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Jockl, der Ziegenbock der Tante, war entlaufen. Jockl hatte die einzige Aufgabe, hin und wieder Deckgeld einzubringen. Denn er war ein wunderschönes Tier, ansonsten aber eigensinnig und störrisch. Jemand hatte das hintere Hoftor offen gelassen, und anstatt die Gelegenheit zu nutzen und den Obstgarten abzuweiden, hatte Jockl die Flucht ergriffen. Die Zwillinge Carl und Wilhelm suchten am nahen Flussufer, Marthe und Lene auf der Hasenweide, und Christoph und Catharina wurden zum Lehener Bergle geschickt.
Es war ein sonniger Frühsommertag Ende Mai. Sie setzten sich auf einen Stein oben auf dem Hügel und schauten hinüber zur Stadt. Aus dem Dunst erhob sich der Turm des Münsters in den wolkenlosen Himmel, dahinter zogen sich, noch ganz schwach erkennbar, die Burggemäuer den Berg hinauf. Christoph nahm einen Grashalm zwischen beide Hände und pfiff durch die kleine Öffnung zwischen den Fingern. Dann warf er den Halm weg.
«Komm, ich erkläre dir das Tric-Trac-Spiel», sagte er und sprang auf.
Catharina wehrte ab. Christoph hatte sich verändert seit seiner Krankheit, niemals schien er zur Ruhe zu kommen. Catharina jedenfalls mochte jetzt lieber neben ihm in der warmen Sonne sitzen und nichts tun. Allenfalls nach Jockl Ausschau halten. Da unten, am Waldrand, schimmerte da nicht das braunweiß gescheckte Fell von Jockl durch die Sträucher? Sie erhob sich und kniff die Augen zusammen.
«Catharina –»
Fast erschrocken drehte sie sich um. Lautlos war ihr Vetter dicht an sie herangetreten und sah sie mit geröteten Wangen an. Nach einem Moment angespannten Schweigens streckte er die Arme nach ihr aus und zog sie, gleichermaßen ungestüm wie unbeholfen, an sich. Sie spürte seine zitternden Finger über ihren Rücken, dann ihren Nacken streichen, und fast gleichzeitig durchlief sie ein wohliger Schauer, der sie die Augen schließen ließ. Sachte, wie ein Windhauch, glitten seine Lippen über ihr Gesicht, und sie legte ihm ihre Arme um die Schultern.
«Du bist so schön, Cathi», flüsterte er und presste sie an sich. Sein Atem ging schneller. Plötzlich sah sie Johanns feistes Gesicht vor sich. Sie riss die Augen auf und stieß ihren Vetter zurück.
«Was ist los?» Flehentlich sah er sie an.
Sie schüttelte den Kopf. Christoph traf keine Schuld – doch der Zauber des Augenblicks war zerstört. Sie trat einen Schritt zurück.
«Geh nicht weg.» Christoph nahm ihre Hand.
«Lass mich los.» Sie schüttelte ihn ab, heftiger, als sie beabsichtigte. Enttäuschung und Unverständnis zeichneten sich auf seinem Gesicht ab.
«Glaubst du, ich würde dir wehtun? Ist es das? Ich bin nicht so – so unerfahren, wie du vielleicht denkst.»
«Ach nein?» Sie konnte den spöttischen Klang in ihrer Stimme nicht unterdrücken. «Dann hast du eine Geliebte, die dir alles beibringt?»
«Nein, Unsinn», stotterte er. «Ich bin noch nie bei einer Frau gelegen, von der Müllersmagd –» Er stockte, doch es war zu spät. Catharina stieß ihn so heftig von sich, dass er rücklings ins Gras fiel, und rannte davon.
Er hatte alles verpatzt.
In jenen Wochen gingen sich die beiden aus dem Weg, Christoph mit einer Leidensmiene, die einen Stein hätte erweichen können, Catharina hingegen verbissen und wütend. Zunächst wollte sie mit mir nicht über ihren Kummer reden, doch als ich ihr auf den Kopf zusagte, dass sie in Christoph verliebt sei, fuhr sie mich an:
«Bist du verrückt? In diesen Gockel? Soll er sich doch mit seinen Dienstmägden vergnügen.»
