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»Das Böse existiert nicht, oder wenigstens existiert es
nicht für sich genommen. Das Böse ist einfach die
Abwesenheit Gottes. Es ist, genau wie Dunkelheit und
Kälte, ein Wort, das der Mensch geschaffen hat, um die
Abwesenheit Gottes zu beschreiben. Gott hat das Böse
nicht geschaffen. Das Böse ist das Ergebnis dessen, was
geschieht, wenn der Mensch Gottes Liebe nicht in seinem
Herzen gegenwärtig trägt. Es ist wie die Kälte, die
kommt, wenn es keine Wärme gibt, oder die Dunkelheit,
die kommt, wenn es kein Licht gibt.«

ALBERT EINSTEIN

 

 

 

 

 

Die Olfaktion, das Aufspüren von etwas anhand seines Geruchs, ist bei verschiedenen biologischen Arten höchst unterschiedlich entwickelt. Haie können einen Tropfen Blut oder Aminosäuren unter Milliarden Tropfen Meerwasser riechen. Der Geruchssinn eines Hundes ist tausendmal leistungsfähiger als der eines Menschen.

Als sich im Lauf der Evolution der moderne Mensch aus seinen hominiden Vorfahren entwickelte, verringerte sich die Leistung seines Geruchssinns. Die Zahl der entsprechenden Rezeptoren in der Nase sank von achtzig auf fünf Millionen. In der posthumanen Gesellschaft jedoch, die sich auf der Erde der Zukunft aus dem Homo sapiens entwickelte, kehrten sich die Verhältnisse wieder um: Die Individuen benutzten ihren verbesserten Geruchssinn, um über weite Entfernungen hinweg geeignete Sexualpartner zu finden.

Während er durch Hangar 13 geht, entdeckt Immanuel Gabriel sehr schnell den berauschenden Geruch von Lilith Eve Mabus’ Pheromonen. Das Hunahpu-Halbblut ist so erregt, dass alle vasomotorischen Nervenenden in seinem Körper darauf ausgerichtet sind, neue Sinneseindrücke aufzunehmen.

Schließlich findet er sie: Sie wartet an einem Reparaturterminal an der Nordostseite des Gebäudekomplexes auf ihn. Das Herz hämmert ihm in der Kehle, als er näher kommt, ihr Duft dringt unter ihrem hautengen rot-weißen HOPE-Overall hervor, dessen Reißverschluss sie gerade so weit geöffnet hat, dass man eine Andeutung des Spaltes zwischen ihren Brüsten sehen kann. Sie trägt ihr langes, rabenschwarzes Haar in einem straffen Pferdeschwanz über eine Schulter drapiert.

Von Mannys Gegenwart erregt, lehnt sich Lilith keuchend an einen Gabelstapler.

Zwar wurden Cousin und Cousine vor vierunddreißig Jahren am selben Tag geboren, doch sie sind sich noch nie begegnet und haben noch nie miteinander gesprochen. Jetzt, da sie sich plötzlich so nahe sind, umkreisen sie einander wie läufige Raubtiere, nehmen den Geruch des anderen in sich auf und verringern den wie elektrisch aufgeladenen Abstand zwischen sich immer mehr. Obwohl sie einander eigentlich feindlich gesinnt sein sollten, können sie nur mühsam eine letzte körperliche Distanz wahren, und dieser Widerstand wird schließlich sinnlos, als ihre Sinne bestätigen, dass sie genetisch perfekt zueinanderpassen. Jeder Atemzug erfüllt sie mit einem berauschenden Wahnsinn, der jede Logik und jede Planung hinwegfegt und Teil eines Paarungsrituals ist – eines Rituals, von dem sie bis vor wenigen Augenblicken nicht die geringste Vorstellung hatten und das doch schon lange zuvor durch ihre Hunahpu-DNA vorherbestimmt war.

Immanuel Gabriel und Lilith Mabus existieren nicht mehr. Blinde animalische Lust verdrängt ihre Beklemmung. Mit nach oben gerollten Augen stürzen sie sich in einem Anfall von Leidenschaft aufeinander, ihre Zungen umschlingen sich, ihr Kuss ist so heftig, dass ihre Lippen aufgerissen werden und zu bluten beginnen. Liliths Beine umklammern Mannys Hüfte, während Stöhnen aus ihren Mündern dringt und die Woge der Endorphine sie fast ohnmächtig werden lässt.

