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Bis Anfang März lag Schnee. Die Bauern warteten ungeduldig auf den Moment, wo sie mit Pflügen beginnen konnten. Auch Christoph konnte das Frühjahr kaum erwarten. Er brannte darauf, Catharina zur Lehener Kirchweih an Ostern zum Tanz auszuführen. Etwas hatte sich verändert zwischen ihm und seiner Base. Das Unbekümmerte, Arglose in ihrem Verhältnis war seit einiger Zeit einer unerklärlichen Spannung gewichen. Sie wich seinem Blick aus und vermied es, mit ihm allein zu sein. Womöglich war er ihr an ihrem Geburtstag zu nahe getreten – da hatte er allen Mut zusammengenommen und ihr die zierliche Flöte überreicht, die er an den Winterabenden geschnitzt hatte. Vor allem: Er hatte sie geküsst, wenn auch nur unbeholfen und flüchtig auf die Wange.
Endlich schmolz der Schnee, und binnen weniger Tage hatte die Frühlingssonne die aufgeweichte, schwere Erde getrocknet. Überall wurden Pferde und Ochsen eingespannt und das Saatgut in die Leinenbeutel gefüllt. Marthe gab ihr Pferd wie jedes Jahr dem Heißler Jakob, der seine winzigen Felder hinter dem Mooswald hatte und kein eigenes Zugtier besaß. Catharina und Christoph sollten das Tier bei der Feldarbeit führen.
Es war ein herrlicher Morgen, als sie das Pferd auf den Acker brachten. Zarte Federwolken zogen über den hellblauen Himmel, die Luft war frisch und kühl. Catharina schloss die Augen und reckte ihr Gesicht den Strahlen entgegen.
«Weißt du, was ich glaube?»
«Nein.» Christoph betrachtete gebannt ihre langen seidigen Wimpern, die auf ihrer alabasterfarbenen Haut nicht schwärzer hätten schimmern können.
«Dass ich es in der Stadt nicht mehr aushalten würde, mit dem Gestank und den engen Gassen voller Bettler und Krüppel. Hier muss niemand Hunger leiden, und man hilft sich gegenseitig, so wie ihr dem Heißler Bauern.»
«Du vergisst nur, dass die meisten Bettler in der Stadt aus den Dörfern stammen. Wer hier kein Auskommen findet, sucht sein Glück eben in der Stadt, und viele scheitern dann.»
«Trotzdem – das Leben hier scheint mir gerechter. In den Genossenschaften wird alles abgesprochen, und die Pfarrei und die Gemeinde kümmern sich um die Kranken oder Schwachen.»
Die Frau des Heißler Jakob wartete bereits auf sie. An ihren Rockzipfel klammerten sich zwei magere, kränklich aussehende Mädchen. Die Heißlerin war in letzter Zeit unglaublich dick geworden, und jetzt erst kam Christoph der Gedanke, dass sie hochschwanger sein musste.
«Wo ist denn dein Mann?», fragte er, während er das Pferd vor den Pflug spannte.
«Ach herrje, ausgerechnet jetzt hat ihn der Herr zum Grabenziehen auf die überschwemmten Uferwiesen abkommandiert», klagte die Frau.
Catharina zog die Augenbrauen hoch. «Aber in Eurem Zustand könnt Ihr doch nicht diese schwere Arbeit machen?»
«Es wird gehen müssen. Außerdem ist es erst in zwei Wochen so weit.»
Die Frau stemmte sich mit ihrem ganzen Gewicht in den Sterz und schob den Pflug vorwärts, während Catharina das Pferd lenkte und Christoph sich mit dem älteren Mädchen seitlich von ihr in die Seile hängte. Schon nach kurzer Zeit stand der Frau der Schweiß auf der Stirn, und sie atmete schwer. Sie tat Christoph Leid.
«Lass mich mal versuchen, wir wechseln uns einfach ab. Heißlerin, nimm du das Pferd am Zügel, und du, Cathi, gehst ans Seil.»
Die Schar zog eine tiefe Furche in den schweren Ackerboden, doch soviel Mühe sich Christoph auch gab: Sie wurde krumm und schief. Die Bäuerin bat ihn anzuhalten.
