Ich nickte stumm.

„Scheint Ihnen nicht gefallen zu haben?“

„Es ist anders.“ Höflich fügte ich hinzu: „Es kommt natürlich sehr darauf an, wie man Afrika erlebt.“ Ich taxierte ihn vorsichtig. „Sie kommen wahrscheinlich aus Nordafrika?“

„Ganz verkehrt.“ Er lachte ungezwungen. „Ich stamme aus London.“ Er machte eine Pause. „Und Nigeria.“

„Wirklich? Da war ich noch vor sechs Wochen!“

„Lassen Sie mich raten: Sie machen Geschäfte. Zwischen Europa und Afrika? Welche Branche?“ Seine direkte, unkomplizierte Art, Informationen zu sammeln, beeindruckte mich. Geschickt spielte er auf der Klaviatur von Flirt, Busineß und Weitläufigkeit, nutzte die Zeit des Wartens an der Bar für einen Kontakt - welcher Art auch immer. Ich beschloß, auf der Hut zu sein.

Das Eingreifen des Obers verwandelte unser Gespräch zu einem Candlelight-Dinner. Zu einem höchst kurzweiligen, bei dem es überhaupt nicht mehr um Autos ging, sondern um Afrika und Europa. Um die Unterschiede zwischen den Kulturen. Ein Thema, mit dem ich mich seit der Ehe mit John herumschlug. Das Victor -

so hieß meine Bar-Bekanntschaft - allerdings lebte. Sein Vater war ein Chief.

Keiner von der Sorte wie Johns Vetter Bola, der mit Feuerlöschern handelte. Sondern ein echter Stammesfürst aus dem ölreichen Südosten Nigerias.

Seine Mutter hatte ihre Wurzeln in einer sehr angesehenen Familie in London. Erst Monate später fand ich heraus, daß sie dem britischen Adel angehörte. Victor selbst hatte praktisch nie in Nigeria gelebt. Er war in England und der Schweiz auf Internate geschickt worden, hatte in den USA Ingenieurwesen und Marktwirtschaft studiert. Und fühlte sich als Brite. Er kannte von Lagos weder die Gegend, in der sich das Haus von Moses befand, noch jene, in die ich nach meiner Schulung in Deutschland ziehen würde.

„Aber ich würde Sie gern dort besuchen, wenn Sie erlauben“, sagte er zum Abschied. Die Sache hatte nur einen Haken: Ich kannte meine neue Adresse selbst noch nicht.

„Ich habe Sie hier in London gefunden. Ich werde Sie auch in Lagos wiederfinden, Ilona“, sagte er und küßte mich sanft auf die Wange-Wow! Ein Kuß vom Sohn des Stammesfürsten und die Aussicht auf ein Rendezvous. Wo und wann auch immer ... Trotzdem, keine schlechte Bilanz für einen Abend, an dem ich eigentlich meine Ruhe wollte.

Die Strengfurt AG war mit meinen Lernfortschritten zufrieden. Nach acht Wochen schickte sie mich zurück nach Afrika. In Niederbayern gab es einen tränenreichen Abschied von den Kindern. Mutti versprach, an Weihnachten mit ihnen zu kommen, um sie bei mir zu lassen. Vorausgesetzt, ich bestünde die Probezeit. Vater ermahnte mich, ich solle mich um die Autos kümmern. Wenn ich jetzt für länger in Lagos wäre, könnte er doch öfter Autos verschiffen.

„Ich fühle mich wieder richtig fit, Ilona. Ich bin doch viel zu jung fürs Rentnerleben.“ Oje!

Ich nahm meine beiden Katzen mit. Sie kamen in zwei spezielle Transportboxen, die mit ins Flugzeug durften. Von einem Spediteur ließ ich zwei fast schrankgroße Stahlcontainer nebst vier riesigen Koffern abholen. Ich wollte in meiner neuen Heimat soviel Zuhause wie möglich um mich haben.