19

 

Der Präsident der Trans-United Airlines, der Aufsichtsratsvorsitzende und die leitenden Männer der Flugsicherung beobachteten die Szene vom Kontrollturm aus. Die gesamten Vorbereitungen für die Notlandung wurden zentral vom Rollfeld aus geleitet.

Jack Ferro stand im Hintergrund. Er wußte nicht recht, wie er in den Kontrollturm gekommen war, aber er war sich darüber im klaren, daß die noch verbleibende Zeit nicht ausreichte, um auf die Landebahn zu gelangen. Deshalb beschränkte er sich auf seine Rolle als stummer Beobachter.

Neugierige und Sensationslüsterne strömten zu Tausenden zusammen, verstopften die Zufahrtsstraßen zum Flughafen und säumten die grasbewachsenen Bankette der Route 80. Die für solche Einsätze ausgebildete Polizei begann mit der Räumung einer Fahrspur, damit Rettungsfahrzeuge von außerhalb den Flughafen erreichen konnten.

Auf der Besucherterrasse des Abfertigungsgebäudes hatten sich schon vor dem ersten Radarkontakt Menschen angesammelt. Sie warteten schweigend, suchten den Himmel ab und hofften, die Straton werde zurückkommen. Sie warteten und hofften, wie einst die Frauen von Seeleuten auf den Kais und an den Dachfenstern ihrer Häuser gewartet und gehofft hatten, wenn ein Schiff überfällig gewesen war.

Seitdem der Radarkontakt über Lautsprecher bekanntgegeben worden war, drängten sich auf der Besucherterrasse Angehörige und Freunde der Passagiere von Flug 52 in drei bis fünf Reihen hintereinander. Ebenfalls auf der Terrasse standen andere Passagiere und Flughafenangestellte, die ihre Arbeit im Stich gelassen hatten. Alle starrten nach Osten und verfolgten die riesige silberne Straton, die langsam nach Süden einschwenkte und mit ausgefahrenen Landeklappen und verriegeltem Fahrwerk tief über der Bucht zur Landung anschwebte.

Sobald das Anflugradar die Straton erfaßt hatte, waren alle anderen Maschinen nach Oakland umgeleitet worden, und geländegängige Lösch- und Rettungsfahrzeuge waren über die leeren Landebahnen gerast, um die im voraus festgelegten Positionen einzunehmen. Hubschrauber und Rettungsfahrzeuge brachten Gerät zum Schnittpunkt der beiden Landebahnpaare. Der Befehlswagen der Flughafenfeuerwehr rollte dort hinaus, um die Nachrichtenübermittlung mit Funkgeräten und Feldfernsprechern zu übernehmen. Sanitätsmaterial, Rollstühle, 200 Tragbahren, Wassertanks und große Kartons mit Brandbinden wurden in die Mitte des Flughafens geschafft. Sägeböcke wurden aufgestellt, um Tragbahren in Untersuchungstische verwandeln zu können. Ein Team stand bereit, um Tote zu identifizieren und zu kennzeichnen. Die Sanitätsflugbereitschaft aus Alameda packte ihre Gerätekisten aus. Das ganze Gelände im Schnittpunkt der vier Landebahnen glich einem hastig errichteten Militärlager. Aber obwohl alle Vorbereitungen nach Möglichkeit beschleunigt wurden, reichte die Kapazität der Rettungseinrichtungen noch immer nicht aus, um der möglicherweise durch die Landung der Straton 797 ausgelösten Katastrophe gewachsen zu sein.

Edward Johnson und Wayne Metz standen auf einer schmaleren Rollbahn etwa 100 Meter von der Landebahn entfernt. Um sie herum, auf dem Beton und im Gras, standen Dutzende von Polizisten, Reportern, Flughafenangestellten und Mitarbeitern der Trans-United. Ein halbes Dutzend Fernsehkameras rasten mit aufheulenden Motoren vorbei, um sich entlang der Landebahn aufzustellen.