«Lass gut sein, Christoph, du bist eben kein Bauer. Ich werde es schon schaffen, wenn auch ein bisschen langsamer.»
Bis Mittag hatten sie noch nicht einmal ein Drittel des Ackers gepflügt. Ganz blass war die Bäuerin im Gesicht, und sie beschlossen, eine Pause einzulegen. Während sich die schwangere Frau mit ihren Töchtern in den Schatten setzte, spannten Christoph und Catharina das Pferd aus und führten es an den Wegrand zum Grasen.
Catharina war empört: «Wie kann der Herr den Bauern wegholen, wenn er doch ganz genau weiß, dass die Frau ein Kind erwartet.»
«Ob krank oder schwanger – das spielt keine Rolle, wenn man unfrei ist. Du hast doch gehört, dass selbst die Aufstände damals nichts ändern konnten. Diese Bauern haben eben kein eigenes Land, alles, was sie säen, gedeiht auf dem Land des Grundherrn. Und dafür müssen sie Abgaben und Dienste leisten. Da hast du deine Gerechtigkeit.»
Wie um seine Worte zu unterstreichen, kam in diesem Moment der alte Freiherr auf seinem Rappen angetrabt.
«Aha, hier wird palavert statt gearbeitet.» Der Alte zügelte sein Pferd knapp vor Christophs Füßen und verzog sein feistes Gesicht zu einem verächtlichen Grinsen. «Abends rottet ihr euch dann zusammen, um darüber zu lamentieren, dass euch die Arbeit das Kreuz bricht. Faules Pack.»
Christoph wich keinen Zoll vor dem tänzelnden Pferd zurück. «Die Heißlerin steht kurz vor der Niederkunft. An ihrer Stelle sollte ihr Mann den Acker bestellen.»
«Du wagst es, ungefragt deine nichtsnutzige Meinung kundzutun? Hast du mir noch mehr zu sagen?»
Die Augen des Freiherrn funkelten vor Zorn. Christoph biss sich auf die Lippen und warf einen Blick zur Bäuerin hinüber, die gerade unter großen Mühen wieder auf die Beine kam. Ihre Töchter stützten sie.
«Es ist nicht recht», sagte er leise, aber mit fester Stimme. Da holte der Freiherr aus und zog ihm seine Reitgerte über die Schulter. Christoph hörte Catharinas Aufschrei und spürte einen kurzen brennenden Schmerz, doch er presste die Zähne zusammen.
«Das soll dich lehren, künftig weniger vorlaut zu sein, Schillersohn. Und grüß deine Mutter von mir.»
Er schlug seinem Pferd die Sporen in die Flanke und galoppierte davon.
«Tut es sehr weh?» Catharina sah ihn besorgt an. Der Schreck stand ihr noch ins Gesicht geschrieben.
«Es geht schon.»
«Aber du blutest. Du musst das Hemd ausziehen.»
Er schloss die Augen, als sie ihm das Hemd vom Oberkörper zog. Die behutsame Berührung ihrer Hände, der Geruch ihrer Haare, die warme Märzsonne, die jetzt auf seinen bloßen Rücken schien – wenn er doch die Zeit anhalten könnte.
«So viel Mut hätte ich niemals aufgebracht. Er hätte dich erschlagen können.»
«Es war wohl eher dumm von mir», gab er zurück und betrachtete ihre schmalen Handgelenke.
In diesem Moment sackten der Heißlerin die Knie ein, und sie fiel der Länge nach auf die Seite. Ohne sich weiter um Christophs Wunde zu kümmern, rannten sie zu ihr hinüber. Der Rock der Bäuerin war nass.
«Ich hätte es wissen müssen», flüsterte sie mit schmerzverzerrtem Gesicht. «Ich hatte schon den ganzen Morgen immer wieder Wehen. Schnell, helft mir zurück ins Haus.»
Nach wenigen Metern jedoch stieß die Frau einen Schrei aus und krümmte sich. Vor Schmerzen konnte sie kaum noch sprechen.
«Es hat keinen Zweck. Das Fruchtwasser ist schon abgegangen, das Kind kommt gleich. Holt den Schäfer von der Hasenweide.»
Catharina rannte los.
