21. Kapitel

Ich konnte nicht schlafen, so erschöpft ich auch von den furchtbaren Erlebnissen des Tages war, doch mein Verstand weigerte sich, abzuschalten und mich für ein paar Stunden den quälenden Gedanken entfliehen zu lassen. An diesem Abend fühlte sich der Futon so hart an, wie ich es von einem Futon auch erwartet hätte, und ich wälzte mich ruhelos hin und her. Teils war ich nach Avalon gereist, um meiner Mutter und ihren Dramen zu entkommen. Aber teils hatte ich auch gehofft, dass ich bei Dad die elterliche Fürsorge und Führung finden würde, die ich bei Mom vermisste. Ich hatte mir jemand Älteren und Weiseren gewünscht, der mir half, in meinem Leben einen Sinn zu sehen und einen Plan für die Zukunft zu machen.

Jetzt verstand ich auch das alte chinesische Sprichwort, in dem es darum geht aufzupassen, was man sich wünscht.

Ich schob die zerwühlte Decke von mir, setzte mich auf und schaltete das Licht an. Wenn ich schon nicht schlafen konnte, musste ich mich anderweitig beschäftigen, denn sonst würde ich nur daliegen und mir den Kopf bis zum Morgengrauen zermartern. Ich warf einen Blick auf die Uhr und sah, dass es fast ein Uhr morgens war. Das bedeutete, dass in den USA gerade die beste Sendezeit war. Vielleicht hatte ich diesmal Glück, und Mom ging ans Telefon. Aller guten Dinge sind schließlich drei.

Ich hielt den Atem an, als ich wählte, und konnte kaum glauben, wie sehr ich mir wünschte, die Stimme meiner Mutter zu hören. Auch wenn sie betrunken und verschwommen klingen sollte. Ja, selbst wenn sie toben und schreien und dann in Tränen ausbrechen sollte, was ich normalerweise mit aller Macht zu verhindern versuchte.

Ich keuchte fast auf, als ich das unverkennbare Klicken hörte, das erklang, wenn jemand abnahm. Doch die Stimme, die mich begrüßte, gehörte nicht meiner Mutter.

»Hier bei Hathaway. Kann ich Ihnen helfen?«, sagte die Frau, als würde ich in einer Firma anrufen.

Mein Herz machte einen unangenehmen dumpfen Schlag in meiner Brust. O mein Gott! Was bedeutete es, dass meine Mom nicht selbst an den Apparat ging? Stimmte etwas nicht mit ihr? War sie verletzt? Krank? Tot?

Mein gesamter Körper war angespannt, und ich brachte kaum ein Flüstern heraus, weil meine Kehle wie zugeschnürt war. »Wo ist meine Mom? Geht’s ihr gut?« Oh, bitte, bitte, mach, dass es ihr gutgeht! Ich hätte es nicht ertragen können, dass ihr etwas passierte, weil ich von zu Hause weggelaufen war.

»Dana?«, fragte die Frau. Ich erkannte ihre Stimme noch immer nicht.

»Ja.«

»Hier ist Frances, eure Nachbarin?«

Jetzt dämmerte es mir. Frances, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, meine Mom von oben herab zu behandeln, und bei der alles, was sie sagte, wie eine Frage klang.

»Warum gehen Sie bei uns ans Telefon?«, wollte ich wissen. »Wo steckt meine Mutter?«

»Mach dir keine Sorgen, Dana, Liebes. Deiner Mutter geht es gut. Du hast ihr einen ganz schönen Schrecken eingejagt, weißt du das?«

Das Letzte, worauf ich im Augenblick Lust hatte, war ein Vortrag von unserer neugierigen, unverfrorenen Nachbarin. Am liebsten hätte ich sie durch den Hörer hindurch geschüttelt.

»Bitte, sagen Sie mir, wo sie ist«, flehte ich und klang anscheinend so jämmerlich, dass Frances beschloss, ihre kleine Belehrung abzubrechen.

»Ich könnte mir vorstellen, dass sie im Augenblick irgendwo über dem Atlantik ist.«

»Was?«

»Sie ist unterwegs nach Avalon, um dich zu suchen. Ich gieße die Blumen, solange sie weg ist.«

Meine Gedanken überschlugen sich – allerdings nicht so schlimm, dass mir nicht der Verdacht gekommen wäre, dass Frances nur bei uns zu Hause war, um zu schnüffeln. Wenn Mom tatsächlich im Flieger saß, war sie erst ein paar Stunden weg, und die Pflanzen brauchten wohl kaum schon Wasser.

