DER WEIHNACHTSFLOP
Seine Geschäfte riefen Victor nach London zurück. Er versprach, nach Weihnachten wiederzukommen, um dann ganz zu bleiben.
Sechs Wochen ohne meinen Prinzen! Die dauernden Streitereien mit Nickel ließen es mir ratsam erscheinen, endlich einen eigenen Wagen zu haben. Ich erstand einen VW Passat, damit Monika, meine Kinder und meine Mutter, die Weihnachten kommen wollten, ohne Pannen durchs Land schaukeln konnten.
Vorher weihte ich das Auto mit Reisen zu zwei spirituellen Orten ein, die ich Monika (und mir) zeigen wollte. Abeokuta, heute ein Meer aus wellblechgedeckten Häusern, ist ein ehemaliger Zufluchtsort von Sklaven. Sie entkamen dorthin auf der Flucht vor den eigenen Königen, die sie ins Ausland - Nordamerika, Haiti, Brasilien - verkauften. Der Ort am heiligen Ogun-Fluß wird von einigen riesigen Felsbrocken überragt, die wirken, als wollten sie die Stadt und ihre Bewohner vernichten. Der Sage nach hatten die Götter das auch tatsächlich vor. Aber Opferungen hielten sie in letzter Sekunde davon ab. Auf einem der Felsen markiert eine Stelle ein blutiges Ritual: Hier wurden Weiße getötet, die den Fels sprengen wollten, weil sie in ihm Gold und Diamanten vermuteten.
Die Österreicherin Susanne Wenger machte den Ort Oshogbo über Afrika hinaus bekannt. Gemeinsam mit nigerianischen Bildhauern begann Frau Wenger in den sechziger Jahren, als sie selbst Anfang Vierzig war, einen heruntergekommenen heiligen Wald am Fluß Oshun zu einem sakralen Kunstwerk umzugestalten. Es entstanden teilweise monumentale, bizarre Häuser und Plastiken aus Zement und Holz, die in der hohen Luftfeuchtigkeit ständig instand gesetzt werden müssen: eine Sisyphus-Arbeit für die Götter.
Der Wald ist das Zuhause der orishas. Ihre Lebensaufgabe hat aus der zarten Weißen eine Priesterin gemacht, die dem Kult der Flußgöttin Oshun dient. Oshun steht in der Ifa-Religion für die weibliche Kraft, Fruchtbarkeit, Kreativität, Sinnlichkeit. Eine freundliche Göttin, die in der griechischen Mythologie ihre Entsprechung in Aphrodite findet. In ihrer haitianischen Voodoo-Variante, die auch in der Gegend um New Orleans zelebriert wird, wurde aus Oshun die mysteriöse Erzulie. Wenn mein religionsinteressierter Prinz aus seinem nebligen London zurückkehrte, wollte ich ihm den mystischen Wald zeigen. Das Leben von Frau Wenger bewies, daß der Yoruba-Glaube Ifa keineswegs eine Religion ist, die nur Afrikanern vorbehalten ist.
Denn diese erstaunliche Frau wird von den Einheimischen als Priesterin, als olorisha, verehrt.
Der zwanzigste Geburtstag meiner Schwester rückte immer näher.
Da sie ihn zu Hause mit ihren Freunden feiern wollte, bat ich Femi, zum Flughafen zu fahren und den Rückflug zu buchen.
Freudestrahlend kam er zurück. „Ihre Schwester wird Gesellschaft haben, Ma'am. Ihr Mann John fliegt mit der gleichen Maschine.“
„Um Himmels willen, Femi, stornieren Sie die Buchung. Sonst bekommt er doch raus, daß ich in Lagos bin!“
„Sorry, Ma'am, daran hatte ich nicht gedacht.“
So verschob sich Monikas Rückflug, und wir feierten ihren Zwanzigsten am Strand in Badagry, früher der Exporthafen für Sklaven. Für Monika, ein Kind kalter, grauer Novembertage, war es eine ganz neue Erfahrung, an ihrem Geburtstag im Meer zu schwimmen. Leider eine schmerzhafte: Das Meer hat dort gewaltige Unterströmungen, die Monika mit sich rissen. Die unglaubliche Kraft des Wassers schleifte sie am Strand entlang. Mit blutigen Knien und Armen entstieg sie dem Meer.