«Was bist du nur für eine Mimose. Er hat dir doch nichts getan.»
«Was weißt du schon – warst du etwa dabei?»
«Nein, aber ich kenne ihn. Er ist schließlich mein Bruder. Und außerdem noch ein halber Junge.»
«Diesmal war es anders.» Catharinas Stimme wurde leiser. «Es hat mir Angst gemacht.»
Manchmal frage ich mich, ob Catharinas Schicksal damals nicht seinen Anfang genommen hat. Und ob nicht alles anders gekommen wäre, wenn ich meinen Mund gehalten hätte.
«Haben Christoph und Cathi sich gestritten?», fragte mich meine Mutter ein paar Tage später.
«Nein, im Gegenteil, sie sind bis über beide Ohren verliebt.»
Mutter sah mich weniger überrascht als vielmehr betroffen an. Im selben Moment wusste ich, dass ich aus purer Missgunst ein Geheimnis verraten hatte. Schon den vorangegangenen Winter, wenn wir abends in der Küche zusammengesessen hatten, fand ich es unerträglich, mit welch schmachtenden Blicken Christoph unsere Base beobachtete. Ich selbst hatte für ihn völlig an Bedeutung verloren.
Durch meinen Verrat erst setzte ich etwas in Gang, was womöglich sonst irgendwann als kindliche erste Liebe im Sande verlaufen wäre.
Ach, Marthe-Marie, könnte man das Rad der Zeit nur ein einziges Mal zurückdrehen.
***
Eines Tages kam ein Freund von Catharinas Vater mit schlechten Nachrichten.
«Hieronymus hat seit ein paar Tagen Fieber, dazu Pusteln am ganzen Körper. Aber er will weder Bader noch Chirurg ins Haus lassen. Vielleicht solltet ihr nach ihm sehen.»
Catharina warf ihrer Tante einen flehenden Blick zu.
«Du kannst gleich morgen zu ihm», sagte Marthe. «Aber wegen Hiltrud möchte ich nicht, dass du allein gehst.»
«Ich begleite sie», rief Christoph. Catharina sah ihn verstohlen an. Nichts schien ihm im Moment wichtiger, als wieder einzurenken, was zwischen ihnen aus den Fugen geraten war.
«Nein.» Marthes Antwort kam unerwartet scharf. «Du weißt doch, was Hiltrud gesagt hat, dass sie keinen von uns sehen will. Dir oder Lene würde sie die Tür vor der Nase zuschlagen. Besser, ich gehe mit, es ist schließlich mein Bruder. Wenn er tatsächlich ernsthaft krank ist, muss ich ihn sehen. Und wenn ich mir mit der Stadtwache Eintritt verschaffen muss.»
Am nächsten Morgen brachen sie zeitig auf. Marthe wirkte ungewohnt besorgt. In der Stadt waren in letzter Zeit wieder vermehrt Fälle von Blattern aufgetreten.
Grußlos öffnete Hiltrud ihnen die Tür und zog sich in die Küche zurück. Im abgedunkelten Schlafzimmer war es stickig und stank nach Kräuterbranntwein, Schweiß und Urin. Neben dem Bett saß der Bader. Demnach war es also doch so ernst, wie Catharina befürchtet hatte. Sie bekam vor Aufregung kaum noch Luft. Beklommen setzte sie sich auf den Bettrand und nahm Vaters Hand. Sie war eiskalt. An der Innenseite seines Handgelenks klebte Blut.
«Vater, bist du wach? Kannst du mich hören?»
Es dauerte eine Weile, bis er reagierte. Langsam wandte er ihr den Kopf zu und drückte ihre Hand. Catharina war entsetzt darüber, wie verändert ihr Vater aussah. Mager und eingefallen, die Augen zu einem schmalen Spalt geschlossen, die Haut wie schmutziges Wachs und am Hals und an der Schläfe diese roten Flecken, von denen einige entzündet waren und eiterten – das war nicht mehr der Mensch, auf dessen Knien sie einst als Ritter gegen feindliche Mächte ins Feld gezogen war und der mit sicherer Hand Bildstöcke und Altarbilder entwarf.
Auch Marthe war offensichtlich entsetzt, wenn auch aus einem anderen Grund.
