11
John Berry drehte sich um und warf einen Blick nach hinten in den Salon. Er wollte nach Stein rufen, aber Stein war nirgends zu sehen. Terri O’Neil stand an der Cockpittür und sah wie ein zurückgekehrter Geist aus, der nicht über die Schwelle treten darf, ohne dazu aufgefordert worden zu sein. Berry sah an ihr vorbei. Er suchte den Salon ab. »Verdammt noch mal, wo ist dieser …?«
Sharon Crandall sah zu Berry hinüber. »Was ist los?« Sie folgte seinem Blick. »Um Himmels willen!«
Berry sprang auf und blieb in der Cockpittür stehen. Harold Stein war verschwunden. Noch schlimmer war jedoch, daß sechs Passagiere über die Treppe nach oben in den Salon gelangt waren. Berry sah bereits den nächsten Kopf am oberen Ende der Wendeltreppe. Er drehte sich nach Sharon um. »Du bleibst hier und sorgst dafür, daß sie nicht ins Cockpit kommen.«
Crandall stand ebenfalls auf und postierte sich an der Tür. O’Neil streckte die Hände nach ihr aus. Sharon hielt die Hände ihrer Freundin fest und ließ sie nicht an sich vorbei. Berry verließ rasch das Cockpit, griff nach Terris Arm und zog sie mit.
Er sah Linda Farley in der Nähe des Klaviers auf dem Teppich liegen und blieb in der Mitte des Salons stehen, ohne auf die Passagiere zu achten, die ihn umdrängten. »Linda!«
Sie gab keine Antwort.
John Berry spürte, daß eine eisige Hand nach seinem Herzen griff. Er ließ den Arm der Stewardess los, war mit wenigen Schritten neben der Kleinen und kniete an ihrer Seite nieder. »Linda!« wiederholte er und rüttelte sie an der Schulter.
Linda Farley schlug langsam die Augen auf.
Kopilot Daniel McVary, der in ihrer Nähe lag, öffnete ebenfalls die Augen. Aber er riß sie rasch und weit auf – wie ein Nachttier, das bei Sonnenuntergang erwacht. Er hob den Kopf.
Berry stützte die Kleine, als sie sich aufsetzte. Sie hatte aufgesprungene Lippen und Tränenspuren im Gesicht. »Jetzt dauert’s nicht mehr lange«, versprach er ihr.
Linda sah sich automatisch nach dem Mann um, auf den sie hätte aufpassen sollen. »Er ist wach!« kreischte sie.
Berry starrte in die blutunterlaufenen Augen des Kopiloten.
Daniel McVarys Kopf stieß gegen das Klavier, als er sich aufzusetzen versuchte. Der Mann grunzte vernehmlich und kroch dann auf Berry zu.
Berry zog Linda an sich und stand mit ihr auf.
McVary kroch weiter auf sie zu.
John Berry schob Linda hinter sich, bückte sich vorsichtig und half dem Kopiloten auf die Beine. Dann sah er ihm in die Augen. Dies war der Mann, auf den er vor einigen Stunden alle Hoffnungen gesetzt hatte. Aber das hatte er zu einem Zeitpunkt getan, als ihm noch nicht klargewesen war, was den Männern, Frauen und Kindern von Flug 52 zugestoßen war. Bevor er Verbindung mit San Francisco aufgenommen, bevor er etwas Selbstvertrauen gewonnen hatte. Jetzt erkannte er, daß dieser Mann, der mit blutunterlaufenen, zwinkernden Augen und zukkendem Gesicht vor ihm stand, ihm nicht mehr helfen konnte als alle anderen. Berry legte ihm die Hände auf die Schultern, drehte ihn widerstrebend und fast etwas schuldbewußt um und gab ihm einen leichten Stoß. McVary stolperte einige Schritte weit, stieß gegen das Klavier und blieb darüber liegen.
Berry sah zur Cockpittür hinüber. Terri O’Neil versuchte erneut, ins Cockpit zu gelangen. Sharon stand auf der Schwelle und wehrte ihre Freundin mit ausgestreckten Händen ab – zu sanft, dachte Berry. Ein Mann, der von unten heraufgekommen war, bewegte sich ebenfalls in Richtung Cockpit. Berry stellte fest, daß die übrigen Passagiere ziellos durch den Salon irrten, mit Möbelstücken kollidierten und miteinander zusammenstießen. Er fragte sich, welche Restintelligenz sie auf diese Weise in Bewegung hielt. Was suchten sie? Was dachten sie dabei?
Er zog Linda mit sich zur Wendeltreppe. Dort kniete er nieder und rief nach unten: »Stein! Harold! Hören Sie mich?«
Stein antwortete nicht. Die einzigen Geräusche waren das Heulen des Windes und die Urlaute der Passagiere. »Stein!
Barbara! Barbara Yoshiro! Hört ihr mich?«
Eine kleine Gruppe von Fluggästen kam die Wendeltreppe herauf. Berry wartete, bis die junge Frau an der Spitze, eine langhaarige Blondine, in Reichweite war. Dann legte er ihr eine Hand aufs Gesicht und stieß sie zurück. Sie stolperte rückwärts, verlor das Gleichgewicht und riß den Mann hinter sich mit.
Berry stand rasch auf und wischte seine nasse Handfläche an seiner Hose ab.
Linda Farley stieß einen Warnschrei aus.
Berry warf sich herum und sah, daß der Kopilot zum Sprung ansetzte. McVarys ausgestreckte Hände trafen seine Brust, so daß Berry rückwärtstorkelte und beinahe die Treppe hinuntergefallen wäre. Er rappelte sich wieder auf, bekam McVarys Arm zu fassen und ließ ihn seinerseits die Wendeltreppe hinabstolpern. Dann griff er nach Lindas Hand und bahnte ihr rasch einen Weg durch die Menge. An der Cockpittür schob er Terri O’Neil und zwei Männer beiseite, ließ Linda vorausgehen und nickte Sharon zu. »Los, ’rein mit dir!«
Er versuchte die Tür zu schließen, aber der aufgesprengte Riegel und verbogene Scharniere hinderten ihn daran. »Verdammt noch mal! Sie läßt sich nicht absperren.« Er drehte sich nach den beiden um.
Sharon Crandall hielt Linda schützend umarmt. Die Kleine schluchzte leise und drängte sich gegen sie. Sharon strich ihr über die Haare.
»Was kann mit Stein passiert sein … und mit Barbara?« fragte Crandall nach einer längeren Pause.
Berry ignorierte ihre Frage. Er sah sich nach der Tür um. Irgend jemand drückte von außen dagegen, so daß sie sich etwas weiter schloß. Er stellte befriedigt fest, daß die geschlossene Tür ihnen vorerst genug Rückendeckung bot. Berry kehrte auf den Pilotensitz zurück und sagte: »Linda, du behältst bitte die Tür im Auge. Sharon, dein Platz ist hier vorn rechts.«
Crandall setzte sich. »John, was ist mit Barbara … und Harold Stein? Können wir die beiden nicht …«
Er schüttelte ungeduldig den Kopf. »Die beiden kannst du abschreiben!« Seine Hände zitterten. Er zündete sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. »Stein … Stein ist nach unten zu seiner Familie gegangen, und ich glaube nicht, daß er jemals zurückkommt. Barbara … na ja, sie hat sich anscheinend doch zuviel zugetraut.«
Crandall nickte schweigend.
