18
Michael sah sie ernst an. «Ich habe dich vermisst. Wirklich.»
Catharina antwortete nicht. Sie saßen allein beim Abendessen. Der alte Bantzer lag, wie zumeist in letzter Zeit, tagsüber im Bett und geisterte dafür nachts ruhelos durchs Haus.
«Nun komm schon, Catharina, so etwas kann doch vorkommen. Es war nur ein Geplänkel mit dieser Frau. Ich schwöre dir, das ist jetzt vorbei.»
Was erwartete Michael eigentlich von ihr? Dass sie aufsprang und ihm dankbar um den Hals fiel?
«Ich gehe zu Bett», sagte sie. «Ich bin müde von der Heimreise.»
In der Tür drehte sie sich noch einmal um. «Ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn ich meine Verwandten ab und zu hierher einlade.»
Er schüttelte beflissen den Kopf.
In der nächsten Zeit spürte sie deutlich, wie sich Michael um sie bemühte. Er war zwar nach wie vor oft den ganzen Tag außer Haus oder kam abends erst spät wieder, aber er wurde offener und ließ sie viel mehr als früher an seinem Leben und seinen Aufgaben teilhaben. Im Laufe der Monate entwickelte sich fast so etwas wie eine Freundschaft zwischen ihnen, eine Freundschaft allerdings, die ohne jede Zärtlichkeit oder Begehren war.
Ihre Lehener Verwandtschaft traf sie jetzt fast jede Woche. Entweder kam Sofie in Begleitung von Christoph oder Marthe in das Bantzer’sche Haus, oder Catharina machte sich auf nach Lehen.
Das Verhältnis zwischen ihr und Sofie war durch die gemeinsame Kur sehr herzlich geworden, erreichte aber nie die Innigkeit, die zwischen Lene und ihr bestanden hatte. Durch ihre offene, temperamentvolle Art hatte es Lene immer wieder geschafft, ihre ruhigere Freundin aus der Reserve zu locken. Wie albern, ausgelassen und voller verrückter Einfälle sie beide oft gewesen waren. Christoph hatte ebenfalls etwas von dieser lebenslustigen Art, die auf Catharina ansteckend wirkte.
Mit ihrer neuen Freundin verband sie etwas anderes: Sie konnten stundenlang ernsthafte Gespräche führen. Dabei kam ihr Sofie viel reifer und erwachsener vor als sie selbst. Sofie war ein sehr verstandesbezogener Mensch und vermied es, Dinge wie Gefühle auch nur anzusprechen. Seltsamerweise übertrug sich diese Scheu auf Catharina, und irgendwann fragte sie sich, was an ihrem Wesen eigentlich sie selbst war und was das Spiegelbild der Menschen, die sie umgaben: Bei Tante Marthe war sie das ewige Kind, in den Gesprächen mit Sofie die kluge, nachdenkliche Freundin, bei den wenigen Begegnungen mit Benedikt, dem Gesellen, regte sich die sinnliche Frau in ihr, im Hause Bantzer war sie die umsichtige, etwas kühle Gattin, und Siferlin rief zornige und patzige Züge in ihr hervor. Lediglich mit Christoph fühlte sie sich als Ganzes, und die schmerzliche Überzeugung nahm von ihr Besitz, dass sie an seiner Seite eine ganz andere Frau geworden wäre.
Sie beobachtete, wie hingebungsvoll er sich um seine schwache Frau und seine Familie kümmerte, und liebte ihn mehr denn je. Christoph machte es ihr nicht gerade leicht, denn obwohl er nie wieder auf sein Liebesbekenntnis damals am Peterstor zu sprechen kam, suchte er ihre Nähe und ihren Blick. In solchen Momenten hatte sie Sofies Bemerkung im Ohr, dass sie es nicht ertragen würde, wenn Christoph eine andere Frau liebte. Catharina beschloss, diesem Schwebezustand der Gefühle ein für alle Mal ein Ende zu setzen.
