15.

Es war ein flaches Paket, nur etwa daumendick, in gewachste Leinwand geschnürt und versiegelt. Salzwasser, das inzwischen wieder getrocknet war, hatte weißgeränderte Flecken darauf hinterlassen. An den Ecken war es angestoßen und schmutzig geworden von vielen Händen, die es berührt hatten, aber das Siegel war unverletzt. Und auf welch verschlungenen Wegen hatte es Carolus erreicht! In Paris war es vor mehr als einem Monat mit dem Kurier eines großen Handelhauses auf die Reise geschickt worden. Das Haus Fabre unterhielt Relaisstationen, in denen die Pferde gewechselt werden konnten, und so war es über Land rasch bis nach Lyon gelangt. Dort lag es eine Weile im Kontor herum zwischen Pfeffersäcken, eingesalzenem Fisch, Safran aus Albi und Teppichen aus Flandern, bis sich eine Möglichkeit des Weitertransports ergab. Mit einer Ladung Pergament aus Savoyen ging es schließlich nach Avignon und wartete dort in der Umhängetasche eines jener Makler, die im Hafen Käufer und Verkäufer zusammenbringen und ihren Schnitt dabei machen. Für die Vermittlung des Briefes nahm er nichts; es war nur ein Gefallen, den er dem Kapitän tat.

Schließlich hörte er von einem kleinen Schiff, das Seide und Edelsteine nach Forqualquier transportierte, und so war das Päckchen nach Saint Nicolas gekommen.

«Ein Brief nach Pertuis! Ist hier einer aus Pertuis?», hatte der Bootsmann gerufen. Und Honorat Tullo, der eben ein paar Ballen Damast nach Avignon verschiffte, nahm den Umschlag an sich.

«An unseren jungen Medicus, soso! Ich werde es ihm heute noch geben», sagte er, doch dann vergaß er das Päckchen auf seinem Schreibtisch, und dort lag es, bis seine Frau es sah, die es auf dem Markt Carolus’ Mutter übergab.

Nun endlich hielt er es in den Händen. «Aus Paris!»

«Etwa von jenem Taugenichts, mit dem du dort fast das Erbe deines Vaters versoffen hättest?!», rief seine Mutter. «Was schreibt er denn?»

«Ich muss es erst lesen, Mutter!»

Ungeduldig brach er mit einem Messerchen das Siegel auf. Der Stoff war durch die Einwirkung von Hitze, Kälte und unsanfter Behandlung so fest verklebt, als sei er genäht. Carolus rupfte an den Enden und schlitzte das Ganze schließlich an einer Seite auf. Ein dünnes Büchlein fiel ihm entgegen. Der Ledereinband war gewellt, Deckel und Bindung von häufigem Gebrauch abgenutzt. Er drehte es in der Hand und las den verblassten Titel: «Passionibus Mulierum Curandum» – ein Buch über Frauenleiden und deren Heilung. Er sah hinein, erblickte eine detaillierte Zeichnung und klappte das Buch gleich wieder zu. Vielleicht sollte er es lieber den Schwestern Jeanne und Auda übergeben. Er entfaltete den Brief:

«Lieber Freund,

ich habe mich gefreut, nach langer Zeit endlich von dir zu hören. So hast du dich also tatsächlich in deiner Heimatstadt als Arzt niedergelassen? Du warst ja bei uns im Norden nie glücklich. Ich habe zunächst einige Jahre als Gehilfe bei dem Medicus gearbeitet, den du auch kennst, und mich jetzt selbstständig gemacht. Ich habe geheiratet und schon drei Kinder.»

Er berichtete sehr ausführlich von den Vorzügen dieser Frau und von den Tugenden seiner Kinder und pries den Stand der Ehe derart an, dass Carolus verächtlich schnaubte: «Er hat geheiratet. So wie er schreibt, bereut er es und möchte gerne, dass ich in dieselbe Falle gehe, damit es ihm nicht allein schlechtgeht.»

«Er hat geheiratet? Brav», sagte seine Mutter. «Wann heiratest du endlich? Du warst doch gestern bei Vidals zum Diner. Hast du mit Catherine gesprochen?»

«Ja, Mutter, ich habe das Verlöbnis gelöst.»

