bis auf Nickel und Okoro.
Mit der nigerianischen Alltagsrealität kam Victor noch weniger zurecht als ich. Einer unserer Ausflüge in seinem klimatisierten Jaguar mißlang völlig. Es begann wieder mit einer Polizeisperre.
Am Straßenrand hockten Menschen, von Peitschen schwingenden Polizisten bewacht.
„Hüpf“, brüllte ein Polizist. Die Angeschrienen hüpften wie Frösche.
„Was haben diese Männer gemacht?“ fragte Victor seinen Fahrer.
„Sie sind wahrscheinlich über die Straße gelaufen, ohne auf den Verkehr zu achten, Sir. Die Polizei will ihnen beibringen, wie man sich im Verkehr benimmt.“
„Und wie lange geht das?“
„Bis die Frösche zusammenbrechen, Sir.“
„Ist das nicht schrecklich, Ilona? Wie können Menschen so grausam zueinander sein? So voller Verachtung.“
Seine Laune war verdorben. Sie besserte sich auch nicht, als wir am feinsandigen Bar Beach auf Victoria Island angekommen waren.
Wir saßen unter Palmwedeldächern und tranken leckere alko-holfreie Drinks. Ein kleines Mädchen, vielleicht sechs Jahre alt, verkaufte geschälte Karotten, die fein säuberlich auf einem blankpolierten Tablett lagen. Wir kauften ihr ein paar davon ab. Die Kleine strahlte und ging zu unseren Nachbarn, Franzosen.
„Non, va t'en!“ schnauzte der Mann, was das Mädchen natürlich nicht als „Nein, geh weg“ verstand. Sie lächelte und hoffte, ihre Möhren für ein paar Pfennige loszuwerden. Der Franzose griff wortlos in den Sand und schmiß ihn der Kleinen auf die frisch gewaschenen Karotten. Das Mädchen blieb wie erstarrt stehen, ihre dunklen Augen füllten sich mit Tränen. Leise weinend rannte sie davon. Sauberes Wasser zum Abspülen ihrer Möhren gab es für sie nirgendwo am ganzen Strand.
Victor zögerte einen Augenblick. Dann stand er auf. Wollte er den Franzosen zur Rede stellen? Nein, er kaufte einem fliegenden Händler eine Flasche Mineralwasser ab und lief dem Mädchen hinterher, um ihm zu helfen, ihr Problem zu lösen.
Ich bin dem Typen dankbar, der mich damals nicht in die Disco lassen wollte, er hat mir meine Grenzen aufgezeigt, sagte er bei unserem ersten Gespräch im Polo-Club. Aber dieser Gerechtigkeitssinn verwirrte mich auch gleichzeitig. Victor konnte unmöglich die ganze Welt retten! Und trotzdem versuchte er es an diesem Tag noch einmal, als er die Leiche eines Menschen am Straßenrand liegen sah. So etwas war - damals zumindest - in Lagos normal. Niemand kümmerte sich darum.
„Sie werden überfahren, Sir, niemand kennt sie“, erklärte Victors Fahrer.
„Aber es sind doch Menschen! Sie haben eine Vergangenheit, eine Familie! Was ist das nur für ein Land!“ ereiferte sich Victor. Der Fahrer starrte verständnislos in den Rückspiegel. Wovon redete sein feiner Chef da?
Wir fuhren zurück in Victors pompöses Haus in Ikoyi, in dem Chief William inzwischen auch einen Swimmingpool und einen Tennisplatz hatte anlegen lassen. Victor eilte zum Telefon und rief die Polizei an. Zum ersten Mal hörte ich, wie er ganz bewußt seinen kompletten langen Adelsnamen herunterleierte, damit sich einer der gelangweilten Polizisten des toten Menschen auf unserem Weg annahm.
Immer öfter vertraute Victor mir Arbeiten an, die mit dem Konzern seines Vaters zusammenhingen. „Du kennst dich doch inzwischen mit den Steuergesetzen Nigerias aus. Ich habe da mal eine Frage ...“
Es ging um die Zeitung in Kaduna, die verlustreich wirtschaftete.
Der dortige Buchhalter war, gemessen an tricky Okoro, ein Dummkopf. Die Manipulationen waren leicht zu durchschauen, Victor feuerte den Mann. Weil ich mein freies Wochenende nun auch mit Buchhaltung verbracht hatte, entschädigte mich Victor mit einem Weiterflug in Richtung Norden, nach Kano, einer über 1000
Jahre alten Stadt mit einer großen Moschee und vielen engen Gassen, Lehmhäusern und einem Färbermarkt. Mit viel Aufwand werden dort aus Naturzutaten Farben hergestellt, eine stinkende und ungesunde Angelegenheit.
