18. Kapitel
Als der nächste Morgen graute, fing ich allmählich an zu glauben, dass es ein typischer Sommertag in Avalon war, der da begann. Das hieß, dass es feucht und bewölkt war und eine gar nicht sommerliche Kälte in der Luft hing. Ich schlief aus und genoss das ganz neue Gefühl, in einem einigermaßen gemütlichen Bett zu liegen. Der Futon war nicht so schlimm, wie ich erwartet hätte, und die Bettwäsche fühlte sich weich auf meiner Haut an.
Ich duschte und entschied mich für eine andere Cargohose mit einem T-Shirt und einem Kapuzenpullover, die ich schnell anzog. Ich war erleichtert, dass ich heute wieder shoppen gehen würde, denn ich brauchte wärmere Klamotten. Zwar hatte ich gewusst, dass es nicht so warm werden würde wie in den Staaten, doch die Feuchtigkeit machte die Kälte noch unerträglicher, und darauf war ich nicht vorbereitet gewesen.
Ich schob das, was von Dads Geld noch übrig war – eine Menge –, in eine meiner Hosentaschen und lief dann nach unten, um auf Kimber zu warten. Am Abend zuvor hatte ich gemerkt, dass Dad nicht gerade begeistert von der Idee war, dass ich etwas mit »dem Feind« unternahm, aber trotzdem hatte er nicht versucht, es mir zu verbieten. Das rechnete ich ihm hoch an.
Eigentlich hatte ich erwartet, unten auf meinen Vater zu treffen, doch stattdessen erblickte ich Finn, der auf dem Sofa im Wohnzimmer saß. Er trug ähnliche Kleidung wie am Tag zuvor, auch wenn er sein Jackett über die Sofalehne gelegt und die Sonnenbrille in die Brusttasche seines Hemdes gesteckt hatte. Gestern noch war ich deprimiert gewesen, weil er mich nicht aus den Augen ließ, aber jetzt gerade machte mir die Vorstellung nicht mehr so viel aus.
»Wo ist mein Dad?«, fragte ich, als ich in die Küche ging, um nach Kaffee zu suchen.
»Bei der Arbeit«, erwiderte Finn. »Ich fürchte, du musst wieder mit mir vorliebnehmen.«
»Ich werde schon irgendwie damit klarkommen«, sagte ich über die Schulter hinweg – und hatte den Eindruck, dass Finn möglicherweise gelacht haben könnte, obwohl es so kurz und leise gewesen war, dass es mir fast entgangen wäre.
Meine Hoffnung auf eine gute Tasse Kaffee erlosch mit einem Schlag, als ich feststellte, dass Dad nicht einmal eine Kaffeekanne besaß. Es gab Unmengen an Tee, doch selbst wenn ich gewusst hätte, wie man losen Tee zubereitete, hätte ich es mir geschenkt. Schließlich fand ich ein Glas mit Instantkaffee und beschloss, dass es besser war als nichts. Nachdem ich einen Schluck genommen hatte, war ich mir da nicht mehr so sicher, aber aus medizinischen Gründen zwang ich mich dann doch, das Gebräu zu trinken.
Kimber tauchte um Punkt zehn Uhr ekelhaft gut gelaunt auf. Eigentlich stand ich nicht so auf Shopping – es war schwierig, mit Begeisterung einkaufen zu gehen, wenn man jeden Penny zweimal umdrehen und beten musste, dass man die nächste Stromrechnung würde bezahlen können. Doch ich musste zugeben, dass es mit Kimber echt Spaß machte. Sie hatte ein gutes Auge für Mode, und praktisch alles, was anzuprobieren sie mir vorschlug, sah fabelhaft an mir aus, wenn ich das mal so sagen darf.