»Mom ist unterwegs nach Avalon«, wiederholte ich, obwohl ich wusste, dass ich richtig gehört hatte.

»Ja. Sie wird morgen da sein. Sie macht sich große Sorgen um dich, Süße.«

Bäh. Ich kannte Frances nicht annähernd gut genug, dass sie mich »Süße« nennen durfte. Verdammt, ich kannte eigentlich niemanden gut genug für so etwas. Aber wenn ich versucht hätte, sie zu korrigieren, hätte ich nur noch länger mit ihr telefonieren müssen.

»Danke, dass Sie sich um die Pflanzen kümmern«, sagte ich. »Und wenn meine Mom sich bei Ihnen meldet, richten Sie ihr bitte aus, dass sie mich bei meinem Dad zu Hause anrufen soll.«

Ich legte auf, bevor Frances noch etwas erwidern konnte. Zur Hölle mit den Höflichkeiten. Meine Mom war unterwegs nach Avalon!

Ich konnte es nicht glauben. Erstens konnte ich kaum fassen, dass sie nüchtern genug gewesen war, um so spontan eine Reise wie diese zu planen. Und zweitens konnte ich kaum fassen, dass sie vorhatte, einfach so hier aufzukreuzen. Hätte sie nicht zumindest mal anrufen sollen, ehe sie so drastische Maßnahmen ergriff? Musste sie mich vor vollendete Tatsachen stellen? Ich hatte Dads Telefonnummer ohne Probleme herausgefunden, also hätte ihr das auch gelingen können.

Falls sie natürlich irgendwann vor dem gestrigen Tag angerufen hatte, hatte sie mich hier nicht erreichen können. Ich fragte mich, ob mein Dad vielleicht mit ihr geredet und mir nichts davon erzählt hatte.

Schließlich knipste ich das Licht aus und legte mich wieder hin, obwohl ich jetzt vermutlich auch nicht besser einschlafen konnte als vorher. Dumpf starrte ich an die Decke und grübelte darüber nach, wie sehr ich meine Mom unterschätzt hatte. Ich hatte damit gerechnet, dass sie deprimiert und trübselig sein würde, weil ich weg war. Ich hatte damit gerechnet, dass sie sich noch schlimmer leidtun würde als ohnehin schon. Doch niemals in einer Million Jahren hätte ich damit gerechnet, dass sie mir nachreisen könnte.

Vielleicht geschah gerade wirklich ein Wunder. Vielleicht war mein Verschwinden der Schwall kalten Wassers in ihr Gesicht, durch den meiner Mom klarwurde, was für ein Chaos ihr Leben war. Vielleicht war das der Anstoß, den sie brauchte, um sich Hilfe zu suchen und endlich mit dem Trinken aufzuhören.

Ich weiß nicht, wie lange ich so dalag – wünschend, hoffend, betend und die Mächte des Universums anflehend, dass es wahr war. Aber irgendwann schlief ich tatsächlich ein, und ich wachte erst nach zehn Uhr am folgenden Morgen wieder auf.

 

Als ich nach unten ging, um zu frühstücken, und feststellte, dass mein Vater bereits gegangen war, sah Finn schon fast wieder normal aus. Sogar die Schatten der Blutergüsse waren aus seinem Gesicht verschwunden, und er bewegte sich nicht mehr wie ein Mann, der Schmerzen hatte. Ich war froh, dass der Heilungsprozess bei Feen so schnell ablief. Das half mir, mich etwas weniger schuldig für das zu fühlen, was ihm am Tag zuvor zugestoßen war.

Ich musste zweimal hinsehen, als ich den Fremden bemerkte, der neben Finn auf dem Sofa hockte. Er musste irgendwie mit meinem Beschützer verwandt sein, denn die beiden hatten dieselben erstaunlich grünen Augen. Doch damit endete die Ähnlichkeit auch schon. Während Finns Haar goldblond war, hatte der Fremde sich die Haare pechschwarz gefärbt, und während Finn wie ein Mack-Truck gebaut war, war der Fremde schlank und drahtig. Er war außerdem sehr viel jünger als Finn und hatte auch nicht dessen konservativen Kleidungsgeschmack. Ein verschossenes schwarzes T-Shirt schmiegte sich an seinen Oberkörper, und seine Beine steckten in einer engen schwarzen Jeans. Ungeschnürte schwarze Kampfstiefel schauten unter der Hose hervor, und die kurzen Ärmel seines T-Shirts gaben den Blick frei auf ein keltisches Armband-Tattoo auf seinem Bizeps. Um das Bild abzurunden, hatte er noch ungefähr fünfzig Ringe in seinem linken Ohr, und seine Haare fielen ihm über die Brauen bis fast in die Augen.