Daniel McVary starrte die Tür zum Cockpit an. Mehrere Halbgedanken beschäftigten ihn. Er wollte vor allem Wasser. Er hatte Durst und erinnerte sich daran, an dem Ort hinter der Tür getrunken zu haben. Er hatte zwischen großen Fenstern in einem Sessel gesessen und aus Tassen getrunken. Allmählich erinnerte er sich an immer mehr. Er erinnerte sich daran, daß dieser Sessel ihm gehörte. Vor seinem inneren Auge standen klare, farbige Bilder, ohne daß er ihre ganze Bedeutung erfaßt hätte.
McVarys Gehirn funktionierte noch auf vielen Ebenen, zwischen denen jedoch große abgestorbene Teile lagen, die jegliche Speicherkapazität verloren hatten. Aber sein Gehirn überbrückte diese Teile, so daß Gedanken entstanden, Wünsche erkannt wurden und aktives Handeln vorbereitet wurde.
Kopilot McVary konzentrierte sich auf das Bild, das er hinter der Tür gesehen hatte, bevor sie geschlossen wurde. Jemand hatte neben seinem Sessel gestanden. Eine Frau. Er wollte zu seinem Sessel zurück. Der Mann, der ihn so hart angefaßt hatte, war auch dort drinnen. McVarys Arm tat noch immer weh. Er bewegte sich auf die Tür zu.
»John!« kreischte Linda Farley.
Berry warf sich herum und sprang auf, aber seine Reaktion kam zu spät. Der Kopilot war bereits im Cockpit. Berry stürzte sich auf ihn; McVary wich aus und stieß dabei gegen das Schaltpult des Flugingenieurs.
John Berry hielt den Atem an. Er sah wie gelähmt zu, wie der andere die Knöpfe und Schalter streifte, und wagte nicht, ihn jetzt anzugreifen, weil er genau wußte, daß er die Schalter nie mehr in die ursprüngliche Stellung zurückbringen konnte.
McVary fand sein Gleichgewicht wieder, drehte sich um und erwartete den Angriff in geduckter Haltung. Berry kam vorsichtig näher, weil er merkte, daß der andere sich einen Teil seiner Beweglichkeit und sogar eine gewisse Gerissenheit bewahrt hatte. Sie umkreisten einander in dem engen Cockpit.
Vor der Tür hatten sich Fluggäste versammelt, die sich die Hälse verrenkten, um besser sehen zu können.
Linda Farley wich zurück und kletterte auf den Pilotensitz, Sharon Crandall stand langsam auf und bemühte sich, in eine Position zu gelangen, in der sie John helfen konnte.
Berry glaubte, ein Mann mit den geistigen Fähigkeiten, die McVary offenbar verblieben waren, müsse vernünftigen Argumenten zugänglich sein. »McVary. McVary. Verstehen Sie mich? Können Sie sprechen?«
Der andere schien zuzuhören, aber er blieb nicht stehen. Er öffnete den Mund. »Ich … ich … ich …«
John Berry nickte. »Ja. Bitte gehen Sie. In den Salon hinaus. In den Salon!«
McVary hob den Kopf, warf einen Blick nach draußen … und stürzte in der nächsten Sekunde auf seinen angestammten Platz zu.
Sharon Crandall schrie auf und versuchte auszuweichen. McVary stieß sie beiseite. Dann riß Berry ihn von hinten nieder. Dabei prallte er mit dem Kopf gegen die Sitzschiene und war vor Schmerzen benommen.
Berry merkte, daß er auf dem Boden lag, während der Kopilot stand. Er wußte, daß Linda und Sharon zu schwach waren, um McVary niederzuringen, aber er konnte nicht aufstehen. Blut lief ihm über die Stirn und übers Gesicht. Er sah McVarys Beine ganz in der Nähe. Als er den Kopf hob, erkannte er, daß Sharon sich verzweifelt gegen den Kopiloten wehrte. Vor seinen Augen verschwamm alles. Dann hörte er ein lautes Zischen, als sei irgendwo ein Dampfrohr gebrochen. McVary schrie auf.
Als nächstes spürte Berry, daß Sharon ihn stützte, damit er sitzen konnte. Er sah sich um. McVary war fort. Die Tür war wieder geschlossen. »Wie habt ihr das geschafft?«
Sharon Crandall tupfte seine blutende Platzwunde mit einem Taschentuch ab. Sie nickte wortlos zu Linda Farley hinüber.
Berry starrte sie an. Linda, die sichtlich zitterte, hielt einen leuchtendroten Feuerlöscher, aus dessen Düse noch Löschschaum quoll, in der Hand.
Crandall starrte Berry besorgt an. »Kannst du wieder stehen?«
»Ja, natürlich.« Er kam langsam auf die Beine und nickte Linda zu. »Gut gemacht!«
Sie ließ den Feuerlöscher fallen, war mit zwei Schritten bei Berry und warf sich in seine Arme.
Er tätschelte beruhigend ihren Kopf. »Schon gut, Kleines. Du hast ihm nichts getan. Er hat nur einen Schrecken bekommen.« Berry drückte Linda mit einer Hand an sich und streckte die andere nach Sharon aus. Sie standen einige Sekunden lang schweigend beieinander, um neue Kräfte zu sammeln.
Berry hörte ein Scharren an der Tür und trat darauf zu. Hinter dem kleinen Fenster aus außenverspiegeltem Glas erkannte er mehrere Gesichter. Er holte tief Luft, stieß die Tür mit der Schulter auf und ließ dadurch zwei Männer und eine Frau in den Salon zurücktorkeln. Ein Blick in den Salon zeigte ihm, daß eine ganze Prozession von Fluggästen die Treppe heraufkam und den Raum füllte. Berry starrte ihre blutroten Augen und ihre grauen, aschfahlen Gesichter an. Gestalten aus Dantes Inferno. Er hatte den irrationalen Verdacht, er sei bereits tot und befinde sich nicht mehr in der Straton, sondern in einem Höllenflugzeug, das niemals landen würde …
Er zog die Tür ins Schloß, holte tief Luft und drehte sich nach dem Cockpit um. Er spürte, daß ihm der Schweiß auf der Stirn stand, und atmete schwer.
Sharon Crandall starrte die Tür an, beobachtete kurz Berrys Gesichtsausdruck und wandte sich erneut der Cockpittür zu. Aus ihrem Blick sprach Angst – geradezu panische Angst. Berry bemühte sich, mit ruhiger Stimme zu sprechen. »Daß sie … im Salon sind …, ist kein Nachteil … für uns. Aber solange … wir das Cockpit … halten können …«
Seine Welt schrumpfte zusammen, war auf diese wenigen Quadratmeter beschränkt – auf diesen kleinen Raum, der ihr einziges Verbindungsglied zu der Welt, die sie verlassen hatten, war und die für ihr Überleben wichtigen Instrumente und Geräte enthielt.
Sharon Crandall hielt Linda Farley tröstend an sich gedrückt und nickte zustimmend. Aber sie wußte nicht, wie sie verhindern sollten, daß die Passagiere auch ins Cockpit vordrangen.
Edward Johnson trat an ein Regal und griff nach einem gewichtigen Ringordner.
Wayne Metz beobachtete ihn aufmerksam. Er war sich darüber im klaren, daß er nichts tun durfte, was Johnson aus seinem mühsam gewonnenen geistigen Gleichgewicht bringen konnte.
Der Vizepräsident setzte sich ans Telefon. Er schlug den Ringordner auf. Dann griff er nach dem Hörer.