Manny greift nach ihrem Overall und versucht, Liliths Unterleib zu entblößen, aber sie schiebt ihn keuchend weg. »Warum hast du dich vor mir versteckt?«

»Du hast versucht, mich umzubringen.«

»Ich war verwirrt. Dein Bruder hat mich zurückgewiesen. Ein Akt der Grausamkeit, der tausendfache Vergeltung nach sich ziehen musste.«

»Jacob hat dich aus Angst zurückgewiesen. Unser Vater hat ihm gesagt, dass du gefährlich bist.«

»Ich habe mich geändert.«

»Warum sollte ich dir glauben?«

»Weil du das ohnehin willst. Weil du für alles verantwortlich bist.« Nach Luft schnappend wie ein Fisch auf dem Trockenen, macht sie einen Schritt von ihm weg und zwingt ihren überbordenden Lustzentren eine Hungerkur auf. »Dein Bruder und ich waren noch Kinder, als wir das erste Mal im Nexus Verbindung zueinander aufnahmen; wir waren zwanzig, als wir uns von Angesicht zu Angesicht trafen und ich Devlin von ihm empfing. Ich habe ihn verführt, aber dieser Akt war den Mächten einer dunklen Vergangenheit unterworfen, die einem Plan folgten, der nicht der meine war. Dieser Plan hat sich erfüllt, und das ist deine Schuld, denn du hast dich deinem Schicksal widersetzt, indem du damals auf der Erde zurückgeblieben bist. Jacob besaß große Macht, doch er war emotional unausgeglichen; man konnte ihn leicht ausnutzen. Dich nicht. Mag sein, wir beide vergessen alles, wenn die Lust uns erfüllt, doch ich könnte dich nie verführen – denn du bist der Anker, der mich hindert, davonzutreiben; du hast mich in etwas verwandelt, das ich mir nie vorstellen konnte.«

»Und das wäre?«

Tränen steigen ihr in die Augen. »Jemand, der fähig ist zu lieben.«

Ihr Geruch löst sich auf, so dass es ihm gelingt, sie nur mit den Augen wahrzunehmen. Er geht auf sie zu, küsst sie sanft auf die Lippen und zieht sie an seine Brust. An die Stelle des genetischen Hungers ist etwas viel Tieferes getreten.

Sie bleiben zusammen, bis die Sonne am späten Nachmittag blutrot in der Dämmerung versinkt.

»Manny, ich muss dir etwas zeigen. Das ist der Grund, warum ich dich hierhergebracht habe.«

»Erst meine beiden Leibwächter.«

Sie berührt eine Kommunikationsvorrichtung an ihrem Kragen. »Gabriels Leibwächter – wo sind sie?«

»In der Zelle auf Ebene zwei.«

»Lassen Sie sie frei und geben Sie ihnen etwas zu essen. Ich möchte, dass sie als unsere Gäste behandelt werden. Sagen Sie ihnen, Manny wird morgen Abend wieder bei ihnen sein.«

»Verstanden.«

Mannys Augen werden immer größer. »Wohin bringst du mich?«

 

Mehr als vier Jahrzehnte lang war das Space Shuttle das Herzstück des Space Transportations System (STS) der NASA. Das wuchtige, gut siebenunddreißig Meter lange Raumfahrzeug startete wie eine Rakete und landete wie ein Flugzeug. Es wog über 68 Tonnen und wurde von drei Rocketdyne-Block-II-Raketentriebwerken und 700 Tonnen Treibstoff angetrieben. Der Orbiter war von Anfang an als mehrfach einsetzbares Raumfahrzeug entwickelt worden; bei durchschnittlicher Beladung kostete ein einzelner Flug 1,5 Milliarden Dollar. Trotz mehrfacher Modernisierungen blieb es immer ein schon früh veraltetes Transportmittel, dessen Verwendung schließlich im Jahr 2010 eingestellt wurde.

