16. Kapitel

Dad führte mich zum Mittagessen in ein reizendes Straßencafé im Herzen von Avalons Einkaufsviertel aus. Avalon ist einer der letzten Orte, der sich standhaft gegen Geschäftsketten und Fast-Food-Restaurants zur Wehr setzt. Die meisten Läden sind Familienbetriebe und die Restaurants einzigartig. Doch nicht einmal Avalon ist gegen die Veränderungen gefeit, die die Zeit mit sich bringt. Direkt gegenüber dem Café, in dem wir zu Mittag aßen, befand sich ein Starbucks, und ein Stück die Straße hinunter gab es einen GAP-Store.

Der »Begleiter«, den Dad angestellt hatte, stieß zu uns, als wir gerade unser Mittagessen beendet hatten. Entspannt zurückgelehnt saß ich auf meinem Stuhl und beobachtete die Leute auf der Straße, als mir ein Mann ins Auge fiel. Er kam entschlossen auf uns zu und sah aus, als wäre er direkt vom Vorsprechen für die Rolle eines Secret-Service-Agenten bei Central Casting gekommen. Groß, muskulös, kein Lächeln auf den Lippen, mit einem dunklen Anzug bekleidet und – haltet euch fest – mit einer dunklen Sonnenbrille auf der Nase. Fehlte nur noch eines von diesen Gummidingern mit dem spiralförmigen Kabel, das ihm aus dem Ohr hing, und er wäre perfekt gewesen.

Dad lächelte, als Secret-Service-Mann sich uns näherte, stand auf und streckte ihm die Hand entgegen. Secret-Service-Mann erwiderte sein Lächeln nicht, schüttelte ihm aber die Hand und nickte knapp, was wohl so etwas wie eine Begrüßung sein sollte.

»Exzellentes Timing, Finn«, sagte Dad. »Wir sind eben fertig geworden.« Tatsächlich wählte die Bedienung just diesen Moment, um an den Tisch zu kommen und Dad seine Kreditkarte zurückzugeben. Er unterzeichnete den Beleg, ohne einen Blick darauf zu werfen. »Ich würde dir gern meine Tochter Dana vorstellen.«

Finn nickte mir genauso förmlich zu wie meinem Vater. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht in Lachen auszubrechen. Ich fragte mich, ob es ein Klischee über Bodyguards gab, dem er nicht entsprach. Ich erwiderte das Nicken, und falls Finn merkte, dass ich mich über ihn lustig machte, so zeigte er es nicht.

Dad setzte sich wieder, während Finn wie in höchster Alarmbereitschaft stehen blieb.

»Ich muss mich heute Nachmittag um Geschäftliches kümmern«, sagte Dad zu mir, und mir fiel auf, dass ich nicht einmal wusste, womit er seinen Lebensunterhalt verdiente. Doch bevor ich danach fragen konnte, sprach er schon weiter. »Finn wird sich gut um dich kümmern, während ich unterwegs bin, und er wird dich auch nach Hause begleiten, wenn du fertig bist.« Er öffnete seine Brieftasche und zog eine Handvoll Euro-Scheine heraus. Avalon war offensichtlich nicht dem Beispiel Großbritanniens gefolgt, sondern hatte die europäische Währung angenommen. »Ich dachte mir, du möchtest vielleicht etwas shoppen gehen, wenn du schon mal in der Gegend bist. Ich glaube, ihr Amerikaner nennt das ›Frustshoppen‹.«

Ich musste lachen. Ja, etwas Frustshoppen war vermutlich genau das Richtige. Obwohl ich noch nie einkaufen gewesen war, während mir ein großer, schwergewichtiger Schlägertyp mit dunkler Sonnenbrille über die Schulter geschaut hatte. Das würde bestimmt … interessant werden.

Ich nahm das Geld, das Dad mir reichte, und rang nach Luft, als ich sah, dass es fünfhundert Euro waren. Vermutlich machte man sich über Taschendiebstähle keine Sorgen, wenn man in der Liga meines Vaters spielte. Ich machte den Mund auf, um zu protestieren und ihm zu erklären, dass es viel zu viel Geld sei, doch er unterbrach mich, bevor ich etwas sagen konnte.

