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4. Juli 1990
Flughafen Nazca – Nazca, Peru
Die Stadt Nazca im Südosten Perus liegt zwischen den Anden und einer trockenen Hochebene, die sich nach Westen in Richtung Pazifik zieht. Auf Satellitenfotos sieht dieser Ort wie ein üppiger Flecken Moos zwischen den Bergen aus, von dem sich einzelne grüne Ranken über ein ansonsten gesichtsloses graues Plateau erstrecken.
Betrachtet man das Plateau genauer, werden darauf die Überreste einer uralten Zivilisation sichtbar, die von einem göttlichen Wesen gegründet wurde.
Diese Gottheit – ein geheimnisvoller langschädeliger europäisch aussehender Mann mit weißem Haar, weißem Bart und tief liegenden, türkisfarbenen Augen – kam etwa 400 v. Chr. hierher. Die Indios aus den Anden verehrten den Fremden, der sie lehrte, Felder auf den Bergen anzulegen, die mit Hilfe von Aquädukten bewässert wurden. Um ihre Dörfer zu schützen, schenkte er ihnen eine weit fortgeschrittene Technologie, die der Gravitation entgegenwirkte, so dass sie gewaltige, dreißig Tonnen schwere Steine transportieren und daraus die Festung bei Sacsayhuamán errichten konnten, deren Mauern heute noch stehen. Um eine zukünftige Katastrophe zu verhindern, ließ er die Indios auf dem Nazca-Plateau Warnungen niederschreiben, die sich an den Menschen der Gegenwart richten.
Sein Name: Viracocha.
Die steinerne Leinwand, die Viracocha auswählte, war eine vierundsechzig Kilometer lange und fast zehn Kilometer breite unfruchtbare Wüstengegend an der Pazifikküste Perus. Die Nazca-Ebene ist einer der trockensten Orte der Erde und praktisch eine Todeszone, aber sie besitzt eine einzigartige Oberfläche, die nirgendwo sonst auf dem Planeten zu finden ist. Das Erdreich, das von glatten Steinen bedeckt ist, enthält einen hohen Gipsanteil, der wie ein natürlicher Klebstoff wirkt. Dieser Gips, der jeden Morgen neu durch den Tau befeuchtet wird, hielt das hier vorkommende stark eisenhaltige Gestein und die Kieselerde an seiner Oberfläche fest. Die dunklen Steine speicherten die Hitze des Tages und schufen so einen Schutzschild aus warmer Luft, der den Einfluss des Windes eliminierte.
Für einen Künstler, der sein Werk einem zukünftigen Publikum hinterlassen wollte, wurde das Nazca-Plateau zur perfekten Leinwand, denn was dort in den Fels gezeichnet wurde, überdauerte viele Jahrhunderte. Erst als ein Pilot im Jahr 1947 über die Wüste flog, entdeckte der Mensch der Gegenwart die geheimnisvollen Zeichnungen und geometrischen Linien, die Äonen zuvor in die peruanische Landschaft gegraben worden waren.
Mehr als 13 000 Linien durchziehen die Nazca-Wüste. Ein paar dieser Zeichnungen erstrecken sich bis zu acht Kilometer weit, wobei sie trotz des rauen Terrains auf wundersame Weise vollkommen gerade verlaufen. Noch bizarrer sind die vielen Hundert Tierdarstellungen oder bildhaften Umrisse. Auf Bodenhöhe wirken diese riesigen zoomorphen Gestalten wie zufällige Vertiefungen, die durch das Abschaben vieler Tonnen schwarzen Vulkangesteins entstanden sind, wodurch die gelbliche Gipsschicht darunter frei gelegt wurde. Doch von oben betrachtet erwachen die Nazca-Zeichnungen zum Leben; sie stellen gleichermaßen eine in sich geschlossene künstlerische Vision und eine ungeheure Ingenieurleistung dar, die mehr als zwei Jahrtausende überdauert hat, ohne Schaden zu nehmen.
