DER ANGRIFF DES FALKEN

Ein paar Tage nach Silvester waren wir wieder in Lagos. Endlich sollte Victors neues Pferd aus Argentinien eintreffen. Er schwärmte schon Tage vorher von dem 100 000 Mark teuren Hengst. Stolz führte er mich in den klimatisierten Stall, in dem es die sündhaft teuren Pferde besser hatten als die Angestellten in den boys

quarters. Die Neuerwerbung war ein drahtiger schwarzer Hengst, nicht besonders groß. Wie die meisten Polo-Ponys hatte er ein Stockmaß von etwa einem Meter fünfzig. Der Hengst hieß Abraxas.

Ich hätte mich nie getraut, auf dieses hochgezüchtete Pferd aufzusteigen, das wie ein Vollblüter mit zu kurz geratenen Beinen wirkte. Abraxas war sehr lebhaft. Seine geballte Energie wurde dadurch unterstrichen, daß die Mähne abrasiert war - eine Vorsichtsmaßnahme, damit der Bambusschläger des Spielers sich nicht darin verfängt. Ein britischer Stallbursche namens Pete war der einzige, der sich um die Pflege von Abraxas kümmern durfte.

Für ein Polo-Pony, meinte Pete, sei Abraxas eigentlich etwas zu nervös. Pete schlief direkt neben dem Stall. Zur Sicherheit hatte Victor ihm einen Dobermann gegeben.

Glücklich und gelöst wie schon lange nicht mehr, fuhren wir die kurze Strecke zurück zu Victors Villa. Nur der neue Hengst hatte, davon war in Victors Polo-Team jeder überzeugt, zum Sieg über die starke Mannschaft aus dem Norden beigetragen. Am nächsten Morgen stand Victor sehr früh auf, um Termine außerhalb der Stadt wahrzunehmen. „Schlaf aus, Liebes“, sagte er zum Abschied.

Ich murmelte ein „Okay“ und drehte mich um, als ich ein atemloses

„Jesus Christus!“ aus Victors Mund hörte.

„Was ist?“

„Bleib im Bett!“ Victors Stimme klang unnatürlich schrill. So hatte ich ihn noch nie reden gehört.

Ich blieb nicht im Bett und sah, was passiert war: Vor der Schlafzimmertür lag einer von Victors Dobermännern. Man hatte dem kräftigen Tier die Kehle durchgeschnitten. Und zwar hier im Haus, direkt vor unserer Schlafzimmertür! Hier war der Hund verblutet. Alle meine nigerianischen Alpträume waren wieder erwacht. Das war eine Drohung!

Victor versuchte, sich seine Angst nicht anmerken zu lassen, als ich ihn wenig später im Arbeitszimmer perfekt wie immer angekleidet antraf.

„Hast du die Polizei gerufen?“

„Ilona, Liebes, wir beide kennen dieses Land gut genug, oder?“

„Was willst du tun?“

„Nichts. Weitermachen. Ich lasse mich nicht einschüchtern.“

„Wer steckt dahinter? Weißt du es?“

Er blieb die Antwort schuldig. Mittlerweile kamen viele Leute in Frage, denen Victor auf die Füße getreten war. Die Fässer von Calabar waren kein Einzelfall.

Nach dem Tod des Hundes ließ Victor die Wachen mit scharfen Waffen ausrüsten. Abiola brachte uns die inzwischen gut erzogenen Doggen Baatzi und Dolly zurück. Sie waren groß wie Kälber, was ihre Namen albern erscheinen ließ.

Ein paar Tage später fuhr Femi uns spätabends von einem Essen mit Geschäftspartnern zurück. Die Scheinwerfer des Jaguars erfaßten in der stockfinsteren Nacht direkt neben der Einfahrt ein Bündel, das aussah wie ein großer Sack.

„Femi, sagen Sie bitte den Wachen, man möchte das morgen wegräumen.“

„Ja, Sir.“ Femi lenkte den Wagen daran vorbei. Irgend etwas sagte mir, daß mit dem „Sack“ etwas nicht stimmte. „Femi, halten Sie mal.“ Ich ließ das Fenster hinunter. Das war kein Sack. Da lag ein Mensch neben der Einfahrt, regungslos. „Geben Sie mir mal Ihre Taschenlampe, Femi.“

„Nein, Ma'am, ich sehe lieber selber nach.“

Also stiegen wir alle drei aus. Der Mann, der dort lag, war tot. Femi drehte ihn auf den Rücken, und wir erkannten ihn: Es war Pete, Victors extra aus London eingeflogener, rothaariger Stallbursche.