»Ich konnte dir sechzehn Jahre lang keine Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke machen«, sagte er. »Da ich jetzt endlich die Chance dazu habe, ist es, glaube ich, mein gutes Recht, dich ein bisschen zu verwöhnen.«

Ich wollte sein Geld noch immer nicht annehmen. Ich meine, es war mehr Bargeld, als ich je in meinem ganzen Leben gesehen hatte. Durch die ständigen Umzüge und die regelmäßigen Fehlzeiten wegen des Trinkens hatte meine Mutter keinen Job lange behalten. Wir hatten zwar immer genug gehabt, um uns ein Dach über dem Kopf und genug zu essen leisten zu können, aber mehr auch nicht.

Ich schluckte meinen Widerspruch herunter, schob die Geldscheine in die Tasche an meinem Hosenbein und prüfte anschließend, ob sie auch wirklich fest zugeknöpft war. »Danke«, sagte ich. »Das ist sehr großzügig von dir.« In meinem Kopf meldete sich mein Verfolgungswahn wieder, sprang aufgeregt auf und ab und schrie dabei: »Er versucht, deine Zuneigung zu kaufen!« Bäh. Ich hasse es, so misstrauisch zu sein.

Wir tauschten wieder einen warmherzigen Vater-Tochter-Handschlag, ehe Dad sich auf den Weg zur Arbeit machte und mich Finn, dem Muskelprotz, überließ, der bisher noch nicht einmal zu erkennen gegeben hatte, ob er überhaupt sprechen konnte. Das machte es wahrscheinlich einfacher für mich, so zu tun, als wäre er gar nicht da und als wäre ich ganz allein auf einer lustigen kleinen Shoppingtour.

Es stellte sich heraus, dass ein Einkaufsbummel mit Goliath, der einem unablässig über die Schulter blickte, gar nicht so viel Spaß machte, wie ich erwartet hätte. Nicht, dass ich ernsthaft geglaubt hätte, seine Anwesenheit ausblenden zu können, doch mir war nicht klar gewesen, wie nervös mich die ständige Kontrolle machen würde. Ganz zu schweigen davon, dass er die Angestellten der Geschäfte nervös machte, indem er nicht von meiner Seite wich und unglaublich bedrohlich wirkte.

»Besteht die Chance, dass Sie mir ein bisschen Platz zum Atmen lassen?«, fragte ich ihn, als wir das Geschäft eines Silberschmieds verließen. Ich hätte mir den hübschen Schmuck gern noch länger angesehen, aber Finn hatte den Besitzer des Lädchens so offensichtlich verängstigt, dass ich beschlossen hatte, es wäre am vernünftigsten, das Geschäft zu verlassen.

Finn schüttelte den Kopf.

Ich blickte finster zu ihm hoch. »Können Sie eigentlich auch reden?« Vielleicht war das ein bisschen zu direkt gewesen, doch ich hatte genug von seinem »Starker schweigsamer Mann«-Gehabe.

Einer seiner Mundwinkel zuckte verdächtig, so als würde Finn ein Lächeln unterdrücken. »Nur, wenn es nötig ist«, antwortete er. Er hatte eine tiefe, brummende Stimme, die zu seiner Größe passte. Zwar war er nicht annähernd so riesig wie Lachlan, aber er war trotzdem einer der größten Angehörigen des Feenvolkes, den ich je gesehen hatte. Zumindest nahm ich an, dass er zum Feenvolk gehörte. Ein menschlicher Bodyguard hätte vermutlich nicht viel ausrichten können, wenn die Entführer Feen waren und ihre magischen Kräfte nutzten.

»Ich halte es für notwendig, dass Sie mir erklären, warum Sie die ganze Zeit so nah bei mir stehen müssen.«

Er schob seine Sonnenbrille ein Stück die Nase hinunter, so dass ich seine verblüffend smaragdgrünen Augen mit der für Feen so typischen Schrägstellung sehen konnte. Diese Augen waren wie eine Geheimwaffe, so umwerfend, dass ich spürte, wie meine eigenen Augen sich vor Erstaunen weiteten. Dann lächelte er mir zu, und mir stockte der Atem. Er war mindestens so heiß wie Ethan.

»Ich muss dir nahe genug sein, um mich notfalls zwischen dich und die Gefahr stürzen zu können«, erklärte er. Das Lächeln verschwand, er schob seine Sonnenbrille zurück und wurde vom Frauenheld wieder zum Secret-Service-Mann. Offensichtlich war das das Ende unserer Unterhaltung.

Um ehrlich zu sein, war ich erleichtert, dass die Sonnenbrille wieder seine Augen verdeckte, denn sonst wäre ich vermutlich beim Starren über meine eigenen Füße gestolpert. Zwar hatte ich auch vorher schon gutaussehende Männer gesehen, aber mal echt: Die Feen gaben dem Begriff »gutaussehend« eine ganz neue Bedeutung.

