17
Grelle Fernsehscheinwerfer irritierten Edward Johnson – und diesmal schienen sie mehr zu blenden als je zuvor. In dem großen holzgetäfelten Konferenzraum im ersten Stock des Verwaltungsgebäudes drängten sich Reporter, Kameraleute und leitende Angestellte der Trans-United Airlines zusammen. Johnson ärgerte sich über diese sensationsgierige Meute. »Verdammte Aasgeier!«
Wayne Metz, der neben Johnson stand, bemühte sich, unauffällig zu wirken, als gebe es keine Verbindung zwischen ihnen. »Leiser!« flüsterte er jetzt. »Hast du die Mikrophone vergessen?«
Aber Johnson dachte gar nicht daran, leiser zu sprechen. »Verdammte Aasgeier!« wiederholte er, um Metz zu ärgern. Bei dem herrschenden Lärm hätte ihn wahrscheinlich niemand verstanden, selbst wenn er ein volles Geständnis hinausgebrüllt hätte. Er fuhr sich mit seinem Taschentuch über die Stirn und stellte angewidert fest, daß erst die Hälfte der Scheinwerfer brannten. »Lange wird’s hoffentlich nicht dauern.« Er warf einen Blick auf die Wanduhr, die 18.06 anzeigte. »Warum fangen diese gottverdammten Pressekonferenzen eigentlich nie pünktlich an?«
Hank Abbot, der Repräsentant der Straton Aircraft Corporation, drängte sich durch die Menge. »Hallo, Ed. Verdammtes Pech, was?«
Johnson nickte. »Kann man wohl sagen.«
Abbot wandte sich an Metz. »Wayne Metz, stimmt’s? Von der Beneficial?«
»Richtig.«
»Für Sie ist das natürlich auch ein schwerer …«
»Haben Sie Ihre Versicherung schon verständigt?« unterbrach Johnson ihn.
Abbot starrte ihn einige Sekunden lang an, bis er begriff, was der andere meinte. »Augenblick, Ed! In einer dieser Data-Link-Mitteilungen ist von einer Bombe die Rede gewesen.«
»Haben Sie den Schaden gesehen, Hank?«
»Nein, natürlich nicht, aber …«
»Der Schaden ist jedenfalls nicht von einem Sachverständigen begutachtet worden. Glauben Sie, daß irgendein halb hysterischer, möglicherweise hirngeschädigter Fluggast den Unterschied zwischen einer Bombendetonation und einem Ermüdungsbruch erkennen kann?«
»Augenblick, Ed!«
»Falls ein Rumpfabschnitt oder ein Fenster nachgegeben hat, weil ein Material- oder Konstruktionsfehler vorgelegen hat, wäre das doch Ihr Problem, nicht wahr?«
»Hören Sie, Ed, unsere Geschäftsbeziehungen mit der Trans-United reichen bis in die Vorkriegszeit zurück. In den seltenen Fällen, in denen Material- oder Konstruktionsfehler als Unfallursache in Frage gekommen sind, haben wir uns unseren Verpflichtungen nie entzogen, aber …«
»Tut mir leid, Hank, diesmal liegen die Dinge anders. Kein Flugzeug, keine Überlebenden, niemand weiß etwas. Ich halte es für falsch, daß wir hier miteinander reden, ohne unsere Anwälte hinzuzuziehen.«
»Das ist eine Schweinerei!« Abbot starrte Johnson wütend an, bevor er abrupt kehrtmachte und in der Menge verschwand.
Metz wandte sich an den Vizepräsidenten. »Mann, eben hättest du beinahe mich von der Schuld der Straton Aircraft Corporation überzeugt.«
»Der Unfall ist auch ihre Schuld gewesen«, stellte Johnson fest. »Kapiert, Wayne?«
Metz nickte eifrig. »Was erwartest du von der offiziellen Untersuchung des Absturzes?«
»Nichts, was uns gefährlich werden könnte.« Johnson bezweifelte, daß eine Untersuchungskommission imstande sein würde, die wahre Absturzursache der Straton 797 zu rekonstruieren. »Ich habe mit unserem Präsidenten gesprochen.« Er nickte zu einem grauhaarigen, eleganten Mann an der Rückwand des Konferenzraums hinüber. »Er hat gesagt, daß dein Boss auf dich sauer ist.«
Der Versicherungsmann nickte. »Ich habe inzwischen noch mal mit ihm telefoniert. Heute nachmittag ist er ganz freundlich gewesen, aber das hat schlagartig aufgehört, als er mitbekommen hat, wieviel wir diesmal zu zahlen haben.«
»Ihr werdet’s überstehen«, meinte Johnson grinsend.
