorsichtig hob ich meinen Kopf, um unseren in Tierfelle gekleideten Gastgeber anzusehen. Der Mann war jünger, als ich erwartet hatte, vielleicht Ende Vierzig, und recht groß. Sein Gesicht mit dem scharf geschnittenen Mund und den durchdringenden Augen war von Narben gezeichnet.

Er sagte etwas auf yoruba, woraufhin John und Moses sich erhoben. „Du kannst aufstehen“, murmelte John. Wir durften uns ans hintere Ende der bunten Bastmatten setzen. John und der Priester sprachen, Moses und ich hörten zu. Ich verstand kein Wort.

Aber auch so war klar, daß es um mich ging. Inzwischen hatten sich meine Augen an die Dämmrigkeit gewöhnt, und ich konnte erkennen, daß die Hütte wesentlich größer war, als ich angenommen hatte, nur lagen die vier übrigen Räume im Dunkeln.

Von den herumstehenden rituellen Gegenständen wurde der profanste zuerst benutzt, eine Flasche Gin. Dreimal goß der

babalawo den Schnaps auf den Boden. Für die Ahnen, wie mir John flüsternd erklärte. Dann wurde

ein Feuer in einer Metallschale mit Räucherwerk entzündet, dessen Rauch nur widerwillig durch die Dachöffnung abzog. Ich hustete in der stickig-heißen Luft.

John hatte der Frau draußen schon viele Naira-Scheine gegeben, aber der babalawo wollte trotzdem, daß wir ihm noch einige Kobo-Münzen überließen, die wir mit dem Mund zu berühren hatten.

Kniend waren die Kobos auf den Boden zu babalawos Füßen abzulegen. Er plazierte seinen Wahrsagestab darauf, einen cremefarbenen Kuhschwanzwedel. Dem Kleingeld kam somit die mystische Bedeutung zu, während die Scheine, die die Alte uns abgenommen hatte, für den Alltag bestimmt waren. John hatte diesem babalawo - angeblich - nicht den Grund für unser Kommen gesagt. Als der babalawo Gesänge anstimmte, wisperte John mir zu, er rufe verschiedene Götter, seine orishas, an.

Was folgte, war die Wahrheitsfindung: Der babalawo befragte das Orakel. Vor sich hatte er eine kreisrunde, mit einem umlaufenden Band aus Schnitzerei verzierte, dunkle Holzscheibe stehen, das Orakelbrett opon, dessen Boden mit hellem Kaolin bedeckt war. In einer langen Prozedur warf er runde Palmnüsse von einer Hand in die andere. Mit einem geschnitzten, kurzen Stab malte er Striche in das Kaolin. Ich brauchte lange, bis ich das System durchblickte: Beim Wechsel von einer Hand in die andere fielen immer ein paar Nüsse zu Boden. Aber nur, wenn ihm eine oder zwei Nüsse entglitten, „galt“ der Wurf. Paradoxerweise wurden für eine Nuß zwei Striche, für zwei aber nur ein Strich gemacht. Irgendwie kam der kluge Mann dabei zu einem Ergebnis, das er John auf yoruba mitteilte, während er immer wieder auf mich blickte. Mir schwante nichts Gutes, als John nach einem längeren babalawo-Wortschwall endlich auf englisch zu übersetzen begann:

„Er sagt, daß uns unser Weg ins Verderben führt. Wir hatten ein gemeinsames Ziel, es aber aus den Augen verloren. Wir sollen unseren Weg korrigieren, damit wir das Glück wiederfinden. Wir sind Mann und Frau, doch wir stehen uns wie Gegner gegenüber.

Ändern wir nicht unser Verhalten, kann unser gemeinsames Vorhaben keinen Erfolg bringen.“

Ich muß gestehen, ich war im ersten Augenblick ziemlich sauer. Der

babalawo sprach mit der Übersetzerstimme Johns. Von dem ich geschieden werden wollte! Was hieß hier gemeinsames Ziel? Die Autos waren das Ziel von John und meinem Vater. Doch meine Verstimmung legte sich. Ich kam ins Grübeln. Vielleicht lag der Priester nicht mal daneben - ich hatte begonnen, mich mit dem Autoverkauf zu identifizieren, meinen Vater heimgeschickt und versucht, die Sache selbst in den Griff zu bekommen. Und sie somit zu meiner eigenen gemacht.

