15. Kapitel

Entweder versteckte ich meine Gefühle besser, als ich gedacht hätte, oder mein Dad war nicht besonders aufmerksam. Er hatte das Bild, das ich von meiner Mutter gehabt hatte, mit einigen wenigen Worten zerstört, und es war ihm nicht einmal aufgefallen.

»Tja, wenn du keinen Champagner möchtest, wie wäre es dann mit Tee?«, fragte er.

Ich wollte keinen Tee. Ich wollte überhaupt nichts – außer vielleicht nicht gehört zu haben, was er gerade gesagt hatte. Aber ich nickte trotzdem, und Dad verschwand in der Küche. So gab er mir einige Minuten, um mich zu sammeln. Es war zwar nicht annähernd genug Zeit, doch ich hatte in den vergangenen Tagen genügend Schocks erlitten, so dass der Schmerz sich ziemlich schnell in Dumpfheit wandelte. Ich glaubte zwar nicht, dass diese Gefühllosigkeit für immer anhalten würde, und ich war mir sicher, dass die Auswirkungen, wenn sie dann nachließ, wahrscheinlich ziemlich unangenehm sein würden, aber im Augenblick war ich dankbar dafür.

Das Telefon klingelte, und das Geräusch war so alltäglich, dass es mich aus meinen Grübeleien zurück in die reale Welt riss. Ich hörte, wie mein Vater das Gespräch in der Küche annahm.

»Ja, sie ist hier«, sagte er und klang belustigt. Es herrschte kurz Stille, während der Teekessel zu pfeifen begann. »Natürlich habe ich das gemacht«, sagte mein Vater, und das Pfeifen des Kessels hörte abrupt auf. »Es wäre doch ziemlich dumm von mir gewesen, das nicht zu tun, oder?« Er schwieg, während sein Gesprächspartner, wer auch immer das sein mochte, etwas erwiderte, und dann lachte er. Der Klang zerrte irgendwie an meinen Nerven. Vielleicht, weil eine Spur Gehässigkeit in dem Lachen mitschwang. Oder vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. »Ich werde ihr deine besten Wünsche ausrichten«, sagte mein Vater, »allerdings bezweifle ich, dass sie im Augenblick mit dir reden möchte. Es war aber gut, dass du angerufen hast, um dich nach ihr zu erkundigen.«

Es piepste, als er das Gespräch beendete, und dann hörte ich ihn in der Küche hantieren. Dad kam mit einem Teeservice auf einem Tablett ins Wohnzimmer zurück. Im Allgemeinen waren die Einwohner von Avalon nicht so britisch, wie ich es erwartet hätte, doch ihren Tee schienen sie zu lieben.

Er hatte schon zwei Tassen gefüllt. Am Boden schwammen wieder die verräterischen kleinen Teeblätter, die bewiesen, dass er nicht im Traum daran dachte, Teebeutel zu benutzen. Ich fühlte mich so elend, dass der Tee mir reizvoller erschien als sonst. Nachdem ich zwei Stück Zucker in meine Tasse geworfen hatte, rührte ich abwesend um.

»War das Ethan?«, fragte ich, denn wenn ich so über die halbe Unterhaltung nachdachte, die ich mit angehört hatte, ergab sie nur einen Sinn, wenn Ethan am anderen Ende gewesen war.

»Ja«, entgegnete mein Vater. »Er hat angerufen, um sich zu erkundigen, ob du sicher nach Hause gekommen bist.« Sein Lächeln wirkte mit einem Mal bitter. »Und um herauszufinden, ob ich dir erzählt habe, wer er ist, natürlich. Ging ich recht in der Annahme, dass du nicht mit ihm sprechen wolltest?«

Ich nickte und hörte endlich auf, meinen Tee umzurühren. Der Zucker hatte sich längst aufgelöst. »Hättest du mich denn mit ihm sprechen lassen, wenn ich es gewollt hätte?«

Überrascht hob er die Augenbrauen. »Selbstverständlich. Ich mag ihn nicht besonders, und seinen Vater mag ich noch weniger, aber ich werde dir nicht vorschreiben, mit wem du reden darfst und mit wem nicht.«

Ich legte den Kopf schräg. Bisher kam er mir nicht sehr väterlich vor. »Es gibt viele Väter, die ihre sechzehnjährige Tochter nicht mit einem Typ sprechen lassen würden, den sie nicht mögen.«

Er stellte seine Teetasse ab und wandte sich zu mir. Seine Miene wirkte ernst. »Du bist kein Kind mehr, und ich werde mich bemühen, dich nicht wie eines zu behandeln«, erklärte er.