Metz beobachtete schweigend, wie die Straton über der Bucht zur Landung einschwebte. Seine Lippen formten Worte, aber er brachte keinen Ton heraus. Er hatte sich noch nie sehnlicher gewünscht, die Zerstörung eines Versicherungsgegenstandes mitzuerleben. Er starrte das Flugzeug an, das seine Landeschleife weit östlich der Landebahn beendete. »Unglaublich! Ed, ich kann’s einfach nicht glauben, daß das die Straton sein soll!«

Johnson verfolgte fasziniert den weiteren Landeanflug der beschädigten Straton. »Doch, doch, das ist sie, Wayne. Ich weiß nicht, wie er das geschafft hat. Ich kann mir nicht vorstellen, wie er die Triebwerke wieder in Gang gebracht hat – aber er hat’s geschafft!« Johnson hatte seine Selbstbeherrschung wiedergewonnen. Seine vorige Angst war kalter Nüchternheit gewichen, mit der er jetzt beobachtete, wie Berry die Straton in die Landebahnmitte zurückbrachte. »Verdammt noch mal, der Kerl kann fliegen!« meinte er voll widerstrebender Bewunderung. »Der könnte glatt bei uns als Pilot anfangen!«

Der Versicherungsmann starrte Johnson an, als sei der andere plötzlich übergeschnappt. Aber während er ihn beobachtete, wurde ihm klar, weshalb Johnson es so weit gebracht hatte. Edward Johnson hatte die Ereignisse in der Nachrichtenzentrale völlig verdrängt. Er war jetzt Edward Johnson, Vizepräsident der Trans-United Airlines und sehr um das Schicksal dieses Fluges besorgt.

Captain Kevin Fitzgerald stand dichter an der Landebahn als sonst jemand: Er stand allein am Rand der endlos langen Betonbahn und starrte der hereinkommenden Straton entgegen. »Los, Mann, nur weiter!« flüsterte er vor sich hin. Dann wurde seine Stimme lauter. »Höhe halten! Weiter so! Richtig, du verrückter Hund, so ist’s richtig! Du machst deine Sache erstklassig.«

Die im Gras Wartenden wurden immer aufgeregter, als die Verkehrsmaschine über der Bucht eindrehte und im Sinkflug die Landebahn ansteuerte. Viele von ihnen erkannten, in welche gefährliche Position sie sich begeben hatten, und liefen zu der hastig errichteten Rettungsstation im Schnittpunkt der Landebahnpaare zurück.

Johnson, Metz, Fitzgerald, die Feuerwehrleute, einige Reporter und alle Kameramänner blieben auf ihren vorgeschobenen Posten in der Nähe der Landebahn.

Der Vizepräsident wandte sich an Metz. »Kannst du dir vorstellen, wie schwierig es sein wird, den Leuten einzureden, dieser Pilot sei auch nur teilweise hirngeschädigt?«

Metz nickte ungeduldig.

»Verdammt noch mal, du kannst doch behaupten, er sei zeitweilig nicht ganz bei sich gewesen!«

»Richtig. Aber falls die Data-Link-Mitteilungen auch an Bord ausgedruckt worden sind, müssen wir sie finden, bevor die FAA-Leute das Cockpit unter die Lupe nehmen.«

»Ich kann nur hoffen, daß er eine Bruchlandung macht, bei der die Maschine in Flammen aufgeht.«

Johnson nickte zweifelnd. Er war noch nie ähnlich unschlüssig gewesen. »Mein Gott, Wayne, ich hoffe, daß er’s schafft – und daß wir’s schaffen.«

Die beiden Männer wechselten einen langen Blick.

Fitzgerald stand am Rand der Landebahn und rief: »Drücken! Runter mit euch! So ist’s recht! Vorsichtig, nicht zu steil!«

Einige der Feuerwehrleute, Polizisten und Reporter klatschten Beifall. Die Trans-United-Angestellten kreischten: »Runter! Runter! Runter!«

Auf dem Besucherbalkon fielen Zuschauer sich weinend in die Arme und küßten sich gegenseitig ab.

Johnson stand wie erstarrt da, ohne zu wissen, ob sein Verhalten angemessen war, und ohne sich deswegen Sorgen zu machen.