Ihr verlängerter Aufenthalt brachte noch eine Erkenntnis: Ron, der Meisterkoch, der ein Herz für alle wasserarmen Nachbarn hatte, entpuppte sich nicht nur in bezug auf meine Wasservorräte als verräterisch. „Ilona, dieser Ron, ich glaube, der spioniert dir nach“, berichtete mir Monika eines Tages. „Er telefoniert jeden Tag mit einem Mister Nickel. Er sagt ihm, was du so tust.“
„Wirklich? Was hast du gehört?“
„Es ging um meinen verschobenen Rückflug. Ron hat Nickel gesagt, daß ich nicht fliege, weil John auf der Maschine ist.“
Was konnte Nickel mit dieser, wie mir schien, lächerlichen Information schon anfangen? Viel! Doch das wurde mir leider erst später klar ... Zur gleichen Zeit hatte der Steward meines freundlichen Kollegen Bernd gekündigt. Ich schwatzte ihm Ron auf, und er nahm den Meisterkoch gern. „Okay. Er kocht gut, und was soll er über mich schon erzählen? Mein Ruf ist ohnehin legendär ...“
Ron gegenüber redete ich mich darauf hinaus, daß ich ein Kindermädchen einstellen wolle. Schließlich sollten vier Wochen später Janet und Bobby in Lagos eintreffen. Rons Platz in der Küche konnte Tessy nur mangelhaft ausfüllen. Ihr Speisenrepertoire umfaßte lediglich die afrikanische Küche. Blieb nur zu hoffen, daß Tessy mit den Kindern umzugehen verstand.
Rons Kochkunst genoß ich fortan als Bernds Gast, Monikas Anwesenheit nur noch bis zum nächsten Flug Lagos - München.
Von den Doggen bewacht, ging es zurück zum Flughafen.
„Und?“ fragte ich meine Schwester, „was wirst du Mutti erzählen?
War's schlimm bei mir in Afrika?“
Monika lächelte. „Etwas chaotisch. Aber ganz interessant“, sagte sie. Dann sah sie mich nachdenklich an. „Aber bist du sicher, Ilona, daß sich Bobby und Janet hier wohlfühlen werden?“
Auf der Rückfahrt überlegte ich, wieviel Gemeinsamkeiten zwischen einem Leben in Niederbayern und einem in Afrika bestanden ...
Das näher rückende Weihnachtsfest sollte nicht nur mir meine Kinder zurückbringen, sondern auch Abiola seine. So hatte ich es mir vorgenommen. „Abiola, du kannst die Mädchen nicht im Busch lassen. Sie sind an deutsche Weihnachten gewöhnt“, sagte ich.
„Du hast ja recht, Ilona. Aber ohne Yemi ist für mich Weihnachten kaum zu ertragen.“
Ich hatte eine Idee. „Wie wär's, wenn wir alle zusammen feiern?“
Bei meinen deutschen Kollegen war das Thema Weihnachten sehr beliebt. Allerdings sorgte sich außer mir keiner um die Beschaffung eines Baumes. Da es in Afrika keine Tannenbäume gab, flogen sie eben zu den Tannenbäumen. Fred, der Verkaufsingenieur, besaß einen Baum vom Vorjahr. Einen ein Meter kleinen Kümmerling aus Plastik mit buntem Kitsch dran, den er mir überließ. Er und seine Frau schwärmten schon seit Wochen von nichts anderem als dem Skifahren im Zillertal.
Nun stand das grüne Ding in meinem goldenen Käfig und harrte meiner weihnachtsmäßig arg verwöhnten Kinder. Von ihrem Opa waren sie an mindestens zwei Meter fünfzig große Nordmanntannen gewöhnt. Bobby und Janet würden meine afrikanische Sparausgabe nicht ernst nehmen. Abiola versuchte mir Mut zu machen. „Meine Mädchen werden so glücklich sein, einen Weihnachtsbaum zu haben - ihre Begeisterung wird deine Kinder anstecken.“
Vier Tage vor Weihnachten holte Abiola seine Mädchen aus dem Busch und brachte seine Mutter gleich mit. Eine richtig runde Mammi, die fast nur Yoruba sprach, dafür aber von ansteckender Freundlichkeit war. Auf ihre alten Tage fand sie es spannend, ein neues Leben in der Großstadt zu beginnen und ihrem Sohn helfen zu dürfen. Ich hoffte, daß meine Mutter den Wechsel von Niederbayern nach Lagos ebenso locker nahm.
Auf der Rückfahrt vom Flughafen schwitzten Janet und Bobby in meinem Passat.
„Puh, Mama, hier ist es aber heiß“, sagte Janet.
„Ich hab' Durst“, jammerte Bobby.
„Wann sind wir endlich da?“ quengelte Janet.
„Ohne Stau eine gute halbe Stunde“, antwortete ich. „Wie lange habt ihr von Niederbayern zum Flughafen in München gebraucht?“
„Zweieinhalb Stunden, Ilona. Du kannst dir nicht vorstellen, wieviel Schnee bei uns liegt“, erwiderte Mutti.
„Wir waren schon ganz oft rodeln“, rief der vierjährige Bobby.
„Janet hat mit dem Skifahren angefangen“, sagte Mutti.
„Opa hat mir einen neuen, ganz teuren Skianzug gekauft.“
Eine gute Idee meines Vaters. Einen neuen Skianzug würde das Kind in Nigeria auf jeden Fall benötigen!
„Ich hab' Hunger. Halten wir bei McDonald's?“ fragte Bobby.