Das weltraumtaugliche Flugzeug von HOPE war viel aerodynamischer und verbrannte seinen Treibstoff weitaus effizienter. Es war doppelt so lang wie das Shuttle und besaß eine deutlich größere Flügelspannweite. Der Rumpfdurchmesser betrug nur die Hälfte und das Gewicht nur ein Drittel des Shuttles, so dass die Maschine eher wie eine weiterentwickelte Concorde aussah. Das Raumfahrzeug startete wie ein gewöhnlicher Passagierjet und flog so bis an den oberen Rand der Atmosphäre, wo es dann von vertikalen Triebwerken ins Weltall befördert wurde. Es war ausschließlich zur Beförderung von Passagieren entwickelt worden, und ein Zwölf-Stunden-Flug kostete weniger als eine halbe Million Dollar – ein geringer Preis, wenn man bedenkt, dass die Tickets pro Start vier Millionen einbrachten.

Lilith und Manny befinden sich alleine in der Hauptkabine. Sie sitzen angeschnallt in den Schalensitzen, die einer Beschleunigung von vier g standhalten können. Der Pilot spricht aus dem Cockpit per Videoverbindung mit ihnen. »Mrs. Mabus, wir haben Startfreigabe. Sind Sie bereit?«

»Bei uns ist alles klar.« Lilith drückt Mannys Hand. »Du warst noch nie im All, oder?«

»Nein, aber einmal war ich kurz davor.«

»Ich habe schon mehr als hundert Flüge hinter mir, aber es ist immer noch einzigartig, obwohl ein Start bei Tag wahrscheinlich beeindruckender ist.«

Das Weltraumflugzeug rast über die leere Startbahn und erhebt sich sanft in die Nacht. Die Kabinenlichter werden gedimmt, und die blauen Augen des Hunahpu-Paares leuchten hellgrau in der Dunkelheit.

»Worum geht es bei diesem Flug? Ums Geschäft? Mythologie? Reines Vergnügen?«

»Vielleicht um alle drei Dinge.« Ihre Miene wird ernst. »Manny, als du meinem Sohn im Nexus entgegengetreten bist, konntest du da noch eine weitere Präsenz in der Leere spüren?«

»Ja. Es war merkwürdig. Als ob eine bösartige Macht sich bemühte, einen inneren Konflikt zu schaffen. Einen Augenblick lang empfing ich zwei genetische Signale. Sie waren völlig verschieden, aber sie ergänzten einander auf symbiotische Weise. Als würde dein Sohn von einer dunkleren, viel mächtigeren spirituellen Energie geführt, nur dass diese höhere Macht …«

»… sein eigenes Bewusstsein ist.«

»Genau. Aber wie ist so etwas möglich?«

»Irgendwie werden Devlin und ich zu einem weit in der Zukunft liegenden Zeitpunkt in einer anderen Realität existieren – in einer Unterwelt, die das Popol Vuh als Xibalba beschreibt. In dieser Alternativexistenz werden unsere Seelen von dunklen Kräften verdorben, die man im Allgemeinen Satan zuschreibt, obwohl meine Seele schon lange zuvor befleckt wurde. Ich muss auf Xibalba gestorben sein, und doch ist es Jacob irgendwie gelungen, meine Seele zu reinigen. Diese Tat hatte rückwirkende Folgen innerhalb der Raumzeit – und zwar schon wenige Tage nachdem Jacob die Erde verlassen hatte. Devlin wurde rein geboren; erst als er heranwuchs, zog die Dunkelheit in seine Seele ein, genau wie es bei mir in seinem Alter gewesen ist. Was du in ihm gespürt hast, war der bösartige Erwachsene, der aus den höheren Dimensionen heraus versucht, die Seele des Heranwachsenden zu verderben. Jeden Tag verliere ich ihn ein wenig mehr.«

»Er ist gefährlich. Als reinblütiger Hunahpu ist er viel mächtiger als du oder ich. Er verfügt nur noch nicht über die neuronale Entwicklung, die es ihm ermöglichen würde, seine Kräfte zu koordinieren. Er muss neutralisiert werden, bevor es so weit kommt.«

Lilith packt seinen Arm mit der Kraft eines Schraubstocks. »Er ist immer noch mein Sohn. Er ist Fleisch und Blut deines Bruders. Er kann gerettet werden!«

