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»Als er gefragt wurde: ›Was hat Gott getan, bevor Er das Universum erschaffen hat?‹, hat Augustinus nicht geantwortet: ›Er hat die Hölle gemacht für Leute, die solche Fragen stellen.‹ Stattdessen sagte er, dass Zeit eine Eigenschaft des von Gott geschaffenen Universums ist und dass die Zeit vor dem Anfang des Universums nicht existiert hat.«
STEPHEN HAWKING, englischer theoretischer Physiker
Earth News & Media
2. Mai 2047: Die Erdbebenüberwachung der Vereinigten Staaten hat um 23:40 Uhr indonesischer Zeit ein Seebeben der Stärke 7,9 registriert. Das Epizentrum lag in der Bandasee, 230 Kilometer nordnordwestlich von Saumlaki (Tanimbar-Inseln, Indonesien). Küstenstädte auf den Tanimbar-Inseln, Ambon, Jakarta und das Northern Territory in Australien wurden von Tsunamis getroffen, die eine Höhe von zwei bis dreieinhalb Metern erreichten. Weil die betroffenen Gebiete zuvor von den Behörden evakuiert worden waren, kam es nur zu wenigen Todesfällen.
Peki’in, Israel
Peki’in im westlichen Teil Galiläas ist einer der ältesten Orte in ganz Israel. Die Bevölkerung von zwölftausend Einwohnern besteht hauptsächlich aus Drusen – griechisch-orthodoxen Arabern, die (in der Regel) friedlich mit ihren christlichen, muslimischen und jüdischen Nachbarn zusammenleben. Peki’in besteht fast ausschließlich aus alten Steinhäusern, Olivenbäumen und taillendicken Weinstöcken, deren Ranken sich überall um Fenster und Türen ziehen. In der Synagoge des Ortes finden sich Schnitzereien, die bis in die Zeit des Zweiten Jerusalemer Tempels nach der Zerstörung durch die Römer zurückreichen.
In Peki’in befindet sich auch eine uralte Höhle, die von einem großen Weisen benutzt wurde, um vor zweitausend Jahren Energie aus der Höheren Welt zu empfangen.
Orthodoxe Juden, die traditionelle schwarze Hosen und Jacken sowie entsprechende Hüte und weiße Hemden tragen, stehen zusammen und verneigen sich immer wieder betend vor der Absperrung. Hemdsärmelige Touristen mit Sonnenbrillen, die gerade in ihren Reisebussen angekommen sind, schlendern am Straßenrand entlang. Beide Gruppen gehen einander aus dem Weg, obwohl sie aus demselben Grund hierhergekommen sind: Sie alle suchen Verbindung zum Licht der Seele von Rabbi Simon bar Johai.
Heute um Mitternacht beginnt Lag ba’Omer, ein Feiertag, der dreiunddreißig Tage nach Pessach begangen wird. Viele Gläubige sind schon früh eingetroffen in der Hoffnung, nahe der Höhle jenes heiligen Mannes kampieren zu können, der den Ort vor mehr als zweitausend Jahren mit seiner Gegenwart gesegnet hat.
Dieses Jahr jedoch werden sie sich gedulden müssen.
Kurz vor Sonnenuntergang werden überall orangefarbene Hinweisschilder aufgestellt, die der Menge mitteilen, dass der heilige Ort ab fünf Uhr nachmittags abgesperrt wird. Die Straßen, die den Berg hinaufführen, werden geschlossen, und Polizisten überwachen die Fußgängerwege. Zwischen den lokalen Sicherheitsbeamten und enttäuschten Besuchern kommt es zu kleineren Auseinandersetzungen. Der Bürgermeister von Peki’in versichert der Menge, dass die heilige Stätte am nächsten Morgen pünktlich um sieben zum Feiertag von Lag ba’Omer wieder geöffnet werden wird. Als mehrere Besucher ihn zur Angabe von Gründen drängen, murmelt er etwas von einer Sicherheitsgefährdung.
Man hat dem arabischen Bürgermeister 75 000 Dollar dafür gegeben, den Zugang zur Höhle von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang abzusperren; er hat deshalb kein großes Problem damit, ein paar Hundert murrenden Juden entgegenzutreten.
Die neunundvierzig Tage des Omer, die unmittelbar auf Pessach folgen, erinnern an die neunundvierzig Tage zwischen dem Auszug der Israeliten aus Ägypten und Moses’ Rückkehr vom Berg Sinai vor 3400 Jahren. Die sieben Wochen des Omer gelten als die dunklen Tage, als eine Zeit, in der die Israeliten aufgrund ihrer Zweifel an Gott die Gabe der Unsterblichkeit verloren und eine ganze Generation dazu gezwungen wurde, vierzig Jahre lang durch die Wüste zu wandern.
