Rost.

„Das kommt vom Entladen. Die Seile“, erklärte John. Ich blickte ihn entgeistert an. „Ist auch an dem grünen Peugeot da drüben“, fügte er hinzu. Wir sahen uns auch dort die Bescherung an.

Wieder ein Schreckensschrei von Vater: „Ilona, der Peugeot da drüben! Der hat ja keine Räder mehr. Der ist ja bloß aufgebockt!“

Und dann sahen wir genauer hin: Hier fehlten die Räder, fast kein Wagen verfügte mehr über Scheibenwischer, meistens waren die Spiegel abmontiert, aus einigen hatte man die komplette Beleuchtungsanlage entfernt.

„Okay, er soll seinen Mercedes haben. Wenn die Wagen hier noch länger stehen, können wir sie gar nicht mehr verkaufen.“ Vater hatte seine Lektion schnell gelernt und Master Tomorrow kein anderes Ergebnis unserer Besichtigungstour erwartet. „Frag ihn, ob wir die Autos jetzt gleich mitnehmen können.“

Ich hatte zwar meine Zweifel, daß es so einfach gehen würde, übersetzte aber brav.

Ein freundliches, breites Grinsen war die Antwort. „Do you have

your licences?“

Zack, die nächste Hürde! Lizenzen? Wofür?

John erklärte es uns: Die Regierung hatte, um zu verhindern, daß immer mehr nigerianisches Geld ins Ausland abfloß, Einfuhrlizenzen verhängt. Pro Nigerianer ein Auto - im Jahr. Wir waren nur ein Nigerianer - und hatten zehn respektive neun Autos.

Unverdrossen fragte ich, wie lange es denn dauere, diese Linzenzen zu bekommen. Drei Monate! Wie sollte ich das meinem Vater beibringen?

Wir fuhren zurück nach Ikeja. Im Auto sagte ich es meinem Vater.

Sein Wutanfall überbot an Lautstärke mühelos jedes Autoradio mit High-Life-Musik neben uns im Stau. Ich beschloß, meinen Vater für die nächsten Tage in seinem klimatisierten Hotel zu lassen, um seine Nerven zu schonen. Und meine.

John und ich fanden den für die Einfuhrlizenzen zuständigen Beamten diesmal im ersten Anlauf. Ich hatte ja dazugelernt. Wie es der Zufall wollte, konnte auch dieser Herr noch einen Wagen gebrauchen. Sein Tarif lag allerdings etwas höher als der von Master Tomorrow: Kriegt er ein Auto, bekommen wir die Lizenzen für fünf. Auf gut deutsch: Insgesamt mußten wir drei Autos

„abgeben“, um zehn - theoretisch, wohlgemerkt -

herauszubekommen. Tolles Geschäft.

Als ich Vater nach zwei Tagen in seinem Hotel aufsuchte, platzte er schon bei meinem Anblick vor Zorn. Die nigerianischen Einfuhrmodalitäten gaben seinen Nerven den Rest. Ich schlug ihm vor, nach München zurückzufliegen. Helfen konnte er nicht, seine Anwesenheit hier verursachte nur noch mehr Kosten. Er willigte ein. In seinen Augen war ich die Schuldige. Daß John uns den ganzen Mist eingebrockt hatte, auf diese Idee kam er nicht. Leider hatte ich nicht den Mut, ihm gehörig die Meinung zu sagen. Ich fraß meinen Zorn lieber in mich - den Zorn auf Papa, auf John, auf Afrika, auf mich.

Am Flughafen erklärte uns die smarte Lady am Lufthansa-Schalter, daß bedauerlicherweise alle Flüge nach Deutschland ausgebucht seien. Aber sie könne meinen Vater auf die Warteliste setzen. Er müsse sich dann jeden Abend am Flughafen einfinden und sein Glück versuchen. Das machten wir tatsächlich zwei Abende lang.

Bis Vaters Nerven endgültig den Dienst versagten und er laut jammernd mitten in der Halle zusammenbrach. Sogar der Chef des Flughafens kam herbeigeeilt, weil alle glaubten, Vater hätte einen Herzinfarkt, was zum Glück nicht der Fall war. Der Flughafendirektor ließ seine Beziehungen spielen, und zwei Stunden später saß mein geplagter Vater in einem Airbus der Nigerian Airways. Vor der Abreise hatte ich ihn gebeten, mich bei meiner Firma in Deutschland krankzumelden. Mein Rückflug sollte in vier Tagen gehen.

Vater hatte in seiner Brieftasche noch genau zehn Mark. Das reichte für die Fahrt vom Flughafen nach Hause.

Afrikanischen Boden hat Papa nie mehr betreten.

So seltsam es auch klingt: Mein Vater konnte zur Beschaffung der Rostautos nichts Konkretes beitragen, aber seine Anwesenheit hatte John und mir einen hohen Stellenwert gegeben. Ohne ihn war ich in dieser von Männern beherrschten Welt nur noch die Frau eines Nigerianers, Johns Anhängsel. Mit der Abreise meines Vaters aus Nigeria verloren wir in den Augen von Chief Bole jede Kreditwürdigkeit. Um ihn für seine Gastfreundschaft zu bezahlen, fehlte uns das Geld. Er lieh uns nicht mal den Käfer, denn das wäre einer Investition gleichgekommen. Eine Investition in John und mich? Der mittellose John galt nicht viel, und ich galt weniger als er. Das hatte ich nicht bedacht, als ich meinen Vater heimgeschickt hatte. John und ich zogen noch am selben Abend aus dem Haus von Chief Bole aus. Hatte ich mich ein paar Tage zuvor noch über den blauen Käfer lustig gemacht, so vermißte ich das Ding jetzt um so schmerzlicher. Wenn wir nicht laufen wollten, waren wir auf teure Taxis angewiesen.

Bis es mir vergönnt war, die Schönheit Afrikas zu entdecken, vergingen noch Monate. Was ich jetzt erlebte, empfand ich zunächst als Abstieg. Ich brauchte einige Zeit, um zu verstehen, daß es eine Chance war. Die Chance, ein Land so kennenzulernen, wie es wirklich ist - nämlich aus der Sicht der Afrikaner. Aber daran dachte ich an jenem Abend nicht ...

