DAS HERZ DES PRINZEN
Der Zettel auf meinem Schreibtisch stammte von Nickel. Eine kurze Anweisung, daß ich mich am selben Mittag in einer Anwaltskanzlei einzufinden habe. Mit neuen Partnern solle über die Gründung einer weiteren Produktionsstätte verhandelt werden. Die angegebene Adresse lag auf Victoria Island - eine Fahrt quer durch die Stadt.
Doch Femi war nicht aufzutreiben, Nickel hatte ihn eine Besorgungsfahrt machen lassen. Wieder eine neue Schikane, um mich auszubremsen. Eine Stunde lang saß ich wie auf glühenden Kohlen, bis Femi endlich zurückkam.
Ich straffte meine Schultern, hielt meine Akten fest im Griff und marschierte in das noble Büro, einen sexistischen Spruch Nickels erwartend. Die Augenpaare von fünf Männern wandten sich mir zu.
Von den Anwesenden kannte ich zwei: Nickel, der spöttisch lächelte, und den Mann, der sich bei meinem Eintreten schnell erhob und mit ausgebreiteten Armen auf mich zukam.
„Ilona! Habe ich Ihnen nicht gesagt, ich finde Sie auch in Lagos wieder?!“
„Victor! Was tun Sie denn hier?!“
Blöde Frage! Der schöne Mann küßte mich. Vor Nickels Augen. In einer Anwaltskanzlei. Zwar sehr formvollendet auf beide Wangen, aber ich sah in Nickels schmutziger Eselsphantasie, daß er niemals glauben würde, daß diese Küsse einen harmlosen Grund hatten, die Folge eines unschuldigen Flirts bei Londoner Kerzenlicht waren.
Im Laufe der Verhandlungen stellte sich schnell heraus, daß Victor auf der falschen Seite stand: Seine Familie verkaufte ein großes Areal nahe Lagos an Strengfurt, auf dem die zweite Produktionsstätte - diesmal für Kupplungen - hochgezogen werden sollte. Ich mußte dem Dialog der Herren nicht lange folgen, um herauszubekommen, daß die Stimmung frostig war. Der Grund war natürlich Geld. Nickel und sein afrikanischer Partner wollten die Erschließungskosten für das Grundstück plötzlich nicht mehr tragen, sondern zu 25 Prozent vom Kaufpreis abziehen. Und das, obwohl der Vertrag praktisch unterschriftsreif war. Schlechter Stil, aber gern geübte Praxis. Als Nickels Controllerin hatte ich auf seiner Seite zu stehen und saß somit zwischen den Stühlen.
Nach dreistündigem Palavern hatte ich mir beide Stühle unter den Hintern gezogen. Ich mußte nur eins und eins zusammenzählen: Victor verkaufte mit 15prozentigem Preisnachlaß. Im Gegenzug wurden Strengfurts Produktionsstandorte exklusiv mit Öl beliefert.
Öl, das aus den Raffinerien stammte, an denen Victors Vater Anteile hielt. Das war die wichtigste Erkenntnis: Victors Familie war einer der bedeutendsten Clans im Süden des Landes. Während die Anwaltssekretärin den neuen Vertrag tippte, verabredete sich Victor mit mir zum anschließenden Lunch im vornehmen englischen Polo-Club in Ikoyi, dem benachbarten Stadtteil mit den entzückenden Häusern aus der Kolonialzeit.
Als ich Arm in Arm mit Victor aus der Kanzlei stöckelte, spürte ich die neidischen Blicke Nickels in meinem Nacken. Ein angenehmes Gefühl. Ich war als Verliererin gekommen - und ging als Siegerin.