34

Das grelle Tageslicht blendete Catharinas Augen. Nach einer Woche in der Finsternis des Predigerturms ertrug sie die Sonne nicht mehr. Mit schweren, halb geschlossenen Augenlidern stolperte sie vorwärts. Sie war frei, doch sie erkannte ihre Stadt nicht wieder. Die Menschen wichen vor ihr zurück, ein paar Gassenbuben rempelten sie an und riefen ihr Spottnamen nach. Beinahe wäre sie vor die Räder eines Pferdekarrens gelaufen. «Weg da, verlauste Dirne», fluchte der Kutscher und schlug mit der Peitsche nach ihr. Dann fand sie sich vor dem Haus zum Kehrhaken wieder.

Michael wird mich beschimpfen, wenn ich in diesem Aufzug das Haus betrete, dachte sie und sah an ihren Lumpen hinab. Er wird mich schlagen. Nein, besser ich gehe nach Lehen, zu Tante Marthe. Zu Lene und zu Christoph.

Ihr wurde wieder speiübel. Seit zwei Tagen hatte sie Leibschmerzen und Durchfall von dem fauligen Wasser im Turm, in ihrem Kopf pochte das Fieber. Sie schwankte, doch bevor sie seitwärts in den Straßendreck rutschte, fing ein hilfreicher Arm sie auf. Blitzartig war sie wieder bei Sinnen, als sie erkannte, wer sie da am Arm hielt: derselbe Büttel, der sie eine Stunde vorher aus dem Turm gelassen hatte.

«Der kleine Spaziergang ist beendet», lachte er hämisch. «Ab in den Christoffelsturm, dort bist du besser aufgehoben.»

Nach einem vergeblichen Versuch, sich zu wehren, ließ sie sich abführen. Nur schemenhaft nahm sie die johlenden und feixenden Gesichter um sich herum wahr, während sie sich die Große Gasse entlangschleppte. Hie und da glaubte sie jemanden zu erkennen. War das nicht ihr Küfer? Und dort, vor der bunt bemalten Fassade des Basler Hofes, die Frau vom Storchenwirt? Schmerzhaft zog sich ihr Leib zusammen, dann spürte sie etwas Warmes an ihren von Flöhen und Wanzen zerbissenen Beinen herunterrinnen.

«Sie scheißt sich voll, sie scheißt sich voll!», kreischten die Kinder auf der Straße begeistert.

«Ich flehe Euch an, lasst diese Frau los. Sie ist unschuldig!» Vor ihnen stand ein Mann mit unrasiertem Gesicht und zornig blitzenden Augen und versperrte ihnen den Weg. Catharina fiel auf die Knie und schrie heiser auf: «Christoph!»

Christoph sank neben ihr zu Boden und riss sie verzweifelt in seine Arme, streichelte sie, bis ein kräftiger Schlag mit dem Stock des Büttels ihn zur Seite warf.

«Verschwindet, sonst landet Ihr selbst im Kerker», brüllte der Büttel und schleifte Catharina die letzten Schritte bis zum Turm hinter sich her. Catharina wandte ein letztes Mal den Kopf und sah Christoph mitten auf der Straße stehen, die Tränen liefen ihm über die eingefallenen Wangen.

Im Halbdunkel des Christoffelsturms wartete bereits ein Mann auf sie, den sie vorher nie gesehen hatte.

«Die Stadellmenin, Euer Ehrwürden», meldete der Büttel. «Mit Verlaub bitte ich sagen zu dürfen, dass ihr die Scheiße wie Wasser aus dem Leib rinnt.»

Angewidert rümpfte der Mann die Nase. «Verschieben wir ihre Examinierung. Ich ertrage diesen Gestank nicht. Ersucht den Henker um ein Mittel gegen Durchfall, aber eines, das bis morgen wirkt. Kettet die Frau oben an und bringt mir stattdessen die Wolffartin, aber schnell.»