Als Christoph sie wieder einmal in seinem alten Pferdekarren in die Stadt zurückbrachte, sah Catharina die Gelegenheit gekommen. Sie saßen nebeneinander auf dem engen Kutschbock, ihre Leiber berührten sich bei jedem Rütteln. In Catharina flammte die fast schmerzhafte Begierde auf, diesen Mann zu umarmen und nie wieder loszulassen. Sie spürte, wie ihr Körper brannte. In Gedanken zählte sie bis zehn und sprang dann von dem rumpelnden Karren.
Christoph hielt das Pferd an.
«Was ist los, Cathi? Ist dir nicht gut?»
«Wir müssen miteinander reden.» Sie setze sich auf einen Stein am Wegrand. «Ich kann so nicht weitermachen.»
Stirnrunzelnd sah er sie an und stieg vom Wagen. Plötzlich sank er vor ihr auf die Knie.
«Ich weiß, was du sagen willst», murmelte er und bettete seinen Kopf in ihren Schoß.
Wie gern hätte Catharina ihren Gefühlen nachgegeben, aber sie musste jetzt stark sein. Sie musste die Kraft finden, Abstand zwischen sich und ihm zu schaffen.
«Wir werden nie zusammenkommen können, Christoph. Sofie liebt dich, und sie braucht dich sehr. Sie ist krank, und ich habe kein Recht, nur weil ich dich auch liebe, ihr alles zu nehmen, was sie hat.»
Christoph sah auf. «Ich komme nicht dagegen an, Catharina, ich kann nicht aufhören, von dir zu träumen. Die seltenen Male, wenn Sofie und ich im Bett beieinander liegen, denke ich immer an dich. Das ist die einzige Möglichkeit, die mir bleibt, mit dir vereint zu sein. Ist das ein Frevel?»
Catharina fand darauf keine Antwort. Vorsichtig schob sie Christoph von sich und stand auf.
«Und du, Catharina? Wenn du bei deinem Mann liegst – kannst du dann mit ihm schlafen, ohne an mich zu denken?»
«Wir schlafen nicht miteinander.»
«Was?» Ungläubig sah er sie an.
«Schon seit einem Jahr nicht mehr. Er will nicht.»
«Das kann nicht wahr sein. Ich – ich vergehe vor Sehnsucht nach dir, während dieser Mann dich links liegen lässt.» Er fasste sie hart bei den Schultern. «Lass uns zusammen weggehen, in eine andere Stadt, wo uns niemand kennt.»
«Du bist verrückt geworden. Willst du dich dein ganzes Leben lang verstecken? Wir wären ehrlos, alle beide, du weißt doch, was das heißt. Und deine Kinder? Und Sofie?» Sie stockte. Nein, sie hatte Sofie versprochen, ihm nichts von ihren Todesgedanken zu erzählen. Flehend sah sie ihn an. «Nein, Christoph, ich glaube, du hast nicht verstanden, worum es mir geht. Falls wir es nicht schaffen, unsere Liebe aufzugeben, dürfen wir uns nicht mehr sehen. Und damit würde ich nicht nur dich verlieren, sondern auch deine Familie, die mir fast so viel bedeutet wie du. Ich will weiterhin bei euch ein und aus gehen können.»
Christophs Gesicht verdüsterte sich. Er nickte. «Ich werde versuchen, vernünftig zu sein. Wir müssen wenigstens Freunde bleiben.»
Für den Rest des Weges schwieg er.
Müde und niedergeschlagen kam Catharina nach Hause. In einer ähnlich düsteren Stimmung saß Michael am Esstisch. Es war Anfang Juni, und wie jedes Jahr um diese Zeit hatten die Wahlen zum Magistrat stattgefunden.
Catharina setzte sich neben ihren Mann.
«Du bist nicht gewählt worden, nicht wahr?»
Er nickte. «Zwei Stimmen nur haben mir gefehlt.»
Er tat ihr Leid, wie er da so zusammengesunken auf seinem Stuhl saß. Tröstend legte sie den Arm um ihn.
«Nächstes Jahr wirst du es schaffen, ganz bestimmt.»
Wenige Wochen später bat Elsbeth Catharina um ein Gespräch unter vier Augen. Die Hausmagd sah sehr ernst aus.