Der dreiunddreißigste Tag des Omer ist dem Gedenken an zwei wichtige historische Ereignisse gewidmet. Bei beiden spielten große spirituelle Lehrer eine Rolle, die vierzehn Jahrhunderte nach dem Geschehen auf dem Sinai lebten, als das Heilige Land unter römischer Herrschaft stand und das Studium der Torah bei Strafe verboten war.
Akiba ben Josef interessierte sich nicht für die Torah. Der Sohn eines jüdischen Konvertiten war ein armer Schäfer, der sich in Rachel, die Tochter eines der reichsten Männer Israels, verliebte. Obwohl Rachel wusste, dass sie enterbt werden würde, sollte sie den Schäfer heiraten, widersetzte sie sich ihrem Vater und nahm Akibas Antrag an – doch nur unter der Bedingung, dass er bereit war, die Torah zu lesen, was für einen vierzigjährigen Analphabeten nicht gerade einfach war.
Doch Akiba ging auf diese Bedingung ein und verließ seine Braut, um das Werk außerhalb des römischen Einflussbereichs zu studieren. Als er zwölf Jahre später zurückkehrte, war er ein ordinierter Rabbi mit einer großen Anhängerschaft. Mit Rachels Segen setzte er seine Studien für weitere zwölf Jahre fort und wurde ein für seine Weisheit berühmter Mann, der schließlich mehr als vierundzwanzigtausend Schüler hatte.
Im Jahr 132 führte ein Jude namens Simon bar Kochba einen Aufstand gegen die römischen Unterdrücker im Heiligen Land an. Diese Bewegung wurde vom spirituellen Ratgeber Kochbas, Rabbi Akiba, unterstützt. Als die dunklen Gerichtstage des Omer anbrachen, kam eine Seuche über das Land, an der alle bis auf fünf Schüler Rabbi Akibas starben. Weise Männer deuteten dies als eine Strafe für das immer mächtiger gewordene Ego der Schüler, die keinen Respekt mehr füreinander zeigten, während sie die Torah studierten.
Die Verheerungen durch die Seuche endeten schließlich am dreiunddreißigsten Tag des Omer.
Trotz des Grauens angesichts so vieler vernichteter Menschenleben und in direktem Widerspruch zu den Gesetzen Roms fuhr Rabbi Akiba damit fort, seine Schüler zu unterrichten. Der Bar-Kochba-Aufstand scheiterte allerdings: 580 000 Juden wurden niedergemetzelt. Drei Jahre später gelang es den Römern, Rabbi Akiba aufzuspüren, und ihm wurde vor den Augen seines Volkes bei lebendigem Leib die Haut abgezogen, so dass er den Märtyrertod starb. Zuvor jedoch enthüllte er seinem Lieblingsschüler Rabbi Simon bar Johai, dass die Torah eine geheime Weisheitslehre enthielt, die eine Art Handbuch unserer Existenz darstellt.
Rabbi Simon und sein Sohn, Rabbi Elazar, versteckten sich vor den Römern in einer Höhle in den Bergen von Peki’in. Während sie sich von den Früchten des Johannisbrotbaumes ernährten und Wasser aus einer nahe gelegenen Quelle tranken, widmeten sich die beiden heiligen Männer der »Torat Ha’ Sod«, jener uralten Weisheit, die sich laut Rabbi Akiba in der Anordnung der aramäischen Buchstaben der Torah verbarg. Jeden Morgen zogen die beiden Männer ihre Kleider aus, um den Stoff zu schonen, gruben sich bis zum Hals in den Sand ein und nahmen Kontakt zum Propheten Elias auf, den sie um Unterstützung bei ihrer Suche baten.
Dreizehn Jahre hielten sich Vater und Sohn versteckt, bis sie vom Tod des römischen Statthalters hörten. Als sie in die Zivilisation zurückkehrten, brachten sie ein geheimes Wissen mit, das sie später im Buch des Glanzes niederlegen sollten, im Sohar. Weil sie jedoch wussten, dass die Welt noch nicht bereit für dieses Wissen war, hielten der Rabbi und seine Schüler den heiligen Text verborgen.
Erst im dreizehnten Jahrhundert sollte der Sohar wieder auftauchen.
Rabbi Simon bar Johai starb am dreiunddreißigsten Tag des Omer.
Die drei Amerikaner klettern hintereinander den steilen Bergpfad hinauf. Ein großer, kräftig gebauter Schwarzer bildet die Vorhut, gefolgt von einem älteren Weißen, der vor zwei Tagen mit einem Koffer voller Bargeld in Peki’in angekommen ist. Beide Männer tragen Rucksäcke.
