VOM ZUSAMMENHALT DER FRAUEN
Es vergingen ein paar Tage. Victor verließ das Haus nicht. Mit den Krücken kam er zwar gut zurecht, aber er wirkte verändert. Nicht mir gegenüber, nach wie vor verwöhnte er mich mit inniger Zärtlichkeit. Stundenlang zog er sich in die Bibliothek zurück und las. Bücher über Nigeria, die vielen Glaubensrichtungen der unterschiedlichen Stämme, ihre Gemeinsamkeiten, ihre Konflikte.
Als ich eines Tages aus dem Büro heimkam, teilte er mir einen Entschluß mit, der ihn viel Überwindung gekostet hatte. Ich vermutete sofort William dahinter, als er sagte: „Ilona, wir nehmen die Einladung meines Vaters an. Wir fahren in unser Dorf.“
Eigentlich keine große Sache, dachte ich, nicht ahnend, daß daraus eine Reise zu den Wurzeln afrikanischen Selbstverständnisses werden sollte. Denn das theoretische Wissen aus den Büchern reicht nicht, um dieses Land zu verstehen. Und vor allem, um aus mir eine Frau zu machen, die künftig mit dem Hoffnungsträger des Stammes zusammenleben sollte. Und wollte.
Im klimatisierten, lederbestuhlten Range Rover chauffierte ich Victor mitten hinein in den Regenwald. Dort, wo William im Gerichtsgebäude Recht sprach - in Fällen wie jenen des jungen Ehemannes, der seine Liebste mit einem anderen Mann im Bett ertappt hatte. Der Bräutigam war überzeugt, seine Frau nur deshalb in flagranti erwischt zu haben, weil er ein juju unter der Matratze seines Ehebettes plaziert hatte. Es habe das Liebespaar daran gehindert, das Lotterbett rechtzeitig vor seiner Heimkehr zu verlassen. Die Schwiegereltern mußten ihre Tochter zurücknehmen und einen Großteil der Mitgift zurückerstatten.
William lebte nur selten in seinem Palast. Bei seiner Errichtung vor Hunderten von Jahren hatten die damaligen Architekten nicht den Prunk verwendet, der europäische Paläste ziert. Sie hatten aus Lehmziegeln hohe Räume mit abgerundeten Decken geschaffen, die von gebogenen und bemalten Holzbalken getragen wurden. Die schlichten Säle waren nur mit wenigen Möbeln ausgestattet. Der Sinn der Architektur schien zu sein, den Besucher durch die Größe zu beeindrucken. William besaß eine Sammlung traditioneller Kunst. Er unterstützte aber auch junge Bildhauer, indem er ihre farbenfrohen, auf mich naiv wirkenden Plastiken kaufte. Neben den Versammlungsräumen mit langen Tischen und dunklen Stühlen gab es einige rituelle Zimmer, in denen Altäre standen.
Zu einem davon trat William jetzt. Zwischen Kerzen, Muscheln und frischen Blumen stand der Kopf einer Frau, aus dunklem, fein gezeichnetem Ebenholz geschnitzt. Die schöne Frau mit den ebenmäßigen Gesichtszügen stellte Victors Urgroßmutter dar.
Diesen unvergleichlich schönen Frauenkopf schenkte William seinem Sohn.
William erklärte, daß die Büste für Victor und seine zukünftige Frau und Kinder geweiht worden sei. Nach seiner Rückkehr nach Lagos solle Victor diese traditionelle Schnitzerei auf einen Altar stellen.
Durch den Anblick des Kopfes, meinte William, werde er an seine Vorfahren erinnert und könne so Kraft für seinen Lebensweg daraus schöpfen. „Denke daran, Victor, wir stehen auf den Schultern unserer Ahnen“, mahnte William seinen Sohn. Was das für den von Europa geprägten Victor tatsächlich bedeutete, sollten wir in den nächsten Tagen erfahren.
