3. Kapitel

Selbstverständlich versuchte ich, gegen die Tür zu hämmern und zu schreien, aber ich kann nicht sagen, dass es mich sonderlich überraschte, als das nichts nutzte. Der einzige andere Weg aus dem Zimmer war der durchs Fenster, das so hoch angebracht war, dass ich auf einen Stuhl steigen musste, um hinaussehen zu können. Und was ich sah, war ziemlich entmutigend. Ich war im dritten Stock, und damit erwies sich die Idee, aus dem Fenster zu klettern, nicht als besonders gut – selbst wenn ich es hätte öffnen können. Soweit ich es überblicken konnte, hatte es zwar kein Schloss, und es sah auch nicht aus, als würde der Lack es abdichten, doch wiederholtes Dagegenhämmern und Versuche, es aufzubrechen, brachten mir nichts als ein paar abgebrochene Fingernägel ein.

Warum, warum nur hatte ich mich entschlossen, von zu Hause wegzulaufen? Mein ganzes Leben lang hatte ich mich um meine Mutter gekümmert; was wären schon die paar Jahre mehr gewesen? Verdammt, es wären nicht einmal mehr zwei volle Jahre gewesen – nur noch dieser Sommer, mein Abschlussjahr in der Schule (ich hatte in der Mittelstufe eine Klasse übersprungen, war also jünger als meine Klassenkameraden) und dann noch der nächste Sommer. Danach wollte ich aufs College gehen, und ich war fest entschlossen, mir eines auszusuchen, das so weit wie möglich von zu Hause entfernt war – wo auch immer unser Zuhause dann sein mochte.

Meine Augen juckten, und mein Kopf schmerzte, aber ich konnte mir unter diesen Umständen nicht vorstellen, mich einfach hinzulegen und ein kleines Nickerchen zu machen.

Ich erwischte mich wieder dabei, wie ich die Kamee befühlte. War mein Vater tatsächlich im Gefängnis? Und wenn ja, warum? Mom hatte mir einige schlimme Geschichten über ihn erzählt, doch ich war davon überzeugt, dass mindestens die Hälfte davon gelogen war.

Aber wenn es nun keine Lügen gewesen waren? Was, wenn er im Gefängnis war, weil er dorthin gehörte?

Ich schob den Gedanken beiseite. Tante Grace hatte mich an der Grenze abgefangen, hatte mich erst fertiggemacht und dann auch noch eingeschlossen. Ich setzte mich auf die Bettkante und dachte über meine Möglichkeiten nach. Pech nur, dass ich im Augenblick nicht viele zu haben schien.

Ungefähr fünfzehn Minuten später hörte ich, wie sich Schritte näherten. Und Stimmen.

Eine von ihnen gehörte Tante Grace, die andere einem Mann – obwohl ich es eigentlich besser wusste, hoffte ich trotzdem, dass dieser Mann mein Vater war. Leider konnte ich nicht verstehen, was sie sagten, und als sie nahe genug an der Tür waren, um sie verstehen zu können, verstummten sie.

Mit einem Mal stellten sich mir die Härchen in meinem Nacken auf. Ganz automatisch wich ich von der Tür zurück. Ich hörte das leise Murmeln von Grace, und im nächsten Moment entriegelte sich die Tür und sprang auf.

Ich habe schon erwähnt, dass Tante Grace hochgewachsen und beeindruckend war. Sie musste mindestens einen Meter fünfundsiebzig groß sein, wahrscheinlich sogar noch größer. Doch der Mann, der hinter ihr in der Tür stand, war gigantisch. Weit über einen Meter neunzig groß – vermutlich eher noch über zwei Meter –, musste er sich nach vorn beugen, um überhaupt durch die Tür zu passen. Außerdem war er so breit, dass ich mich fragte, wie er die schmalen Treppen hinaufgekommen war. Er sah wie etwas aus, das man vermutlich erhielt, wenn man einen NBA-Star mit einer nicht-grünen Version des Unglaublichen Hulk kreuzte.

Grace trat ins Zimmer, und zum Glück blieb ihr riesenhafter Freund zurück. Er blockierte die Tür, um mich an der Flucht zu hindern. Was ich daraufhin von der Liste meiner Möglichkeiten strich.

Ich musste ein Zittern unterdrücken, als ich mich bemühte, mutig zu klingen. »Was fällt dir ein, mich einfach in meinem Zimmer einzuschließen?«, fragte ich mit fester Stimme. Wenigstens versuchte ich, meiner Stimme einen festen Klang zu verleihen. Ich fürchte, »wimmernd« traf es eher. Dann betrachtete ich Tante Grace genauer – und bemerkte den großen blauen Fleck, der auf einer Gesichtshälfte leuchtete. Ich schluckte. »Was ist passiert?«, fragte ich und vergaß für einen Moment, dass sie der Feind war.