Mit einem Messerstich in die Brust ermordet.

„Was kann Pete dafür? Was? Er hat doch nur mein Pferd versorgt!

Er war ein lieber, netter Kerl.“ Victor ging zurück zum Wagen, ließ sich in den Ledersitz fallen.

„Wer? Victor, sag es mir! Wer, glaubst du, hat das getan?“ bettelte ich um eine Erklärung.

„Ich werde mit Vater sprechen“, war seine ausweichende Antwort.

Ich verstand das damals noch nicht - diesen Zusammenhalt der Familien. Ich glaubte, ich gehörte bereits dazu, weil ich an Victors Seite lebte. Welch ein Irrtum! Die wirklich wichtigen Probleme ließ man nicht an mich heran.

Zwei Tage später stand in der Zeitung, der aus Wales stammende Stallbursche Pete Wyman sei Opfer eines Raubmordes geworden.

Kein Wort darüber, daß Pete für Victor gearbeitet hatte.

So westlich sich Victors Vater gab, so sehr war er auch in seiner schwarzen Kultur noch verwurzelt. Er bat seinen Sohn, in die Nähe von Benin City, gut 300 Kilometer östlich von Lagos, zu fahren.

Dort, im Regenwald, sollte Victor den Medizinmann der Familie um Rat fragen.

„Es ist alles Unsinn, nicht wahr, Ilona?“ lachte Victor. „Und trotzdem fahren wir hin.“

Der Mann hatte ein Schild an der Haustür, das auf seine Tätigkeit hinwies: herbalist, Kräuterdoktor. Und er wollte mit Victor allein sein ... „Ich bin gleich zurück, Liebes.“

Drei Stunden vergingen, die ich dösend im Schatten eines großen Affenbrotbaums im Hof verbrachte. Endlich trat mein Prinz aus der Lehmhütte heraus. Er war verstört und wollte es sich nicht anmerken lassen. „Es war sehr interessant“, sagte er. Sein Oxford-Englisch wirkte hier so deplaziert wie sein grauer, zweireihiger, eingestaubter Armani-Anzug. Verschlossen wie eine der Austern, die er

so gern verspeiste, saß er im Range Rover, den er selbst lenkte.

Femi sollte nicht mitbekommen, daß er, der Prinz aus England, beim herhältst Rat suchte. Und sei es auch nur widerwillig.

„Er hat dir etwas gesagt, daß dir angst macht. Nicht wahr, Victor?“

Mit dieser Prognose konnte ich kaum schiefliegen - nach allem, was geschehen war.

„Ich glaube ihm nicht, Ilona. Voodoo-Kram!“ sagte er geringschätzig. „Der herbalist sagt, Schwarze Magie werde gegen mich eingesetzt. Lachhaft! Ist es Schwarze Magie, einem Hund die Kehle durchzuschneiden? Oder einen unschuldigen Burschen zu erstechen?“

Regenwald. Rechts und links. Endlos. Ein undurchdringliches grünes Gestrüpp.

Victor ignorierte die Warnung des Medizinmannes. Vor der Tür lag seit einiger Zeit eine Fußmatte. Sie überdeckte den dunkelbraunen Fleck, den das Blut des toten Hundes auf dem Parkett hinterlassen hatte. Gleich einem Mahnmal, das Victor vergessen wollte. Eines Morgens war diese Matte feucht. Mit nacktem Fuß hatte Victor sie kurz berührt. Er untersuchte die Ursache und fand zwei kleine Gefäße mit einer hellen Flüssigkeit, die eine dünne Kordel verband.

Die Schnur führte über die Matte und benetzte sie.

„Fassen Sie das nicht an, Sir“, sagte der vor Angst schlotternde Hausboy.

„Warum? Was ist das?“

„Es ist Gift, Sir!“

„Unsinn!“ Victor spülte die Flüssigkeit ins Klo und warf die Matte in den Müll. Aber Hände und Füße wusch er sich trotzdem ausgiebig.