Die dritte Person ist viel jünger. Es handelt sich um einen Weißen Anfang dreißig, der sein langes, dunkles Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden trägt und dessen Augen hinter einer Sonnenbrille verborgen sind. Im Gegensatz zu seinen beiden älteren Begleitern klettert er mit der Eleganz eines Sportlers.
Während er den Pfad hinter Ryan Beck hinaufhumpelt, kann Mitchell Kurtz seine zweiundsechzig Jahre deutlich spüren. Der schwarze Backen – und Schnauzbart des früheren CIA-Agenten ist während des letzten Jahrzehnts grau geworden, was gut zu seinem kurz geschorenen Haar passt. Der nur knapp eins dreiundsiebzig große und zweiundsiebzig Kilo schwere Kurtz sieht vollkommen ungefährlich aus, doch sein geschickter Umgang mit den verschiedensten technischen Geräten und die Hemmungslosigkeit, mit der er diese einzusetzen pflegt, gleichen mehr als aus, was ihm in Hinblick auf seine körperliche Statur fehlen mag. Sein rechter Ärmel verhüllt eine an seinem Unterarm befestigte Impulskanone, die ihre Energie aus einer Batterie an seiner Hüfte bezieht. Die Waffe, die Fünf-Millimeter-Wellen abfeuert, war ursprünglich für die Aufstandsbekämpfung entwickelt worden. Die Stelle, an der sie auf das Fleisch des Opfers trifft, wird dabei so sehr erhitzt, als hätte der Betreffende eine heiße Glühbirne berührt. Man kann mit ihr jedes Lebewesen vertreiben, das sich im Radius von einem Kilometer um den Schützen befindet, und noch auf eineinhalb Kilometer Entfernung lässt sich ein tödlicher Schuss auf ein einzelnes Ziel abfeuern. Kurtz hält sich in Form, indem er mit der Waffe »Ratten aus der Gosse grillt«.
Kurtz’ Partner ist Ryan Beck, ein ehemaliger Football-Star, der bei einer Körpergröße von einem Meter achtundneunzig noch immer hundertsechsundzwanzig Kilo wiegt. Obwohl es der glatt rasierte Beck wegen seines Alters und seiner lädierten Knie mittlerweile etwas langsamer angehen muss, ist er wegen seiner Größe und seiner Nahkampfausbildung noch immer ein beeindruckender Gegner.
Die beiden Männer mit den Spitznamen Salt und Pepper haben während der letzten vierzehn Jahre nur einem einzigen Kunden als Leibwächter gedient – und das nicht wegen des Geldes, sondern aus Loyalität, persönlicher Zuneigung und einem tiefen Verständnis für die Tatsache, dass der jüngere Mann, den sie seit seiner Geburt vor vierunddreißig Jahren kennen, möglicherweise die letzte Hoffnung der menschlichen Spezies darstellt.
Es ist dunkel, als sie die Höhle von Rabbi bar Johai erreichen. Die kühle Bergluft hat kaum elf Grad, und der Wind pfeift über den gezackten Höhleneingang. Kurtz duckt sich und geht hinein, wobei er mit Hilfe der Nachtsichtfunktion der Smartgläser seiner Brille überprüft, dass die Höhle leer ist. Beck inspiziert den umliegenden Berghang mit seiner Wärmebildkamera.
Außer ihnen ist niemand hier.
Der jüngere Mann mit dem wie von einem Bildhauer gestalteten Körper kniet in den groben Sand nieder und schließt die azurblauen Augen. Während er immer tiefer in einen meditativen Zustand versinkt, verlangsamt sich seine Herzfrequenz, und seine Gehirnwellen verändern sich: Die Beta-Wellen von vierzig Perioden pro Sekunde weichen den Alpha-Wellen mit einer Frequenz von 13 Hz. Die Meditation wird immer tiefer, und schließlich erreicht er eine Theta-Trance, bei der die elektrischen Signale zwischen seinen Nervenzellen sich auf die elektromagnetischen Wellen in der Erdatmosphäre einschwingen, deren Frequenz konstante 7,8 Hz beträgt.
Als er die elektrostatischen Abweichungen im Umkreis der Höhle erspürt hat, öffnet er die Augen und deutet auf einen »Hotspot« unmittelbar außerhalb des Höhleneingangs. »Dort.«
Die beiden Leibwächter lösen die Klappspaten von ihren Rucksäcken und rammen sie in den fest gebackenen Sand.
Der jüngere Mann zieht sich aus.
Immanuel Gabriel wurde in einen chaotischen Malstrom hineingeboren. Sein Vater Michael, der wenige Tage nach Immanuels Empfängnis verschwand, wurde mit allen möglichen Bezeichnungen bedacht – von Maya-Messias bis paranoider Schizophrener. Seine Mutter Dominique Vazquez wurde für den Adam Michael Gabriel die mittelamerikanische Eva, die nach dem Verschwinden ihres Seelengefährten Manny und Jacob, Mannys weißhaarigen Zwillingsbruder mit den türkisfarbenen Augen, alleine erziehen musste.