«Was hast du?!», schrie seine Mutter. «Wie konntest du? Warum? Ihre Familie gehört zu den besten der Stadt! Jahre lang sind dein Vater und ich um ihren Vater herumgetanzt, damit du eine gute Partie machen solltest! Was fällt dir ein, du Lausebengel? Wenn dein Vater das noch erlebt hätte, er hätte dir die Ohren langgezogen! Warum hast du das getan?»

«Weil wir uns nicht lieben», sagte er geistesabwesend, während er den Brief weiterstudierte.

«Nicht lieben? Bist du verrückt geworden? Was hat denn Liebe mit Heiraten zu tun? Gleich gehst du hin und entschuldigst dich bei Mestra Catherine, und dann legt ihr den Hochzeitstermin fest! Nächsten Donnerstag wäre ein guter Zeitpunkt!»

«Ja, Mutter», murmelte Carolus mechanisch und las weiter.

«Wegen der Sache, nach der du dich erkundigt hast, kann ich dir Folgendes mitteilen. Es hat hier voriges Jahr einen großen Skandal gegeben. Eine Frau, die sich …» Hier hatte der Brief leider einen großen Salzwasserfleck und war ganz unleserlich: «fanden sich … Zeugen bestochen … gleichwohl … aus der … bereits Zustand … Winter …» Das war aber auch zu ärgerlich! Was sollte er nun daraus machen? Eine Frau, die was? Jetzt hatte er noch mehr Fragen als vorher! Konnte da von Danielle die Rede sein? Paris war so groß, die Wahrscheinlichkeit, dass gerade sie dort einen Skandal verursacht hatte, geradezu verschwindend gering. Aber wenn doch, was um alles in der Welt hatte sie getan? Hatte die Gegenseite Zeugen bestochen? Das hieße ja, sie wäre unschuldig angeklagt worden. Und nichts anderes als das konnte sie in seinen Augen sein: unschuldig und unfähig, etwas Böses zu tun. Er war derart verliebt, dass er sich um nichts auf der Welt vorstellen konnte, sie habe auch nur einen geringen Fehler – nein, sie war vollkommen!

Etwas weiter unten kam noch: «… wahrscheinlich nicht überlebt. In diesem Zustand und im Winter hätte sie es nie so weit in den Süden geschafft. Es war sehr traurig und ein Schandfleck auf der Sorbonne, ein weiterer von vielen! Lieber Freund, lebe wohl und lasse von dir hören. Und wenn du mir vielleicht ein Quäntchen Teufelsdreck zukommen lassen würdest, der hier sehr schwer zu bekommen ist, wäre ich dir sehr verbunden. Beatus.» Und dann noch ein Nachsatz: «Ich schicke dir ein Buch mit, das von ihrer Hand stammen soll. Ich habe es mir abgeschrieben; es enthält hauptsächlich Ratschläge schwangere Frauen betreffend, ist also für uns nicht von besonderem Belang. Doch einige der beschriebenen chirurgischen Praktiken sind recht originell. Sodass es – wenn man es recht bedenkt – wahrscheinlich gar nicht von einer Frau stammt. Aber du warst ja immer an solchen Kuriosa interessiert. Gehab dich wohl!»

Carolus trug das kleine Buch in sein Studierzimmer, wo ihm seine Mutter nicht über die Schulter sehen konnte. Nicht auszudenken, wenn sie es in die Hände bekäme. Er versteckte es unter lateinischen Texten und Anleitungen zum Aderlass, die seine Mutter nie anrühren würde. Bei nächster Gelegenheit würde er es Jeanne zeigen. Aber derzeit mied er das Beginenhaus. Seufzend erinnerte er sich an seinen letzten Versuch, mit Danielle Frieden zu schließen.

Sie war gerade dabei, den Stall auszumisten. Als sie ihn kommen sah, verdoppelte sie ihre Anstrengungen, bis der Mist in hohem Bogen aus dem Stall flog.

«Danielle!» Er musste sich halb hinter dem Tor verstecken, um nichts davon abzubekommen. «Hört doch einen Augenblick auf damit!»

«Wozu? Der Stall säubert sich nicht von allein.» Eine weitere Schaufel Mist flog heraus.

