24
Die letzten Jahre ihrer Ehe wurden Catharina zur Hölle. Sie konnte von Glück sagen, wenn Michael nach seinen Zechereien so betrunken war, dass er halb tot in sein Bett stolperte oder bei irgendeinem Weibsbild übernachtete. Voller Angst lauschte sie an diesen Abenden auf seine Schritte, ob sie sich auch nicht ihrer Kammer näherten, denn er schlug sie nun häufiger.
Der Ablauf war stets derselbe: In seiner Trunkenheit versuchte er einen Streit vom Zaun zu brechen. Wagte sie Widerworte, strafte er sie mit Schlägen, schwieg sie, wurde er erst recht wütend und fluchte, er werde ihr die «Bockigkeit», wie er es nannte, schon noch aus dem Leib prügeln.
Einmal wurde er deswegen vor das Collegium der Achter zitiert, einen Ausschuss von acht Meistern, die dem Zunftmeister zur Seite standen. Catharina hatte von seinem letzten Angriff ein blaues Auge und einen handtellergroßen Bluterguss auf der Wange davongetragen.
«Das muss ein Ende haben», hatte Barbara in der Küche geschimpft. Sie war außer sich. Mittlerweile war sie zwar schon an die sechzig, hatte aber keinen Deut ihres Temperaments eingebüßt. «Alle Welt soll sehen, was Euer Mann Euch antut.»
Und sie schleifte Catharina gegen deren Willen am helllichten Tag über den Markt. Die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten. Da in der Nachbarschaft längst bekannt war, dass es in Bantzers Ehe nicht zum Besten stand, gab Catharinas zerschlagenes Gesicht Anlass zu neuem Gerede, das schließlich auch einigen Ratsherren zu Ohren kam. Wie es bei Familienangelegenheiten üblich war, wandten sie sich an die Zunft mit der Bitte, die Sachlage zu überprüfen. Nur unwillig kamen die Herren der Schmiedezunft diesem Anliegen nach, da es sich bei dem Beschuldigten nicht um irgendeinen Gesellen, sondern um ihren eigenen Zunftmeister handelte.
Obwohl die Vorladung, wie Catharina später erfuhr, eher den Charakter einer freundschaftlichen Ermahnung gehabt hatte – «Ihr müsst die Verhältnismäßigkeit der Mittel wahren und Schläge nur im äußersten Notfall anwenden, sonst verlieren sie ihre Wirksamkeit» –, kehrte Michael wutentbrannt nach Hause zurück. Er wollte seine Frau zur Rede stellen, denn er war davon überzeugt, dass sie ihn angezeigt hatte. Er eilte von Zimmer zu Zimmer, riss die Küchentür auf, wo Barbara und Elsbeth beim Gemüseputzen saßen, und brüllte: «Wo ist meine Frau?» Doch Catharina war nirgends zu finden.
Als er zornig das Haus verließ, um die nächstbeste Schenke aufzusuchen, wagte sich Catharina aus ihrem Versteck. Sie hatte den ganzen Vormittag voller Anspannung hinter Gerümpel auf dem Dachboden verbracht und klopfte sich nun erleichtert den Staub aus den Kleidern. Für diesen Moment konnte sie aufatmen, aber sie wusste genau, dass der nächste Angriff ihres Mannes nur eine Frage der Zeit war. Tatsächlich nahm sich Michael die Worte seiner Zunftbrüder nur insofern zu Herzen, als er darauf achtete, bei seinen Wutausbrüchen nicht mehr in Catharinas Gesicht zu schlagen.
Barbara, die mehr denn je davon überzeugt war, dass Dämonen von der Seele ihres Dienstherrn Besitz ergriffen hatten, versuchte auf ihre Art, Catharina beizustehen.
«Ich bitte Euch, nehmt dies zu Eurem Schutz.» Fast flehend hielt sie Catharina auf ihrer offenen Hand ein Amulett hin.
«Was ist das?», fragte Catharina erstaunt und betrachtete den in Messing gefassten, gebogenen Zahn.
«Ein Eberzahn. Ihr müsst ihn an Euren linken Arm binden, dann gibt er Euch Kraft und schützt vor Angriffen.»