Der Versicherungsmann griff unwillkürlich nach Ed Johnsons Arm. Aus der Ferne konnte man unbeteiligt beratschlagen, wie man ein Verkehrsflugzeug abstürzen lassen könnte; aber aus der Nähe war die landende Straton 797 zu imposant, als daß er noch den Mut gehabt hätte, ihren Plan weiterzuverfolgen. Sein Atem kam stoßweise. »Mein Gott, sieh dir das an! Sieh dir das bloß an!« Metz wollte nur mehr fort; er tastete bereits nach den Autoschlüsseln in seiner Jackentasche. Dann wandte er sich

benommen an Johnson. »Jetzt sind wir erledigt, Ed.«

Der andere schüttelte den Kopf. »Nein, noch nicht.«

Die Straton sank stetig tiefer, war kaum noch eineinhalb Kilometer von der Landebahnschwelle entfernt, schwebte bereits in 60 Metern Höhe über der Anfluggrundlinie und schien mit ihren langen Fahrwerksbeinen nach dem Betonband der Landebahn zu greifen. Die Augenzeugen gaben sich einem regelrechten Begeisterungstaumel hin, als diese dramatischen Augenblicke alle Hemmungen hinwegschwemmten. Männer und Frauen, Reporter und Flughafenpersonal schrien sich heiser, jubelten, lachten, weinten und fielen sich in die Arme.

Im Cockpit der Straton 797 standen der Erste Offizier Daniel McVary und über ein Dutzend Fluggäste – hauptsächlich Männer, aber auch einige Frauen und Kinder. Sie brabbelten und jammerten durcheinander, weil ihr restlicher Instinkt, ihr primitiver Überlebenstrieb ihnen sagte, daß sie sich in Gefahr befanden. Ihre Gesichter und Arme waren mit geronnenem Blut aus den Verletzungen bedeckt, die sie sich während des steilen Sinkfluges im Gewitter zugezogen hatten.

Sharon Crandall starrte sie entsetzt an. »John …«

Linda Farley bemühte sich verzweifelt, nicht aufzuschreien. Dafür zitterte sie am ganzen Leib.

»John!«

Berrys gesamte Existenz hatte sich auf die Instrumente vor ihm und die Landebahn vor seiner Windschutzscheibe reduziert. »Kümmert euch nicht um sie! Bleibt sitzen! Linda, du nimmst den Kopf zwischen die Beine und bewegst dich nicht.« Nur eineinhalb Kilometer bis zur Landebahnschwelle. Noch 30 Sekunden. Die Straton war zu schnell und zu niedrig. Berry spürte, daß eine fremde Hand seinen Nacken streifte. Er versuchte, alles hinter sich zu ignorieren. Statt dessen konzentrierte er sich auf den Flughafen und seinen Anflug. Landeanflug.

Er sah Lösch- und Rettungsfahrzeuge von allen Seiten auf die vorgesehene Landebahn zurasen. Ein Blick auf den Fahrtmesser zeigte ihm, daß die Maschine noch immer zu schnell war. So würden sie über die Landebahn hinausschießen und in der Bucht landen oder von dem Betonband abkommen und in Gebäude außerhalb des Flugplatzes rasen. Er nahm die Leistungshebel etwas weiter zurück.

Während die Verkehrsmaschine auf die Landebahnschwelle zuflog, wurde Berry sich immer mehr des Gedränges hinter ihm bewußt. Plötzlich merkte er, daß jemand nur eine Handbreit von ihm entfernt stand. Berry sah nach rechts.

Daniel McVary stand am rückwärtigen Rand der Mittelkonsole, beugte sich weit nach vorn und kam Sharon bedrohlich nahe. Die Passagiere wagten sich ebenfalls nach vorn: vorsichtig, zögernd, wie unerwünschte Besucher in einem prächtigen Herrenhaus.

Crandall wich vor McVary zurück. »John …«, flüsterte sie kaum vernehmlich.

»Bleib angeschnallt. Beweg dich nicht. Provozier sie nicht.«

McVary streckte die rechte Hand aus und griff nach dem Steuerhorn des Kopiloten.

Berry spürte den Gegendruck am Steuer und fühlte im nächsten Augenblick eine feuchtkalte Hand in seinem Gesicht. Er hörte Linda hinter sich hysterisch schluchzen. Die Landebahnschwelle war kaum noch einen Kilometer von ihnen entfernt. Ihre überhöhte Geschwindigkeit ging zurück, und der nichtexistente Treibstoff wurde weiterhin in die Triebwerke gepumpt. Berry schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Er nahm die Leistungshebel weiter zurück und spürte McVarys Hand auf seiner. »Laß mich los! Verschwinde!« Er schlug nach der Hand des anderen.

Daniel McVary, dessen rechte Hand noch immer das Steuerhorn des Kopiloten umklammerte, zog kräftig daran. Das war sein Steuer – soviel wußte er noch, obwohl er keine Vorstellung von seiner Wirkungsweise hatte.