«Du willst uns doch nicht etwa verlassen?», fragte Catharina besorgt.
«Nein, nein, das ist es nicht. Dem Himmel sei Dank, wenn Ihr mit mir zufrieden seid.» Verlegen sah sie Catharina an. «Es geht um Euch.»
«Um mich?»
«Ihr wisst, dass mich der Klatsch anderer Leute nicht kümmert. Aber auf dem Markt habe ich in letzter Zeit verschiedentlich gehört, wie über Eure Ehe geredet wird. Ich denke, dass Ihr das wissen solltet.»
«Und was reden die Leute über uns?»
«Dass Ihr – nun ja, dass es in Eurer Ehe nicht zum Besten steht, dass Ihr wohl unfruchtbar oder kalt wäret, sonst würde Euer Mann nicht sein Glück bei einer anderen suchen.»
Zornesröte stieg Catharina ins Gesicht. «Was sagst du da? Eine andere Frau?»
«Ich weiß nicht genau, was an dem Geschwätz dran ist, aber ich hab neulich mit eigenen Augen beobachtet, wie Euer Mann mit dieser Frau zusammentraf.»
«Mit welcher Frau?»
«Ich glaube, sie heißt Rebecca, die junge Frau vom Tuchhändler, dem alten Bosch. Man sagt, er sei schon fast blind und seine Angestellten und seine Frau würden ihm auf der Nase herumtanzen.»
Catharina ließ sich auf die Küchenbank sinken. In Liebe für R., dachte sie. Was war Michael doch für ein Lügner! Die ganze Zeit also hatte er sie angelogen und sich weiterhin mit dieser Frau getroffen. Sie musste jetzt genau überlegen, was zu tun war. Sie war nicht wagemutig genug, um davonzulaufen. Sie wusste genau, dass sie hier bleiben und bis zum Schluss an der Seite dieses Mannes verharren würde, denn sie hatte ihm vor Gott, vor der Kirche und vor Zeugen die Ehe versprochen, in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod sie scheide.
Einen kurzen Augenblick lang ging ihr durch den Kopf, in ein Kloster einzutreten. «Keusch lebe ich ja schon», dachte sie bitter. Ihr fiel Hildegard von Bingen ein, von der sie eine kleine Schrift über Heilwissen gelesen hatte. Diese außergewöhnliche Frau hatte sich in der Ruhe des Klosterlebens ganz ihrer Bestimmung widmen können, sie forschte, schrieb Bücher, komponierte und stand im Briefwechsel mit den berühmtesten Männern ihrer Zeit. Sie war eine anerkannte Gelehrte, und das als Frau.
Catharina seufzte. Was für ein Unsinn. Sie war weder so klug wie Hildegard von Bingen, noch hatte sie göttliche Visionen – allenfalls Albträume. Und sie würde sich nie den strengen Regeln des Konvents unterwerfen können. Außerdem waren das andere Zeiten gewesen. Sie wusste, dass in den großen Handelsstädten wie Köln oder Frankfurt vor Jahrhunderten reiche Kauffrauen gelebt hatten und Meisterinnen, die Lehrlinge ausbilden durften. Auch in anderen Städten hatte es reine Frauenzünfte gegeben. Was war dagegen heute eine Frau wert, wenn sie nicht an der Seite eines Mannes stand?
Nein, sie hatte keine andere Wahl, als sich – wie es die Köchin ausdrücken würde – an dem für sie bestimmten Plätzchen, so gut es ging, einzurichten. Aber sie würde Michael Bedingungen stellen.
«Weißt du eigentlich, was über mich geredet wird?»
Michael sah sie überrascht an. «Nein, was denn?»
«Dass ich unfruchtbar sei, zum Beispiel.»
Er zuckte die Schultern. «Tatsache ist, dass wir nun mal keine Kinder haben.»
«Dann pass nur auf, dass nicht Rebecca, die Frau des Tuchhändlers, Kinder von dir bekommt.»
Michael wurde rot. «Was redest du da?»
«Ich rede gar nichts. Die Leute auf dem Markt posaunen herum, dass du eine Geliebte hast.»