»Kann ich dir irgendwie behilflich sein?« fragte Metz halblaut.
Johnson gab keine Antwort. Er legte den Zettel, den Evans ihm gegeben hatte, vor sich hin und begann, eine Telefonnummer zu wählen.
Metz konnte die Spannung nicht länger ertragen. »Wen rufst du an? Was steht in dem Ordner?«
Johnson sah zu ihm auf, als das Telefon am anderen Ende zu klingeln begann. »Ich rufe die Flugsicherung an.«
»Warum?«
»Weil ich von jetzt an streng nach Vorschrift handeln muß, Wayne.«
»Was steht in dem Ordner?«
Johnson sprach ins Telefon. »Mr. Malone, bitte.« Er sah zu Metz auf. »Dort drüben steht eine Kaffeemaschine. Du könntest uns Kaffee kochen.« Er nahm die Hand von der Sprechmuschel. »Mr. Malone, hier ist Ed Johnson. Ich bin als Vizepräsident für den Flugbetrieb der Trans-United Airlines zuständig.«
»Ja, Sir. Was ist mit Flug zweiundfünfzig?«
»Damit steht’s nicht gut, fürchte ich. Die Funkverbindung ist ausgefallen.«
»Wissen Sie, was mit der Maschine los ist?«
»Bevor ich Ihnen das erkläre, möchte ich Ihnen die Koordinaten ihrer vermuteten letzten Position durchgeben, damit Sie eine Rettungsaktion in Gang setzen können.«
»Gut, ich schreibe mit.«
Johnson las ihm die Koordinaten vor. »Bevor die Verbindung abgerissen ist, sind sie umgekehrt und fliegen jetzt mit etwa dreihundertvierzig Knoten und Kurs hundertzwanzig Grad. Daraus können Sie den ungefähren Standort selbst berechnen.«
»Richtig, Sir. Bleiben Sie bitte am Apparat, bis ich den Wachleiter informiert habe.« Johnson blätterte in dem dicken Ringordner.
Nach kurzer Pause meldete Malone sich wieder. »Die Such- und Rettungsoperation läuft in Kürze an. Besteht noch Hoffnung, daß die Maschine noch fliegt?«
»Wir hoffen natürlich weiter. Wann haben Sie übrigens zuletzt von ihr gehört, Mr. Malone?«
Am anderen Ende entstand eine kurze Pause. »Die letzte Positionsmeldung ist um elf Uhr eingegangen.«
»Hmmm, und da haben Sie uns erst jetzt angerufen?«
»Wir … wir haben noch versucht, Verbindung zu bekommen. Daß irgend etwas nicht stimmen könnte, haben wir erst vermutet, als die Pflichtmeldung um 12.18 Uhr ausgeblieben ist. Das ist noch nicht allzu lange her. Außerdem haben auch die Stratons anderer Gesellschaften wegen ihrer Flughöhe Schwierigkeiten mit Funkverbindungen, so daß wir …«
»Ja, ich weiß«, unterbrach Johnson ihn. »Wir sind hier auch ein bißchen zu lasch gewesen, fürchte ich. Unser Dispatcher hat sich nicht gleich darum gekümmert, als die Einuhrmeldung ausgeblieben ist.« Er nahm sich vor, die fehlende Zwölfuhrmeldung zu ergänzen. »Als er dann versucht hat, die Maschine über Funk zu erreichen, ist aus dem gleichen Grund wie bei Ihnen keine Verbindung zustandegekommen. Aber das hat ihn nicht weiter gestört.«
»Das ist verständlich, Mr. Johnson. Aber was ist mit der Straton? Wie haben Sie schließlich doch Verbindung mit ihr bekommen?«
»Wir wissen selbst nicht genau, was passiert ist«, antwortete der Vizepräsident. »Kurz bevor Sie angerufen haben, ist über unser Data-Link-Gerät eine Meldung eingegangen – ein Notruf. Einfach nur SOS.«
»SOS?« wiederholte Malone.
»Richtig. Wir haben dieses SOS natürlich für einen schlechten Scherz gehalten.«
»Ja, natürlich.«
»Etwas später hat ein Dispatcher eine weitere Meldung im Data-Link entdeckt. Allerdings läßt sich nicht mehr feststellen, wann diese Meldungen eingegangen sind.«
»Wie hat sie gelautet?« wollte Malone wissen.
»Ich habe den Text hier.« Johnson las das Fernschreiben vor. »Von Flug 52: Mayday. Flugzeug beschädigt. Funk ausgefallen. Position mittlerer Pazifik. Brauchen Hilfe. Wie verstehen Sie mich?«
»Das ist alles gewesen?«
»Mein Dispatcher hat die Meldung sofort bestätigt und mich dann angerufen. Sie schreiben doch alles mit?«
»Ja, Sir.«
»Gut. Sie sind leider nicht gleich verständigt worden, weil die Meldung auf diesem ungewöhnlichen Weg eingegangen ist – und wegen der mißverständlichen Ausdrucksweise in unserem Firmenhandbuch.«
»Wieso mißverständlich?«
»Augenblick, ich lese Ihnen die Stelle vor.« Johnson räusperte sich. »Hier steht: ›Nach der Benachrichtigung durch die Flugsicherung sind folgende Stellen von dem Flugunfall zu verständigen …‹ Mein Dispatcher hat die aufgeführten Telefonnummern gewählt, aber er hat vergessen, die Flugsicherung anzurufen, weil Ihre Nummer nicht in unserem von der FAA genehmigten Handbuch steht. Vielleicht hat er auch angenommen, Sie seien bereits von anderer Seite verständigt worden. Sie wissen ja, wie so was passiert … jeder verläßt sich auf die anderen. Das ist jedenfalls ein verdammt peinliches Versehen gewesen, für das der Mann einen dienstlichen Verweis erhält. Andererseits hat sich dadurch nur eine gewisse Verzögerung bei der Einleitung der Such- und Rettungsoperation ergeben.«
»Ja, ich verstehe«, antwortete der Fluglotse. »Was können Sie uns über die Art des Notfalls sagen?«
»Ich fürchte, daß die Maschine so stark beschädigt worden ist, daß sie nicht mehr flugfähig war.«
»Wodurch beschädigt?« fragte Malone sofort.
