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»Es wäre viel aufregender, zusätzliche Dimensionen zu
finden als das Higgs-Boson. Vielleicht sogar noch
aufregender, als dunkle Materie zu entdecken. Denn das
würde uns etwas wirklich Grundlegendes über den
Aufbau des Universums verraten. Wenn es zusätzliche
Dimensionen gäbe, dann wäre es möglich, dass bei einigen
Protonenkollisionen ein Schwarzes Loch entsteht. Das
wäre dann natürlich ein unglaublich kleines, mikroskopi-
sches Schwarzes Loch, und die damit verbundene Energie
wäre nach menschlichem Maßstab verschwindend gering,
so dass für uns keine Gefahr bestehen würde. Der gesamte
freigesetzte Energiebetrag ist unglaublich klein.«

PROFESSOR JOHN ELLIS
Theoretischer Physiker am CERN

Sanibel Island, Florida
22. September 2012 (Herbst-Tagundnachtgleiche)

 

 

Dominique bremst ihr schwarzes Pronto Spyder Cabrio ab, so dass der Roadster nur noch mit fünfundsiebzig Stundenkilometern über die Dammstraße nach Sanibel rollt, einem Ferienort auf der gleichnamigen kleinen Insel vor der Golfküste Floridas. Sie fährt an mehreren großen Hotels vorbei in Richtung Westen über den East Coast Drive, bevor sie den Ortsteil erreicht, in dem die Einheimischen wohnen.

Edith und Isadore Axler leben in einem zweistöckigen Strandhaus, das auf einem schmalen Streifen Land direkt am Golf von Mexiko steht. Auf den ersten Blick wirkt das Gebäude mit seiner Redwood-Verschalung wie eine riesige Partylaterne, besonders bei Nacht. Doch diese Hülle schützt das Gebäude vor Hurrikanen und schafft eine Art von Haus im Haus.

Der Südflügel des Hauses wurde so umgebaut, dass ein kompliziertes Akustiklabor darin untergebracht werden konnte; es ist eine von nur drei Einrichtungen an der Golfküste, die mit SOSUS verbunden sind, dem akustischen Überwachungssystem der Marine der Vereinigten Staaten. Ursprünglich wurde das 16 Milliarden Dollar teure Netz aus Unterwassermikrofonen während des Kalten Krieges von der amerikanischen Regierung errichtet, um feindliche U-Boote aufzuspüren; inzwischen wird es von Meeresbiologen dazu benutzt, die Unterwasserfauna im Golf zu erforschen. Dies ist besonders wichtig, seit die durch eine Bohrinsel von BP verursachte Ölkatastrophe große Teile des Golfs in eine Todeszone verwandelt hat.

Dominique biegt nach links in eine Sackgasse ein und fährt dann die letzte Auffahrt auf der rechten Seite hinauf. Das vertraute Knirschen der Kieselsteine unter den Rädern ihres Roadsters wirkt beruhigend auf sie.

Edith Axler kommt nach draußen und begrüßt sie, während sich das Dach des Cabrios schließt. Dominiques grauhaarige Pflegemutter ist eine geistig noch immer sehr aufgeweckte Frau Anfang siebzig. Sie hat braune Augen, die auf eine kluge Lehrerin schließen lassen, und ein warmes Lächeln, das die bedingungslose Liebe einer Mutter verrät.

»Hallo Liebling. Wie war die Fahrt?«

»Gut.« Dominique umarmt die ältere Frau und drückt sie fest an sich.

»Ist etwas nicht in Ordnung?« Edith macht einen Schritt zurück und sieht die Tränen in Dominiques Augen. »Was ist los?«

»Nichts. Ich bin einfach nur froh, zu Hause zu sein.«

»Tu nicht so, als wäre ich senil. Es geht um diesen Patienten von dir, stimmt’s? Wie hieß er noch gleich … Sam? Komm, wir unterhalten uns, bevor Iz mitkriegt, dass du da bist.«

Dominique folgt ihr zu einer Holzbank, von der man direkt auf den Strand blickt. Der Golf liegt so ruhig vor ihnen wie ein See. »Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es war, als ich jung war. Jedes Mal, wenn ich einen schlechten Tag hatte, hast du dich mit mir auf diese Bank gesetzt und wir haben das Meer beobachtet. Du hast immer gesagt: ›Wie schlecht können die Dinge denn schon sein, solange man so einen wunderschönen Ausblick genießen kann?‹«