Ich hätte beinahe mit ihm gestritten. In meinem Alter verbrachte ich den Großteil der Zeit damit, Leute davon zu überzeugen, dass ich kein Kind war, doch im Augenblick wünschte ich mir nichts sehnlicher, als genau das zu sein. Ich wollte, dass sich jemand um mich kümmerte, ich wollte die Verantwortung abgeben, und ich wollte, dass jemand anders alle schwierigen Entscheidungen traf.

Wenn es das ist, was du wirklich willst, flüsterte die kleine Stimme in meinem Kopf, hättest du auch bei Tante Grace bleiben können – denn dann hättest du überhaupt keine Entscheidungen mehr treffen müssen.

»Möchtest du mich irgendetwas fragen?«, wollte Dad wissen. »Avalon neigt dazu, schon den durchschnittlichen Touristen zu überwältigen; es fällt mir schwer, mir vorzustellen, was dir – nach allem, was passiert ist – durch den Kopf gehen muss.«

Das Stadium »überwältigt« hatte ich längst hinter mir gelassen. Aber trotz des Aufruhrs in meinem Innern hatte ich tatsächlich ein paar Fragen. Vor allem folgende: »Was soll Tante Grace und Ethan davon abhalten, mich wieder zu entführen?«

»Meine Mittel, das zu verhindern, sind beträchtlich«, erwiderte er. »In diesem Haus wirst du immer in Sicherheit sein. Weder Grace noch Ethan sind mächtig genug, um die Bannsprüche zu überwinden, mit denen ich das Haus belegt habe.«

»Was ist mit Lachlan?«

Dad winkte ab. »Lachlan ist kein Thema. Er mag ein körperlich beeindruckendes Exemplar sein, und ich möchte ihm im direkten Kampf nicht gegenüberstehen, doch es braucht etwas Anspruchsvolleres als brutale Kraft, um meine Verteidigung zu durchbrechen.« In seiner Stimme schwang ein Hauch von Verachtung mit, den ich nicht verstehen konnte.

»Aber er gehört doch auch zum Feenvolk, oder? Auch wenn er nicht so aussieht?«

Dad rümpfte zwar nicht die Nase, doch es fehlte nicht viel. »Er ist eine Kreatur aus Faerie, aber er steht in der Ordnung weit unten. Seiner Art ist der dauerhafte Aufenthalt in Avalon üblicherweise nicht erlaubt, doch da Grace für ihn eintritt …«

Offensichtlich war Dad ein Snob. Lachlan war vielleicht mein Gefängniswärter gewesen, aber er war trotzdem eine der nettesten Personen, die ich in Avalon kennengelernt hatte. Ich fühlte mich durch Dads Haltung beinahe ein bisschen angegriffen. Dad sah mir das offenbar an, denn er tauschte seine hochnäsige Miene gegen einen Ausdruck reuevoller Belustigung.

»Wir sind eben ein ziemlich klassenbewusster Haufen, wir Feen«, sagte er. Die Belustigung schwand. »Du musst wissen, dass die Feen immer noch Feen sind, auch wenn Avalon sich offiziell von Faerie gelöst hat. Wir erkennen einander als Mitglieder des Sommer- oder Winterhofes an, obwohl wir den Höfen eigentlich keine Gefolgschaftstreue mehr schuldig sind. Und in Faerie ist die Vorstellung, dass alle Geschöpfe gleich sind, so lächerlich, dass es schon fast ein Sakrileg ist. Die Sidhe – das Elfenvolk, dessen Bild du dir vorstellst, wenn du an die Feen denkst – sind die Aristokratie von Faerie. Lachlan gehört nicht zu den Sidhe. Ich schon.«

Mit leicht zusammengekniffenen Augen blickte ich ihn an und hatte noch immer das Bedürfnis, Lachlan verteidigen zu müssen. »Also willst du damit sagen, dass du besser bist als er, weil du zu den Sidhe gehörst?«

Ich erwartete, dass er etwas Beschwichtigendes sagte. Stattdessen sah er mir direkt in die Augen und antwortete: »Ja.«

Schockiert blinzelte ich. Es gab viele Menschen auf der Welt, die sich für besser hielten als ihre Umgebung, doch ich konnte mich nicht daran erinnern, dass irgendjemand diesen Dünkel tatsächlich zugegeben hätte.

»Lachlan ist ein Troll«, fuhr mein Vater fort. »Er hat ein menschliches Aussehen – wenn er das nicht hätte, hätte nicht einmal Grace ihn legal nach Avalon bringen können –, aber das ändert nichts daran, was er in Wirklichkeit ist.«

Mir war übel. Dad war nicht nur ein Snob. Er war ein intoleranter Fanatiker. Ich hatte ihn mögen, vielleicht sogar irgendwann lieben wollen, doch das konnte ich mir bei einem so intoleranten Menschen nicht vorstellen.

Dad beugte sich zu mir herüber, und ich musste mich zusammenreißen, um nicht zurückzuweichen.

