DAS ENDE EINES TRAUMS

Die Schule der Frauen im Busch hatte mich bereit gemacht für einen neuen Anfang. Zwar wußte ich, daß ein Leben mit Victor eine noch viel größere Herausforderung an meine Wandlungsfähigkeit bedeutete als meine gescheiterte Ehe mit John. Aber die Aussicht auf ein Leben mit meinem Prinzen stimmte mich glücklich und verdrängte alle Bedenken, die ich bei nüchterner Überlegung vielleicht gehabt hätte. Während John in den Tag hineinlebte, war Victor sich seiner Verantwortung bewußt. Möglich, daß das auch der Sinn unserer Initiation gewesen war.

Mir hatte diese Erfahrung Kraft gegeben - Victor hatte sie viel Energie entzogen. Er hatte mir schon früher von seiner Internatszeit erzählt, von den großen Schlafsälen, dem Mangel an Privatsphäre, dem Gehorsam, der streng eingefordert wurde. In den zwei Wochen mit den Männern seines Stammes hatte ihn vor allem genervt, daß er sich nicht zurückziehen konnte. Vieles, was er erlebt hatte, bezeichnete er als rückständig. „Jetzt kann ich auch ein Krokodil fangen. Theoretisch zumindest“, sagte er mit einem Augenzwinkern.

Er hatte sich in der Männergesellschaft nicht so geöffnet, wie es mir bei den Frauen gelungen war. Victor war ein Kopfmensch, Rituale amüsierten ihn mehr, als daß er sie ernst nahm. Doch sie gehörten zu einem Leben als Stammes-Chef. Der in ihm schwelende Konflikt zwischen seiner Ausbildung in Europa, die sein Denken bestimmte, und den Plänen, die sein Vater mit ihm hatte, war voll ausgebrochen. Victor spürte, daß er sich entscheiden mußte

-entweder Europa oder Afrika. Als Sohn eines Stammesfürsten mußte er eindeutig Position beziehen.

Er stand am Fenster und blickte in den Hof, in dem sich bereits viele Menschen zu seiner und meiner Ehre versammelt hatten. Daß er nicht die Kraft hatte, eine Entscheidung zu treffen, begriff ich, als er von mir wissen wollte, ob ich mir vorstellen könne, ganz im Palast zu leben, wenn er Nachfolger seines Vaters werde. Er hoffte wohl auf ein Nein von mir, das seine Entscheidung gegen Afrika erleichtert hätte. Aber Nigeria funktionierte in meinem Inneren nicht mehr auf der naiven Ebene von Bewundern oder Ablehnen. Ich trug dieses Land in mir. Nicht nur die Schule der Frauen, sondern mein Leben in Afrika und die vielschichtigen Erlebnisse hier hatten mir meine alte Stärke zurückgegeben. Guten Gewissens hätte ich antworten können, daß ich die Herausforderung an Victors Seite annehmen würde. Aber das sagte ich ihm nicht.

Denn es war eine dieser Fragen, die ich nicht sofort mit Ja oder Nein beantworten konnte. Zuviel spielte hinein. Ich hatte es doch selbst in der Schule der Frauen erlebt: Rituale müssen gelebt, nicht von außen beobachtet werden. Nach Victors Worten hatte er sich seiner Initiation nicht wirklich hingegeben. Und das war den anderen Männern mit Sicherheit aufgefallen.

Ich sah den toten Stallburschen, den hingemetzelten Hund und nicht zuletzt den heimtückischen Angriff des Falken vor mir, hörte die Warnung von Mila, der Beraterin, die mein Glück in Gefahr gesehen hatte. Sicher, ich konnte keine Beweise, keine Tatsachen vorbringen. Aber meine Gefühle! Gleichzeitig weigerte ich mich, meine Gefühle Entscheidungen von so weitreichender Bedeutung treffen zu lassen: Es ging nicht nur um Victor und mich, sondern um seine Stammesleute. Deshalb mußte er selbst die Entscheidung treffen; ich durfte ihm dabei nur helfen.