Edith drückt die Hand ihrer Tochter. »Sag mir, warum du so durcheinander bist.«

Dominique wischt sich eine Träne aus dem Auge. »Erinnerst du dich noch daran, wie es war, als Chicahua plötzlich vor der Tür stand und Iz ihren Motiven nicht traute?«

»Ich traute ihnen genauso wenig. Welche Mutter schickt ihr einziges Kind in ein fremdes Land und überzeugt es davon, dass es eine Waise ist – nur um zwanzig Jahre später wieder Kontakt zu ihm aufzunehmen? Wenn du mich fragst, hat diese Frau eine Schraube locker.«

»Oder vielleicht ist sie ja wirklich eine Seherin. Eadie, sie wusste, dass Mick Gabriel mich finden würde, genauso wie sie wusste, dass es eine Verbindung zu Sam geben würde.«

»Was für eine Verbindung?«

»Das ist schwierig zu erklären. Es ist, als ob wir einander aus einem früheren Leben kennen.«

»Okay, da ist also diese Verbindung. Nutze sie, um deinem Patienten zu helfen, wieder gesund zu werden. Und dann geh deiner Wege.«

»Genau das ist der springende Punkt. Die einzige Möglichkeit, ihm dabei zu helfen, wieder gesund zu werden, besteht darin, ihn zu befreien.«

»Langsam, langsam. Wann soll Sam denn entlassen werden?«

»Er soll in Kürze medizinisch begutachtet werden, aber Mick meint, dass Borgia die Absicht hat, Sam für den Rest seines Lebens hinter Schloss und Riegel zu halten. Während des Prozesses hat Sam Mick mitgeteilt, dass Borgia vor dem Vortrag Julius’ Herztabletten ausgetauscht hatte, um Julius dann bewusst so sehr zu provozieren, dass dieser den Stress nicht mehr verarbeiten konnte. Der Richter ließ keine der Beweismittel zu, die in diese Richtung deuteten. So führte, wie Mick sagt, ein einfacher Fall von Körperverletzung zu einer zeitlich unbefristeten Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik.«

»Na schön, Mick sagt das also. Doch nach allem, was du mir über Mick erzählt hast, wäre ich nicht so schnell bereit, ihm in all diesen Dingen zu vertrauen. Minister Borgia ist einer der mächtigsten Männer der Welt. Warum sollte er wegen eines simplen Archäologen seine gesamte Zukunft aufs Spiel setzen? Vergiss Mr. Gabriel, vergiss diese ganzen lächerlichen Weltuntergangsprophezeiungen und Verschwörungstheorien. Konzentriere dich lieber darauf, dein Praktikum ordentlich zu Ende zu bringen, damit du dein Studium abschließen und wieder dein eigenes Leben führen kannst.«

Dominique drückt Ediths Hand. »Du hast Recht. Zwischen Chicahua, Mick und meinem verrückten Patienten habe ich meinen inneren Kompass vollkommen verloren. Am Montag werde ich Dr. Foletta bitten, mir einen anderen Patienten zuzuteilen. Nach elf Jahren isolierter Unterbringung wird Samuel Agler von Dämonen heimgesucht, über die Sigmund Freud nicht einmal andeutungsweise geschrieben hat.«

»Versteh mich nicht falsch. Ich sage dir nicht, dass du aufgeben sollst. Manchmal begegnen uns Menschen, die unsere Hilfe brauchen, doch wir wissen nicht, wie wir ihnen helfen sollen. Ihr unmittelbares Problem mag wichtig erscheinen, aber der eigentliche Grund für die meisten Schwierigkeiten besteht darin, dass das Licht aus dem Leben eines Menschen verschwunden ist.«

»Mit ›Licht‹ meinst du Gott.«

Edith nickt. »Indem wir anderen dabei helfen, wieder eine Verbindung zu Gott zu finden, vertreiben wir in Wahrheit die Dunkelheit aus unserem eigenen Leben.«

»Sam ist davon überzeugt, dass er hierhergeschickt wurde, um die Welt zu retten.«

»Daran müssen wir alle arbeiten. Angesichts der Klimakatastrophe und der Ölverschmutzung ist die Erde im Begriff, sich in eine vergiftete Wüste zu verwandeln. «