Berry fühlte, wie der Kopilot an dem zweiten Steuerhorn zerrte. Er drückte das Steuer des Captains mit aller Kraft nach vorn, um McVarys Ziehen entgegenzuwirken. Seine Arme schmerzten bereits. »Verschwinde, du Idiot! Du sollst loslassen! Um Himmels willen …«

Crandall bearbeitete McVary mit den Fäusten. »Hör auf! Hör auf! Verschwinde! John! Bitte!«

»Ich kann nicht mehr!« Sie hatten nur noch einen halben Kilometer zu fliegen, aber Berry merkte, daß McVary ihm an brutaler Kraft überlegen war. Was dem Kopiloten an Intelligenz fehlte, machte er mit bloßer Muskelkraft mehr als wett. »Sharon! Sieh zu, daß er losläßt! Sofort!«

Crandall versuchte, die Finger des Mannes aufzubiegen, aber McVary hielt das Steuer mit geradezu übermenschlicher Kraft umklammert. Sie beugte sich nach vorn und biß ihn in den rechten Handrücken. Auch das blieb wirkungslos, denn McVary war nahezu schmerzunempfindlich.

Daniel McVary zerrte nun erst recht an dem Steuerhorn des Kopiloten. Dadurch richtete die Straton 797 sich plötzlich steil auf, während die rechte Tragfläche gleichzeitig gefährlich nach unten sank. Die Überziehwarnanlage blökte mit kurzen Pausen wieder los und erfüllte das vollbesetzte Cockpit mit erschrekkendem Lärm. Mehrere Passagiere heulten auf. Linda begann zu kreischen.

Die Menschen im Cockpit verloren das Gleichgewicht, als die Maschine sich aufrichtete. Sie stolperten rückwärts gegen die Trennwand zum Salon; einige von ihnen fielen gegen das Schaltpult des Flugingenieurs. McVary blieb auf den Beinen und hielt eisern das Steuerhorn fest.

»Scheißkerl! Laß los, verdammt noch mal!« Berry wußte, daß er nur noch wenige Sekunden Zeit hatte, um die Straton wieder unter Kontrolle zu bringen. Wenn ihm das nicht gelang, mußten sie sterben – hier und jetzt! Die Landebahn lag dicht vor ihnen. »Sharon! Hilf mir doch! Hilfe!«

Crandall biß verzweifelt zu und schmeckte Blut. Aber McVary ließ noch immer nicht los. Sie hob den Kopf, stieß mit einer Hand nach oben und rammte McVary einen Finger ins Auge.

Der Kopilot schrie laut auf und ließ das Steuer los.

Berry drückte sein Steuerhorn abrupt nach vorn, drehte es nach links und betätigte die Querruder. Die Straton schien sekundenlang in dieser prekären Lage zu hängen. Die Überziehwarnanlage blökte jetzt ständig. Berry sah das Flughafengebäude in unglaublicher Schräglage auf sich zurasen; dann kippte der Horizont plötzlich in die Waagrechte zurück, und die Landebahnmittellinie erschien wieder in der Mitte der Windschutzscheibe.

Aber die Straton 797 hatte inzwischen bereits zuviel Fahrt verloren. Auch ohne das akustische Warnsignal sagte Berrys Fliegerinstinkt ihm, daß die große Verkehrsmaschine sich nicht mehr lange in der Luft halten lassen würde. Schon im nächsten Augenblick konnte die Straton unkontrolliert abstürzen – wie ein 400 Tonnen schwerer Aufzug, dessen Tragseile gerissen waren – und auf der betonierten Landebahn zerschellen.

»John!« kreischte Sharon. Die Erde schien ihnen entgegenzurasen. Crandall schlug die Hände vors Gesicht.

Berry wartete bis zum letzten Augenblick, bevor er mit aller ihm verbliebenen Kraft das Steuerhorn zurückzog.

Captain Kevin Fitzgerald war erfahren genug, um sofort zu erkennen, daß der Pilot die Maschine plötzlich nicht mehr unter Kontrolle hatte. Im nächsten Augenblick rannte er auf das durchsackende Verkehrsflugzeug zu und schrie sich die Kehle heiser. »Er sackt durch! Verdammt noch mal, er setzt zu früh auf! Er stürzt ab! Großer Gott, was macht er bloß?« Der Pilot hatte es geschafft, die Straton bis auf einen Kilometer an den Aufsetzpunkt heranzubringen – und jetzt ließ er unerklärlicherweise zu, daß die Maschine in einen überzogenen Flugzustand geriet. Fitzgerald brüllte wie ein Footballtrainer, der von der Seitenlinie aus mitzuspielen versucht.