Ich sparte mir die Mühe, ihm zu erklären, daß unsere Welt noch nicht so uniform war, daß es in Lagos Big Mac's an jeder Ecke gab.
„Wir sind bald zu Hause“, beruhigte ich statt dessen. „Das Essen ist bestimmt schon fertig.“
„Wer kocht denn, Ilona?“ fragte Mutti.
„Ich habe eine Köchin, Mutti. Sie gibt sich sehr viel Mühe.“
Aber es hätte auch schmecken müssen. Tessys Huhn war faserig und hart, der Reis klebte, die Sauce war zu scharf. Ein Mahl in schweigsamer Runde, mit spitzen Fingern unwillig auf dem Teller zerpflückt.
„Gibt's Pudding?“ fragte Bobby.
Wenn der Junge geahnt hätte, welchen Umstand es bedeutete, hier Pudding nach deutscher Art zu bekommen. Und für welches Geld!
Trotzdem war es nicht der richtige. Janet nörgelte, daß er nach Seife schmecke, und ließ ihre Schale stehen. Bobby war weniger wählerisch oder einfach nur hungriger. Er verputzte vier Portionen.
Wenigstens waren Frostyund Sternchen da. Janet stürzte sich mit all ihrer Liebe auf die beiden Miezen. Endlich was Vertrautes ...
„Wie geht es denn den Hunden? Pinkeln sie noch in die Wohnung?“ fragte Mutti.
Janet blieb lieber bei den Katzen im Haus, Bobby und meine Mutter gingen mit mir in den Garten zu den Doggen.
„So 'n großer Garten. Und so verwahrlost, Ilona. Kümmert sich denn da niemand drum?“
„Doch, Mutti, ich habe sogar einen Gärtner.“
„Ist der so wie die Köchin?“
Die Doggen kamen übermütig angerannt, ihre großen Pfoten wirbelten den Staub auf. Und dann stürzten sie auf Bobby zu. Sie hatten ziemlich genau seine Augenhöhe. Bobby floh hinter meine Mutter. „Oma, ich hab' Angst!“ Damit war das Thema Garten für Bobby gestorben.
Später fragte Janet: „Mama, ist das da unser Weihnachtsbaum?“
„Ja, er ist süß, nicht?“
„Opas ist viel größer. Der geht bis zur Decke.“
„Habt ihr etwa schon Weihnachten gefeiert?“
„Wir sind ja Weihnachten nicht zu Hause.“
„Aber wir werden doch hier in eurem neuen Zuhause feiern.“
„Ach so.“ Unglaublich, daß das Kind in zwei so nichtssagende Worte soviel Enttäuschung reinlegen konnte!
Der Heilige Abend brachte doch noch einen echten Höhepunkt: einen richtigen Weihnachtsbaum. Zwei Meter hoch, mit grünen -und zwar echten - Nadeln dran. Dazu zwei riesige Pakete. Eines mit Baumschmuck und Girlanden, eines mit Spielzeug für einen Jungen und ein Mädchen und französisches Parfüm für Mutter und mich.
Ich war nahe dran, selbst noch an den Weihnachtsmann zu glauben. Bis ich dem beiliegenden Brief entnahm, daß dieser Weihnachtsmann Victor hieß.
Weihnachten, multikulturell, mit sechs Kindern, zwei Großmüttern, zwei verschiedenen Küchen: Tessy kochte für alle afrikanisch, Mutti hielt - so gut es die dürftigen Ressourcen zuließen - deutsch dagegen. Bei den Kindern - und mir - siegte in diesem Wettstreit Mutti um Längen. Und selbst Abiola legte mir nahe, den spionierenden Ron Bernd wieder abzuschwatzen: „Tessy ist eine lausige Köchin!“ Das Fest an sich versuchten wir in eine fröhliche Kinderparty unter Victors Baum zu verwandeln, der seine Nadeln im Rekordtempo ablegte. Meine Kinder blieben sehr still. Meine Hoffnung, daß sich Abiolas Zweitälteste mit der fast gleichaltrigen Janet anfreundete, wurde nicht erfüllt. Die beiden Mädels brachten kaum einen Ton heraus. Bobby musterte seine Umgebung mit großen Augen und versteckte sich hinter Omas Rücken, als all die schwarzen Menschen mit ihm feiern wollten.
„Morgen fahren wir alle an den Strand“, versprach ich. Doch ich dachte nicht daran, daß Janet und Bobby auf ein Bad in den Wellen hofften. Wovon ich nach Monikas blutigem Badeerlebnis lieber Abstand nehmen wollte. Flop reihte sich an Flop: In der tropischen Sonne schwärmten die Kinder vom Schlittenfahren. Bobby quälten nachts Alpträume, laut weinend wachte er auf. In der nächsten Nacht peinigte ihn zum ersten Mal ein Asthma-Anfall.