Eine große Anzahl von Frauen bewohnte den Palast, darunter auch Williams Mutter, die erste Frau seines Vaters, sowie drei Mitfrauen, die sich alle sehr gut verstanden. Während William als anerkannter Clanchef vor allem außerhalb des Palastes das Sagen hatte, regierte seine Mutter im Palast und genoß unumschränkte Autorität über alle Geschicke der Bewohner. Denn Victors Vater hatte nach der Scheidung von seiner englischen Frau nicht wieder geheiratet.
Victor war sein einziges Kind geblieben. Über den Grund wurde geschwiegen, aber ich schloß aus einer der üblichen indirekten Äußerungen Victors, daß sein Vater sich kurz nach Victors Geburt einer Hodenkrebsoperation unterzogen hatte. Um so mehr Bedeutung kam seinem Sohn zu - und natürlich der Frau, auf die Victors Wahl gefallen war.
Entsprechend groß war die Neugier, mit der ich empfangen wurde.
Hier zählte plötzlich nicht mehr, daß ich als Managerin in Victors und Williams Firmen erfolgreich war und Victor bei seinen Geschäften beriet. Die Selbständigkeit, die ich mir ein Leben lang erarbeitet hatte, galt hier nicht. Ich war eine unter vielen Frauen.
Mahlzeiten durfte ich zum Beispiel nicht mit den Männern gemeinsam einnehmen. Ich hatte mit den anderen Frauen zu speisen oder allein. Während unseres gesamten Aufenthalts im Palast durfte ich nur einmal mit William und Victor gemeinsam speisen. Mein Schlafraum befand sich im Haus der Frauen; gemeinsame Zeit konnten wir nur in Victors Gemächern verbringen.
Schon bald nach unserer Ankunft fand ein großes Treffen der Männergesellschaft statt, von dem Victor mir berichtete. Dabei brachte Sunny klar zum Ausdruck, daß er Victor nicht als künftigen König akzeptierte, weil Victor zu westlich war und nichts von den Überlieferungen seines Volkes verstand. Zum Beweis seiner Behauptung führte Sunny ausgerechnet mich an. Als Weiße könne ich nicht die erste Frau Victors werden. Eine Heirat mit mir sei nur dann möglich, wenn Victor zuvor eine traditionelle Ehe mit einer 15
Jahre alten Stammesprinzessin eingehe, die gerade ihre Initiation gefeiert hatte.
Dieses Mädchen, das bei Victors Thronbesteigung den Platz von Williams Mutter einnehmen würde, müßte nach alter Sitte als Victors erste Frau im Palast herrschen und den anderen Mitfrauen vorstehen. Falls ich Victors Frau werden wollte, müßte ich mich dieser Frau unterwerfen und es als Selbstverständlichkeit ansehen, falls Victor noch andere Frauen heiraten würde. Die Polygamie, jenes Gespenst, das Johns und meine Ehe ruiniert hatte, grinste mich wieder höhnisch an.
Doch diesmal lief ich nicht davon; ich vertraute Victor, weil ich seinen Standpunkt kannte. Wir beide mußten lernen, daß in gehobenen Gesellschaftskreisen Liebe nicht die
Privatangelegenheit von zwei Menschen ist. Im Prinzip war damit klar, daß eine Ehe zwischen Victor und mir unter den Bedingungen, die wir uns vorgestellt hatten, unmöglich war: eine Einehe wie in Europa. Victor hatte Sunnys Bedingung zu erfüllen oder auf die Thronfolge zu verzichten. Seine Liebe zu mir also war der Hebel, den Sunny anzusetzen vorhatte, um Victor zum Verzicht zu drängen!
Doch das hätte gleichzeitig Williams Niederlage im Spiel um die Macht bedeutet. Er legte sein Veto als Clanchief ein und schlug einen Kompromiß vor, der nach langer Diskussion von allen Männern in der Versammlung akzeptiert wurde: Während Victor eine traditionelle Einweihung als Stammesmitglied durch eine Initiation erfuhr, bei der er sich mit den Sitten und Gebräuchen seines Stammes vertraut machte, um überhaupt als Nachfolger seines Vaters akzeptiert werden zu können, sollten die Frauen mich in ihre Geheimnisse einweihen. Mir stand eine zweiwöchige Initiation bevor! Sie war die Grundvoraussetzung für ein gemeinsames Leben von Victor und mir. Es sei denn, Victor verzichtete auf mich oder den Thron.