«Geliebte, Geliebte – was soll das? Vielleicht unterhalte ich mich mit ihr ein bisschen öfters und länger als mit den Frauen anderer Kunden. Sie hat mir von Anfang an Leid getan, weil sie mit diesem Tattergreis verheiratet ist.»
«Und aus lauter Mitleid gehst du ab und zu mit ihr ins Bett?»
Michael sagte nichts dazu. Das Gespräch schien ihm sichtlich unangenehm.
«Jetzt hör mir mal gut zu.» Catharina ging mit großen Schritten auf und ab. «Ich weiß, dass es zwischen uns nicht so ist, wie es zwischen Eheleuten sein sollte, und ich kann nicht sagen, ob es an dir oder mir liegt. Aber eins weiß ich: Ich will nicht zum Gegenstand irgendwelcher Tratschgeschichten werden. Ich habe die Nase voll von diesen Lügen. Mach, was du willst mit deinen Weibern, aber mache es heimlich und sorge dafür, dass die Gerüchte aufhören – egal wie. Du kannst ja Siferlin damit beauftragen, er scheint mir für solche Dinge bestens geeignet.» Sie blieb stehen und sah ihn an, doch er entgegnete immer noch nichts.
«Du schweigst? Weißt du was? Wenn mir solches Geschwätz nochmal zu Ohren kommt, werde ich ganz andere Gerüchte über dich in die Welt setzen.»
Michael lachte verächtlich. «Du drohst mir also. Du, Catharina Stadellmenin, Tochter eines kleinen Marienmalers, drohst mir!»
«Du weißt doch nichts Besseres, als mich immer wieder klein zu machen. Ich bin vielleicht von geringerem Stand als du, aber ich bin nicht dumm. Du weißt genau, dass du im Unrecht bist. Jeder geistliche und weltliche Richter würde bestätigen, dass du kein Recht hast, mich zu betrügen, da ich dir keinen Anlass dazu gebe. Also halt dich besser zurück – oder willst du, dass wir vor Gericht weiterreden? Und jetzt sage ich dir noch etwas: Geh deiner Wege, geh täglich zu deiner Rebecca, aber mache mir keine Vorschriften mehr über mein Leben.»
Bei ihren letzten Worten ging sie hinaus und warf die Tür hinter sich zu. Sie hatte sich die ganze Zeit beherrscht, aber jetzt, wo sie in ihrer Kammer auf dem Bett saß, sackte sie in sich zusammen und schluchzte wie ein kleines Mädchen. Diesen Zwist mochte sie gewonnen haben, aber sie wusste auch, dass es mit Michael auf Dauer nicht gut gehen würde.
Der Sommer verlief ohne weitere Zwischenfälle oder Streitereien. Michael schien großen Wert darauf zu legen, dass der Hausfrieden gewahrt blieb. Er verhielt sich Catharina gegenüber zurückhaltend, aber höflich. An manchen Abenden erkundigte er sich sogar, wie sie ihren Tag verbracht hatte. Ansonsten jedoch konnte von Familienleben keine Rede sein.
«Ich weiß gar nicht, für wen ich den ganzen Tag in der Küche stehe», murrte Barbara. «Der alte Herr liegt nur im Bett herum und hat keinen Appetit, Euer Mann ist ständig außer Haus, und Ihr rührt von dem, was ich Euch hinstelle, kaum etwas an. Wenigstens verschmähen die Männer in der Werkstatt mein Essen nicht.»
Catharina gab ihr Recht und nahm von nun an, wenn sich nicht gerade Besuch ankündigte, die Mahlzeiten mit den beiden Frauen in der Küche ein. Die belanglosen, fröhlichen Gespräche mit ihnen taten ihr gut, und bald ließ Barbara durchblicken, dass sie in die Verhältnisse in Catharinas Ehe eingeweiht war.
«Ich bin zwar nur Eure Köchin», sagte sie. «Aber wollt Ihr trotzdem meine Meinung wissen?»
«Ja», erwiderte Catharina. «Sprich nur.»