Die Zeichnungen sind während zweier deutlich voneinander getrennter Perioden entstanden. Auch wenn es unseren Vorstellungen des menschlichen Fortschritts widerspricht, sind die früheren Zeichnungen den späteren weit überlegen. Zu ihnen gehören der Affe, die Spinne, die Spirale und die Schlange. Die Darstellungen sind ihren natürlichen Vorbildern nicht nur außerordentlich ähnlich, jede Zeichnung wurde darüber hinaus aus einer einzigen, ununterbrochenen Linie angefertigt – und das bei Figuren, die größer sind als ein Footballfeld.
Außer den Zeichnungen auf dem Plateau selbst existieren noch zwei weitere Figuren, die in die Berghänge der Anden gegraben wurden. Bei der ersten handelt es sich um eine einhundertfünfzig Meter hohe Gestalt, die als Astronaut bezeichnet wird. Die zweite, der Dreizack von Paracas, ist ein einhundertachtzig auf sechzig Meter großes, einem Kandelaber ähnelndes Symbol, das den gesamten Berghang über der Bucht von Paracas bedeckt – ein Begrüßungszeichen an der Öffnung des Nazca-Tals.

Der Künstler, der für die Nazca-Zeichnungen verantwortlich ist?
Viracocha.
In der verschlafenen Stadt Nazca wohnen 20 000 Einwohner in engen Betonvierteln, die um einen Marktplatz herum angeordnet sind. Nach einer nur zehnminütigen Fahrt erreicht man in jeder Richtung den Flickenteppich der Felder, die die Lebensgrundlage dieses isolierten landwirtschaftlichen Zentrums bilden. Seit der Gründung durch die Spanier im Jahr 1591 hing die Existenz Nazcas lange Zeit davon ab, dass der Ort in der Lage war, sich selbst zu versorgen. Das änderte sich mit der Entdeckung der Wüstenzeichnungen. Inzwischen haben die geheimnisvollen Linien und Zeichnungen ihrer Vorfahren den heutigen Bewohnern eine neue Einkommensquelle eröffnet: den Tourismus.
Julius Gabriel steuert seinen rostigen 1980er Jeep CJ7 an Kirchen und einem offenen Bazar vorbei und biegt dann nach Westen auf die Panamericana Sur ab, wo er den Schildern zum Aeropuerto folgt. Der Flughafen von Nazca besteht aus zwei Asphalt-Startbahnen und mehreren Hangars, in denen eine Reihe von einmotorigen Propellermaschinen untergebracht sind. Michael nennt sie »Pfützenspringer«. Für Julius, der schon immer Angst vorm Fliegen hatte, sind sie die beste Werbung für Reisebusse.
Der Himmel ist wolkenlos und blau; bereits am Vormittag brennt die Sonne erbarmungslos auf das offene Land herab. Der einundfünfzigjährige Archäologe parkt den Jeep außerhalb des Stahlzauns, der den Flughafen umgibt, und bleibt im Wagen sitzen. Obwohl das Kühlmittel der Klimaanlage zur Neige geht und die künstlich erzeugte Brise sich deshalb eher warm als erfrischend anfühlt, ist das immer noch besser als die über vierzig Grad heiße Luft, die außerhalb des Fahrzeugs vom Boden aufsteigt.
Nachdem er zehn Minuten gewartet hat, sieht er, wie am Himmel im Norden ein weißer Tiefdecker erscheint, dessen Pilot einen weiten Bogen fliegt, um von Osten her zu landen. Julius kann von seinem Jeep aus erkennen, wie die sechssitzige Piper Malibu aufsetzt, auf das Gate zurollt und schließlich zum Stehen kommt. Fünf lange Minuten später fährt ein Flughafenangestellter schließlich eine mobile Treppe an die inzwischen offene Tür heran.
Zuerst steigt ein deutsches Paar aus, gefolgt von einem Priester und zwei Männern Mitte vierzig; einer der beiden trägt einen Kamerakoffer von der Größe einer Gitarre.