In Agege, einem der ärmsten Stadtteile von Lagos, hielt das Taxi irgendwo auf einer nicht asphaltierten Straße an. Ich dachte schon, das Benzin wäre uns ausgegangen. Irrtum. John stieg aus, als hätte er nichts anderes vor, als den nächstbesten Haufen Müll neben uns zu untersuchen.

„John, was machen wir hier?“

Er deutete in die Ferne. „Dahinten liegt das Haus.“

Was ich sah, war ein stinkender Fäkaliengraben, der parallel zur Straße verlief, in großen Abständen hatte man lose Bretter zum Überqueren darübergelegt. Jenseits des Grabens rotbraunes, staubiges Land, in großen Abständen schlichte Hütten mit rostigen Blechdächern, mal aus unverputztem Stein, mal aus Lehm, dazwischen Palmen und zerfranste Bananenstauden. Dazwischen jagten nackte Kinder schmutzige Schweine. Und überall Papier- und Plastikreste. Eine unglückliche Mischung aus den Schattenseiten westlicher Zivilisation und urwüchsigem Afrika.

Es begann zu dunkeln. Mein Noch-Ehemann eilte munter voraus, ich mit meinen zwei Koffern hinterher, eine Schar kleiner Kinder im Schlepptau, die „oi-bo, oi-bo“ riefen. Das schrien sie immer, wenn ich in der Gegend unterwegs war. So wie man den Almkühen eine Glocke um den Hals hängt, damit der Bauer sie wiederfindet. Riefen die Kinder „oibo, oibo“, wußte John, daß er mit mir rechnen mußte, denn öylbo heißt in der Sprache der Yoruba „Europäer“ und wird als Synonym für Weiße gebraucht.

Vor einer wellblechgedeckten, langgestreckten Hütte hatte der Marsch ein Ende. Wir gingen um die Hütte herum, auf den „Hof“.

Eine vielfältige Mischung an Gerüchen empfing mich. Über dem stechenden Geruch aus den offenen Fäkalienkanälen hing der süßschwere Duft der Hibiskusbüsche, dazu kam der Gestank frei herumlaufender Ziegen. Von einem offenen Holzfeuer stieg beißender Qualm auf. Meine Kleidung klebte auf der Haut, ich schwitzte und fühlte mich völlig fehl am Platze.

Aus der Hütte traten an die zehn Frauen, in deren Mitte mir eine sofort auffiel. Sie überragte die anderen um Haupteslänge, war sehr schlank und viel heller als die anderen. Sie war sorgfältig zurechtgemacht, trug eine Kombination aus einer Bluse und zwei Tüchern

aus demselben Damaststoff, von denen sie eines als Rock um die Taille gewickelt hatte, so daß es bis zu den Knöcheln herabfiel; das andere hatte sie sich über die Schultern gelegt. Ihre Haare waren kunstvoll geflochten und in kleinen Zöpfen um den Kopf gelegt. Die tiefschwarzen Augen waren mit Antimon umrandet, ihre Hand-und Fußnägel mit Henna rot gefärbt. Sie mochte höchstens zwanzig sein und war hochschwanger. John stellte sie mir als seine Schwägerin Rhoda vor. Mich präsentierte er nicht etwa als Ilona. Mit meinem Eintritt in seine Welt gab John mir einen neuen Namen: Mama Okeoghene. Okeoghene war der zweite Vorname Janets und bedeutete auf deutsch „Gottesgeschenk“.

„Es ist in meinem Land unhöflich, wenn du mich mit meinem englischen Vornamen John ansprichst, als ob ich dein Diener wäre.

Auch der Name meiner Eltern ist für dich tabu. Nenn mich einfach Papa Ajiri. Schließlich ist Ajiri unser erstgeborener Sohn“, führte John-Papa-Ajiri aus. Ajiri heißt in Johns Sprache „Dem Himmel sei Dank“ und ist Bobbys nigerianischer Zweitname.

Die Hütte hatte sechs Räume - einen bewohnte der Hausherr mit seiner schwangeren Frau Rhoda, einen hatte man für uns freigemacht. Jeder der restlichen vier Räume war an ganze Familien vermietet, so daß das Haus etwa zwanzig bis dreißig Bewohner hatte. Das uns zugewiesene „Zimmer“ war komplett eingerichtet: ein Metallbett, zwei wackelige Stühle, ein Eßtisch sowie eine Holzkommode, deren Schlösser aufgebrochen worden waren. An der Decke eine nackte Glühbirne. Bei näherer Untersuchung unseres Quartiers entdeckte ich in allen vier Ecken Weihrauchgefäße, an den Gardinen hatte irgendjemand mit langen Lederbändern handtellergroße Lederamulette befestigt. Ich berührte sie.

„Faß das nicht an!“ rief John scharf. „Das sind jujus. Mach sie nicht ab. Sie beschützen uns.“

Beschützen? Auf jeden Fall beschützten die jujus die roteingestaubten Gardinen vor der Waschmaschine, scherzte ich.

„Waschmaschine?“ brummte John. „Eine Waschmaschine gibt es nicht.“

Na, das hatte ich ja prima hingekriegt! Zusammen mit einem Mann, mit dem ich eigentlich im Trennungsjahr lebte, saß ich nun in einem Raum von der Anmut eines Gefängnisses, mit der Aufgabe betraut, das Vermögen meines Vaters zu retten.

Ich konnte keinen Schlaf finden und wälzte mich ruhelos auf der Wirbelsäulen-Killer-Matratze herum. John verstand das als Annäherungsversuch, und so rutschte ich rasch an den äußersten Rand des Bettes und zeigte ihm wortlos meine in einen Wrapper gewickelte Rückseite. Beleidigt drehte er sich um.

Irgendwann in der Nacht mußte ich auf die Toilette. John schloß die Tür unseres Zimmers auf, und ich sah, daß vor dem Türschloß auch

ein juju hing. Der Flur des Hauses wurde von einer Glühbirne beleuchtet. Ein langer Gang, auf jeder Seite drei Türen, hinter denen man wummernde Musik oder Kinderlärm hörte. An jedem Ende des Ganges befand sich eine weitere Tür, die mit sechs dicken Schloßriegeln verrammelt war. John schob sie zur Seite, dann sperrte er mit einem Schlüssel auf, und wir traten in die rabenschwarze Nacht. Er gab mir eine Taschenlampe und führte mich zu einem mannshohen, aus Bambusmatten, Seilen und Pfählen gebastelten Versteck. Und machte kehrt.