«Also: Ich sehe, wie Euer schönes Gesicht grauer und faltiger wird, und jünger werdet Ihr auch nicht. Seht Euch nach einem netten Mann um. Gott fordert von der Ehe, dass sich Mann und Frau achten und sich vereinigen. Er kann aber nicht erwarten, dass die Frau einsam ist und verkümmert, während ihr Mann seinen Spaß mit anderen Frauen hat. In diesem Fall braucht die Frau, wenn sie noch jung ist, einen Geliebten, sonst wird sie irgendwann krank.»
«Dann würde die Frau in den Augen Gottes aber dasselbe Unrecht begehen», sagte Catharina.
«Nein, denn Gott ist gütig und würde erkennen, dass es so etwas wie Notwehr ist. Das ist jedenfalls meine Ansicht. Ihr braucht jemanden, der zärtlich mit Euch ist und Euch schätzt.»
Sie sah zu Elsbeth und räusperte sich.
«Nun ja», sagte Elsbeth daraufhin in ihrer bedächtigen Art. «Es steht uns nicht zu, dass wir uns in Eure Angelegenheiten mischen. Wir möchten Euch nur wissen lassen, dass Ihr auf uns zählen könnt. Falls Ihr also jemanden kennen lernt – wir würden kein Sterbenswörtchen verraten.»
Als habe dieses Gespräch etwas in ihr ausgelöst, suchte Catharina nun öfters die Begegnung mit Benedikt. Sie war vorsichtig, denn sie wusste, dass Hartmann Siferlin jeden ihrer Schritte beobachtete.
Nach wie vor ging sie gern in den frühen Abendstunden spazieren. Da die häufigen Überfälle infolge der Teuerung und Missernten anhielten, war es für eine Frau allein nicht ratsam, sich unbewaffnet auf das Land zu wagen. Catharina zog daher den Stadtgraben vor, den sie zwar längst in- und auswendig kannte, der ihr aber immer noch angenehmer war als die engen Gassen. An jenem lauen Abend Ende September, der ihr Leben für die nächsten Jahre entscheidend verändern sollte, saß sie in der Abendsonne und beobachtete ein paar Kinder beim Ballspiel. Als die Sonne hinter der Stadtmauer verschwand, begann sie zu frösteln, und sie beschloss, heimzugehen. Da sah sie Benedikt auf sich zukommen. Mit einem unsicheren Lächeln begrüßte er sie.
«Wie schön, Euch zu treffen», sagte Catharina. «Was für ein Zufall.»
«Ja», entgegnete Benedikt. «Das heißt, nein. Um ehrlich zu sein: Es ist kein Zufall, dass ich hier bin. Ich weiß, dass Ihr oft im Stadtgraben spazieren geht. Und heute war ich mit der Arbeit früher fertig.»
Sie schwiegen beide. Benedikt setzte sich ihr gegenüber auf die Wiese und rupfte Grashalme aus.
Er hat schöne Hände, dachte Catharina. Schmal und fein, wie ein Künstler. Ihre innere Ruhe war verflogen. Sie spürte, wie ihr Herz schneller pochte. Dann ging ihr durch den Kopf, dass sie hier, genau an dieser Stelle, zum ersten Mal mit Michael zusammen gewesen war.
«Wohnt Ihr hier in der Nähe?», fragte sie.
«In der Predigervorstadt, direkt beim Lehener Tor. Ich hab ein kleines Zimmer dort.»
Catharina wusste selbst nicht, woher sie plötzlich die Kühnheit nahm, ihn zu fragen, ob er ihr sein Zimmer zeigen würde. Benedikt nickte nur, und sie gingen wortlos das kleine Stück bis zum Tor. Schräg gegenüber stand ein schmales heruntergekommenes Fachwerkhaus. Durch eine verwitterte Holztür, die schief in den Angeln hing, traten sie in einen dunklen Flur. Es roch nach Schimmel und Urin.
Wie ärmlich es hier aussieht, dachte Catharina, als sich ihre Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten. Dann folgte sie Benedikt in sein Zimmer, das gleich im Erdgeschoss nach hinten hinaus lag. Sie war überrascht: Die Wände waren frisch geweißelt, auf den Dielenbrettern fand sich kein Krümchen, auf zwei Strohsäcken lagen ordentlich zusammengelegte Decken, und aus dem geöffneten Fenster drang der süße Duft verblühender Rosen, die in hohen Büschen im Hinterhof wuchsen.