Catharina wurde über zwei Stiegen nach oben geführt und stand in einem dunklen Raum, in dem rundum Eisenketten von den Wänden hingen. Das einzige schmale Fenster war mit Stroh verstopft, und es stank bestialisch. Nachdem sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, stellte sie fest, dass sie allein war. Kurz darauf erschien ein älterer Mann, in dem sie den städtischen Henker erkannte. Er stellte einen Holznapf mit gesalzenem Haferschleim und bitteren Wein auf den Bretterboden.

Catharina schüttelte den Kopf. Allein beim Anblick des Essens begann es sie zu würgen.

«Ihr esst das jetzt, und wenn ich es Euch mit Gewalt einflößen muss.» Dabei klang seine Stimme keineswegs unfreundlich. Tatsächlich ging es Catharina nach dieser Mahlzeit, der ersten anständigen Nahrung seit Tagen, schnell besser. Sie versuchte, die Gedanken an das, was ihr möglicherweise bevorstand, zu verscheuchen, und dachte an Christoph. Wie elend hatte er ausgesehen. Im fiebrigen Halbschlaf spürte sie noch einmal seine Umarmung. Er hatte sie liebkost, obwohl sie verdreckter und verwahrloster war als jeder Landstreicher. Das Gefühl von Scham wechselte mit Dankbarkeit dafür, dass sie Christoph noch einmal hatte sehen dürfen. Dann tat der Wein seine Wirkung, und sie schlief ein.

Ein kurzes, tiefes Stöhnen ließ sie aufschrecken. Was war das? Sie lauschte in die Stille. Von weit unten hörte sie gedämpfte Stimmen. Wieder dieses Stöhnen, und plötzlich ein lang gezogener, markerschütternder Schrei. Entsetzt presste sie die Fäuste gegen die Ohren und sprach laut und hastig «Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme –»

Doch es half nichts. Die Schreie drangen durch alle Poren ihres Körpers, schnitten wie Messerstiche in ihr Hirn, zerrissen in ihr den allerletzten Rest an Mut und Zuversicht.


«Warum vermeint Ihr hierher geführt worden zu sein?»

Sie befanden sich im Keller des Turms. Eisige Kälte herrschte in dem von zwei Fackeln spärlich erhellten Raum. Vor Catharina stand derselbe Mann, dem sie gestern bei ihrer Einlieferung in den Christoffelsturm vorgeführt worden war. Sein Gesicht wies harte, wie in Stein gemeißelte Züge auf, mit einem vorspringenden Kinn und winzigen, eng beieinander liegenden Augen. Mit Schrecken wurde ihr klar, dass Doktor Textor die Untersuchung in ihrem Fall abgegeben hatte.

Ungeduldig wiederholte der neue Commissarius seine Frage. Hinter ihm stand der Scharfrichter in seinem grauen Lederschurz und kratzte sich am Hals.

Catharina riss alle Kraft zusammen und sagte laut: «Durch ein großes Unglück.»

Der Richter musterte sie kalt.

«Hört, Stadellmenin, Ihr seid eine Hexe. Gesteht es gutwillig, sonst wird der Scharfrichter seine Arbeit verrichten.»

Sie schüttelte den Kopf. «Ich bin keine Hexe. Das habe ich doch bereits vor Doktor Textor geschworen.»

«Ihr seid als Gespielinnen angegeben worden, und zwar von Margret Vischerin, Magdalena Schreinerin, Magdalena Karrerin und Hedwig Jüdin. Kennt Ihr diese Frauen?»

«Nur die Vischerin. Ich bitte Euch, bringt sie her, damit sie mir ihre Anschuldigung ins Gesicht sagen kann.»

«Die Vischerin ist zu Asche verbrannt», gab er ungerührt zurück. «Gebt zu, dass Ihr mehrfach bei teuflischen Zusammenkünften auf dem Bromberg wart und in Eurem Garten in der Schiffsgasse. Gebt zu, dass Ihr mit einer Salbe, die Euch der Teufel zukommen ließ, drei Neugeborene der Babett Heißlerin aus Lehen umgebracht habt.»

Catharina zuckte zusammen. «Wie könnte ich so etwas zugeben, wo ich es doch nicht getan habe? Glaubt mir doch, ich habe mich niemals dem Teufel verschrieben.»