Als eher praktisch veranlagter Mensch konzentrierte ich mich darauf, die Basics zu kaufen: Pullover, langärmelige Shirts und dickere Hosen in den verschiedensten Mischungen aus Baumwolle und Wolle. Kimber dagegen drängte mich andauernd, ausgefallenere Kleidungsstücke zu kaufen: Kleider, Röcke, Rüschenblusen. Wie schon gesagt, hatte sie ein gutes Auge für Mode, aber auch wenn ich klaglos alles anprobierte, sah ich nicht ein, warum ich Geld für Klamotten ausgeben sollte, die ich vermutlich niemals tragen würde. Meine »langweilige« Auswahl ärgerte sie wahnsinnig.
»Du musst auch irgendetwas nur so zum Spaß kaufen«, sagte sie schmollend, als wir aus einem weiteren Geschäft kamen und sich wieder weder Seide noch Samt oder Spitze in meiner Tüte befanden. Finn trug schon so viele Taschen und Tüten für mich, dass er aussah wie ein – sehr cooler – Gepäckträger, und trotzdem hatte ich noch immer mehr als zweihundert Euro übrig. Und ich musste zugeben, dass mir die Vorstellung, Geld für etwas vollkommen Unpraktisches auszugeben, allmählich echt reizvoll erschien.
Kimber hatte diesen kleinen Moment der Schwäche offenbar gespürt. »Jetzt weiß ich!«, platzte sie heraus, und ihre Augen begannen vor Aufregung zu glänzen. »Nächsten Monat habe ich Geburtstag, und ich werde eine große Party schmeißen. Wir sollten uns nach dem perfekten Kleid für dich umsehen.«
Ich starrte sie an. »Du erwartest von mir, auf einer Geburtstagsparty ein Kleid zu tragen?«
Kimber hob die Nase, und ich wurde kurz daran erinnert, wie sie sich zu Beginn wie eine Schneekönigin verhalten hatte. »Es ist meine Party, also bestimme ich die Regeln. Und zufällig mag ich nun mal Kleider.«
Mir fiel wieder das mit Federn besetzte Rüschenmonster in ihrem Kleiderschrank ein, und ich hoffte, dass ihr nicht so etwas vorschwebte. Ich protestierte schwach, als sie mich in eine weitere Boutique zerrte.
Wenn ich allein gewesen wäre, dann hätte ich nur einen kurzen Blick auf die Preisschilder geworfen und wäre gleich rückwärts wieder rausgegangen. Aber Kimber in Aktion war kaum zu bremsen. Schon kurz darauf fand ich mich in der Umkleidekabine wieder – mit einem Arm voller hübscher, teurer und völlig unpraktischer Kleider.
Mit Kimbers Hilfe schränkte ich die Auswahl auf zwei Teile ein, obwohl ich mir noch immer nicht sicher war, ob ich so viel Geld für ein Partykleid hinlegen wollte.
»Mir gefällt das blaue am besten«, erklärte Kimber. »Es unterstreicht die Farbe deiner Augen.«
Ich murmelte etwas Unverbindliches. Das blaue Kleid war selbstverständlich das teurere von beiden. Offensichtlich hatte Kimber sich in ihrem Leben noch nie Gedanken über Geld machen müssen.
Sie gab ein verärgertes kleines Schnauben von sich. »Ich suche mir selbst etwas aus, während du noch weiter nachdenkst. Aber glaub ja nicht, dass du hier mit leeren Händen rausgehst.« Dabei fuchtelte sie mit erhobenem Zeigefinger vor meiner Nase herum, und ich verdrehte die Augen.
Etwa eine Minute später hörte ich ein dumpfes Geräusch aus dem Ladeninnern. Ich machte mir keine großen Gedanken darüber. Nicht, bis die Kamee heiß wurde und ich das seltsame Kribbeln wieder spürte. Das war auf keinen Fall ein gutes Zeichen.
Hastig schlüpfte ich in meine Klamotten – falls ich dem Bösen gegenübertreten musste, wollte ich das lieber nicht nur mit einer Unterhose bekleidet tun – und hatte gerade die Arme durch die Ärmel meines Kapuzenpullis geschoben, als die Tür der Umkleidekabine mit einem lauten Krachen aufsprang.