Victor sah mich zärtlich an. „Sie nennen es das, fathouse, Liebes.
Meinst du, du schaffst es - vierzehn Tage im Dschungel?“
„Fathouse?“ Ich lachte. „Hört sich nicht besonders lecker an.“
„Meine Großmutter meinte, die Frauen genießen die Zeit im
fathouse. Danach haben wir den Segen von allen, die gegen uns waren. Bald werden wir wieder Zusammensein, Liebes.“
Gleichzeitig mit mir wurde Victor von dem Altesten seines Stammes zu seiner Initiation abgeholt. In meinem Zimmer erschien eine sehr alte, fast zahnlose Frau, die von einem 16jährigen Mädchen namens Ifeoma begleitet wurde. Da die Alte nur die Stammessprache beherrschte, übersetzte Ifeoma. Die erste Frage galt meiner Regel.
Meine Initiation dürfe nicht während der Menstruation stattfinden, sagte Ifeoma.
Sorgfältig wurde ich von Ifeoma für die Initiation vorbereitet; meine Haare flocht sie zu Zöpfchen. Das ganze Kunstwerk verschwand danach unter einer gele aus steifem, silbernglänzendem Stoff. Ich erhielt eine silberne Damastbluse und einen Wickelrock aus dem gleichen Stoff. Ifeoma führte mich bis zu einer dichten Hecke aus dornigen Sträuchern und hohem Gras. Vor einer beinahe romantisch und verwunschen wirkenden, schmalen Öffnung in der Hecke machten wir halt.
Hinter der Hecke erwartete mich eine barbusige Torwächterin, die nur einen weißen Wickelrock trug. Ich überreichte ihr einen speziell gebundenen Blumenstrauß. Die Anfangsbuchstaben der Pflanzennamen bilden das Motto der Frauengesellschaft des Stammes. Ich befand mich nun am Anfang eines Waldes, durch den eine Vielzahl von kleinen Wegen, ähnlich wie in einem Irrgarten, führte. Das dichte Grün der üppigen Vegetation aus Lianen, Farnen, Palmen und Bananenpflanzen schaffte am Boden ein feuchtschwüles Klima, an das ich mich aber bald gewöhnte. Immer wieder tauchten in dem Dschungel furchterregende Gesichter von Holzmasken auf -Menschen, Drachen, Krokodile, sogar Wesen, die wie Einhörner aussahen.
Ifeoma ermahnte mich, keine Pflanzen zu berühren, die ich nicht kannte, und den Weg nicht zu verlassen, da Fußfallen versteckt seien. Hier befänden sich viele giftige Pflanzen. Die Frauen machten es Uneingeweihten oder gar Feinden so schwer wie möglich, sie aufzusuchen. Unter dem weit ausladenden Schirm eines heiligen Irokobaumes war unser Ziel. Darunter stand ein sehr großes Haus aus Lehm, ein wahrer Prachtbau des Urwalds mit umlaufendem Arkadengang und weit vorstehendem Dach. Mit viel Gesang und rhythmischem Klatschen hatten sie mich bis zu diesem Haus gebracht. Ifeoma übersetzte die Worte einer grauhaarigen Alten: Ich sollte mich vor der Dorfältesten hinknien. Die Älteste sprach mich freundlich in Pidgin-Englisch an und bat mich mit weit ausholender Geste, aufzustehen und ins Haus zu kommen. „Willkommen in unserer Gemeinschaft der Frauen, Ilona.“
Nur langsam gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit. Die Größe des Hauses überraschte mich: Es mochte gewiß zehn mal zwanzig Meter messen, seine Fensteröffnungen waren mit Decken und Stoffetzen verhängt. Entlang den Wänden saßen auf niedrigen Holzbänken Frauen. Ich hatte mich wie die anderen Frauen bis auf einen Wickelrock zu entkleiden. Die seltsam ursprüngliche Atmosphäre ließ Schamgefühl überflüssig erscheinen. Die Älteste hatte sich auf einem Hocker niedergelassen.