Ich schlenderte weiter durch die Geschäfte, ohne etwas zu kaufen. Dann entdeckte ich eines der wenigen Filialgeschäfte, die in Avalon Fuß gefasst hatten: Victoria’s Secret. Gemein wie ich bin, konnte ich es mir nicht verkneifen hinzugehen – nur um zu sehen, wie Finn reagieren würde.

Natürlich tat er es nicht. Reagieren, meine ich. Er folgte mir einfach wie bisher, die Sonnenbrille auf der Nase. Selbst mit seinen versteckten Augen und seiner »Ich bin ein furchterregender Kerl«-Ausstrahlung ertappte ich eine der Verkäuferinnen dabei, wie sie seine Rückansicht musterte. Ich musste lächeln.

Ich schlenderte zu den Höschen, die gerade im Angebot waren – natürlich hätte ich einen BH kaufen können, doch das wäre bei meiner jämmerlich flachen Brust totale Verschwendung gewesen. In der Hoffnung, Finn zum Zusammenzucken zu bringen, hielt ich ein schwarzes Tangahöschen hoch und betrachtete das Preisschildchen, während ich meinen Bodyguard aus den Augenwinkeln beobachtete. Noch immer nichts. Offenbar war es nicht so leicht, ihn in Verlegenheit zu bringen. Ich dagegen war vermutlich rot wie ein Feuermelder. Dieser Plan war ganz klar nach hinten losgegangen.

Weil ich nicht wollte, dass Finn merkte, dass ich hier nur gestöbert hatte, um ihn zu ärgern, kaufte ich den Tanga und dazu noch etwas praktischere Unterwäsche. Davon kann man schließlich nie genug haben. Vor allem, wenn man es hasst zu waschen. Ich reichte Finn die Tüte, damit er sie für mich trug. Eine Sekunde lang zögerte er, und ich schwöre, dass ich in dem Moment seinen durchdringenden Blick sogar durch die dunkle Sonnenbrille hindurch auf mir spüren konnte. Mit einem unschuldigen Augenaufschlag sah ich zu ihm hoch und genoss den Beweis, dass ich ihn zumindest ein bisschen aus der Ruhe gebracht hatte. Er fasste sich schnell wieder und nahm mir wortlos die Tasche ab. Ich wünschte, ich hätte eine Kamera dabeigehabt, denn es sah ziemlich lustig aus, wie er mit einer Victoria’s-Secret-Tüte in der Hand versuchte, das Bild des Achtung gebietenden, knallharten Bodyguards aufrechtzuerhalten.

Meine Füße begannen zu schmerzen, also machte ich mich – auch wenn die Ausbeute meines Shoppingtrips nicht gerade berauschend war – auf den Weg zu dem Starbucks, den ich gesehen hatte. Selbstverständlich machte ich dank meines erbärmlichen Orientierungssinns ein paar ungewollte Umwege. Als Finn verstand, dass ich mich verlaufen hatte, fand er lange genug seine Stimme wieder, um mich zu fragen, wohin ich wolle. Dann verstummte er wieder, während er mich zum Starbucks führte.

Ich kaufte mir einen Venti Mokka mit viel Schlagsahne. Als ich Finn anbot, sich ebenfalls ein Getränk auszusuchen, schüttelte er nur wortlos den Kopf.

Ich hatte gerade meinen Mokka bekommen und suchte den kleinen Laden nach einem freien Platz ab, als Finn sich plötzlich vor mich stellte. Beinahe hätte ich ihm den gesamten Inhalt meines Bechers über den Rücken gekippt, weil ich den Deckel abgenommen hatte, um einen Schluck zu trinken.

»Hey!«, rief ich, doch er stand wie eine Wand vor mir. Ich war mir nicht einmal sicher, ob er den heißen Kaffee auf seinem schicken Anzug überhaupt bemerkte.

»Ich habe keine bösen Absichten«, sagte eine Stimme. Ethans Stimme.

Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog, als ich einen Blick hinter Finns Körper hervor machte, um sicherzugehen, dass meine Ohren mich nicht getäuscht hatten. Aber nein, es war tatsächlich Ethan, der dort im Eingang stand. Mein Herz schnürte sich schmerzvoll in meiner Brust zusammen.