Ich war nie ein großer Fan der Bad Boys gewesen, die ich in der Schule getroffen hatte. Sie waren eingebildet und glaubten, es wäre cool, sich wie ein Arsch zu benehmen. Wie auch immer – aus der Ferne betrachtet waren sie sicher schön anzusehen. Und ein Bad Boy aus dem Feenvolk … Bei dem durfte einem schon mal das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Finn lächelte mich an, als ich in der Tür stand und die beiden anstarrte. »Dein Vater hat den Unterricht in Selbstverteidigung erlaubt«, sagte er. »Das ist Keane.« Er wies auf den großen, düsteren, missmutigen Typ. »Er wird mit dir trainieren.«

Keane blieb unbewegt auf dem Sofa sitzen, und der Blick, den er mir zuwarf, war … unfreundlich.

Finns Lächeln wurde noch breiter. Offensichtlich hatte er Spaß. »Wenn du über seine Haltung und Launen hinwegsehen kannst«, sagte er, »ist Keane eigentlich ein exzellenter Lehrer.«

Keane starrte an die Decke, als würde er um Kraft beten. Irgendwie schien er nicht besonders begeistert von diesem Job zu sein. Na toll!

»Oh, hör auf zu schmollen«, wandte Finn sich ihm zu, doch in seiner Stimme schwang Zuneigung mit. »Ihr ein paar Grundlagen der Selbstverteidigung beizubringen wird dich schon nicht zu einem angepassten Ritter-Klon wie mich machen.«

Keane knurrte, was Finn unbeeindruckt ließ.

»Seid ihr verwandt?«, fragte ich, obwohl ich selbst schon herausgefunden hatte, dass sie es sein mussten. Es waren nicht nur die Augen, auch wenn ich es nicht benennen konnte.

Finn nickte. »Keane ist mein Sohn.«

»Oh. Ich wusste nicht, dass du verheiratet bist«, platzte ich heraus. Noch bevor Finn mit dem Kopf schüttelte, wollte ich mich selbst für diese naive Bemerkung treten.

»Ritter heiraten nicht«, sagte Keane, ehe Finn die Chance hatte, sich zu erklären.

»Es ist üblich, dass Ritter allein bleiben«, bestätigte Finn. »Unsere Treue soll nur denjenigen gelten, denen wir dienen. Und selbstverständlich ist es auch üblich, dass Ritter ihre Kinder nicht selbst erziehen.« Er warf Keane einen vielsagenden Blick zu.

Keane rollte mit den Augen. »Du bist einfach unzuverlässig.«

Finn schien es nichts auszumachen, dass sein Sohn ihm Widerworte gab. Er lächelte, und ich hätte schwören können, dass er ehrlich belustigt war. »Keane war nie besonders angetan von der Institution der Ritterschaft. Er hat mit der Familientradition gebrochen und es abgelehnt, die Ausbildung zum Ritter zu machen. Ich glaube, er fürchtet, dass der Stand irgendwie ansteckend sein könnte, und wenn er nach einem Grundsatz arbeitet, den ich angeheuert bin zu erhalten, wird er irgendwie …«

»Lass das«, brummte Keane, und obwohl er so tat, als wäre er ein tougher Typ, wirkte er verlegen. Offensichtlich hatte er ein Problem mit der Vorstellung, mit mir zu trainieren, doch ich hatte keine Ahnung, was das sein konnte. Vielleicht missfiel ihm nur der Gedanke, mit einem Mädchen kämpfen zu müssen?

Keane erhob sich, schob die Hände in die Hosentaschen und erwiderte kaum meinen Blick. Mir fiel wieder ein, dass Finn mir gesagt hatte, die Einstellung meines Lehrers würde mich dazu bringen, gewalttätig sein zu können – und allmählich begann ich zu verstehen, was er damit gemeint hatte. Ich würde dieses Verhalten schon sehr bald sehr satt haben.

»Lass uns gehen«, sagte er knapp und begab sich Richtung Eingangstür.