Jacob und Immanuel: die Heldenzwillinge der Maya.
Der eine mit hellem Haar und einem aktiven posthumanen Gen, das ihn in eine Art Supermann verwandelte; der andere dunkelhaarig und bedrückt, ein hybrides Wesen, das einfach nur ein normales Leben führen wollte.
Jake und Manny: Yin und Yang.
Diametrale Gegensätze und zugleich zwei Teile einer symbiotischen Verbindung. Jacob war ein spirituelles Wesen, gefangen in einer körperlichen Hülle, und seine rückhaltlose Hingabe an das, was er als die Mission seines Lebens verstand, löschte nur allzu oft seine menschlichen Gefühle aus. Immanuel hingegen war ein Mensch mit all seinen Fehlern – auch mit egoistischen Gefühlen.
Manny, ein einfacher Sportler, hatte in seiner Jugend eine großartige Entdeckung gemacht – einen Hort der Ruhe, wo alles langsamer wurde, einen zutiefst von Erfüllung gekennzeichneten Zustand, in dem Höchstleistungen vollkommen selbstverständlich waren.
Sportler nennen ihn die Zone.
Jacob nannte ihn den Nexus.
Der Nexus war eine höhere Dimension, ein unverschleierter Zugang zum Licht des Schöpfers. Unter dem Namen Samuel »the Mule« Agler hatte Manny den Nexus benutzt, um scheinbar nach Belieben Touchdowns zu erzielen und alle Homerun-Rekorde zu brechen. Als »die große Nummer auf dem Campus« der University of Miami war er rasch zum begehrtesten Amateursportler der letzten Jahrzehnte und zu einem geradezu kultisch verehrten Helden geworden, der alles hätte haben können, was er nur wollte. Ruhm und Reichtum lagen ihm zu Füßen, und sein Ego sonnte sich in ihrem Glanz …
… so dass sein Fall vorprogrammiert war.
Wie jede Seele, die trunken vor Macht ist, fiel auch »the Mule« hart. Kurz vor seinem zwanzigsten Geburtstag verlor der dunkle Gabriel-Zwilling innerhalb weniger Wochen seine Sportlerkarriere, seine Zukunft, seine Identität, seine Familie … und seine Verlobte.
Lauren Beckmeyer war ein unschuldiges Opfer der Umstände. Die junge Frau, eine gebildete, von Altruismus angetriebene Sportlerin, hatte eine strahlende Zukunft vor sich. Sie liebte Sam seit ihrem zweiten gemeinsamen Jahr auf der Junior Highschool. An jenem schicksalhaften Morgen des zwanzigsten Geburtstags ihres Verlobten fand sie seine wahre Identität heraus. Kurz darauf, nur wenige Augenblicke, nachdem Immanuel Gabriel sich geweigert hatte, zusammen mit seinem Zwillingsbruder an Bord des Raumschiffs Balam zu gehen, wurde Lauren von der Kugel eines Attentäters umgebracht, die eigentlich Sam galt.
Obwohl der Killer von Lilith Mabus angeheuert worden war, gab Manny Jacob die Schuld an Laurens Tod.
Weil Manny von einem Tag auf den anderen untertauchen musste und es ihm nicht gelang, den Verlust der einzigen Frau zu überwinden, die er jemals geliebt hatte, verfiel er in eine tiefe Depression. Beck und Kurtz waren gezwungen, ihn rund um die Uhr im Auge zu behalten, um zu verhindern, dass er Selbstmord beging. Dave Mohr und seine Frau Eve waren zwar für Jacob zu so etwas wie Ersatzeltern geworden, doch Manny kannten sie kaum, und weder sie noch die beiden Leibwächter sahen sich in der Lage, angemessen mit seiner Trauer umzugehen. Verzweifelt arrangierten sie ein heimliches Wiedersehen zwischen Manny und seinem Adoptivvater, der sich seit dem öffentlich inszenierten Tod des Jungen sieben Jahre zuvor um dessen Erziehung gekümmert hatte.
Der untergetauchte Zwilling versteckte sich zwei Wochen zusammen mit Gene Agler in einem Hotelzimmer in den Pocono-Bergen, wo er seinem Hass und seiner Verachtung gegenüber seinem verschwundenen Bruder Luft machte, dessen sture Selbstverpflichtung, dem »Erbe der Heldenzwillinge« zu folgen, das Leben Mannys zerstört hatte.