«Lasst das! Seid doch vernünftig. Ich muss mit Euch sprechen! Ich komme jetzt!» Er wagte sich aus seiner Deckung und tat einen Schritt durch das Tor in den dunklen Stall hinein. Es quietschte feucht unter seinen neuen gelben Schnabelschuhen, und sein rechter Fuß versank in einem warmen Haufen Dung. Fluchend zog er erst einen Fuß hoch und danach den anderen, um den Schaden zu betrachten.

Sie lachte. Es klang ihm wie perlendes Wasser, wie eine der kleinen Kaskaden in der Schlucht des Verdon, heiter und klar. Aber das schöne Lachen versiegte gleich wieder, und sie zog die Stirn in Falten.

«Was wollt Ihr, Schürzenjäger? Wollt Ihr Euch an meinem Kummer weiden?»

«Nie würde ich Euch kränken wollen. Glaubt mir doch!»

«Warum habt Ihr mir eine Rose gebracht?»

Ihm wurde bewusst, wie missverständlich diese Geste gewesen war. «Ich – ich wollte … es war kein unsittlicher Gedanke dabei. Ich schwöre es!»

«Dann wolltet Ihr mir damit Eure Verschwiegenheit zusichern?»

«Das auch, ja, aber eigentlich wollte ich mit Euch über meinen Garten sprechen.»

Sie lachte wieder. Das Herz ging ihm auf dabei. Ja, jetzt hatte er den richtigen Ton gefunden. Es gab Hoffnung! Er würde ihr helfen, ihr Gedächtnis wiederzufinden, und dann würde sie sich endlich eingestehen, dass sie ihn liebte. Er würde sie hier herausholen und sie heiraten – ‹Wie? Denkst du wirklich an heiraten, du, der du dir geschworen hast, dich niemals einfangen und dich nicht mit einem Haus voller Kinder beschweren zu lassen?› Es überraschte ihn.

‹Ja›, antwortete er sich selbst. ‹Mit dieser Frau will ich mein Leben verbringen. Ich will sie, ganz gleich, was sie verbirgt. Ich kenne sie auch so schon gut genug.›

Laut sagt er: «Ich wollte einmal so richtig unbeschwert mit Euch reden, damit Ihr nicht immerzu auf der Hut seid vor mir. Und da dachte ich, der Garten wäre unverfänglich.»

Er merkte nicht, wie sehr das nach einer Schliche klang. «Ich wollte so gern, dass Ihr mir vertraut. Wenn Ihr mir doch nur erzählen würdet, was Euch zugestoßen ist! Es wäre bei mir so sicher wie bei Eurem Beichtvater.»

«Ich erinnere mich an gar nichts.»

«Das ist nicht wahr. Hört auf, Euch und andere zu belügen. Es tut nicht gut, und am Ende kommt es doch heraus. Was immer es ist, was auch immer Ihr fürchtet, Ihr könnt darauf bauen, dass ich zu Euch stehen werde.»

Sie stand da, den Rock geschürzt, die Haare unter einem unförmigen schmutzigen Tuch verborgen, eine Mistgabel in der Rechten, deren Zinken auf ihn gerichtet waren. Und er fand sie schön, schöner als Catherine in ihrem besten Kleid, weit schöner noch als Laura, weiblicher, lebendiger. Sie reizte ihn, so wie ihn noch nie eine Frau gereizt hatte. Er roch das Stroh auf dem Heuboden und die Brunst der Tiere im Stall und blickte auf ihre schweißnasse Haut am Halsausschnitt des Kittels.

Sie stand nur da und hatte wieder diesen abwesenden Blick, mit dem sie ihn ausschloss aus ihrer Welt. Er wollte sie gern packen und schütteln. Eine fast gewalttätige Lust kam in ihm auf.

«Ich kenne sie nicht.»