Als Johnson antwortete, sprach aus seinem Tonfall Trauer und Zorn zugleich. »Durch eine Bombe – oder einen technischen Defekt – sind zwei Löcher in den Rumpf gerissen worden. Besatzung und Fluggäste sind an den Folgen der Dekompression gestorben oder haben zumindest schwere körperliche Schäden davongetragen.«
»Aber wer hat dann …?«
»Ein Privatpilot hat sich in einem unter Überdruck stehenden kleinen Raum aufgehalten. Wahrscheinlich auf der Toilette. Er hat Verbindung mit uns aufgenommen und das Flugzeug auf unsere Anregung hin auf einen neuen Kurs gebracht. Ich vermute allerdings, daß er irgendeinen Bedienungsfehler gemacht und dadurch den endgültigen … den möglicherweise erfolgten Absturz verursacht hat. Andererseits hoffen wir natürlich noch immer, daß nur eine Störung des Data-Link-Geräts vorliegt …«
»Ja, das hoffe ich auch. Können Sie uns Kopien der bisher eingegangenen Meldungen geben?«
»Ich schicke Ihnen die Durchschläge aller Fernschreiben«, versprach Johnson Malone. »Dann sind Sie über alles informiert und wissen auch, was wir unternommen haben.«
»Bitte so rasch wie möglich.«
»Hier gibt’s jetzt keine Verzögerungen mehr. Ich habe die Sache persönlich in die Hand genommen.«
»Das ist natürlich gut, aber ich mache mir trotzdem noch Sorgen wegen …«
»Ich weiß, daß es bei uns unentschuldbare Verzögerungen gegeben hat«, unterbrach Johnson ihn rasch, »aber Sie können sich darauf verlassen, daß so was nicht wieder vorkommt.«
»Gut, Mr. Johnson, die Umstände waren allerdings auch ungewöhnlich, um es gelinde auszudrücken.« Malone machte eine kurze Pause. »Um welche Zeit ist die erste Data-Link-Meldung bei Ihnen eingegangen?«
Johnson holte tief Luft. Seiner Schätzung nach mußte sie gegen 12.15 Uhr eingegangen sein. Er sah auf seine Armbanduhr. Kurz vor halb zwei. »Gegen 13 Uhr.«
»Das ist schon lange her.«
»Vergessen Sie nicht, daß hier ungewöhnliche Umstände vorgelegen haben. Aber Sie haben recht, Mr. Malone. Andererseits müssen Sie berücksichtigen, daß die Straton bis vor wenigen Minuten in der Luft gewesen ist – daß sie vielleicht noch immer fliegt.«
»Hmmm. Ja, wir sind alle ein bißchen … langsam gewesen.«
»Halten Sie mich bitte über die Such- und Rettungsoperation auf dem laufenden?«
»Selbstverständlich, Mr. Johnson.«
»Ich schicke Ihnen die Durchschläge gleich hinüber.«
»Danke.«
»Und wir schicken alle drei Minuten eine Anfrage über Data-Link hinaus, falls …«
»Ja, das ist eine gute Idee.«
»Okay, ich melde mich, sobald wir etwas Neues erfahren.« Johnson legte auf und wandte sich an Metz. »Das hat geklappt, Wayne. Lieber Unannehmlichkeiten mit der FAA bekommen, als den Job verlieren und zwei Firmen in den Bankrott treiben.«
»Allerdings! Glaubst du, daß die Flugsicherer hier aufkreuzen?«
»Vorerst nicht. Solange sie annehmen, daß unsere Verbindung zur Straton abgerissen ist, haben sie’s bestimmt nicht eilig, zu uns herüberzukommen.«
»Was ist mit der Such- und Rettungsoperation, die du eben in die Wege geleitet hast?«
»Wahrscheinlich werden Marine und Luftwaffe sowie die Handelsschiffahrt in dem betreffenden Gebiet verständigt. Das kann stundenlang dauern. Bis dahin haben wir …« Johnson machte eine Pause. Dann sah er Metz in die Augen. »Bis dahin ist diese Sache erledigt.«
Metz nickte zufrieden. »Wie steht’s mit euren Leuten? Werden die nicht herkommen wollen?«
»Das läßt sich verhindern.«
»Ausgezeichnet! Was steht in dem dicken Ordner?« Metz zeigte auf den Ringordner vor Johnson.
»Bring mir eine Tasse Kaffee.«
Wayne Metz hatte seit zehn Jahren niemand mehr eine Tasse Kaffee gebracht. Aber jetzt drehte er sich wortlos nach der Kaffeemaschine um.
Johnson stand auf, trat ans Data-Link, nahm die ausgedruckten Texte aus dem Auffangkorb und überflog sie nochmals. Nirgends eine Zeitangabe. Keine Lücken zwischen den einzelnen Meldungen. Nichts, was gegen die Trans-United Airlines oder ihre Angestellten verwendet werden konnte. Die letzten Mitteilungen nach Ferros »Wir tun unser Bestes, um euch heimzuholen« erschienen ihm etwas kompromittierend, deshalb riß er sie ab. Nachdem er neben dem SOS einen handschriftlichen Vermerk angebracht hatte – gegen 13 Uhr von Dispatcher im Data-Link-Gerät entdeckt –, ging er zur Tür und öffnete sie.
Im Dispatcherbüro wurde es still, als Johnson auf der Schwelle erschien. Der Vizepräsident sah einen nach dem anderen an, bevor er mit tonloser Stimme sagte: »Gentlemen, ich fürchte, daß die Verbindung zu Flug 52 abgerissen ist.«
Die Männer redeten erregt durcheinander, bis er abwehrend die Hände hob.
»Ich habe die Flugsicherung verständigt, die eine Such- und Rettungsoperation einleiten wird. Natürlich besteht die Möglichkeit, daß lediglich das Data-Link defekt ist, aber …« Johnson trat etwas weiter in den Raum hinein. »Ich bleibe in der Nachrichtenzentrale und sende weiter.« Er merkte, daß jemand hinter ihm stand, sah sich um und stellte fest, daß Metz eine Kaffeetasse in der Hand hielt. Das war eine kleine Demonstration für die anderen. Die Dispatcher sollten sehen, daß Edward Johnson der Boss war. Er drehte sich um, nahm Metz den Kaffee ab und sagte dabei halblaut: »Verschwinde und mach die Scheißtür zu! Wenn die anderen ein Klingelsignal hören, sind wir erledigt!« Dann wandte er sich wieder an die Dispatcher. »Kommen Sie bitte näher.«
Die etwa zwei Dutzend Männer versammelten sich um ihn.
»Gentlemen«, begann Johnson formell, aber freundlich, »für mich steht außer Zweifel, daß Jack Ferro, Dennis Evans und Jerry Brewster alles Menschenmögliche so rasch wie möglich getan haben. Trotzdem ist seit Empfang der ersten Data-Link-Nachricht bis jetzt etwa eine halbe Stunde vergangen.« Er machte eine Pause und beobachtete die Reaktion der Umstehenden. Einige sahen zur Wanduhr hinüber, andere warfen einen Blick auf ihre Armbanduhr. Manche wirkten überrascht, wieder andere nickten eifrig. »Soviel ich mich erinnere, habe ich von irgend jemand gehört, daß die erste Nachricht gegen 13 Uhr eingegangen ist. Wegen dieser Verzögerung dürfte es Schwierigkeiten mit der Flugsicherung und wahrscheinlich sogar mit unseren eigenen Leuten geben, aber ich stehe voll und ganz hinter Ihnen, so daß Sie sich keine allzu großen Sorgen zu machen brauchen.« Johnson sah sich erneut um.
Diesmal nickten bereits mehr Männer.
Der Vizepräsident wandte sich an Evans. »Sie rufen jetzt alle auf der Liste stehenden Stellen an – auch unsere Presseabteilung. Ich bereite inzwischen eine erste Presseerklärung vor. Dem Präsidenten unserer Gesellschaft und allen anderen teilen Sie kurz mit, was wir über Flug 52 wissen: Dekompression in großer Höhe, Funkgeräte ausgefallen, Sportflieger am Steuer, Verbindung über Data-Link, Abbruch der Verbindung gegen …« Johnson sah auf seine Uhr. »Gegen dreizehn Uhr fünfundzwanzig. Flugsicherung leitet Such- und Rettungsoperation ein. Ich schlage eine Krisensitzung im Konferenzraum vor. Verstanden?«
Evans nickte eifrig. »Ja, Sir.« Er ging rasch an seinen Schreibtisch zurück.