Vorsichtig legte Christoph die Frau ins Gras. Er hatte nicht weniger Angst als die beiden Mädchen, die leise zu schluchzen begannen. Was, wenn die Bäuerin vor ihren Augen starb? Er legte seinen Rock unter den Kopf der Frau und strich ihr mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Ächzend zog die Frau ihre Beine an und packte Christophs Arm.
Die Wehen wurden heftiger und kamen in immer kürzeren Abständen. Christophs Arm begann zu brennen, so fest griff die Frau jedesmal zu. O Gott, wo blieb nur der Schäfer so lange? Nach einem besonders heftigen Krampf ließ die Bäuerin seinen Arm plötzlich los und sank in sich zusammen. Ganz still war sie auf einmal. Atmete sie überhaupt noch? Christoph klopfte das Herz bis zum Halse.
In diesem Moment tauchte ein Maultier mit zwei Reitern auf. Der Schäfer sprang ab, kniete sich neben sie und fühlte ihren Puls. Die Frau stöhnte und öffnete die Augen.
«Es wird schon, Heißlerin», sagte der Schäfer und bat Christoph, sich hinter die Frau auf den Boden zu knien, damit sie sich anlehnen konnte. Dann breitete er seinen Umhang unter das Becken der Frau, kniete sich vor ihre gespreizten Beine und schob ihren Rock hoch. Mit einem Ruck zerriss er ihr Leibchen. Dann ging alles ganz schnell. Mit einem tiefen kehligen Schrei presste sich die Frau gegen Christoph. Er wagte es nicht, der Gebärenden über die Schultern zu sehen, doch an Catharinas Gesichtsausdruck erkannte er, dass sich das Kind zeigte. Eine letzte heftige Wehe, ein glitschendes Geräusch. Verschmiert und blau angelaufen lag ein kleiner Junge zwischen den Rockschößen der Frau. Catharina standen Tränen in den Augen.
«In meinem Beutel dort drüben findest du ein sauberes Tuch und eine Wasserflasche», wandte sich der Schäfer an sie. «Mach einen Zipfel des Tuches nass.»
Der Schäfer reinigte das winzige Gesicht von Blut und Schleim. In diesem Moment fing der Säugling mit dünner Stimme an zu schreien.
«Ist er verletzt? Er hat ja überall Blut.» Christoph war zu Tode erschrocken.
Der Schäfer lachte. «Der Kleine ist kerngesund.»
Dann legte er das Kind der erschöpften Heißlerin in die Arme. Ein leises Schmatzen war zu hören, nachdem der Säugling die Brust gefunden hatte. Christoph holte tief Atem und streckte die schmerzenden Beine aus. Noch ganz benommen von den Ereignissen betrachtete er das kleine Wesen, das während des Trinkens seine winzigen Fäuste öffnete und wieder schloss.
«So, Heißlerin.» Der Schäfer durchtrennte mit einem schnellen Schnitt seines Messers die bläulich schimmernde Nabelschnur. »Jetzt noch die Nachgeburt, und du hast es wieder mal geschafft.»
Während sie auf die Wehen warteten, schimpfte der Schäfer auf alle Grundherren, die ihre hochschwangeren Mägde und Abhängigen aufs Feld schickten.
«Was meint ihr, wie oft ich im Jahresverlauf zu einer Geburt gerufen werde. Und nicht immer läuft es so gut ab wie heute.»
Aber die Bäuerin lächelte. «Komm doch heute Abend bei uns vorbei, Schäfer, damit du mit meinem Mann deinen Lohn aushandeln kannst.»
Als er eine abwehrende Handbewegung machte, fügte sie hinzu: «Dann bring wenigstens deinen Umhang zum Waschen vorbei.»
«Ach, lass gut sein.» Er riss das Tuch, mit dem er das Neugeborene abgewischt hatte, entzwei und reichte ihr die trockene Hälfte. «Wickel den Kleinen nachher gut ein.»
Dann packte er seine Sachen zusammen und ritt mit einem kurzen Gruß davon.
«Sollen wir dich nach Hause bringen?», fragte Christoph die Heißlerin.
«Ich möchte noch etwas ausruhen, und danach tun mir ein paar Schritte ganz gut. Meine Älteste wird den Säugling tragen. Ihr habt schon genug für mich getan. Behüt euch Gott!»