«Mit wem teilt Ihr das Zimmer?», fragte sie.
«Mit einem Messerschmied. Ein sehr ruhiger und freundlicher Zimmergenosse.»
Benedikt beugte sich aus dem Fenster und brach eine rote Blüte ab. Immer noch verlegen, überreichte er sie Catharina.
«Ihr wisst, wie sehr ich Euch verehre, nicht wahr?»
Catharina legte die Rose auf die Kommode und nahm seine Hände in ihre. Beider Hände waren feucht vor Aufregung. «Und Ihr wisst, dass ich eine verheiratete Frau bin.»
Fast traurig betrachtete Benedikt sie und nickte. «Ja, ich weiß. Und beides geht nicht gut zusammen.»
Dann zog er sie neben sich auf die Schlafstatt. Catharina beugte sich vor und küsste ihn vorsichtig auf den Mund. Wie lange schon hatte sie keinen Mann mehr geküsst! Benedikt öffnete seine Lippen, wie um sie einzuladen, mehr zu fordern. Ihre Zunge erforschte seine Lippen, seinen Mund, sein Gesicht, und eng umschlungen streckten sie sich auf dem schmalen Strohsack aus.
Es war so überraschend einfach mit Benedikt. Er gab ihr alles, was sie als Frau so lange Zeit vermisst hatte. Nicht nur körperlich begehrte er sie – und dabei war er ein leidenschaftlicher Liebhaber, der zugleich zärtlich und stürmisch auf ihre Bedürfnisse einging –, sondern auch geistig: Über Gott und die Welt suchte er das Gespräch mit ihr und schätzte ihre Meinung. Er bedauerte oft, dass er so wenig wusste und in seinem Leben so wenig Gelegenheit zum Lernen gehabt hatte, doch für Catharina war er einer der klügsten Männer, die ihr je begegnet waren. Sie genossen jeden Augenblick miteinander. Dennoch sprachen sie nie über eine gemeinsame Zukunft, denn sie wussten: Sie hatten keine.
In den ersten Tagen ihrer Liebschaft vermieden sie es, sich im Hof oder der Werkstatt zu begegnen. Doch ihnen wurde schnell bewusst, dass die geringste Verhaltensänderung den Argwohn der anderen Männer oder Hartmann Siferlins auf sich ziehen konnte. So versuchten sie, zu ihrem unbekümmerten Umgangston zurückzufinden.
Catharina musste sich zusammenreißen, nicht häufiger als bisher in die Werkstatt zu gehen, denn sie sehnte sich täglich mehr nach seiner Nähe. Sie liebte ihn nicht, doch sie genoss diese Freundschaft wie ein warmes Bad, und die heimlichen Zusammenkünfte in seinem kleinen Zimmer waren ihr viel zu selten.
Inzwischen besuchte sie einmal in der Woche, jeden Samstag, ihre Familie in Lehen. Es war zur Gewohnheit geworden, dass Christoph oder einer der Zwillinge am Morgen in der Stadt Erledigungen machte, anschließend Catharina abholte und sie mit nach Lehen nahm. Am frühen Abend kehrte sie zurück, sicherheitshalber brachte einer der Männer sie bis zum Stadttor. Von dort schlich sie sich dann, das Kopftuch tief ins Gesicht gezogen, zu Benedikt, der an den Samstagabenden in der Regel allein war, da sein Mitbewohner an diesem Tag gleich nach Feierabend seine zukünftige Frau zu besuchen pflegte. Sie liebten sich, ohne dass ihr Zusammensein an Reiz verlor.
Der einzige Schatten, der sich über diese Zeit legte, war Catharinas schlechtes Gewissen. Nicht Michael gegenüber, der noch nie das geringste Anzeichen von Eifersucht gezeigt hatte – nicht einmal dazu ist er fähig, dachte Catharina voller Grimm –, nein, sie hatte vielmehr das Gefühl, Christoph zu betrügen. Besonders schlimm waren die Augenblicke, wenn er sie bis zum Lehener Tor begleitete und sich mit einem brüderlichen Kuss von ihr verabschiedete.