Unsere Geschäfte würden nur laufen, fuhr der Medizinmann fort, wenn die Götter und Ahnen zuvor durch eine Versöhnungsfeier von John und mir milde gestimmt würden. Wir müßten ein Opferfest vorbereiten. Ich hatte mein Fehlverhalten in großer Runde zu bereuen. Fehlverhalten? Ich war John nicht untreu geworden, er dagegen hatte mich x-mal betrogen. Aber was zählen schon solche Kleinigkeiten bei einem afrikanischen Mann, der in Polygamie leben durfte? Mein Fehler war allenfalls, daß ich mich eingemischt hatte.

Die Ursache unseres Geschäftsunfalls war also entdeckt. Die Reparatur des Schadens würde teuer werden, tat der babalawo via John kund. Wir müßten ein Opfer bringen, um die orishas zu bitten, unsere Geschicke günstig zu beeinflussen. Fürs Opferfest würden entsprechende Gaben gebraucht. Und zwar keine von Mr. Gordon, Mr. Jim Beam oder Mr. Coca-Cola. Nein, Fisch, frischer Fisch löse unsere Eheprobleme. Damit wären wir dann auch unsere Geschäftssorgen los.

„Frischer Fisch, John? Hier im Busch?“

„In der Nähe fließt Ogun - der heilige Fluß. Die Yoruba nennen ihn Mutterfluß. Wir müssen zu einem Fischerdorf gehen und dort die heiligen Fische holen. Wir müssen sofort los, es wird bald dunkel.“

Er kannte in einem nahe gelegenen Fischerdorf einen Trommler.

Moses, der zu geschwächt war für weitere Strapazen, blieb im Dorf des Medizinmannes.

Zwei Männer des Dorfes und einige Kinder liefen voraus. Sie bahnten mit langen Messern, cutlass, den Weg durch den Regenwald zu einem wirklich malerisch gelegenen, winzigen Dorf aus runden Lehmhütten. Es war schon Nacht, als wir eine Mahlzeit aus gestampften Yamswurzeln, Trockenfisch und sämig-schleimiger Okra-sauce bekamen.

Der freundliche Trommler stellte uns eine seiner insgesamt drei Hütten zur Verfügung. Auf dem breiten, quietschenden Metallbett rollten John und ich automatisch zueinander. Es quakten Frösche und zirpten Grillen. Meine Scheidung war weit weg. Sehr weit. Ich war mir plötzlich ganz sicher, daß ich alles tun wollte, um meine Ehe zu retten. Die blöden Autos würden verkauft werden, Papa wäre seine Schulden los, John glücklich, die Kinder bekämen vielleicht ihren Vater zurück, ich müßte mich nicht mehr allein mit ihnen durchs Leben schlagen ...

Wir lagen irgendwo in der afrikanischen Nacht in einer Hütte aus Lehm, und Johns Stimme erzählte von seinen Träumen - dem schwungvollen Handel zwischen Afrika und Europa. Er war wieder der mächtige Sohn eines friedlichen Stammes in einer mir unbekannten Welt voller Geheimnisse, die es noch für mich zu erforschen galt. Er konnte so schön erzählen.

Der Morgen begann mit lautem Hähnekrähen. Die Träume der Nacht waren unzähligen Moskitostichen gewichen. Der Trommler führte uns stolz zu zwei wassergefüllten Metallschüsseln. Vier dreißig bis achtzig Zentimeter lange, fast schwarze Fische mit langen Barthaaren blickten mich hilfesuchend und zuckend an. Wir mußten ein Vermögen dafür zahlen. Aber man kann eben nicht alles nach dem Geldwert messen! Diese schwarzen Fische ließen sich, so der Trommler, nur mit sehr viel Glück fangen. Die armen Dinger sollten also meine Ehe kitten - unter Einsatz ihres Lebens.

Wo lebender Fisch ist, ist auch Wasser. Oh, wie sehnte ich mich nach einem Bad! Im Mutterfluß planschten vergnügt Kinder, Frauen wuschen Wäsche. Konnte ich hier in die Fluten tauchen? John fand die Idee nicht so gut. Waschweiber und Kinder störten ihn weniger.

Aber die männlichen Dorfbewohner, die überall herumsaßen, Kolanüsse aßen oder auf ihrem Pakoholz kauten, um damit die kolagefärbten Zähne zu bearbeiten. John wollte ihnen wohl nicht das

Gratisspektakel seiner badenden oyibö-Frau bieten. Lieber schleppte er eimerweise Wasser hinter einen Busch und übergoß mich mit dem Wasser aus einer kleinen Schüssel, die er immer wieder in den Eimer tauchte. Zuerst hatte er mich jedoch, unter meinem lauten Protest, mit einer schwarzen, schleimigen, aber den Juckreiz der Moskitobisse stillenden Seife eingerieben.