Ethan hielt die Hände in die Höhe, um zu zeigen, dass er friedlich gesinnt war. »Ich möchte nur einen Moment mit Dana reden«, sagte er. Er hatte mich zwar gesehen, doch in dem Moment hatte er nur Augen für Finn. Ich kann nicht sagen, dass ich ihm das übel nehmen konnte. Das zumindest nicht.

Mit einem Mal fühlte sich der Anhänger auf meiner Haut heiß an. Ich betastete ihn. Er war nicht so heiß, dass es unangenehm war, aber er war auf jeden Fall wärmer, als er hätte sein sollen. Meine Haut kribbelte, als würde mich statische Elektrizität durchzucken.

»Sir, ich rate Ihnen, Abstand zu halten«, warnte Finn und klang todernst. Ein paar andere Gäste hatten die Situation erfasst und beobachteten uns neugierig. Ich hoffte, es würde nicht ernsthaft ein Streit ausbrechen.

Ethan wandte den Blick von Finn und sah mich an. »Ich muss dringend etwas mit dir besprechen«, sagte er.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust – wobei ich darauf achtete, nicht noch ein paar wertvolle Tropfen meines Mokkas zu verschütten – und funkelte ihn wütend an. »Ich habe dir nichts zu sagen.« Ich hoffte, dass ich zornig klang, obwohl sein Anblick mir einen Stich ins Herz versetzte. Ich hätte mich nicht so betrogen fühlen sollen. Nicht, wenn ich von Anfang an gewusst hatte, dass er zu gut war, um wahr zu sein. Doch ich empfand es so.

Ethan fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Ich habe das alles hoffnungslos vermasselt«, seufzte er. »Aber du weißt noch nicht alles. Es gibt da etwas, das ich dir sagen muss.«

Das Kribbeln war noch immer nicht verschwunden. Würde gleich ein Blitz einschlagen oder irgendwas in der Art? Ich ließ die Arme sinken und rollte in der Hoffnung meine Schultern, dass das Gefühl nachlassen würde.

»Dann schieß los«, sagte ich so gleichgültig wie möglich.

»Unter vier Augen«, entgegnete Ethan.

»Auf keinen Fall«, widersprach Finn.

Ethan wirkte verzweifelt – und fast ein bisschen ängstlich. »Ich meine ja nicht in einem abgetrennten Raum hinter verschlossenen Türen. Ich meine, dass wir beide uns an einen Tisch setzen und dass Sie in einiger Entfernung bedrohlich in der Gegend herumstehen. Ich bin kein Gegner für einen Ritter, und das wissen wir beide. Sie ist also nicht in Gefahr.«

Nicht vergessen: Später Dad fragen, was ein Ritter ist. Denn ich konnte praktisch heraushören, dass das Wort für die beiden eine andere Bedeutung hatte als für mich.

Finn schwieg eine ganze Weile. Lange genug für einige unserer Beobachter, um das Interesse zu verlieren und den Blick abzuwenden. Ich fürchtete allmählich, dass der Anhänger an meinem Hals mich doch noch versengen würde – und das Kribbeln würde mich vermutlich noch verrückt machen –, als es plötzlich aufhörte. Die Kamee kühlte schneller ab, als normal gewesen wäre, und das Kribbeln war weg.

»Es wird so sein, wie meine Lady es wünscht«, sagte Finn, und ich war froh, dass ich gerade nicht von meinem Mokka getrunken hatte, denn sonst hätte ich mich garantiert daran verschluckt.

Meine Lady? Waren wir unbemerkt ins Mittelalter befördert worden? Aber nein, irgendwie glaubte ich nicht, dass es damals schon Starbucks gab.

Ethan warf mir einen flehenden Blick zu. »Dana, es ist sehr wichtig. Glaub mir, ich würde nicht riskieren, die Wut eines Ritters auf mich zu ziehen, wenn es nicht so wäre.«

Ich wollte im Moment ganz bestimmt nicht mit ihm reden. Eigentlich war ich mir ziemlich sicher, dass ich nie wieder mit ihm reden wollte. Doch ich bezweifelte, dass ich nachts würde ruhig schlafen können, wenn ich nicht hörte, was auch immer Ethan mir zu erzählen hatte.

»Also gut«, sagte ich.

Finn führte mich zu zwei gemütlichen Sesseln in einer Ecke. Eine menschliche Frau – vermutlich eine Touristin, wenn ich mir ihr »I ♥ Avalon«-T-Shirt so ansah – saß in einem der Sessel. Finn musste nicht einmal etwas sagen, um sie so einzuschüchtern, dass sie den Platz freiwillig räumte. Ich sah zu ihm hoch.