Ich stieß einen erschrockenen Schrei aus und machte einen Satz zurück, als Finn durch die Tür flog und in den bodentiefen Spiegel an der Wand fiel. Durch den Aufprall zerbarst das Glas, und Finn stöhnte vor Schmerz auf.
Zwei Männer folgten ihm in die Kabine, gemütlich schlendernd, als wäre nichts Außergewöhnliches passiert. Einer von ihnen blieb stehen, um die Tür hinter sich zu schließen, während der andere auf Finn zulief.
Die beiden Kerle waren ähnlich groß und muskulös wie Finn. Auch sie pflegten den »Men-in-Black-Look« – bis hin zu den Sonnenbrillen, die sie an diesem trüben Tag nicht einmal draußen gebraucht hätten. Ich tippte einfach mal darauf, dass die beiden ebenfalls Ritter waren. Und dass ich echt in Schwierigkeiten steckte.
Ich versuchte es mit lautem Schreien, denn das schien mir im Augenblick angemessen zu sein, doch die Ritter blieben vollkommen unbeeindruckt. Wahrscheinlich waren die Einzigen, die mich hören konnten, Kimber und die Ladenbesitzerin. Die Ritter waren auf ihrem Weg zu den Umkleidekabinen aber mit Sicherheit an ihnen vorbeigekommen. Ich konnte nur hoffen, dass es den beiden gutging.
Finn blutete aus einer fiesen Wunde auf der Stirn, und die Scherben des zerbrochenen Spiegels mussten ihm eigentlich am ganzen Körper ins Fleisch schneiden. Die Ritter standen zwischen mir und dem Ausgang, doch ich stürmte trotzdem auf die Tür zu und hoffte, dass ihre massigen Körper sie langsam machten. Leider war das nicht der Fall. Einer von ihnen packte mich und hielt mich an seinen Oberkörper gepresst, so dass meine Füße in der Luft hingen. Einen Arm hatte er unterhalb meiner Brüste um mich geschlungen, den anderen hatte er an meine Kehle gedrückt. Ich tat mein Bestes, um ihn zu treten, aber es ist schwierig, besonders viel Kraft in einen Tritt nach hinten zu legen, und so war ich im Grunde machtlos.
»Wehr dich, und das Mädchen stirbt«, zischte der andere Ritter Finn zu, dem es gelungen war, auf die Knie zu kommen.
Finns Blick wanderte zu mir, und der Ritter, der mich festhielt, verstärkte seinen Griff um meinen Hals. Ich bekam keine Luft mehr.
»Tut ihr nicht weh«, sagte Finn leise. »Ich werde nicht kämpfen.«
Der Druck auf meine Kehle ließ nach, und ich atmete gierig ein. Der zweite Ritter näherte sich Finn, holte mit dem Bein aus und trat ihm mit voller Wucht brutal in den Bauch.
»Nein!«, schrie ich. Finn war vielleicht eine Nervensäge, doch ich wollte nicht, dass man ihm weh tat.
Der Ritter, der mich hielt, lachte, als sein Partner Finn erneut trat. Ich unternahm wieder einen Versuch, mich aus seinem Griff zu winden, aber ihn zu bewegen war ungefähr so leicht, als würde ich versuchen, einen Schwertransporter zur Seite zu schieben. Ich konnte nicht einmal den Blick davon abwenden, was gerade mit Finn passierte – nicht, solange der Ritter mich im Schwitzkasten hielt. Zwar hätte ich die Augen schließen können, doch das hätte es auch nicht besser gemacht. Ich hätte noch immer die Schläge und Tritte gegen Finns wehrlosen Körper gehört, das schmerzvolle Aufstöhnen, das er nicht unterdrücken konnte.
Der Ritter schlug und trat Finn wieder und wieder, manchmal so hart, dass Knochen lautstark brachen. Ich schluchzte und kämpfte und flehte Finn an, sich zu verteidigen, aber er tat es nicht. Irgendwann konnte er es nicht mehr.