«Ich freue mich auf nächsten Samstag», sagte er dann jedes Mal und winkte ihr nach, bis sie durch das Tor verschwunden war. Er ahnte nicht einmal, dass sie wenige Augenblicke später in den Armen ihres Liebhabers lag. Sie fragte sich später oft, ob sie nicht von Anfang an hätte offen zu ihm sein sollen. Aber für sie selbst war alles noch so neu, und sie wusste auch, wie sehr ihn ihre Beziehung zu Benedikt verletzt hätte.
Wen sie nicht täuschen konnte, waren Barbara und Elsbeth.
«Wie glücklich Ihr ausseht», sagte Elsbeth, als sie an einem stürmischen Oktoberabend in der Küche beim Essen saßen. Verlegen wie ein ertapptes Kind löffelte Catharina ihre Suppe.
«Ja, es geht mir gut.»
«Ihr habt eine gute Wahl getroffen», fügte Barbara hinzu.
«Woher wisst ihr, wer –» Catharina stockte.
«Wir haben doch Augen im Kopf», entgegnete Barbara. «Aber keine Angst: Euer Mann weiß mit Sicherheit nichts. Er ist viel zu beschäftigt.»
«Es freut mich, dass Catharina in letzter Zeit so fröhlich und ausgeglichen ist.» Bantzer schlug Siferlin freundschaftlich auf die Schulter. «Jede andere Frau würde jammern und klagen, wenn ihr Gemahl so wenig Zeit hätte wie ich. Aber dafür laufen die Geschäfte auch märchenhaft, nicht wahr, mein lieber Hartmann?»
Siferlin nickte, ohne von den Büchern aufzusehen. Vielleicht hat sie gute Gründe für ihre strahlende Laune, dachte er.
«Hin und wieder braucht es eben einen deftigen Streit, das reinigt die Luft. Weißt du, Hartmann, es ist manchmal eine Last mit den Frauen, und du tust gut daran, Junggeselle zu bleiben. Dennoch glaube ich, mit meiner Catharina kein schlechtes Los gezogen zu haben. Mit ihrer klugen Zurückhaltung lässt sich zurechtkommen.»
Bantzer streckte sich genüsslich, nur um im nächsten Moment mit einem Aufschrei zusammenzuzucken.
Siferlin kniff die Augen zusammen. «Was ist?»
«Der verdammte Rücken – seit meinem Sturz neulich vom Pferd wollen die Striemen nicht heilen. Schick bitte den Lehrbuben nach einem Tiegel Ringelblumensalbe. Aber meine Frau soll davon nichts erfahren.»
«Selbstverständlich. Aber vielleicht sollte doch besser der Bader kommen.»
Bantzer hob abwehrend die Hände. «Nein, um Himmels willen. Wegen solch einer Lappalie.»
Lappalie. Siferlin konnte das Zittern seiner Hände kaum verbergen, als er sich wieder über das Auftragsbuch beugte. Von wegen Sturz vom Pferd. Er hatte mit eigenen Augen gesehen, wie das Blut den Rücken hinuntergelaufen war, hatte Bantzers Schmerzensschreie gehört, als diese Furie wieder auf ihn eingeschlagen hatte. Ihm schwindelte.
Durch Zufall hatte er das Liebesnest von Bantzer und der Frau des Tuchhändlers entdeckt. Er hatte nach einer Bestellung seine beste Schreibfeder in der Lagerhalle des Händlers vergessen und war zurückgeeilt, als er an dem alten Lagerschuppen vorbeikam, der halb in die Stadtmauer eingelassen war. Von dem alten Tuchhändler wusste er, dass diesen Schuppen seit Jahren kein Mensch mehr betreten hatte, seitdem darin ein grässlicher Mord geschehen war. Doch jetzt war der Riegel zurückgeschoben, die Tür nur angelehnt.