So machten sie sich auf den Heimweg. Catharina schien in Gedanken versunken.
Kurz bevor sie den Gasthof erreichten, fasste Christoph Catharina bei der Schulter. Er wollte etwas sagen, wusste jedoch nicht, wie er es über die Lippen bringen sollte. Was für wunderschöne Augen sie hat, dachte er und strich ihr unbeholfen eine Haarsträhne aus der Stirn. Endlich brachte er einen Satz heraus, der ihm dafür, was er fühlte, viel zu nichts sagend erschien:
«Ich freu mich auf die Kirchweih, Cathi. Nur mit dir möchte ich tanzen.»
Catharina wusste nicht, was sie in den nächsten Tagen mehr beschäftigte: das Erlebnis der Geburt des kleinen Jungen oder Christophs glühender Blick, der flehende Klang in seiner Stimme. Wie gern hätte sie ihn an jenem Abend umarmt, stattdessen war sie mit abgewandtem Gesicht und ohne ein weiteres Wort ins Haus gegangen.
Zwei Abende vor Ostern wurde Christoph krank. Es begann mit Gliederschmerzen, in der Nacht bekam er Fieber. Lene und Catharina hörten durch die dünne Bretterwand, die seine Kammer von der ihren trennte, wie er sich im Bett herumwarf und stöhnte. Fast gleichzeitig sprangen sie auf und liefen hinüber. Schweißnass lag er neben der zerwühlten Decke.
Catharina betrachtete ihren Vetter. Über dem fein geschnittenen Mund zeigte sich seit kurzem ein zarter heller Flaum. Seine dunkelblauen Augen passten gut zu den hellen Haaren, und wenn er durchs Dorf ging, schauten ihm nicht nur die jüngeren Mädchen nach. Jetzt war das schmale Gesicht gerötet, Schweißperlen standen auf seiner Stirn.
Lene holte die Mutter.
«Er hat hohes Fieber.» Marthes Stimme klang besorgt. «Cathi, in der Küche steht noch lauwarmes Wasser auf dem Herd. Und du, Lene, bring mir zwei Tücher und einen Lappen.»
Als die beiden zurückkamen, hatte Marthe ihrem Sohn das Hemd ausgezogen. Trotz seines elenden Zustandes fand Catharina ihn wunderschön. Er war sehr groß für seine sechzehn Jahre, dabei viel weniger ungelenk als seine Altersgenossen. Die muskulösen Beine und Arme glänzten im Schein der Lampe.
Marthe tauchte den Lappen in das warme Wasser und wusch dem Jungen den Schweiß vom Körper, mehrere Male. Danach wartete sie einen Moment lang und zog ihm dann mit Hilfe der Mädchen ein frisches Hemd über. Christoph war zwar wach, schien aber kaum wahrzunehmen, was um ihn herum vorging.
«Ihr könnt jetzt ins Bett gehen. Ich mache ihm noch Wadenwickel, das zieht die Hitze aus dem Körper.»
Catharina konnte nicht einschlafen. Sie dachte daran, dass es nun keinen Ostertanz mit Christoph geben würde. Im gleichen Moment schämte sie sich für diesen Gedanken. Wenn er nur wieder gesund würde! Was, wenn er an derselben Krankheit litt, an der sein Vater damals gestorben war?
Von nebenan hörte man keinen Laut mehr, und jetzt war es Catharina, die keine Ruhe fand und sich hin und her warf. Sie begann zu beten. Nur wenige Male hatte sie bisher in ihrem Leben gebetet, aber jetzt tat sie es umso inbrünstiger: zur Jungfrau Maria, von der sie wusste, dass sie die Hüterin der Kinder, Schwachen und Kranken war, deren sanftes Lächeln ihr Vater so oft gemalt hatte.
Am nächsten Morgen war das Fieber weiter gestiegen. Halb besinnungslos starrte Christoph mit flatternden, entzündeten Lidern ins Leere, sein Atem ging rasselnd, und er erbrach alles, was er zu sich nahm.
«Wenn es ihm morgen nicht besser geht, muss ich den Bader holen», sagte Marthe.