Sie lässt ihn los und reibt seinen Bizeps. »Entschuldige. Ich weiß, dass du dich fragst, ob du diesem verrückten Weib vertrauen kannst. Bin ich Samson und sie Delila? Wird sie mich verderben, wie sie Jacob verdorben hat?«

»Dieser Gedanke ist mir schon gekommen.«

»Die Antwort hat mit dem Problem von Vererbung und Umwelt zu tun. Warum ist das Böse allgegenwärtig? Liegt es in unserer Natur, in unserer DNA? Oder ist es eine Folge der Umstände, unter denen wir aufwachsen? Sind die uns anerzogenen Werte entscheidend, die uns beeinflussen, wenn unser freier Wille eine Entscheidung treffen muss?

Ich wurde in einer Welt voller Gewalt geboren. Mein Vater – wenn man ihn so nennen kann – hat nur wenige Minuten nach meiner Geburt meine Mutter in einem Anfall betrunkener Raserei erstochen. Der Grund dafür war einzig und allein, dass er sich einen Sohn gewünscht hatte, der einmal sein Erbe übernehmen würde. Im Gegensatz dazu wusste der Mann, bei dem ich schließlich aufwuchs, mein Stief-Großvater, durchaus zu schätzen, dass ich ein Mädchen war. Er hat mich missbraucht, seit ich acht war.«

»Jesus …«

»Jesus hatte nichts damit zu tun, obwohl ich gewiss nicht zögerte, ihm die Schuld für alles zu geben, wenn er von seinem Kruzifix über unserem Bett aus zusah, wie mein gesetzlicher Vormund mich vergewaltigte. Wie du dir sicher vorstellen kannst, wurden die Möglichkeiten meines Geistes durch diesen Missbrauch stark dezimiert. Ich saß in der Falle und lernte nur dadurch geistig zu überwintern, dass ich während der Vergewaltigungen in das tröstende Licht des Nexus floh. Eines Tages spürte ich eine weitere Präsenz in der Leere, und so kam ich zum ersten Mal mit Jacob in Kontakt – oder wenigstens mit seinem Bewusstsein. Dein Zwillingsbruder war mein einziger Freund; er half mir, die Qualen zu überleben, bis er mich plötzlich im Stich ließ, als wir so alt waren wie Devlin jetzt.«

»Du hast unsere Tante ermordet.«

»Mein Geist war vergiftet. Jacobs plötzliches Verschwinden trieb mich an den Rand des Selbstmords. Und dann kam eine dunkle Präsenz in Form eines Nagual, eines Hexers, zu mir – ein Geist mit Namen Don Rafelo. Don Rafelo behauptete, er sei mein Großonkel. Er brachte mir bei, wie ich meine körperliche Schönheit als Waffe einsetzen konnte, und von jenem Tag an hörte ich auf, ein Opfer zu sein. Als meine Hunahpu-Kräfte immer stärker wurden, gab ich mich der Versuchung hin: Der Hexer brachte mich dazu, Satan anzubeten. Doch gleichzeitig war ich geschaffen worden, um einem Hunahpu-Plan zu dienen – nämlich das Überleben unserer Spezies sicherzustellen. Vielleicht glaubst du, dass sich diese Welt in einem direkten Konflikt mit Satan befindet; in Wahrheit jedoch war der gefallene Engel für meinen Erfolg auf paradoxe Weise mitverantwortlich, denn ohne den Menschen und seine negativen Taten ist Satan nichts als ein lebloses, leeres Gefäß.«

»Warum hast du geglaubt, dass die Menschheit in Gefahr ist?«

»Etwa ab meinem siebzehnten Geburtstag hatte ich intensive Alpträume, bei denen ich in allen Einzelheiten Bilder einer globalen Vernichtung vor mir sah. Der Maya-Kalender hatte die Katastrophe vorhergesagt, die sich meinem inneren Auge darbot, doch die Daten passten nicht zusammen. Der fünfte Zyklus endete am 21. Dezember 2012, also neun Monate vor unserer Geburt, und doch hatte die Menschheit irgendwie überlebt. Die Bedrohung existierte offensichtlich auch weiterhin, und aus meinen Visionen konnte ich schließlich die Ursache der Vernichtung ableiten, die ich in meinen Alpträumen gesehen hatte: Es war die Yellowstone-Caldera. Wie ein zweiter Noah begann ich, den Plan zum Bau einer Flotte von Weltraum-Archen zu verwirklichen, indem ich zuerst Lucian Mabus heiratete und dann seine Firma und seinen Reichtum dazu verwendete, den Weltraumtourismus zu revolutionieren. Jetzt, siebzehn Jahre später, verfüge ich über ein Dutzend Shuttles und eine Marskolonie, doch durch dich ist alles irgendwie anders geworden. Deutlicher als je zuvor droht uns die Vernichtung, doch die Ursache der Katastrophe hat sich verändert.«