„He, was soll das sein?“

„Ich denke, du mußt mal.“

„Was, hier? Wie denn?“

„Hinhocken.“

Er entfernte sich, und ich betrat die stinkende Höhle der Fliegen.

Die „Toilette“ bestand aus einem simplen Erdloch, links und rechts ein Brett.

Zwei Minuten später traf ich John am Haus wieder. „Wo kann ich mir die Hände waschen?“ John atmete hörbar genervt durch und ging zum Brunnen. Während ich leuchtete, schöpfte er mit einem Eimer Wasser. In der Nähe des Brunnens lag in einer Schale ein Stück Seife. John goß mit einer Blechschüssel Wasser über meine Hände. Erschrocken floh eine wasserscheue Ratte. Mit einem Aufschrei fuhr ich zurück, John erschrak über meinen Schrei, und da hatte mein Wrapper seine nächtliche Brunnentaufe weg.

Inzwischen weiß ich, daß der eigene Brunnen schon einen großen Luxus bedeutet. In jener Nacht aber waren mir solche Zusammenhänge

fremd. Ich dachte an mein schönes Bad in München. Und beschloß, hier zumindest in der Nacht nie wieder aufs Klo zu gehen.

Zurück im Zimmer plazierte John wieder das seltsame juju vor dem Türschloß. Ich deutete auf das kleine schwarze Beutelchen. „John, das ist doch kindisch. Wovor soll das denn schützen?“

„Das hält Unglück fern.“

Daß man sich in diesem Haus vor Unglück fürchtete, begann ich zu verstehen, als der Hausherr heimkehrte: Moses, der kranke Bruder von John. Er erschien eine Stunde nach Mitternacht, und sein Auftauchen versetzte das ganze Haus in Aufruhr. Er hatte lange und kräftig gegen die verriegelten Türen schlagen müssen, bis ihn jemand hörte, der dann seinen ganzen Mut zusammennehmen mußte, um aus seinem Zimmer herauszukommen.

Moses bot das Bild menschgewordenen Elends. Die schwarze Haut grau, eingefallen, zitterte er in der afrikanischen Hitze vor Fieber. Er war aus dem Heimatdorf der Famihe Wowo zurückgekehrt, wo er bei einem Medizinmann, einem babalawo, Hilfe gesucht hatte. Das Problem war nicht, daß der Buscharzt bei Moses mit seinem Latein am Ende gewesen wäre. Er verlangte nur mehr Geld.

DER SCHWAGER UND DIE JUJUS

Leben ist oft eine Frage des richtigen Timings. Was Johns Bruder Moses betrifft, hatte ich den denkbar schlechtesten Zeitpunkt erwischt, diesen Mann kennenzulernen. Moses hätte mir unter

„normalen“ Umständen wohl mit meinen Autos helfen können. So aber wurde ich Zeugin, wie er sich mit aller Kraft gegen einen Todesfluch wehrte. Vergebens.

Moses war das Zweitälteste Kind seiner Familie und der älteste Sohn. Die Familie Wowo stammte aus dem Mittelwesten Nigerias und hatte Moses schon mit sechs Jahren nach Lagos geschickt.

Dort lebte er in der Familie eines Vetters, wie weitläufige Verwandte allgemein bezeichnet werden. Zwei Jahre lang durfte der kleine Moses die Schule besuchen, bevor er mit acht begann, das Gewerbe seines Vetters zu erlernen.

Im Gegensatz zu dem acht Jahre jüngeren John hatte Moses sich sein Leben zielstrebig aufgebaut: Mit 15 machte er sich selbständig und hatte bald eine eigene Gartenbaufirma mit Angestellten und zwei Autos. Mit zwanzig heiratete er seine Frau Efe, die fleißig den Wohlstand als Händlerin mehrte. Die beiden bauten sich in Agege das große Haus, in dem ich zu Gast war, und vermieteten Zimmer.

Dann kam der Wendepunkt. Moses war Mitte Dreißig, als ihm auffiel, daß er zwar mit seiner Efe fünf Kinder hatte, aber nur Mädchen. Ich tue ihm wohl nicht Unrecht, wenn ich unterstelle, daß es ihm bei Rhoda nicht allein um die Vermehrung seiner Gene in Gestalt kräftiger Knaben ging: Rhoda war eine Schönheit. Und sie war 15

Jahre jünger als Efe, die fleißige Mutter seiner fünf Töchter. So heiratete Moses auch Rhoda, die in dem langgestreckten Flachdachbau ihr eigenes Zimmer bekam, während Efe mit den fünf Mädchen in einem Zimmer lebte. Efes Familie wohnte in einem Dorf fünfhundert Kilometer östlich von Lagos, und dorthin fuhr sie, um Ratschläge einzuholen, wie mit dem treulosen Moses umzugehen wäre.

Nach ein paar Monaten kam Efe nach Lagos zurück. Rhoda, die schöne Nebenbuhlerin, hatte mit Moses fleißig für männlichen Nachwuchs geübt. Mit Erfolg: Sie war schwanger. Doch Efe schien sich nicht abschrecken zu lassen. Sie verwöhnte ihren Moses mit seinen Lieblingsspeisen und zeigte ihm ihre Liebe ganz unverhohlen. Efes Taktik trug Früchte: Auch sie wurde wieder schwanger.

Nur eines machte Moses stutzig: In ihrem Zimmer hatte Efe eine Kommode, die sie jetzt sorgfältig verschlossen hielt. Als Moses den Schlüssel dazu forderte, wurde sie wütend. Etwa um die Weihnachtszeit -just in den Tagen, als John bei uns in Bayern auftauchte - bereitete Efe ihrem Moses ein großes Festmahl zu. Nur für ihn allein. Der Erfolg war enorm: Von diesem Tag an hatte Moses Schwierigkeiten, auf die Toilette zu gehen. Während seine beiden Frauen immer runder wurden, nahm Moses rapide ab, fühlte sich schwach, hatte Fieber. Bald daraufwar er nicht mehr in der Lage zu arbeiten, konnte keine neuen Aufträge für seine Gartenbaufirma heranholen oder seine Angestellten beaufsichtigen.