»Halten, verdammter Kerl, du sollst sie halten! Querruder, hörst du? Querruder und Seitenruder! Siehst du nicht, daß die rechte Tragfläche hängt?« Er blieb plötzlich stehen.

Kurz bevor die Straton auf der Landebahn aufsetzte, erkannte Fitzgerald deutlich, daß der Pilot eine letzte verzweifelte Steuerbewegung machte. Dieser Ausschlag und die niedrige Landegeschwindigkeit der Maschine verhinderten gemeinsam eine augenblickliche und vollständige Katastrophe. Aber die unabgebremste Bewegungsenergie des Flugzeugs war noch immer erheblich höher als die rechnerisch zulässige Maximalbelastung. Der Chefpilot beobachtete, wie die Straton auf ihr Fahrwerk herabsank, das sofort einknickte. Reifenteile, Räder und Federbeine wurden nach allen Richtungen katapultiert. Die Verkehrsmaschine rutschte auf dem Bauch mit über 100 Knoten über die Landebahn und erzeugte ein wahres Feuerwerk aus stiebenden Funken. Das Flugzeug schlingerte von einer Seite zur anderen und war dicht davor, sich im Kreis zu drehen. Fitzgerald sah die über den Tragflächen ausgefahrenen Brems-klappen und hörte, daß die Triebwerke auf Schubumkehr umgeschaltet waren. Das Seitenleitwerk bewegte sich noch immer von links nach rechts und wieder zurück. Das bedeutete, daß der Pilot keineswegs aufgegeben hatte.

Die entlang der Landebahn im Gras Stehenden wandten sich zur Flucht, als das steuerlose Verkehrsflugzeug – so hoch wie ein zweistöckiges Gebäude und so lang und breit wie ein Footballfeld – auf sie zugerutscht kam. Manche sprangen auf wegfahrende Wagen; andere warfen sich zu Boden.

Fitzgerald wußte, daß er nirgendwo sicher war, falls die Straton von der Landebahn abkam, und blieb deshalb stehen und beobachtete weiter. Um ihn herum hielten vier Kameraleute die Stellung und filmten die Annäherung der riesigen Verkehrsmaschine, die keine 1000 Meter von ihnen entfernt über die Landebahn rutschte. Je näher die bruchgelandete Straton kam, desto mehr wurden die Triebwerksgeräusche von dem Scharren, Splittern und Reißen der Duraluminbeplankung übertönt.

Berry spürte, daß die Straton hart aufsetzte, und hörte das unglaubliche metallische Kreischen, mit dem das Fahrwerk abriß. Die 400 Tonnen schwere Verkehrsmaschine prallte auf den Beton der Landebahn und rutschte auf der Rumpfunterseite weiter. Als das Fahrwerk einknickte, war Berry nur wütend. Er war wütend auf sich selbst, weil er so weit gekommen war und dann doch nicht durchgehalten hatte.

Aber noch war nicht alles verloren. Er lebte noch und hatte die Absicht, am Leben zu bleiben. Berry sah zu Sharon hinüber. Sie beobachtete ihn, als er nach den Leistungshebeln griff, und versuchte von seinem Gesicht abzulesen, ob sie leben oder sterben würden. Er nickte ihr zu, als wolle er sagen: »Wir sind noch längst nicht erledigt!«

Berry schaltete die Triebwerke auf Schubumkehr und fuhr dann die Spoiler auf den Tragflächen als Bremsklappen aus, um die über die Landebahn rasende Maschine etwas mehr abzubremsen. Seine Füße betätigten die Ruderpedale, aber er sah, daß seine Bemühungen, das Flugzeug in der Landebahnmitte zu halten, wenig Einfluß auf ihre Richtung hatten.

Unmittelbar vor dem Aufsetzen hatte er sich eine Zehntelsekunde lang vorgestellt, wie es wäre, wenn er die beschädigte Maschine vor dem Abfertigungsgebäude ausrollen lassen könnte. Aber jetzt wußte er, daß er viel Glück brauchen würde, um eine Explosion zu verhindern. Berry wünschte sich zum erstenmal in seiner Fliegerlaufbahn, keinen Treibstoff mehr zu haben. Aber selbst wenn die Triebwerke jetzt ausfielen, genügten die Treibstoffdämpfe in den Tanks, um eine vernichtende Explosion auszulösen.