„Ich möchte mit dir alt werden“, sagte ich und legte meinen Kopf an seine Schulter, „egal wo du lebst. Möchtest du denn wirklich für immer hierbleiben?“

„Ich will auf jeden Fall mit dir Zusammensein - mein Leben lang“, erwiderte er zärtlich und streichelte meine immer noch zu Zöpfchen geflochtenen Haare. „Nur, ob ich hier leben will - das ist eine andere Frage. Du mußt wissen, wenn ich mich entscheiden sollte, von hier wegzugehen, wird Sunny dafür sorgen, daß der Rat der Ältesten meinen Vater zum Verzicht auf den Chieftitel drängt. Erst wird Sunny regieren und dann sein Sohn Akpoviroro. Sunny wäre schon ein unwürdiger Nachfolger, aber mein Vetter Akpoviroro -der wäre die glatte Katastrophe.“

„So schlimm?“

„Ja. Ihm schien es ein richtiges Vergnügen zu machen, dem lebenden Krokodil das Herz aus dem Leib zu schneiden. Ich sage dir - indiskutabel.“

Victor redete von seinem Vetter wie von einem Wilden! Ihm kam nicht in den Sinn, daß das Töten des Krokodils ein ritueller Akt gewesen sein könnte. Da war nur Unverständnis. Mir fiel mein kleiner Sohn Bobby ein, ein Mischling wie Victor, der sich an Weihnachten hinter Omas Rücken versteckt hatte, als er die schwarze Köchin sah. Nur eine kleine Äußerlichkeit, aber bezeichnend.

„Was willst du wirklich, Victor?“ fragte ich noch einmal. „Geht es dir nur darum zu verhindern, daß Sunny und sein Sohn die Plätze von deinem Vater und dir einnehmen?“

„Ich darf meinen Vater nicht enttäuschen“, antwortete Victor. Es klang fast trotzig.

„Dein Vater ist ein kluger Mann. Er hat doch auch Augen im Kopf und sieht, daß du mehr ein Europäer bist. Warum sollte er dann wollen, daß du ein Leben fuhrst, das nicht zu dir paßt? Imfathouse

haben sie mir beigebracht, daß man einen Konflikt gemeinsam mit seinem Gegner lösen muß. Ihr habt doch so eine große Familie, Victor, gibt es denn da nicht einen anderen, der als Nachfolger deines Vaters denkbar wäre und den Sunny akzeptieren würde?“

Erst stieß Victor verächtlich die Luft aus, dann sah er mich mit seinem samtweichen Blick an und küßte mich. „Du hast wirklich gut aufgepaßt imfathouse“, meinte er lächelnd, „oder ist das deine angeborene Diplomatie?“ Er zog mich liebevoll an meinen Zöpfchen zu sich. „Vielleicht einer meiner anderen Vettern: Opele. Mit ihm kann man vernünftig reden. Opele liebt Afrika und unsere Kultur. Er hat auch in den USA gelebt und dort Jura studiert. Er besitzt eine eigene Rechtsanwaltskanzlei in Calabar. Opele ist nicht übel, er hat viel von der Welt gesehen, ist intelligent und ausgleichend. Er versteht die weiße und die afrikanische Welt.“

„Kannst du deinem Vater nicht vorschlagen, Opele zu seinem Nachfolger zu machen?“

„Ich weiß nicht, ob das überhaupt möglich ist, Ilona. Ich kann dir nicht sagen, wie mein Vater auf so eine Idee reagieren würde. Er müßte dann auch erst die Ältesten überzeugen, daß dies das Beste für die gesamte Gemeinschaft wäre.“

Irgendwie hatte ihn mein Vorschlag nicht begeistern können.

Glaubte er am Ende, daß ich ihm nicht zutraute, ein guter oder, wie er selbst gesagt hatte, gerechter Herrscher sein zu können? Hatte ich ihn vielleicht sogar beleidigt? „Du nimmst mir meine Worte doch nicht etwa übel?“ fragte ich sanft. „Weißt du, ich glaube nur, daß du zuviel von dir selbst aufgeben mußt, wenn du hier leben willst.“

Victor war mit seinen Gedanken schon ganz woanders. Doch als er zu sprechen begann, wußte ich, daß er meinen Vorschlag umsetzen wollte. „Zunächst einmal müßte ich mit meinem Vater beratschlagen, ob er mit deiner Idee einverstanden wäre, um dann gemeinsam mit Opele darüber ein Gespräch zu führen. Falls Opele einverstanden ist, kann der Ältestenrat in unseren Plan eingeweiht werden, der dann über das weitere Vorgehen zum Wohle der Gemeinschaft entscheiden muß ...“

Der Hof war voller festlich gekleideter Menschen. Ifeoma hatte mich abgeholt und zu meiner alten Lehrerin gebracht. Sie steckte mich in einen hübschen weißen, golddurchwirkten Wrapper mit dazu passender Bluse und Kopftuch. Victor trug einen traditionellen weißen, afrikanischen Anzug aus spitzendurchbrochenem, leichtem Material. Er wirkte so groß und so zart, so würdevoll.