Johnson wandte sich an die anderen Dispatcher. »Sie alle nehmen mit Ihren Flügen Verbindung auf und sorgen dafür, daß die Data-Link-Geräte außer Betrieb bleiben.« Er suchte die Reihen ab. »Brewster?«
»Hier, Sir!«
»Brewster, Sie nehmen diese Durchschläge mit und machen davon zwei Fotokopien. Ein Satz Kopien geht mit Boten an die Flugsicherung. Den zweiten bringen Sie in den Konferenzraum im Verwaltungsgebäude. Die Vorlage bekomme ich wieder
zurück. Los, beeilen Sie sich!«
Brewster verschwand im Laufschritt.
»Gut, das wär’s vorläufig, Gentlemen. Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe.« Johnson machte eine Pause. »Wer von Ihnen religiös veranlagt ist, täte gut daran, den Mann dort oben zu bitten, sich der Straton und ihrer menschlichen Fracht anzunehmen. Ich danke Ihnen. Ferro, kommen Sie bitte zu mir.«
Die Dispatcher kehrten schweigend an ihre Arbeitsplätze zurück. Jack Ferro trat vor.
Johnson legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Jack, füllen Sie die leere Zwölfuhrspalte für Flug 52 aus. Die für dreizehn Uhr bleibt natürlich frei.«
Ferro sah zweifelnd zu ihm auf. »Ed …, damit kommen wir nicht durch.«
»Damit müssen wir durchkommen! Mir geht’s nicht nur um mich selbst, sondern auch um Sie und die Trans-United. Wir wissen beide, daß es hier Fehler und Versäumnisse gegeben hat
– und daß wir nichts zu verlieren haben, wenn wir uns bemühen, sie zu vertuschen. Wenn wir das nicht tun, werden Sie, ich, Evans, Brewster und etwa zehn weitere, willkürlich bestimmte Sündenböcke entlassen und von der FAA unter die Lupe genommen, was leicht dazu führen kann, daß gegen uns Anklage erhoben wird. Dann kann Ihre hübsche Frau für uns alle Plätzchen backen und sie uns sonntags nach San Quentin bringen. Sie kann auch die Kinder mitbringen, damit’s ein Familienausflug wird.«
Ferro nickte. »Okay, ich verstehe.« Er wollte gehen.
Johnson hielt ihn am Arm fest. »Machen die Männer mit?«
Der andere nickte erneut. »Bei uns gibt’s öfter mal was zu vertuschen.«
Johnson grinste. »Ich hab’ doch gewußt, daß ihr für einander lügt! Diesmal müßt ihr für mich lügen. Und natürlich auch für euch. Okay, Jack, machen Sie Ihre Eintragungen.«
Der Dispatcher ging an seinen Platz.
Johnson betrat rasch die Nachrichtenzentrale. Er stieß Metz an, der in dem großen Ringordner las. »Wayne, je länger ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu der Überlegung, daß die Straton abstürzen sollte.«
Metz warf ihm einen fragenden Blick zu. »Ich dachte, darüber seien wir uns einig?«
»Im Prinzip ja. Was ich bisher veranlaßt habe, entspricht dem üblichen Verfahren. Man könnte mir lediglich eine gewisse Verzögerungstaktik vorwerfen.«
»Du hast allen erzählt, das Flugzeug sei abgestürzt.«
»Wirklich? Ich habe berichtet, die Verbindung sei abgerissen. Das stimmt auch – oder schreibt das Data-Link etwa gerade?« Johnson wandte sich ab und starrte ins Dispatcherbüro hinaus. »Eigentlich gehöre ich gar nicht zu den Hauptverantwortlichen. Die Idioten dort draußen haben den Karren in den Dreck gefahren. Und die Flugsicherung hat auch nicht gerade schnell reagiert.«
»Sie alle haben uns eine Chance gegeben, unseren Kopf zu retten.«
Johnson nickte. »Der einzige, der unser Fehlverhalten anprangern könnte, ist dieser Berry.«
»Der jetzt auf dem Heimflug ist.«
»Ja, ich weiß. Wenn er doch nur abstürzen würde!«
»Das tut er wahrscheinlich noch – genau über San Francisco. Er muß ins Meer, Ed.«
»Ja, natürlich.«
Metz setzte sich ans Data-Link. »Hör zu, Ed, ich kann mir vorstellen, wie schwierig das für dich ist, weil es allen deinen Instinkten widerspricht. Aber es gibt keine andere Möglichkeit! Du mußt es tun! Wenn du willst, schreibe ich, was du mir diktierst.«
Johnson lachte. »Schwachkopf! Glaubst du, daß es was ausmacht, wer die Anweisungen schreibt? Das ist keine Frage der Schuldzuteilung, sondern eine der besseren Nerven. Steh gefäl
ligst auf!«
Wayne Metz gehorchte bereitwillig.
Der Vizepräsident setzte sich an die Tastatur. Er warf einen Blick nach draußen. Mehrere Dispatcher senkten die Köpfe oder sahen geflissentlich in eine andere Richtung. »Die anderen müssen annehmen, daß ich nach wie vor versuche, mit Flug 52 Verbindung aufzunehmen.«
»Welche Anweisungen willst du Berry geben?«
»Ich bin kein Flugkapitän, aber ich habe schon genügend Flüge im Cockpit unserer Maschinen erlebt, um zu wissen, was gefährlich ist und wodurch ein Flugzeug abstürzen kann.« Johnson zeigte auf den dicken Ringordner. »Das hier ist das Betriebshandbuch der Straton.«
»Hast du schon eine Idee?«
»Sogar schon mehrere. Aber ich muß sie erst ausarbeiten. Das ist nicht ganz einfach.« Johnson sah auf seine Uhr. »Die Krisensitzung im Konferenzraum müßte bald beginnen. Ich rechne damit, daß sie zwanzig Minuten, vielleicht eine halbe Stunde lang über Berrys Mitteilungen diskutieren werden. Danach rufen sie hier an.«
Keiner der beiden hatte gemerkt, daß jemand laut an die Tür klopfte. Johnson sah schließlich auf.
Jack Ferro stand vor der Glastür.
»Auch das noch!« ächzte Johnson. »Wenn Berry eine Nachricht schreibt, während Ferro hier ist, sind wir erledigt.« Der Vizepräsident wußte, daß er das Data-Link-Gerät nicht einfach abschalten konnte, weil Ferro sich dann erkundigt hätte, warum sie nicht mehr versuchten, Verbindung mit der Straton zu bekommen. Er ging rasch zur Tür und öffnete sie.
Ferro trat einen Schritt über die Schwelle.
Johnson versperrte ihm den Weg und brachte ihn sogar dazu, ein paar Schritte zurückzuweichen, aber er konnte die Tür nicht schließen, weil das zu auffällig gewesen wäre. »Was gibt’s, Jack?«
Ferro blickte an Johnson vorbei in die Nachrichtenzentrale. Er beobachtete Metz und hielt Johnson einen Stapel Papiere hin, ohne ihn dabei anzusehen. »Hier sind die Data-Link-Nachrichten. Fotokopiert und zur Flugsicherung und in den Konferenzraum unterwegs.« Er sah Johnson an. »Chefpilot Fitzgerald ist hierher unterwegs, um helfen zu können, falls wir wieder Verbindung bekommen. Mr. Abbot, der hiesige Vertreter der Straton Aircraft Company, ist ebenfalls schon unterwegs. Wollen Sie sonst noch jemand hier haben?«
»Ich will niemand hierhaben, Jack! Ein Dispatcher soll sie auf dem Parkplatz abfangen und in den Konferenzraum im Verwaltungsgebäude schicken. Okay?«
Der andere ignorierte diese Anweisung, als habe er sie gar nicht gehört. Er schüttelte den Kopf. »Wissen Sie, ich verstehe nicht, was dort oben passiert sein soll. Die Maschine ist geflogen, und der Pilot …«
»Die Straton hat zwei riesige Löcher gehabt«, unterbrach der Vizepräsident ihn. »Mit zwei riesigen Löchern würden Sie auch nicht mehr gut fliegen.« Er stieß Ferro mit dem Zeigefinger gegen die Brust und brachte ihn so dazu, einen weiteren Schritt zurückzutreten. »Fahren Sie nach Hause und ruhen Sie sich aus, Jack.«
»Ich bleibe hier.«
»Okay, dann können Sie den Pazifikplatz von Evans übernehmen.«
»Hier im Nachrichtenzentrum, meine ich.«
Johnson wußte genau, was Ferro meinte. »Danke, das ist nicht nötig«, wehrte er ab.