»Sie sind ein ganz schöner Idiot. Sie war immerhin zuerst da.«

Finn ließ sich nicht anmerken, ob er meinen Tadel überhaupt gehört hatte, geschweige denn, ob er ihn sich zu Herzen nahm, während Ethan von einem Hustenanfall geschüttelt wurde, der vermutlich etwas ganz anderes war.

Ich ließ mich in den Sessel sinken, der schon die ganze Zeit frei gewesen war, und überließ Ethan den Sessel der Touristin. Finn zog sich zur Tür zurück, wo er Stellung bezog, und ich war unsinnigerweise dankbar für die Distanz.

Ich versuchte, cool und ausdruckslos zu wirken, als ich an meinem Mokka nippte und meinen Blick auf einen Punkt hinter Ethans linker Schulter statt auf sein Gesicht richtete.

»Tut mir leid«, sagte er. Es war so unangemessen und armselig, dass meine coole, ausdruckslose Ausstrahlung mit einem Schlag verschwunden war. Einen Moment lang spielte ich ernsthaft mit dem Gedanken, ihm eine Gesichtsbehandlung mit meinem heißen Mokka zu verpassen. Er schüttelte den Kopf, ehe ich ihm sagen konnte, wohin er sich seine jämmerliche Entschuldigung schieben konnte.

»Aber darüber wollte ich nicht mit dir reden«, fuhr er fort. »Ich wollte es einfach nur sagen, auch wenn ich weiß, dass es die Situation nicht besser macht. Und auch wenn du mir wahrscheinlich nicht glaubst.«

»Du hast recht, ich glaube dir nicht.« Ich nahm einen Schluck von meinem Mokka und bemerkte, dass meine Hand zitterte. Im Moment hielt ich meinen Schmerz zurück, doch es würde nicht viel brauchen, damit er sich Bahn brach. Und wenn das geschah, übernahm ich keine Verantwortung für das, was dann passierte.

Ethan holte tief Luft – als wäre er derjenige, der verletzt worden war. »Bevor ich dir sage, was ich dir sagen muss, sollst du wissen, dass ich niemals zugelassen hätte, dass dir etwas passiert.«

O Mist. Das klang überhaupt nicht gut. Ich beschloss, dass es eventuell besser war, meinen Mokka abzustellen, denn wenn meine Hand noch etwas stärker zitterte, würde ich ihn vermutlich bald auf meinen Klamotten haben. Ich ballte die Hände zu Fäusten und blickte Ethan angespannt und furchtsam an. Die Tatsache, dass er so schlecht aussah, wie ich mich fühlte, war kein gutes Zeichen.

»Es geht um den Angriff der Spriggans«, begann er. »Ich weiß, dass Kimber dir gesagt hat, dass sie hinter mir her waren, und sie hat das auch wirklich geglaubt. Sie wusste nicht Bescheid.«

»Worüber wusste sie nicht Bescheid?«, fragte ich, und meine Stimme klang so leise, dass ich überrascht war, dass er mich überhaupt verstanden hatte.

Ethan stieß einen Seufzer aus. »Über den Angriff der Spriggans.«

Ich schluckte, und mein Hals war mit einem Mal ganz trocken. »Kimber wusste über den Angriff der Spriggans nicht Bescheid. Das bedeutet, dass du darüber informiert warst.« Die Worte konnte man nicht anders deuten.

Er verzog das Gesicht. »Ja. Irgendwie. Aber es sollte nicht so laufen …«

Eines muss ich Ethan lassen: Er hatte den Mut, mir in die Augen zu blicken, als er mir sagte, was für ein Arsch er gewesen war.

»Ich sollte dich eigentlich auf unsere Seite ziehen«, sagte Ethan. »Auf die Seite meines Vaters. Ich wollte, dass du mir dankbar bist – nicht nur, weil ich dich aus Graces Fängen befreit habe.«

»Also hast du dafür gesorgt, dass ich angegriffen werde?«, fragte ich, und meine Stimme war ein wenig schmeichelhaftes Piepsen. »Du hast zugelassen, dass diese Kreaturen deine Freunde verletzen? Sie hätten dabei sterben können!« Ich sprang auf, doch Ethan packte meinen Arm.

»Hör mir zu«, sagte er.