Man hat ihn gezwungen, zur Verhandlung zu kommen. Wochen hat sie im Kerker verbracht ohne ein Wort, ohne ein Zeichen von ihm. ‹Sie lassen ihn nicht zu mir›, denkt sie. ‹Sie halten seine Briefe zurück und stecken die Bestechungsgelder ein, die er ihnen bringt, damit man mich gut behandelt.› Sie stellt sich vor, wie er täglich seine Dienstboten schickt mit Körben voller guter Lebensmittel, mit weißem Brot und Wein. Sie wissen ja beide zu gut, wie man Gefangene behandelt, welchen Dreck man ihnen zu essen gibt, schimmeliges Brot, dünne Suppen, abgestandenes, schmutziges Wasser. Dürr ist sie geworden. Die Kleider starren vor Schmutz, ebenso wie sie selbst. Wasser zum Waschen gibt es nicht. Ihr langes Haar kämmt sie täglich mit den Fingern und versucht es zu flechten und aufzustecken, so gut es geht. ‹Wie sehe ich nur aus? Was, wenn er jetzt plötzlich hereingeführt wird und mich so sieht?› Doch er kommt nicht.

«Du kannst darauf bauen, dass ich zu dir stehe», hat er gesagt, als der Ärger anfing, als sie begannen, ihr nachzuspionieren. Als sie ihre Kunden belästigten und bedrängten, ihre Dienstboten bestachen, als die erste Vorladung kam.

«Was können sie dir tun? Es sind nur kleine Pinscher, die dich anbellen, Neider, die gern deinen Erfolg hätten, aber zu faul sind, um ihn sich zu verdienen. Mach dir keine Sorgen, Liebste.»

Doch als die Schlinge sich zuzog, da war er nicht zu finden. Sie schickt einen Boten zu seinem Haus. Er kam zurück mit leeren Händen: «Der Herr ist verreist», ließ man sie wissen. «Es ist ungewiss, wann er wiederkommt.»

‹Er hat es mit der Angst bekommen, das ist ja zu begreifen. Wir stehen alle mit einem Bein unterm Galgen in unserem Metier. Aber er wird da sein, wenn es darauf ankommt.›

Er ist da, sehr fein gekleidet in Gelb mit hellblauen Streifen, mit blauen Strümpfen und einem Barett, von dem eine einzelne lange Feder wippt. Wer ist die Frau an seinem Arm? Sein Blick streift sie. Er kann ihr nicht in die Augen schauen. Was er sagt, hört sie mit ihren Ohren, aber ihr Verstand will es nicht aufnehmen.

«Wart Ihr nicht mit der Angeklagten verlobt? Habt Ihr nicht mit ihr gearbeitet?»

«Nein», sagt er. «Meine Verlobte sitzt hier neben mir. Die da kenne ich nur flüchtig, sie wurde mir als Kollegin vorgestellt. Aber ich hatte gleich den Verdacht, dass sie eine Hochstaplerin ist. Ich habe nie mit ihr gearbeitet.» Und noch einmal: «Nein, eigentlich kenne ich sie nicht.»

«Vertrauen?!», schreit sie, und die Zinken der Mistgabel senken sich bedrohlich. «Ich soll Euch vertrauen? Euch, der Ihr Rosen schenkt und mich mit sanften Worten umschmeichelt? Und dann erfahre ich, ja, erfahre ich hier von einer Schwester, die mich hasst und nur darauf aus ist, mir eine Verfehlung anzuhängen – erfahre ich, dass Ihr verlobt seid? Und Ihr macht mir schöne Augen! Hier!»

Er wich zurück, konnte dem wütenden Wortschwall kaum folgen, hob abwehrend die Hände.

«Aber hört doch! Ihr missversteht mich! Meine Absichten sind ehrenhaft!»

«Ihr seid verlobt und habt es mir verschwiegen!»

Nun hätte er darauf kommen können und fragen, warum sie so darauf beharrte: Seit wann musste ein Arzt seiner Patientin seinen Familienstand mitteilen? Warum nur ärgerte sie dies Verlöbnis so sehr?

Aber er war viel zu aufgeregt.

«Ich habe das Verlöbnis gelöst!»

«Meinetwegen?»

«Ja, aber …»

«Das wollte ich nicht! Wie könnte ich Mestra Catherine ein Leid zufügen? Ach ihr Männer. Ihr seid so wankelmütig und den niedrigsten Trieben unterworfen! Ein Mann bedeutet nichts als Kummer für eine Frau. Nie mehr lasse ich mich auf so etwas ein, niemals, hört Ihr! Gleich geht Ihr zurück zu ihr und erklärt ihr, dass ich nichts damit zu tun habe! Ich habe der Liebe und dem Leben da draußen entsagt, und jetzt sehe ich, wie recht ich damit hatte!»