Der Commisarius gab dem Henker einen Wink und setzte sich zu Wimmerlin und den beiden Schöffen an einen Tisch. Über ihnen hing ein großes hölzernes Kruzifix. Catharina wurde vom Henker bei den Schultern genommen und in den hinteren Teil des Raums geführt. Auf einer Bank lagen fremdartige Geräte aus geschmiedetem Eisen, die Catharina an das Handwerkszeug aus Bantzers Schlosserei erinnerten.

Leise, in einfachen Worten, wie er es wohl schon hundertfach getan hatte, erklärte der Scharfrichter, wie die Daumenschrauben verwendet wurden.

«Ihr legt die Daumen Eurer Hände zwischen die beiden Eisenplatten, die mit dieser Schraube allmählich zugezogen werden. Die Nieten an der Innenseite der Platten quetschen die Daumen zusammen, bis das Blut unter den Fingernägeln hervorspritzt. Das ist der erste Grad der Tortur. Für den zweiten Grad werden die spanischen Stiefel angelegt.»

Catharina verbarg das Gesicht in den Händen. Ein junger Mann mit wulstiger Narbe quer über der Oberlippe, den sie bislang noch gar nicht wahrgenommen hatte, riss ihr die Hände weg.

«Schaut gefälligst hin, wenn Euch mein Vater etwas erklärt!»

«Die flache Seite der Beinschraube wird an die Wade angelegt, die Seite mit den Eisenspitzen an das Schienbein. Beim Zuschrauben dringen die Spitzen in die Haut, wenn man weiter dreht, auch bis in die Knochen.»

Dann deutete er auf ein wuchtiges Holzgestell, einem hohen Türrahmen gleich, an dessen Seite ein riesiges Rad befestigt war. Dieses Rad bediente eine Winde, mit der ein dickes Seil, das über eine Rolle an der Decke befestigt war, aufgezogen werden konnte. Jetzt baumelte das leere Ende des Seils leicht hin und her.

«Falls Ihr dann immer noch nicht gestanden haben solltet, werdet Ihr aufgezogen.»

Ausführlich beschrieb er, wie ihr die Hände hinter dem Rücken gebunden und an dem Seil befestigt würden und wie er sie langsam hochziehen würde. Zur Verstärkung der Tortur könne man ihr Gewichte an die Füße binden oder sie aus großer Höhe fallen lassen. Als zusätzliche Marter wäre Auspeitschen oder Ausreißen der Fußnägel denkbar.

«Sag ihr», warf sein Sohn eilfertig ein, «dass wir ihr auch brennende Pechpflaster aufsetzen oder ihr die Achseln mit Fackeln ausbrennen oder ihr Branntwein über den Rücken gießen und anzünden können. Manchmal gehen die hohen Herren auch essen und lassen die Hexenweiber in der Zwischenzeit hängen.»

Der Henker sah seinen Sohn ärgerlich an, doch Catharina hatte kaum zugehört. Sie war zu Boden gesunken und blickte immer noch mit vor Schreck geweiteten Augen auf den Daumenstock.

Der Henker beugte sich zu ihr hinunter und flüsterte: «Bitte hört auf mich! Bekennt etwas, sei es, was es will. Ihr haltet es  nicht durch. Und herauskommen werdet Ihr hier nimmermehr!»

«Können wir jetzt endlich anfangen?» Der Untersuchungsrichter war aufgestanden, und Wimmerlin reckte begierig den Hals.

«Ja, Euer Ehren».

Geschickt fesselte der Scharfrichter Catharinas Hände vor der Brust, dann musste sie vor die Bank knien und ihre Daumen in den Schraubstock legen. Der Commisarius stellte sich dicht hinter sie.

«Ich frage Euch also ein letztes Mal gütlich: Wann ist Euch zum ersten Mal der Teufel erschienen?»

«Ich habe ein reines Gewissen. Niemals war ich in der Gesellschaft – nein!!!»