Die Stimme des Piloten unterbricht sie. »Wir nähern uns einer Höhe von fünfzehn Kilometern. Aktivierung der Raketentriebwerke in zehn Sekunden. Neun … acht … sieben …«

»Was meinst du damit? Wie hat sich die Ursache verändert? «

»Ich werde es dir zeigen.«

Plötzlich wird Manny in die dicke Polsterung seines Sitzes gedrückt, als die Booster zünden und das Weltraumflugzeug auf viertausend Kilometer pro Stunde beschleunigen, was etwa der dreifachen Schallgeschwindigkeit entspricht. Zwanzig Sekunden lang erfüllt das Dröhnen der Triebwerke die Maschine, dann wird es still. Mannys Körper hebt sich leicht aus dem Sitz.

Lilith löst ihre Sicherheitsgurte. Manny folgt ihrem Beispiel, und dann schweben die beiden schwerelos durch die Kabine. Er lässt sich zum nächsten Fenster treiben und starrt auf die Erde, fasziniert von der Schönheit des Planeten, bewegt von der emotionalen Realität dieses Anblicks, der Krieg, Hass und Gier vergessen macht und diese warme blaue Welt inmitten der kalten Leere des Raums als ein lebenspendendes Geschenk erscheinen lässt.

Lilith lehnt sich an ihn. Sie deutet auf die Krümmung der Erde, wo die Atmosphäre des Planeten sichtbar wird – eine dünne blaue Hülle vor der Schwärze des Alls. »Diese hauchdünne Schicht der Atmosphäre ist das Einzige, was die Erde vom Mars unterscheidet.«

Das Gesicht des Piloten erscheint auf den zahlreichen Bildschirmen in der Kabine. »Wie gewünscht erreichen wir in Kürze unsere Umlaufbahn in der Nähe des Pols. Es ist alles bereit für Ihren Weltraumspaziergang.«

Manny wirft Lilith einen überraschten Blick zu. »Weltraumspaziergang? «

 

Der HOPE-Astronaut Ryan Matson wartet auf sie an der Luftschleuse, die sich im Mitteldeck direkt unter der Passagierkabine befindet. An einer der Wände hängen sechs Raumanzüge unterschiedlicher Größe. Matson taxiert Manny mit raschem Blick, schwebt hinüber zum größten Anzug und löst ihn aus der Halterung. »Bist du sicher, dass du das machen willst, Kumpel?«

»Warum? Ist es gefährlich?«

»Wenn du es für gefährlich hältst, an einem Raumschiff zu hängen, das durch eine Art kosmischen Schießstand fliegt, in dem Weltraumschrott mit der zehnfachen Geschwindigkeit einer Gewehrkugel auf einen einprasselt – dann ja. Schon mal so einen Anzug getragen? «

»Nur wenn ich meinen Pool sauber mache.«

Matson findet das nicht witzig. »Dieser Raumanzug hat elf Schichten, einschließlich eines Kühlkreislaufs, einer Belüftungsvorrichtung und einer Druckblase, die verhindert, dass dein Blut zu kochen beginnt. Es gibt fünf isolierende Schichten, die es dir ermöglichen, bei Außentemperaturen von minus 270 bis plus 120 Grad zu überleben. Du wirst reinen Sauerstoff atmen, aber da wir den sowieso schon seit einiger Zeit in die Kabine pumpen, dürftest du dich inzwischen daran gewöhnt haben. Du brauchst nicht in Panik zu geraten, wenn du hörst, wie der integrierte Ventilator sich automatisch ein – und ausschaltet. Er dient dazu, überschüssige Körperwärme abzuleiten, und verhindert, dass sich dein Helm beschlägt und du dehydrierst. Die äußere Kevlarschicht müsste dich eigentlich vor allen Mikrometeoriten schützen, aber weil sich mehrere Millionen Objekte in der Erdumlaufbahn befinden, die weitaus größer sind, solltest du versuchen, in der Nähe des Schiffs zu bleiben.«