«Aber Danielle …»

«Spart Euch Eure sanften Reden und Eure Rosen! Packt Euch und sprecht mich nie wieder an!» Sie schwenkte drohend die Mistgabel, und er konnte sich nur durch einen schnellen Sprung vor einer weiteren Ladung Dung retten. Alix wollte loslachen, aber das Gelächter blieb ihr im Hals stecken, als sie sein Gesicht sah.

«Was war denn?», fragte sie Danielle. «Worüber habt ihr gestritten?»

Danielle antwortete nicht, sondern bearbeitete den Stallboden, dass man davon hätte essen können. Ihre finstere Miene vertrieb alle Schwestern, die sich nach ihr erkundigen wollten.

«Ein Streit unter Liebenden gehört zum Übelsten, was einem begegnen kann», sagte Alix zu Auda. «Dem geht man lieber aus dem Weg.»

«Ja, das habe ich auch oft erlebt. Aber ich habe mich immer gefragt, warum das so ist. Wenn zwei sich lieben, dann sollten sie doch besonders Sorge tragen, wie sie miteinander umspringen. Wenn man jemanden liebt, dann will man ihn doch nicht verletzen.»

«So sollte man meinen. Und doch tun Liebende gerade dann das Gegenteil. Je leidenschaftlicher sie sich lieben, desto heftiger greifen sie sich gegenseitig an.»

«Aber warum, das habe ich nie verstanden.» Auda ließ sich auf die Bank am Lorbeer sinken und rieb sich die schmerzenden Knie.

Alix setzte sich neben sie und kaute auf einer Zwiebelschluppe. «Ich denke, die Liebe zwischen Menschen ist letzten Endes doch nie so vollkommen wie die Liebe zu Gott. Bei den Menschen bleibt immer ein Rest Selbstsucht und Eitelkeit. Da schauen sich zwei an und vertrauen einander nicht. Und jeder möchte den anderen gern ganz und gar unterwerfen. Und statt einander Kummer zu ersparen, verdächtigen sie sich aller möglicher Verfehlungen. Da werden Kleinigkeiten zu Katastrophen aufgebauscht, Drohungen werden ausgestoßen, das ganze Gebäude ist vom Einsturz bedroht. Und doch wollen sie nur eines hören: ‹Ich liebe dich.› ‹Ich liebe dich so absolut, dass ich meinen eigenen Willen ganz zurückstelle. Ich gehöre dir. Du kannst mit mir tun, was du willst. Was immer du sagst, ist mir recht›, das wollen sie hören. Aber das kann man nur zu Gott sagen.»

«Weil man nur von Gott wissen kann, wie groß seine Liebe ist und sein Verzeihen», sagte Auda nachdenklich, «es ist ganz ähnlich, wie Marguerite Porete in ihrem Buch beschrieben hat: Liebe ist Selbstaufgabe. ‹Denn ganz so, wie das Eisen von Feuer umkleidet ist und dann sein eigenes Aussehen verloren hat, so wird die Seele, die Gott liebt, überkleidet, gespeist und verwandelt in mehr. Er ist, spricht die Seele. Daran mangelt es ihm nicht. Und ich bin nicht, und so fehlt mir auch nichts.›»

«Das ist ganz wunderbar gesagt. Und es ist den meisten Menschen völlig unmöglich. Es braucht lange Jahre der Disziplin, des Loslassens der Welt und des Betens, um diesen Zustand tiefer Liebe zu erreichen», stimmte Alix zu.

«Ja», sagte Auda. «Ich kann von mir längst nicht sagen, dass ich so weit wäre. Aber die Liebe zwischen Mann und Weib kann schon gar nicht so werden. Da will jeder der Stärkere sein mit seinen Mitteln. Keiner will nachgeben. Und aufgehen im anderen schon gar nicht. Und tut’s einer doch, dann verachtet ihn der andere und nimmt es für eine Schwäche und wendet sich ab. Da ist mehr Kampf und Plackerei als Harmonie. Ich bin nur froh, dass ich schon so alt bin!»