»Die Feen in Avalon geben vor, Menschen zu sein«, sagte er. »Aber das sind wir nicht. Wir werden immer zuerst Geschöpfe aus Faerie sein und in zweiter Linie Einwohner von Avalon. Ein paar junge Männer wie Alistair Leigh glauben, sie könnten das ändern, doch die Feen ändern sich nicht. Wir werden niemals ein auf Gleichheit beruhendes Volk sein, und wir werden uns auch niemals ganz von den Höfen lösen. Wir gehören dem Hof unserer Eltern an, und das auf Lebenszeit. Jeder, der etwas anderes behauptet, liegt entweder falsch oder ist einfach nur naiv.«

Ich hatte das Gefühl, dass in den Worten meines Vaters eine unterschwellige Botschaft steckte. Wir gehören dem Hof unserer Eltern an. Mit anderen Worten: Obwohl ich halb Mensch bin, »gehöre« ich dem Sommerhof an. Natürlich hatte er mir diese Botschaft schon mitgeteilt, indem er mir den Anhänger geschickt hatte. Ich war nur nicht in der Lage gewesen, diese Botschaft auch zu verstehen.

»Das ist der Grund, warum die Anspannung so wächst, wenn ein Mitglied der Feen die Position des Konsuls übernehmen soll«, fügte mein Vater hinzu. »Ob der Konsul nun Angehöriger des Sommer- oder des Winterhofes ist, ist den menschlichen Bewohnern Avalons ziemlich egal, aber den Feen …« Er erschauderte übertrieben und warf mir dann ein betrübtes Lächeln zu. »Ich möchte deine Mutter dafür hassen, dass sie dich versteckt und mich nicht einmal informiert hat, dass es dich gibt.« Sein Lächeln erstarb, und er seufzte. »Doch sosehr ich mich auch bemühe, ich kann ihr nicht die Schuld geben.«

Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte, also schwieg ich. Ich konnte Mom die Schuld an vielen Dingen geben, die sie getan hatte, aber mich von Avalon fernzuhalten gehörte nicht dazu. Wenn ich von Anfang an die Wahrheit gekannt hätte, dann wäre ich niemals hierhergekommen.

Ich beugte mich vor, um meine noch immer halbvolle Tasse auf den Couchtisch zu stellen. Als hätte er einen eigenen Willen, rutschte mir in diesem Moment der Anhänger aus dem Ausschnitt meines Shirts. Ich war mir sicher, dass es meinem Dad aufgefallen war, obwohl er nichts dazu sagte. Es wäre wahrscheinlich ein guter Zeitpunkt gewesen, um ihn mit der Tatsache zu konfrontieren, dass er mir die Kamee ohne eine Erklärung zu ihrer Bedeutung geschickt hatte. Doch ich wollte mich jetzt nicht mit dieser bewussten kleinen Täuschung auseinandersetzen.

»Ich habe deine Frage nicht beantwortet«, sagte mein Vater, und ich war erleichtert, dass er den Anhänger unkommentiert ließ. »Im Haus bist du durch die Kraft meiner Bannsprüche sicher. Außerhalb bist du verletzlich und angreifbar, also darfst du das Haus niemals allein verlassen.«

Mein Mut sank. Vielleicht würde Dad mich doch noch, wie Tante Grace auch, als Gefangene behandeln.

»Ich werde einen … Begleiter für dich einstellen«, fuhr er fort. »Wenn du das Haus verlässt, darfst du das nur mit mir oder deinem Begleiter zusammen tun.«

»Meinst du damit so etwas wie einen Bodyguard?« Die Vorstellung war unglaublich seltsam.

»So etwas in der Richtung, ja. Es ist zu deinem eigenen Schutz.«

Ja, und es war angeblich auch nur zu meinem Besten gewesen, dass Grace mich eingeschlossen hatte. Wie auch immer – ich wusste, wann ein Streit für mich aussichtslos war, also machte ich mir erst gar nicht die Mühe, es zu versuchen. Wenigstens würde ich nicht mehr den ganzen Tag über eingesperrt sein. Möglicherweise bekam ich jetzt sogar einige schöne Ecken von Avalon zu sehen, statt nur dunkle, unheimliche Tunnel im Herzen des Berges zu erkunden.

Die Vorstellung munterte mich etwas auf, und es gelang mir, Dad zaghaft zuzulächeln. Ich war zwar nicht glücklich mit der Intoleranz, die er an den Tag gelegt hatte, aber abgesehen davon schien Dad relativ nett zu sein. Ich hatte meine eigenen Klamotten und ein fast gemütliches Zimmer für mich allein. Und ich würde endlich die Gelegenheit bekommen, Tourist zu sein – wenn auch nur für eine kurze Weile.

Allmählich ging es bergauf.