»Nein, Ead. Er glaubt, dass er wortwörtlich das Ende der Welt verhindern soll, das der Maya-Kalender angeblich für den 21. Dezember 2012 verkündet hat. Er behauptet, irgendwann im Laufe des heutigen Tages würde es zu einem weiteren Vorspiel dieser finalen Katastrophe kommen.«

»Na schön, dann hat er also nicht mehr alle Tassen im Schrank. Wen kümmert’s?« Sie hält inne. »Arbeitest du wirklich gerne in einer psychiatrischen Klinik? Wenn du möchtest, könntest du Jura studieren, weißt du, es ist noch nicht zu spät …«

Dominique umarmt sie – als Isadore Axler aus dem Haus gerannt kommt. Der alternde Biologe ist völlig außer sich. »Ead? Ead!«

»Ich bin hier. Was in Gottes Namen …«

»Ein Seebeben … es ist riesig. Das Campeche-Schelf … südwestlich des Alacan-Riffs.« Er beugt sich vor und holt mühsam Luft. »Der gesamte Meeresboden ist einfach in sich zusammengebrochen – wusch! SOSUS hat mehrere Tsunamis registriert, die über den Golf rasen.« Er bemerkt Dominique. »Hallo, Kleines.«

»Hast du die Küstenwache benachrichtigt?«

»Ja. Und die FEMA. Und das Büro des Sheriffs auf Sanibel.« Er blickt auf, als in der Ferne die Sirenen zu heulen beginnen. »Wenn du etwas mitnehmen willst, dann hol es dir so schnell wie möglich und steig in den Wagen, bevor wir im Stau festsitzen. Die erste Welle wird uns in dreiundzwanzig Minuten erreichen. Ich will, dass wir in fünf Minuten auf der Dammstraße sind.«

 

 

Chichén Itzá

 

Die uralte Hauptstadt der Maya dampft in der Hitze unter einem wolkenverhangenen Himmel, und die Tatsache, dass der Schatten der Schlange nicht zu sehen ist, dämpft die Begeisterung der 78 000 Besucher, von denen sich die meisten um die Kukulkan-Pyramide versammelt haben.

Michael Gabriel verlässt die Promenade und reiht sich in den Touristenstrom ein, der sich in Richtung Norden durch den Dschungel zur heiligen Cenote wälzt. Auf Yukatan bilden Hunderte natürliche Sickergruben das wichtigste Süßwasserreservoir. Sie entstanden vor 65 Millionen Jahren, als ein Asteroid mit einem Durchmesser von etwa zwölf Kilometern auf die Erde stürzte, den Meeresboden zerschmetterte und das unterseeische Kalksteinbecken des Golfs mit unzähligen Rissen durchzog. Als die Landmasse von Yukatan später aus dem Meer aufstieg, wurden diese Risse zu unterirdischen Süßwasseradern, die den Indianern Mittelamerikas das Leben auf der Halbinsel ermöglichten.

Die Lichtung liegt direkt vor ihnen. Die Kalksteingrube ist rund, sehr groß und weiß. Mick wartet hinter einer Gruppe schwitzender Touristen, die sich langsam zu einem Beobachtungspunkt am Rand der Sickergrube bewegt. Nach zehn Minuten ist er an der Reihe. Die Menge teilt sich, und er kann an das Erdloch herantreten, das laut Chilam Balam und dem Popol Vuh der Maya das Tor zur Unterwelt darstellt.

Der siebenunddreißig Jahre alte Archäologe starrt vielleicht schon zum tausendsten Mal in die Cenote. Sie fällt steil achtzehn Meter tief bis zu dem auf dem Grund stehenden olivgrünen Wasser ab; ihre geschwungenen Wände sind von dichter Vegetation bedeckt.

Ein Zittern lässt seine Haut kribbeln. Einen kurzen Augenblick lang glaubt er, dass die Bewegungen der vielen Menschen für das Vibrieren der Erde verantwortlich sind, denn es fühlt sich an, als stünde er neben den Schienen eines sich nähernden Zuges.

Doch dann sieht er, wie das Wasser in der Cenote Blasen wirft.

Ein Erdbeben? Er sieht sich um, verwirrt und zugleich aufgeregt.