Agler tröstete seinen Adoptivsohn, indem er ihn und seinen Bruder mit einem anderen berühmten Zwillingspaar verglich. »Sam, ich weiß, dass du kein religiöser Mensch bist, aber erinnerst du dich an die Geschichte von Abraham, Isaak und Jakob? Vielleicht fällt es dir wieder ein: Auch Jakob hatte einen Zwillingsbruder, Esau.«
»Esau war irgendein haariger Jäger, der seinen Bruder umbringen wollte, nachdem Jakob den Vater der beiden mit einem Trick dazu gebracht hatte, ihm das Erstgeburtsrecht zu überlassen.«
»In gewissem Sinne, ja. Aber das ist nur die vereinfachte biblische Geschichte. Hinter den entsprechenden Abschnitten dieser Erzählung verbirgt sich eine viel tiefere Bedeutung. Jakob lebte in Übereinstimmung mit dem Licht des Schöpfers. Esau, ein Mann mit einem gewaltigen Ego, stand für die negative Seite der Existenz. Esaus Hass auf seinen Zwillingsbruder entsprang seiner Eifersucht und seinem Zorn, und dieses innere Feuer wurde durch eine Stimme in seinem Kopf angefacht, die rief: ›Warum ist mein Leben nicht vollkommen? Warum muss ich leiden? Warum mangelt es mir an Geld, Gütern und Gesundheit?‹ Es ist eine Stimme, die im Gleichklang mit der Dunkelheit erklingt. «
»Okay, Dad. Was willst du mir damit sagen? Dass ich der negative Zwilling bin? Dass ich Esau bin?«
»Mein Sohn, die Metapher von Jakob und Esau gilt für jeden von uns. Licht und Dunkelheit können in der physischen Welt nicht gleichzeitig existieren. Wenn du ein dunkles Zimmer mit einer Kerze in der Hand betrittst, wird das Licht die Dunkelheit überwinden, und zwar umso deutlicher, je dunkler das Zimmer war.
Auf metaphysischer Ebene ist das Licht Liebe und die Dunkelheit – Hass. Liebe ist die einzige Waffe, mit der der Feind überwunden werden kann. Als Jakob seinem Zwillingsbruder das Erstgeburtsrecht stahl, wollte Esau ihn umbringen, weswegen die Mutter der beiden gezwungen war, Jakob ins Exil zu schicken. Als Jakob zurückkehrte, war Esaus Macht gewachsen; er befehligte eine Armee. Doch in dem Augenblick, als sich die Zwillinge gegenübertraten, besiegte Jakobs Liebe Esaus Hass und zog ihn zurück in das Licht, und Esau vergab seinem Bruder. Tief im Innersten empfand Esau noch immer Liebe für Jakob, was bedeutet, dass das Licht auch in Esau war.
Und jetzt zu dir und deinem Zwillingsbruder. Schon von Geburt an hast du immer im Schatten Jakes gestanden. Seit du laufen konntest, hat er dich angetrieben, hart zu trainieren. Zweifellos hat er dich mit diesem Schwachsinn über Maya-Prophezeiungen wahnsinnig gemacht, und das ist nur allzu verständlich. Aber zugleich hat er dich davor gewarnt, den Nexus aus selbstsüchtigen Gründen zu benutzen, und damit hatte er Recht. Dein Ego hat dich genarrt, und du wurdest süchtig nach dem Licht – wobei es sich in deinem Fall um das Rampenlicht der Berühmtheit handelte. All das änderte sich, als der Augenblick der Wahrheit gekommen war und Jacob darauf bestand, dass du ihn in die Unterwelt der Maya begleitest. Doch du hast dich geweigert. Wir können unmöglich wissen, welche Folgen diese Entscheidung hatte und noch haben wird, aber ich vermute, dass sich durchaus etwas Positives daraus entwickeln kann.«
»Woher willst du das wissen?«
»Denk darüber nach, Samuel. Jacob hat seine Grenzen überschritten, als er dich unter Ausnutzung seiner körperlichen Überlegenheit an Bord der Balam zerren wollte. Indem er das tat, hat er versucht, dir deinen freien Willen zu rauben. Und was ist passiert? Plötzlich wurden deine Gene aktiv, du warst ihm körperlich gewachsen und hast ihn gestoppt.«
»Du glaubst, dass das so geschehen sollte?«