Während des Essens hatte ich mit den Frauen zu speisen. Ich saß neben Williams und Sunnys Schwester Betty, die ich von Williams

„kleiner“ Party in Lagos kannte. Ihre Stola hatte ich ihr immer noch nicht zurückgeschickt. Aber sie vermißte sie nicht. Sie erzählte mir, daß sie ihren Wagen ihrem Sohn geliehen habe und jemanden suche, der sie nach Benin City mitnahm. Da Benin City auf dem Weg nach Lagos lag, konnte ich mich nun für Bettys Hilfe revanchieren.

Ich bot ihr an, daß Victor und ich sie am nächsten Tag in Victors Range Rover nach Hause fahren würden.

Betty machte mich mit zahlreichen Frauen bekannt, die mich über mein Leben ausfragten. Daß ich Ivafathouse gewesen war, begeisterte alle. Allerdings verstanden sie nicht, daß ich es als selbstverständlich ansah, Victors einzige Frau zu sein. Ein Mann wie er brauche doch viele Nachkommen! Zusammen mit Victor hatte ich oft über das Thema Kinder gesprochen. Er sah Janet und Bobby als seine Kinder an und wollte nur noch eine kleine Maria und später vielleicht einen kleinen Victor. Zwei Nachkommen fanden die Frauen zuwenig für einen Stammes-Chef. Sunny, so erfuhr ich, hatte vier Ehefrauen und einige Geliebte. Es seien so viele, kicherten die Damen an meinem Tisch, daß er gar nicht die Zeit habe, seine vier Ehefrauen in den richtigen Zeitabständen regelmäßig aufzusuchen. Trotzdem seien sie stolz, Sunnys Kinder zu gebären. An Williams Ehe- und Kinderlosigkeit nach seiner Scheidung in Europa übten sie indirekt Kritik. Doch William galt als gerechter und zu respektierender Stammes-Chef; keine Frau hätte es gewagt, ihn offen zu kritisieren.

Während des Festes beobachtete ich Sunny unauffällig. Er mischte sich zwar ständig unter die Männer, gleichzeitig stellte er aber auch den jungen Mädchen nach. Ein machtbewußter Pfau.

Victor war während des ganzen Festes nicht an meiner Seite. Erst gegen Abend kam er zu mir, um ungestört mit mir zu reden. „Mein Vater ist bereit, mit Vetter Opele zu sprechen. Wir werden also gleich morgen zu Opele nach Calabar fliegen. Die Familie darf von unserem Besuch aber noch nichts wissen. Wir müssen geschickt vorgehen.“

Nur Victor und sein Vater, der sein Flugzeug selbst steuern wollte, würden nach Calabar fliegen. Ich kannte diese Gegend, denn wir hatten dort in den Sümpfen nach jenen Fässern gesucht, die sich später als Sunnys Müll entpuppten.

Ich informierte Betty, daß ich mit ihr allein nach Benin City fahren würde, weil William und Victor nach Lagos flogen. In Windeseile machte diese Nachricht an unserem Tisch die Runde. Keine der Frauen hätte sich getraut, diese stark befahrene Strecke ohne Mann oder Chauffeur zu fahren.

Am nächsten Morgen brachten Betty und ich William und Victor zum Airport nach Warri, wo Williams Maschine aufgetankt bereitstand. „Ich werde morgen abend bei dir in Lagos sein, Ilona.

Mach dir keine Sorgen“, sagte Victor zum Abschied und küßte mich lange-“Wenn ihr herausfinden solltet, daß Opele kein Interesse daran

hat, Williams Nachfolger zu werden, dann wird es für uns einen anderen gemeinsamen Weg geben, nicht wahr, mein Schatz?“

flüsterte ich Victor zu.