Die letzte Reisende, die ins Freie tritt, ist sie – eine hellhäutige Schönheit Ende zwanzig in einem schwarzrot gemusterten Fußballtrikot von Manchester United samt dazu passender Baseballkappe. Ihr langes, braunes Haar ist zu einem Pferdeschwanz gebunden, der ihr hinten aus der Kappe hängt. Die eng anliegenden, beigen Cordshorts lassen die kräftigen Beine einer Sprinterin erkennen. Sie trägt einen Seesack. Ihre Augen sind hinter der dunklen Sonnenbrille nicht zu erkennen.
Laura Rosen Salesa marschiert über den Asphalt und durch das Tor. Als sie den Jeep erreicht, klebt das Trikot an ihrem verschwitzten Körper. Sie wirft ihren Sack auf die Rückbank und setzt sich auf den Beifahrersitz. »Mein Gott, hier ist es heißer als in der Hölle. Hey, Jules. Du siehst echt beschissen aus.«
Britischer Akzent, geprägt von einer spanischen Kindheit.
Julius legt den Gang ein. »Ich sehe beschissen aus, weil ich nicht geschlafen habe.«
»Vielleicht kann ich dir ein paar Sorgen abnehmen.« Er mustert seine Schwägerin. »Deshalb habe ich dich angerufen.«
»Zuerst hast du Evelyn angerufen.«
»Nur aus Respekt. Sie ist die Älteste.«
»Aber die große Schwester hat sich geweigert, mit dir zu sprechen, stimmt’s?«
»Sie hasst mich. Deine ganze Familie hasst mich. Sie geben mir die Schuld an Marias Tod.«
»Nein. Sie geben dir die Schuld an ihrem Leben. Michael gibt dir die Schuld an ihrem Tod.« Laura zieht ihre Wanderstiefel und ihre Socken aus und legt ihre nackten Füße auf das Armaturenbrett. »Da wir gerade von ihm sprechen – wie stehen die Dinge zwischen dir und Mick?«
»Bis vor kurzem standen sie ziemlich schlecht. Aber die Gegenwart unseres Hausgastes scheint seine Wut ein wenig gemildert zu haben. Andererseits könnte es natürlich sein, dass ihn das nur vorübergehend ablenkt.«
»Oder er hängt lieber mit einem Fremden rum, als sich mit seinem Vater über die einsame Pampa und durch die Urwälder der Maya zu schleppen.«
»Alles, was ich tue, dient einem bestimmten Zweck. Ich erwarte nicht, dass du das verstehst.«
»Aber ich verstehe es doch! Als Linguistikprofessor, der sich auf uralte Sprachen spezialisiert hat, hat uns unser Vater ganz schön auf Trab gehalten: Hongkong, Moskau, Mumbai, Schottland, Kenia – egal, welches Land du wählst, die Chancen stehen gut, dass wir eine Zeit lang dort gelebt haben. Weil Evelyn die Älteste war, hat sie nicht mehr allzu viel davon mitbekommen. Maria war im Internat und ging dann nach Cambridge. Aber ich? Ich war sieben Jahre alt, als unsere Eltern unser Haus verkauft haben und von da an ständig unterwegs waren. Weißt du, wie schwierig es ist, Freundschaften zu schließen, ganz zu schweigen davon, irgendeine Art von gemeinschaftlichem Leben zu genießen, wenn deine Eltern dich alle vier Monate wieder entwurzeln? Aus Wut fing ich an, meinen Vater bei seinem Vornamen zu nennen, genau wie Mick das dir gegenüber tut; dabei geht es ihm noch viel schlechter als mir, denn ich erhielt wenigstens eine Art Privatunterricht von meiner Schwester. Die Schulen in Russland und China hatten wenigstens Sportmannschaften. Doch wer spielt auf dem Nazca-Plateau schon American Football oder Baseball? Außerirdische?«
Julius wirft ihr einen strengen Blick zu.