»Soll das heißen, daß ich meiner Dienstpflichten enthoben bin?«
Aus irgendeinem Grund, den Johnson nicht rational hätte erklären können, hatte er das Gefühl, hinter ihm werde im nächsten Augenblick das Klingelzeichen ertönen, das eine eingehende Meldung ankündigte. Er begann zu schwitzen. »Jack …« Er wußte, daß er behutsam und taktvoll vorgehen mußte. »Jack, Sie dürfen jetzt nicht den Gekränkten spielen. Sie haben vermutlich ein paar Fehler gemacht, aber Sie haben andererseits auch wieder das Richtige getan. Beim Militär wären Sie irgendwo zwischen Ordensverleihung und Kriegsgericht. Vergessen Sie nicht, was wir anfangs besprochen haben. Lassen Sie mich die Sache deichseln, dann kommen wir am Schluß alle mit heiler Haut davon. Okay?«
Ferro nickte zögernd. »Versuchen Sie noch immer, mit der Straton …?«
»Ja – alle drei Minuten. Und Sie halten mich jetzt davon ab.« Johnson wurde allmählich nervös. Er sah immer wieder zu der vom Korridor ins Dispatcherbüro führenden Tür hinüber. Irgendwann würde jemand hereinkommen, den er nicht mehr abwimmeln konnte. In gewisser Beziehung wäre er fast froh darüber gewesen.
»Können wir weitermachen?« erkundigte Metz sich laut. »Ich muß anschließend meiner Gesellschaft Bericht erstatten.«
Johnson nickte ihm dankbar zu. »Augenblick, ich komme sofort.« Er wandte sich wieder an den Dispatcher. »Tun Sie mir einen Gefallen, Jack. Gehen Sie in mein Büro und schreiben Sie mir einen ausführlichen Bericht über alles, was vor meiner Ankunft passiert ist. Achten Sie aber darauf, daß die Zeiten und die von Ihnen getroffenen Maßnahmen mit unserer neuen Schätzung übereinstimmen. Wenn Sie damit fertig sind, bringen Sie Ihren Bericht mir – nur mir allein, verstanden?«
Jack Ferro nickte.
»Haben Sie die Eintragungen für zwölf Uhr ergänzt?«
Ferro nickte erneut.
»Gut. Wenn Sie zurückkommen, können Sie mich hier drinnen ablösen. Bis nachher, Jack.« Er trat in den Raum zurück, schloß die Tür und sperrte ab. Im gleichen Augenblick ertönte das Klingelzeichen, das eine Übermittlung ankündigte. »Verdammt noch mal!«
Das Data-Link begann zu schreiben.
Metz fuhr sich mit seinem Taschentuch über die Stirn. »Puh, das war knapp!«
Auch Johnson war sichtlich mitgenommen. »Du hältst dich gefälligst aus dieser Sache raus, Wayne«, knurrte er. »Ich weiß selbst, was ich zu tun habe, und brauche keine Hilfe. Meinetwegen kannst du sogar gehen.«
»Kommt nicht in Frage! Ich bleibe hier, solange die Straton noch in der Luft ist.«
Johnson setzte sich vor das Data-Link-Gerät. Er warf einen Blick nach draußen, überzeugte sich davon, daß er nicht aus dem Dispatcherbüro beobachtet wurde, und riß die Nachricht von der Papierrolle ab. Er legte sie in seinen Schoß, damit kein Dispatcher sie sehen konnte.
Metz blickte Johnson über die Schulter, so daß sie den Text gemeinsam lasen.
VON FLUG 52: BENÖTIGE DRINGEND EINWEISUNG DURCH PILOT
IN STEUERUNG – NAVIGATION – LANDEANFLUG – LANDUNG!
BERRY
Johnson nickte. »Damit hat er allerdings recht.« Er wandte sich an Metz. »Wayne, empfindest du überhaupt nichts für diesen armen Kerl? Bewunderst du nicht wenigstens seinen Mut?«
Der Versicherungsmann machte ein beleidigtes Gesicht. »Natürlich bewundere ich ihn! Ich bin schließlich kein Unmensch. Aber … hast du mir nicht einmal erzählt, daß du im Koreakrieg mitgekämpft hast? Hast du dort nie erlebt, daß ein Kommandeur ein paar gute Leute geopfert hat, um den Rest der Einheit zu retten?«
»Leider oft genug, um mich zu fragen, ob die guten Leute nicht mehr als der Rest der Einheit wert gewesen wären. Und oft genug, um den Verdacht zu hegen, daß der Kommandeur dadurch nur sich selbst retten wollte.« Johnson warf einen Blick nach draußen und starrte dann wieder die Tastatur an. »Ich gebe Berry eine Kursänderung durch, damit er nach Hawaii fliegt.«
»Warum?«
»Weil er Hawaii todsicher verfehlt. Sein Treibstoff reicht nur noch für ungefähr sechs Flugstunden. Dann stürzt er auf der Suche nach Hawaii ab.«
»Kannst du nicht was Positiveres tun?«
»Zu riskant. Wir versuchend erst mal damit.«
Metz hatte den Verdacht, daß Johnson einen gewissen, aber für ihn bedeutungslosen Unterschied darin sah, ob er Berry Informationen gab, die das Flugzeug abstürzen ließen, oder ihm Informationen übermittelte, die einen Absturz in einigen Stunden bewirkten. »Aber er sendet bestimmt weiter«, wandte er ein. »Wir können nicht sechs Stunden lang in diesem gottverdammten Raum bleiben und das Gerät bewachen.«
»Richtig, das können wir nicht. Sobald er eine Zeitlang den neuen Kurs gesteuert hat, stecke ich einen Schraubenzieher durch die Geräterückwand und verursache dadurch einen Kurzschluß. Dann fordere ich die Wartungstechniker an und kann den Raum verlassen. Die Verbindung ist garantiert für mehrere Stunden unterbrochen.«
»Weißt du das bestimmt?«
»Es dauert allein eine Stunde, bis ein Techniker herkommt. Die Ersatzteilbeschaffung nimmt Stunden, manchmal sogar Tage in Anspruch. Diese Geräte sind eine Neuentwicklung, die noch nicht richtig ausgereift ist – deshalb dauert es eine Weile, bis sie repariert sind.«
»Was ist, wenn Berry nach dem Abreißen der Verbindung mit uns nicht nach Hawaii weiterfliegt, sondern wieder die Westküste ansteuert?«
Johnson schüttelte den Kopf. »Nein, das tut er nicht. Wir erklären ihm, daß die Such- und Rettungsoperation entlang dieser Strecke eingeleitet ist und daß Militär- und Zivilflugplätze auf Hawaii Vorbereitungen für seine Landung treffen. Auf diese Chance wird er nicht verzichten wollen.«
Metz nickte zustimmend. »Kann er nicht auf einen anderen Kanal umschalten?«
»Diese Geräte sind noch so neu, daß wir sie als einzige Gesellschaft haben. Soviel ich weiß, benützt außer uns niemand diese Kanäle.«
Metz sah zu der Pazifikkarte auf. Inmitten einer blauen Wasserwüste bezeichneten einige grüne Punkte die Hawaii-Inseln. »Und was ist, wenn er Hawaii findet?«
»Der Kurs, den ich ihm angebe, führt weit daran vorbei«, versicherte Johnson ihm. »Berry ist dann allein, hat keine Funkverbindung, fliegt eine beschädigte Maschine, die er nur ungenügend beherrscht, hat keine Treibstoffreserven und wird in einem ganz anderen Seegebiet gesucht. Wenn er das alles überlebt, Wayne, hat er’s verdient, weiterleben zu dürfen.«
Johnson machte sich daran, den neuen Kurs durchzugeben.