Frauen schreien, Männer deuten auf etwas.

Michael Gabriel sieht gerade noch rechtzeitig nach unten, um zu sehen, wie das schäumende Wasser der heiligen Cenote durch einen natürlichen Erdspalt abfließt, als handle es sich um eine Toilette.

 

 

Washington, D. C.

 

Der Oberkellner knipst sein Lächeln an, als der viertmächtigste Mann der Vereinigten Staaten das angesagte französische Restaurant betritt. »Bonsoir, Monsieur Borgia.«

»Bonsoir, Felipe. Ich glaube, man erwartet mich bereits. «

»Oui, certainement. Wenn Sie mir bitte folgen wollen. « An Tischen mit Kerzenbeleuchtung vorbei führt ihn der Oberkellner zu einem privaten Raum neben der Bar. Er klopft zweimal an die äußere Doppeltür und wendet sich dann an Borgia. »Ihre Gesellschaft wartet.«

»Merci.« Borgia schiebt einen Zwanzigdollarschein zwischen die behandschuhten Finger, als die Doppeltür nach innen aufschwingt.

»Pierre, kommen Sie rein.« Charlie Myers, einer der Vorsitzenden der Republikanischen Partei, schüttelt Borgia die Hand und klopft ihm herzlich auf die Schulter. »Verspätet wie immer. Wir haben schon zwei Runden Vorsprung. Bloody Mary, richtig?«

»Ja, danke.« Wie im übrigen Restaurant sind auch hier die Wände mit dunkelbraunem Walnussholz verkleidet. In dem schalldichten privaten Besprechungsraum steht ein halbes Dutzend Tische mit weißen Tischtüchern, von denen nur einer besetzt ist.

Joseph Randolph legt einen Arm um seinen Neffen, während er sich mit dem anderen auf seinem Stock abstützt. »Lucky Pierre – oder sollte ich dich ›verehrter Außenminister‹ nennen? Washington scheint dir gutzutun. Du hast offensichtlich ein paar Pfund zugelegt.«

Borgia errötet. »Wirklich nur ein paar.« »Willkommen im Club.« Ein stämmiger Mann steht vom Tisch auf und reicht Borgia die Hand. »Peter Mabus, Mabus Enterprises, aus Mobile, Alabama.«

Borgia kennt den Namen des Rüstungsunternehmers, der Regierungsaufträge erhält. »Schön, Sie zu sehen.«

»Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Setzen Sie sich und lassen Sie mal ordentlich Dampf ab.«

Charlie Myers bringt Borgia seinen Drink. »Gentlemen, wenn Sie mich entschuldigen wollen. Ich muss mal für kleine Jungs.«

Randolph wartet, bis Myers den Raum verlassen hat. »Pierre, ich habe letzte Woche deinen Vater in Rehobeth besucht. Wir alle sind sehr aufgebracht darüber, dass du nicht Vizepräsident geworden bist. Maller tut der Partei damit wahrhaftig keinen Gefallen.«

Borgia zieht eine Grimasse. »Der Präsident hat immer einen Blick auf die Umfragen. Sein Wahlkampfmanager glaubt, dass Chaney ihm die Unterstützung bringt, die die Partei im Süden braucht.«

»Maller denkt nicht weit genug.« Mabus hebt einen dicken Finger. »Dieses Land braucht eine starke Führungspersönlichkeit, aber nicht noch eine Taube wie Chaney, der in der Befehlskette immerhin auf Rang zwei steht.«

»Ich bin absolut Ihrer Ansicht. Unglücklicherweise habe ich in dieser Angelegenheit nichts zu sagen.«

Randolph beugt sich zu ihm hinüber. »Nicht so schnell. Die Sache ist noch nicht erledigt. Der Senator hat viele Feinde, die nur auf eine Gelegenheit warten – und das gilt ebenso für den Präsidenten. Sollte sich nach den Novemberwahlen eine Tragödie ereignen, wird dein Land dich rufen.«

»Um Himmels willen, Onkel Joe!« Borgia wischt sich mit seiner Leinenserviette den Schweiß von der Oberlippe.