Aber ich wollte nicht aufgeben. Wenn Janet erst mal in die Schule ging, würde sie Freundinnen finden. Hoffte ich. Und litt. Ich hatte nicht bedacht: Das Kind mußte jeden Morgen anderthalb Stunden lang mit dem Schulbus durch die verstopfte Stadt gebracht werden und abends wieder zurück. Gleichzeitig wurde Bobbys Asthma immer schlimmer, die dringend benötigte Medizin war einfach nicht aufzutreiben.
Mutti verschob ihren Rückflug bereits zum zweiten Mal. Ohne sie würde es überhaupt nicht gehen, denn vor Kindermädchen Tessy, die die Kinder auch nicht verstand, fürchtete sich Bobby so, daß er nachts in Alpträumen von ihr sprach.
Und das alles, während Strengfurt die zweite Produktionsstätte hochzuziehen begann, fast täglich Überstunden fällig waren. Nickel belauerte mich. Er erkannte ganz offensichtlich als erster, was ich mir nicht eingestand: Ich scheiterte an der Doppelbelastung.
Die Kölner Personalchefin, mit der ich mich angefreundet hatte, rief mich an, warnte, daß Nickel in Köln Stimmung gegen mich mache; es habe meinetwegen eine Krisenbesprechung gegeben. „Nickel sagt, Sie vernachlässigten Ihre Aufgaben. Er will, daß Sie gehen.
Aber der Chef steht hinter Ihnen. Er hat eine Verlängerung Ihrer Probezeit abgelehnt. Aber er will Ihren hundertprozentigen Einsatz.“
Ein nächtlicher Erstickungsanfall Bobbys brachte die rasche Wende. „Der Junge braucht ein anderes Klima. Er verträgt die feuchte Hitze nicht“, sagte der Kinderarzt. Und ich hörte förmlich, wie alle aufatmeten. Zum Abschied kochte der zurückgekehrte Ron
- zur allgemeinen Zufriedenheit. Aber es war zu spät. Die Kinder und Mutti flogen unwiderruflich zurück. Dorthin, wo ihr Herz zu Hause war - in Deutschland bei meiner Mutter und meinem Vater.
Nickel hatte meine Schwäche zu nutzen gewußt. Während ich -nun wieder als Single mit genügend einsamer Freizeit geschlagen
-nächtelang über den Akten brütete, registrierte ich einen Fehlbetrag
von einer halben Million Mark. Entnommen einem Sonderfonds der Strengfurt AG, um - wie es so nett hieß - die Geschäfte am laufen zu halten. Meine Recherchen ergaben eindeutig: Okoro hatte das gesamte Geld auf die Konten einer Firma gebucht, die Nickel selbst über Strohmänner in Lagos betrieb. Nach stundenlangem Aktenstudium riet auch Bernd mir, Nickel wegen Veruntreuung anzuzeigen. Ich kam nicht dazu. Nickel schickte mir einen Gast ins Haus: Das Gästehaus der Firma werde renoviert, und ich bewohnte allein ein großes Haus.
Dieter Scholl war ein weichlicher Typ, der die spärlichen blonden Haare quer über die Glatze frisierte. Als Vorarbeiter für den Aufbau von Fertigungsstätten hatte er die Montage der neuen Produktionsstätte zu beaufsichtigen. Scholl eilte ein Ruf als Weiberheld voraus. Man nenne ihn „den Hengst“, berichtete Bernd besorgt. Ich bat Ken zwar, für Scholl das Erdgeschoß herzurichten.
Was den aber nicht davon abhielt, abends zu mir nach oben zu kommen. Ich bin nicht gerade jemand, der einen Gast hinauskomplimentiert, nur weil er mir nicht gefällt. Dafür bin ich zu höflich. Doch lange konnte ich diese selbstauferlegte Regel nicht einhalten. Scholl hielt mich für Freiwild.
Doch letztlich war Scholl mir egal. Es gab Wichtigeres: Victor kehrte aus London zurück! Mit einem Strauß roter Rosen stand er Mitte Januar in meinem vergitterten livingroom. Trotz Hitze trug er einen weißen Anzug und eine weinrote Krawatte mit Pferdemuster, ein Gentleman-Import aus merry old England. Ken dienerte geradezu: Sir hier - Sir da. Ich grinste in mich hinein. An Victor perlte die förmliche Untertänigkeit ab.
Ja, ich war verliebt in meinen schönen Prinzen aus einer noch viel fremderen Welt. Doch nicht er allein hatte mir die innere Balance wiedergegeben, sondern mein ganzes neues Leben. Mit all seinen Stolpersteinen und Nickels Intrigen und Machenschaften. Ich war im Begriff zu lernen, mit all dem umzugehen. An der Seite von Victor klappte das leichter, keine Frage. Gleichwohl wollte er nicht in meinem Haus bleiben: Er habe eine Überraschung für mich. Ich wollte keine weitere Überraschung - er war für mich die Überraschung. Ein Kuß auf die Wange, very british, dann in perfektem Oxford-Englisch: „Es ist eine spezielle Überraschung. Sie wird dir gefallen.“
Zwei Autostunden samt Stau von meinem Haus entfernt, in Ikoyi, dem alten kolonialen Lagos, hatte Victor von seinem Vater ein Haus bekommen. Aber was für eins! In einem palmenbestandenen Park lag eine zweigeschossige weiße Villa mit grünem Kupferdach und langen überdachten Terrassen. Das Haus war geschmackvoll mit englischen Ledermöbeln und dunklem Teak eingerichtet, gemütlich und überhaupt nicht afrikanisch. Es hätte - zumindest von innen gesehen - genauso in Wales stehen können.