»Wenn er nur wüßte, wie schlimm die Sache in Wirklichkeit hätte ausgehen können! Verdammt noch mal, wenn er nur wüßte, was ich getan habe …« Metz sah sich um. »Ich muß heute nacht nach New York fliegen und gleich morgen früh bei ihm antreten. Hoffentlich können wir diese Sache den Straton-Leuten anhängen, Ed.«
»Ein guter Anfang ist jedenfalls schon gemacht. Und noch was, Wayne.« Johnson sprach leiser. »Laß dir ja nicht einfallen, Mr. Wilford Parke gegenüber auch nur anzudeuten, daß du mitgeholfen hast, die Straton zum Wohle der Firma abstürzen zu lassen, denn falls du das tust …«
Wayne Metz nickte. Während des Telefongesprächs mit Parke war ihm aufgefallen, daß er vergeblich zum Massenmörder geworden war. Seine Tage bei der Beneficial waren jetzt gezählt. Aber Johnson schien diesmal mit heiler Haut davonzukommen. »Das Leben kann oft ungerecht sein, Ed.«
»Wem sagst du das?« Im Augenblick wünschte Johnson sich vom Leben nicht mehr als einen Drink und eine ungestörte Nachtruhe – beides möglichst weit vom Flughafen entfernt.
»Zehn Minuten!« rief jemand laut.
Für Metz war die Anwesenheit so vieler Presse- und Fernsehreporter ungewohnt und in gewisser Beziehung beunruhigend. Er konnte nur hoffen, daß Johnson diesen Leuten gewachsen war, und hätte sich am liebsten in die hinterste Ecke des Konferenzraums verkrochen. »Soll ich mich ein bißchen von dir ab
setzen?«
»Wie wär’s mit Brasilien?«
»Ich meine …«
»Du bleibst hier, Wayne. Sieh zu, daß du nicht ins Bild kommst, aber bleib in der Nähe.«
Metz hatte eine Eingebung. »Ich habe nichts dagegen, ein paar Fragen zu beantworten. Ich könnte auch etwas sagen.«
»Versuch nicht erst, deinen Job auf meine Kosten zu retten«, wehrte Johnson ab. »Ich habe genug damit zu tun, meinen eigenen zu retten. Zurück!«
Metz trat zwei Schritte zurück. Er merkte, daß Ed Johnson noch geladen war, aber er wußte, daß der andere bereit sein würde, ihm zu helfen, seinen Job zu retten, sobald er sich etwas beruhigt hatte. Johnson blieb gar keine andere Wahl.
»Eine Minute!«
Johnson zündete sich eine Zigarre an. Er sah sich um. Kevin Fitzgerald stand mit einem PR-Mann der Trans-United Airlines und einigen leitenden Angestellten zusammen. Der Präsident stand neben dem Aufsichtsratsvorsitzenden; bei ihnen stand vermutlich Gott, obwohl er Johnsons respektlosem Blick verborgen blieb. Alle waren sich darüber einig gewesen, daß diese Pressekonferenz zu wichtig sei, als daß man sie den PR-Leuten überlassen dürfe, und ein zu trauriger Anlaß, als daß der Präsident damit in Verbindung gebracht werden dürfe. Feiglinge. Er rückte seine Krawatte zurecht und fuhr sich mit dem Taschentuch über die Stirn.
»Dreißig Sekunden!«
Johnson sah auf die Uhr. Sie zeigte 18.12 an.
»Wir sind fertig, Mr. Johnson!« rief ihm ein Fernsehtechniker zu.
Der Vizepräsident nickte. Als die letzten Scheinwerfer aufleuchteten, richtete er sich auf und sah in die Kamera.