Am Nachmittag fuhren wir zum Strand, machten einen langen Spaziergang. Ich hielt die Hand meines Prinzen. Während unserer Safari hatte Victor mich gefragt, ob ich ans Schicksal glaube. In den vergangenen Tagen war zu viel passiert, als daß ich noch an Zufälle glauben konnte. „Victor, damals, als Nickel mir nach dem Leben getrachtet hat, da wolltest du, daß ich aufhöre bei Strengfurt. Das sei es nicht wert, daß ich mich in Gefahr brächte. Ich bitte dich jetzt um dasselbe. Laß uns nach London oder Deutschland gehen.

Irgendwohin, wo wir sicher sind.“

Er schwieg und starrte aufs Meer. Dann schüttelte er langsam den Kopf. „An Neujahr hat meine Mutter gesagt, Afrika sei nicht mein Land. Sie hat es gesagt, weil sie mein Land nicht kennt. Sie hat es nie der Mühe für wert befunden, in das Land jenes Mannes zu reisen, den sie geheiratet hat. Es war ihr wohl zu ... weit weg. Sie hätte ja auch mich am liebsten vergessen. Ich liebe England, weil es ein freies und demokratisches Land ist. Und ich liebe Nigeria. Aber nicht aus rationalen Gründen. Das ist der Unterschied. Es ist das Land meines Vaters. Er glaubt an mich. Ich werde ihn nicht enttäuschen. Ich werde vorsichtiger sein, na gut. Aber davonlaufen? Nein, Ilona.“ „Versprichst du mir, daß du vorsichtiger sein wirst?“ Er nahm mich in die Arme. Die Wellen brandeten heftig an den Strand. Sowenig, wie ich die Wellen aufhalten konnte, konnte ich das Kommende aufhalten. Ich hatte zwar Victors Versprechen, aber wir beide wußten ja nicht, wovor wir uns schützen sollten. Oder vor wem. Wir hätten Nigeria verlassen sollen. Doch das wollte Victor nicht. Es war sein Schicksal ...

Das Rückspiel gegen das Polo-Team aus dem Norden stand an. Es sollte in Katsina stattfinden, an der Grenze zu Niger. Victor und sein Team waren schon Tage vorher mit den Pferden vorausgefahren, ich sollte hinterherfliegen. Die Nacht vor dem Abflug werde ich nie vergessen. Ich schlief unruhig, träumte wirres Zeug von einem Urzeitvogel, der Victor in den Klauen hielt und ihn mit dem starken Schlag seiner mächtigen Flügel davontrug. Ich schrie und rannte dem Biest hinterher. Der Vogel stieg immer höher und entschwand meinem Blick. Erschöpft gab ich auf und ließ mich in den Staub fallen. Ich hörte, wie jemand lachte. Es war die Stimme eines Mannes. Ich sah mich um, aber die Sonne blendete mich. Es war ein Reiter, der in einiger Entfernung auf seinem Pferd saß. Er hatte einen Arm ausgestreckt. Winkte er mir? Oder streckte er die Hand aus, um mir

hochzuhelfen? Doch er schien viel zu weit weg, um mir helfen zu können.

Victors Vater William nahm mich in seiner Privatmaschine nach Katsina mit. Er saß vorne neben dem Piloten, ich hinten.

William drehte sich zu mir um. „Eine ehrliche Antwort, Ilona: Mögen Sie Polo?“

Ich lächelte. So wie mich der alte Stammes-Chef ansah, mit diesem verschmitzten Blick in den Augenwinkeln, schien er die Antwort zu erahnen. „Naja, ChiefWilliam, ich schätze Ihren Sohn sehr. Und ich mag Pferde.“

Er lachte laut, wobei er den Kopf in den Nacken legte: „Eine diplomatische Antwort. Aber keine ehrliche. Ich glaube, in Wirklichkeit geht es Ihnen wie mir: Mir tun die Pferde leid.“

„Sie werden ziemlich gefordert“, stimmte ich zu, „diese schnellen Ritte und dann das abrupte Abstoppen und Wenden. Das verlangt ihnen eine Menge ab.“

„Aber den Reitern verlangt es auch eine Menge an Kondition ab.

Außerdem ist es nicht ungefährlich. Victor ist schon einige Male schwer gestürzt. Ich wünschte mir manches Mal, er würde sich ein weniger riskantes Hobby zulegen. Vor allem hier bei uns in Afrika.