»Okay. Mal ganz hypothetisch. Was passiert, wenn mein Raumanzug zufällig ein kleines Loch bekommt?«

»Dann käme es sofort zu einem Druckabfall, was innerhalb kürzester Zeit zu Anoxie und zu deinem Tod führen würde.«

Manny wirft Lilith einen Blick zu. Sie trägt bereits ihren Anzug und sagt: »Du wirst überhaupt keine Probleme haben.«

»Wie ermutigend. Gehören Weltraumspaziergänge zu deinem Standardprogramm für zahlende Kunden?«

»Nein. Solche Ausflüge bieten wir unseren Gästen nicht an. Es wäre viel zu gefährlich.« Matson reicht Manny einen Kopfhörer. »Liliths Anweisungen entsprechend, habe ich die Verbindung so geschaltet, dass ihr beide euch ungestört unterhalten könnt. An deinem Gürtel befindet sich jedoch ein Schalter, mit dem du eine direkte Verbindung zum Cockpit herstellen kannst. Nur für alle Fälle.«

Der Astronaut sprüht die Innenseite des Visiers von Mannys Kohlefaserhelm ein, damit es nicht beschlägt, überprüft die Kontrolllichter und schiebt Manny den Helm über den Kopf. »Fertig?«

 

Schweigend verlassen sie die Ladebucht. Im Weltall gibt es keinen Wind, keine Geräusche und keinen eindeutigen Hinweis darauf, wie schnell sie sich bewegen, während ihr Raumschiff über den Nahen Osten fliegt. Der Winkel ihrer Umlaufbahn beträgt fast neunzig Grad; sie ist so ausgerichtet, dass sie sie über den Nordpol führen wird. Im Kopf rechnet Manny rasch ihre Geschwindigkeit aus, indem er den Erdumfang durch die neunzig Minuten teilt, die sie für eine Umrundung benötigen. Er kommt auf einen Wert von 7,4 Kilometer pro Sekunde. Ihm wird schwindlig.

»Manny, bist du okay?«

»Warum bin ich hier, Lilith?«

»Um das zu beantworten, müssen wir die Erde vom Nexus aus beobachten.«

Manny spürt, wie ihm das Blut aus dem Gesicht weicht. »Das ist extrem gefährlich. Allein schon der Druck … es ist, als schwimme man in Blei.«

»Ich habe das bisher dreimal gemacht. Am Anfang ist es ein bisschen verwirrend, und du hast Recht, es ist tatsächlich schwierig, sich zu bewegen. Aber es muss sein. Letztlich, denke ich, geht es um Vertrauen. Bist du bereit, mir zu vertrauen? Wenn die Antwort nein lautet, dann haben wir keine gemeinsame Zukunft – und ich meine das in mehr als nur einer Hinsicht.«

»Warum wurde Lauren Beckmeyer umgebracht?«

»Wer ist Lauren Beckmeyer?«

»Sie war meine Verlobte. Sie hat an der University of Miami Geologie studiert. Laurens Vater war Ingenieur. Sie hatten daran gearbeitet, den Druck in der Yellowstone-Caldera zu senken. Dazu wollten sie ein Roboterfahrzeug namens GOPHER einsetzen.«

»Es hätte nicht funktioniert.«

»Sie fiel einem Mordanschlag zum Opfer, Lilith. Genauso wie ihr Mentor Bill Gabeheart. Erinnerst du dich an diesen Namen?«

Für einen langen Augenblick schweben die beiden schweigend durchs All, während der Atlantik unter ihnen hinwegzieht.