Doch dann offenbarte Victor mir die wirkliche Überraschung -einen Ausritt mit einer Kamelkarawane. Wir waren nicht die einzigen Fremden, die sich auf dieses Abenteuer freuten. Ein junges Paar aus Frankreich und zwei Italiener wollten die Wüste ebenfalls erleben. Eine schaukelnde Reise durch die kahlen, sandigen Berge, die die Sonne je nach Stand in wundervolle Farben tauchte. An einer Oase standen Zelte bereit, in denen wir übernachteten.
Obwohl wir von jeder Zivilisation weit entfernt waren, warteten unsere verschleierten Gastgeber mit lukullischen Köstlichkeiten auf. Die Nacht war zwar unerwartet kalt, aber wir saßen aneinandergekuschelt und in Decken gehüllt vor dem Zelt und sahen hinauf in die Sterne, die hier viel näher zu sein schienen als bei uns. Der Mond tauchte die Hügel der Wüste in sanftes Licht. Die weite Leere der Landschaft wirkte unglaublich kraftvoll.
„Es sieht aus, als blickte man in das Gesicht der Ewigkeit“, sinnierte Victor. „Nichts scheint sich zu verändern, die Zeit stillzustehen.“
Ich spürte die Wärme seines Körpers, sah, wie sich sein klares Profil vor der hellen Umgebung abzeichnete. Seine dunklen Augen glänzten dicht neben mir. Und doch war er innerlich wieder ganz weit weg. „Wo bist du?“ fragte ich.
„Hier bei dir“, sagte er und sah mich an. Dann beugte er sich zu mir, küßte mich und blickte wieder hinaus in die Weite, als wollte er sie in sich aufnehmen. „Ich dachte gerade, daß wir hier nur Sand sehen und kein Leben. Und doch hat dieser Boden irgendwann einmal, vor Millionen Jahren, die Kraft gehabt, ganze Wälder zu ernähren. Vögel schwirrten hier herum, Schlangen räkelten sich auf Bäumen, eine Raubkatze schlich zwischen den Wurzeln umher. Es ist nur der Regen, der fehlt. Dann würde diese schlafende Kraft wahrscheinlich wieder erwachen.“
„Was du in der Wüste siehst!“ Ich lachte. „Ich sehe nur Sand.
Faszinierende Weite, sicher. Aber vor allem Sand.“
Er sah mich jetzt direkt an. „Ich sehe, was war und wieder sein kann. Du siehst das, was ist.“ Er machte eine Pause, bevor er fortfuhr: „Weißt du, daß du meinem Vater gefällst? Er meint, du stehst mit beiden Beinen auf der Erde.“
„Und was denkst du?“
„Ich denke, es wäre schön, wenn du geschieden wärst.“
„Was wäre dann?“ sagte ich atemlos.
„Willst du mich heiraten?“
Ich war 29, saß in der Wüste, und ein Prinz hielt um meine Hand an.
Ich war unfähig, ihm eine Antwort zu geben: In meiner Kehle saß ein dicker Kloß, der mir das Sprechen unmöglich machte. Ich küßte Victor lange, bis er merkte, daß mir Tränen übers Gesicht liefen.
„Warum weinst du?“ fragte er und küßte meine Tränen fort.
„Ich weiß nicht. Ich kann nichts dafür.“ Ich kam mir fürchterlich bescheuert vor. Man weint doch nicht wegen eines Heiratsantrags
•.. Außer, man weiß nicht, was man antworten soll. Und ich wußte es wirklich nicht. Ich kannte so wenig von Victors Leben. Und das bißchen Einblick, das ich bisher bekommen hatte, zeigte mir das Leben eines Mannes, der sehr verwöhnt war. Wollte er in Lagos leben - er bekam das größte Haus. Wollte er Ponys für Zigtausende von Mark - er bekam sie. Jetzt wollte er mich. Ich hatte schon einmal einen Mann aus einer völlig anderen Kultur geheiratet. Ich war ein gebranntes Kind.
„Ich liebe dich.“ Er sagte es ganz leise, direkt in mein Ohr. „Du mußt mir jetzt nicht antworten. Aber wenn du die Antwort weißt, dann ...“
„Ich weiß die Antwort, Victor“, unterbrach ich, „aber ich will sicher sein, daß es die richtige Antwort ist.“