John Berry sah durch das kleine Fenster in der Cockpittür in den Salon.
Die Passagiere der Straton drängten wie Fische oder Vögel, denen ein unerklärlicher Instinkt eine bestimmte Zugrichtung eingibt, über die Wendeltreppe in den Salon hinauf. Sie bevölkerten den Salon, irrten ziellos über den hochflorigen blauen Teppich und stießen immer wieder gegen Möbelstücke: Männer, Frauen und Kinder, die bereit waren, den nächsten leeren Raum auszufüllen, der sich vor ihnen auftat. Berry fand diese Analogie tröstlich. Sie schloß die Möglichkeit aus, daß sie planvoll handelten – daß sie nach dem Cockpit suchten.
Berry schätzte, daß sich etwa 50 Fluggäste im Salon aufhielten. Falls sie sich plötzlich auf die Tür zubewegten, hinter der er stand, und falls jemand sie aufriß, statt dagegenzudrücken, konnten Sharon, Linda und er sie nicht daran hindern, das Cockpit zu überfluten.
Er dachte erneut an den Hauptschalter des Autopiloten. Alles andere war besser als die alptraumhafte Vorstellung, sich das Cockpit mit Dutzenden von ihnen teilen zu müssen.
Berry sah, daß McVary in einem Sessel hockte und unverwandt die Cockpittür anstarrte. Er tastete nach der Zunge des aufgesprengten Schlosses. Dann ließ die Tür sich einige Zentimeter weiter zuziehen, aber als er losließ, sprang sie wieder auf.
Er drehte sich um, suchte das Cockpit nach etwas ab, mit dem sich die Tür sichern ließ, und konnte nichts entdecken. Es mußte irgendeine Möglichkeit geben, davon war er überzeugt, aber sein Verstand, der so lange konzentriert gearbeitet hatte, war jetzt vor Erschöpfung stumpf geworden. »Verdammt noch mal! Sharon, wir müssen die Tür irgendwie zukriegen!«
Sie drehte sich auf ihrem Platz danach um. Durch den breiten Türspalt waren drohende Formen und Gestalten im Salon zu erkennen. »Soll ich rausgehen und mich mit dem Rücken gegen die Tür lehnen? Ich kann den Feuerlöscher mitnehmen. An mir kommt …«
»Nein! Schlag dir das aus dem Kopf. Wir haben schon genügend Helden und Märtyrer erlebt. Falls wir gehen …« Er sah zu Linda Farley hinüber, die auf dem Platz des Flugingenieurs saß. »Falls wir gehen, gehen wir alle gemeinsam.«
Crandall nickte, drehte sich um und starrte wieder in Flugrichtung. Berry schloß müde die Augen und bemühte sich, die schlurfenden Schritte vor der Cockpittür zu überhören.
Dann schrak er auf, als ein Klingelzeichen eine Nachricht aus San Francisco ankündigte.
AN FLUG 52: WIR HABEN IHRE POSITION GENAU BESTIMMT. NÄCHSTER FLUGHAFEN HAWAII. STEUERKURS DORTHIN 240 GRAD. LUFT-UND SEERETTUNG ERWARTEN SIE ENTLANG NEUER STRECKE. FLUGPLÄTZE AUF HAWAII BEREITEN
NOTLANDUNG VOR. BESTÄTIGEN SIE. SAN FRANCISCO
Sharon Crandall umklammerte Berrys rechten Arm. »Sie wissen, wo wir sind!« rief sie strahlend aus. »Bald sind wir in Hawaii und …« Sie machte eine Pause. Irgend etwas war hier nicht in Ordnung. »John …?«
Berry schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht recht«, murmelte er. »Ich weiß nicht recht.«
»Was ist nicht in Ordnung?«
»Schwer zu sagen«, antwortete er ausweichend. »Ich habe kein Vertrauen zu diesem Kurswechsel.« Berry las den Bildschirmtext nochmals. »Nein, das gefällt mir nicht!« stellte er nachdrücklich fest.
»Warum nicht?«
»Weil Hawaii ein verdammt kleines Ziel ist«, sagte er langsam, »während der nordamerikanische Kontinent bekanntlich ziemlich groß ist.« Berry lehnte sich zurück. »Hör zu, wir sind jetzt irgendwohin unterwegs. Nach Nordamerika, wahrscheinlich nach Kalifornien. Die amerikanische Westküste ist nicht zu verfehlen. Tun wir dagegen, was San Francisco uns vorschlägt, setzen wir alles auf eine Karte. Und welchen Vorteil bringt uns das? Die Flugzeit wird um ein bis zwei Stunden kürzer. Aber falls wir Hawaii verfehlen – dazu genügt schon ein kleiner Navigationsfehler –, haben wir unsere letzte Chance verspielt.«
Sharon Crandall studierte nochmals die Nachricht und sah dann wieder zu Berry hinüber. Sie war sich darüber im klaren, daß ihr Leben völlig in der Hand dieses Mannes lag. Wenn John Berry keine Kursänderung vornehmen wollte, konnte sie ihn nicht dazu zwingen. Trotzdem wollte sie wenigstens plausible Gründe für seine Entscheidungen hören. Sie zog die Augenbrauen hoch, »Wie finden andere Verkehrsflugzeuge Hawaii?«
»Damit«, antwortete Berry. Er zeigte auf die Funkgeräte und die unbeleuchteten Anzeigen des Trägheitsnavigationssystems. »Die Geräte funktionieren nicht – oder ich kann sie nicht bedienen. Und San Francisco hat bisher nicht auf meine Bitte um Einweisung reagiert.«
»Warum wiederholst du die Bitte nicht?«
Berry beugte sich nach vorn und schrieb:
BENÖTIGE VOR KURSWECHSEL EINWEISUNG IN ›INS‹-BETRIEB. GERÄTE MÖGLICHERWEISE BESCHÄDIGT.
Er drückte auf den Sendeknopf. Sie warteten schweigend auf die Antwort.
Plötzlich wurde die Tür aufgerissen. Linda Farley stieß einen lauten Schrei aus.
Berry sprang auf und starrte die Tür an. Grinsende, sabbernde Fratzen bildeten einen Wall vor der Tür. Daniel McVary drängte sich nach vorn. Er schien sehr wütend zu sein.