Auf dem Rückweg hatten wir nicht nur die Ehe-Fische mitzuschleppen, sondern auch frischen Palmwein, Kolanüsse - und ein ausgeweidetes totes Tier mit grauem struppigem Fell. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob diese Delikatesse fürs Festessen nicht sogar eine Buschratte war. John sprach beschönigend von

bushmeat. Nach dem langen Marsch durch die Hitze zurück zum Haus des babalawo schwammen die kostbaren schwarzen Fische allerdings nicht mehr so lebendig in den mit frischem Flußwasser gefüllten Schüsseln herum. Ob sie noch fit genug waren, ein passables Ehe-Orakel abzugeben?

Das erste Paar Fische sollte sein Leben für Johns und meine Ehe opfern, die durch die afrikanische Nacht einen gewissen Auftrieb erhalten hatte. Der Medizinmann warf die beiden, bespuckt mit zwei Schluck Palmwein, schwungvoll auf eine dafür speziell hergerichtete Betonplatte im Hof des Anwesens. Sie wanden sich minutenlang im Todeskampf. Der babalawo betrachtete die Bescherung. Die Fische lagen nebeneinander, leicht versetzt, der eine den Kopf zum anderen gebogen, der zweite blickte toten Auges ganz woandershin. Auweh! Das war gewiß nicht gut.

„Die Götter verzeihen dir, die Ahnen nicht“, übersetzte John die mir unverständlichen Yoruba-Worte.

Das nächste Paar Fische mußte in den Staub, diesmal für die rostenden Autos im Hafen. Am Ende lag es leicht gekrümmt da, im Tode einander keines Blickes würdigend. Der babalawo schien auch recht unzufrieden über den Ausgang, jedenfalls nach Johns Worten zu urteilen: „Wir müssen die Ahnen um Beistand bitten.“

Die waren über mein Versagen als Ehefrau offensichtlich so erzürnt, daß sie mir nicht beim Autohandel beistehen wollten. Eine afrikanische Nacht mit Ehesex auf quietschendem Bett zu Froschgequake und

Grillengezirpe half da wohl nicht mehr. Hier mußten stärkere Mittel ran: ein Opferfest. Die Opferfische wurden von den Frauen geschuppt und zu Essen verarbeitet.

In dieser Nacht wurde gefeiert. Übrigens ohne Moses, den ich erst tags darauf wiedersehen sollte. Der babalawo schien zu der Einsicht gelangt zu sein, daß Moses seine Frau - die Hexe Efe - zu wenig bestraft hatte, um weiterleben zu können. Kein Medizinmann dürfe im Namen der Götter und Ahnen weitere Heilungsversuche unternehmen, ohne daß Efe für ihre Hexentaten genügend gebüßt habe.

Zu Beginn des Opferfestes bekam John vom babalawo ein schwarzes, handgenähtes, mit Medizin gefülltes Amulett an einem Lederband um den Hals gehängt. Zusätzlich überreichte er ihm eine Metalldose mit schwarzer Creme. Für die Autos? Für die Ehe? John knöpfte sein Hemd über dem Amulett zu und schwieg, als ich ihn danach fragte. Das ganze Dorf war jetzt anwesend, die Frauen stimmten einen monotonen Singsang an, der Trommler tat mit ein paar Kollegen sein Bestes.

Der Priester gab mir eine bittere Flüssigkeit zu trinken, Frauen begannen langsam im Schein des Feuers zu tanzen, der Rhythmus der Trommeln wurde unmerklich schneller, sie zogen mich in den Kreis der Tanzenden. Mir wurde schwindlig, ich mußte mich setzen.

Der Medizinmann verspritzte das Blut eines Huhns über einem Tongefäß und auf den Boden.

Nein, Ilona, hier wird nicht schlappgemacht! Tanze! Man schreit mich an, unverständliche Worte. Tanze! Ich werde auf die Beine gestellt, man zerrt an mir. Ich tanze. Die Trommelwirbel rasen in meinem Kopf. Das ganze Dorf dreht sich um mich. Ich sehe nur noch das Weiße im Auge des babalawo. Ein Strahl Flüssigkeit trifft mich im Gesicht. Ich wische ihn nicht mal ab. Bereue, Ilona, schreit John auf deutsch. Meine Bluse ist rot gefleckt, meine nackten Füße stampfen mehr, als daß sie tanzen, über den Boden.

Bereue, Ilona, bereue!

Ich sehe meine kleine Janet, wie sie vielleicht, zweijährig, um meine Beine krabbelt, die krausen Haare zu irrwitzigen Zöpfchen mit roten Schleifchen hochgebunden, als stünde sie unter Starkstrom.

Da ist Bobby unter einem Busch, er macht sein Geschäft, es stinkt.