Moses spürte die Gefahr; er fuhr nach Hause in sein Dorf und bat seinen babalawo um Hilfe. John erzählte mir, der babalawo habe ein Orakel befragt, das ihm sagte, Moses sei sterbenskrank. Moses schickte einen Boten nach Lagos, der wiederum ein Telegramm nach Bayern sandte. Diese Nachricht holte John nach Nigeria zurück, und von diesem Zeitpunkt an war John das Schicksal seines Bruders wichtiger als unsere Autos.

John und Moses machten sich als erstes daran, Efes Geheimnis zu lüften, das nach Ansicht des babalawo einen ganz eindeutigen Namen hatte - Hexerei. Sie stellten die Beweise in der verschlossenen Kommode sicher - zerstoßene Blätter und Früchte, Pulver, Salbe und Weihrauch. Efe wurde verstoßen und samt Töchtern in ihr Heimatdorf geschickt. Damit sie niemals zurückkehren konnte, wurde

der juju-Zauberkram am Türschloß und den Gardinen angebracht.

Leider machte das Moses nicht gesund. Ebensowenig wie ein weiterer Besuch beim babalawo, von dem er in jener Nacht zurückkehrte.

Die Rücksicht auf Moses' Zustand konnte mich nicht zur Selbstverleugnung bringen: Ich fragte, ob wir uns nicht einen seiner beiden Lieferwagen ausleihen könnten, um die notwendigen Fahrten zu machen. John hatte schon gefragt. Aber: „Es gibt ein Problem. Mit dem einen Wagen holen die Arbeiter die Ziegen aus dem Norden.“

„Ziegen?“ Meiner naiven Auffassung nach waren Ziegen der Feind des Gärtners. Aber das war falsch gedacht: Diese Ziegen sollten dem Gärtner Moses und seinem Team helfen - als Opfertiere, damit die Geschäfte besser liefen.

„Okay. Und der andere?“

„Der steht in der Firma.“

„Dann laß uns doch hingehen!“

Zu dritt warteten wir am Straßenrand auf ein Taxi. Moses konnte nicht gerade stehen, hockte schmerzgekrümmt im Staub. Ich hatte die falsche Hautfarbe und befand mich in Begleitung von zwei Männern. Dieses Trio wollte kein Fahrer gern mitnehmen. Und wenn, dann gegen einen völlig überhöhten Preis. Überall tauchten Probleme auf, mit denen ich nie gerechnet hätte.

Moses' Gartenbaufirma residierte im besseren Teil von Lagos, in Ikeja. Dort erwartete eine Helferin den angeschlagenen Boß - und ein völlig demolierter zweiter Pick-up. Totalschaden. Ein Angestellter hatte sich mit dem Wagen auf den löchrigen Straßen überschlagen.

Die Firma hatte vier Großkunden. Mit einem Taxi klapperten wir sie der Reihe nach ab, um wenigstens die ausstehenden Rechnungen einzufordern. Dabei kam es zu meiner ersten Begegnung mit der GRA, der Government ResidentialArea, jenem Viertel, in dem vor allem Weiße lebten. Ich hätte mir in diesem Augenblick nicht vorstellen können, daß ich bereits wenige Monate später hier selbst eine Villa haben und das Innenleben dieses weißen Ghettos kennenlernen würde.

Als weiße Frau mit zwei schwarzen Männern räumte man uns nicht mal so viel Vertrauen ein, daß eine Haustür richtig geöffnet wurde.

Wir standen viermal im Garten, inmitten der von Moses und seinen Leuten prächtig angelegten, bunten Oasen mit Orchideenhainen.

Das Ergebnis unserer Tour war niederschmetternd: Master Nummer eins - Firma pleite, Master unauffindbar. Nummer zwei - der Chef war noch einige Wochen lang auf Urlaub in Deutschland. Nummer drei - der Fertigrasen aus England fehlte noch, also kein Geld.

Nummer vier - die Angestellten hatten bereits kassiert. Wegen der Ziegen ...

An diesem Tag wurde immer deutlicher, daß es mit Moses bergab ging. Er konnte sich keine fünf Minuten aufrecht halten, immer wieder zwangen ihn Darmkrämpfe in die Knie. Mit diesem kranken Gefährten würde ich mein Ziel nie erreichen, und das sagte ich John.

Doch John interessierte sich nicht mehr für rostige Autos, sondern nur noch für seinen todkranken Bruder. Würde Moses sterben, müßte John in dessen Fußstapfen treten. Zur Erinnerung: Moses hatte damals fünf Kinder, und zwei waren unterwegs.

John wollte einen anderen Heiler um Hilfe bitten, einen richtigen Buschdoktor nahe dem 150 Kilometer entfernten Ibadan.

Andeutungsweise hatte ich von den übernatürlichen Kräften der Buschdoktoren vom dort ansässigen Stamm der Yoruba schon gehört. Als unwissende bylbö hätte ich Moses ins Krankenhaus gebracht. Doch das wäre noch teurer gewesen, erklärte John. Und:

„Ich glaube auch nicht, daß Moses den Ärzten dort vertrauen kann.“

John blickte mich hilfesuchend an: „Die Fahrt nach Ibadan ist teuer.“ 200 Mark. Und noch mal 1 000 Mark für den babalawo.

„Moses ist doch mein ältester Bruder. Es geht um sein Leben. Er würde das auch für mich tun!“ Bevor sie verschwanden, baten sie die hochschwangere schöne Rhoda, sich um mich zu kümmern.

Ich mußte zum Zoll. Mit öffentlichen Bussen, vollgestopft mit Menschen, die während der Fahrt in dichten Trauben sogar an den Bustüren hingen. Sightseeing der besonderen Art. Draußen erschienen links und rechts der Schnellstraßen flache, wellblechgedeckte Hütten in einem perspektivlos erscheinenden, rostigen Elend. Überall standen alte, kaputte Autos herum. Die Straßen waren übersät mit Schlaglöchern. Hin und wieder lagen verwesende Hunde und sogar manchmal tote Menschen an den staubigen Straßenrändern.