Fast traurig schüttelte Catharina den Kopf. «Ach, Barbara, ich weiß, wie sehr du dich um mich sorgst, aber an meiner Situation können weder Zauber noch Gebete etwas ändern. Ich glaube zu wenig daran, als dass sie mir helfen könnten.»
Es mochte am Einfluss ihrer Tante liegen, dass sie, im Gegensatz zu den meisten ihrer Mitmenschen, nicht viel von Magie hielt. Marthe hatte immer behauptet, dass der Mensch nicht durch Hokuspokus, sondern allein durch Menschlichkeit und Willenskraft etwas bewirken könne. Wenn die Leute im Dorf etwas als Spuk oder Hexerei bezeichneten, hatte sie dafür oft eine verblüffend einfache Erklärung. Catharina klangen noch ihre Worte im Ohr: Für die Dinge, die ich nicht begreife, haben klügere Leute als ich längst eine Erklärung gefunden oder werden sie eines Tages finden. Was bleibt, sind die von Gott gewollten Geheimnisse, und wir Menschen sollten nicht so anmaßend sein, seine ganze Schöpfung durchschauen zu wollen.
Catharina hatte zwar das Amulett abgelehnt, doch so schnell gab die Köchin nicht auf. Wenige Tage später überraschte Catharina sie dabei, wie sie in den oberen Türbalken von Catharinas Schlafzimmer ein winziges Pentagramm ritzte. Als sie ihr Werk beendet hatte, stieg sie schnaufend von ihrem Schemel herunter und blinzelte ihr zu: «Wenn Ihr auch nicht daran glaubt – schaden wird es auf keinen Fall.»
«Wenn Michael das entdeckt, wird er dich wegen Zauberei anzeigen.»
«Er wird es nicht entdecken, denn erstens schaut der gnädige Herr nie nach oben, und zweitens betritt er Eure Kammer immer nur in trunkenem Zustand. Aber keine Sorge, ich kenne auch ganz unauffällige Mittel, um böse Kräfte abzuwehren.»
Dabei deutete sie auf einen Besen, der wie zufällig in der Diele stand, und auf eine Schere, scheinbar achtlos auf den Fenstersims geworfen.
Barbaras Bemühungen blieben erfolglos. Dabei waren es nicht nur die Prügel, die Catharina ihren letzten Funken Lebensfreude raubten. Sie fühlte sich wie ein Hund, der an die Kette gelegt worden ist. Michael verbot ihr den Zugang zur Werkstatt und das Verlassen des Hauses ohne seine Erlaubnis. In seinem Beisein durfte sie, von dienstlichen Anweisungen abgesehen, nicht mehr mit den Mägden sprechen. Die Tür zur Bibliothek hatte er verriegelt. Doch das Demütigendste war, dass Hartmann Siferlin fortan die Haushaltsbücher führte und sie sich jeden Pfennig bei ihm abholen musste. Sie hasste die Momente, wenn sie im muffigen Halbdunkel des Kontors stand und darauf wartete, bis dieser Mann mit einem mühsam unterdrückten Grinsen das Geld abgezählt und die Summe samt Angabe des Verwendungszwecks in sein Buch eingetragen hatte. Siferlin ließ sich viel Zeit dabei, und Catharina wusste, wie sehr er diese beschämende Szene genoss.
Sie konnte das Haus nur noch heimlich verlassen, wenn sie genau wusste, dass Michael für längere Zeit geschäftlich unterwegs war. Anfangs hatte sie diese Stunden kaum erwarten können, so sehr zog es sie nach draußen. Doch im Laufe der Zeit legten sich die Zwänge und Verbote, denen sie ausgesetzt war, wie ein unsichtbarer Panzer um ihre Seele und erstickten ihre Energie.
Immer häufiger saß sie den ganzen Tag über am Fenster ihrer Schlafkammer und starrte hinunter auf den verkrüppelten Birnbaum im Hof. Sie beobachtete die Krähen in den kahlen Ästen, die Hühner, die im Dreck scharrten, und ihr Kopf war dabei angenehm leer. Sie magerte ab, da halfen weder Barbaras Kochkünste noch Elsbeths gut gemeinte Ermahnungen. Catharina schien sich von der Außenwelt verabschieden zu wollen.