Der elegant geschnitzte, dreibeinige Hocker, auf dem ich unsicher schwankend die Balance zu halten versuchte, wurde mit Bespuckungen geweiht. Ifeoma kauerte sich auf den Lehmboden und übersetzte.
Ich hatte bereits bemerkt, daß sich in der Mitte des Raums ein großer Gegenstand befand. Es war das Bildnis einer plump wirkenden Göttin, mit Ketten behängt, mit Schnecken und Steinen geschmückt. Neben dieser wichtigsten Statue standen kleinere Skulpturen - Frauen mit Körben auf dem Kopf, Kindern auf dem Rücken, mit riesigen Brüsten ihre Babys säugend. Ein Miniaturabbild des Frauenalltags.
Die Alte stimmte einen Singsang an, murmelte
Beschwörungsformeln, ließ mich schließlich einen mit Schlangen geschmückten Metallstab küssen, mit dem sie die große Statue berührte, um ihn anschließend in der Luft herumzuwirbeln. Ihre Helferinnen trugen die Opfer herbei, die in meinem Namen der Göttin dargebracht wurden - ein Huhn, ein Ei, eine Taube, Fisch, Reis, rote Kolanüsse, roter Alligatorenpfeffer und rotes Palmöl.
Dazu hatte ich die Beschwörungsformel nachzusprechen. Sie galt dem Schöpfergott, der alle Wesen geschaffen, dem jeder zu danken und den jeder zu ehren hatte.
Dann durfte ich mich in eine der um das Ritualhaus aufgestellten, kleinen runden Hütten zurückziehen. Sie hatten mir sogar ein Bett hineingestellt, auf dem ich schlafen konnte. Eine freundliche Geste der Weißen gegenüber, die mir allerdings schnell klarmachte, warum unsere Art von Betten in dieser Umgebung nicht taugen: Sie werden feucht und ungemütlich. Da ist eine Matte auf dem Boden sinnvoller. Einheimische Mädchen mußten früher nach der ersten Periode zur Beschneidung und Schulung in diesen Hütten leben, erklärte mir Ifeoma kichernd: bis zu sieben Jahre lang, bis sie dick genug waren und einen Mann fanden, der sie heiraten wollte.
Fathouse — das war also durchaus wörtlich gemeint. Heute reichen meistens ein bis zwei Jahre, um das angestrebte Schönheitsideal zu erreichen. In dieser Zeit geht es den Mädchen gut. Im Gegensatz zu ihrem späteren Leben wird ihnen jeder Handgriff abgenommen.
Sie werden im Fluß von anderen Frauen gebadet, mit Duftölen massiert, bemalt und geschmückt. Gleichzeitig nehmen sie am Unterricht in Frauenkunde teil. Mein Besuch sollte allerdings weniger dem Erlangen einer gewissen Körperfülle dienen; ich war hier, um die Sitten und Gebräuche des Stammes in der Gemeinschaft mit anderen Frauen \mfathouse kennenzulernen.
Mein erster Schritt der Einweihung bestand aus traditionellen Ermahnungen. Die Älteste machte keinen Hehl daraus, daß sie von Sunnys starker Abneigung gegen mich als Weiße wußte. Ich sollte also den Geist der Gemeinschaft verstehen. Im Westen wird der Mensch als Individuum gesehen, in der alten afrikanischen Tradition ist das nicht der Fall. „Deine Beziehungen zu anderen Frauen sind deine Persönlichkeit“, erklärte die Älteste. „Nimm Abschied von deinem Egoismus, der nur sich selbst dient. Du mußt Teil der Gemeinschaft werden. Eine reiche Frau ist eine Frau, die reich an Beziehungen ist. Doch die Beziehungen - das sind wir alle untereinander. Wir gemeinsam bilden eine Seele.“
Natürlich stärke der Zusammenhalt die Position der Frauen gegenüber den Männern, die sich in ihren Bünden treffen. Folglich hätte ich mich nicht von den anderen Frauen fernzuhalten, sondern die ganze Zeit mit ihnen zu verbringen. Wenn ich als Victors Frau an seiner Seite leben wolle, müsse ich meine Aufgabe zusammen mit den anderen übernehmen, mit ihnen arbeiten, feiern, essen, mein Geld mit ihnen teilen. Ich wollte Victor heiraten; doch das hörte sich eher danach an, als würde ich seinen Stamm ehelichen.