Sie sah grimmig aus. »Es war … unklug von meinem Bruder, dich hierherzubringen.«

»Wie bitte?«

»Du bist in Gefahr. Unsere Familie besitzt viel Macht und Bedeutung. Nachdem Seamus erklärt hat, du seist seine Tochter, und dich dann hierhergeholt hat, gibt es nun Interessengruppen, die in dir ein Werkzeug sehen, um ihn zu beherrschen. Jemand muss gesehen haben, wie ich dich hergebracht habe. Ich wurde angegriffen, als ich gerade die Eingangstür aufschließen wollte. Zum Glück hatte ich kurz vorher Lachlan angerufen und ihn gebeten, sich mit mir zu treffen. Er hat sie verjagt, ehe sie noch mehr Schaden anrichten konnten. Aber das beweist, dass ich recht hatte: Du bist hier nicht sicher.«

»Ich sag dir was«, entgegnete ich. »Warum lässt du mich nicht einfach zurück nach London fahren? Ich kann mir dort ein Hotelzimmer nehmen und warten, bis mein Dad aus dem … äh, bis er wieder Zeit hat. So mache ich dir keinen Ärger und …«

Sie schüttelte den Kopf. »Die Männer, die mich angegriffen haben, waren Menschen. Ich weiß nicht, für wen sie arbeiten, doch in London können sie dich ganz leicht verfolgen. Nein, wir müssen dich an einen sicheren Ort bringen – zumindest, bis Seamus wieder frei ist.«

Ich fühlte mich irgendwie benommen, so als hätte mein Gehirn beschlossen, nicht mehr aufnehmen zu können und deshalb in Streik zu treten. Tante Grace sah echt besorgt aus, und der Bluterguss auf ihrer Backe war übel. Trotzdem – nur, weil irgendjemand sie angegriffen hatte, bedeutete das doch noch längst nicht, dass sie hinter mir her waren. Ich meine, mal ernsthaft: Ich bin ein sechzehnjähriges amerikanisches Halbblut-Mädchen. Wieso sollte es hier um mich gehen?

»Lachlan wird dich zu einem sicheren Unterschlupf bringen«, sagte Grace und gab dem Riesen ein Zeichen. »Ich mag vielleicht ein reizvolles Angriffsziel sein, aber er ist das garantiert nicht.«

Ich betrachtete Lachlan, der noch immer in der Tür stand. Die bösen Jungs mussten bestimmt nur einen Blick auf ihn werfen, um umgehend die Flucht zu ergreifen. Seine riesigen Arme hatte er über dem Türsturz verschränkt, was seine enorme Größe noch unterstrich. Er warf mir ein Lächeln zu, das irgendwie warmherzig wirkte, obwohl er natürlich immer noch ein echt furchteinflößender Kerl war. Ich verspürte selbst das Bedürfnis wegzurennen, doch Grace würde mir das bestimmt nicht durchgehen lassen.

»Also gut«, sagte ich und tat so, als hätte ich eine Wahl. »Ich werde mit Lachlan zu dem sicheren Unterschlupf gehen.«

»Eine weise Entscheidung«, entgegnete Grace und versuchte vergeblich, den Sarkasmus in ihren Worten zu verbergen.

Sie ging zu einer Kommode, die ich bis jetzt noch nicht genauer betrachtet hatte, und durchwühlte die Schubladen. Schließlich nahm sie einen langen schwarzen Umhang mit einer großen Kapuze heraus. Der Mantel sah aus wie eine Mönchskutte. Sehr düster. Sie hielt ihn mir entgegen.

»Zieh das an«, befahl sie. »Und setz die Kapuze auf.«

Der Umhang gehörte offensichtlich ihr, und er war mir viel zu lang. Ihr Blick verfinsterte sich, als sie sah, dass der Stoff über den Boden schleifte.

»Nicht zu ändern«, hörte ich sie murmeln. »Also, auf geht’s, ihr beiden«, fuhr sie laut fort. »Heute Nacht solltest du auf jeden Fall in Sicherheit sein, und morgen kann Seamus sich hoffentlich selbst um dich kümmern.«

Ich wollte nach meinem Gepäck greifen, aber Grace schüttelte den Kopf. »Ich werde es dir nachschicken«, sagte sie.