„Ist die Überraschung gelungen?“ fragte Victor.
Wir bewiesen uns im ersten Stockwerk, sicher vor der Dienerschaft, das dem so war.
„Es ist ein großes Haus, nicht wahr?“
„Mhm“, schnurrte ich in seinen Armen.
„Vermißt du deine Kinder eigentlich nicht?“
„Schon ... Sie haben sich übrigens über deinen Weihnachtsbaum gefreut. Aber sonst war es der totale Reinfall.“
„Wirklich? Vielleicht ist dein Haus nicht die richtige Umgebung für deine Kinder.“
Ich wurde langsam wacher. Eigentlich war ich ganz stolz auf mein Haus, auch wenn es ein paar Gitter zuviel hatte. Ich kannte Lagos und wußte, daß ich ein wirklich privilegiertes Leben führte. Ich streichelte meinem Prinzen sanft die glatte, gebräunte Brust und versuchte mich in Diplomatie: „Du hast eine süße Art, durch die Blume zu sprechen, Victor. Aber auch dieses Haus steht in Lagos, Afrika. Hier in Ikoyi bekommen wir genausowenig Schnee im Winter wie bei mir in Ikeja.“
„Man kann alle Probleme lösen“, sagte mein Prinz. Als er mich in die Arme nahm, glaubte ich ihm sogar, daß er es für mich und meine verwöhnten Kinder in Afrika schneien lassen könnte.
EINE „KLEINE“ PARTY
Mit dem Bezug einer Villa im besten Viertel von Lagos dokumentierte Victor - das heißt: eigentlich eher sein Vater -, daß er nunmehr ein Mitglied der feinen Gesellschaft war. Victor hatte von seinem Vater eine interessante Aufgabe gestellt bekommen: Er sollte sich in die Gesellschaft einleben. Äußerlich fiel ihm das nicht schwer. Party-Auftreten und Small talk beherrschte er. Er erzählte mir, daß ihm das bereits in den Internaten beigebracht worden war.
„Mein Vater gibt heute abend eine Party“, sagte er am nächsten Morgen, als der Diener uns das Frühstück auf der Veranda servierte, „darf ich dich bitten, mich zu begleiten?“
Ich hätte mich fast am Orangensaft verschluckt. Mir ging als erstes nicht etwa durch den Kopf, daß mein Prinz mir die Ehre zuteil werden ließ, mich seinem Vater und was weiß ich wem vorzustellen, sondern die Frage: „Und was soll ich anziehen!?“
„Das ist eine wunderbare Gelegenheit zum Shopping, Liebes!“
„Oh, wirklich?“ hauchte ich.
Ich hatte nicht nur keine Idee, wo ich in Lagos die passende Prinzen-Party-Paradegarderobe herbekommen sollte. Nein, ich hatte auch Hemmungen. Verliebte, zärtliche Umarmungen im Schlafgemach sind eine Sache. Daß meine weiblichen Maße vor dem unbestechlichen Blick eines Couturiers der Oberschicht eine Bewährungsprobe zu bestehen hatten - davor hatte ich schlichtweg Horror. Meine Hüften, mein Busen - alles nicht gerade modelmäßig.
Ob die feine Mode dafür gemacht war?
„Ach“, sagte Victor auf dem Weg nach Lagos Island zum Shoppen,
„es wird keine allzu förmliche Party, Liebes. Es ist nur eine kleine Party.“ Er hatte sich die Adresse eines bekannten Schneiders geben lassen, der uns eine Reihe von Stoffen präsentierte. Meine Bedenken erwiesen sich als gegenstandlos: Während die Angestellten meine Maße nahmen, ging Victor einem seiner kostspieligen, aber liebenswerten Spleens nach - Parfüm kaufen.
Mit einer ganzen Batterie Flakons erschien er, um mich abzuholen.
Das fertige Kleid würde rechtzeitig bis zum Abend in seinem Haus sein. Unvorstellbar!
Am späten Nachmittag kam nicht nur ein Kleid - Victor hatte gleich zwei anfertigen lassen. Eins aus sandfarbenem Chiffon, das andere aus lagunengrüner Chinaseide, die er allein ausgesucht hatte. In der Zwischenzeit hatten wir mit den vielen Parfüms ausführliche Duftproben vorgenommen. Nach einem gemeinsamen Bad mit den leicht berauschenden Düften von echtem Jasmin-Öl in einem verschwenderisch großen Jakuzzi-Bad war ich entspannt genug, um zu der „kleinen Party“ zu fahren.