»Okay, okay. Die Moralpredigt ist vorbei. Ich weiß, dass Michael etwas Besonderes ist und dass du davon überzeugt bist, dass eine höhere Berufung auf ihn wartet. Auch Maria war schließlich davon überzeugt. Erzähl mir mehr über diesen Fremden, wenn du mich schon herfliegen lässt, damit ich ihn psychoanalysiere. Hat er inzwischen schon einen Namen?«
»Er kann sich immer noch nicht daran erinnern, wie er heißt. Michael nennt ihn Sam.«
»Warum Sam?«
»Das ist die Kurzform für Samson. Der Kerl ist gebaut wie der junge Arnold Schwarzenegger, nur dass er noch längere Haare hat – wie Samson in der Bibel. Ehrlich gesagt gefällt ihm der Name sogar; er meint, er fühle sich irgendwie vertraut an. Wirklich merkwürdig ist allerdings, wie er sich im Spiegel ansieht.«
»Was meinst du damit?«
»Seine Augen. Manchmal starrt er sich selbst stundenlang in die Augen, während er mit einem Handspiegel im Bett liegt. Es ist, als ob sich etwas Wichtiges verändert hätte.«
»Welche Farbe haben seine Augen?«
»Schwarz, genau wie die von Michael.« Julius verlässt den Highway und biegt nach Süden in Richtung des Viertels Vista Allegre ab. Sie kommen an einer Reihe einstöckiger Häuser vorbei, von denen jedes kaum größer als zwei nebeneinanderstehende Wohnwägen ist. Darin leben Familien zu drei oder noch mehr Generationen, deren jüngste Mitglieder auf den Flachdächern unter einem sternenübersäten Himmel schlafen müssen, während die Hinterhöfe dem Vieh vorbehalten sind.
Auf der anderen Straßenseite gegenüber dem kleinen Haus der Gabriels befindet sich eine Getränkeabfüllfabrik. Ein gewaltiger Huarango-Baum nimmt fast den gesamten vorderen Rasen ein; mehrere Gruppen junger Bäume stehen auf den unbebauten Parzellen, die das Gebäude umgeben.
Mehrere Jahre zuvor hatte eine Forschungsgruppe der Cambridge University unter der Leitung von Julius und Maria Gabriel entdeckt, dass der Huarango-Baum (Prosopis pallida) einst eine Schlüsselstellung unter den Pflanzen im Nazca-Tal eingenommen hatte. Fünfzehnhundert Jahre zuvor hatten die hier ansässigen Indios im direkten Widerspruch zu den Lehren Viracochas die Region systematisch abgeholzt und die Bäume als Nahrung und Baumaterial verwendet, um auf den gerodeten Flächen Mais und andere Kulturpflanzen anzubauen. Aber ohne Bäume, die den Stickstoff banden, war das Erdreich nicht mehr stabil. Im Jahr 500 überflutete El Niño das Gebiet und spülte das Getreide weg. Unkraut eroberte die Böden, und kurz darauf brachen das Ökosystem und die gesamte Zivilisation zusammen.
Bevor sie an Bauchspeicheldrüsenkrebs starb, hatte Maria Rosen Gabriel ein Projekt zur massiven Wiederaufforstung auf den Weg gebracht. In Erinnerung an sie hatten die örtlichen Behörden das Haus und das dazugehörige Grundstück gestiftet.
Julius parkt den Jeep. Laura greift nach ihrem Seesack und folgt ihm ins Haus.
Das Innere ist ein einziger offener Raum, der eher einer Bibliothek als einem privaten Zuhause ähnelt. Alle Wände sind mit Landkarten bedeckt, weshalb die Bücher einfach auf dem Boden gestapelt wurden. Es gibt nur wenige Möbel: einen La-Z-Boy-Sessel, mehrere Öllampen und einen Picknicktisch, der als Schreibtisch dient. Die Küche besteht aus einem Gasherd und einem Kühlschrank, einem frei stehenden Spülbecken und einer verwitterten Resopalablage. Darauf stehen mehrere Dosen mit spanischen Etiketten. Ein kleiner Kartentisch steht an einer gelb verputzten Wand; um ihn herum stehen drei Klappstühle. Eine bunte Wolldecke dient als Trennwand, hinter der sich das Schlafzimmer befindet. Eine Holztreppe, die in die gegenüberliegende Wand integriert ist, führt aufs Dach.