Ich rührte mich nicht. »Wohin?«, wollte ich wissen.

Keane zog die Hände aus den Taschen, verschränkte die Arme vor der Brust und funkelte mich finster an. »Ich bin der Lehrer, du bist die Schülerin. Du tust, was ich sage. Keine Fragen.«

O Mann, was für ein Arschloch. Was mich betraf, sollten Bad Boys gesehen, nicht gehört werden. Hinter mir unterdrückte Finn mühsam ein Lachen.

Ich wusste, dass Keane mich mit seinem mürrischen Blick einschüchtern wollte, doch nach angreifenden Spriggans und den mordlustigen Königinnen von Faerie jagte mir auch das intensivste Anstarren keine Angst mehr ein. Ich machte ein paar Schritte auf ihn zu und erwiderte seinen Blick ebenso zornig.

»Ich weiß nicht, was dein Problem ist«, sagte ich und bohrte meinen Zeigefinger in seine Brust. »Aber …«

Es passierte so schnell, dass ich kaum merkte, wie er sich bewegte. Gerade noch stieß ich meinen Finger in seine Brust, im nächsten lag ich schon mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden, den einen Arm auf den Rücken gedreht und Keane, der mich mit seinem Gewicht auf den Teppich presste, auf mir. Irgendwie war es ihm gelungen, mir bei der Aktion nicht weh zu tun, doch vor Schreck war ich benommen und atemlos.

»Mein Problem«, zischte er mir ins Ohr, »ist, dass ich die Klientel nicht mag, an die mein Vater sich verkauft.«

Okay, »Arschloch« war ein noch zu freundlicher Begriff für ihn. Ich versuchte, mich ein bisschen zu winden, aber er schob daraufhin meinen Arm nur noch höher, bis es schmerzte. Ich keuchte auf, und er ließ nach.

»Wenn du den Mumm hättest«, flüsterte er mir weiter ins Ohr, »könntest du mich jederzeit von dir runterwerfen. Allerdings schaffst du das nicht, indem du dich so halbherzig herumwindest.«

Ich hob meinen Kopf so weit, wie ich es in meiner Lage konnte, und blickte zu Finn. Der sah aus dem Fenster und tat so, als würde er nicht merken, was sich direkt vor seiner Nase abspielte. Das bedeutete wahrscheinlich, dass er nicht zu meiner Rettung eilen würde.

»Komm schon, Dana«, sagte Keane etwas lauter, doch immer noch in mein Ohr. »Denk darüber nach, welche Körperteile du in dieser Position noch bewegen kannst. Womit kannst du mich erreichen?«

»Also ist das alles schon Teil des Unterrichts?«, wollte ich wissen. Aber offenbar meinte er den Part mit »keine Fragen« ernst, denn er schob meinen Arm wieder ein Stückchen höher. »Aua!«, protestierte ich, doch dieses Mal gab er nicht nach.

»Konzentriere dich«, entgegnete er. »Welchen Körperteil kannst du noch bewegen?«

Mir gefiel es überhaupt nicht nachzugeben, aber mein Arm fing allmählich an zu pochen. Ich würde Keane also bei Laune halten und seinen Größenwahn ertragen, bis ich frei war. Und dann würde ich Finn gehörig die Meinung sagen, weil er mir diesen Psycho auf den Hals gehetzt hatte.

Ich wand mich wieder ein bisschen und bemühte mich herauszufinden, wie ich mich rühren konnte, doch ich stellte schnell fest, dass es kaum Bewegungsfreiheit gab. Keane war vielleicht nicht so massig wie Finn, aber er war auch nicht gerade ein Leichtgewicht. Das Einzige, was ich noch anheben konnte, war mein Kopf.

»Also soll ich dir einen Kopfstoß verpassen?«, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Wenn das alles ist, was du noch bewegen kannst, ist das die einzige Waffe, die du hast.«

Ich hatte eigentlich gehofft, dass er mich gehen lassen würde, wenn ich ihm die Antwort gab, die er hören wollte, doch das tat er nicht. »Und?«, hakte ich nach. »Kann ich jetzt aufstehen?«

»Ich denke, das dürfte dir schwerfallen, solange ich noch auf dir hocke«, erwiderte er trocken.

»Du meinst, du willst tatsächlich, dass ich dir eine Kopfnuss verpasse?«, fragte ich ungläubig.