„Klein“? Ich wollte nicht wissen, was eine große Party war ...
Victors Vater, der mit „Chief William“ angesprochen wurde, hatte in ein nagelneues Hotel direkt am Bar Beach eingeladen, einen typischen Siebziger-Jahre-Klotz, wie er überall auf der Welt stehen konnte. Ich war ein bißchen enttäuscht, hatte wohl von einem Palast geträumt. Aber drinnen konnte ich vor Vornehmheit kaum atmen.
Erst jetzt wurde mir bewußt, daß Victor sich für einen westlichen Smoking entschieden hatte, denn zu der „kleinen Party“ waren die Herren in der Mehrzahl in Nationaltracht erschienen; nur einige Weiße trugen wie Victor Smoking.
Die schwarzen Damen der feinen Gesellschaft hatten sich in üppige Tracht geworfen, aufwendiger Kopfschmuck in Form von kunstvoll verschlungenen Tüchern verlieh ihren Köpfen eine mir fremde Pracht. Ich hatte mich für das lagunengrüne, schulterfreie Seidenkleid entschieden, weil Victor fand, diese Farbe paßte am besten zu meiner weißen Haut und meinen rotblonden Haaren. In meinem schlichten, aber eleganten Kleid stach ich gegen die farbenfrohen Outfits der schwarzen Damen ganz schön ab. Draußen hatte es dreißig Grad, aber ich fror. Die Klimaanlage pustete kühle Luft in den Saal.
Victors Vater hatte ich mir natürlich ganz anders vorgestellt. Vater König war eine angenehme Überraschung - ein ziemlich großer und schlanker, tatsächlich aristokratisch wirkender Mann mit grauen Schläfen. Victors Familie hatte väterlicherseits eine traditionsreiche Vorliebe für weiße Frauen, seine Ururgroßmutter war Portugiesin gewesen.
Mit allen Anzeichen väterlichen Stolzes führte der afrikanisch gekleidete Senior Victor und mich herum. Eine Tour des Lächelns, nicht allzu anstrengend. Überraschenderweise kam ich besonders leicht mit den Damen der vielen Chiefs ins Gespräch. Ich trug nicht Victors Namen und wurde als Geschäftsfrau aus Deutschland vorgestellt. Das machte neugierig. Denn viele der Chief-Frauen waren selbst Geschäftsleute. Ich war trotzdem nicht ganz bei der Sache -die verflixte Klimaanlage! Ich konnte die Gänsehaut auf meinen nackten Armen nicht verbergen.
„Armes Kind, Sie frieren ja! Darf ich Ihnen meine Stola leihen?“ Mit geradezu mütterlicher Geste legte eine der Frauen ihren mit kostbarer Goldstickerei besetzten, breiten Schal um meine Schultern. Ein herrliches Stück, wie gemacht für mein Kleid. Ich bedankte mich für diese unerwartete Herzlichkeit.
„Ich bin Betty“, sagte die freundliche, runde Frau, „eine von Victors Tanten.“ Sie sah mich mit einem etwas spöttischen, aber wohlwollenden Blick an. „Ihr weißen Frauen wollt ja immer so schlank sein. Kein Wunder, daß ihr so leicht friert.“
„Wie kann ich Ihnen den Schal wieder zurückgeben?“ fragte ich Betty.
„Oh, schicken Sie ihn mit Ihrem Fahrer. Hier ist meine Karte.“
Ich blickte kurz auf die Visitenkarte, die mit einem prächtigen Wappen geschmückt war. Unter dem Wappen stand ihr Name mit dem Zusatz president. Sie hatte ihre eigene Firma, allerdings nicht in Lagos, sondern in Benin-City.
„Kommen Sie mich einmal besuchen“, forderte mich Betty auf. „Ich lasse Ihnen etwas richtig Afrikanisches kochen. Nicht dieses kalte europäische Essen.“ Sie spielte auf die für eine echte Afrikanerin eher indiskutablen Kaviarhäppchen und Austern an, die das Büffet auf Eis gekühlt bereithielt. Nach der Geschwindigkeit zu urteilen, mit der es sich leerte, schien es den meisten Gästen zu schmecken. Ich wollte das Gespräch mit Betty fortsetzen, doch plötzlich traf mich eine deutsche Männerstimme wie ein Peitschenhieb.
„Guten Abend, Frau Wowo.“ Nickel! Großer Gott, was tat der denn hier? Er grinste über das ganze Gesicht, als hätte er mich bei irgendwas Verbotenem ertappt.
„Sie amüsieren sich gut?“ fragte ich nebenbei und suchte schon Victor.