»Es gibt keine Zufälle, mein Sohn. Ob wir es verstehen oder nicht, Gott hat einen Grund für alles.«
Manny antwortete in scharfem Ton: »Und natürlich auch für Laurens Tod.«
»Laurens Tod war wie ein Kieselstein, den man ins Wasser wirft. Wir haben keine Ahnung, bis wohin die Wellen reichen oder was sie bezwecken sollen. Auch deine eigene Entscheidung, dem Erbe der Heldenzwillinge nicht zu folgen, hat zweifellos im Gewebe von Raum und Zeit Wellen geschlagen. Wichtig ist nur, genau wie in der Geschichte Esaus, dass du deinen Hass und deine Negativität hinter dir lässt und deine Verwandlung vervollständigst, indem du weiter auf das Licht zugehst.«
»Und wie mache ich das?«
»Indem du ein selbstloses Leben führst. Indem du die Kräfte, die Gott dir gegeben hat, zur Verwirklichung eines höheren Gutes nutzt. Ich erinnere mich noch genau an die Dinge, die zu den Ereignissen des Jahres 2012 führten. Gier und Korruption beherrschten die Wall Street und Washington. Während die Menschen ihre Arbeit und ihr Zuhause verloren, konzentrierten sich die beiden politischen Parteien in Amerika ganz auf die Auseinandersetzung untereinander und jede versuchte, die Oberhand zu gewinnen. Die Medien gossen noch Öl ins Feuer und teilten das Land endgültig in zwei Hälften. Befeuert durch Hass und die Gier der Konzerne wurden zwei Kriege geführt, während sich im Iran der Dritte Weltkrieg zusammenbraute. Als alles schließlich wie Zunder in Flammen aufging, regierte die nackte Angst. Nur ein Wunder – das übrigens auf das Wirken deines Vaters zurückging – hat das Ende unserer Spezies verhindert. Doch aus jener Dunkelheit, aus jener überwältigenden Negativität und Zerrissenheit, die die Gesellschaft an den Rand der Vernichtung geführt hatte, entstand eine neue Doktrin.
Saubere alternative Energien ersetzten die fossilen Brennstoffe und schufen neue Industrien, während sie gleichzeitig dazu beitrugen, dass die geschädigte Umwelt sich regenerieren konnte. Die Menschen fanden sich zusammen, um die politischen Abläufe zu ändern, und sie beseitigten die Variable ›Geld‹ aus der Gleichung. Lobbyisten und der Großindustrie wurde der Zugang zu den Hallen der Macht strikt verboten, und Washington begann, an der Verbesserung der Gesellschaft zu arbeiten, anstatt sich nur um die eigenen Interessen zu kümmern. Sobald die Menschen einmal damit angefangen hatten, einander zu helfen, wurde der Schleier der Dunkelheit gelüftet, der zuvor das Licht verhüllt hatte.«
»Dad, ich bin nicht Jake. Ich meine, sieh mich doch an! Ich bin vollkommen am Ende. Physisch wie emotional …«
»Konzentriere dich auf deine spirituelle Seite, Samuel. Dann kommt der Rest von ganz alleine.«
Völlig nackt springt Immanuel Gabriel in die frisch ausgehobene, anderthalb Meter tiefe Grube.
Die beiden Leibwächter sehen einander an. »Bist du dir in dieser Sache sicher, Junge?«
»Bin ich. Macht weiter. Grabt mich ein bis zum Hals.«
Der Sand ist kalt und grobkörnig. Jede Schaufelvoll brennt auf seiner Haut. Manny fokussiert seinen Blick auf die dunkle Silhouette des Johannisbrotbaumes, an dessen Zweigen Hülsen voller essbarer Samen hängen. In römischer Zeit wurde die Reinheit einer Goldmünze anhand des Gewichts dieser Samen bestimmt. Vierundzwanzig Samen oder Karat entsprachen einer reinen Goldmünze; bei zwölf Karat bestand die Münze zur Hälfte aus Gold, zur Hälfte aus einer Legierung. Rabbi Simon bar Johai und sein Sohn hatten dreizehn Jahre von diesen Samen gelebt.
Wie der berühmte Weise beabsichtigt Immanuel Gabriel Kontakt zum Geist eines rechtschaffenen Mannes aufzunehmen in der Hoffnung, seinen eigenen Weg zur Erfüllung zu finden.