Es ist nicht richtig, an afrikanische Lebensformen den Standard der Industrienationen anzulegen. Man tut es trotzdem. Elend bleibt Elend, relativiere es, soviel du magst. In den Dörfern in der wundervollen, weiten Landschaft, die ich bald kennenlernen sollte, fehlten die Menschen. Hier hungerten sie einem besseren Morgen entgegen. Und hier wollte ich gammelige europäische Autos verkaufen! Vielleicht hätte ich mir in diesem zugigen, klapprigen, stinkenden Bus zum Zoll die Vergeblichkeit meines Vorhabens eingestehen sollen. Einfach sagen, okay, Ilona, hast dich übernommen, das ist eine Nummer zu groß für dich. Aber ich wollte nicht kapitulieren. Sturheit? Weiße Arroganz, die sich anmaßt, mit einer fremden Kultur nach Gutdünken umspringen zu können? Ich bin bestimmt nicht die einzige, die diesen Fehler gemacht und dafür bezahlt hat.

Letzten Endes ging es noch um sieben Autos, die im Hafen standen. Stolz legte ich dem Zollbeamten die Einfuhrlizenzen für

„unsere“ sieben Autos vor. Sie trugen als Käufer die Namen von Johns und Moses' vielen, vielen Vettern.

„Sehr gut, dann können Sie die Autos abholen“, sagte der Zollbeamte, nachdem er einen kurzen Blick auf die Papiere geworfen hatte.

Ich lächelte freundlich. „Dann ist ja alles okay.“

„Oh, sicher. Die Frachtpapiere haben Sie dabei, Frau Wowo?“

„Natürlich.“ Klar, ich hatte alles dabei. Ich legte sie ihm vor die Nase.

Es folgte ein langer Blick in die Papiere. Er blätterte alle durch. „Die Frachtpapiere sind auf John Wowo ausgestellt“, sagte er lakonisch.

„O ja, natürlich, er ist ja auch mein Mann.“

„Er ist draußen beim Auto? Könnten Sie ihn reinholen, bitte?“

„Warum?“

„Er ist der Importeur und damit der Eigentümer, Frau Wowo“, sagte der Zollmann ruhig.

Das bedeutete, daß Rhoda und ich den ganzen Weg umsonst gemacht hatten. Ich mußte meinen Vater anrufen.

Ein Strahlen ging über Rhodas Gesicht. „Das Telegrafenamt ist in Ikoyi auf Lagos Island. Dann können wir gleich zum Markt gehen“, sagte sie. Ich bewunderte ihren unverwüstlichen Optimismus. Ihr schien unsere Odyssee - eine mehrstündige Busfahrt quer durch diese Riesenstadt - nichts auszumachen. Im Gegenteil: Auf dem Markt im Zentrum von Lagos City kaufte sie auch noch üppig ein, bevor wir das Telefonamt erreichten. Geschickt balancierte sie ihre Einkäufe auf dem Kopf- Schwangerschaft hin, bevorstehende Niederkunft her.

Ich zahlte die Gebühr für ein Gespräch nach Deutschland - und mußte warten. Zwei Stunden lang, bis das handvermittelte Gespräch stand. Endlich wurde ich in eine stickige Zelle gerufen.

Erneutes Warten. Dann polterte mein Vater los. Berichtete, daß ich fristlos gefeuert worden sei und daß er ein sehr unangenehmes Gespräch mit meinem Boß gehabt habe: „Du hast keine Vorstellung, was hier los ist, Ilona! Ich war bei der Bank ... den Wechsel verlängern ... zwanzig Prozent Zinsen, Ilona! Zwaanzig!

Plus 2 000 Mark Bearbeitungsgebühr ... Gangster, ich sag' es dir.

Aber das ist nicht alles ... Ilona ... bist du noch dran ... ?“

Ich hörte geduldig zu. Daß er eine Hypothek aufs Haus aufgenommen habe. Und bereits eine Lösung für unser Problem sehe: noch mehr Autos für Nigeria! Um die Schulden zu tilgen.

Diesmal schrie ich ein entschiedenes Nein! in den Hörer und fragte nach den Kindern. Um zu erfahren, daß Janet vom Pferd gefallen war, sich aber nicht ernsthaft verletzt hatte. Und Bobby hatte eine Batterie verschluckt. Das letzte Wort, das ich verstand, bevor die Leitung zusammenbrach, war „Sauerkraut“.

Ich habe mir, während ich - vergebens - auf eine neue Verbindung wartete, den Kopf zermartert, wo der Zusammenhang zwischen Bobby, Batterie und Sauerkraut liegen konnte. Ich habe es erst Wochen später erfahren: Meine Mutter, Krankenschwester aus Berufung, gab dem Jungen zwei Pfund Sauerkraut zu essen.

Gottlob mochte er Sauerkraut. Dann setzte sie ihn aufs Töpfchen und wartete, bis es „pling“ machte und die Knopfzelle wieder draußen war.

Jeder deutsche Supermarkt, der sich weitläufig geben will, offenbart heutzutage das kaviarartige Innenleben von Papayas, als wären es schwarze Perlen der Natur, sauber und steril auf Plastik gebettet. Welch ein Gegensatz dazu der laute Markt im Zentrum von Lagos! Ein Sinnenfest. Der größte Teil des Angebots ist auf schlichten Ständen unter Holz und Blech ausgebreitet: Die bei uns so kostbaren Papayas liegen in Bergen bereit, daneben Mangos, Bananen verschiedenster Art (die klitzekleinen sind die süßesten), Ananas, Zitronen, helle Maniokwurzeln, dunkle Yamswurzeln, dick wie Baumstämme, große Blechschüsseln voller schwarzer, gelber, roter Bohnen, Linsen oder Erbsen, Mais, Schüsseln voller gelblich braunem garri-Pulver (gewonnen aus den geriebenen Maniokwurzeln), Erdnüsse in unvorstellbaren Mengen, frisch, geröstet oder in Schüsseln als weiche Erdnußbutter.

Dazwischen Stände, die Trocken- und Frischfisch anbieten oder Fleisch, das oft so frisch ist, daß das Blut in Schalen tropft, wo es gerinnt. Hühner werden in winzige Holzkäfige gesperrt feilgeboten, Ziegen und Hammel warten blökend angeleint auf Käufer. Oder das

bushmeat, das Fleisch aus dem Urwald: zum Beispiel Hase, Erdferkel oder - Ratte.