Ihr Schrei gellte durch den Gewölbekeller. Noch einmal zog der Henker an der Schraube, wieder durchschoss sie dieser wahnsinnige Schmerz. Nach dem dritten Mal waren ihre Daumen plötzlich so taub, als habe man sie ihr abgerissen.

«Die Stiefel!»

Der Henkerssohn machte sich an ihrem linken Bein zu schaffen.

«In welcher Gestalt ist der Teufel zu Euch gekommen?»

«Ich sage – doch – hab ihn nie – gesehen. Lasst – nein – aufhören!»

«Was hat der Teufel Euch versprochen? Zieht die Schraube weiter zu!!!»

Wie ein Tier unter seinem Schlächter begann sie zu brüllen, flehte und heulte, bis ihr Schaum vor den Mund trat und die Zunge aus dem Mundwinkel hing. Dann fiel sie in Ohnmacht.

Als sie langsam zu sich kam, lag sie wieder in ihrer Ecke an die Wand gekettet, und ihre Hände und ihr linkes Bein waren sorgfältig verbunden. Sie fühlte weder Schmerz noch Angst, schwebte vielmehr weit über sich in einer unendlichen Leere. Ist das der Tod, fragte sie sich ungläubig. Doch dann hörte sie ganz in ihrer Nähe ein Ächzen. Sie war nicht allein.

Es dauerte eine Weile, bis sie sprechen konnte, denn Gaumen und Kehle waren ausgetrocknet.

«Ist da jemand?»

Keine Antwort. Nur das Rascheln der Ratten, die neugierig näher kamen und an ihrem Kleid knabberten.

«Wer ist da?»

Wieder das leise Ächzen, schließlich eine raue Stimme, die fragte: «Catharina?»

Ihre Freundin Margaretha! Sie wollte antworten, doch in diesem Moment kam der Schmerz mit einer solchen Wucht zurück, dass sie beinahe wieder das Bewusstsein verloren hätte. Gottergeben wartete sie, bis die Wellen verebbt waren.

Schließlich flüsterte sie: «Ja, ich bin es.»

Sie hörte der Stimme aus der Dunkelheit die Anstrengung an, die es sie kostete, zu sprechen.

«Catharina – Beate ist frei. Ihr Vater hat es geschafft, sie rauszuholen. Für uns –» Margaretha stöhnte erneut auf «– ist es vorbei. Anna Wolffartin ist auch hier, viermal aufgezogen, halb tot.»

Catharina flüsterte noch ein paar Mal Margarethas Namen, doch es kam keine Antwort mehr. Sie starrte in die Dunkelheit. Wieso sollte ihr Leben jetzt zu Ende sein? Es hatte doch eben erst richtig begonnen! Von draußen rief Christoph nach ihr. Ich komme gleich, warte noch einen Moment. Bald ist es Frühling, und dann legen wir uns in die Dreisamwiesen. Die sind gelb vom blühenden Löwenzahn. Und die Weiden am Fluss tragen ihr erstes Grün. Catharinas Augen brannten, doch sie hatte keine Tränen mehr. Sie vergrub ihr Gesicht in ihrer vom Angstschweiß getränkten Achselhöhle. Gütiger Vater im Himmel, lass mich nicht zu lange leiden.


«Wie weit seid Ihr mit Eurer Befragung, Doktor Frauenfelder?», wandte sich Renner an den Commissarius. Frauenfelder warf einen unsicheren Blick auf Textor und strich sich über sein spitzes Kinn.

«Die Mößmerin und die Stadellmenin haben bisher standhaft geleugnet. Die Wolffartin hat nach dem Aufziehen zunächst gestanden, ihre Aussage aber am nächsten Tag widerrufen.»

Textor sprang auf. «Und wenn sie doch unschuldig sind?»

«Ach was. Zäh wie Leder sind sie, das ist alles. In allen drei Fällen ist also eine verstärkte Tortur angebracht. Doch ich denke, das hat Zeit bis Montag.»

Renner nickte. «Auch recht. Wir haben morgen eine Kindstaufe in der Familie. Wie sieht es aus? Gehen wir zusammen essen? Der Bärenwirt hat frische Forellen.»

Die Hexe von Freiburg
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