Der Boden ist oft hart. In England, wo Victor diesen Sport erlernte, ist der Rasen weich. Da ist ein Sturz nicht ganz so gefährlich.“

„Haben Sie Angst um ihn?“

William blickte nach vorn. Da ich direkt hinter ihm saß, konnte ich sein Gesicht nicht erkennen, als er antwortete: „Er ist mein einziges Kind, Ilona. Ich habe mich wenig um ihn gekümmert. Hat er Ihnen das mal erzählt? Ja, sicher wird er das erzählt haben. Jetzt bin ich ein alter Mann, und es ist zu spät dazu. Ich möchte, daß er mein Nachfolger wird. Und Victor gibt sich viel Mühe, mich nicht zu enttäuschen. Doch manchmal...“ William machte eine Pause, überlegte offenbar, ob er zuviel verriet. „Manchmal habe ich Zweifel, ob es richtig war, ihn aus seinem Leben in England herauszuholen.

Ich weiß es nicht. Glauben Sie, daß Nigeria das richtige Land für ihn ist?“

Meine Antwort kam viel zu schnell. „Aber ja, ChiefWilliam, Victor liebt Nigeria. Er hat es mir selbst gesagt.“

„Weil es das Land seines Vaters ist, Ilona. Nicht, weil es sein Land ist. Das ist ein wichtiger Unterschied. Aber es ist ein schönes Land ...“ Erblickte hinunter auf das dichte Grün des Regenwaldes, durch das sich dunkel die Lebensadern der Flüsse einen Weg bahnten. „Und ein schwieriges Land. Vor allem für den, der es nicht kennt“, fügte er nach einer Pause hinzu.

In den ersten Monaten hatte William sehr auf Distanz zu mir geachtet. Er hatte nicht abschätzen können, wie tief die Beziehung zwischen Victor und mir werden würde. Doch nach und nach waren unsere Gespräche weniger förmlich geworden. Er erkannte meine Arbeit als Geschäftsführerin an, die darauf abzielte, die Unternehmungen effizienter zu machen. Sich von Beteiligungen zu trennen, die nichts einbrachten, und dafür in zukunftsträchtigere Zweige zu investieren. Nie zuvor aber hatte ich mit William so persönlich gesprochen wie jetzt in der Enge des Flugzeugs.

Vielleicht, weil uns beide das Schicksal in diesen Stunden so nah wie nie zuvor zusammenbrachte.

Der Pilot flog sehr niedrig, schätzungsweise tausend Meter über dem Boden. Meistens den Flußläufen folgend oder den großen Asphaltstraßen, die in einem breiten Bett aus rotbraunem Erdreich lagen. Verzweifelt überlegte ich, wie ich William, den Stammes-Chef, auf die seltsamen Vorgänge rund um Victor ansprechen konnte -den getöteten Dobermann, den ermordeten Stallburschen Pete, die eigenartige Konstruktion mit der Fußmatte vor unserer Schlafzimmertür. William wußte mit Sicherheit davon. Warum sonst hatte er seinen Sohn zum herbalist geschickt?

Ich verpaßte die Gelegenheit. William hatte sich wieder zu mir umgedreht und sah mich ernst an. „Victor will Sie heiraten, Ilona.

Ich möchte von Ihnen gerne wissen, ob Sie das auch wollen. Aber bitte keine diplomatische Antwort. Auch, wenn Sie das gut können.“

Damit hatte ich nicht gerechnet! Wenn das Flugzeug in einem Luftloch abgesackt wäre, hätte mein Herz wahrscheinlich nicht so lange ausgesetzt wie bei dieser Frage. Ich liebte Victor auf eine andere Art, als ich John geliebt hatte. Inzwischen hatte ich gelernt, daß Liebe Verantwortung bedeutet, mit der man nicht spielt. Die Beziehung zu Victor war romantisch und exotisch, aber gleichzeitig war da von Anfang an so etwas wie eine Ernsthaftigkeit, ein tiefes inneres Verstehen. Ich konnte also unmöglich eine leichtfertige Antwort geben.

„ChiefWilliam, ich bin noch nicht geschieden“, stotterte ich. „Der Mann, mit dem ich verheiratet bin, wehrt sich gegen die Scheidung.