Inzwischen reicht ihm der Sand bis zum Hals. Beck versteckt die Schaufeln hinter einem Busch, während Kurtz die Rucksäcke einsammelt und Manny einen Schluck Wasser aus einer Flasche zu trinken gibt. »Pep wird unten Position beziehen. Ich behalte den Aufstieg von hier oben im Auge.«
»Es wird keine Probleme geben.«
»Du wirst dich in einen transzendentalen Zustand begeben, und dadurch bist du verletzlich.« Kurtz nimmt einen Transmitter aus seinem Rucksack. Das Gerät hat die Größe einer Streichholzschachtel und ist an einem Dreifachhaken befestigt. Er entfernt sich fünf Schritte von Immanuels Kopf und drückt es in die Erde. »Ich werde das Gebiet jede Viertelstunde großflächig mit meiner Impulskanone unter Feuer nehmen. Der Transmitter schützt dich vor den Mikrowellen, aber alles, was sich außerhalb dieses gesicherten Bereichs befindet, wird brennen wie ein Weihnachtsbaum. Das bedeutet – wenn du pinkeln musst, pinkle in die Grube.«
Manny lächelt. »Du umsorgst mich wie eine Mutter.« »Jemand muss ja deinen Arsch im Auge behalten. Schließlich – was sollte ich nur ohne dich tun?«
»Dein eigenes Leben führen?«
»Tu ich. Und ich lande verdammt viel häufiger als du in einem fremden Bett.«
»Die israelische Kellnerin aus Karmel?«
»Ehrlich gesagt habe ich eine neue kennengelernt. Sie ist Amerikanerin. Arlene Lieb. Sie unterrichtet Englisch im Westjordanland. Zweiundvierzig, geschieden und mit zwei Möpsen, die ein verhungerndes afrikanisches Land ernähren könnten. Da wir gerade von Afrika reden …«
Beck kommt wieder zu ihnen zurück. »Die Gegend ist sicher. Erzählt Salt schon wieder von seiner neuen Freundin?«
»Du bist ja nur eifersüchtig.«
»Weißt du, was er zu ihr gesagt hat? Er hat ihr erzählt, er sei Filmproduzent auf der Suche nach geeigneten Drehorten für den nächsten Zach-Bachman-Film. Du solltest die Plakate sehen, die er dafür entworfen hat.«
Kurtz’ jungenhaftes Lachen ist ansteckend. »Ich habe ihr erklärt, ich könne ihr keine Sprechrolle besorgen, aber wenn sie wirklich sexy auftritt, würde ich sie möglicherweise als Statistin in der Bordellszene einsetzen, mit der der Film beginnt.«
»Du änderst dich nie. Ich erinnere mich, dass du schon damals denselben Scheiß erzählt hast, als Jake und ich noch zusammen auf unserem abgesperrten Gelände gelebt haben.«
»Was soll ich da sagen? Ich bin eben ein böser alter Mann.«
Beck lächelt ironisch. »Alt bist du auf jeden Fall.«
»Man ist immer nur so alt wie der eigene Penis. Erinnerst du dich noch an deinen Penis, Pep? Dieses Ding, das sich irgendwo unter deinem Bauch versteckt? «
»Na schön, ihr zwei. Los geht’s. Wir sehen uns bei Sonnenaufgang.«
Manny wartet, bis die beiden gegangen sind, bevor er die Augen schließt und den Biorhythmus seines Gehirns wieder auf die Theta-Wellen einschwingen lässt. Er wartet darauf, dass es Mitternacht wird und die Verbindung sich öffnet, damit er mit den höheren Dimensionen Kontakt aufnehmen kann.
Cape Canaveral, Florida 2. Mai 2047, 16:56 Uhr (Ostküstenzeit)
Die Anlage umfasst 140 000 Morgen eines Naturschutzgebiets, das aus zwei unmittelbar der Küste vorgelagerten Inseln besteht, die sich nördlich von Cocoa Beach in Florida befinden. Bei der kleineren Landmasse, die wie ein Keil zwischen dem Banana River und dem Atlantik steckt, handelt es sich um Cape Canaveral. Westlich des Cape zwischen dem Banana River und dem Indian River liegt Merritt Island, die größere der beiden Inseln. Zwei Jahrzehnte zuvor befand sich auf Merritt Island das Kennedy Space Center und dessen Schwesterorganisation, die NASA. Jetzt sind beide Inseln Eigentum des Projekts HOPE.
Ein zwölf Meter hoher elektrischer Zaun und eine kleine Miliz schützen das Gelände. In jeder Ecke steht ein Wachturm. Zwei stehen an der nahe gelegenen Küste, ein weiterer am Ufer des Banana River. Drohnen patrouillieren die ganze Gegend vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Niemand betritt oder verlässt die Inseln ohne HOPEs Genehmigung.
Die fertiggestellten Mars-Shuttles stehen in zwölf der zweiundzwanzig Gebäude aus Stahlbeton, die sich an der Südspitze von Cape Canaveral befinden. Jeder dieser Hangars ist so breit wie ein Football-Feld, dreimal so lang und sieben Stockwerke hoch. Sie sind mit zwei gewaltigen Toren versehen, durch die man direkt auf eine der beiden Startbahnen gelangt. Im Gegensatz zu den ausrangierten STS-Shuttles der NASA besteht die Marsflotte aus weltraumtauglichen Flugzeugen, die horizontal starten und landen.