Gegen Mittag hielt es Catharina nicht länger aus. Sie bat ihre Tante um eine freie Stunde und machte sich auf den beschwerlichen Weg zur Vierzehn-Nothelfer-Kapelle, die an der Landstraße nach Basel lag. Beschwerlich deshalb, weil sie dazu die Dreisam durchqueren musste, wollte sie nicht den großen Umweg über die Stadt machen und damit kostbare Zeit verlieren.
Sie kannte eine Furt. Gott sei Dank führte der Fluss kein Hochwasser mehr, und so gelangte sie sicher, wenn auch mit nassen Rockschößen ans andere Ufer. Mit klopfendem Herzen durchquerte sie riesige Viehweiden. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass diese halb wilden Rinder jemanden auf die Hörner genommen hätten. Dort, wo sich seit einiger Zeit das Hochgericht befand, erreichte sie die Basler Landstraße. Erleichtert stellte sie fest, dass niemand am Galgen hing oder auf das Rad geflochten war – davor hatte sie die meiste Angst gehabt.
In der kleinen Kapelle herrschte eisige Kälte. Links und rechts des schmucklosen Altars hingen überall Gliedmaßen aus Wachs: Beine, Arme, Hände, ja sogar ein winziger Kopf. Was für ein Anblick! Hierher kamen alle, die um Heilung von Krankheiten und Gebrechen flehten. Vor allem bei Knochenbrüchen erhoffte man sich von den vierzehn Nothelfern Beistand. Catharina stiftete eine Kerze und ließ sich neben einer alten Frau auf den Boden sinken. Ein Credo, ein Paternoster, ein Agnus Dei, drei Ave-Maria betete sie, dann erst hatte sie das Gefühl, genug für Christoph getan zu haben.
Als sie nach Hause kam, fand sie ihre Base in Christophs Kammer. Lene versuchte auf ihre Art, Christoph zu helfen. Irgendwo hatte sie einen kleinen Bergkristall aufgetrieben und ihn unter das Kopfkissen gelegt. Dazu murmelte sie unablässig vor sich hin.
«Vielleicht hilft es», flüsterte Lene ihr schließlich zu. «Die Krankheit muss auf den Stein übertragen und damit für immer gebannt werden.»
Die Bemühungen der beiden Mädchen waren erfolgreich.
«Steh endlich auf», weckte Lene sie am nächsten Morgen. «Es ist viel zu tun an Ostern, und übermorgen beginnt die Kirchweih.»
Catharina rieb sich die Augen. Sie hatte schlecht geschlafen und dabei abwechselnd von Christoph und von Johann geträumt.
«Wie geht es Christoph?»
«Besser. Das Fieber ist zurückgegangen, und heute Morgen hat er sogar schon Dünnbier und trocken Brot zu sich genommen. Aber zum Aufstehen ist er noch zu schwach. Und verwirrt scheint er auch zu sein, denn er hat irgendwas vom Tanzboden gefaselt und deinen zarten Lippen, die er küssen möchte.» Sie grinste.
«Hör auf. Du brauchst dich nicht über mich lustig zu machen.»
«Ist ja gut. Aber vom Tanzen hat er wirklich gesprochen, und letzte Woche habe ich ihn beobachtet, wie er deinen Namen auf eine Staubschicht im Stall geschrieben hatte. So viel kann ich nämlich auch noch lesen.»
Lene setzte sich neben sie auf den Bettrand und seufzte.
«Er beachtet mich gar nicht mehr. Ich glaube, er ist in dich verliebt.»
Beim Frühstück besprach Marthe mit ihnen, wie sie sich die Arbeit an den kommenden Feiertagen einteilen wollten. Da Feste immer auch Mehrarbeit im Schankbetrieb bedeuteten, wog der Ausfall von Christoph schwer. Zudem war es hier in der Gegend üblich, dass die Mägde an den hohen Festtagen jeweils einen freien Tag bekamen.
Catharina bot sich an durchzuarbeiten. Lene verdrehte die Augen. «So ein Unsinn! Du musst endlich mal zum Tanzen raus. Sonst denken die andern noch, du fühlst dich als was Besseres.»
Marthe hingegen war froh über Catharinas Angebot. «Wir müssen auf jeden Fall zu viert sein: zwei in der Küche und zwei im Ausschank.»