»Solange du nicht den Rest des Tages den Teppich aus nächster Nähe betrachten willst.«

Ich zögerte. Noch nie zuvor in meinem Leben hatte ich jemandem absichtlich weh getan – selbst als ich Ethan in die Weichteile getreten hatte, hatte ich es offensichtlich nicht heftig genug getan, um ihn mehr als eine Sekunde zu bremsen. Und ich war mir ziemlich sicher, dass ich Keane ernsthaft weh tun würde, wenn ich mit meinem Kopf zustieß, denn das Einzige, was ich erreichen konnte, war sein Gesicht. Aber Geduld schien nicht gerade Keanes Stärke zu sein. Er schob meinen Arm noch ein Stück meinen Rücken hinauf, und der Schmerz war nicht mehr nur lästig, sondern drohte allmählich qualvoll zu werden.

Mit zusammengebissenen Zähnen und in der Hoffnung, dass er wusste, was er tat, hob ich ruckartig meinen Kopf an. Der hintere Teil meines Schädels knallte gegen sein Gesicht. Doch ich hatte mich nicht dazu durchringen können, wirklich fest zuzustoßen.

Keane lachte mich aus. »War das schon alles?«

Ich ließ ein frustriertes Stöhnen hören. Okay, gut. Wenn er unbedingt wollte, dass ich so fest wie möglich zustieß, würde ich das eben tun. Und ich würde anschließend deswegen kein schlechtes Gewissen haben.

Dieses Mal riss ich meinen Kopf mit aller Kraft zurück – und wenn man bedachte, wie angepisst ich war, war das eine Menge. Es gab einen lauten Knall und ein splitterndes Geräusch, als mein Kopf gegen etwas Hartes stieß. Keane heulte vor Schmerz auf, ließ mich los und sprang auf.

Ich rappelte mich ebenfalls auf. Das Herz war mir plötzlich in die Hose gerutscht, Schmerz hallte in meinem Kopf wider, aber ich wusste, dass mein Schädel nicht so viel abbekommen hatte wie Keanes Gesicht. Schön und gut, dass ich mir einredete, er habe mich schließlich darum gebeten … Er stand gekrümmt vor mir, hielt sich mit den Händen die Nase, und ich starrte ihn erschrocken an. Hatte ich ihm etwa die Nase gebrochen? Ich zuckte mitfühlend zusammen und streckte den Arm nach ihm aus.

»Es tut mir so leid!«, sagte ich. »Geht es dir gut?«

Mir hätte eigentlich klar sein müssen, dass Keanes Dad mit im Zimmer war und dass Finn sofort zu uns gekommen wäre, wenn ich seinem Sohn ernsthaft weh getan hätte. Keane ließ die Hände sinken, richtete sich auf und grinste mich spöttisch an.

»Mir geht’s gut«, sagte er. »Du hast meinen magischen Schutzschild getroffen, nicht mein Gesicht.«

Mir fiel die Kinnlade herunter, und in dem Moment hätte ich ihm liebend gern noch einmal einen Kopfstoß versetzt.

»Lektion eins«, fuhr Keane fort. »Wenn du gegen jemanden kämpfen willst, musst du bereit sein, ihm weh zu tun, oder du kannst es gleich bleiben lassen. Jetzt komm mit in die Garage. Ich habe dort einige Matten ausgelegt, da du ja keinen Abschirmzauber hast, um dich zu schützen.«

Ich warf Finn über meine Schulter hinweg einen finsteren Blick zu. Er rieb sich mit der Hand über den Mund rieb und versuchte, ein Lächeln zu verbergen.

»Vielen Dank«, grummelte ich. Vielleicht würde ich später erkennen, wie lustig die ganze Situation war. Im Moment gelang mir das nicht. Ich dachte kurz darüber nach, vielleicht doch keinen Unterricht in Selbstverteidigung zu nehmen, aber das wäre in meinen Augen ein Sieg für Keane gewesen. Und das konnte ich nicht zulassen.

Finn zuckte nur mit den Schultern. Er lächelte nicht mehr, doch in seinen Augen stand noch immer ein Funkeln. »Seine Methoden sind, sagen wir mal, ungewöhnlich, aber er ist ein guter Lehrer. Er wäre ein großartiger Ritter geworden, wenn er es gewollt hätte.« Der Stolz in Finns Stimme war nicht zu überhören.