Das Privatbüro von Lilith Mabus befindet sich im fünften Stock von Gebäude 1. Panoramafenster geben den Blick frei auf eines der zwölf flugbereiten Mars-Passagiershuttles, ein Fluggerät, das viermal größer ist als jene, die vor siebzig Jahren von der NASA entwickelt wurden, und doppelt so groß wie das Weltraumflugzeug, das ursprünglich von HOPE für einen Aufenthalt in der Erdumlaufbahn gebaut worden war. Die Vorstandsvorsitzende arbeitet an ihrem Computer. Konzentriert stellt sie die Liste der achthundertfünfundsiebzig Passagiere und vierundzwanzig Piloten zusammen, die in der Marskolonie Rettung finden werden.
Die restlichen achttausend Mitglieder der gesellschaftlichen Elite, denen ein Flug garantiert worden war, werden ebenso wie die übrigen neun Milliarden Menschen zum Sterben auf der Erde zurückbleiben.
Es war keine leichte Aufgabe, die Überlebenden auszuwählen. Fünfzehn Jahre hatte es gedauert, die Marskolonie, die Flotte der Weltraumflugzeuge und die Versorgungsshuttles zu entwickeln und zu bauen. Das Vorhaben hatte zwei Billionen Dollar verschlungen, und eine kleine Stadt aus Facharbeitern, Ingenieuren und Raketenwissenschaftlern war dazu nötig gewesen. Es hatte einiges Geschick erfordert, das Geld und die erforderlichen Talente zu gewinnen, während die Firma sich gleichzeitig gegenüber den beinahe unberechenbaren Entwicklungen in Yellowstone absichern musste. Lilith wusste, wie man dieses Spiel spielte. Sie bot Flüge im Tausch gegen Gefälligkeiten, und die Drohung, von der Liste der Auserwählten gestrichen zu werden, sorgte dafür, dass alles geheim blieb. Sie hatte kein Problem damit, dass ihre Partner in der Neuen Weltordnung, die ihr Unternehmen finanzierten, zurückbleiben würden. Auf dem Mars hatte Lilith für dieses Geschmeiß ohnehin keine Verwendung. Ihr war es wichtig, die fähigsten Experten in Naturwissenschaft, Technik, Landwirtschaft und Medizin zusammenzustellen und den dabei entstehenden Genpool sorgfältig unter die Lupe zu nehmen. Vielfalt war ebenso entscheidend für das Überleben und die zukünftige Erweiterung der Kolonie wie die vielen Zehntausend tiefgefrorenen Pflanzensamen, die sich bereits auf dem Weg zum Roten Planeten befanden. Ebenso wichtig war, dass alles und alle zueinanderpassten. Demokratie war ein Luxus, den sich nur eine sehr große Bevölkerung erlauben konnte. Die Marskolonie hingegen würde am ehesten unter einer autokratischen Herrschaft funktionieren.
Niemand, der sich zu einer potenziellen Gefahr für die Vorherrschaft des Mabus-Clans entwickeln konnte, würde einen Platz bekommen.
Lilith sieht gerade die medizinischen Daten von dreihundert Elektroingenieuren durch, als auf einem ihrer Monitore die Video-Kommunikation mit einem Blinken zum Leben erwacht und eine Verbindung mit dem Mars herstellt.
Alexej Lundgards Gesicht erscheint auf dem Bildschirm. Die Miene des bärtigen russischen Ingenieurs ist grimmig. »Die Shuttles mit dem Nachschub sind eingetroffen, aber uns fehlen noch immer siebenhundert Tonnen Stahl.«
»Am zehnten werden zwei weitere Versorgungsschiffe starten.«
»Davon habe ich im Augenblick gar nichts.«
»Was ist mit dem Bergbau auf den beiden Monden?«
»Auf Deimos gibt es Wasser und organische Verbindungen. Phobos scheint nichts als ein Eisenklumpen zu sein. Beim Versuch, die Oberfläche zu durchdringen, haben wir schon drei Bohrer verloren. Es gibt allerdings auch eine potenziell gute Nachricht. Einer unserer tomographischen Satelliten hat etwa zweihundertzwanzig Meter unter dem Vastitas-Borealis-Becken eine Erzader entdeckt. Wenn sie sich ausbeuten lässt, haben wir mehr Material als nötig, um die dritte Bio-Kuppel fertigzustellen. «
Lilith holt eine Marskarte auf ihren Monitor und lokalisiert das Becken in kürzester Zeit. »Das Gebiet ist nicht vulkanisch. Vor langer Zeit befand sich dort ein Meer. Wie konnte …«
Plötzlich platzt Devlin in ihr Büro. Die bleiche Haut über den Wangenknochen des Teenagers ist gerötet, seine Augen mit den mutierten Blutgefäßen sind weit aufgerissen. »Hast du das gespürt? Gerade gab es eine Veränderung in höheren Sphären.«
»Was für eine Veränderung? Hat Immanuel sich endlich in den Nexus begeben?«
»Das ist nicht Immanuel. Es ist Jacob. Sein Licht strömt aus den höheren Welten herab.«