Er sah links neben der Landebahn einzelne Menschen davonlaufen. Auch die Rettungsfahrzeuge machten Platz. Berry forderte Sharon mit einer Handbewegung auf, sich zu ducken und die Arme schützend hochzunehmen, aber sie schüttelte den Kopf. Er sah sich um und stellte mit einem Blick fest, daß Linda ihren Kopf zwischen den Knien hatte. Die Passagiere stolperten und fielen durcheinander; einige von ihnen waren in den Salon zurückgerutscht, als die Straton sich durch McVarys Eingreifen aufgebäumt hatte.

Das ohrenbetäubende Kreischen und Reißen des über Beton scharrenden Metalls füllte das Cockpit und ließ Berry zu keinem klaren Gedanken mehr kommen. Er sah wieder nach vorn und wartete die letzten Sekunden ab. Was die Straton betraf, konnte er nichts mehr tun – und zumindest das war eine willkommene Erleichterung.

Die Straton rutschte auf Fitzgerald zu. Knapp 100 Meter von ihm entfernt brach sie plötzlich nach rechts aus, so daß ihr 25 Meter hohes Leitwerk langsam im Uhrzeigersinn zur Seite schwenkte. Fitzgerald ließ sich zu Boden fallen. Die riesige Straton füllte sein ganzes Gesichtsfeld, und er roch und spürte die heißen Triebwerksabgase, als die Tragfläche über ihn hinwegglitt. Er hob den Kopf und sah, wie die linke Tragfläche sich senkte und durchs Gras neben der Landebahn pflügte. Das äußere Triebwerk wurde abgerissen, rollte sich überschlagend davon und setzte das trockene Gras in Brand.

Der Chefpilot sah erschrocken zu dem langsamer gewordenen Flugzeug auf. Er konnte erkennen, daß das Tragflächensegment um die herausgerissene Triebwerkshalterung ein Gewirr aus zerfetzten Drähten, Leitungen und Kabeln war. Aus der beschädigten Tragfläche schossen lange orangerote Flammenzungen, denen dichter schwarzer Qualm folgte. Innerhalb weniger Sekunden stand die ganze linke Tragfläche in Flammen, die Rumpfhöhe erreichten.

Fitzgerald kam wieder auf die Beine und rannte hinter der weiterrutschenden Straton her. Zu seiner Verblüffung sah er rechts von sich Edward Johnson und Wayne Metz in die gleiche Richtung laufen. Bei Johnson war das noch verständlich. Johnson hatte Mut, das mußte man ihm lassen. Aber Metz … Was geht hier vor, verdammt noch mal?

Die Verkehrsmaschine war erheblich langsamer geworden, sobald ihre linke Tragfläche den Grasboden aufpflügte, und die Drehbewegung um die eigene Achse zehrte weitere Bewegungsenergie auf. Das Flugzeug blieb nur etwa 100 Meter von Fitzgerald entfernt liegen.

Rettungsfahrzeuge rasten auf die Straton zu, während die ersten Löschfahrzeuge die Maschine mit Schaum bedeckten, um den Brand zu löschen, bevor die Gase und Treibstoffreste in den Flächentanks explodierten.

Vom Platz des Captains aus sah Berry die Feuerwand, die die linke Tragfläche einhüllte.

Bevor das Flugzeug völlig zum Stehen gekommen war, löste Berry seinen Sicherheitsgurt, stand auf und beugte sich zu Sharon Crandall hinüber. Er bekam ihren Arm zu fassen und rüttelte kräftig daran. »Sharon! Sharon!« Sie war benommen, und er erkannte an ihrer auffälligen Blässe, daß sie einen Schock erlitten hatte. Berry löste ihren Sicherheitsgurt und zog Crandall aus dem Sitz hoch. Sie klammerte sich eine Sekunde lang an ihn, hob dann aber energisch den Kopf. »Mir geht’s schon besser. Komm, wir müssen hier raus!«

Berry sah sich um. Das Cockpit hinter ihm war voller zukkender, sich unbeholfen bewegender Leiber. Die ersten beißenden Rauchschwaden zogen bereits über die Wendeltreppe in den Salon. Auf der Flucht vor ihnen drängten immer mehr Passagiere nach vorn ins Cockpit.