Sicherlich werde ich sie durchbekommen. Aber ich habe zwei Kinder, die in Deutschland leben.“

William wurde etwas ungeduldig. „Das weiß ich doch alles, Ilona.

Ich möchte wissen: Werden Sie Victor heiraten?“

„Ich habe noch nie einen Mann wie Ihren Sohn getroffen, Sir.“ Ich atmete tief durch und dann sagte ich es. Und gestand es mir endlich selbst gegenüber ein: „Ja, ich liebe ihn. Sobald ich geschieden bin, werde ich ihn heiraten.“

„Das ist gut. Möge Gott Ihre Wege segnen, meine Tochter.“

Er blickte hinaus auf das weite Land unter uns. Nach einer Weile drehte er sich lächelnd um: „Bitte, sagen Sie nicht mehr „Sir“ und

„Chief“ zu mir. Nennen Sie mich William. Außerdem waren Sie noch nicht in meinem Palast. Das sollten Sie möglichst bald nachholen.“

Von William erfuhr ich, daß Katsina früher die Hochburg der polospielenden Elite des Landes war. Inzwischen genoß eine Stadt namens Sokoto, weiter westlich gelegen, einen besseren Ruf.

Katsina ist islamisch geprägt und hat Moscheen. Die alte Stadt mit ihren vielen, vorwiegend aus Lehm gebauten Häusern, die von einer Stadtmauer umschlossen sind, wirkte auf mich märchenhaft entrückt, weit entfernt von allem Westlichen. Schon aus der Luft waren die vielen Kamele zu erkennen, mit denen vermummte Gestalten unterwegs waren. Nur das außerhalb gelegene, neue Stahlwerk machte eindrucksvoll deutlich, daß die Industrialisierung auch hierher schon vorgedrungen war. Während ChiefWilliam mit anderen, sich bedeutsam gebenden

Männern sprach, suchte ich meinen Prinzen bei den Polo-Ponys, denen noch die Schwänze geflochten wurden.

„Abraxas ist ungewöhnlich nervös. Wir überlegen, ob wir ihn überhaupt einsetzen sollen“, berichtete Victor.

„Vielleicht ist ihm der Transport nicht bekommen.“

„Ich glaube, er vermißt Pete. Wir haben zwar einen neuen Burschen, aber der kommt mit Abraxas lange nicht so gut zurecht.“

Ich folgte dem Turnier mit angestrengtem Interesse. Ob da nun Punkte gemacht wurden oder warum - ich hätte es nicht erklären können. Durch den aufsteigenden Staub konnte ich manchmal kaum erkennen, wer den Holzball wohin schlug. Mein Augenmerk galt Victor, und ich versuchte immer wieder, ihn unter all den Reitern auf dem Spielfeld auszumachen, das einen Viertelkilometer lang war. Vor allem, als er im zweiten Durchgang, Chukka genannt, Abraxas einsetzte. War das edle Tier vor dem Spiel unruhig gewesen, so schien es Victors Befehlen jetzt problemlos zu folgen.

Ich stand unter einem Sonnenschirm neben einer großen Frau vom Typ Mammi und ihrem schmächtigen Mann, der mit einem Fernglas den Spielverlauf sachkundig verfolgte, im Gegensatz zu seiner Frau, die unentwegt redete. Ich versuchte wieder, Victor auf dem Spielfeld ausfindig zu machen, der in dem Pulk der acht berittenen Spieler steckte. Das Knäuel löste sich, eine Gruppe sprengte dem Ball hinterher. Da, das war er! Abraxas setzte sich im gestreckten Galopp von den anderen ab. Victor stand auf den Zehenspitzen in den Steigbügeln, den Körper nach vorn gebeugt, den Schläger in der rechten Hand.

In diesem Augenblick bemerkte ich den Vogel, der so groß wie eine Krähe sein mochte: Mit schnellem Flügelschlag sauste er dicht über dem Spielfeld dahin. Er schien Victor und seinem Pferd zu folgen.

Hatten die Reiter eine Maus aufgescheucht, die dieser Vogel schlagen wollte? schoß es mir durch den Kopf.