«Ich hab weiß Gott schon viele Krankenzimmer gesehen», schimpfte sie, «aber hier sieht es schlimmer aus als im Armenspital.»
Angewidert starrte sie auf das schmutzige Bett und das zerrissene Nachthemd ihres Bruders, auf dem sich Speisereste und Kotflecken abzeichneten. Sie riss die Tür zum Flur auf und brüllte hinaus:
«Hiltrud, du bringst sofort ein frisches Nachthemd und Bettlaken.»
Dann öffnete sie das Fenster und kippte wütend den Inhalt des übervollen Nachttopfs hinaus. Frische Morgenluft strömte herein. Sie wandte sich an den Bader.
«Wie steht es um ihn?»
«Jetzt ist er natürlich ziemlich schwach, ich hab ihn vor einer halben Stunde zur Ader gelassen. Aber die Blattern sind es sicher nicht, er hätte sonst Bläschen auf den Rachenmandeln. Und die Urinschau ergibt auch keinen Befund in dieser Richtung.»
«Wieso hat mein Vater dann überall diese Flecken und Pusteln?», fragte Catharina mit zitternder Stimme.
«Die Säfte, immer wieder die Säfte! Ihr seht ja, die Gifte, die in den Organismus eingedrungen sind, wollen wieder hinaus, daher die Pusteln. Die natürliche Ordnung der Kardinalsäfte ist zerrüttet – damit meinen wir Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle. Die müssen wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Da hilft Schröpfen oder Aderlass. Ist die Krankheit weiter fortgeschritten wie hier beim Stadellmen, dann ermüdet der Aderlass den Kranken zunächst. Aber nur so hat der Körper die Möglichkeit, mit sich wieder ins Reine zu kommen. Gleichzeitig hilft Schwitzen – dabei sollte der Körper allerdings sehr sauber gehalten werden.» Ein wenig hilflos blickte er bei diesem Satz zu Marthe. «Und wenn gar nichts hilft, müsste ich eine Fontanelle setzen. Aber das wollen wir nicht hoffen.»
Der Bader schien erschöpft, denn für seine Verhältnisse hatte er eine lange Rede gehalten. Aber er kannte Catharina von klein auf und hatte wohl Mitleid mit ihr, wie sie da zusammengesunken auf dem Bettrand kauerte.
«Was ist das, eine Fontanelle setzen?», fragte Catharina leise, als der Bader gegangen war.
«Neben einer besonders stark entzündeten Stelle wird ein tiefer Schnitt gemacht, damit die schädlichen Säfte abfließen können. Wenn du mich fragst: Es nützt nicht viel.»
Mühsam hob Hieronymus den Kopf. «Einer meiner Zunftbrüder ist daran gestorben.»
Catharina schrak zusammen, weniger über diesen Satz als über die gebrochene Stimme ihres Vaters.
«Kennst du noch den Spruch unserer Großmutter Agnes?», fuhr er fort. «Wer sind die freiesten Leute? Henker und Arzt, weil sie fürs Töten nicht bestraft, sondern entlohnt werden.»
Dann verlor er das Bewusstsein.
Eine Woche später schien der Vater über den Berg. Er war wieder bei sich und freute sich über die Besuche seiner Tochter und seiner Schwester. Hemd und Bettzeug waren sauber, und das Krankenzimmer wurde offensichtlich regelmäßig gereinigt. Marthe hatte in der Woche zuvor unter vier Augen mit Hiltrud gesprochen und ihr mit scharfen Worten nahe gelegt, ihren Mann besser zu versorgen, ansonsten werde sie sich an die Zunft und an das Gericht wenden.
Catharina ahnte, dass es ihrem Vater ein Grauen sein musste, den ganzen Tag im Bett zu liegen, abhängig von den Launen seiner Frau. Sooft es möglich war, besuchte sie ihn und brachte frisches Obst und Säfte zur Stärkung mit. Catharina genoss das Alleinsein mit ihrem Vater, wenn es sie auch sehr schmerzte, mit ansehen zu müssen, wie er immer hinfälliger wurde. Er redete kaum, bat stattdessen seine Tochter, von ihrem Alltag zu erzählen, von ihrer Arbeit, den Gästen, von Lene und Christoph. Meist schlief er dabei irgendwann ein.