»Also, wollen wir jetzt trainieren?«, fragte Keane. »Oder wollen wir weiter rumquatschen?«

Mit dem Rücken zu Finn erwiderte ich Keanes herausfordernden Blick. »Beim nächsten Mal werde ich nicht zögern«, versprach ich ihm.

Er nickte anerkennend. »Freut mich, das zu hören. Und jetzt beweg deinen Arsch.«

Mann, ich wünschte mir, ich hätte nicht um das Training gebeten. So war es schwierig, sich darüber zu beklagen, selbst wenn ich es eigentlich wollte. Mit der Gewissheit, dass es ein verdammt langer Morgen werden würde, folgte ich Keane hinunter in die Garage.

 

Und ja, es wurde ein langer Morgen. Gegen Keane war jeder Drillsergeant ein sanftes Gemüt. Er war arrogant. Er war herablassend. Er war beleidigend. Aber, verdammt – er war gut. Er zeigte mir alle Stellen am menschlichen Körper, an denen ein Angriff besonders weh tat, und er erklärte mir, welche Teile meines eigenen Körpers die besten Waffen abgaben. Dann brachte er mir bei, diese Waffen einzusetzen, und wenn ich nicht hart genug zuschlug, musste ich dafür bezahlen.

Zur Mittagszeit war ich so erschöpft, dass ich mich kaum noch rühren konnte. Mir tat einfach alles weh. Wenn man wirklich hart zuschlägt, gibt es ein Problem: Es ist echt schmerzhaft. Doch das hätte ich Keane gegenüber natürlich niemals zugeben können, also unterdrückte ich mein Gejammer. Ich konnte froh sein, wenn ich am nächsten Tag, sobald die Blutergüsse und der Muskelkater sich erst einmal voll entfaltet hatten, überhaupt aus dem Bett kam.

Ich rechnete damit, dass Keane nach dem Unterricht verschwinden würde, aber offensichtlich konnte Finn ihn nicht hinauslassen, ohne die zusätzlichen Schutzzauber zu brechen, mit denen mein Dad nach der gestrigen Attacke das Haus belegt hatte. Was für eine Freude – wir saßen hier den ganzen Tag über mit ihm fest.

Kurz nach dem Mittagessen klingelte es an der Tür. Seit meinem Einzug war es das erste Mal, dass jemand anders als Kimber hierher zu Besuch kam. Meine Nerven kribbelten, und mein Herz raste. Bestand die Hoffnung, dass es meine Mom war?

Ich machte mich auf den Weg Richtung Wendeltreppe, doch obwohl Finn am anderen Ende des Raumes war, schaffte er es, vor mir da zu sein.

»Bleib hier!«, befahl er, und meine Augen weiteten sich, als ich bemerkte, dass er eine Waffe gezogen hatte. Keane saß im Wohnzimmer und wirkte gelangweilt. An Finns Verteidigungsmaßnahmen zeigte er nicht das geringste Interesse.

Das kribbelnde Gefühl, das durch Finns Magie ausgelöst wurde, prickelte auf meiner Haut, obwohl ich den Anhänger gar nicht trug. Inzwischen war Finn wieder ganz und gar Bodyguard und bereit, jedem Angreifer gegenüberzutreten – egal, ob Mensch oder Fee. Mit der Anmut eines Raubtieres lief er die Treppe hinab und weiter in die leere Garage. Ich schlich die ersten paar Stufen hinunter und war darauf vorbereitet, jederzeit wegzurennen, falls sich herausstellen sollte, dass Finns Schutzmaßnahmen tatsächlich nötig werden würden.

Finn schaute durch den Türspion, und seine Körperhaltung entspannte sich nicht. »Kann ich Ihnen behilflich sein?«, fragte er, ohne die Tür zu öffnen.

Ich hörte nur: »Mein Name ist Cathy!«, ehe ich einen erstickten Schrei ausstieß und die Treppe hinunterraste.

»Mom!« Ich stolperte beinahe über meine eigenen Füße, als ich versuchte, möglichst schnell zur Tür zu kommen. Am Fuß der Wendeltreppe angekommen, war mir total schwindelig, aber das war mir egal.

»Dana!«, hörte ich meine Mutter rufen.

Ich flog praktisch zur Tür, um sie aufzureißen und mich in die Arme meiner Mom zu werfen.

Allerdings war da eine Wand zwischen mir und der Tür – eine Wand namens Finn.