Da sagte Victor einige Sätze, die ich nie vergessen werde: „Du bist eine starke Frau, Ilona. Nur ich bin in letzter Zeit viel zu schwach.

Ich muß meine alte Stärke wiederfinden. Darum werde ich meinem Onkel zeigen, daß ich mich von ihm nicht einschüchtern lasse. Es muß endlich Schluß sein mit all den seltsamen Dingen, die in letzter Zeit passiert sind. Unser gemeinsames Leben wird wunderschön werden. Das verspreche ich dir.“

Auch William umarmte mich, und dann gingen die beiden zu ihrer kleinen Maschine, die in der heißen Sonne wartete.

Victor drehte sich noch einmal um und rief: „München oder London? Was würde dir besser gefallen?“

„Wo du willst. Solange du bei mir bist!“ rief ich zurück.

„Überall und immer“, schrie er und lachte mir winkend zu.

Beinahe übermütig humpelte er mit seinem eingegipsten Bein zum Flugzeug, als wäre eine schwere Last von ihm abgefallen. Ich stand lange auf dem Rollfeld und winkte der Maschine hinterher, bis sie nur noch ein kleiner Punkt am Himmel war.

„Liebe ist etwas Wunderbares“, kommentierte die runde Betty und seufzte schwer.

Die Fahrt nach Benin nutzte ich dazu, um mit Betty, Williams jüngerer Schwester, über Victors Sorgen zu sprechen. Ich berichtete von den seltsamen Anschlägen auf Victor, erzählte von dem Besuch beim herbalist.

„Er ist ein kluger Mann, dessen Voraussagen eintreffen“, sagte Betty in ihrem Pidgin-Englisch, in dem die Worte eine ganz simple Bedeutung haben. „Aber der Rat des Weisen nützt nur dem, der weise genug ist, ihn zu befolgen. Du liebst Victor, aber der Junge kennt die Kultur unseres Landes nicht wirklich.“ Sie sprach ganz offen darüber, daß sie sich mit Sunny - anders als mit William -nicht besonders verstand. „Es ist nicht möglich, Sunny ganz aus dem Weg zu gehen. Aber es gibt natürlich Mittel, seine Machenschaften aufzuhalten.“

Ich wurde neugierig. Was meinte sie?

„Alles ist miteinander verbunden, mein Kind. Sunny macht sich dunkle Mächte dienstbar. Aber jede dunkle Kraft hat eine Kraft, die gegen sie wirkt. Wenn Victor mir von seinem Problem erzählt hätte, so hätte ich ihm geraten, unsere Götter um Rat zu fragen. Sie würden ihm den Weg weisen.“

Einen anderen Nachfolger für William vorzuschlagen, wehrte sie allerdings mit einer sehr weiblich-afrikanischen Antwort ab: „Das ist eine Angelegenheit der Männer. Du wirst das noch lernen, Ilona.

Wir Frauen haben andere Aufgaben, als uns um Fragen der Macht zu kümmern.“

„Aber das betrifft mich doch auch, Betty. Victors Leben ist mein

Leben!“ warf ich ein.

„Victor wird dir sagen, wie dein Leben verlaufen wird“, entgegnete sie.

Ich beschloß, daß es besser wäre, mich mit ihr über meine Initiation zu unterhalten. Die Fruchtbarkeitsgöttin Mammy water war nämlich auch Bettys persönliche Göttin. Sie erzählte, daß sie regelmäßig in ein Dorf im Regenwald fahre, um dort eine Priesterin des Kultes aufzusuchen. Denn die Kraft der Frauen stärke sie.

„Wenn du nicht mehr weiterweißt, mein Kind“, sagte sie, als ich sie vor ihrem Haus absetzte, „dann komm zu mir. Ich bin immer für dich da.“

Gegen Abend kam ich endlich in unserem Haus in Ikoyi an. Lange suchte ich nach einem geeigneten Platz für den schönen Frauenkopf, der Victors Urgroßmutter darstellte. Ich entschied mich, den Altar in einer Ecke unseres Schlafzimmers auf einer alten Kommode herzurichten, und schmückte ihn mit Blumen, Flußkieseln, Muscheln, einer Schale Wasser und frischem Obst, wie ich es bei den Frauen im Wald gelernt hatte.

Victor hatte mir seine Rückkehr für den folgenden Tag versprochen.