„Deine Lebensaufgabe steht bei deiner Geburt fest“, fuhr die weise Alte fort, „aber du mußt lernen, sie zu erkennen, um sie erfüllen zu können.“ Das klang durchaus sinnvoll, wenn man bedenkt, wie viele Menschen sich in alle möglichen Rauschformen flüchten, weil sie nicht wissen, was ihre Aufgabe ist oder welchen Sinn ihr Leben hat.
„Die Traditionen sind dazu da“, erklärte die Alte, „den Kindern den Weg zu weisen. In den Städten lernen sie das nicht mehr. Sie führen ein sinnloses Leben, das ihre Psyche schwächt und sie in den Konsum flüchten läßt. Sie werden Heimatlose, die sich nur dann noch an die spirituellen Kräfte wenden, wenn es ihnen an den Kragen geht.“
Ich selbst habe in Nigeria erlebt, daß in den Städten alle möglichen Formen von Sekten enormen Zulauf fanden. Eine Folge des Wandels von der ländlichen zur industriellen Wirtschaftsform, die den Verlust von Familie, Gemeinschaft und Dorf mit sich bringt. Ich mußte auch viel später noch oft an die mahnenden Worte in dem Ritualhaus denken. Damals vernahm ich alles gewissermaßen mit aufgestellten Nackenhaaren. Heute weiß ich, daß die Alte, die im Dunkel neben ihrer dicken Gottheit saß, sehr viel Wahres gesagt hat. Fast überall auf dieser Welt gibt es dieses Dilemma: Großfamilien und Dorfgemeinschaften verschwinden zugunsten von Singleleben und Kleinstfamilien.
Jetzt wollte die Älteste, daß ich mich selbst kennenlernte. Sie führte meine Hand über sechzehn vor ihr ausgebreitete Kauri-Schnecken, die ich zu bespucken hatte, was mich einige Überwindung kostete.
Anschließend warf sie die Kauris. Sie las aus den Schnecken, daß ich es vermeide, mich Konflikten zu stellen. Und sie erklärte: Konflikte kämen meist auf, wenn Dinge anfingen zu stagnieren, wenn das Ego und die Kontrolle unsere Beziehungen beeinflußten.
Ich würde zu sehr von der Kontrolle beherrscht. Konflikte seien Zeichen, daß spirituelle Energie gebremst werde. Der Konflikt sei eine Herausforderung, ein Geschenk, das uns helfen solle, voranzukommen. Durch den Konflikt könne ich mich selber kennenlernen. Aber nur, wenn ich dem anderen nicht feindlich gegenüberstehe. Ich müsse mich mit ihm zusammentun, um gemeinsam die geistigen Kräfte zu stärken. Dadurch würde ich das Problem aus einem anderen Blickwinkel sehen und zu einer Lösung kommen. In der europäischen Kultur trage man Masken, weil man Angst habe, bloßgestellt zu werden. Und darum bitte man auch niemanden um Hilfe.
Ich hatte leider nichts dabei, um all das aufzuschreiben, aber die weise Frau sagte, wenn die Zeit reif sei, würde ich mich an alles genau erinnern. Und dann solle ich es weitergeben. Denn Wissen, das man allein besitze, mache nicht glücklich.
Die Initiation, die - wie ich nun gelernt hatte - dem Erleben der Gemeinschaft diente, wurde von vielen Feiern begleitet. Bis weit nach Mitternacht wurde zu Trommelmusik getanzt, gesungen, gegessen und auch reichlich Alkohol getrunken. Als eingefleischte Abstinenzlerin hielt ich mich an Wasser, das bräunlich aussah und wie immer eisenhaltig schmeckte. Der Alkohol löste die Zungen, und die Frauen erzählten sich endlos lange Geschichten. Viele handelten von Männern und Sexualität. Mit besonderer Ausführlichkeit widmeten sie sich männlichen Potenzproblemen, für die erstaunliche Lösungen angeboten wurden. Ifeoma verschluckte sich öfters an ihrem Kichern.