Eine bunte Vielfalt, die an einen Garten Eden erinnert, bevölkert mit schwatzenden und lachenden Menschen, die sich mit überschwenglicher Freundlichkeit in die Arme fallen. Unablässig werden Grüße ausgetauscht, und man sieht Frauen oder auch Männer, die ungeachtet des Wirbels ringsum auf die Knie fallen, um einer höhergestellten Person Respekt zu bezeugen. Neben der überbordenden Auswahl an Schätzen der Natur entdeckte ich mit großen Augen die Waren des täglichen Bedarfs: Macheten, Hüte, Petroleumlampen, Autoteile, Stoffe in großer, farbenfroher Auswahl, alte Plattenspieler oder Fahrräder. Im Schatten ihrer Verschläge standen

die Marktfrauen in bunten Wickelkleidern und Turbanen, den kunstvoll gewickelten. Sie schwatzen in ihren unterschiedlichen, melodiösen Sprachen und Dialekten mit kräftigen Stimmen. Alle laut, alle durcheinander.

Die Vielvölkernation Nigeria offenbart ihre Unterschiede am besten auf dem Markt, dem wahren Schmelztigel der Stämme. Denn natürlich ist schwarz nicht gleich schwarz, es gibt die unterschiedlichsten Tönungen. Die aparten Fulanis aus dem Norden haben die hellste Haut. Unterschiedlich auch die Kleidung: Moslemfrauen sind verhüllt, manche Männer in bodenlange Umhänge gewandet, andere geben sich westlich bis zur Krawatte.

Man entdeckt auch Albinos oder Schwarze, die an der Weißfleckenkrankheit leiden.

Gemeinsam scheint ihnen die Liebe zum Goldschmuck, der demonstrativ an Hand, Arm und Hals getragen wird. Wer Geld hat, zeigt es offen. Das mag auf uns protzig wirken; für Nigerianer ist erlangter Reichtum etwas, auf das man stolz ist. Leprakranke ohne Beine bewegen sich auf selbstgebastelten Skateboards durch die Massen. Pechschwarze Bettler flehen um Almosen. Andere schlafen neben den Menschenströmen, direkt vor einem lärmenden Miniradio. Je nach Marktecke umfängt einen ein anderer Geruch.

Manchmal auch der von Ausscheidungen - Toiletten gibt es nicht.

Die weiten Tücher der Damen verhüllen ja so dezent. Und was zurückbleibt, na ja, das bleibt eben.

Handel ist hier Frauensache. Aber er funktioniert so ganz anders als bei uns: Gewinn wird sofort in Ware reinvestiert, die sich berghoch stapelt. Kein Wunder - das Mißtrauen in die Banken ist groß. Und berechtigt. Die Mammis stehen ihre Frau jonglieren mit Krediten, kaufen ganze Lastwagen oder Busse, mit denen sie in ein zweites Geschäft einsteigen, den Transport von Mensch und Ware. Viele von ihnen packen das locker, obwohl sie weder schreiben noch lesen können.

Auf diesem bunten, lauten Markt begann ich, meinen

„Zwangsurlaub“ zum ersten Mal zu genießen. Gleich neben dem eigentlichen Markt entdeckte ich eine Halle mit noch mehr Ständen.

Mit einer Mischung aus Faszination und Ekel trat ich ein, argwöhnisch

beäugt von den Händlern. Ganz am Ende der Halle duckte sich ein Stand in die Ecke, der von einer mächtigen Plastikplane geschützt wurde. Eine Aura von Mystik und Magie nahm mich gefangen.

Rhoda wollte nicht stehenbleiben, denn hier, erklärte sie, würden die heiligen Männer einkaufen. Damit wollte sie mich wohl abschrecken. Sie erreichte das Gegenteil: Ich bin nun mal die Tochter einer mit Sauerkraut heilenden Deutschen ...

Das hier war der Supermarkt der babalawos. Ich erkannte die magischen jujus aus schwarzem Leder wieder. Aber es gab auch Skelette von Affen- und Hundeschädeln, Schlangenhäute, Haifischzähne, Knochen, Schüsseln voller Kauri-Schnecken, Ketten, Felle, Muscheln, Pulver und Kräuter.

Selbst ein pechschwarzer Händler mit narbiger Gesichtshaut, dessen eine Pupille schneeweiß war, während das andere Auge immer wieder gen Himmel rutschte, konnte mich nicht abschrecken.

Er wollte mir in schwer verständlichem Pidgin-Englisch meine Zukunft voraussagen. Zuviel für Rhoda - sie ging. Und bekam so nicht mit, daß er mich mit seinem verbliebenen Auge derart durchdringend ansah, daß es mir heiß und kalt den Rücken runterlief. Schmerzhafte Prüfungen, aber auch Erfüllung durch eine große Aufgabe, verstand ich. Ich solle doch einen seiner glücksbringenden Armreifen aus dem schwarzem Schwanzhaar eines Elefanten erstehen. Damit das mit der Erfüllung auch funktioniere.

Rhoda hatte geduldig gewartet. Sie warfeinen Blick auf meinen neuen Armreifen. Ich hatte das Ding eigentlich mehr als Schmuckstück erstanden, aber Rhoda sagte, daß er ein magischer Talisman sei, eben ein juju. Ich fragte sie, was sie von den jujus in Moses' Haus halte. Als Antwort erzählte sie, daß in manchen Gärten ein Reisigbesen in einen Baum gehängt wird. Ein Einbrecher wäre gezwungen, den Besen zu nehmen, um damit den Garten zu fegen.

Und zwar so lange, bis der Hausbesitzer heimkehrt, um die Polizei zu rufen. Ich unterdrückte ein ungläubiges Lachen. Später las ich einmal eine Zeitungsmeldung: Ein Einbrecher war, den Besen schwingend, in einem Geschäft aufgegriffen worden. Mancher Glaube versetzt Berge, ein anderer läßt Besen tanzen. Mein juju-

Armreif je-

denfalls war günstig, schön und hat, wer weiß das schon so genau, wohl geholfen. Denn das Glück kam wieder; wenn auch nicht sofort.

Im Taxi zurück setzten Rhodas Wehen ein, was bei den löchrigen Straßen auch zu erwarten war. Der Taxifahrer setzte uns in der Nähe von Moses' Haus ab, und wir mußten wieder den „oibo-oibo“-

Marsch. machen. Rhoda ließ sich trotz Wehen nicht beim Tragen helfen, manövrierte ihre Einkaufstasche erhobenen Kopfes dem Ziel entgegen. Ich lief hinterdrein. Was Rhoda trotz Wehen und Lasten mühelos gelang, schaffte ich nicht: Beim Balancieren über eines der schmalen Bretter, die über die Jauchegräben führten, rutschte ich ab. Platsch, steckte mein Fuß im Matsch. Den Fuß bekam ich wieder raus, aber der Schuh blieb drin. Solch profane Widrigkeiten kann eben auch ein magischer juju-Reif nicht verhindern.