Berry mußte schreien, um das Jammern der Verletzten und den Lärm der Lösch- und Rettungsfahrzeuge zu übertönen. »Du machst den Notausgang auf. Ich hole Linda.«

Crandall nickte hastig und bahnte sich einen Weg durch die herandrängenden Gestalten.

Berry zog einen über dem Beobachtersitz zusammengesackten Mann an den Armen zurück und löste Lindas Gurt. Die Kleine war kaum noch bei Bewußtsein, als er sie über die Schulter nahm.

Er kämpfte sich mit ihr zum Notausgang durch, der noch immer geschlossen war. »Sharon! Warum machst du nicht auf? Du sollst aufmachen!«

Sie kniete neben dem Notausgang und sah mit tränenüberströmtem Gesicht zu Berry auf. »Die Tür klemmt, John! Ich krieg sie nicht auf!«

Berry drückte ihr Linda in die Arme und zog an dem Hebel, mit dem sich der Notausgang öffnen ließ. Aber die Tür sprang nicht auf, obwohl er mit aller Kraft an dem Hebel zerrte. Verdammter Mist! Wahrscheinlich ist der Rumpf verzerrt. Er sah sich verzweifelt um. Durch die Cockpittür ergoß sich ein Strom kriechender, torkelnder, um sich schlagender Passagiere unter beißenden schwarzen Rauchwolken, die das Cockpit verdunkelten. Die Schreckensgestalten bedrängten ihn; sie schlugen in ihrer Angst heulend um sich. Löschschaum bedeckte die Windschutzscheiben und machte das Cockpit noch dunkler. Berry hob den Kopf und stellte fest, daß Sharon und Linda verschwunden waren. Er wollte nach ihnen greifen, aber andere Leiber drückten ihn gegen das Schaltpult des Flugingenieurs. Er ließ sich auf die Knie nieder und rammte nach vorn, bis er den Notausgang wieder erreicht hatte. Dann tastete er blindlings nach dem Hebel und fand ihn auch. Aber der Rauch machte ihn benommen, so daß er nicht die Kraft fand, an dem Hebel zu ziehen. »Sharon! Linda! Wo seid ihr?«

»Hier, John.« Ihre Stimme klang schwach. »Wir sind weiter vorn.«

»Haltet aus!« Berry hob den Kopf, aber er konnte wegen des dichten Rauches und der zusammengedrängten Menschenleiber kaum einen Meter weit sehen. Er griff wieder nach dem Hebel, holte tief Luft, ohne auf den dadurch ausgelösten Hustenreiz zu achten, und zog mit voller Kraft daran. Er zog und zerrte, bis ihm schwarz vor den Augen wurde.

Die Tür flog plötzlich auf. Dann knallte es laut, als die Stickstoffflasche die Notrutsche aufblies. Berry holte erneut tief Luft. Er griff nach einer der in seiner Nähe stehenden Gestalten, aber seine Augen brannten, und er konnte wegen der aus dem Notausgang quellenden schwarzen Rauchwolken nicht erkennen, wen er vor sich hatte.

Die Passagiere stolperten an ihm vorbei, weil ihre Restintelligenz sie ans Licht zog. Berry hatte Mühe, dieser Menschenflut standzuhalten. »Sharon!« rief er mit heiserer Stimme. »Linda!«

»John. Wir sind hier. Neben dem Kopilotensitz. Bitte, wir kommen nicht durch.«

Berry kroch in die angegebene Richtung und versuchte, unter den Rauchschwaden zu bleiben. Er sah mit tränenden Augen ein nacktes Bein und griff danach. Aber die an ihm vorbei ans Licht Drängenden wuchsen zu einer Flutwelle an, deren Gewalt nur mit der entweichenden Kabinenluft, die diesen Alptraum ausgelöst hatte, vergleichbar war. Der kniende Berry wurde mitgerissen und fand sich auf der leuchtendgelben Not-rutsche wieder, bevor er recht wußte, was mit ihm geschah. Er griff verzweifelt nach den Randwülsten, konnte sich nicht mehr festhalten und rutschte mit dem Kopf voraus auf die Landebahn hinab. Bevor er aufprallte, hörte er sich noch einmal laut »Sharon!« kreischen.