Catharina unterbrach sie: «Und wer schaut nach Christoph?»
«Du willst wohl Medicus spielen.» Lene zog sie an den Haaren. «Er kommt schon von selbst wieder auf die Beine.»
Der sonst so kahle Kirchplatz von Lehen hatte sich verwandelt. Dichte Menschentrauben umringten die zahlreichen Bretterbuden, es duftete nach frischem Brot und geröstetem Fleisch, hier wurden feine Stoffe, Lederbeutel und Irdenware, dort Süßigkeiten, frischer Fisch und Wein von den Bauern der umliegenden Dörfer angeboten. Neben dem Pfarrhaus bauten ein paar Burschen gerade den Tanzboden auf und schmückten das Geländer mit bunten Blumengirlanden.
Etwas wehmütig dachte Catharina an die verpasste Gelegenheit, mit Christoph zu tanzen, aber bevor sie aus dem Haus gegangen war, hatte er sie getröstet: Im Herbst, zu Erntedank, sei noch ein viel größerer Jahrmarkt in Freiburg, mit Automatenmenschen und Furcht erregenden Missgestalten, da würden sie zusammen hingehen. Und dass es ihm wieder besser ging, war die Hauptsache. Ob es stimmte, dass er ihren Namen in den Staub geschrieben hatte? Dass er in sie verliebt war?
Jemand rempelte sie von hinten an. Es war Schorsch, der Sohn vom Stellmacher. Catharina mochte ihn nicht besonders, sie fand ihn langweilig und selbstgefällig.
«Du bist allein, ich bin allein, da können wir auch zusammen sein», reimte er grinsend und strich sich die langen Haare aus der Stirn.
Das sollte wohl witzig sein, dachte Catharina und schüttelte den Kopf. «Ich hab Besorgungen zu machen und wenig Zeit.»
«Dann sehen wir uns eben heute Abend zum Tanz.»
«Da muss ich arbeiten. Und morgen und übermorgen auch.»
«Du kannst einem ja Leid tun. Eine strenge Frau, deine Tante. Na ja, jetzt, wo ihr Prinz krank darnieder liegt, musst du dich sicher noch mehr um ihn kümmern als sonst.»
«Was soll das heißen?»
«Das ganze Dorf weiß doch, dass du ihm hinterherscharwenzelst wie die Henne dem Hahn.»
Catharina war nahe daran, ihm eine Ohrfeige zu verpassen, drehte ihm dann aber den Rücken zu und ging davon.
«Falls du dich doch einsam fühlst: Ich warte auf dich am Bierausschank», rief er ihr nach.
Da kannst du lange warten, dachte sie und blieb an einem Kräuterstand stehen. Wie gut das hier duftete! In offenen Leinensäcken lagen Gewürze, Kräuter und Farbstoffe. Catharina kannte nur die heimischen Heilkräuter, solch eine Vielfalt hatte sie noch nie gesehen. Davon würde sie Marthe etwas mitbringen.
«Kräuter und Gewürze aus aller Welt», erklärte der Händler. «Gelber Safran aus Spanien, Farbpulver aus Sizilien, Kreuzkümmel, Koriander und Ingwer vom Schwarzen Meer, Thymian, Rosmarin und Lavendel aus dem Frankenreich – greif zu, junges Fräulein, die ganze Welt liegt vor dir.»
Catharina konnte sich nicht entscheiden. Sie hielt ihre Nase über die offenen Säcke und sog fasziniert die fremden Gerüche ein, ließ die getrockneten Kräuter durch die Finger gleiten und kaufte schließlich ein Säckchen mit einer Gewürzmischung, die jedes Fischgericht in einen Festschmaus verwandeln würde, wie ihr der Händler versicherte. Der Preis war allerdings auch festlich: Fünf Pfennige wollte er dafür. Für drei überließ er ihr das Säckchen schließlich.
Direkt nebenan tschilpten Hunderte von Küken in einem viel zu engen Verschlag, blutig gerupfte Hühner mit zusammengebundenen Füßen lagen zuckend im Dreck. Catharina ging rasch weiter. Mittlerweile war es voll geworden, die Händler und Aussteller überschrien sich gegenseitig. An manchen Lauben gab es kaum ein Durchkommen mehr, so wie dort an der Ecke, wo ein bärtiger Mann einen Gegner für die stärkste Frau der Welt suchte. «Zwanzig Pfennige und einen Festtagsbraten dazu für den, der die schöne Helena besiegt.»