Der Anhänger wurde heiß, und wieder verspürte ich dieses unangenehme Kribbeln. Ich sah, wie Finn auf uns zukam. Wenn ich ihn in diesem Moment hätte eingreifen lassen, hätte ich nie die ganze Geschichte erfahren. Und so weh es auch tat – ich musste alles wissen.

Ich ließ mich in den Sessel fallen. Ethan gab mich frei, und ich bedeutete Finn, sich wieder zurückzuziehen. Wieder hörte das Kribbeln auf, und die Kamee kühlte schlagartig ab. Es musste irgendetwas mit Magie zu tun haben. Warum ich mich dabei allerdings plötzlich wie ein Zitteraal fühlte, wusste ich nicht.

Ethan holte wieder tief Luft. »Ja, mein Vater und ich haben dafür gesorgt, dass du angegriffen wirst. So haben die Spriggans uns in der Höhle überhaupt gefunden. Aber es hätte eigentlich nur ein Spriggan sein sollen, und er hätte dich attackieren und alle anderen gar nicht beachten sollen. Deshalb habe ich die ganze Zeit an deiner Seite gesessen – der Spriggan hätte also erst an mir vorbeigemusst. Du hättest Angst bekommen, doch ich wäre einem einzelnen Spriggan selbstverständlich gewachsen gewesen. Ich hätte den schneidigen Helden gespielt, und niemand wäre verletzt worden. Ich schwöre dir, Dana: Weder mein Vater noch ich wollten, dass dir irgendetwas zustößt. Wir wollten dich auf unsere Seite ziehen. Wir wollten dir nicht weh tun. Aber offensichtlich lief irgendetwas schief, und mehrere Spriggans haben angegriffen. Und was auch immer da schiefgelaufen ist, es war kein Zufall.«

»Hä?«

»Mein Vater und ich hätten sie nie geschickt, um dir weh zu tun. Doch irgendjemand hat es getan. Jemand ist hinter unseren Plan gekommen und hat sozusagen den Einsatz erhöht.«

Ich beschloss, dass ich trotz meiner zitternden Hände noch etwas Mokka vertragen konnte. Eigentlich brauchte ich Kimbers heißen Punsch. Und zwar einen extrastarken. Ich schmeckte den Mokka kaum, als ich schluckte.

»Du willst mir also sagen – auch wenn du es nicht sofort getan hast –, dass du der Meinung bist, jemand würde versuchen, mich umzubringen.« Er hatte schon vorher die geheimnisvolle Andeutung gemacht, dass Tante Grace mich möglicherweise würde verschwinden lassen wollen, aber auch wenn mir das Angst machte, war die Bedrohung für mich nie besonders real gewesen.

»Ja. Und ich habe keine Ahnung, wer das sein könnte. Ich bin mir sicher, dass dein Vater für deine Sicherheit sorgt.« Sein Blick fiel auf Finn, bevor er mich wieder ansah. »Doch er sollte sich bewusst sein, was auf dem Spiel steht.«

Ich schüttelte den Kopf. »Warum hast du mir das erzählt?«, fragte ich. »Du hättest es doch einfach meinem Dad sagen können.« Und wenn es Barmherzigkeit auf der Welt gab, dann hätte mein Dad mir nichts davon verraten, und ich hätte nicht mit einem weiteren Schlag zurechtkommen müssen.

Ethan starrte auf seine Hände. »Ich habe es deinem Vater nicht gesagt, weil ich dachte, du hättest es verdient, es von mir zu erfahren. Und wenn du möchtest, dass dein Ritter mir eine Tracht Prügel verpasst, werde ich mich nicht beschweren.« Er blickte wieder zu Finn. »Ich glaube, es würde ihm Spaß machen.«

Was für ein netter Gedanke. Ein Jammer, dass ich nicht skrupellos genug war, um ihn auch wirklich in die Tat umzusetzen.

»Gibt es sonst noch eine Bombe, die du platzen lassen willst, oder sind wir dann fertig?«, fragte ich.

Ethan wirkte unglücklich. Schadenfreude breitete sich in mir aus. »Ich habe gesagt, was ich loswerden wollte«, entgegnete er.

Ich nahm meinen Mokka in die Hand und erhob mich. Der Becher war noch immer halbvoll, aber ich wollte ihn nicht mehr trinken. Im Übrigen war er nur noch lauwarm. Was bedeutete, dass ich mir keine Sorgen machen musste, Ethan zu verbrühen, als ich ihm nun den Rest ins Gesicht schüttete.

Ich glaube, Finn lächelte, als er mir die Tür aufhielt, doch sicher bin ich mir nicht.