Aber mich trieb eine unbekannte Unruhe durchs Haus. Während des folgenden Tages rief ich den Flughafen von Calabar wiederholt an, doch Williams Maschine war nicht gelandet. In Afrika ist es nicht Sitte, daß Frauen ihren Männern hinterhertelefonieren. Ich tat es trotzdem. Niemand gab mir Auskunft. Als es bereits dunkelte und Williams Maschine immer noch nicht wie geplant in Lagos gelandet war, machte ich schließlich die Telefonnummer des Rechtsanwalts Opele in Calabar ausfindig. Die Kanzlei war natürlich geschlossen.

Mittlerweile war es Nacht geworden. Meine Nervosität stieg. Simon litt mit seiner weißen Chefin, die wie ein Tiger im Käfig herumlief.

Wenn ich die Flugkontrolle des Privatflughafens in Lagos anrief und meinen Namen nannte, sagten sie bloß noch: „No Madam.

Es war lange nach zehn Uhr nachts, als das Telefon schrillte. Ich war noch vor einem der boys am Apparat. Es war die Flugkontrolle in Lagos. Meine Anrufe waren ihnen so auf den Wecker gegangen, daß sie nachgeforscht hatten. „Das Flugzeug wird vermißt, Ma'am“, sagte der Mann in gutem Englisch.

„Seit wann?“ fragte ich atemlos.

„Seit gestern abend. Der Flughafen von Port Harcourt hat mit dem Piloten gegen Mittag gesprochen. Als die Maschine am Abend immer noch nicht in Calabar eingetroffen war, wurde sie als vermißt gemeldet.“

„Das ist vierundzwanzig Stunden her“, sagte ich, „und seitdem gibt es kein Zeichen?“

„Tut mir leid, Ma'am.“

Ich ließ mich auf eines der Ledersofas fallen, die Victor so gemocht hatte. In mir war alles leer, wie ausgelöscht. Seit vierundzwanzig Stunden wurde Victor vermißt! Vielleicht war das Flugzeug nicht sehr hoch geflogen. Vielleicht war William eine Notlandung auf einem der vielen Seitenarme des Niger geglückt. Allerdings hatte ich selbst in den Sümpfen das Brackwasser, das Ungeziefer und die Krokodile gesehen, die kaum erträgliche Hitze gespürt. Konnten William und Victor dort überleben? Vor Angst fast wahnsinnig, irrte ich durch das Haus. Keiner unserer Angestellten blieb im Bett.

Während einige um das Leben von Victor und William beteten und laute Klagegesänge anstimmten, entfalteten andere Aktivität. Wie ein Lauffeuer sprach sich die entsetzliche Nachricht mitten in der Nacht herum. Femi war sogar zu Abiola gefahren und brachte ihn morgens um drei zu mir.

„Wir werden Suchtrupps zusammenstellen“, sagte Abiola, „mit kleinen Schiffen die Sümpfe durchkämmen. Wir werden sie finden.

Eine kleine Maschine, die in den Mangrovensümpfen niedergeht, hat durchaus Chancen davonzukommen.“ Abiola meinte es gut. Er hatte so lange in Deutschland gelebt, daß ihm der westliche Pragmatismus in Fleisch und Blut übergegangen war.

„Danke, Abiola. Du bist ein richtiger Freund.“ Ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter und heulte. Endlich löste sich der Schock des Anrufs in Tränen. Tränen, die nicht halfen. Trauer schnürte mir den Hals zu. Wie hatten Victor und ich um unser Glück gerungen, um es in Einklang zu bringen mit den Anforderungen, die der Clan an ihn stellte! Wir hatten einen Weg gefunden - und nun sollte mit einem Schlag alles zu Ende sein!?

Unser gemeinsames Leben wird wunderschön werden. Das verspreche ich dir. Immer wieder hörte ich die Worte Victors.

Die schönsten Augenblicke unserer kurzen Liebe flogen wie ein Film vor meinem inneren Auge dahin. Abiola sprach tröstend auf mich ein, und ich wollte seinen Worten Glauben schenken. Aber dann sah ich Victor vor mir: Mit seinem Gipsbein humpelte er zu Williams kleiner Maschine.

Ich hob den Kopf und sah Abiola tränenblind an. „Victor kann nicht schwimmen, er hat doch einen Gips!“