Nickel packte mich am Arm, wehte mir seine Alkoholfahne um die Nase und zischte mir ins Ohr: „Nett, die Neger, nicht wahr? Machen einem hübsche Geschenke. Und manchmal sogar Kinder. Basteln Sie schon an einem kleinen Prinzen?“
„Nickel“, sagte ich fassungslos, „Sie sind ein Stück Scheiße auf Beinen, wissen Sie das?“
„Schlechter Stil, Frau Wowo“, rügte er ironisch, „wie geht es eigentlich Ihrem Mann? Oder sind Sie schon geschieden? Das war'
schlecht für Ihre Aufenthaltsgenehmigung ...“
Ich schluckte. Was hatte dies Ekel wieder vor? Victor erschien im rechten Augenblick, hakte mich demonstrativ unter und sagte sehr aristokratisch: „Mister Nickel, nett, Sie wiederzusehen. Einen schönen Abend.“ Und führte mich fort.
„Ilona, du zitterst ja.“
„Das geht vorbei, Victor.“
„Ich mochte diesen Mann schon nicht, als ich ihn in der Anwaltskanzlei kennengelernt habe“, sagte Victor leise, „nicht nur, daß er eine unsaubere Art hat, Geschäfte zu machen. Er erinnert mich an eine Schlange, die friedlich am Boden liegt und plötzlich zubeißt. Außerdem kann ich es nicht leiden, wenn mir ein Mann nicht in die Augen sieht.“ Ich hatte Victor selten so offen seine Meinung über einen Dritten sagen hören. Aber er setzte noch hinzu:
„Eigentlich ist dieser Nickel kein Umgang. Verzeih, ich weiß, er ist dein Chef, und ich will dich nicht kränken. Aber weißt du, ich glaube, du solltest über etwas nachdenken, meine Liebe: Ich bin jetzt
Vizepräsident einer nicht gerade kleinen Firma. Wir könnten jemanden wie dich in der Geschäftsleitung gebrauchen.“
Ja, weshalb eigentlich nicht? Ich war doch nicht mit Strengfurt verheiratet, sondern ein freier Mensch und konnte kündigen. Weg von Nickel, den Victor durchschaut hatte. Nein. Karriere nicht übers Bett, maßregelte ich mich. Liebe und Job sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Ich gab Victor schnell einen Kuß auf seine Prinzen-Wange: „Das ist lieb, Victor. Ich denke darüber nach.“ Mit seiner feinen Antenne für derartige Floskeln hakte er nicht mehr nach.
Ein aufdringliches, lautes Lachen, das wie das Meckern einer Ziege klang, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ein kleiner, gedrungener Mann von etwa fünfzig Jahren schob sich in Begleitung zweier großer Frauen in den Saal. Respektvoll machte man Platz für den in weite weiße Gewänder gekleideten Mann, der sich mit roten Korallenketten geschmückt hatte. Jede seiner runden Wangen zierten drei breite, von oben nach unten verlaufende Narben, sogenannte tribal marks. Während er zu seiner Begleitung mit breitem Lächeln sprach, führte seine mit schweren Ringen bestückte Hand spielerisch einen schwarzen Stock mit silbernem Knauf, um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen. Eine seltsame Aura von Würde umgab ihn. Gleichzeitig ging von seiner schieren Körperlichkeit, mit der er sich durch den gut gefüllten Raum schob, eine animalische Brutalität und Direktheit aus, die ich so noch nie erlebt hatte. Seine Körpersprache sagte: Ich bin hier der Boß.
„Wer ist das?“ flüsterte ich Victor zu.
Aber er kam nicht dazu, mir eine Antwort zu geben. Der Mann mit dem Stock hielt direkt auf uns zu. „Ich dachte schon, das wäre eine Whites-only-Party. Aber wie ich sehe, hat wenigstens Bruder William seine Wurzeln nicht ganz vergessen“, sagte er mit einer unerwartet hohen Stimme, die eigentümlich gequetscht klang. Bei diesen Worten hob er seinen schwarzen Stock, faßte ihn in der Mitte und breitete beide Arme aus. Victors Vater erachtete die Situation für so wichtig, daß er mit fliegenden Gewändern zu uns eilte.
Während die beiden Männer sich kurz umarmten, fiel mir der Knauf des Stocks ins Auge, in dessen poliertem Silber sich das Licht mehr-fach brach. Er bestand aus einem Katzenkopf, in dem zwei grüne Edelsteine funkelten. Ein faszinierendes Schmuckstück, aber gleichzeitig auch seltsam abstoßend. Mit einer eleganten Drehung führte Chief William den Mann mit dem Stock zu uns.
„Sunny, ich gebe diese Party heute, damit mein Sohn Victor einige unserer Freunde kennenlernt. Darf ich dir Frau Wowo vorstellen?