Laura schüttelt den Kopf. »Was ist das denn? Ein Zuhause für unberechenbare Archäologen?«
»Es ist, was es ist.«
»Dagegen lässt sich nichts sagen. Wo ist das Örtchen?«
»Wenn du die Toilette meinst – die ist draußen.«
»Ein richtiges Toilettenhäuschen oder einfach nur ein Busch, an dem eine Rolle Klopapier hängt?« Sie sieht sich um. »Verdammt, wo ist denn die Hintertür?«
»Ich habe das Ding nicht entworfen. Ich wohne hier nur.«
»Na, wunderbar.« Laura lässt ihre Wanderstiefel und ihren Seesack zu Boden fallen, geht nach draußen und marschiert zur Rückseite des Gebäudes. Ihre nackten Füße brennen auf der heißen gelben Erde. Fluchend eilt sie in den Schatten eines Huarango-Baums und wünscht sich, sie hätte Spanien nie verlassen.
Ein schlaffer Heißluftballon nimmt fast den gesamten Hinterhof ein; der orange und blau gefärbte Stoff liegt neben dem knapp zwei mal zwei Meter großen geflochtenen Passagierkorb.
Und dann sieht sie den Fremden.
Ohne Hemd steht er hinter dem hölzernen Toilettenhäuschen am Rand eines unbebauten Grundstücks. Seine Muskeln treten unter der bronzefarbenen Haut deutlich hervor, und der Schweiß wirkt wie Öl auf seiner Haut. Er wendet ihr seinen V-förmigen Rücken zu, während er ihrem Neffen, der ebenfalls kein Hemd trägt, einen Football zuwirft. Ihr Neffe sprintet einen gut fünfzig Meter weiten Bogen entlang.
Mick fängt den Ball in vollem Lauf. Eine perfekte Spirale.
Ohne darüber nachzudenken, klatscht Laura in die Hände – und verrät so ihre Anwesenheit.
Der Fremde dreht sich abrupt um.
Oh mein Gott, er ist wirklich ein Samson.
Er wendet den Blick nicht von ihr.
»Hey!« Mick trabt auf sie zu, sein Körper ist schweißüberströmt. Als er an Sam vorbeikommt, versetzt er ihm einen leichten Schlag gegen die Schulter und duckt sich lachend weg, als der große Mann seinerseits zu einem spielerischen Schlag ansetzt. Die freundliche Kabbelei bricht den Bann.
Die beiden Sportler kommen auf sie zu.
Jetzt ist es Laura, die ihren Blick nicht abwenden kann. Ihre Kopfhaut kribbelt. Obwohl zwanzig Jahre zwischen dem Fremden und ihrem Neffen liegen, könnten die beiden Vater und Sohn sein. Ihr Körperbau und ihre Gesichtszüge sind sich auf unheimliche Weise ähnlich.
Mick beugt sich zu ihr und küsst sie auf die Wange. »Ich kann kaum glauben, dass du tatsächlich hierhergekommen bist. Du siehst großartig aus. Anscheinend bekommt es dir, wieder Single zu sein.«
»Ja. Äh … was hast du gesagt?«
»Deine Scheidung.«
Sie bricht den Blickkontakt mit dem Fremden ab. »Meine Scheidung, genau. Ja, eine echte Erleichterung. Zwei höllische Jahre, und jetzt bin ich Single … kein Ring, keine Bindungen. Oh Gott, ich komme schon ins Faseln.« Sie reicht ihm ihre Hand. »Ich bin Laura, Micks Tante. Du musst Sam sein.«
»Lauren?« Tränen steigen in seine Augen. »Lauren, mein Gott. Ich bin’s, Sam!«
»Aber Kumpel, das weiß sie doch.«
»Nein, Mick. Ich glaube, dein Freund erinnert sich an etwas, das mit seiner Identität zu tun hat. Erinnere ich dich an jemanden, Sam? Ich bin Laura Salesa. Wer ist Lauren?«
Er schweigt. Er fixiert ihr Gesicht mit festem Blick, und sein Kiefer sackt herab, während er versucht, eine Erinnerung zu erhaschen.