Es wurde Hochsommer, bis er endlich wieder arbeiten konnte, wenn auch zunächst nur stundenweise. Das Geld war längst knapp geworden, und er hatte sich an die Zunft mit der Bitte um Unterstützung gewandt. Die Zunftversammlung jedoch lehnte jegliche Geldzuwendungen ab, da sich herausgestellt hatte, dass Hiltrud noch über ein beträchtliches Erbe von ihrem ersten Mann verfügte. Hieronymus hatte davon nichts gewusst, und es kam zu einem hässlichen Streit zwischen ihnen. Hiltrud musste sich dem Beschluss der Zunft beugen und ihr Erbe für den täglichen Unterhalt einbringen.
Catharina und Christoph hatten sich mittlerweile versöhnt, die alte Ungezwungenheit stellte sich aber nicht wieder ein. Wo die Arbeit es erforderte, waren sie zusammen, ansonsten kümmerte sich Catharina um ihren Vater oder hielt sich an Lene und die Zwillinge. Manchmal wollte sie einfach allein sein. Über den Vorfall auf dem Lehener Bergle hatten sie und Christoph nie wieder ein Wort verloren. Einzig und allein ihrer Base hatte sie irgendwann Einzelheiten über jenen Nachmittag erzählt und ihrer Enttäuschung über Christophs Verhältnis mit der Magd Luft gemacht.
«Das hat doch überhaupt nichts zu bedeuten», hatte Lene sie zu trösten versucht. «Weißt du denn nicht, dass die Müllersmagd für sämtliche Burschen im Dorf die Beine breit macht?»
Catharina kam sich in diesem Sommer zum ersten Mal alt und erwachsen vor. Ihr Bild von der Welt hatte sich verändert. Sooft sie Zeit hatte, zog sie sich an ihren Lieblingsplatz zurück, einen kleinen Buchenhain am Dreisamufer, gleich hinter Marthes Obstgarten. Dorthin kam keine Menschenseele, dort saß sie ungestört und konnte die Flöße und Kähne beobachten und nachdenken.
Christoph wusste um diesen Ort, denn er hatte Catharina in der ersten Zeit nach jener unglückseligen Umarmung auf Schritt und Tritt beobachtet. Er nahm es hin, dass sie dort allein sein wollte, wenn er auch zu gern gewusst hätte, worum sich ihre Gedanken drehten.
Ein einziges Mal nur wagte er es, Catharina an ihrem geheimen Ort aufzusuchen. Die heißen Tage waren dem Altweibersommer gewichen, und Spinnen zogen ihre im Abendlicht glitzernden Fäden. Christoph rannte den ganzen Weg vom Gasthof bis an den Fluss, quer durch das Wäldchen mit seinem sumpfigen Boden. Dann ließ er sich keuchend neben Catharina auf die Uferböschung sinken.
«Verzeih, dass ich dich störe, aber ich wollte dir nur sagen, dass meine Mutter gerade eine zweite Dienstmagd eingestellt hat.» Er schnappte nach Luft.
«Wie schön für dich. Aber für mich sind Dienstmägde nicht besonders aufregend», gab Catharina schnippisch zurück.
«Bitte, hör auf damit. Darum geht es auch gar nicht. In zwei Wochen ist doch der große Michaelismarkt in Freiburg, und wenn sich die neue Magd bis dahin gut einarbeitet, können wir alle drei, Lene, du und ich, zusammen nach Freiburg. Wir dürfen schon mittags los und können bleiben, bis die Stadttore zumachen. Ist das nicht wunderbar?»
Er bemerkte, wie ein Leuchten über ihr Gesicht glitt.
«Ist das wahr?»
«Ja. Stell dir vor, zum ersten Mal haben wir alle drei gemeinsam Ausgang. Es soll eine Wanderbühne auftreten, und am Nachmittag findet ein großes Tanzfest mit vielen Musikanten statt.»
Glücklich sah Christoph, wie sich Catharina von seiner Begeisterung anstecken ließ. Er konnte nicht ahnen, dass die Anstellung einer zweiten Dienstmagd einen ganz bestimmten Grund hatte.