Er irrte sich.
Vier Tage später bekam ich hohes Fieber, fühlte mich matt und ging früh schlafen. Ich tippte auf eine Erkältung. Am Tag darauf bekam ich Kopfweh, übergab mich. In der Nacht folgte Schüttelfrost. Ich schickte Femi los, um Abiola zu informieren. Die beiden kamen mit Abiolas Vetter zurück. Der Arzt brauchte nicht lange, um herauszufinden, was ich hatte - Malaria.
„Nehmen Sie eine Malariaprophylaxe?“
„Ja. Paludrin.“ „Das ist zu schwach! Die Anopheles-Mücke ist dagegen resistent. Sie müssen strengste Bettruhe bewahren“, schärfte mir der Doktor ein und gab mir Resochin. Aber in sein Krankenhaus, in dem Yemi gestorben war, wollte ich mich nicht einweisen lassen. Ich kannte meinen Vertrag: Es konnte sein, daß mein Arbeitgeber mich bei einer lebensgefährlichen Erkrankung wie Malaria schnellstens nach Deutschland zurückbeordern würde. Ich nahm meine restliche Energie zusammen, um die wichtigsten Dinge zu organisieren, bevor Nickel die Gelegenheit nutzen würde, um mich loszuwerden.
„Abiola“, bat ich, „kannst du die Doggen mit zu dir nehmen? Ich werde gewiß für einige Wochen nach Deutschland zurückbeordert.
Wenn ich nicht da bin, dann ...“
„Natürlich, Ilona, ist doch keine Frage. Ich werde sie gleich mitnehmen. Und was ist mit den Katzen? Ich glaube, meine Mädchen würden sich freuen.“
Ich wollte schneller als Nickel handeln und bat seine Sekretärin, meinen Rückflug nach Deutschland zu organisieren. Als das Telefon später klingelte und Ken ranging, dachte ich, sie würde den Flugtermin durchgeben.
Nach einer Weile klopfte Ken an meine Zimmertür: „Ma'am, es war ein Anruf aus London.“
„London?“ Mein Gott, das konnte nur was mit Victor zu tun haben.
Aber er war doch nach Argentinien geflogen!
„Ma'am, es ist wegen Prince Victor. Er hat Malaria tropica. Es geht ihm wohl sehr schlecht, Ma'am. Ein Freund hat ihn nach London ins Krankenhaus bringen lassen. Ich habe ihm gesagt, daß Sie auch krank sind. War das richtig, Ma'am?“
„Danke, Ken, das wird schon richtig sein.“
Während ich nachts schwitzend und zitternd zugleich im Bett lag, plagten mich Alpträume. Eine dunkle Gestalt machte sich zu schaffen und schleppte etwas weg. Jemand rief... Ich schrak hoch.
Ken stand in der Zimmertür. Er blutete aus einer Platzwunde am Kopf und war total verstört. „Ma'am, ich glaube, ich muß die Polizei rufen.“
„Was ist passiert?“ Mühsam rappelte ich mich aus dem Bett.
„Bitte, Ma'am, bleiben Sie liegen!“
„Ken, reden Sie doch!“
„Ich habe ein Geräusch gehört. Dann bin von den boy's quarters
zum Haus gelaufen. Bevor ich wußte, was los ist, bekam ich einen Schlag auf den Kopf. Mehr weiß ich nicht. Als ich aufwachte, war das Haus durchwühlt.“
Trotz meiner rasenden Kopfschmerzen hatte ich keinen Zweifel daran, was fehlen würde. Ich schleppte mich ins Wohnzimmer.
Natürlich. Der Schreibtisch war aufgebrochen, das Dossier über Nickels Machenschaften verschwunden. Und es gab nur eine einzige Ausfertigung. Nickel würde viel Papier zu verbrennen haben.
„Entschuldigung, Ma'am, das hatte ich ganz vergessen“, sagte Ken.
„Das Büro von Mister Nickel hat angerufen, als Sie schliefen. Es ist alles organisiert: Sie fliegen morgen früh nach Hamburg. Man holt sie dort am Flughafen ab. Sie müssen zuerst in das Tropeninstitut.“
Wut stieg in mir hoch: Das war alles kalt geplant! Ich lag todkrank im Bett, die Doggen waren weg, es war Nacht, ich mußte am nächsten Morgen abfliegen. Perfektes Timing, Nickel. Kompliment.
„Nein, Ken“, sagte ich resigniert, „rufen Sie die Polizei nicht. Das nützt ohnehin nichts mehr.“
Beim Abschied am Murtala Mohammed Airport hatte ich das Gefühl, daß Femi und Abiola den Tränen nahe waren. Sie hatten mich praktisch bis zu meinem Sitzplatz im Flugzeug tragen müssen - mir fehlte die Kraft zu laufen. Nur gut, daß Malaria nicht ansteckend ist.
„Kommen Sie wirklich zurück, Ma'am?“ fragte Femi.
„Werde vor allem gesund, Ilona“, sagte Abiola.
„Wenn sich Victor meldet, sagt ihm, wo ich bin“, bat ich. „Ich kann ihn nämlich nirgendwo erreichen.“
„Ich werde ihn schon finden, deinen Prinzen!“ Abiola zwinkerte mir zu.