Metz trat noch einen Schritt von Johnson zurück. Aus nervöser Gewohnheit tastete er in der Innentasche seiner Sportjacke nach den Fernschreiben, wie man gelegentlich nach seiner Brieftasche tastet, und bekam Herzklopfen, als seine Finger nichts ertasteten. Dann erinnerte er sich verlegen, daß Johnson und er hinter den Hangar gegangen waren, um den zusammengefalteten Papierstreifen zu verbrennen. Das Papier war nur mehr ein Häufchen Asche. Trotzdem suchten seine Finger weiter die Innentasche ab. Metz wurde plötzlich von der irrationalen Angst befallen, er habe noch eine dieser Mitteilungen in der Tasche, und die Fernsehkamera werde sich plötzlich auf ihn richten und seinen Tascheninhalt aufnehmen. Er klopfte rasch seine übrigen Taschen ab und sah, daß Johnson ihm einen irritierten Blick zuwarf. Ruhig! Du hast’s beinahe überstanden.
»Mr. Johnson, achten Sie bitte auf das rote Licht!« rief eine junge Frau mit einem Schreibbrett in der Hand.
Johnson starrte die Produktionsassistentin aufgebracht an. »Danke, das weiß ich selbst.«
»Okay, wir beginnen mit Ihrem vorbereiteten Statement und gehen dann zu den Fragen der Journalisten über.«
»Einverstanden.« Johnson hatte den Eindruck, den Reporternlaufe bei dem Gedanken, über den ersten Absturz eines Überschallverkehrsflugzeugs berichten zu dürfen, bereits das Wasser im Mund zusammen. Wenn die Aasgeier nur wüßten, welche Story ihnen durch die Lappen gegangen ist.
Das rote Licht an der Fernsehkamera leuchtete auf.
»Aufnahme!«
Johnson räusperte sich und machte ein ernstes Gesicht, das dem Inhalt seines ersten Satzes entsprach. »Meine Damen und Herren, ich habe die traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen, daß Flug 52 der Trans-United Airlines offenbar über dem Pazifik abgestürzt ist. Die Maschine, eine überschallschnelle Straton 797, ist heute morgen um 8.39 Uhr vom San Francisco International Airport zu einem Nonstopflug nach Tokio gestartet. An Bord haben sich 302 Passagiere und 14 Besatzungsmitglieder befunden. Etwa auf halber Strecke über dem Pazifik ist es an Bord durch einen noch ungeklärten Unfall – anscheinend durch einen technischen Defekt – zu einem plötzlichen Druckabfall gekommen. Die Maschine ist auf Gegenkurs gegangen und hat den Rückflug nach San Francisco angetreten.« Johnson machte eine Pause und holte tief Luft. »Was Sie gerüchteweise von einem Passagier am Steuer der Maschine gehört haben, trifft zu, meine Damen und Herren.«
Die Journalisten und Bildreporter murmelten aufgeregt durcheinander, und Johnson mußte ein Blitzlichtgewitter über sich ergehen lassen. »Da die Funkgeräte ausgefallen waren«, fuhr er fort, »haben wir über ein Data-Link – eine Art Fernschreiber – mit der Straton Verbindung aufgenommen. Die letzte Nachricht ist gegen 13 Uhr Ortszeit eingegangen. Seither …«
Irgendwo im Hintergrund klingelte ein Wandtelefon.
Johnson sah irritiert auf und stellte fest, daß Kevin Fitzgerald den Hörer abnahm. Er warf der Produktionsassistentin einen fragenden Blick zu, den sie mit einem Nicken beantwortete, das nur »Weitermachen!« bedeuten konnte.
»Seither ist von militärischen und zivilen Stellen eine großangelegte Such- und Rettungsaktion eingeleitet worden …« Johnson sah Fitzgerald aufgeregt in den Apparat hineinsprechen und spürte, daß sich hier eine gefährliche Entwicklung anbahnte. »Flug 52 ist bisher noch nicht entdeckt worden … aber wenn die Maschine weitergeflogen wäre … hätte sie wahrscheinlich keinen Treibstoff mehr …« Fitzgerald hatte den Präsidenten und den Aufsichtsratsvorsitzenden herangewinkt. Was geht dort vor, verdammt noch mal? »Wir sind … äh … wir haben viele der Angehörigen und Freunde der Passagiere im Ankunftsgebäude … in unseren Warteräumen …« Fitzgerald hörte wieder zu und teilte den Umstehenden irgend etwas mit. Irgendeine aufregende Nachricht. »Und unser Chefpilot, Captain Fitzgerald … hat ständig mit den Passagieren … mit den Angehörigen der Passagiere Verbindung gehalten. Die Suche wird fortgesetzt, bis wir …«
»Augenblick!« Fitzgerald behielt den Hörer in der Hand und winkte mit der anderen Johnson zu.