Mehr und mehr wurde mir klar, daß die Initiation vcafathouse die Schule der Frauen war. Es war mindestens so sinnvoll, daß jungfräuliche Mädchen von erfahrenen Frauen Sextips bekamen, wie sie in richtiger Haushaltsführung zu unterrichten, die vom Einkaufen über Sauberkeit bis zu den Möglichkeiten des Sparens reichte. Ode sie bezüglich Ernährungsfragen, Bodenbearbeitung und - sehr wichtig - dem richtigen Umgang mit Verwandten und Freunden des Mannes aufzuklären. Weitere wichtigen Themen waren: glückliche und zufriedene Partnerschaft, Geburt eines Kindes, Erziehung, Krankheit und Tod. Die Älteste achtete bei mir besonders darauf, daß die praktische Seite stets mit der spirituellen Unterweisung einherging. Beim Ackerbau zum Beispiel ist ein Lernziel, jene Einstellung zu bekommen, die wir vielleicht Demut oder Respekt vor der Natur nennen.
Der Tag des sogenannten Erdrituals begann schon sehr früh im Morgengrauen. Wir saßen auf einer Matte am Boden vor der Hütte und aßen aus einer Schüssel gekochte Yamswurzel, die in eine scharfe rote Sauce getaucht wurde. Dazu gab es das rötlichbraune Wasser, das Ifeoma aus dem Brunnen in der Dorfmitte geschöpft hatte. Ich hatte an diesem Tag einen braun-orangefarbenen, gebatikten Wrapper und ein dunkelbraunes Kopftuch sowie eine knopflose sonnengelbe Bluse anzuziehen. Ein langer Marsch aufs Feld stand bevor. Am Ziel war der harte Boden umzugraben, eine schweißtreibende Tätigkeit, die ich nicht durchzustehen glaubte.
Doch die zarte Ifeoma mit ihren großen Augen und dem Puppengesicht grub eifrig neben mir, und da wollte ich nicht schlappmachen. Die beschworene Gemeinsamkeit!
Anschließend mußte ich Yamswurzeln ausgraben, dicke Dinger, die tief im harten, roten Lateritboden wuchsen und schwer zugänglich waren. Die Kunst bestand natürlich darin, die Yams im Ganzen aus dem Boden zu holen. Prompt brach mir die obere Hälfte der Wurzel ab, was es noch schwerer machte, an den Rest heranzukommen.
Aber am Ende lernte ich es - mit Geduld.
Anschließend ging es an die Zubereitung von garri, das in einem mehrtägigen, mühevollen Prozeß aus der Cassavaknolle gewonnen wird. Die Knolle wird dazu geschält, mehrere Stunden gewässert und anschließend geraspelt. Die Masse kommt in einen Baumwollsack, der mit Gewichten beschwert wird, um alle Feuchtigkeit herauszupressen. Drei Tage bleibt der Sack in der Sonne stehen, am vierten wird der Inhalt in der Sonne ausgebreitet, mehrere Stunden getrocknet und anschließend in etwas Palmöl geröstet. Erst danach kann das Pulver in kochendes Wasser eingerührt und als Brei gegessen werden. Ich gebe zu, es gibt bei uns einfachere Methoden, ans Essen zu kommen. Aber wer diese Tortur der Nahrungsbeschaffung mitgemacht hat, der ißt hinterher ganz anders ...
Die Meditation vor dem Irokobaum verstand ich erst nach Stunden: Ich sollte den Baum nur ansehen. Literweise vergoß ich Schweiß, er lief mir in die Augen, ich rieb ihn weg, alles wurde schlimmer.
Mühsam suchte ich nach einer halbwegs erträglichen Sitzhaltung, eine Ablagemöglichkeit für die schwer werdenden Arme, die kribbelnden Beine, bis ich in eine Art Yoga-Position hineinfand.