Siferlin rieb sich erwartungsvoll die Hände, als er Catharina eintreten sah. Ihre Geldgesuche stellten einen der wenigen Glanzpunkte seines Alltags dar. Er dachte an die Zeit, als sie selbst noch die Ausgabenbücher für den Haushalt geführt hatte und hin und wieder Einblick in seine Bücher verlangte, um zu erfahren, wie es um die Gewinne der Werkstatt stand. Was für Schreckensmomente waren das jedes Mal für ihn gewesen, doch damit war es nun für immer vorbei. Nie wieder würde er vor ihr und ihrem scharfen Verstand zittern müssen, jetzt hatte er sie in der Hand.
Er bot ihr einen Platz vor seinem Schreibpult an, doch sie blieb mit trotziger Miene stehen. Befriedigt stellte er fest, wie grau und faltig ihr Gesicht geworden war. Ihre einstige Schönheit, diese ständige Versuchung der Männerwelt, verwelkte. Wahrscheinlich würde sie nicht einmal mehr das Verlangen eines Benedikt Hofer entfachen können.
O ja, er hatte schon nach kurzer Zeit über ihre Liebschaft mit dem Gesellen Bescheid gewusst. Wie konnte sie nur glauben, dass man so etwas vor ihm, Hartmann Siferlin, geheim halten könne. Nahe dran war er gewesen, sie zu verraten, doch in jener Zeit hätte sein Dienstherr kaum ein Ohr für diese Dinge gehabt, denn es trieb ihn fast täglich zu den Peitschenhieben seiner Geliebten. Außerdem gereichte ihm die Tatsache, dass die beiden Eheleute so vollkommen von ihren widerlichen Ausschweifungen beherrscht waren, zum Vorteil: Er konnte sich von den Erlösen der Werkstatt unbemerkt abzweigen, was ihm seiner Meinung nach zustand.
«Habt Ihr nicht gehört, Siferlin? Ich brauche Geld für neue Fleischtöpfe.»
«Ob Ihr das wirklich braucht, entscheide immer noch ich, falls Ihr das vergessen habt.»
Er lehnte sich zurück. Die Zeit, gegen diese Frau vorzugehen, war noch nicht gekommen. Leider hatte sein Gerücht, sie habe Bantzer verhext und ihm die Männlichkeit genommen, kaum gefruchtet. Offenbar genoss sie immer noch zu viel Ansehen in der Stadt. Doch eines Tages würde er sie vernichten.
Catharina schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. «Wenn Ihr Euch dumm anstellt, komme ich später wieder. Zusammen mit Barbara.»
«Schon gut, schon gut.»
Siferlin kramte den Schlüssel für die Geldkassette aus der Schublade. Niemals sollte dieses riesige, fleischige Weibsbild sein Kontor betreten. Wenn es jemanden gab, den er fürchtete, dann war es die Köchin Barbara.
Der einzige Mensch, mit dem Catharina sich noch hin und wieder traf, war Margaretha Mößmerin. Das Schicksal hatte diese Frau kaum weniger hart angepackt: Ihr Mann war wenige Monate nach seinem Rücktritt gestorben, ihr Schwiegersohn hatte sich mit einem Berg Schulden irgendwo ins Badische abgesetzt, und Susanna war mit einem neuen Liebhaber auf und davon – ihre dreijährige Tochter, die schwachsinnig auf die Welt gekommen war, hatte sie im Haus ihrer Mutter zurückgelassen. Margaretha verkaufte das vornehme Haus am Fischmarkt, zahlte die Schulden ihres Schwiegersohns zurück und zog mit der kleinen Anneli in ein bescheidenes Häuschen an der Mehlwaage.
Obwohl Catharina wusste, wie schwer es ihre Freundin hatte, beneidete sie sie manchmal um ihre Freiheit. Margaretha entschied über jeden ihrer Schritte selbst. Den Vormund, den die Schneiderzunft ihr zur Seite gestellt hatte, ignorierte sie einfach, was immer wieder zu Reibereien führte.
«Ich sehe nicht ein, dass ich mir in meinen letzten Lebensjahren noch von irgendeinem Fremden Vorschriften machen lasse», sagte sie einmal zu Catharina. «Wenn mir die Zunft und der Magistrat deswegen die Rente streichen wollen, dann werde ich eben den ganzen Tag arbeiten gehen, und sei es als Dienstmagd.»