Wenn er ein Mensch gewesen und ich so in ihn gerannt wäre, wären wir vermutlich beide zu Boden gegangen. Doch er war kein Mensch, und deshalb schien der Aufprall ihn kein bisschen zu erschüttern. Ich dagegen taumelte nach hinten, und er musste mich festhalten, damit ich nicht hinfiel.

»Lass mich los!« Ich wollte mich aus seinem Griff lösen, auch wenn ich nicht damit rechnete, dass er mich tatsächlich loslassen würde. »Das ist meine Mom!«

»Dana? Dana, geht es dir gut?« Mittlerweile hämmerte meine Mutter wie wahnsinnig mit den Fäusten gegen die Tür.

»Ihr geht es gut«, sagte Finn. »Wir sollten uns alle erst einmal beruhigen.«

»Ich weiß nicht, wer Sie sind«, schrie meine Mom, »aber wenn Sie meiner Tochter auch nur ein Haar krümmen, werden Sie sich wünschen, niemals geboren worden zu sein!«

Ja, meine Mom kann wie kaum jemand anders große Reden schwingen. Für gewöhnlich verdrehte ich die Augen, wenn sie das tat, doch im Moment wollte ich nichts mehr, als sie endlich von Angesicht zu Angesicht zu sehen.

»Ich bin der Bodyguard Ihrer Tochter«, erklärte Finn. Ich probierte einen der Tritte aus, die Keane mir beigebracht hatte, und mein Fuß traf Finns Schienbein ziemlich genau. Und wirklich zuckte er zusammen, aber ich war nicht abgebrüht genug gewesen, um mit der nötigen Wucht zuzutreten, um ihm ernsthaft weh zu tun. Schließlich war er nicht der Feind. »Wenn ich Ihnen jetzt die Tür öffne, werden einige der Schutzzauber gebrochen, mit denen Seamus das Haus belegt hat. Das wäre im Augenblick nicht ratsam.«

»Sie haben nicht das Recht, meine Tochter von mir fernzuhalten!«

»Es ist nur zu ihrem Schutz. Es hat ein paar Anschläge auf ihr Leben gegeben. Ich bin mir sicher, dass Sie auch wollen, dass sie so gut wie möglich geschützt wird.«

O ja. Meiner Mom zu sagen, dass es Leute gab, die mich umbringen wollten, würde sicherlich helfen, sie zu beruhigen. Natürlich nicht!

»Mir geht es gut, Mom«, sagte ich, ehe sie einen Anfall bekam. »Durch Dads Bannsprüche und mit Finn an meiner Seite bin ich so sicher, als wäre ich in Watte gepackt. Mach dir bitte keine Sorgen.«

Ich zuckte zusammen, als ich Moms herzzerreißendes Schluchzen hörte. Normalerweise haben ihre Tränen kaum noch Wirkung auf mich. Doch es ließ sich nicht bestreiten, dass sie einen berechtigten Grund hatte, außer sich zu sein. Schlimmer noch – mir fiel nichts ein, was ich hätte sagen können, damit es ihr besserging. Das Wissen, dass beide Königinnen von Faerie auf der Liste meiner Feinde standen, würde sie vermutlich komplett verrückt machen.

»Seamus wird so gegen fünf nach Hause kommen«, erklärte Finn. »Kommen Sie dann wieder her, damit er die Verteidigungszauber erneuern kann, sobald er Sie hereingelassen hat. Warum ruhen Sie sich in der Zwischenzeit nicht etwas aus?«

Mom antwortete nicht, sondern schluchzte nur weiter.

»Mom, mir geht es wirklich gut«, sagte ich in meinem überzeugendsten Tonfall. »Warum gehst du nicht zurück in dein Hotel und rufst mich an, damit wir ein bisschen reden können, bevor Dad nach Hause kommt?«

Wenn sich diese Szene zu Hause abgespielt und meine Mom auf der Türschwelle gesessen, geheult oder ein sonst wie öffentliches Drama veranstaltet hätte, wäre ich vor Scham wohl am liebsten im Boden versunken. Aber mein kurzer Aufenthalt in Avalon hatte mich bereits verändert. Von allen Problemen, die es momentan in meinem Leben gab, rangierte das Gefühl, mich für meine Mutter schämen zu müssen, ungefähr auf Platz fünf Millionen und eins.