In diesem Moment lehnte Victor sich weit aus dem Sattel und holte mit dem Schläger Schwung. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie die Frau neben mir die Hände entsetzt vor den Mund schlug und hörbar die Luft einsog. Sekundenbruchteile nachdem Victor mit dem Schläger den kleinen Weidenholzball zurückgeschlagen hatte, erreichte der Vogel Abraxas, der im Begriff war, abzustoppen und zu drehen. Der Vogel stürzte sich auf den Kopf von Victors Pony, hockte dort für die Länge eines Wimpernschlags. Abraxas stieg hoch,, schüttelte den Kopf, um den flügelschlagenden Angreifer abzuwerfen.

Victor hatte nicht den Hauch einer Chance. Kopfüber stürzte er in den Sand.

Ein Aufschrei ging durch die Zuschauer, was alles noch schlimmer machte. Abraxas, dieses Nervenbündel, drehte sich um seine eigene Achse, als tanzte er auf den Hinterbeinen, und trat auf Victor.

Mit schnellem Flügelschlag hatte der Vogel abgedreht und war davongeflogen, direkt über meinen Kopf hinweg. Ich konnte deutlich erkennen, daß der davonflatternde Angreifer ein schmaler Vogel mit hell getupfter Brust war. Während Abraxas wie von tausend Hornissen gestochen davonstob, hatten die anderen Reiter ihre Pferde längst in die Richtung gedreht, in die Victor den Ball geschlagen hatte. Als sich der Staub verzog, blieb Victor allein am Boden zurück.

Es war passiert. Der Vogel aus meinem Traum. Er war gekommen.

Ich brauchte einige Sekunden, um mich von dem Schreck zu erholen, bevor ich mit unzähligen anderen Menschen aufs Spielfeld rannte. Zwei Sanitäter legten Victor unsanft auf eine Trage und liefen davon. Mühsam bahnte ich mir einen Weg durch die Menschen, um ihnen zu folgen.

„Unglaublich, ich habe so etwas noch nie gesehen“, hörte ich einen Mann sagen.

„Ein Falke, der ein Pferd angreift...“, sagte ein anderer fassungslos.

William ließ seinen Sohn mit der eigenen Maschine sofort nach Lagos zurückbringen. Victor hatte Glück gehabt: Abraxas hatte ihn nicht am Kopf getroffen. Trotzdem war Vorsicht geboten, da eine Gehirnerschütterung trotz Sturzhelm möglich war. Victors Unterschenkel war gebrochen, als der Hengst in seinem wilden Paniktanz aufsein Bein getreten war.

„Was ist mit Abraxas?“ fragte Victor im Flugzeug. Niemand hatte ihm zuvor etwas über das Schicksal des edlen Tieres sagen wollen.

„Er hat eine Beruhigungsspritze bekommen“, erwiderte William.

„Warum hat er durchgedreht?“ fragte Victor, der den Angriff des Vogels gar nicht mitbekommen hatte.

„Ein Raubvogel hat ihn angegriffen“, sagte ich, „er hat gescheut.“

„Jesus Christus! Wo kommt da ein Raubvogel her?“

„Es war ein Falke.“ Mehr sagte William nicht, und auch Victor schwieg jetzt.

Hatten Falken irgendeine mystische Bedeutung? Warum hatte der Zuschauer so entgeistert gesagt: „Ein Falke, der ein Pferd angreift ...“?

„Was bedeutet es, wenn ein Falke ein Pferd angreift, William?“

fragte ich. Aber statt einer Antwort starrte der Chief nur aus dem Fenster. Nicht ein weiteres Wort kam über seine Lippen.

„Ich hätte auf den Mann hören sollen, Liebes, weißt du ...“, murmelte Victor nach einer Weile.

„Du meinst, auf den herbalist?“

Er nickte. „Er hat mich gewarnt. Ich sollte dem Turnier fernbleiben ...“

Allzuviele Gedanken und Gefühle stürzten auf mich ein, die ich erst verarbeiten mußte. Daß sich jemand in Victors Verwandtschaft mit einem Falken schmückte, hatte ich Monate zuvor zwar gesehen.

Aber Sunny brachte ich in diesem Moment nicht mit dem in Verbindung, was eben geschehen war.

Abraxas konnte nicht mehr bei Poloturnieren eingesetzt werden: Sein linkes Auge war zerstört. Victor blieb nur ein paar Tage zur Beobachtung im Krankenhaus; die Gehirnerschütterung war leicht, das Bein wurde eingegipst.