»Den Auftrag dazu habe nicht ich gegeben, aber ich war eingebunden in die Entscheidung, nichts über dieses Thema an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Gabeheart hatte herausgefunden, dass die Daten über Yellowstone manipuliert worden waren. Ich nehme an, dass er deiner Verlobten davon erzählt hat und sie deshalb ebenfalls umgebracht wurde. Das alles tut mir wirklich leid – auch wenn dir das wahrscheinlich nicht viel bedeutet.«

»Es tut dir leid?« Tränen strömen aus seinen Augen. Weil sich dadurch die Feuchtigkeit innerhalb des Anzugs ändert, schaltet sich der integrierte Ventilator ein und bläst ihm kühle Luft ins Gesicht. »Wo bleibt da die Gerechtigkeit in unserer Welt? Wer bezahlt den Preis für Entscheidungen, die Unschuldigen das Leben nehmen? «

»Wir alle. Ich möchte dir etwas zeigen. Wenn du danach immer noch auf Rache aus bist, kannst du mit mir machen, was du willst.« Sie legt ihre linke Armbeuge um seinen rechten Ellbogen, ehe er dagegen protestieren kann. »Zusammen auf drei. Eins … zwei …«

Manny schließt die Augen und zwingt sein Bewusstsein, in eine höhere Dimension einzudringen und …

… ein Vielfaches der Erdanziehungskraft drückt seinen Körper zusammen. Der Schmerz verschwindet, als er seine Augen wieder öffnet und sein Geist fasziniert die plötzlich veränderte Wahrnehmung der Welt registriert.

Die Erdrotation hat sich zu einem kaum noch wahrnehmbaren Kriechen verlangsamt, was eine Folge der erhöhten Geschwindigkeit von Bewegungen im Nexus ist, jenem Raumzeitkorridor, der sie mit den neun höheren Dimensionen verbindet. Während die physische Welt um ihn herum immer langsamer wird, kann er Dinge erkennen, die noch vor wenigen Augenblicken viel zu schnell für ihn waren.

Trümmer umkreisen den Planeten wie ein Fluss voller Müll. Winzige funkelnde Staubkörner, Lacksplitter und gefrorene Tropfen von Kühlflüssigkeit aus Raketentriebwerken bilden einen geosynchronen Ring um den Äquator, während größere Objekte auf einer niedrigeren Umlaufbahn wie Satelliten dahinsausen. Fünfzig Meter unter sich sieht Manny einen elektrischen Schraubenzieher, der ein abgerissenes Kabel wie einen Kometenschwanz hinter sich herzieht.

Als ihr Weltraumflugzeug schließlich über Russland schwebt, kommt ein weiteres Objekt in Sicht, das Manny das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Fünfzehntausend Kilometer über dem Nordpol schwebt ein sternenloser schwarzer Fleck, dessen Ereignishorizont etwa zwanzig Prozent des Mondumfangs beträgt. Er verschwindet beinahe in der Dunkelheit des Alls und ist nur deshalb sichtbar, weil er wie ein Strudel in eisigem Wasser zu einer Verzerrung des Lichts führt und eine dünne Spur graugrünen Gerölls anzieht, die sich um seinen Rand zu lagern scheint, während sich in seiner Mitte ein dichter Energiestrahl befindet, der die Erdatmosphäre durchdringt. Die Singularität folgt der Rotationsachse der Erde, bewegt sich unaufhaltsam durch den Kern des Planeten hindurch …

… und taucht am Südpol wieder auf in Form eines Bandes feuerroter Moleküle, das sich um den ständig wachsenden Ereignishorizont eines zweiten Schwarzen Lochs zu schließen scheint, der sich unter der Südhalbkugel ins All hin öffnet. Dieser zweite Ereignishorizont ist doppelt so groß wie sein mittlerweile stark geschrumpfter Zwilling.

»Mein Gott …«

»Sieh genau hin.«

Während die gravitationale Anomalie über der Nordhalbkugel immer mehr in sich zusammensinkt, erscheint über dem Japanischen Meer ein neues Objekt.

»Ein Wurmloch?«

Das Wurmloch bleibt sieben Minuten und zweiundvierzig Sekunden lang stabil – genauso lange wie es dauert, bis die letzten Teile der nördlichen Singularität durch den Kern des Planeten gesaugt worden sind und auf der anderen Seite der Erde wieder zutage treten. Dann verschwindet das Wurmloch.