Als Catharina an dem Ochsen am Spieß vorbeikam, konnte sie nicht wiederstehen und ließ sich eine kleine Portion geben. Damit setzte sie sich auf die Stufen des Kirchenportals und beobachtete die Artisten und Jongleure. Das mussten Wesen aus einer anderen Welt sein. Wie Elfen sprangen sie in die Höhe, überschlugen sich, liefen auf den Händen weiter, wirbelten Bälle und Stöcke durch die Luft. Als einer von ihnen nach der Darbietung herumging, warf sie ihren letzten Pfennig in seinen Hut. Dann machte sie sich auf den Heimweg.
Am äußersten Ende des Kirchplatzes war ein Trödelstand aufgebaut. Catharina blieb stehen. Wie gern hätte sie sich ein buntes Haarband gekauft, aber sie hatte kein Geld mehr.
Sie wollte sich schon abwenden, da sagte eine raue Stimme: «Du bist doch die Tochter vom Marienmaler.»
Hinter der Auslage stand der Trödler, ein dunkler, kräftiger Mann, den sie vom städtischen Markt her kannte und der für seine Schwatzhaftigkeit bekannt war.
«Und die Stiefschwester vom Johann», fügte er hinzu.
Sie zuckte zusammen. «Was ist mit ihm?»
«Na ja, vor zwei Tagen, auf dem Weg hierher, hab ich ihn ein gutes Stück nördlich von Basel aufgelesen. Übel zugerichtet war er. Besonders sympathisch fand ich ihn ja nie, aber so schlimm hat er es nun auch nicht verdient.»
Catharinas Stimme zitterte: «Was ist denn geschehen?»
«Also, ich komm da von Basel her, und dort, wo die hohen Sandsteinfelsen sich Richtung Rheinufer schieben und der Weg eng wird, seh ich einen Kerl am Straßenrand liegen. Ich war auf der Hut, dachte an einen neuen Trick dieser Wegelagerer, aber da richtet sich die Gestalt langsam schwankend auf, und ich erkenne Hiltruds Sohn. Der Hiltrud bringe ich nämlich immer Bänder und Spitzen ins Haus. Jedenfalls halte ich gleich an und sehe, dass der Junge verletzt ist: ein Auge zugeschwollen, eine Platzwunde am Kopf, der linke Arm von der Schulter bis zum Ellbogen aufgeschlitzt. Ich habe die Wunden erst mal gereinigt und verbunden und ihm einen kräftigen Schnaps eingeflößt. Da ging es ihm dann schon besser. Er war von einer ganzen Horde Räuber überfallen worden, als er zu Fuß auf dem Weg nach Neuenburg war. Die Halunken haben ihn in eine Höhle geschleppt und dort bis aufs Hemd ausgeraubt. Wahrscheinlich hätten sie ihm den Hals durchgeschnitten, wären sie nicht von einer Jagdgesellschaft gestört worden. So machten sie sich aus dem Staub und ließen den Jungen liegen. Er konnte sich gerade noch bis zur Landstraße schleppen, dann wurde er bewusstlos.»
Catharina konnte ihren Schrecken kaum verbergen. Sie stotterte einen Gruß und wankte benommen in Richtung Gasthaus. War der Überfall Zufall gewesen oder Folge ihrer Verwünschung? Hatte sie zauberische Kräfte? Es gab solche Menschen, das wusste sie, und sie wurden entweder hoch geschätzt oder der Hexerei beschuldigt und unbarmherzig verfolgt. Gehörte sie zu ihnen?
Vor dem Hoftor blieb sie stehen. Nein, sie würde kein Wort darüber verlieren, auch zu Lene nicht. Sie wollte nichts mehr mit dieser Geschichte und diesem Burschen zu tun haben. Von jetzt an schwieg sie, wenn die Sprache auf Johann kam, und auch mit Lene ließ sie sich zu diesem Thema auf kein Gespräch mehr ein.