Victor hat Frau Wowo in London kennengelernt und hier wiedergetroffen. Durch reinen Zufall.“
Ich werde nie vergessen, wie dieser Sunny mich von oben bis unten musterte, während er die Hand seines Neffen Victor hielt. Dann wechselte er blitzschnell den Stock mit dem Katzenkopf von links nach rechts und gab mir die linke Hand. Mein Vater hatte die gleiche Angewohnheit, mit links zu grüßen, fiel mir in diesem Augenblick ein. Er sagte, daß die Linke von Herzen komme. Also dachte ich mir in diesem Moment nichts. Ich lernte erst viel später, warum manche Nigerianer in bestimmten Situationen mit links grüßen -die linke ist die unreine Hand. Diese geheime Körpersprache kannte ich an jenem Abend nicht. Ich wunderte mich nur, als Sunny eine Augenbraue hob und während des Händeschüttelns fragte:
„Glauben Sie an das Schicksal, Frau Wowo?“ Es lief mir eiskalt den Rücken hinunter. Die gleiche Formulierung hatte Victor gebraucht, während wir im Yankari-Park auf Rettung gewartet hatten. Sunny verengte seine leicht vorstehenden Augen zu schmalen Schlitzen und lachte dann breit. „O ja, Sie glauben an das Schicksal. Das sehe ich in Ihren Augen. Sie haben etwas erlebt, das Sie verändert hat. Sie müssen mir einmal erzählen, was es war.“
Der lauernde Ausdruck in den Augen dieses Mannes verunsicherte mich. Seine Worte hielt ich für einen wichtigtuerischen Bluff, mit dem er seinen Bruder oder Victor beeindrucken wollte. Oder mich.
Aber das machte keinen Sinn. Ich hatte mit diesem Sunny nichts zu schaffen. Ich war die Freundin seines Neffen.
„Sie haben einen beeindruckenden Katzenkopf am Knauf Ihres Stockes“, sagte ich freundlich, „er ist wirklich sehr schön.“
„Ich wußte, daß er Ihnen gefällt“, entgegnete Sunny und drehte sich schon wieder zu seinem Bruder, „es ist übrigens ein Leopard und keine Katze.“ Sunny und William verzogen sich an die Bar, ich atmete auf.
„Dein Onkel scheint mich nicht zu mögen“, sagte ich zu Victor.
Aber Victor lächelte nur vielsagend. „Das hat mit dir nichts zu tun, Ilona. Sunny hat ein Problem mit mir. Er wirft mir vor, daß ich zu westlich bin. Aber dieses Land ist groß genug, daß wir uns aus dem Weg gehen können.“
Nigeria ist zwar viermal so groß wie Deutschland. Aber es ist hier wie dort: Für manche Menschen kann die Welt nicht groß genug sein, damit sie sich aus dem Wege gehen können. Das weiß ich heute.
Als ich von diesem aufwühlenden Wochenende zurückkehrte, berichtete Ken atemlos: „Ma'am, die Polizei war da. Sie haben den Weißen verhaftet.“
„Das ist aber freundlich von der Polizei. Was hat der Weiße denn gemacht?“
Ken räusperte sich. „Eine Orgie, Ma'am.“
„Bitte?“
„Ja, Ma'am. Der Weiße hatte eine Menge seiner Freunde eingeladen, die auf der neuen Baustelle arbeiten. Und dann haben sie Mädchen mitgebracht. Sie wissen schon ... Sie haben laute Musik gemacht, sehr laute Musik. Irgendwann hat eines der Mädchen geschrien.
Furchtbar laut geschrien. Dann ist sie rausgelaufen. Nackt, Ma'am.
Ein Weißer ist hinter ihr hergelaufen.“ Ken blickte zu Boden, räusperte sich. „Er war auch nackt, Ma'am. Und dann kam auch schon die Polizei. Der Nachbar mit den vielen Frauen hat sie gerufen.“
Der Jesus von nebenan hatte also interveniert! Der wußte schließlich, wie man Frauen behandelt - er hatte ja neununddreißig.
Von denen lief keine nackt davon.
Der nackte weiße Mann auf der Straße war natürlich niemand anderes als der Hengst Scholl persönlich. Noch Tage später mußte ich der Polizei Rede und Antwort stehen, warum in dem von mir bewohnten Haus Sexpartys gefeiert wurden. Die nackte Prostitu-ierte hatte Scholl in ihrer Not wegen Vergewaltigung angezeigt.
Gegen viel Geld zog sie ihre Anzeige dann aber zurück. Der ganze Streß hatte letzten Endes für mich auch eine positive Seite: Dieter Scholl wurde des Landes verwiesen.
Nach dieser Sache beschloß ich, mich gegen Nickels Intrigen zu schützen. Auf Victors Drängen hin fuhren wir zu seinem Rechtsanwalt, der meine Aussagen über Nickels Scheingeschäfte und die hinterhältige Falle nach der Party protokollierte und in seinem Safe verwahrte. Einen Durchschlag schickte er an den Anwalt meines Vaters in München.
„Das ist deine Lebensversicherung“, erklärte Victor. Er zog mich ganz sanft an sich und küßte mich. „Ich will nicht, daß dir etwas zustößt.“ Sein Blick jagte mir heiße und kalte Schauer gleichzeitig über den Rücken. Er hatte immer noch nicht gesagt: Ich liebe dich.