Irgendwann kam der Punkt, da vergaß ich meine körperliche Qual.
Und begann den Baum tatsächlich zu sehen. Die Poren seiner Rinde, die Narben, die Farben, die kleinen Tierchen, die in ihm lebten, das kaum merkliche Spiel des Windes mit den Blättern. Ja, ich hörte den Baum, das leise Knistern der Rinde, die Vögel, die in ihm wohnten.
Am Ende der Meditation lehnte ich mich gegen die rauhe Rinde meines Baumes, umarmte und fühlte ihn. Das Abendessen nahm 229
ich in den Wurzeln des Baums sitzend ein; die Hälfte ließ ich für den Baum stehen. Die Vögel leerten die Schale. In der Nacht träumte ich tatsächlich, daß ich ein Baum war! Ein ausgesprochen lebendiger Traum, in dem ich eine Weide war, deren Äste tief ins Wasser hingen. Die Alte meinte am nächsten Morgen zu meinem Traum, daß ich mich wohl nach der Ruhe sehne, die ein Baum verströme.
Sie sagte, daß der Baum in ihrem Glauben eine symbolische Bedeutung als Verbindung zwischen Himmel und Erde habe. Nach einer langen Zeit der Trockenheit flehen seine kahlen Äste den Himmel um Wasser an.
Ich lernte das Feuerritual kennen, zu dem die Meditation am offenen Feuer ebenso gehörte wie das Laufen über glühende Holzkohle, nachdem man sich in Trance getanzt hat. Das Ritual für den Wind lehrte, durch das Erklimmen einer Kokospalme die eigene Angst zu besiegen, und schulte nebenbei die Geschicklichkeit. Unglaubliche Konzentration erforderte es, bei Nacht den schnellen Flug der Fledermäuse so zu verfolgen, daß man sagen konnte, wohin sie flogen. Zum Wasserritual gehörten das anstrengende Wäschewaschen am Fluß, die richtige Körperhaltung beim Balancieren der Wassergefäße auf dem Kopf, das Schöpfen von Wasser aus tiefen Brunnen oder das Herstellen von Kämmen und Ketten aus Muscheln. Vielfältige Schönheitsrituale lernte ich dabei kennen, angefangen bei der Herstellung von Pudern, Seifen und Ölen bis zur richtigen Anwendung der Essenzen und Farben. Das Wichtigste dabei war, den eigenen Körper zu schmücken, um zu lernen, ihn wertzuschätzen.
Eine meiner wichtigsten Lektionen war die Bestimmung der mich schützenden Gottheit. Ich erfuhr, daß ausgerechnet die Meeresgöttin Mammy water meine Schutzpatronin war, der ich aus diesem Grunde auch dienen und opfern sollte.
„Es kann nicht sein, daß eine Wassergöttm meine Göttin sein soll“, rief ich, „ich habe Angst vor Wasser!“ Ich berichtete der Alten von jenem traumatischen Erlebnis, als ich sechs Jahre alt war. Damals hatte mich mein Vater mit ins Schwimmbad genommen. „Nun spring rein, Ilona!“ forderte er. Aber ich sprang nicht. Ich hatte Angst.
Plötzlich ein harter Stoß ins Kreuz, ein Junge hatte mich gestoßen, ich flog durch die Luft, klatschte ins Wasser, verlor die Orientierung, kam nicht mehr von allein an die Oberfläche. Jemand zog mich raus. Niemals wieder traute ich mich schwimmen. Wenn meine Kinder ins Schwimmbad gingen, wartete ich am Beckenrand mit dem Handtuch. Tiefes Wasser - mein Trauma.
Die Alte schüttelte nachsichtig den Kopf. „Daran siehst du es doch“, meinte sie, „du hast deine eigenen Wurzeln verloren. Lerne, deine Angst vor dem Wasser zu verlieren, und du wirst entdecken, wer du wirklich bist. Die Angst verstellt dir den Weg zu dir selbst.“
Es verging noch viel Zeit, bis ich erkannte, was sie damit meinte.