Finn lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden, und wenn er nicht nach Luft gerungen hätte, hätte ich ihn für tot gehalten. Der Ritter, der ihn zusammengeschlagen hatte, grinste und zog dann ein langes, dünnes Messer aus einer Scheide, die in seinem Stiefel versteckt gewesen war.
»Nein!«, weinte ich, auch wenn ich wusste, dass es nichts nützen würde. »Warum macht ihr das?«
Der Ritter kniete sich neben Finn, und obwohl seine Augen hinter den dunklen Gläsern der Sonnenbrille verborgen waren, konnte ich spüren, dass sein Blick auf mich gerichtet war. Sein Lächeln war kalt und grausam, und ich konnte nichts auch nur annähernd Menschliches in seinen Zügen entdecken.
»Verschwinde aus Avalon«, sagte er zu mir. »Verschwinde und komm nie wieder zurück. Sonst bist du beim nächsten Mal dran.«
Ich heulte auf, als er die Hand hob und das Messer dann tief in Finns Rücken stieß. Finn schrie auf und versuchte, sich zu bewegen, doch vergeblich. Mit Entsetzen begriff ich, dass das Messer ihn durchbohrt hatte und ihn auf dem Fußboden festhielt.
Der Ritter, der seine Arme um mich geschlungen hatte, ließ endlich los und stieß mich zu Boden. Unter ihren Schuhen knirschten die Scherben des zerbrochenen Spiegels, als sie die Umkleidekabine verließen.
Panisch kroch ich zu meinem Bodyguard, ohne auf die Glassplitter zu achten. Der Griff des Messers ragte direkt über seinem rechten Schulterblatt aus dem Rücken, und Blut quoll aus der Wunde. Trotzdem atmete er noch. Mühsam hob und senkte sich sein Brustkorb. Ich legte meine zitternde Hand auf ihn und wusste nicht, was ich tun sollte. Zwar hatte ich meine Mutter schon nach einigen alkoholbedingten Unfällen versorgt, aber es war nie annähernd so dramatisch gewesen wie das hier. Sollte ich das Messer aus der Wunde ziehen? Oder würde das alles nur noch schlimmer machen?
Mit einem gequälten Aufstöhnen drehte Finn seinen Kopf zu mir.
»O Gott!«, wimmerte ich. »Beweg dich nicht!«
Sein Gesicht war … zerstört. Nur so konnte ich es beschreiben. Ich weiß nicht, wie viele Knochen gebrochen waren, doch es waren einige. Aber Ritter sind offensichtlich wirklich hart im Nehmen.
»Ich werde es überleben«, brachte er atemlos hervor. »Hol Hilfe.«
Ich wusste nicht, ob ich ihm glauben sollte, doch seine Worte trieben mich an. Mittlerweile selbst voller Blut und Glassplitter stolperte ich in den Laden hinein.
Die Ladenbesitzerin lag auf dem Boden hinter der Kasse. Kimber, die eine Wunde im Gesicht hatte, aus der bestimmt schon bald ein riesiger Bluterguss werden würde, half der Frau, sich aufzusetzen. Ich wäre erleichtert gewesen zu sehen, dass es ihnen gutging, wenn meine Angst um Finn nicht alles andere überblendet hätte.
»Das Telefon!«, rief ich der Ladenbesitzerin zu, und die Hysterie drohte überhandzunehmen. »Wo ist das Telefon? Ich muss einen Krankenwagen rufen.«
Sie wies auf den Telefonapparat, der praktisch direkt vor meiner Nase stand. Mit zitternden Händen nahm ich den Hörer auf, aber meine Handflächen waren voller Glassplitter. Aufkeuchend ließ ich ihn fallen. Die Ladenbesitzerin hatte sich genug erholt, um wieder aufstehen zu können, und streckte die Hand aus.
»Lassen Sie mich das machen«, sagte sie. Und da ich zum einen nicht wusste, welche Nummer ich eingeben musste, und zum anderen mit meinen verletzten Händen vermutlich sowieso nicht richtig hätte wählen können, überließ ich den Anruf ihr.