Eingehüllt in den Mantel und darauf bedacht, nicht über den Saum zu stolpern, ging ich zur Tür, wo Lachlan auf mich wartete. Er nickte mir nur knapp zu und stieg schweigend die Treppe hinunter, gebückt und leicht seitwärts gehend, damit er mit Kopf und Schultern nicht anstieß.

Im Erdgeschoss führte er mich aus der Hintertür. Ich fühlte mich lächerlich, in einem schwarzen Umhang mit Kapuze herumzulaufen – wie eine Art geschrumpfter Sensenmann –, doch wenigstens hielt der Mantel mich einigermaßen warm. Ich trippelte neben Lachlan her und bemühte mich, nicht auf den Stoff des viel zu langen Mantels zu treten. Die Kapuze nahm mir praktisch die gesamte Sicht.

Es war Sommer, aber hier in Avalon waberte kalter grauer Nebel durch die Straßen. Sogar unter der schweren Wolle des Mantels spürte ich die Kälte.

»Keine Sorge«, erklang eine sehr tiefe Stimme, die offensichtlich zu Lachlan gehörte. »Wir sind gleich da. Dann hast du es warm und gemütlich.« Sein Akzent erinnerte an den von Grace. Allerdings klang seine Stimme am Ende eines Satzes fast wie ein angenehmes, sanftes Summen. Unter anderen Umständen hätte ich vielleicht gesagt, dass er sich nett anhörte. Ich fragte mich, ob er auch ein Angehöriger des Feenvolkes war. Er sah nicht so aus – oder zumindest kam er meiner Vorstellung davon, wie eine Fee auszusehen hatte, nicht sehr nahe. Offensichtlich hatte ich nicht besonders viel Ahnung.

Der »warme, gemütliche« Ort, an den Lachlan mich brachte, stellte sich als ein Keller heraus, der, dem Duft nach zu urteilen, unter einer Bäckerei lag – ich wollte einen Blick auf die Umgebung werfen, doch Lachlan trieb mich nach unten, ehe ich mich genauer umsehen konnte. Der Keller war in zwei Räume unterteilt. Der eine sah verdächtig nach einer Wachstube aus; der andere wirkte wie eine Zelle und hatte eine Tür, die ungefähr fünfzehn Zentimeter dick und mit einem schweren Holzbalken gesichert war.

Ich stockte. »O nein«, sagte ich und wich zurück. »Ich werde da unter keinen Umständen hineingehen.«

Lachlan schloss die Kellertür hinter sich. Ich schob mir die Kapuze vom Kopf, um ihn wütend anfunkeln zu können. Er schien jedoch keine Angst zu haben – erschreckend, aber wahr.

»Es ist nur zu deinem eigenen Schutz«, sagte er mit einem Schulterzucken, das beinahe verlegen wirkte.

»Das kann auf keinen Fall dein Ernst sein!«

»Ich fürchte, deine Tante glaubt, dass du einen Fluchtversuch unternehmen könntest. Ganz ohne Schutz wärst du in Avalon nicht sicher, also hat sie entschieden, dafür zu sorgen, dass du nicht verschwindest.«

Stur schüttelte ich den Kopf und rechnete mir meine Chancen aus, um Lachlan herumzurennen und durch die Tür zu verschwinden. Das Ergebnis war vernichtend.

Er seufzte. »Bitte, Dana. Ich will nicht zu anderen Maßnahmen greifen … Du musst da jetzt rein.« Unbehaglich verlagerte er sein Gewicht von einem Bein auf das andere, und ich sah ihm an, dass er sich bemerkenswert unwohl fühlte. »Ich persönlich hätte die Situation anders geregelt, aber Grace ist mit dir blutsverwandt, und ich bin es nicht. Ich muss ihre Entscheidung respektieren.«

Ich schnaubte verächtlich. »Damit stehst du allein.«

Lachlan sah … verstört aus. Zu meiner Überraschung ertappte ich mich dabei, dass ich Mitleid für ihn empfand. Vermutlich war es echt scheiße, zwischen den Stühlen zu sitzen.

Tatsache war, dass ich gar keine Wahl hatte. Selbst wenn ich an Lachlan vorbeikam, was hätte ich dann tun sollen? Ganz allein durch die Straßen von Avalon rennen, obwohl die Möglichkeit bestand, dass Tante Grace die Wahrheit sagte und ich wirklich in Gefahr war?

Mit einem tiefen Seufzen – und einem letzten sehnsüchtigen Blick auf die Eingangstür – ging ich in meine Zelle. Lachlan schloss die Tür hinter mir, und ich hörte ein dumpfes Geräusch, das nur von dem schweren Holzbalken herrühren konnte, der vorgeschoben wurde.