»Okay. Das Ganze ist ein wenig peinlich. Ich sag dir was. Während du versuchst, deine Gedanken zu ordnen, stürme ich schnell rüber zu diesem Toilettenhäuschen. Du rührst dich inzwischen nicht von der Stelle.«
Auf Zehenspitzen huscht sie über den heißen Boden, zieht die knarrende Holztür auf und geht geduckt nach innen. Der Gestank lässt sie würgen. Sie schiebt den Riegel zu, zerrt ihre Shorts herunter, setzt sich auf die Porzellanschüssel und erleichtert sich rasch.
Du musst einen klaren Kopf behalten, Laura. Vergiss, dass er umwerfend aussieht. Er ist eine tragische Figur, ein Mann, von Geheimnissen umgeben, der sich an das Bruchstück einer Erinnerung klammert und an eine Frau namens Lauren. Wahrscheinlich seine Ehefrau, die mit zwei Katzen und sieben Kindern daheim in den Staaten lebt. Oder vielleicht ist sie tot. Vielleicht hat er sie ja umgebracht.
Hör auf! Er hat sie nicht umgebracht. Ist das nicht offensichtlich? Er liebt sie. Lass ihn zur Ruhe kommen. Wisch dich ab und warte bis nach dem Abendessen, bevor du anfängst, einen Weg in seine Vergangenheit zu suchen. Lass es langsam angehen. Offensichtlich ist er ziemlich temperamentvoll.
Sie macht sich zurecht. Er ist temperamentvoll und sieht noch dazu umwerfend aus.
Laura tritt aus dem Toilettenhäuschen. Wieder brennt die heiße gelbe Erde unter ihren nackten Füßen und zwingt sie, zurück in den Schatten des Huarango-Baums zu rennen.
Mick lacht. »Wo sind deine Schuhe?«
»Im Haus.« Sie zieht ihre Sonnenbrille aus und wischt den Schweiß von den Gläsern. »Ich habe sie im Wagen ausgezogen und nicht darüber nachgedacht, dass …«
Der Fremde fällt auf die Knie und starrt in ihre türkisfarbenen Augen. »Lilith?«
Sie wirft ihm einen nervösen Blick zu. »Wie hast du mich genannt?«
»Lilith. Aber du bist nicht Lilith. Du bist eine Hunahpu, aber du bist nicht Lilith und du bist nicht Lauren! «
Er dreht durch. Es kommt alles so schnell, dass er es nicht mehr verarbeiten kann. »Sam, beruhige dich.«
»Wer bist du? Wer bin ich? Warum bin ich hier? Wie bin ich hierhergekommen?«
»Immer mit der Ruhe, Kumpel.«
»Schon okay, Michael«, wirft Laura ein. »Ich kann damit umgehen. Ich …«
»Michael … du bist Michael Gabriel. Wie kannst du Michael Gabriel sein? Wie kann er Julius sein? Hier ist etwas vollkommen falsch.«
»Sam, hör mir zu. Ich will, dass du langsam tief ein-und ausatmest. Mick, besorg uns ein nasses Handtuch und etwas Wasser. Und meine Schuhe! Langsame, tiefe Atemzüge, Sam.«
»Nein, nicht Sam. Das bin ich nicht.«
»Okay. Immer schön weiteratmen. Du bist nicht Sam, aber du bist jemand. Wer bist du? Kannst du dich erinnern? «
»Ich bin … Chilam Balam.«
»Gut, sehr gut. Und was führt Sie nach Nazca, Mr. Balam?«
»Ich wurde hierhergesandt … um das Ende der Menschheit zu verhindern.«
ZEUGENAUSSAGE 9. Mai 2001: Nationaler Presseclub – Washington, D. C.