So unterschiedlich die Lebenssituation der beiden Frauen war, in einer Beziehung erging es ihnen gleich: Sie waren einsam. Catharina, weil sie eingesperrt war wie ein Vogel in seinem Käfig, Margaretha, weil sie geächtet wurde. Ihre früheren Freunde und Bekannten schnitten sie, zum einen, weil sie ihr insgeheim die Schuld an den zerrütteten Familienverhältnissen der Baurs gaben, zum anderen, weil der unselige Verdacht der Hexerei noch im Raum stand. Aus diesem Grund hatte auch Michael seiner Frau den Umgang mit der Mößmerin untersagt.
«Ich warne dich», hatte er verkündet. «Niemand weiß, ob nicht doch etwas dran ist an dieser alten Geschichte. Und selbst wenn sie nur eine harmlose Witwe ist, die nichts mit dem Leibhaftigen zu tun hat, so können diese Verdächtigungen doch auf dich abfärben. Ganz davon abgesehen, verbiete ich dir, diese Frau zu treffen: Durch ihr aufsässiges Verhalten ist sie beim Magistrat in Ungnade gefallen.»
Catharina hatte ihm kaum zugehört. Sie traf sich heimlich mit ihrer Freundin, wenn auch immer seltener. Einmal, als Michael unerwartet früh nach Hause kam, musste sich Margaretha wie ein überraschter Liebhaber in der Vorratskammer verstecken.
Ein andermal ertappte er die Freundin, wie sie sich gerade aus dem Haus schleichen wollte. Wütend packte er Catharina am Arm, schleppte sie die Stiege hinauf in ihre Kammer und schlug ihr mit seinem Gürtel blutige Striemen auf den Rücken. Catharina biss vor Schmerz die Zähne zusammen, als sie plötzlich ein heftiges Stöhnen hörte. Im ersten Moment dachte sie, sie selbst hätte aufgeschrien.
Das Stöhnen ging über in ein dumpfes Würgen: Michael lehnte, kalkweiß im Gesicht, an der Wand und presste sich die Hände auf den Brustkorb. Ganz offensichtlich bekam er keine Luft mehr. Catharina lockerte ihm Hemd und Kragen und ließ den Stadtarzt holen. Nur wenig später war der Medicus mit seinem Gesellen zur Stelle und untersuchte Michael sorgfältig, während sich Catharina in der Küche von Elsbeth den wunden Rücken behandeln ließ.
«Ihr hättet den Arzt nötiger als diese Furie von einem Mann», sagte Elsbeth leise.
Der Arzt bat Catharina um ein Gespräch unter vier Augen.
«Ich komme morgen wieder, er hatte eine Herzattacke. Er braucht ein paar Tage völlige Bettruhe. Gebt bitte der Köchin Anweisung, nur leichte, fettarme Speisen zuzubereiten.» Seine Stimme wurde leiser. «Ich will mich nicht in Eure Verhältnisse einmischen, aber als Arzt muss ich offen sein: Die Anfälle können sich wiederholen, wenn Ihr nicht besser auf die Lebensweise Eures Mannes achtet. Er muss sich schonen und mit dem Trinken aufhören. Sprecht mit ihm darüber.»
Catharina antwortete nicht. Soll er sich doch zu Tode saufen und huren, dachte sie.
Als Catharina weiterhin schwieg, zuckte der Arzt mit den Schultern. «Vielleicht ist es besser, wenn ich mit ihm rede.»
Funken sprühten aus dem offenen Feuer, als Michael Bantzer wütend den frisch geschmiedeten Türgriff hineinschleuderte.
«Das ist doch mieseste Lehrlingsarbeit, alles Pfusch!», brüllte er, und die Adern an seinen Schläfen schwollen an vor Zorn.
Er schwankte sichtlich, als er sich zu seinen Angestellten umdrehte. «Euch Anfängern werde ich zeigen, was richtige Schlosserkunst ist.»