„Oi-bo, oi-bo!“ scholl es in meinen Ohren.

Oje, oje! Wie bekommt man einen Schuh aus der Jauche? Ein alter Mann erschien; er hatte einen Stock dabei, der sich vorzüglich zum Schuhangeln in Jauche eignete. Sollte ich den versauten Schuh wieder anziehen? Als Tochter einer Krankenschwester fallen mir sofort mindestens zwei Krankheiten ein, wenn ich nur an den Jauche-Schuh denke. Ich lief barfuß zurück. Womit ich immerhin ein gutes Werk tat. Am nächsten Tag zierten meine gereinigten Schuhe die Füße einer Nachbarin.

Jede Frau hat ihre eigene Erinnerung an das erste Kind. Dennoch scheint es mir, als gäbe es nur zwei Arten zu gebären: unter endlosen Qualen oder schnell und fast ohne Probleme. In meinem Leben scheint alles nach der Qual-Methode zu laufen, auch das Kinderkriegen. Janet befand sich in der Stirnlage, die Wehen wollten nicht enden. John kam nach einer für mich schmerzensreichen und für ihn alkoholfeuchten Nacht am Morgen ins Krankenhaus. Das Baby war noch nicht da. Man ließ ihn nicht zu mir, doch er lamentierte so lange, bis die Hebamme nachgab. Ich war fertig mit der Welt, und da sagte John doch tatsächlich, daß eine Frau Schwierigkeiten mit der Geburt habe, wenn sie fremdgegangen sei. Er wollte so lange bei mir bleiben, bis ich gestand, daß ich ihn betrogen hatte. Die Hebamme schmiß ihn raus.

Endlich, Sonntag nacht um kurz nach zwei, kam Janet. Mir half die Rückenmarksnarkose, ihr eine Zange. Und während all dieser Zeit lag ich an Schläuche und Wehenschreiber gefesselt auf dem Bett.

Nachdem ich durch dieses Tor der Schmerzen gegangen war, kam John ins Krankenhaus, ausgeschlafen, frisch rasiert und mit einem reichhaltigen Frühstück im Magen, um unser gemeinsames Kind zu begutachten. „Es ist ein Mädchen.“ Zwei Jahre später, als sich Bobby, das Riesenbaby mit fast fünf Kilo, aus meinem Leib gequält hatte, sagte er mit stolzgeschwellter Brust: „Mein großer Junge.“

Wie anders lief das hier ab, in dieser langgestreckten Hütte neben den stinkenden Gräben! In den folgenden Stunden sollte ich Rhoda, von der ich schon wußte, daß sie hart im Nehmen war, bewundern lernen. Sie hatte nie zuvor einen Arzt konsultiert, kannte weder Vorsorgeuntersuchung noch Ultraschall. Als die Wehen bereits im 5-Minuten-Abstand kamen, legte sie sich nicht etwa hin, setzte sich nicht, stöhnte kaum. Nein, Rhoda begann zu kochen. Im Hof hockte sie sich neben die anderen Frauen auf einen Schemel an der Feuerstelle. Die Frauen kochten riesige Mengen warmer Nahrung.

Ich fragte mich, wer das alles essen sollte - es reichte für mindestens zwanzig Personen, und wir waren zu sechst.

Niemand schickte nach einem Arzt. Mit der einbrechenden Dunkelheit verzogen sich die Frauen in ihre Häuser, da sie sich im Dunkeln nicht mehr nach draußen wagten. Irgend jemand hatte vorher einen Jungen zu einer sehr dicken Frau gesandt, der Hebamme. Die Frau, Rhoda und ich zogen uns in Rhodas Zimmer zurück. Die zahlreichen Türen des Hauses wurden wie üblich versperrt, Rhodas Tür noch einmal separat. Eine normale Nacht.

Seitdem Moses und John nach Ibadan zum Medizinmann aufgebrochen waren, war ich in Rhodas Zimmer einquartiert, in dem sich ein schmiedeeisernes Bett befand.

Als die Wehen immer schneller kamen und Rhoda pressen mußte, hielt sie sich in einer Hockposition halb aufrecht am Gitter des Bettes fest. Und so entband sie auch - in der Hocke auf dem Steinboden, den nur Blätter der wilden Traube bedeckten. Die Hebamme

hatte Rhoda während der Wehen ziemlich unsanft mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand den Bauch massiert. Geschickt fing sie das schnell herausgleitende Baby auf und legte es - nachdem sie es so lange an Armen und Beinen gezogen und in der Luft herumgewirbelt hatte, bis es schrie -, in ein neues Baumwolltuch gewickelt, auf den Boden. Atemlos hatte ich zugesehen und den empfindlichen Kopf des Neugeborenen beobachtet, der bei dieser Prozedur gefährlich hin und her wackelte.

„Das macht unsere Babys stark. Ihr verwöhnt eure Kinder zu sehr.

So können wir später schwere Lasten auf dem Kopf tragen“, sagte die Hebamme und lachte über meine Bedenken.

Erst nachdem die Nabelschnur zu pulsieren aufgehört hatte, band sie sie mit einem Bindfaden zweifach ab, holte eine mitgebrachte Rasierklinge aus der Tasche und trennte sie durch. Anschließend legte sie das Baby in meine Arme. Während ich den lauthals schreienden Nachwuchs gerührt im Arm wiegte, wartete die schweißüberströmte Rhoda auf die Nachgeburt. An der verbleibenden Nabelschnur zog die Hebamme die Plazenta ins Freie, um sie in eine dafür bereitstehende Metallschüssel zu legen.

Sie deckte die Schale mit einem bunten Batiktuch zu, nachdem sie pulverisierte Elefantenhaut auf die Nachgeburt gestreut und folgende Beschwörungsformel gemurmelt hatte: „Alle alten Hexen und alle, die wissen, daß sie gekommen sind, um Böses zu tun, sollen gehen.“

Der Elefant symbolisiert Stärke wie kaum ein anderes Tier und soll das Baby vor Neiderinnen schützen, erklärte mir die Hebamme.