»Bitte, Mom«, fuhr ich in derselben Tonlage fort, obwohl es eher so klang, als würde ich mit einem verängstigten Kind sprechen als mit meiner Mutter. »Du bist hier, ich bin in Sicherheit, und ich möchte mit dir reden. Bitte, reiß dich ein bisschen zusammen und ruf mich an. Es ist so viel passiert, seit ich hier angekommen bin …«

Ich war irgendwie froh, dass Finn da war – groß und stark und unbeeindruckt von Moms hysterischem Anfall. Wenn ich allein gewesen wäre, dann wäre ich wahrscheinlich schwach geworden und hätte die Tür geöffnet und damit Dads Schutzzauber gebrochen. Vielleicht wäre ja alles gutgegangen, und es wäre sicher gewesen. Doch ich wollte nicht Moms Leben und meines riskieren, indem ich es ausprobierte.

Irgendwann hatte sie genug geweint. Jedenfalls für den Moment.

»Ich warte hier, bis Seamus nach Hause kommt«, schniefte sie zwischen ihren Schluchzern, und ich konnte mir ein Augenrollen nicht verkneifen. Zum Glück konnte sie mich nicht sehen.

»Was soll das bringen?«, fragte ich und hoffte, dass sie noch zu einigermaßen logischem Denken fähig war.

»Wir können doch auch hier reden.«

Offensichtlich bedurfte es noch eines Schusses Logik – ich musste deutlicher werden. »Wenn wir hier reden, werden wir ganz heiser, weil wir durch die Tür schreien müssen. Außerdem haben wir dann Publikum. Geh zurück in dein Hotel und ruf mich an. Ich werde dir alles erzählen, was in der Zwischenzeit passiert ist.« Als ich das sagte, kreuzte ich die Finger hinter dem Rücken, denn ich wusste, dass ich einige Details würde weglassen müssen, damit Mom nicht total ausflippte. »Später, wenn Dad wieder zu Hause ist, kannst du hierherkommen, und dann können wir uns sehen.« Das versprach eine fröhliche kleine Familienzusammenführung zu werden …

»Okay?«, hakte ich nach, als sie eine Weile nichts darauf erwidert hatte.

Sie schniefte wieder. »Ich hasse den Gedanken, dich auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen, nachdem ich dich endlich gefunden habe.«

»Ich gehe nirgends hin. Das verspreche ich.«

Wieder entstand eine quälend lange Pause. Dann seufzte sie abgrundtief.

»Also gut. Ich werde ins Hotel zurückgehen. Sobald ich da bin, rufe ich dich an.«

»Ich werde da sein«, versicherte ich noch einmal.

Mein Gehör war nicht magisch verstärkt, deshalb konnte ich nur an Finns deutlich entspannterer Körperhaltung erkennen, dass meine Mom sich schließlich entfernt hatte.

»Tut mir leid, dass ich dich getreten habe«, sagte ich zu ihm, als mir klarwurde, dass das total übertrieben und gemein von mir gewesen war.

Finn warf mir einen komischen Blick zu. »Mit Schwertern durchbohrt, angeschossen etcetera, etcetera. Schon vergessen?«

Ich hörte ein verächtliches Schnauben und drehte mich um. Keane lehnte in der Tür am Treppenabsatz und sah mit Geringschätzung zu mir herunter.

»Der Tritt hätte nicht einmal einen Fünfjährigen verjagt – ganz zu schweigen von einem Ritter«, sagte er. »Man könnte sich fragen, ob du heute Morgen überhaupt irgendetwas gelernt hast.«

Mit leicht zusammengekniffenen Augen funkelte ich ihn an. Ich wusste, dass er mich reizen wollte, wusste, dass ich seine Bemerkung eigentlich gar nicht beachten sollte. Aber ich spürte jetzt schon, dass er einen ganz schlechten Einfluss auf mich hatte.

»Man könnte sich auch fragen, warum du gern möchtest, dass ich deinem Vater das Bein breche«, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Keane machte den Mund auf, um etwas – ganz sicher Unfreundliches – zu erwidern, doch Finn unterbrach ihn.

»Genug, Kinder«, sagte er, aber er klang nicht, als wäre er ernsthaft wütend. »Versucht bitte, die Feindseligkeiten auf die Übungsmatte zu beschränken.«

Keane kam mir nicht wie ein Typ vor, der sich um elterliche Anweisungen scherte, doch zu meiner Überraschung hielt er den Mund. Ich wollte gar nicht näher darüber nachdenken, warum mich das seltsamerweise ein bisschen enttäuschte.