Jetzt beugt sich auch Peter Mabus nach vorn. »Das geplante iranisch-russisch-chinesische Militärmanöver hat viele Leute verärgert. Bei den Stabschefs und im Pentagon wird es deswegen größere Umstrukturierungen geben müssen.«

»Pete hat Recht, mein Sohn. Du musst jetzt auf alles vorbereitet sein. Die Flut hebt alle Boote. Und du bist die Flut, Pierre.«

Das Vibrieren des Handys in seiner Hosentasche lässt Borgia zusammenzucken. Er wirft einen Blick auf den Code des Weißen Hauses und klickt die Textnachricht an. »Oh mein Gott.«

 

 

Sanibel Island, Florida

 

Der Tsunami ist über acht Meter hoch, als er vom Golf kommend über die Küste hereinbricht; die schäumende Flut rast mit der Geschwindigkeit und der Wucht einer Lokomotive ins Landesinnere. Im Uferbereich zerschmettert die Welle alles, was sich ihr in den Weg stellt, sie schleudert Liegestühle und Gartenmöbel in die Luft, überflutet Swimmingpools und jedes Haus, jedes Hotel und jede Straße auf der Insel bis zu einer Höhe von drei Stockwerken. Erst als die Naturgewalt über die Insel hinweggeströmt ist, hat sie sich zu einer zweieinhalb Meter hohen Strömung abgeschwächt, die die mitgerissenen Gegenstände in den Pine Island Sound und die Tarpon Bay sinken lässt, bevor sie seitlich in den Teil des Tsunami kracht, der direkten Kurs auf Fort Myers genommen hat.

Dominiques Roadster, der Jeep Grand Cherokee der Axlers und Tausende andere Fahrzeuge fliehen von der Golfküste über den McGregor Boulevard, wobei der Verkehr nur zentimeterweise Stoßstange an Stoßstange vorankommt. Alle Augen richten sich auf den Wasserberg, der über die San Carlos Bay rast.

Isadore Axler klettert halb aus seinem Fenster und winkt seiner Adoptivtochter in dem kleinen Fahrzeug hinter sich zu. »Raus aus dem Wagen! Schnell!«

Dominique versucht, die Tür zu öffnen, doch der Abstand zu dem Lexus auf der Fahrbahn neben ihr ist so klein, dass sie es nicht schafft.

Hundert Meter entfernt kracht der Tsunami gegen die Küste, schleudert den Ufersand fünfzehn Meter hoch in die Luft und donnert über die gepflegten Rasenflächen und den Asphalt.

Dominique klappt das Dach des Roadsters hoch, rutscht über die Windschutzscheibe auf die Motorhaube und springt auf das Dach des Cherokee. Sie bekommt den Gepäckträger zu fassen, und ihr Körper rutscht über die Heckscheibe – als eine nach Fisch riechende Meereswoge seitlich gegen die von zahllosen Fahrzeugen verstopfte Straße prallt. Mit voller Wucht packt der Wasserstrom ihren Roadster und schmettert ihn gegen den Lexus. Der Lärm von berstendem Glas erfüllt die Luft. Die Woge drückt alle kleinen und mittelgroßen Fahrzeuge über den vierspurigen Highway.

Der Cherokee schwankt, doch er rührt sich nicht von der Stelle, während Isadore und Edith voller Entsetzen mit ansehen müssen, wie ihre Tochter in der schlammbraunen Welle verschwindet. Eine volle Minute vergeht, bevor die Sonne wieder zu sehen ist. Doch Dominique bleibt verschwunden.

Edith bricht in Tränen aus.

»Bleib hier.« Isadore springt aus dem Jeep in das knietiefe Wasser und betrachtet einen Augenblick lang sprachlos die ineinandergeschobenen Fahrzeuge, die wie weggeworfene Bierdosen in einem überfluteten Kanal wirken.

»Das war knapp.«

Iz sieht hoch und entdeckt überglücklich Dominique, die mit gespreizten Armen und Beinen auf dem Dach des Cherokee liegt.

»Hast du gesehen, was diese verdammte Welle mit meinem Auto gemacht hat?«

»Diese verdammte Welle war nur die erste in einer ganzen Reihe von verdammten Wellen. Rein in den Wagen mit dir, Kleines. Wir müssen los!«

Dominique springt vom Dach und klettert auf den Rücksitz, als eine zweite Wasserwand am Horizont erscheint.

2012 - Die Prophezeiung - Alten, S: 2012 - Die Prophezeiung - Phobos
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