Dann schob sie die Schüssel unter die Matratze des Bettes. Sie schüttete heißes Wasser in eine weitere neue Blechschüssel und löste darin einen Absud aus Heilpflanzen und Kräutern auf. Dann nahm sie mir das ruhig schlafende, nackte Baby ab, um es mit bereitgestellter Erde einzureiben. Das sollte dem Neugeborenen helfen, mit dem neuen Lebensraum vertraut zu werden.

Anschließend badete die Hebamme das Baby viermal in der Schüssel mit dem Kräuterwasser, entsprechend der geschlechtsbezogenen Zahlensymbolik - Knaben werden nur dreimal gewaschen.

Mit der rechten Hand flößte sie dem jetzt schreienden Kind das gleiche Wasser, in dem es gebadet worden war, in Mund und Nase.

Mit einem kleinen Klistierball machte sie außerdem einen traditionellen Einlauf, um das Kindspech - den ersten Stuhl des Neugeborenen - zu entfernen. Anschließend spuckte sie dem Baby auf Rücken und Bauch, massierte es sehr lange mit einer öligen Lotion, die angenehm intensiv nach Kräutern duftete. Besondere Beachtung schenkte sie dem durch die Geburt länglich gezogenen Kopf des Kindes.

Rhoda hatte sich in der Zwischenzeit mit fast kochendem Wasser, das auf der Herdplatte im Zimmer vorbereitet worden war, gewaschen. Ihre Brüste massierte sie mit Karitebutter und strich die Vbrmilch mit Heißwasser aus. „Heißes Wasser tut weh, macht aber stark. Man bekommt eine schöne Haut, und die Müdigkeit verfliegt.

Heiße Waschungen, vierzig Tage nach der Geburt zweimal täglich durchgeführt, helfen der Frau,jung zu bleiben und das Blut abfließen zu lassen. Auch gut gewürzte Suppe, Pflanzenabsude und heiße Bauchwickel helfen, damit Hitze und Kälte im Körper ausgeglichen werden“, erklärte die Hebamme.

Rhoda mußte die vorbereitete Sauce mit Pottasche essen und heißes Wasser trinken, um den Milchfluß anzuregen. Die Hebamme schärfte ihr ein, die nächsten vierzig Tage auf Fleisch zu verzichten.

Endlich durfte sie sich hinlegen. Aber nicht etwa auf das weiche Bett. Diese erstaunliche Frau entrollte ihre Schilfmatte auf dem Boden und legte sich darauf. Das war ihr Nachtlager. Als Decke genügte ihr ein weiteres blau-weißes Batikbaumwolltuch. Die dicke Hebamme legte sich daneben. Das Baby bettete sie an Rhodas Busen. Wie in den Nächten zuvor durfte ich das verwaiste Bett benutzen.

Während ich auf den erschöpften Atem Rhodas lauschte, unter den sich das wohlige Schmatzen des Neugeborenen und das Schnarchen der Hebamme mischte, lag ich noch lange wach. Ich war so aufgedreht, als ob ich selbst das Baby zur Welt gebracht hätte.

Moses' sechstes Kind war wieder ein Mädchen. Hatte dieser Mann nicht seine Frau Efe verlassen, weil sie ihm nur Mädchen gebar?

War aus dem Wunsch nach einem männlichen Erben nicht Moses'

Elend erst entstanden?

Einen knappen Monat später bekam auch Efe ihr Baby. Und zwar den ersehnten Jungen.

Am Nachmittag des folgenden Tages kehrten John und Moses aus Ibadan zurück. Fragen, ob die Reise erfolgreich war, erübrigten sich. Moses' Zeit auf Erden lief zweifellos ab. Ich weiß nicht, ob Moses der Zusammenhang zwischen dem Geschlecht seines Kindes und der Sinnlosigkeit seines eigenen Leidens bewußt gewesen ist. Er ließ es sich jedenfalls nicht anmerken. Er schien sich über das kleine Baby mit dem dichten Kraushaar und den wachen Augen enorm zu freuen. Der Tradition gehorchend, grub er noch am Abend unter Schmerzen im steinharten Lehmboden außerhalb des Grundstücks am Fuße eines Plantain-Baumes ein Loch, in dem er die Nachgeburt begrub.

John machte mir schnell klar, daß wir in der kommenden Woche bereits komplett verplant waren: Rhodas Kind würde am Ende dieser Woche, genau am siebten Tag nach der Geburt, mit einem prächtigen Tauffest auf Erden willkommen geheißen werden. In der Zwischenzeit hätten wir alle Autos aus dem Hafen geholt. Ich berichtete John von meinem Reinfall mit den Frachtpapieren. Da er sicher war, dieses Problem allein durch seine Anwesenheit zu lösen, fuhren wir am Tag nach seiner Rückkehr zum Hafen. Ich hätte es mir denken können: Kaum stand ich vor der nahen Lösung eines Problems, tauchte ein neues auf: Der Hafen war geschlossen worden!

An den Umstand, daß der Hafen privat war, hatte ich bis dahin keinen Gedanken verschwendet. Jetzt erfuhr ich, daß die Regierung alle privaten Häfen dichtgemacht hatte. Von nun an sollten alle Luxusgüter - und darunter fielen natürlich auch unsere Autos - nur noch über die staatlichen Häfen verschifft werden. Eine wirtschaftspolitische Kontrollmaßnahme, die die schwache Währung schützen sollte. Diesmal war die Angelegenheit auch nicht mit schönen Worten und Scheinen zu regeln. Im Gegenteil: Der Buchhalter

machte uns eine horrende Rechnung über Standgebühren auf!

Unser Autoimport hatte endgültig die Dimension eines Kampfes Getreidekorn gegen Mahlstein angenommen. Ich sah meinen Elefantenhaar-Reif an: schmerzhafte Prüfungen!

Wenigstens den Pick-up konnten wir aus der Gartenbaufirma holen.

Moses ließ damit Hühner, Reis und Yams beschaffen, um die wohl hundert Gäste zu verköstigen. Bereits am fünften Tag nach der Geburt begannen die Vorbereitungen für das opulente, letzte Familienfest, an dem Moses teilnehmen würde - die Taufe seines noch namenlosen sechsten Mädchens.