Fühlte sich Siferlin in seiner äußeren Gestalt von Gott und der Natur nicht gerade begünstigt, so besaß er doch eine Eigenschaft, auf die er stolz war: Ihm entging nicht die kleinste Veränderung in seiner Umgebung. Jeder andere wäre an dieser verwitterten Holztür vorübergegangen, doch Siferlin sah sofort, dass hier vor kurzem jemand eingetreten war. Seine Drang, alles auszukundschaften, trieb ihn dazu, so lautlos wie möglich in den dunklen Schuppen zu schlüpfen. Ein schmaler Gang führte tief in das Mauerwerk der Stadtbefestigung. Schon nach wenigen Schritten hörte er das klatschende Geräusch und die unterdrückten Schreie. Angst packte ihn, doch seine unersättliche Neugier trieb ihn vorwärts. Was er dann erblickte, ließ ihm den Atem stocken.
Im Schein zweier Fackeln kauerte sein Brotherr auf allen vieren, nackt, schweißglänzend, mit geschwollenem Glied. Hinter ihm stand Rebecca, eine Reitpeitsche in der erhobenen Hand. Ihr schönes Gesicht war zu einer hasserfüllten Fratze verzogen.
«Du denkst an andere Frauen, wenn du mit mir vögelst. Gibst du es endlich zu, du Schweinehund?»
Wieder knallte die Peitsche auf Bantzers Rücken. Siferlin zuckte zusammen. Wie gelähmt stand er da, konnte den Blick nicht losreißen von dieser grausamen Frau und dem winselnden Mann, blieb bebend und mit offenem Maul stehen, bis Bantzer in schmerzhafter Wonne um Gnade flehte und Rebecca sich endlich, endlich rittlings auf seiner Rute niederließ.
Siferlin verstand die Welt nicht mehr. Was ließ sich Bantzer nur antun von dieser Bestie? Wie unglücklich musste er mit der Stadellmenin sein, wenn es ihn zu diesen Schmerzen trieb. Tränen des Mitleids liefen über Siferlins Wangen, nachdem seine Erregung endlich abgeklungen war und er wieder ins Tageslicht trat.
Immer wieder zog es ihn fortan als heimlichen Zuschauer zu Bantzers Stelldichein. Wie sein Herr wurde er zu einem Gefangenen der grausamen Lust, und er vergaß dabei vollkommen seinen Vorsatz, Catharina Stadellmenin im Auge zu behalten.
Die Tage wurden kürzer. Inzwischen herrschte Nacht, wenn Catharina von ihren Besuchen bei Benedikt zurückkehrte. Sie wusste, dass es sich für eine Frau nicht schickte, bei Dunkelheit allein durch die Straßen zu gehen, doch sie wagte nicht, sich einen Fackelträger zu mieten, denn diese Leute waren für alles andere als für ihre Verschwiegenheit bekannt. So huschte sie jedes Mal wie ein verfolgtes Tier durch eine unbewachte Nebenpforte in die Innenstadt und dann auf dem kürzesten Weg nach Hause. Es war vorauszusehen gewesen, dass sie eines Abends von der Stadtwache gestellt würde.
«Halt! Stehen bleiben!»
Catharina zuckte zusammen. Vom Klosterhof St. Peter kam mit schnellen Schritten ein Wächter auf sie zugelaufen und leuchtete mit seiner Laterne in ihr Gesicht.
«Wer seid Ihr? Nehmt sofort das Tuch aus dem Gesicht.»
Gehorsam schob sie sich das Kopftuch zurück.
«Oh – die Bantzerin», stotterte der Stadtwächter. «Verzeiht, ich habe Euch nicht erkannt. Aber Ihr wisst ja selbst, dass ich in diesen gefährlichen Zeiten meine Pflicht tun muss. Darf ich Euch nach Hause begleiten?»
Catharina nickte seufzend. Ganz offensichtlich war sie stadtbekannt. Ihr wurde klar, dass sie, zumindest jetzt in den Wintermonaten, ihre abendlichen Besuche bei Benedikt einstellen musste, wenn sie nicht wollte, dass ihr Verhältnis ans Licht kam.