Johnson ließ seine Zigarre auf den Boden fallen und starrte Fitzgerald an.
Alle drehten sich nach dem Mann am Telefon um.
»Ein Anruf von der Flugsicherung«, sagte der Chefpilot. »Von der Anflugkontrolle.«
Die Produktionsassistentin gab dem Kameramann kurze Anweisungen. Die Kamera schwenkte zu Fitzgerald hinüber. Tontechniker hasteten mit Handmikrophonen durch den Raum, und die Beleuchter richteten einige ihrer Scheinwerfer auf den Chefpiloten. Fitzgerald mußte schreien, um sich verständlich zu machen. »Die Anflugkontrolle hat eine große, nicht identifizierbare Maschine auf dem Radarschirm. Das Flugzeug hat Kurs auf den San Francisco Airport. Es befindet sich im Augenblick 62 Seemeilen westlich von hier und fliegt in niedriger Höhe mit 340 Knoten. Dieses Flugzeug könnte …« Fitzgerald sah zu Johnson hinüber, bevor er aussprach, was bereits alle vermuteten: »Dieses Flugzeug könnte die Straton sein.«
Der Raum schien von Geräuschen zu explodieren. Ein Teil der Reporter bedrängte Fitzgerald; ihre Kollegen stürzten zu den Telefonen auf dem langen Konferenztisch. Hank Abbot, der Repräsentant der Straton Aircraft Corporation, und seine Mitarbeiter hatten bereits in der Nähe der Tür gestanden. Jetzt verschwanden sie nach draußen und strebten dem kleinen VIP-Konferenzraum auf der anderen Seite des Korridors zu.
Wayne Metz drängte sich durch die Menge und zog Johnson am Arm. »Wie ist das möglich? Wie erklärst du dir das, Ed?«
Der Vizepräsident starrte Metz verständnislos an, als habe er seine Frage nicht begriffen.
»Ed, verdammt noch mal! Kann das stimmen?«
Johnson war völlig benommen. Einige Reporter, die nicht an Fitzgerald herankamen, drängten sich um ihn. Johnson wurde von allen Seiten mit Fragen bombardiert. Er bahnte sich einen Weg durch die Reporter, verschwand im Korridor und hastete in Richtung Treppe.
Metz keuchte atemlos hinter ihm her. »Ed! Ist das wahr? Ist das wahr?«
Johnson zuckte mit den Schultern, während er die Treppe hinablief. »Woher soll ich das wissen, verdammt noch mal?«
Der Versicherungsmann blieb ihm auf den Fersen. »Wohin gehst du?«
»Aufs verdammte Vorfeld, Wayne! Ist dir eigentlich klar, daß die Maschine in zehn Minuten hier sein wird?«
Metz folgte ihm die Treppe hinunter, einen langen Korridor entlang und durch einen Nebenausgang aufs Vorfeld. »Ed, kann das wirklich die Straton sein? Warum sagst du’s mir nicht endlich?«
Edward Johnson ignorierte Wayne Metz. Er hielt eine Hand über die Augen und starrte in die sinkende Sonne, während er weiterlief. Er versuchte, klar zu denken, aber sein Verstand konnte die Auswirkungen des Gehörten nicht so rasch erfassen. Johnson empfand ein nie geahntes Entsetzen, als er übers Vorfeld auf die Abstellfläche zurannte. Er hatte das Gefühl, die Straton stoße auf ihn herab – wie ein geflügelter Alptraum, wie ein aus einem nassen Grab auferstandenes Gespenst. Johnson bildete sich ein, einen schwarzen Punkt aus der Sonne kommen zu sehen, aber dann wurde ihm klar, daß die Maschine noch nicht zu erkennen sein konnte. Bitte, lieber Gott, nicht die verfluchte Straton.