Der sternenlose schwarze Fleck über der Südhalbkugel ist noch immer an Ort und Stelle. Der Ereignishorizont dieses Schwarzen Lochs ist nun ein wenig größer, als es der seines Zwillings war, den es gerade verschlungen hat.

»Lilith?«

»Das ist ein sogenanntes Strangelet, eine besondere Art von Schwarzem Loch, das höchstwahrscheinlich durch einen der Hadron Collider geschaffen wurde. Ich habe es zum ersten Mal während meiner Flitterwochen gesehen, während des ersten Flugs einer Maschine von HOPE im Jahr 2031. Wir flogen über die Aurora Borealis. Damals war das Gebilde nicht größer als ein Basketball und damit viel zu klein, als dass ein Wurmloch hätte entstehen können. Es fiel mir überhaupt nur deshalb auf, weil unser Steuerbordflügel von der Anomalie durchdrungen wurde, als diese aus der nördlichen Rotationsachse der Erde aufstieg.«

»Wurde das Raumschiff dabei beschädigt?«

»Nein. Das Gebilde existiert nicht in der physischen Dimension – jedenfalls noch nicht. Aber seine Massendichte wächst immer weiter, und dadurch vergrößert sich der Einfluss auf die tektonischen Platten der Erde. Deshalb hatten wir in letzter Zeit so viele Erdbeben und Tsunamis.«

»Was ist mit der Caldera?«

»Vor zwei Wochen ist die Magmakammer kollabiert. Die Anomalie lässt eine katastrophale Eruption immer wahrscheinlicher werden. Doch so schlimm das auch sein wird, es ist noch nichts im Vergleich zu dem, was danach kommt. Irgendwann wird das Strangelet so viel Masse in sich vereint haben, dass es Auswirkungen auf die Schwerkraft in unserem physischen Universum hat. Sobald das geschieht, wird sich ein voll ausgebildetes Schwarzes Loch ein letztes Mal durch die Erdachse bewegen und dann den gesamten Planeten verschlingen. «

»Wer weiß sonst noch etwas darüber?«

»Nur wir beide und Devlin. Die Menschen können es noch nicht wahrnehmen.«

Manny starrt nach unten, während sie Grönland überfliegen. Sein ganzes Wesen ist von Wut erfüllt. Trotz aller Warnungen war die Menschheit schließlich an diesem Punkt angelangt. Keine Atomwaffen und kein im Labor erzeugtes Virus würden den vorhergesagten Weltuntergang herbeiführen, sondern der entfesselte Intellekt des Menschen, angetrieben von seinem gewaltigen Ego.

Sie schweben über die südlichsten Eisfelder der Arktis. »Manny, wir müssen den Nexus verlassen.«

Manny hört sie nicht, zu sehr konzentriert er sich auf die Mission, die ihm sein Bruder im Heiligen Land aufgetragen hat. Das Strangelet wurde schon vor vielen Jahren erzeugt. Ich muss herausfinden, wann und in welchem Hadron Collider das geschah.

Beim bloßen Gedanken an die Physiker, die dafür verantwortlich sind, wird ihm übel. Während sie mit Ruhm und Ehre überhäuft wurden, hat ihr verhängnisvolles exotisches Teilchen reagiert wie eine brennende Zündschnur …

Manny! Liliths Stimme reißt ihn aus seinen Gedanken, als sie im Nexus telepathischen Kontakt zu ihm aufnimmt. Wir überqueren die Rotationsachse. Du musst den Nexus verlassen, es ist zu …

Es gibt kein Geräusch und keine Warnung, nur eine Art Auge, das sich unter seinen Füßen über der nördlichen Rotationsachse öffnet. Für einen entsetzlichen Sekundenbruchteil kann er den orangeroten Fleck sehen, der den verletzten Kern des Planeten enthüllt, während die Singularität aus dem Planeten schießt und fast mit Lichtgeschwindigkeit auf sie beide zurast.

Sein Geist springt aus dem Nexus, und sein Bewusstsein wird von einem kosmischen Tsunami aus Protonen erfasst, der sein ganzes Sein durchdringt und ihn in sein sanftes weißes Licht hineinzieht.

2012 - Die Prophezeiung - Alten, S: 2012 - Die Prophezeiung - Phobos
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