Denn mein Aufenthalt im fathouse war zu Ende. Die Alte gab mir noch ein paar Belehrungen mit auf den Weg, die mein Verstand zwar hörte, die ich aber erst später umsetzen konnte. „Wasser ist das Leben“, sagte sie. Und meinte damit die mystische Bedeutung des Wassers: Mammy water, die auch Jemonja genannt wird, als die Mutter allen Wassers, das für Fruchtbarkeit und damit für die Weiblichkeit an sich steht. Die Älteste erklärte mir, was Mammy
water für mich bedeuten konnte. In der Tat steht diese urmütterliche Göttinnen-Gestalt für etwas, das mir viel bedeutet: Kinderliebe, Häuslichkeit, Fürsorge, verborgenes Temperament, Verzeihen, manchmal Schwermut, die Fähigkeit, Geld zu verdienen, aber gleichzeitig auch, emotionales Wohlergehen höher einzuschätzen als materiellen Wohlstand.
In Afrika eine Göttin als die seine anzuerkennen bedeutet, dieser Göttin zu dienen und ihr zu opfern. Opfern kann man alles Eßbare,
Mammy water zum Beispiel Schaf, Huhn, Taube, gekochten Fisch oder Süßigkeiten, Kuchen, Melonen, Fruchtsäfte.
Am Abend begleiteten die Frauen mich zum letzten Mal zum Fluß, zu einem gemeinsamen, ausgelassenen Bad. Es war eine Zeremonie der Reinigung, die mich als eine geläuterte Frau in meinen Alltag entlassen sollte. Während mich die Frauen im Wasser wuschen, erinnerte ich mich an das Sternzeichen, unter dem ich geboren bin - die Fische. Vielleicht ist das eine der Lehren, die ich aus meiner Zeit in Afrika gezogen habe: So weit wir auch fahren mö-
gen, und was uns auch begegnen mag, wenn wir genau hinsehen, stellen wir fest, daß alles vernetzt ist und zusammengehört. So wie ich, der Fisch mit der Angst vorm Wasser, zu Mammy water
gehöre ...
Mit wieviel Skepsis war ich zu dieser anfangs unfreiwilligen Initiationszeremonie gegangen. Und wie gelöst verließ ich sie! Ich hatte viel über mich selbst erfahren, über andere Frauen, die Gemeinschaft, den Umgang mit anderen und mit mir selbst. Die zwei Wochen im Busch hatten mich nicht nur innerlich sehr verändert, mein Verständnis für die Menschen geweckt. Noch etwas war mit mir passiert: Von diesem Zeitpunkt an trug ich die Liebe zu Afrika in meinem Herzen.
Obwohl das Wortfathouse glauben macht, daß man es kugelrund wieder verläßt, hatte ich abgenommen. Das lag nur zum Teil an der ungewohnten Arbeit und am Essen: Mein Körper hatte im übertragenen Sinne abgegeben, was mich belastete.
Bemalt, geschmückt und festlich gekleidet, wurde ich zu meinem sehnsüchtig wartenden Victor gebracht, der überrascht feststellte, daß ich reifer und fraulicher wirkte.
Nach der Überdosis ritueller Gemeinsamkeit genossen Victor und ich das Wiedersehen und zogen uns im Palast in unsere Räume zurück, während unser Initiationsfest vorbereitet wurde. Eng aneinandergekuschelt lagen wir auf einem quietschenden Pfostenbett aus dunklem Holz, umhüllt von Moskitonetzen. Victor genoß den Duft meiner von den Frauen sanft eingeölten Haut. Als wir die Geräusche aus dem großen Hof wahrnahmen, war es draußen schon fast dunkel geworden. Wir hatten nicht bemerkt, daß der ganze Tag vergangen war.
Victor küßte mich auf den Bauch und sagte: „Wenn wir ein Kind bekommen, soll es deinen zweiten Vornamen, Maria, tragen. Bist du damit einverstanden?“
„Und wenn wir einen Jungen bekommen?“
„Das entscheidest dann du“, erwiderte er zärtlich. „Aber ich möchte ein Mädchen.“