«Ja», lächelte Alix. «Uns kann in dieser Hinsicht gar nichts mehr passieren.» Zufrieden saßen die beiden Alten da und beobachteten, wie Danielle ihre Wut im Stall austobte.

Als Abbé Grégoire von der Sache hörte, fügte er dem Sündenregister der Beginen einen weiteren Punkt hinzu. Er hätte sich sagen können, dass jeden Tag Verlobungen gelöst werden und dazu keine Beginen nötig sind. Aber das wollte er nicht. Und was verstehen Priester schon von der Liebe zwischen Mann und Weib?

 

«Passionibus Mulierum Curandum» – Eine Magd entdeckte das Buch beim Abstauben. Es fiel vom Tisch und öffnete sich. Sie bückte sich, um es aufzuheben, und sah die Bilder. Die Magd konnte nicht lesen, aber Bilder schaute sie nur allzu gern an. Fasziniert kniete sie sich auf den Boden und begann zu blättern. Carolus’ alte Mutter wunderte sich im Nebenzimmer, dass die Geräusche von Geschäftigkeit zum Erliegen gekommen waren und kam, um nach dem Grund zu sehen. Die junge Magd errötete und schlug hastig das Buch zu, aber sie war nicht flink genug. Die alte Herrin hatte es schon entdeckt. Sie hob es hoch, schaute hinein und ohrfeigte die Magd.

«Carolus!»

Der junge Medicus kam angerannt. Er kannte diesen Ton.

«Was ist das für eine Schweinerei?»

«Es ist keine Schweinerei, Mutter! Es ist ein Medizinbuch», verteidigte er sich.

«Was?! Ein Buch über die geheimen Orte der Frauen? Wenn ich geahnt hätte, dass so etwas dabei herauskommt, wenn man dich studieren lässt, dann hätte ich dir das nicht gestattet!»

«Aber Mutter! Frauen werden krank, genau wie alle anderen Geschöpfe. Und um sie zu behandeln, muss man doch wissen …»

«So etwas hast du nicht zu wissen! Es ist unanständig! Eine Schande!»

«Aber Mutter, wie soll ich denn sonst eine Frau behandeln?»

«Gar nicht! Es schickt sich nicht, dass männliche Ärzte … nein wirklich! Pfui! Keine Frau, die etwas auf sich hält, würde einem Mann gestatten, sie so zu sehen. Gleich verbrennst du das! Ich dulde so etwas nicht in meinem Hause!»

«Aber Mutter …»

«Hinaus! Fort damit!»

«Ja, Mutter.» Er nahm es ihr aus der Hand und brachte es zu Schwester Jeanne.

«Das ist ja ganz wunderbar! Ein Kompendium sämtlicher bekannter Frauenleiden und deren Heilung! Rezepturen, chirurgische Verfahren! Ganz erstaunlich! Ich wusste nicht, dass es solche Bücher gibt», begeisterte sich Jeanne. «Wo hast du es her?»

‹Soll ich es ihr erzählen?›, fragte sich Carolus. ‹Sie würde sicher damit sofort zur Meisterin gehen oder Danielle damit konfrontieren. Und dann würde es so aussehen, als hätte ich sie hintergangen. Niemals könnte ich auf diese Weise ihr Vertrauen gewinnen.›

«Oh, ein Freund von der Sorbonne hat es mir kürzlich geschickt. Ich überlasse es dir gern leihweise. Aber es wäre vielleicht besser, wenn du es niemandem zeigen würdest. Mir scheint, dass es – hm – ungewöhnlich freizügig ist.»

«Das kann man wohl sagen! Aber es wäre gut, wenn diese falsche Scham endlich beseitigt würde. Wie soll man Frauen denn helfen, wenn es Ärzten verboten ist, ihren Körper zu kennen und die Frauen keine medizinische Ausbildung bekommen?»

«Du hast recht. Aber behalte es vorerst für dich und bewahre es gut auf.» Wenn er sich mit Danielle versöhnt hätte, dann würde er sie danach fragen. Sehnsüchtig schaute er hinüber in den Garten, als er das Hospital verließ. Danielle schaute hoch und entdeckte ihn. Doch ihr Blick war so finster, dass er sich seufzend abwandte und zur Pforte ging. Er würde wohl auf einen günstigeren Zeitpunkt warten müssen.