Ich hatte Glück im Unglück. Im Hamburger Tropeninstitut, in dem ich in den folgenden zwei Wochen gesundgepäppelt wurde, klärten die Ärzte mich auf, daß ich nicht die wesentlich gefährlichere Form der Malaria erwischt hatte, mit der Victor, zwischen Leben und Tod schwebend, rang. Die Kölner Strengfurt-Zentrale verordnete mir erst mal Familienurlaub.
Die Kinder hatten Osterferien. Die milde Vorfrühlingsluft in Niederbayern tat gut. Schon im Tropeninstitut hatte ich viel Zeit gehabt, darüber nachzudenken, wie es weitergehen sollte. Nachdem Nickel das Dossier gestohlen hatte, würde ich in Lagos auf verlorenem Posten kämpfen. Es hatte eigentlich keinen Sinn zurückzukehren - Nickel saß nun fester denn je im Sattel. Der Urlaub bei den Kindern und meinen Eltern ging zu Ende, ohne daß ich zu einer Entscheidung fähig gewesen wäre. In jener abgelegenen Gegend, in der meine Eltern lebten, konnte ich keine neue Arbeit finden, die meinen Fähigkeiten entsprach. Andererseits liefen die immensen Kosten weiter.
Ein Anruf Victors riß mich aus der Lethargie: Er bat mich, nach London zu kommen, und ich folgte seinem Ruf.
Er bewohnte ein Luxus-Apartment in Kensington, in dem wir uns ans Pläneschmieden machten. Die Krankheit hatte seinen Körper geschwächt, aber sein Geist schien wesentlich kämpferischer als zuvor: „Du solltest bei Strengfurt kündigen, Ilona. Mach dir um das Geld keine Sorgen. Ich habe mit meinem Vater gesprochen. Er würde sich freuen, dich als kaufmännische Geschäftsführerin unseres Konzerns zu gewinnen.“ Inzwischen wußte ich, daß dies kein Good-will-Job war, sondern harte Arbeit bedeuten würde.
Er ging in seiner Euphorie, mich ganz für sich zu haben, sogar noch weiter: „Nimm deine Kinder mit! Wir können alle in meinem Haus in Ikoyi leben. Du hast selbst gesehen - es ist groß genug. Wir haben einen Swimmingpool. Dein Sohn lernt Tennis, deine Tochter kann reiten, die deutsche Schule ist nicht weit.“
„Victor, langsam!“ Ich küßte ihn sanft. Ein Mann, der für mich sorgte, dachte, plante. Und meine Kinder miteinbezog, als wären sie seine eigenen. Das war ich nicht gewohnt...
„Nein, Ilona, nicht langsam. Hast du nicht gemerkt, wie schnell das Leben vorbei sein kann? Der Stich einer Mücke - und alles ist beinahe aus.“ Er nahm mich in die Arme. Seine schönen Augen glänzten, als er fragte: „Erinnerst du dich an das, was ich dich in der Nacht in der Wüste gefragt habe?“
Und ob ich mich daran erinnerte! Ich hatte ja inzwischen Zeit genug gehabt, darüber nachzudenken. Ich hielt Victor fest, als wollte ich ihn nie wieder loslassen. „Möchtest du mich immer noch heiraten?“
„Hast du morgen schon was anderes vor?“ Er lachte.
Die fremde afrikanische Welt war weit entfernt. Ich hatte viele Aspekte Nigerias kennengelernt. Faszinierende, unglaublich schöne, aber auch solche, die mich abstießen. Innerlich war ich zerrissen: Kaum hatte ich Afrika den Rücken gekehrt, wollte ich zurück. Zumal, da ich in Victor verliebt war. Andererseits dachte ich in Afrika viel an zu Hause, die Kinder, die Friedlichkeit, die Ordnung. Männer träumen, Frauen planen. Das liegt wohl daran, daß wir die Kinder bekommen.
Ich konnte Janet und Bobby nicht schon wieder aus ihrer neuen Umgebung in Niederbayern, in der sie gerade mal ein knappes Jahr wohnten, herausreißen. Ich hatte es ja erst vorgelebt bekommen: Wenn Bobby sich weh getan hatte - und er stürzte immerzu mit seinem Fahrrad -, rannte er zur Oma, nicht zu mir. Sie war seine Bezugsperson geworden.
Den ersten Teil von Victors Angebot dagegen wollte ich annehmen -
für ihn und seinen Vater arbeiten. Denn so könnte ich mit dem Mann leben, auf den ich mein Leben lang gewartet hatte. Alles andere würde die Zukunft zeigen. Vielleicht könnte ich sogar später einmal meine Eltern dazu bewegen, mit den Kindern ganz zu mir zu ziehen ... Der innere Spagat aus Wünschen, Wollen und Wirklichkeit war noch lange nicht ausgestanden.
Ich schrieb einen langen Brief an Strengfurt-Chef Bernhard, in dem ich meine Kündigung erklärte. Bernhard selbst rief an, versuchte mich umzustimmen - und gab auf. Ich sollte nur noch für ein paar Wochen auf den Controller-Posten zurückkehren, um meinen Nachfolger einzuarbeiten. So flog ich zum dritten Neubeginn nach Nigeria, diesmal jedoch nicht allein: Ich freute mich auf ein Leben an der Seite von Victor.