Er griff nach dem mannshohen Eisengitter und zog es zu sich heran. Unter dem Gewicht begann er zu straucheln. Niemand wagte es, sich ihm zu nähern, um ihn zu stützen, und er kippte erst nach rechts gegen den Amboss, dann rücklings mitten in die riesige Feuerstelle, das schwere Gitter über sich. Ein markerschütternder Schrei entfuhr seiner Kehle, und sofort verbreitete sich der beißende Geruch von brennendem Haar im Raum.
Catharina, die die Szene von der Werkstatttür aus beobachtet hatte, kam ungerührt näher. Kopf und Arme des eingeklemmten Mannes zuckten verzweifelt zwischen den Eisenstreben hin und her, seine Schreie wurden schwächer und gingen in raues Stöhnen über. Vergeblich versuchten die Männer, das glühende Gitter, das sie nur mit Zangen packen konnten, anzuheben. Im flackernden Schein der Flammen sah Catharina, dass sich Michaels Gesichtshaut bereits verfärbte. Es roch süßlich nach verbranntem Fleisch.
«Löscht doch endlich das Feuer, ihr Hornochsen», schrie einer der Gesellen, doch Catharina stellte sich ihm in den Weg.
«Halt, bleibt stehen», sagte sie ruhig. «Seht ihr denn nicht, dass euer Meister nur noch ein verkohlter Klumpen ist?»
Die Männer wichen vor ihr zurück. Da kam langsamen Schrittes Christoph auf sie zu. Catharina wischte sich den Schweiß von der Stirn, ihr Mund wurde trocken. Sie musste unbedingt verhindern, dass Christoph sie berührte.
«Geh weg», rief sie ihm mit letzter Kraft zu. «Du kommst zu spät, viel zu spät.»
Ihr Bettlaken war durchgeschwitzt, als sie von einem lauten Klopfen an der Tür geweckt wurde. Was hatte sie da um Himmels willen nur geträumt? Es klopfte erneut, und Elsbeth steckte den Kopf herein.
«Entschuldigt, wenn ich Euch geweckt habe. Unten steht ein Fremder vor der Tür. Er sagt, es sei sehr wichtig.»
Catharina sprang aus dem Bett und warf sich hastig einen Umhang über.
«Ich habe hier ein Schreiben, dass ich nur an Catharina Stadellmenin aushändigen darf», sagte der Unbekannte.
«Das bin ich!»
Stirnrunzelnd nahm sie den Brief entgegen. Wer sollte ihr schreiben? Auf dem Umschlag standen weder ihr Name noch ein Absender.
Sie zog sich in ihre Kammer zurück und öffnete ohne Eile das Papier. Da erkannte sie Christophs Handschrift.
«Villingen, im April anno 1588.
Liebe Catharina! Jetzt, wo ich mich zum wiederholten Male zum Schreiben hinsetze, zittern mir vor Aufregung die Finger. Wie viele Briefe an dich habe ich schon angefangen und wieder zerrissen, doch dieses Mal, so habe ich mir vorgenommen, werde ich ihn zu Ende schreiben und einem Freund mitgeben, der nächste Woche nach Freiburg reitet. Er wird ihn dir entweder persönlich geben oder ihn mir wieder zurückbringen.
Vor etwa drei Jahren habe ich dir schon einmal einen Brief geschickt, mit einem Villinger Boten, doch du hast nie geantwortet. Von Lene erfuhr ich später, dass dein Mann alle Briefe an dich abgefangen hat und dich auch sonst wie eine Gefangene hält. Ich gehe also davon aus, dass du mein Schreiben nie erhalten hast, und so nehme ich jetzt einen neuen Anlauf.
Liebste Catharina, du glaubst nicht, wie sehr ich mich für mein Verhalten von damals schäme – heute noch, nach so vielen Jahren. Wie selbstsüchtig ich war. Ich habe nur meinen eigenen Schmerz, meine eigene Kränkung gespürt und nicht gesehen, wie sehr du selbst gelitten hast unter Mutters Tod. Zu alledem habe ich dich, als Sofie starb, brutal zurückgewiesen und bin Hals über Kopf nach Villingen geflohen. Dabei weiß ich heute, dass du dich, als ich dich an jenem Tag bei deinem Freund überraschte, von diesem Mann nur verabschieden wolltest. Lene hat mir das erzählt, obwohl du sie gebeten hast zu schweigen. Aber du kennst ja meine Schwester, in solchen Dingen hat sie ihren eigenen Kopf.