»Mein Name ist Enrique Kolbeck. Ich arbeite im International Airport of Mexico in Mexiko City als Fluglotse. Ich werde Ihnen einige Beispiele für die UFO-Sichtungen geben, die wir in Mexiko über mehrere Jahre hinweg hatten. Unglücklicherweise kommt es in meinem Land oft zu diesen Ereignissen. Am 4. März 1992 entdeckten wir 15 Objekte westlich des Flughafens Toluca. Diese Einrichtung liegt nur etwa siebzig Kilometer vom International Airport entfernt. Bei einem weiteren Ereignis am 28. Juli 1994 kam es fast zu einer Kollision mit dem Inlandsflug von Aeromexico 129 – jedenfalls war dessen Pilot Raimundo Cervantes Arruano davon überzeugt, dass etwas mit dem Hauptfahrwerk seiner Maschine zusammengestoßen ist. Das Ereignis fand gegen 22:30 Uhr statt. Eine Woche später kam es genau zur selben Tageszeit zu einer weiteren Beinahe-Kollision, die am Morgen danach um 11:30 Uhr von Kapitän Corso, dem Piloten des Fluges von Aeromexico 904, gemeldet wurde. Dieses Objekt konnten wir übrigens selbst für einen kurzen Augenblick auf dem Radar lokalisieren. Eine weitere Woche darauf meldeten uns mehrere Piloten eine ganze Reihe von Sichtungen und gaben uns Informationen über merkwürdige Erscheinungen im Luftverkehr – besonders über strahlende Lichter, von denen auch wir in jener Woche einige entdecken konnten. Am 15. September 1994 hatten wir ein Objekt sogar über fünf Stunden hinweg auf dem Radar. Da unsere Ausrüstung neu und noch nicht offiziell in Betrieb genommen war, konnten wir nicht sicher sein, ob sie fehlerfrei funktionierte, denn es ist sehr ungewöhnlich, dass man ein und dasselbe Objekt über fünf Stunden hinweg beobachten kann, ohne dass sich dieses zu bewegen scheint. Wir waren jedoch in der Lage, uns zusammen mit den Technikern davon zu überzeugen, dass das Radar völlig in Ordnung war. Das alles war sehr aufregend, und am Tag darauf erfuhren wir zu unserer Überraschung, dass ein Reporter namens Jaime Maussan vergleichbare Ereignisse an anderen Orten in Mexiko untersuchte; damals hatten mehrere Personen Objekte in Metepec City gesichtet. Auch an einem weiteren Ort südöstlich des Flughafens Toluca wurde anscheinend von mehreren Zeugen eine fliegende Untertasse beobachtet; sie hatte einen Durchmesser von 15 Metern. Dieses Objekt entzündete etwas auf dem Boden – oder stürzte dort möglicherweise ab. Am 20. November 1994 wurde unser neues Radarsystem dann offiziell in Betrieb genommen, und seither kam es bei uns und unseren Piloten gleichzeitig zu vielen Sichtungen und Beobachtungen. Es gibt noch zahlreiche weitere Fälle, doch ich möchte nicht länger dabei verweilen. Es ist jedoch sehr wichtig, dass die Menschen auf der ganzen Welt diese Beweise kennen und sich klarmachen, dass es unter solchen Umständen gerade in meinem Land zu riskanten Situationen im Flugverkehr kommen kann. Ich weiß nicht, warum es gerade bei uns so viele dieser Ereignisse gibt, doch der entscheidende Punkt ist: Diese Dinge sind real, und wir schätzen sie als gefährlich ein. Glücklicherweise gab es bisher bei uns nur einen Absturz, aber das genügt. Ich danke Ihnen.«
Enrique Kolbeck, Fluglotse
Genehmigte Verwendung: Disclosure Project