John Berry griff nach dem Feuerlöscher und richtete den Schaumstrahl auf die Gesichter in der ersten Reihe. Die Getroffenen schrien auf und wollten zurückweichen, aber der Druck von hinten war zu groß: Die Menge drängte nach vorn, und einzelne Gestalten kamen ins Cockpit.
Berry nahm nur undeutlich wahr, daß hinter ihm zwei Frauen aufschrien und daß Dutzende von Händen nach ihm griffen. Ohne sich dessen bewußt zu sein, hatte er den schweren Feuerlöscher hochgehoben und ließ ihn auf den Kopf des vordersten Mannes herabsausen. Der Getroffene brach mit blutüberströmtem Gesicht zusammen.
Berry holte immer wieder mit dem Feuerlöscher aus und traf die Köpfe und Gesichter der Männer und Frauen vor ihm. Laute Schreie erfüllten das Cockpit und den Salon und übertönten zeitweise sogar die Triebwerksgeräusche. Aber am lautesten war eine Stimme, die er nur mit Mühe als seine eigene erkannte. Sie erinnerte ihn an das wütende Trompeten eines kämpfenden Elefantenbullen.
Dann stand niemand mehr vor ihm. Berry schob und stieß die Zusammengebrochenen vor sich her in den Salon zurück. Die anderen Passagiere, die nicht versucht hatten, ins Cockpit zu gelangen, bildeten einen weiten Halbkreis und beobachteten ihn neugierig, ängstlich, aber nicht haßerfüllt oder feindselig. Berry stellte fest, daß der Kopilot zu dieser Gruppe gehörte.
Er griff nach der Türkante und zog die Tür zu, als er ins Cockpit zurückging. Sharon Crandall stand dort. Sie hatte die Schuhe abgestreift und war dabei, ihre Strumpfhose auszuziehen. Dann drängte sie sich wortlos an Berry vorbei, verknotete die Füße der Strumpfhose um den aufgesprengten Riegel und zog daran.
Berry griff nach dem anderen Ende der Strumpfhose, während er eine Befestigungsmöglichkeit suchte.
Finger und Hände griffen durch den Türspalt und bemühten sich, die Tür zu öffnen. Berry zog energisch an der Strumpfhose, so daß sich der Spalt verkleinerte. Die gestreckte Strumpfhose glich jetzt einem langen Nylonseil, das er um die Kopfstütze des dritten Sitzes im Cockpit schlang und dort verknotete. Dann lehnte er schweratmend an der hohen Lehne seines eigenen Sitzes. Er zitterte am ganzen Leib – und hatte gleichzeitig Mühe, ein hysterisches Lachen zu unterdrücken.
Sharon fiel ihm um den Hals, und sie hielten sich umklammert, während sie abwechselnd weinten und lachten.
Linda Farley kam zögernd näher. Dann stürzte sie sich auf die beiden und schlang ihnen ihre Arme um die Taille.
Berry sah zur Tür hinüber. Der Spalt war kaum zwei Zentimeter breit, und die suchenden Finger waren verschwunden. Auf dem blaugrünen Lack der Cockpittür waren Blutspritzer zu sehen. Berry drückte Sharon an sich. »Mein Gott, Sharon, das war eine tolle Idee! Ohne dich …«
Sie schüttelte den Kopf und wischte sich Tränen aus den Augen. »Ich ärgere mich nur, weil ich nicht schon früher daraufgekommen bin.«
»Ich auch«, stimmte Berry zu. Er war sich darüber im klaren, daß das Ausbleiben seines ursprünglichen Erfindungsreichtums Rückschlüsse auf seinen Geisteszustand zuließ. Ob er deshalb San Franciscos Absichten falsch beurteilt hatte? Er stolperte an seinen Platz zurück und ließ sich in den Pilotensitz fallen.
Linda hockte auf dem Platz des Flugingenieurs, schluchzte leise und legte den Kopf auf die Arme. Sharon stand hinter ihr und strich ihr tröstend übers Haar.
Erst nach einer Minute hatte Berry sich soweit erholt, daß er den Kopf heben und den Bildschirmtext der inzwischen eingegangenen Nachricht lesen konnte.
AN FLUG 52: NEHMEN SIE KURSÄNDERUNG WIE ANGEWIESEN
VOR. HAWAII AUCH OHNE ›INS‹ ZU ERREICHEN, ›INS‹
EINWEISUNG ERFOLGT JEDOCH AUF DEM FLUG NACH HAWAII.
BESTÄTIGEN SIE.
SAN FRANCISCO
Berry hatte den Eindruck, der Tonfall der letzten Mitteilungen habe sich geändert, als würden sie jetzt von jemand anders verfaßt. Aber er wußte natürlich, daß er sie als Empfänger mit ganz anderer Einstellung las.
Sharon stand hinter ihm und las den Text ebenfalls. Sie hatte beschlossen, Berry zu vertrauen – ihm ohne Zögern, ohne Einschränkungen zu vertrauen. »Was hast du vor, John?«
Berry starrte weiter den Text an. Er schien so falsch zu sein! Wenn er nur mit San Francisco hätte reden können, anstatt nur Buchstaben auf einer Bildröhre zu sehen … Dann erinnerte er sich daran, daß er beinahe in Panik geraten war, als die Funkgeräte nicht funktioniert hatten, und sagte sich, daß sie allen Grund hatten, für diese Möglichkeit dankbar zu sein. Er schüttelte den Kopf.
»Angeblich wissen sie, wo wir sind, aber was ist, wenn sie sich irren? Dann ist auch der neue Kurs falsch. Und bei unserer Entfernung von Hawaii machen einige Grad Unterschied gleich Hunderte von Kilometern aus. Was ist außerdem, wenn dieses verdammte Gerät den Geist aufgibt, bevor wir Hawaii erreichen? Dann können sie uns keine Kurskorrekturen mehr übermitteln. Und was ist, wenn das Trägheitsnavigationssystem nicht funktioniert – oder ich nicht damit zurechtkomme?« Berry erinnerte sich an eine Feststellung, die er vor kurzem gelesen hatte. Der unzuverlässigste Bestandteil eines modernen Flugzeugs ist sein Pilot. Das bedeutete in diesem Fall John Berry! Er starrte die vielen Instrumente vor sich an. »Uns würde irgendwo über dem Pazifik der Treibstoff ausgehen. Ich müßte eine Notwasserung versuchen. Dann käme es zu einem Wettrennen zwischen Rettungsschiffen und … den Haien.«
Sharons Hände lagen auf seinen Schultern. »John«, flüsterte sie ihm ins Ohr, »Linda ist …«
»Entschuldigung!« murmelte er.
Sie küßte ihn flüchtig auf die Backe und richtete sich dann auf. Ein Blick auf die Strumpfhose zeigte ihr, daß die Türsicherung noch intakt war. Und in dem Spalt waren keine Finger zu sehen. Sharon war plötzlich wieder optimistisch. Sie sah zu Linda hinüber. »Wohin möchtest du, Linda?« fragte sie leichthin. »Nach Hawaii oder nach Kalifornien?«
Die Kleine hob den Kopf. »Ich will nach Hause.«
Sharon lächelte. »Gut, dann fliegen wir nach Kalifornien. John, du kannst ihnen sagen, daß wir heimkommen.«
Berry kämpfte gegen Tränen an. Er fuhr sich mit dem Handgelenk über die Augen, bevor er sich nach vorn beugte und eine kurze, klare Antwort tippte.