Es hat lange Zeit gedauert, bis ich aus meinem Selbstmitleid erwacht bin. Viel zu lange, und ich wage kaum zu hoffen, dass du jetzt, wo du diese Zeilen liest, für meine Worte noch ein offenes Herz hast. Ich habe immer nur an mich gedacht, Sofies Liebe zu mir wie ein selbstverständliches Geschenk angenommen und gleichzeitig gewollt, dass du mich liebst, und zwar mich allein. Ich war damals wie geblendet, ich war nicht bereit zu erkennen, dass auch du Zuwendung und Wärme brauchtest, ja, dass du sie viel nötiger hattest als ich, wo du doch mit diesem herzlosen Mann verheiratet bist. Und als ich sah, dass dir dieser Benedikt geben konnte, was du immer schon verdient hattest, wurde ich rasend vor Eifersucht. Dabei weiß ich jetzt, wie Recht du hattest, als du mir die leibliche Liebe verweigert hast, denn wir hätten Sofie damit verraten und uns alle unglücklich gemacht. Stattdessen warst du so vernünftig und hast mir deine Freundschaft angeboten, die ich wie ein trotziges kleines Kind mit Füßen getreten habe!
Jeden Tag frage ich mich, wie es dir geht und natürlich auch, ob du mich schon vergessen hast. Auch Lene denkt an dich, das soll ich dir unbedingt ausrichten, und sie wäre längst einmal nach Freiburg gekommen. Doch ihr Mann ist an den Hof von Kaiser Rudolf versetzt worden, und Wien ist kaum weniger weit als Afrika oder Indien. Die Zwillinge sind längst verheiratet und arbeiten beide im Elsass: Carl als Weinbauer und Wilhelm als Metzger. Und was mich betrifft: Ich habe mich nicht wieder vermählt. Mein Schwiegervater, der mittlerweile alt und sehr krank ist, hätte das auch nicht verwunden.
Aber nicht ihm zuliebe bin ich allein geblieben, auch nicht dir zuliebe – ich verspüre einfach kein Bedürfnis, mich an eine Frau zu binden. Stattdessen habe ich mich die letzten zehn, zwölf Jahre in Arbeit gestürzt, das Gasthaus vergrößert und neu ausgestattet, sodass es jetzt das erste Haus am Platz ist, wo Edelleute und Grafen absteigen. Ich könnte zufrieden sein, fühle aber immer häufiger eine große Leere in mir. Außerdem mache ich mir Sorgen um meine beiden Kinder: Aus der kleinen Sofie ist eine erwachsene Frau geworden, die ihrer Mutter aufs Haar gleicht. Leider zeigt sie dieselben Anzeichen von Schwäche und Gebrechlichkeit. Ich habe große Angst, dass es mit ihr das gleiche Ende nimmt wie mit ihrer Mutter. Andreas hingegen ist ein Bär von einem jungen Mann, aber ein Tunichtgut. Er hat jetzt zum zweiten Mal seine Stellung als Lehrling hingeworfen, und ich mache mir Vorwürfe, weil ich mich nie genügend um ihn gekümmert habe.
Doch was erzähle ich dir das alles? Ich fürchte, du hast noch viel größeren Kummer, und ich werde das schlimme Gefühl nicht los, dass ich dazu beigetragen habe. Wie gern wüsste ich mehr von dir, wie gern würde ich dich wiedersehen. Ich finde keine Ruhe, solange ich nicht weiß, dass du mir verzeihst. Ich habe kein Recht mehr, etwas von dir zu fordern, dennoch: Selbst wenn du mir nicht zurückschreiben willst oder kannst, so lass mir doch bitte ein Zeichen zukommen, ob du diesen Brief erhalten hast. Du bist immer noch ein Teil meines Lebens. In Liebe, Christoph.»
Fast zärtlich faltete Catharina die Blätter zusammen und wickelte sie sorgfältig wieder in das braune Papier ein. Lange Zeit blieb sie reglos auf dem Bett sitzen und dachte über das Gelesene nach. Dann musste sie an ihren schrecklichen Traum denken und schüttelte den Kopf.
Nein, Christoph, jetzt ist es zu spät.